Landestheater NÖ: Romeo und Julia

Oktober 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dramaqueen trifft Keifzange, am Ende beide tot

Upper-Class-Kids beim (selbst)mörderischen Zeitvertreib: Tim Breyvogel und Seyneb Saleh als Romeo und Julia. Bild: Alex Pelekanos

Beim Verlassen des Theaters macht es ein schätzungsweise siebenjähriger Knabe aus der Reihe vor einem deutlich. „Mama, warum sind die alle wieder aufgestanden und haben weitergespielt?“ Jahaha! Weil sich da einer was gedacht hat. Sebastian Schug inszenierte am Landestheater Niederösterreich Shakespeares „Romeo und Julia“ als Mix aus untoten Neo-noir-Film-Fechtkünstlern, sinistrem Lucius-Malfoy-Lookalike und dem Thomas-Bernhard-„Theatermacher“-Zitat:

„Selbst an unseren Staatstheatern lernt kein Mensch mehr sprechen“. Güldene Ausnahme: Johanna Tomek als Amme. Trostlos. Da war man extra nach St. Pölten aufgebrochen, um sich shakespearen zu lassen, doch selten hatte der Welt größte Lovestory weniger Liebe, die Darsteller weniger Charisma, die Inszenierung weniger Tiefgang. Wo’s doch so ist, dass man ob der Seelenblähungen des Lerchen-Pärchens seit Gymnasiumstagen dachte: Durchbrennen, Job suchen, in Glück und Frieden leben, wo liegt euer Problem, Freunde?, so tritt immerhin dies in Schugs Arbeit klar zu Tage. Ein Haufen verwöhnter Upper-Class-Kids macht sich den Ennui mit Mord und Selbstmord spannend. Kraftvolles Spektakel statt romantischer Himmelwärts-Verklärung, das wär‘ was gewesen. Nur bleibt der Versuch nicht im Ansatz stecken, er wird gar nicht erst unternommen …

Wo also anfangen im Unglück? Beim Tschinderassabum? Die Jungs beweisen gleich eingangs, dass sie besser den Degen als Worte führen können. „Romeo“ Tim Breyvogel schaut aus, wie aus dem Wasser gezogen, gepflegt grungig, jedenfalls hat er von Beginn an den irren Märtyrer- und das Selbstmitleid im Blick. Lasst mich den „Unendlichen Spaß“ haben, ich knüpfe mich dafür auch in der Garage auf! Man sagt es wirklich nicht gern, aber, nachdem er unter Donner und Blitz seine Julia kennengelernt hat, ist es tatsächlich besser, dass aus den beiden nix geworden ist.

Julia trinkt das Gift: Seyneb Saleh mit Johanna Tomek als Amme, Elzemarieke de Vos als Mercutio, Josephine Bloéb als Graf Paris, Emanuel Fellmer als Tybalt und „Romeo“ Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelekanos

Plastikklumpenbett: Seyneb Saleh mit Josephine Bloéb, Stanislaus Dick als Benvolio, Emanuel Fellmer, Elzemarieke de Vos, Martina Spitzer als Lady Capulet und Johanna Tomek. Bild: Alexi Pelekanos

Seyneb Saleh spielt die höhere Tochter höchst ungestüm, wenn diese Julia alles ist, dann kein zartes Fräulein. Im Gegenteil, das Früchtchen, eigentlich: der Trampel, wütet gegen alle ihr Untergebenen, von Eltern bis Amme, und man stelle sich das Angetraute vor: Romeo, die Dramaqueen, Julia, die Keifzange – wo soll das enden, wenn nicht bei Kishon? Ach ja: In der Drei-Stunden-Aufführung schnappen sich Romeo und Julia jedes irgend taugliche Selbstmordinstrument, um sich aus dem Leben zu befördern, werden aber stets von gutmeinenden Helfern am Suizid gehindert. Man hätte früher Zuhause sein können …

Was sonst noch gilt es zu bejammern, außer dem Fehlen des berühmten Balkons? Elzemarieke de Vos erprobt sich als Mercutio und ist ein durchaus schelmisch-tänzelnder Freigeist, der seinen Welthass auskotzt (Mercutio und Tybalt/Emanuel Fellmer schließen mit einem Zombie-Kuss auch den Pausenvorhang), bevor das Ensemble Guns n’Roses schändet. Diese jenseitige Darbietung von „Sweet Child of Mine“ hat sich Axl Rose echt nicht verdient. Josephine Bloéb wäre ein sehr passabler, zarter, leise anbetender Graf Paris, hätte die Regie ihr den Raum gegönnt, den die Figur gelohnt hätte. Stanislaus Dick mimt einen gutgelaunten Benvolio.

Es geht dem Ende zu: Seyneb Saleh mit Martina Spitzer, Thomas Bammer als Bruder Lorenzo und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

In den Mittelpunkt des Geschehens rückt Schug ein geschmolzenes und wieder erstarrtes schwarzes Plastikpodest, irgendwie unappetitlich, aber sehr sinnig Beischlafnest und Aufbahrungsbett in einem. Where do we go now? Dem Ende zu. Da darf noch einmal gelacht werden, wenn Romeo unter heftigem Geknarze einen Eisendeckel aufstemmt, um sein Zufallsopfer Paris zu begraben. Den Liebenden gönnt die Regie keinen sanften Tod. Romeo zappelt sich zu Tode, Julia rührt mit dem Dolch in ihrem Bauch herum. Die bereits Gefällten kommen wieder und wieder und wieder. Sie werden als Chor und Bühnencombo benötigt.

Die Produktion läuft bis 31. Jänner am Landestheater Niederösterreich und auch als Silvester-Vorstellung. Am 19. und 20. Dezember ist „Romeo und Julia“ an der Bühne Baden zu Gast.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 10. 2017

Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Volksoper: Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit

Juni 13, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hohepriester des Glamrock

Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist schwer, etwas zu schreiben, wenn ringsum alles ständig in frenetischen Jubel ausbricht. Aber ehrlich, „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, das ist, als wäre die Wallgasse explodiert, und große Brocken davon hätten die Währinger Straße applaniert. Die Neuerfindung BaRock-Oper ist nicht einmal ein One-Hit-Wonder, einfach, weil nicht einer drin ist. Christian Kolonovits hat einen wabernden Soundteppich komponiert.

Achtziger-Jahre-Glamrock-Bombast, aus dem ab und zu ein Stückl Vivaldi hervorlugt. Die vier Jahreszeiten, meist der – Achtung, doch ein Ohrwurm – Frühling, weil der ja aus Werbung und Fahrstühlen bestens bekannt. Dazu hat Angelika Messner ein Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Libretto verfasst. Es ist ein Glück, dass es in Brocken oft edle Einschlüsse gibt, und als ein solcher entstieg Drew Sarich der musikalischen Tonnenlast und brachte die Volksoper zum Funkeln.

Die Handlung von „Vivaldi“ ist nicht nur ein Mix aus Fakt und Fiktion, sondern gleichsam die Skript gewordene Matrjoschka-Puppe: Es gibt nicht eine Klammer, sondern zwei. Eine venezianische Girl Group kommt nach Wien, wo Vivaldi 1741 gestorben ist, um die Partitur zur mysteriösen „Fünfen Jahreszeit“ zu suchen. Stattdessen findet sich ein Tagebuch von Paolina Girò, Vivaldis Haushälterin und Schwester seiner Muse und großen Liebe Annina. Die Mädchen lesen – und treffen auf einen gealterten Vivaldi, der Goldoni seine Lebensgeschichte erzählt, damit der daraus ein Theaterstück macht. Wirklich war Goldoni zwei Mal Librettist für Vivaldi – und beide Male ging’s nicht ohne Reibereien ab.

Vivaldis Lebensbericht beginnt bei seinen Jahren als Wunderknabe, Priesterweihe, Leitung des Mädchenorchesters des Ospedale della Pietà, die Girò-Schwestern, Ruhm, Hochmut, Fall – weil seine Musik im Laufe der Jahre aus der Mode kam, Rom, Demütigung, Wien in Hoffnung auf den Kaiser, der stirbt erst, dann Vivaldi. Goldoni ist dem Geschehen zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwie abhanden gekommen. Aber die Mädchen! Haben erkannt! „Die fünfte Jahreszeit“ sind … na? na? – genau! Dass sich das Ganze allem Anschein nach bierernst nimmt, macht die Sache nicht besser, eine tatsächlich witzige Szene von halbnackten römischen Kardinalen in der Sauna (in der sich „heiß“ sehr günstig auf „Schweiß“ reimt) wirkt dadurch wie ein Fremdkörper.

Rebecca Nelsen (Annina Girò), Drew Sarich (Antonio Vivaldi). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Pfeifer (Carlo Goldoni / Kaiser), Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Rebecca Nelsen (Annina Girò), Julia Koci (Toni / Paolina Girò), Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der historisch belegte Umstand, dass da ein geweihter Priester jahrelang eine ménage à trois lebte, wird als Reibefläche verschenkt. Ebenso die – nicht belegten – pädophilen Neigungen von Vivaldis Mentor Kardinal Ruffo. Auch der in Rom verlangte Sangeswettstreit Koloratursopran vs Kastrat wird nicht ausgereizt. Seufz. Mehr Steilvorlagen hat der Stoff nicht. Vivaldis Leben, lucky him, ist ungefähr so konfliktbelastet wie eine gutbelegte Quattro Stagioni. Um das wenige, das da ist zu unterstreichen, stürzt sich die Regie auf greifbare Stereotype:

Drew Sarich steigt direkt aus dem Totenkopf-Tank-Top in die Soutane. Huch, welch ein Rebel! Christoph Cremers weitere Kostüme schwelgen in grellen Pink-Gelb-Kombinationen von Minirock und Krinoline, dazu schrille Falco/Amadeus-Perücken.

Wer’s tatsächlich rausreißt, sind die Darsteller. Drew Sarich ist ein sexy Priester-Punk, der sich, wenn recht gehört, bis zum Hohen H emporschraubt. Sein spitzbübischer Charme, mit dem er den Prete Rosso ausstattet, sein Bühnencharisma sind wie immer unübertroffen. Boris Pfeifer brilliert als pfiffiger Goldoni, ein Spielmacher, der über die Bühne turnt – und in Ermangelung des echten, die Persiflage eines Kaisers gibt. Rebecca Nelson und Julia Koci sind schön stimmgewaltig als Annina und Paolina, Koci rockt als Toni auch noch als Teil der Girl Group.

Der Mädchenchor der Volksoper ist musikalisch hinreißend und teenagerzickig sympathisch. Und Countertenor Thomas Lichtenecker als Paradiesvogel-Kastrat Cafarelli holt einen im Wortsinn aus dem Sitz. Schade, dass er nur einen Song hat. Morton Frank Larsen ist als Kardinal Ruffo der sinistre Bösewicht des Stücks, allerdings erscheint die Partie für ihn ein wenig zu tief.

Der vielleicht schönste Auftritt in „Vivaldi“ ist der von Annina beim Vorsingen. Da kommt sie „verkleidet“ als große Diva, bis Vivaldi ihr sagt, sie solle die Perücke runterräumen und aus dem Fummel steigen: „Du musst dich von allen Klischees befreien!“ Was soll man sagen? Annina hat’s getan …

www.volksoper.at

Wien, 13. 6. 2017

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

www.festwochen.at

Wien, 10. 6. 2017

Aggregat Valudskis: Verwandlungen oder Ungern als Mensch

April 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch, der Sau wird, hat kein Schwein gehabt

Das Aggregat Valudskis performt Texte von Darrieussecq, Kafka und Dahl: Martina Spitzer, Martin Bermoser und Julia Schranz. Bild: Deniz Arslan

Und als das Weib schlussendlich vor Vergnügen grunzt, hundeheult der Mann mit ihr um die Wette, und gemeinsam wiehert und kikerikit und schluckauft man sich dem Happy End entgegen. Happy wife, happy life, sozusagen, das tut gut, nach all den Entgleisungen und Sadismen und im Wortsinn Kopf-, nein: vielmehr Körperlosigkeiten, die in den vergangenen 75 Minuten zu sehen waren …

Das Aggregat Valudskis hat seinen Regisseur Arturas Valudskis zu einer weiteren Produktion nach Wien gebeten. Der Hörsaal der Akademie der bildenden Künste dient diesmal als Spielort, ein herrlich desolater Raum mit enger Holztribüne, zu erreichen über treppab, treppab Gänge bis in den universitären Orkus. Gruselig ist es da unten, genau die richtige, unangenehm intime Atmosphäre, die das Aggregat braucht, um Komplizenschaft mit seinem Publikum herzustellen.

Kommt Valudskis, wird Theater zu Ereignis. So auch diesmal. Der Bühnenmagier ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, fand später bei einem Kapuzinermönch Schutz vor dem KGB, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte Aggregat. Statt Kofler ist bei der aktuellen Produktion Martina Spitzer die Dritte im Bunde.

„Verwandungen oder Ungern als Mensch“ heißt der Abend, für den sich das Team von Texten inspirieren ließ, in denen die Tierwerdung des Menschen verhandelt wird. Im Roman „Schweinerei“ von Marie Darrieussecq wird die namenlose Mitarbeiterin eines Massageinstituts und eigentlich Prostituierte nach und nach zu einer Sau. Gregor Samsa hat sich in Franz Kafkas „Verwandlung“ bekanntlich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“.  Und in Roald Dahls Erzählung „William und Mary“ lebt der Philosoph und Ehemann William nach seinem physischen Krebstod als leibloses Bewusstsein weiter, weil der Arzt sein Gehirn samt einem Auge an ein künstliches Herz angeschlossen hat. Ein Triumph für seine Frau Mary, die sich sehr skurril für die erlittenen Lieblosig- und Grausamkeiten am nun Wehrlosen rächt …

Valudskis verknüpft assoziativ Fragmente aus den Texten zu seiner Analyse gesellschaftlicher Dysfunktionalität. Lakonisch lässt er die Schauspieler seine Sätze über Systeme in den Saal sprechen. Wie immer treiben ihn Fragen nach der existenziellen Beschädigung des einzelnen und seiner Bedrängnis im und durchs Kollektiv um. Es geht dem „Katholiken aus Versehen“ (© Valudskis) nie um weniger als Gott und die Welt, immer auch um Schuld, um Politik und ihre totalitären Auswüchse sowieso, um Lähmung, die aus Druck entsteht – und diesmal auch um ein Quäntchen Quantenphysik. Julia Schranz macht sich in einem großartigen Monolog an die Erforschung des Wesens der Dinge, heißt in diesem Fall: der Teilchen.

Übers Unsagbare wird gesummt. Bild: Deniz Arslan

Drei Weißclowns bei der Arbeit. Bild: Daniel Wolf

Wobei, gesagt wird beim Aggregat wenig mit Worten. Valudskis absurdes, surrealistisch „schwarzes Theater“ bedient sich der Sprache nur, wenn es sein muss. Diesmal mitunter sogar im Dialekt. In Endlosschleife wird übers ohnedies Unaussprechliche, übers Unsägliche gebrabbelt und gemurmelt und gesummt, auch Schreibversuche an der Hörsaaltafel scheitern ein ums andere Mal. Das Ringen um Ausdruck spielt sich aber vor allem in Mimik und Gestik ab, jede Zuckung wohldosiert, minimalistisch.

Es bedarf so hervorragend pantomimischer Körperkünstler, dreier Virtuosen wie Schranz, Spitzer und Bermoser, um das über die Rampe zu bringen: Valudskis feinen, subtilen Sinn für Humor, seinen Nonsens mit Hintersinn, mit dem er die alltäglichen Un/Menschlichkeiten entlarvt. Er ist ein Daniil Charms dieser Tage.

Und so werden in „Verwandlungen oder Ungern als Mensch“ Hände zu Insekten, und Finger strecken sich wie Fühler aus. Da wird Schranz von ihrer eigenen Physis überrollt.

Und Spitzer schaut so schreckerfüllt-erstaunt, so bösartig-bestürzt drein, wie wohl nur sie es kann. Da formt Bermoser für die Frauen eine Zeitungsblüte, die durchs freudige Gießen freilich „verwelken“ muss. Aggregat Valudskis, das ist – Clowneske mit melancholischer Baseline, das sind drei Weißclowns bei der Arbeit. Wer auftritt, wird von den Bühnenpartnern per Hand rauf-, wer abtritt runtergekurbelt, ex und hopp – denn gestorben wird mit natürlicher Regelmäßigkeit –  verschwindet man hinterm Katheder. Das Ganze ist, um animalisch zu bleiben, ziemlich ausgefuchst. Die Darsteller werfen sich mit Verve in unerqui(e)ckliche Verhörsituationen und andere Verlegenheiten; Menschenelend und Tierleid ist überall, wo Gott los ist … und trotzdem oder gerade deshalb ist die Aufführung zum Lachen. Eine Brille, ein Tischtuch, zwei Stühle und drei Wassergläser sind alles, was an Requisiten benötigt wird, um ganze literarische Universen entstehen zu lassen.

Denn man erkennt sie nach und nach: Bermoser als Gregor Samsa auf dem Rücken strampelnd, Spitzer als Mary, die ihrem Kopfmann frech den Zigarettenrauch ins übriggebliebene Auge bläst, Schranz als Sau mit Schlachtungsängsten. Ihr scheeler Blick sagt alles. Valudskis sagt mit seinem Gedankenexperiment über Instinkte dem wiedergängerischen Ungeist des Ewiggestrigen den Kampf an. Auf dem Programmzettel zitiert er einen weiteren experimentellen Humoristen der Verzweiflung, den bulgarischen Autor Georgi Gospodinov. Das letzte Wort hat dann Martina Spitzer mit Ernst Jandl – doch verdreht sie’s zum Vorteil fürs Steinobst:

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten

wie ich letzteres
tue weiss jeder katholik
wie ich ersteres tue
ich allein …

Zu sehen bis 23. April, Karten: valudskis@gmail.com

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis

Wien, 11. 4. 2017