Sunset

Juni 17, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wohl behütet in den Weltuntergang

Juli Jakab als Írisz Leiter. Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Eine Theorie hat man wohl, was den Verbleib von Kálmán Leiter betrifft, den seine Schwester Írisz immerhin 142 Minuten lang sowohl sucht wie scheut, eine Theorie, die mit einem Wechsel von Frauen- zu Männerkleidung und zurück zu tun hat, und mit einem grausigen Beinah-Lächeln zum Ende. Folgt man diesem Gedankenspiel, dann bedeutet László Nemes‘ neuer Film „Sunset“ nicht, dass es

Pseudoschizophrenie als Krankheitsbild, sondern, dass es tatsächlich das Böse in der Welt gibt. Allerdings, seit Freitag in den Kinos, kann sich jeder selbst zur Interpretation des enigmatischen und in seiner Langsamkeit gewollt enervierenden Thrillers aufmachen, in dem Nemes das Budapest der K.u.K.-Monarchie im Sommer 1913 beschwört. Wobei sich der ungarische Regisseur einer ähnlich radikalen Ästhetik, erneut des klaustrophobischen Stils von Kameramann Mátyás Erdély bedient, wie bei seinem Oscar- und mit weiteren 40 Preisen prämierten Erstling, dem aufsehenerregenden „Son Of Saul“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18149) über das Schicksal eines Auschwitz-Häftlings. Wie vor drei Jahren das Gesicht von Géza Röhrig rückt er nun das von Juli Jakab in den Mittelpunkt, ihre keine Regung zeigenden Züge, ihre dafür umso beredteren Augen fotografiert in sepiafahlem Licht auf 35-mm-Material.

Rund um sie eine Ahnung der Prachtfassaden und Prunkplätze der Donaumetropole, zur Protagonistin in Unschärfe gehaltene Darsteller, schwüle Hitze, schweißnasse Haut, von Kutschen aufgewirbelte Staubwolken. Bald wird es an diesen Bildrändern zu Morden, Mädchenhandel und Sadomaso-Hingabe kommen, wobei all das seltsam schlafwandlerisch (siehe Christopher Clarks Sachbuch, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6715) und ergo mit einer eigentümlich hypnotischen Schönheit abläuft, die Endzeit im Habsburgerreich ein Ausharren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Blut wird diese Woche hier fließen“, sagt einer der sinistren Männer, die Írisz ab ihrer Ankunft in der Stadt umkreisen, und deren Dämonie die Décadence der besser situierten Kreise konterkariert, deren Verkommenheit aber auch die Verheißung einer gesellschaftlichen Veränderung in sich trägt. „Du bist es, die uns geweckt hat“, raunt ihr jemand zu.

Die Handlung von „Sunset“ ist ein verwinkeltes Labyrinth, an dessen Ausgang alle Fragen offen sind. Nemes treibt sein Spiel mit dem Ausschnitt weiter, von bildlich zu sinnbildlich, und ebenso bruchstückhaft und doppeldeutig, wie er die Historie preisgibt, so auch die Geschichte seiner Heldin, von der man so gerne glauben möchte, sie sei ein Backfisch, den es in eine gefährliche, brutale Gesellschaft verschlägt. Doch Írisz Leiter ist selbst geheimnisumwittert. Von Triest, wo sie in einem Waisenhaus aufwuchs, nach Budapest gekommen, bewirbt sie sich als Modistin in edelsten Hutsalon für die High Society – Leiter, denn das Luxuskaufhaus gehörte einst ihren Eltern, die bei einem Brand um Leben kamen, als Írisz ein Kleinkind war.

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Nach vergeblichen Versuchen des nunmehrigen Inhabers Oskar Brill, Vlad Ivanov als blasiert-besorgter Großbürger, die junge Frau loszuwerden, arrangiert man sich. Mehr und mehr gerät Írisz aber in den Bannkreis ihres älteren Bruders Kálmán, von dessen Existenz sie bis dato nichts wusste, und der ihr gegenüber als „Wilder“, als eine Art Räuberhauptmann, der eine Schar meuchelnder Krimineller um sich versammelt hat, ausgewiesen wird. Schwer schwebt im Raum, bei der Gruppe könnte es sich um anarchistische Umstürzler, um Revolutionäre gegen Österreich-Ungarn oder um Nationalisten handeln. Dass sich da Dinge vorbereiten, die als Synonym für die kommende europaweite Katastrophe stehen, ist schnell klar.

Umso unangenehmer für Brill, der kaiserliche Hoheiten (Tom Pilath und Susanne Wuest) zum Einkauf erwartet – von Hüten für die Damen bis einer Auserwählten unter seinen Angestellten für die Herren. Deren letzte, den „Unfall Fanni“ sieht Írisz ebenso kurz, wie die verrückt gewordene Gräfin Rédey (Julia Jakubowska), deren Ehemann Kálmán getötet hat. Bei ihren Nachforschungen nach diesem stolpert Írisz durch bizarre Abendgesellschaften, die in Chaos und Gewalt versinken und bei denen Lehárs „Da geh‘ ich ins Maxim“ mal in ungarischer Sprache zu hören ist, wird Modell bei einer skurrilen Hutanprobe vor barfüßigen Würdenträgern und schließlich Zeugin des Überfalls auf das Schloss der Rédey.

Wobei sich der noch immer von niemandem gesehene Kálmán als Retter der zur Schändung freigegebenen Mädchen entpuppt. „Er hat schon als Kind den Schrecken in der Welt gesehen, aber er kam aus ihm selbst“, heißt es über den im Verborgenen Agierenden an einer Stelle. Derart istSunset“ ein Film voller Ambivalenzen und Allegorien, Metaphern und Mehrdeutigkeiten. Nicht nur die ausladenden, überladen verzierten Hüte stehen für einen von wenigen gepflegten Pomp, der ein Weltreich schlussendlich zerschlug. Es ist nicht neu, in einem Europa vor 1914 – nach außen reich und glanzvoll, doch dessen Tanz auf dem Vulkan längst Wirkmacht  destruktiver Kräfte – eine Warnung für die heutige Zeit zu sehen. László Nemes‘ Statements zum Film legen dies einmal mehr nahe.

Die Meisterschaft seines Films liegt aber nicht in historischer Analyse, sondern im Schaffen einer Mystery-Atmosphäre, die den Betrachter an den Rand seiner Nervenleistung bringt. Herausragend ist Juli Jakab, die dem bohrenden Blick von Mátyás Erdélys Kamera mit all der Anstrengung standhält, die einem eine solche kräftezehrende Aufgabe abverlangt. Den in Flammen aufgehenden Familiensitz der Rédey wird ihre Írisz klar und kraftvoll und mit einem merkwürdig triumphalen Lächeln verlassen. In der letzten Einstellung von „Sunset“ hat die Kamera sie verloren, muss sie erstmals suchen, da bewegt sie sich durch einen Schützengraben, Bombeneinschläge sind zu hören, Verwundete zu sehen. Und dann Írisz in einem Unterstand in Schwesterntracht. Und wieder spielt dieser irritierende Ausdruck um ihre Lippen …

www.sonyclassics.com/sunset

  1. 6. 2019

Volkstheater: Biedermann und die Brandstifter

Februar 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wissen, woher der Wind weht

Jovial statt brutal beim Hausfriedensbruch: Thomas Frank, Günter Franzmeier und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Interpretiert worden ist schon auf Teufel komm raus, aufgrund der Entstehungszeit des Textes als Warnung vor dem Kommunismus, wegen des hintersinnigen Nachspiels in der Hölle als Parabel auf den Nationalsozialismus. Der Autor selbst bezeichnet die Pyromanen seines „Lehrstücks ohne Lehre“ schlicht als Dämonen, geboren aus der diffusen Furcht eines wohlhabenden Haarwasser- fabrikanten, der sein Hab und Gut mit Unehrlichkeit und im Wortsinn einem Über-Leichen-Gehen schützt.

„Viel sieht, wo nichts ist, der Ängstliche“, schreibt Max Frisch. Der ungarische Regisseur Viktor Bodó, immer gut für fantastisch absurde Projekte, hat jetzt am Volkstheater Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ inszeniert, und hat sich punkto Uneindeutigkeit der Deutung am ehesten der des Schweizer Schöpfers angeschlossen. Das ist auch die gangbarste, da allüberall eine Gutbürgerlichkeit den – politischen – Extremismus in ihrer Mitte willkommen heißt, um gefühlt Schlimmeres, sprich: Flüchtlingsströme, arbeitsscheue Spätaufsteher, ausländische Sozialschmarotzer, mittels dessen Radikalität zu bekämpfen. Der Rechtsstaat wird zum Rechts-Staat, das wird im Fidesz-Land ja längst durchexerziert, und was die hiesige Innenpolitik betrifft, lässt sich die Stelle „… die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit, komischerweise, die glaubt niemand“ zitieren.

Nun wäre Bodó nicht, wer er ist, könnte er nicht Aussage in Unterhaltung packen. Das Volkstheater hat sich die jüngste Arbeit seines Stars was kosten lassen, seit Wochen schon wirbt das Haus mit über ganz Wien verteilten brandheißen Kunstwerken, bei der gestrigen Premiere feierte die Pyrotechnik auf dem Balkon ihr Fest. Bodó selbst spielt mit Suspense-Musik, mit sportlichen Einlagen samt Cheerleading, Sprüchen aus dem Kinoklassiker „Casablanca“, spielt mit Slapstick, einem Würfelzuckerorgasmus und spielt Schattenspiele. Er spickt das Stück mit surrealen Albtraumsequenzen und skurrilem Humor. Bedeutungsvoll spooky ist auch ein Wind, der immer wieder Türen aufdrückt, und man weiß, woher der gerade weht. Gelte es die Stimmung der so entstanden Horrorgroteske zu beschreiben, wäre wohl Buñuels Bourgeoisie das beste Beispiel. Die Bühne von Juli Balázs atmet gediegenes Spießertum, die Kostüme von Fruzsina Nagy kontrastieren Frack wie vorgesehen mit Proll-Buxe – Thomas Frank hat’s wieder einmal nicht aus der Jogginghose geschafft.

Biedermann kann den Brandstiftern keinen Korb geben: Thomas Frank und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gewaltexplosion von Null auf 100: Gábor Biedermann, Thomas Frank und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Frank gibt den ersten auftretenden Brandstifter, den Ringer Sepp Schmitz, schon von der Statur her höchst passend, mehr jovial als brutal. Er drängt den Biedermann weniger durch Dreistigkeit, sondern übers Einschmeicheln in die Defensive, während er de facto Hausfriedensbruch begeht. Günter Franzmeier gestaltet Gottlieb Biedermann gewohnt großartig, er zeigt seine Figur als scheinheiligen Schöntuer, dessen Feigheit und Zurechtbiegen wie Ableugnen von Tatsachen die brenzlige Situation erst möglich machen.

Hat er erst einen Mitarbeiter durch einen unbedachten Ausspruch in den Selbstmord getrieben, will er nun „kein Unmensch“ sein, weshalb er eine Macht in sein Haus lässt, der er nicht mehr Herr wird. Wie sich Franzmeiers Biedermann selber den Zuständen ausliefert, sich mit den gefährlichen Schurken arrangiert, wie letztlich seine Wahl die neuen Verhältnisse schafft, ist sehenswert. Ebenso wie Steffi Krautz. Als Biedermanns Frau Babette ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, präsentiert sie eine neue Facette ihres schauspielerischen Könnens, wenn sie sich mit verkniffenem Mund, kleinlaut, eingeschüchtert in ihr Schicksal fügt.

Krautz gelingt derart wunderbare Komödiantik, etwa wie sie mit Dienstmädchen Anna, Evi Kehrstephan changierend zwischen Servilität und Aufbegehren, über die Haussprechanlage non-kommuniziert. Gábor Biedermann und Jan Thümer spielen den von Null auf 100 explosionsbereiten Eisenring und den besonnenen Dr. phil., womit das Brandstifter-Trio komplett wäre, der Manipulator, der Provokateur und der Ideologe, der sich vom Komplizen „Weltverbesserer“ schimpfen lassen muss und dessen Distanzierungsansprache am Ende im Feueralarm untergeht. Stark auch die Szene, in der die lästig trauernde Witwe des in den Suizid gegangenen Angestellten, Claudia Sabitzer, deren Rolle als Frau Knechtling aufgewertet wurde, in einem erschreckenden Gewaltausbruch des kriminellen Dreiergespanns zum Schweigen gebracht wird. Da blickt das Gastgeberpaar reglos ins Publikum. Damit will man nichts zu tun haben. Aber kein Finger wird gerührt, um es zu verhindern.

Der Kranz für Knechtlings Begräbnis wird an die Biedermanns geliefert: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die mahnenden „Wehe! Wehe!“-Rufe kommen von Stefan Suske und Nils Hohenhövel als von Frisch ähnlich dem der antiken Tragödie angedachten Chor – aus Feuerwehrmännern. Deren schlussendlich sinnlose Wachsamkeit während der Zurüstungen zum Flächenbrand, vom Abladen der Benzinfässer übers Abmessen der Zündschnur bis zum willigen Aushändigen des Streichholzes, lässt die Ahnung keimen, bei welcher Phase man sich gesellschaftspolitisch gerade befindet. Im Begriff „Biedermann“ steckt auch ein Anbiedern, und derart befeuert zündeln die Brandstifter gern.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019

KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017

Juli Zeh im Theater Drachengasse

Mai 2, 2013 in Tipps

„Corpus Delicti“ in einer Wiener Fassung

Bild:  © Andreas FRIESS/picturedesk

Bild: © Andreas FRIESS/picturedesk

Am 2. Mai hat in der Drachengasse die Eigenproduktion „Corpus Delicti“, ein Science-Fiction-Szenario von Juli Zeh, Premiere. Schauplatz: Irgendwann im 21. Jahrhundert. Alle Krankheiten sind ausgerottet, Gesundheit ist die höchste Bürgerpflicht. Wer krank oder traurig ist, macht sich staatsfeindlicher Umtriebe schuldig und wird angeklagt. Doch Mia Holl hat ihren Ernährungsbericht nicht abgegeben, die Bakterienkonzentration in ihrer Wohnung steigt an, und ihre sportliche Leistungskurve ist eingebrochen. Damit macht sie sich der methodenfeindlicher Vergehen schuldig. Da gibt es kein Pardon. Auch wenn Mia meint, sie bräuchte nach dem Selbstmord ihres Bruders Moritz nur ein wenig Ruhe. Der Staat kann nicht zulassen, dass Gefühle statt gesundem Menschenverstand ihr Leben bestimmen oder sie gar zu einer Sympathisantin der R.A.K. machen, die das Recht auf Krankheit fordert. Jetzt, wo sie durch den Verlust von Moritz ihre besondere Begabung für Schmerz entdeckt hat, ist die Gefahr dafür zu groß: Mia muss weg …

Für Regie und die Wiener Fassung ist Andrea Hügli zuständig. Es spielen Melanie Herbe, Volker König, Tamara Stern und Dirk Warme. Zu sehen bis 15. Juni.

Zur Autorin: Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn. Sie studierte Jus in Passau und Leipzig, sowie Literatur in Leipzig. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen (Verlag Schöffling & Co.), Essays und Zeitungsartikel. Einige Prosatexte wurden dramatisiert („Spieltrieb“, „Schilf“ – am Münchner Volkstheater dramatisiert, mit Johannes Silberschneider in der Titelrolle). Für „Corpus Delicti“ erhielt sie 2008 den erstmals verliehenen Jürgen-Bansemer-und-Ute-Nyssen-Dramatikerpreis. Im Theater Drachengasse war2011 ihr Stück „Der Kaktus“ zu sehen.

Plädoyer gegen die Fitness-Diktatur: Ein Interview mit Juli Zeh in stern.de
Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt mit ihrem Roman „Corpus delicti“ gegen einen wachsenden Gesundheitswahn in unserer Gesellschaft an. Im stern.de-Interview erklärt sie, warum sie sich über die Fitness-Diktatur aufregt, wie wenig Gesundheit mit Glück zu tun hat – und weshalb sie raucht und trinkt.
Frau Zeh, rauchen Sie?
Ja.
Trinken Sie Alkohol?
Ja, auch das.
Gerade machen Sie sich einen Kaffee.
Richtig.
Das ist alles nicht besonders gesund. Treiben Sie denn wenigstens regelmäßig Sport?
Tue ich, aber nicht der Fitness zuliebe. Ich bin leidenschaftliche Reiterin. Das mache ich nicht, weil ich denke, ich müsste mich bewegen, um gesund zu bleiben. Ich bin da einfach süchtig danach.
Sie tun es nicht der Gemeinschaft der Krankenversicherten zuliebe, der Sie damit vielleicht die Kosten für die Krankheiten senken könnten, die möglicherweise aus Ihrem Nikotin-, Koffein- und Ethanol-Konsum entstehen?
Ganz im Gegenteil. Reiten kann ja so was von gesundheitsschädlich sein. Neben Skifahren gehört das, glaube ich, zu den Sportarten, bei denen man überlegt, ob man dafür nicht Sonderkategorien bei den Versicherungen schaffen sollte.
Das soll die Leute entlasten, die besser auf sich selbst achten. Was halten Sie von dieser Logik?
Das ist überhaupt keine Logik, sondern ein fatales Missverständnis. Das Prinzip Versicherung basiert ja gerade auf dem Solidaritätsgedanken und der Idee des Ausgleichs. Wenn man einer Versicherung beitritt, aber der Meinung ist, nichts zahlen zu müssen für die Risiken, die andere Leute eingehen, hat man das Prinzip nicht verstanden. Gerade die Argumentation mit der Selbstgefährdung ist die größte Chimäre überhaupt. Wenn man damit anfängt, wird das zu einem völlig unbegrenzten Argument. Dann müsste man den Leuten verbieten, das Bett zu verlassen. Wobei ich gar nicht weiß, wie sicher statistisch der Aufenthalt im Bett ist. Das Betreten eines Badezimmers ist in der Hinsicht jedenfalls gefährlich. Wenn man mit Gerechtigkeitsargumenten das Risiko minimieren will, dann dürften wir alle nicht mehr duschen. Das ist nämlich gefährlicher als Skifahren. Diese ganze Überlegung ist doch absurd.

Zu Ende gedacht, hieße das, man müsste die Leute genau überwachen, um festzustellen, wie riskant sie leben.
Das wäre die praktische Seite. Ich lehne aber schon die theoretische Seite komplett ab. Dieses Menschenbild steht dem, was ich für richtig halte, diametral entgegen. Die Idee, ein gutes Leben als ein risikofreies Leben definieren zu wollen und diese Auffassung dann auch noch der ganzen Gesellschaft aufzuoktroyieren, das widert mich an.
Deshalb haben Sie Ihren neuen Roman „Corpus delicti“ veröffentlicht, der in einer Gesundheitsdiktatur spielt.
Es ist das erste Mal, dass ich ein Buch geschrieben habe, um mich zu erleichtern. Ich hatte richtig das Bedürfnis, das aufzuschreiben, damit ich jetzt sagen kann: Ich habe ein Mal darauf hingewiesen!
Ihr Roman entwirft eine Kontrollgesellschaft, in der der Einzelne sich als Kämpfer für den gesunden Körper beweisen muss. Es gibt ein Pflichtpensum an Sport, selbst in den Toiletten wird der Magensäuregehalt gemessen, um Krankheiten sofort zu registrieren und auszumerzen. Sie denken sich aber gar nicht allzu viel aus, Sie nehmen aktuelle Entwicklungen und spitzen sie zu.
Ich wollte keine Zukunftsvision schreiben und sagen: In so und so viel Jahren sieht es so und so aus. Ich habe tatsächlich Dinge, die jetzt schon da sind, in ein fiktives System übertragen und ein bisschen überdreht. Vor allem habe ich den Totalitätsanspruch hinzugefügt. Es gibt auch jetzt schon Pflichtuntersuchungen für Kinder, das wird von den Eltern oft sogar gutgeheißen.
In Ihrem Buch ziehen Sie die Pflichtuntersuchungen vor: Sie finden schon am Ungeborenen statt.
Es kann nicht mehr lange dauern, bis man Fruchtwasseruntersuchungen machen muss. Es ist ja auch schon so, dass das Amt vor der Tür steht, wenn man zu den Vorsorgeuntersuchungen für seine Kinder nicht geht. Ich wollte eigentlich sagen: Leute, stellt mal diese Mentalität infrage! Überlegt euch mal, was für ein Weltbild dahinter steht! Es beginnt schon mit der Art, wie in der Werbung Menschen präsentiert werden. Eine Inflation von Gesundheitsmagazin- Berichterstattung auf allen Kanälen: Print, Radio, Fernsehen. An jeder Ecke wird andauernd gesagt, wie man sich zu verhalten hat und was gesund sei und was nicht, ohne dass einer überhaupt erst einmal gefragt hätte, wie dieser Begriff Gesundheit definiert ist. Außerdem gibt es auch noch politische Bewegungen. Man möchte erstmals in der Gesetzgebung zu Krankenversicherungen Krankheit mit Schuld identifizieren. Da soll quasi drinstehen, dass, wer sich selbstverschuldet verletzt, keinen Anspruch mehr auf Fürsorge hat. Da kriege ich echt Pickel.
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Es ist Religionsersatz geworden für die Leute. Über viele hundert Jahre galt die Vorstellung: Der Körper ist Asche und Staub. Die Seele aber wird nach dem Tod in eine andere Welt überführt, die ist das Eigentliche und Heilige. Und es gibt einen Gott, der unser Schicksal bestimmt. Eine Krankheit ist dann auch eine Entscheidung Gottes, die ich zu ertragen habe. Dieses Weltbild wurde komplett abgebaut, selbst religiöse Leute sehen das heute etwas anders. Übrig bleibt der Mensch mit einem ungeheuren Maß an Selbstverantwortung und ohne einen Gott, der über richtig oder falsch, gesund oder krank entscheidet. Nur beim Einzelnen liegt die Verantwortung. Daraus entwickelt sich so ein Zwang zum Glücklichsein. Und zu glücklich gehört dabei auch gesund. So rennen die Leute dann verzweifelt irgendwelchen Ratgeberhinweisen hinterher, wie sie denn diesen heiligen Zustand auf Erden erreichen können, für den sie auf einmal ganz allein verantwortlich sind. Wer das nicht hinkriegt, ist selber schuld. Nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor seinem Freundeskreis und letztlich vor der Gesellschaft. Ein religiöses Zwangssystem hat sich in ein areligiöses Zwangssystem verwandelt.

www.drachengasse.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 2. 5. 2013