Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020

Jüdisches Museum Wien: Die Wiener in China. Fluchtpunkt Shanghai

Oktober 17, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

In Little Vienna gab’s sogar ein „Weißes Rössl“

Shanghaier Straßenszene, ca. 1940. © Sammlung Klomfar, Bild: Hans Basch

Das Jüdische Museum Wien begleitet ab 21. Oktober seine Besucherinnen und Besucher auf eine Reise nach Shanghai. Die Ausstellung „Die Wiener in China“ widmet sich der Geschichte von Wiener jüdischen Familien, für die Shanghai zu einem Ort der Hoffnung wurde. In der völlig fremden Umgebung bauten sie sich ihr „Little Vienna“ auf, von Cafés, Konditoreien bis hin zum Heurigen. Das Jüdische Museum eröffnet Einblicke in dieses in Vergessenheit geratene Kapitel Wiener

jüdischer Geschichte und stellen die Familien vor, die dieses Viertel in Shanghai aufgebaut und getragen hatten. Bereits unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 wurden Jüdinnen und Juden ausgegrenzt, gedemütigt und verfolgt. Die Möglichkeiten, das Land zu verlassen, waren gering. Schikanen, Zurücklassung jeglichen Besitzes und die Tatsache, dass viele Länder ihre Grenzen abschotteten, erschwerten die Aussichten zur Flucht. Shanghai war eine internationale Sonderzone, für die kein schwer zu erlangendes Visum nötig war, dennoch verlangten die deutschen Behörden ein Ausreisepapier, gleich ob Visum oder Schiffsticket. Dr. Feng Shan Ho, der Generalkonsul Chinas in Wiens, stellte gegen den Willen der chinesischen Regierung tausende dieser rettenden Visa aus.

Damit stellte Shanghai, die „Stadt über dem Meer“, für viele österreichische Juden und Jüdinnen die letzte Hoffnung auf Zuflucht dar. Die Reise dorthin bedeutete eine wochenlange Überfahrt auf dem Seeweg oder eine beschwerliche Reise auf dem Landweg über Sibirien. Die Ankunft war für alle ernüchternd. Direkt von den Schiffen, die noch einen Hauch von Bequemlichkeit geboten hatten, wurden die Neuankommenden auf Lastwagen verfrachtet. Die meisten hatten kein Geld für eine Unterkunft, so wurden sie in lagerartigen Heimen untergebracht, in denen es kein Privatleben mehr gab.

Yeshiva Students in einer Hongkew Lane. Das Schild bewirbt eine private Primary School. © Horst Eisfelder

Der kleine Harry Fiedler vor dem Tongshan Café, ca. 1945. © USHMM, Bild: Eric Goldstaub

Kinderfreundschaft in der Chusan Road in Hongkew, 1939. © Peggy Stern Cole, Bild: Melville Jacoby

Die Unterbringung erfolgte in riesigen Schlafsälen mit mehr als einhundert Betten und wenigen kargen Gemeinschaftsräumen. Eltern wurden von Kindern getrennt, und oft mussten auch Ehepartner in voneinander getrennten Sälen schlafen. Die neue fremde Heimat stellte die Geflüchteten vor große Herausforderungen. Auch das ungewohnte Klima, verbunden mit Krankheiten, war eine Belastung. Zudem kam die Sprachbarriere und der völlig neue Kulturkreis hinzu.

Die Wiener Jüdinnen und Juden wollten so rasch wie möglich auch in der vollkommen ungewohnten und schwierigen Umgebung ein neues Leben beginnen und bauten sich ein kleines Wien mitten in Shanghai auf. In „Little Vienna“ gab es neben Restaurants wie dem „Weißen Rössl“ Kaffeehäuser mit Wiener Mehlspeis- und Kaffeespezialitäten, Würstelstände und Heurigen. Sportvereine und Zeitungen wurden gegründet, und die vielen geflüchteten Künstler und Künstlerinnen sorgten für ein vielfältiges Angebot an Musikabenden, Operetten, Kabarett- und Theateraufführungen.

Peking Road, Shanghai. © Jüdisches Museum Wien

Geschäft Vienna Handbags, 1939. © Peggy Stern Cole, Bild: Melville Jacoby

Eingang zum Hongkew Ghetto, Shanghai, April 1946. © Arthur Rothstein

Hans Jabloner (3. v. links) und Fritz Strehlen (4. v. links) vor ihrem Lokal „Fiaker“, Shanghai, ca. 1939. © Sammlung Jabloner

Mit der Einnahme Shanghais durch die mit dem Deutschen Reich verbündeten Japaner 1941 begannen sich die Lebensbedingungen kontinuierlich zu verschlechtern. 1943 wurde die Einrichtung eines Ghettos im heruntergekommenen Stadtviertel Hongkew beschlossen. Die hygienischen Verhältnisse und schlechte Versorgungslage führten zu Hunger und Krankheit. Ursprünglich aus dem Mittleren Osten stammende, und seit dem 19. Jahrhundert in Shanghai ansässige jüdische Familien, wie die Kadoories und Sassoons, sorgten gemeinsam mit anderen Hilfsvereinen, wie dem Amerikanischen JOINT, für die Versorgung mit Lebensmitteln und den Erhalt von Schulen.

Nach dem Sieg der Alliierten und dem Einmarsch der US-Armee 1945 begann für viele die Planung einer Rückkehr. Mit der bevorstehenden Einnahme Shanghais durch Mao-Zedong, verließen auch die letzten Jüdinnen und Juden die Stadt in Richtung USA, Kanada, Australien oder Israel. Einige kehrten wieder in ihre Heimatstadt Wien zurück. Durch die Ermordung und Zerstörung des europäischen Judentums bedeutete ihre Rückkehr nach Wien einen völligen Neuanfang in einer veränderten Welt.

www.jmw.at

17. 10. 2020

Jüdisches Museum Wien: Hans Kelsen und die Eleganz der österreichischen Bundesverfassung

September 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Alexander Van der Bellen pries ihre „Schönheit“

Hans Kelsen (2. v. r.) als Richter des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, ca. 1925. © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Das Jüdische Museum zeigt, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Bundes- verfassung, ab 1. Oktober eine Ausstellung, die Hans Kelsen, dem „Architekten“ des Bundes-verfassungsgesetzes gewidmet ist. Die Schau im Museum Dorotheergasse erinnert an das Leben Kelsens zwischen Europa und den USA und möchte auch die Erfolgsgeschichte der österreichischen Verfassung stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

2020 wird die österreichische Bundesverfassung 100 Jahre alt. Von Bundespräsident Alexander Van der Bellen für ihre „Eleganz und Schönheit“ gelobt, sind ihre Inhalte aber kaum bekannt und Verfassungspatriotismus, wie ihn etwa die USA kennen, ist in Österreich allenfalls ein Randphänomen. Noch weniger geläufig ist, dass an der Entstehung dieser Verfassung maßgeblich der Jurist Hans Kelsen beteiligt war. 1881 in Prag geboren, wuchs Kelsen in Wien in einer deutschsprachigen jüdischen Familie auf; sein Vater, ein Lusterfabrikant, gestaltete unter anderem die Beleuchtung in Wiener Synagogen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wurde Kelsen von Staatskanzler Karl Renner mit der Arbeit an einer Bundesstaatsverfassung für die junge Republik beauftragt.

Er entwickelte das – später so bezeichnete – österreichische Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit, das weltweit Nachahmung fand. Kelsen, der von 1918 bis 1930 Professor an der Universität Wien war, erlangte vor allem für seine Beiträge zur Rechtstheorie und zur Politischen Theorie internationale Bekanntheit. Für seine innovativen Ansätze wurde er – im zunehmend antisemitischen Klima der Zeit – angefeindet. Bereits 1930 verließ Kelsen Wien, über mehrere Stationen in Europa emigrierte er 1940 schließlich in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1973 lebte. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Rechtsgelehrten des 20. Jahrhunderts.

Hans Kelsen mit seiner Frau Margarete und den Töchtern Anna Renata und Maria Beate, 1916. Reproduktion Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Hans Kelsen. Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Kelsen mit unbekannten Schwimmerinnen, Salzkammergut, ca. 1930. Reproduktion Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Begleitend zur Ausstellung erdachte sich die Wiener Comic-Zeichnerin Pia Plankensteiner im Auftrag des Jüdischen Museums Wien eine Geschichte, die um das Leben Kelsens und um die Entstehung und Entwicklung der österreichischen Verfassung kreist: In Bild und Text erzählen Kelsens Lieblingsmehlspeisen – Baiser und Schwarzwälder Kirschtorte – aus Kelsens Leben, während eine Zigarre – Kelsen war leidenschaftlicher Zigarrenraucher – die rechtshistorischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge erläutert.

Mit Witz und Ironie erfährt man hier viel über das bewegte Leben Hans Kelsens zwischen Europa und den USA sowie über seine wissenschaftlichen Erfolge und die damit einhergehende weltweite Anerkennung. Man liest aber auch von antisemitischen Vorurteilen, von Entwurzelung, Flucht und zahlreichen unfreiwilligen Neuanfängen. Gleichzeitig informiert diese Graphic Novel – und das nicht weniger unterhaltsam – über das Fundament unseres Staates und unserer Demokratie: die österreichische Bundesverfassung.

www.jmw.at

Faksimile des östereichischen Staatsvertrags. Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

TIPP: Rund um den Nationalfeiertag am 26. Oktober sollte man sich ein sehenswertes Objekt nicht entgehen lassen: Im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich ist das einzige vollständige Faksimile des Österreichischen Staatsvertrags vom 15. Mai 1955 zu sehen.

www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte

28. 9. 2020

Jüdisches Museum Wien: Lady Bluetooth. Hedy Lamarr

November 27, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hollywood-Ikone war mehr als nur Hobby-Erfinderin

Hedy Lamarr in “I take this Woman”. Bild: Laszlo Willinger, MGM 1940 © Jüd. Museum Wien

Das Jüdische Museum Wien präsentiert ab 27. November die Lebensgeschichte der Hollywood-Ikone und genialen Erfinderin Hedy Lamarr. Die Ausstellung „Lady Bluetooth. Hedy Lamarr“ im Museum Judenplatz zeigt die facettenreiche Biographie und setzt einen besonderen Schwerpunkt auf ihre Lebensjahre in Wien und Berlin. Hedy Lamarr zählte zu den strahlenden Hollywood-Stars. Lange Zeit unbekannt blieb jedoch, dass sie die Erfinderin des Frequenz- sprungverfahrens war, auf dem Mobilfunk, Bluetooth und WLAN basieren.

1914 als Hedwig Kiesler in Wien geboren, wurde die Tochter eines jüdischen Bankdirektors aus dem Wiener Nobelbezirk Döbling von Max Reinhardt für das Theater entdeckt. Sie galt als schönste Frau der Welt und war insgesamt sechs Mal verheiratet. In späteren Jahren fiel die Diva durch Schönheitsoperationen und Ladendiebstahl auf und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Hedy Lamarr starb 2000 und ist in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Schon im Alter von knapp 16 Jahren gelang es Hedy Kiesler, zum ersten Mal in einem Spielfilm auf der Kinoleinwand zu erscheinen. Bald nach ihrem Filmdebüt verließ sie die Schule und widmete sich ganz der Schauspielerei. Max Reinhardt, der zu ihren Förderern gezählt wird, soll sie das „schönste Mädchen der Welt“ genannt haben. In den Illustrierten wurde sie bereits als der kommende junge Schauspielstar gefeiert. Ihre erste Hauptrolle verkörperte Hedy Kiesler im tschechoslowakischen Spielfilm „Ekstase“, 1933. Durch eine nur wenige Sekunden dauernde Nacktszene sowie die Darstellung eines Orgasmus wurde die künstlerisch höchst avancierte Produktion zum „Skandalfilm“, mit dem ihr der Durchbruch in Europa gelang.

„Samson und Deliah“, Paramount Pictures, 1949 © Anthony Loder Archive

Hedy Lamarr macht Werbung für Maybelline, Zeitschriftenseite, um 1940 © Anthony Loder Archive

Im gleichen Jahr heiratete sie den um 13 Jahre älteren, reichen Munitionsfabrikaten und Waffenhändler Fritz Mandl. Er umgab seine junge Frau mit Reichtum, verbot ihr aber die Schauspielerei und hütete sie eifersüchtig. Mehrmals soll sie erfolglos versucht haben, ihrem besitzergreifenden Ehemann zu entkommen. Im September 1937 gelang ihr die Flucht aus ihrer Ehe. Im August 1937 befanden sich die ehemalige Schauspielerin Hedy Mandl-Kiesler und der Hollywood-Filmproduzent Louis B. Mayer von Metro-Goldwyn-Mayer bei den Salzburger Festspielen. Ihn führten seine Geschäfte von Salzburg weiter nach England. Hedy folgte Mayer in der Hoffnung auf einen Vertrag, der sie nach Hollywood bringen sollte. Sie ging aufs Ganze und bestieg den Luxusdampfer Normandie, auf dem Mayer in die Vereinigten Staaten zurückfuhr. Während der Reise gelang es ihr nicht nur, einen guten Vertrag mit MGM auszuhandeln, sie erhielt auch einen neuen Künstlernamen: Hedy Lamarr.

Hedy Lamarr kann als mehr denn nur Hobby-Erfinderin bezeichnet werden. Sie erfand sowohl kleine Helfer als auch komplexe Waffensysteme. Für ihren Freund Howard Hughes entwarf sie einen Flugzeugrumpf, der Schnelligkeit mit guten Flugeigenschaften vereinte. Nach dem Kriegseintritt der USA engagierte sie sich im Kampf gegen die Nazis, zu dem auch ihre mit dem Komponisten George Antheil ausgearbeitete störungssichere Funkfernsteuerung für Torpedos beitragen sollte, die sie sich patentieren ließen, um sie der US-Navy zu schenken. Das dafür entwickelte Frequenzsprungverfahren gilt heute als Vorläufer für Drahtlostechnologien wie Bluetooth und Mobilfunk. Ihr Patent verschwand damals in den Schubladen und blieb für viele Jahre ungenutzt.

Hedy Lamarr, U.S.A., um 1938 © Anthony Loder Archive

Hedy Lamarr und ihre Dänische Dogge, USA,1939 © Anthony Loder Archive

Neben ihren filmischen Rollen, spielte Hedy Lamarr häufig verschiedene Rollen in ihrem Privatleben. Von der ersten Rolle als höhere Tochter einer gutsituierten, assimilierten jüdischen Familie in Wien-Döbling, zur Schauspiel-Ikone, schönste Frau der Welt, Hausfrau, Ehefrau, Mutter, Unternehmerin, Erfinderin bis hin zur Rolle der verletzlichen Diva, der Zurückgezogenen und aus österreichischer Perspektive besonders interessanten Rolle, der der Österreicherin beziehungsweise Wienerin.

In zahlreichen Interviews sprach Hedy Lamarr davon, dass Wien ihre eigentliche Heimat sei und sie sich nicht als Amerikanerin, sondern als Österreicherin betrachtete. Tatsächlich kam sie aber nach ihrer Emigration 1937 nur noch ein einziges Mal in das Land ihrer Geburt zurück: Im Sommer 1955. Das österreichische Medienecho auf ihren Besuch zeigt, dass man stolz auf den aus Wien gebürtigen Weltstar war, und gerne hob man hervor, wie sehr sie immer noch eine Wienerin war. Auch, wenn sie in Interviews immer wieder davon sprach, wiederkommen zu wollen, so tat sie es doch nie wieder.

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27. 11. 2019

Jüdisches Museum Wien: Die Ephrussis. Eine Zeitreise

November 2, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der bernsteinaugene Hase zeigt seine Familie

Netsuke, Hase mit den Bernsteinaugen. © Jüdisches Museum Wien

Dinge und die Geschichten, die sie über die Menschen erzählen, die sie einst gesammelt, in Händen gehalten, weitergegeben und wiedergefunden haben, stehen ab 6. November im Mittelpunkt der Ausstellung „Die Ephrussis. Eine Zeitreise“ im Jüdischen Museum Wien. Sie behandelt das Schicksal der ursprünglich aus Russland stammenden Familie Ephrussi und ihren freiwilligen und unfreiwilligen Reisen zwischen Russland, Österreich, Frankreich, Großbritannien,

Spanien, den USA, Mexiko oder Japan. Anhand von ausgewählten Objekten, Dokumenten und Bildern wird der wirtschaftliche und gesellschaftliche Werdegang einer europäisch-jüdischen Familie nachgezeichnet, deren Nachfahren heute durch Flucht und Vertreibung während der NS-Zeit in der ganzen Welt verstreut leben.

Ratte, den eigenen Schwanz umfassend, signiert Mitsutada, Kyoto ca. 1800. © Jüdisches Museum Wien, Bild: Tom Juncker

Handwerker, der einen Kürbis spaltet, signiert Shugetsu, Tokio ca. 1880. © Jüdisches Museum Wien, Bild: Tom Juncker

Männlicher Tiger, über die Schulter blickend, signiert Toyokazu, Tamba ca. 1820. © Jüdisches Museum Wien, Bild: Tom Juncker

Fünf im Kreis stehende, chinesische Weisen, signiert Masahiroca. 1880. © Jüd. Museum Wien, Bild: Tom Juncker

Heute finden sich in internationalen Museen und Kunstsammlungen Werke, die ursprünglich der Familie gehörten. Sie erzählen von ihren einstigen Besitzern und ihren Beziehungen zu den damaligen Künstler- und Intellektuellenkreisen in Odessa, St. Petersburg, Wien, Berlin, Paris, London, Madrid und anderen Orten. Kernstück der Ausstellung bildet das Familienarchiv der Ephrussis, das die Familie de Waal dem Jüdischen Museum schenkte, sowie 157 Netsukes, die dem Museum als Leihgabe von der Familie zur Verfügung gestellt wurden – unter ihnen der berühmte „Hase mit den Bernsteinaugen“; sie prägt den Titel des Romans über die Geschichte der Ringstraßenfamilie, die Edmund de Waal, Enkel von Elisabeth Ephrussi und ein renommierter britischer Künstler, der für seine Keramiken in schlichten Farben und Formen bekannt ist, 2010 veröffentlicht hat.

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2. 11. 2019