Jüdisches Museum Wien: Love me Kosher

Juni 19, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Ausstellung auch anlässlich des Pride Month

Chassidim in Love, 2018. Bild: © Benyamin Reich

Das Jüdische Museum Wien zeigt ab 22. Juni die Ausstellung „Love me Kosher“. Im Judentum nehmen Liebe und Sexualität anders als in anderen Religionen einen hohen Stellenwert ein. Dass der Anfang des Lebens eine zwischenmenschliche Beziehung voraussetzt, proklamiert schon die Tora: „Gott segnete Adam und Eva und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret Euch und erfüllet die Erde.“

Sexualität ist somit ein natürlicher Bestandteil des Lebens. Dass beide Partner dabei Glücksgefühle empfinden, gilt als Pflicht. Die jüdischen Schriften sehen im erfüllten Sexualleben eine Voraussetzung für eine glückliche Ehe.

Venus As A Boy, 2007. Bild: © Benyamin Reich

Die Ausstellung befasst sich ausgehend vom paradiesischen Zustand nach der Erschaffung der Welt. Über die Betrachtung von Liebe und Sexualität im Tanach, die Rolle der Schadchan, heißt: Heiratsvermittler, bis hin zu Soziologin und Sexualtherapeutin Ruth Westheimer mit den Diskussionen im modernen Judentum zu Partnerschaft und LGBTIQ-Themen. „Love Me Kosher“ präsentiert mittels spannender Objekte aus den Sammlungen des Jüdischen Museums Wien und Leihgaben verschiedener nationaler und internationaler Institutionen Einblicke in eine sinnliche und beglückende Welt. Die Schau ist kuratiert von Direktorin Danielle Spera, Daniela Pscheiden und Julia Windegger.

Zu sehen bis 13. November.

www.jmw.at

19. 6. 2022

Kibbutz Klub. Bild: © Gregor Hofbauer

Abby Stein, 2017. Bild: © B. Reich

Mikwe I, 2002. Bild: © Benyamin Reich

Plakat, Weltliga für Sexualreform Kongress in Wien, 1930. © ÖNB

Reproduktion eines Reklameblattes der Firma Schering für Progynon. Weibliches Cyklushormon nach Prof. Steinach, Wien. © Jüdisches Museum Wien

Mikwe, Bedikah, Fleischmarkt, Wien, 2017*. Bild: © Ouriel Morgensztern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Die Mikwe ist das traditionelle Tauchbad, das nicht zur täglichen, sondern zur spirituellen Reinigung gedacht ist. Verheiratete Frauen, die streng nach Vorschrift der Tora leben, suchen die Mikwe nach jeder Menstruation und nach jeder Entbindung auf, um sich nach den blutenden Tagen reinzuwaschen. Denn während eine Frau blutet, ist sie Nidda – sie ist unrein und muss sich von ihrem Mann abgrenzen. Nidda bedeutet wörtlich übersetzt Abgrenzung. Eine Bedikah ist ein Baumwolltuch, mit dem die Frau mittels selbst durchgeführtem Einführen in den Vaginalkanal überprüft, ob sie noch oder schon blutet – dazu ist sie an Tagen, an denen ihre Periode vorherzusehen ist, verpflichtet.

Jüdisches Museum: Die Wiener Rothschilds. Ein Krimi

Januar 11, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Hitler verlangte 75 Millionen Dollar Lösegeld

True Detective Mysteries, „Hitler´s Kidnaping of Baron Rothschild“, NY, 1940. © The Rothschild Archive, London

Das Jüdische Museum Wien präsentiert derzeit eine Ausstellung über die Geschichte der Familie Rothschild in Wien und Österreich. Da die Leistungen und Errungenschaften der Wiener Rothschilds in Vergessenheit geraten sind, gilt es, sie mit dieser Ausstellung in Erinnerung zu rufen und ihre Spuren sichtbar zu machen.

Der Aufstieg der Familie Rothschild setzte am Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Am Anfang stand mit Mayer Amschel Rothschild ein aus bescheidenen Verhältnissen stammender Frankfurter Jude. Er machte durch viel Fleiß Karriere und schickte seine fünf Söhne in dieWelt, einen davon nach Wien: Salomon von Rothschild.

Er wurde Bankier des österreichischen Staatskanzlers Metternich und stieg schnell zu einem der führenden Unternehmer Österreichs auf. Der Name Rothschild wurde zum positiven Symbol für eine jüdische Erfolgsgeschichte, aber auch zum negativen Klischee in der antisemitischen Propaganda.

Die Geschichte der Rothschilds in Wien und Österreich liest sich in Teilen wie ein Krimi. Sie mussten sich gegen Konkurrenten durchsetzen, wurden in Konflikte verwickelt und mit antisemitischen Stereotypen konfrontiert. Immer wieder traten sie für ihre unterdrückten und verfolgten Glaubensgenossinnen und Glaubensgenossen ein und riefen viele Bildungs- und Wohltätigkeitsstiftungen für die Allgemeinheit ins Leben.

Ausstellungsansicht mit Sphinx. Bild: © David Bohmann

Abbrucharbeiten am Palais Rothschild, Abtransport Sphinx, 1954/55. © Alfred Klahr Gesellschaft

Ausstellungsansicht mit Krokodil: Bild: © David Bohmann

Modell des Wiener Nordbahnhof. Bild: © David Bohmann

1938 nahm die Gestapo Louis Rothschild fest und hielt ihn ein Jahr lang als Geisel, um den Rothschilds ihr gesamtes Vermögen abzupressen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde zwar ein Großteil ihres geraubten Vermögens restituiert, doch mussten sie wesentliche Werke an österreichische Museen „widmen“. Die Restitution zieht sich bis heute. Aber die Geschichte der Rothschilds in Österreich geht weiter. Eine vom Wiener Landtag eingesetzte Kommission von Expertinnen und Experten untersuchte die Geschichte der Nathaniel Freiherr von Rothschild’sche Stiftung für Nervenkranke, allerdings nur bis 1963. Im November 2021 empfahl die Kommission die Anbringung von Gedenktafeln an den Pavillons am Rosenhügel.

Edvard von Heuss, Salomon von Rothschild, ca. 1845. © Privatsammlung, London

Abbrucharbeiten am Palais Rothschild, Prinz-Eugen-Straße, Wien, 1954/55. © Alfred Klahr Gesellschaft

Büste der Bettina von Rothschild aus dem ehemaligen Kaiserin-Elisabeth-Spital, ca. 1897. © Momentosphere by Tobias de St. Julien

Die Ausstellung im Museum Dorotheergasse zeichnet sich auch durch besondere Objekte und Leihgaben aus. Zum Beispiel ist ein Gemälde des bedeutendsten holländischen Porträtmalers des 17. Jahrhunderts Franz Hals zu sehen. Leihgaben aus österreichischen Museen sind unter anderem ein Modell des Wiener Nordbahnhofs aus dem Technischen Museum oder ein auf einer Safari erlegtes Krokodil, das 1930 von der Familie Rothschild an das Naturhistorische Museum übergeben wurde. Eine steinerne Sphinx, die die Besucherinnen und Besucher gleich zum Beginn der Ausstellung begrüßt und Teil des ehemaligen Palais an der PrinzEugenStraße war, steht stellvertretend für die oft vergessene Geschichte der Rothschilds in Wien

Zu sehen bis 5. Juni.

www.jmw.at

11. 1. 2022

Jüdisches Museum Wien: Jedermanns Juden

Juli 13, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Publikumslieblingen und Deportierten

Jedermann und der Tod auf dem Domplatz: Alexander Moissi und Luis Rainer, 1929. Bild: © ASF Photo Ellinger

Das Jüdische Museum Wien zeigt ab 14. Juli eine Rückschau auf 100 Jahre Salzburger Festspiele und die jüdische Teilhabe am weltweit bedeutendsten Festival der klassischen Musik und darstellenden Kunst. Vor 100 Jahren setzte der Theaterproduzent und Visionär Max Reinhardt gemeinsam mit dem Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal seine Vision für Salzburg um.

Sie erklärten die Stadt zur Bühne und Salzburg wurde zum Inbegriff für innovatives Theater auf Freiluftbühnen, Musik in absoluter Perfektion und Tanz als Ausdruck der Avantgarde. Jüdische Künstlerinnen und Künstler waren am Erfolg entscheidend beteiligt bis zur Machtübernahme des NSRegimes 1938.

Heute gilt es, sie wieder vor den Vorhang zu holen. Im Zentrum der Ausstellung stehen einige noch nie gezeigte Objekte aus dem Nachlass von Max Reinhardt sowie vielfältige Kunstwerke, die den Aufstieg der Festspiele bis heute, sowie die Lebenswege der verschiedenen handelnden Personen, ihre Karrieren und Fluchtwege nachzeichnet. Die erste Phase der Salzburger Festspiele von 1920 bis 1925 prägte Hofmannsthal mit seinen im

katholischen Erlösungsgedanken geschrieben Stücken „Jedermann“ und „Das Salzburger große Welttheater“. Letzteres inszenierte Reinhardt 1922 in der Kollegienkirche, was einen Skandal auslöste, da ihm Entweihung des Sakralraums vorgeworfen wurde. Während Karl Vollmoellers szenische Pantomime „Mirakel“ in Reinhardts Inszenierung in London und New York riesige Hallen bis zum letzten Platz füllte, fiel die Salzburger Adaptierung eher bescheiden aus.

Ihre Blütezeit erlebten die Festspiele von 1926 bis 1933: Um ein größeres Publikum anzulocken, inszenierte Max Reinhardt nun Komödien wie Goldonis „Diener zweier Herren“ und Shakespeares „Sommernachtstraum“, die spielerisch Musik und Tanz integrierten. Gleichzeitig fällt auf, dass zwar Schauspieler und Schauspielerinnen jüdischer Herkunft vertreten waren, doch nicht die wenigen Stars unter ihnen, die an anderen Orten aber sehr gerne mit Reinhardt zusammenarbeiteten.

Nach der Fertigstellung des Festspielhauses konnten weit opulentere Operninszenierungen realisiert werden. Im Architekten Oscar Strnad fand sich ein visionärer Bühnenbildner, in Bruno Walter ein Dirigent von Weltrang, der seine Karriere bei Gustav Mahler begonnen hatte. Dessen Schwager wiederum war Arnold Rosé, Konzertmeister der alljährlich in Salzburg aufspielenden Wiener Philharmoniker. Von der Wiener Staatsoper kamen nicht nur die Kostüme und die Kulissen, sondern auch die ProtagonistInnen. Die berühmten jüdischen Stimmen an der Oper waren weiblich: Rosette Anday, Claire Born, Elisabeth Schumann und andere gehörten zu den Stars ihrer Zeit.

Faust I, 1935: Max Reinhardt und das ewige Gretchen Paula Wessely (li.). Bild: © ASF Photo Ellinger

Genii locorum: Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und der schwedische Dirigent Einar Nilson. Bild: © ASF Photo Ellinger

Drei Jahre später im Nazi-Visier: Bruno Walter, Thomas Mann und Arturo Toscanini, 1935. Bild: © ASF Photo Ellinger

Der Künstlerclan in Salzburg: Hermann Thimig, Helene Thimig, Hugo Thimig und Max Reinhardt. Bild: © ASF Photo Ellinger

1928 gab die Leningrader Opernwerkstatt mit drei MozartOperninszenierungen ein von antikommunistischen Protesten begleitetes Gastspiel, Tilly Losch führte ihren Tanz der Hände auf, Hofmannsthal Tanzpantomime „Die grüne Flöte“ glänzte mit futuristischen Kostümen. Auf der BallettBühne beeindruckte die Choreographin Margarete Wallmann mit ihren Inszenierungen.

Die Plakate für 1938 mit den Stars Toscanini und Reinhardt waren schon gedruckt, doch nach dem Einmarsch deutscher Truppen entlud sich die lange aufgestaute Wut der lokalen Nazis in martialischen Aktionen: Die Synagoge und die wenigen jüdischen Geschäfte in Salzburg wurden verwüstet. Am 30. April 1938 fand am Salzburger Residenzplatz die einzige Bücherverbrennung in der Geschichte Österreichs statt.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte jedoch das Problem, dass er nun eine Institution übernehmen und neugestalten wollte, die er jahrelang mit allen Mitteln bekämpft hatte. Katholische Programmpunkte wie der „Jedermann“ und die Kirchenmusik wurden abgesetzt, die jüdischen Protagonistinnen und Protagonisten waren längst verhaftet oder geflohen.

Hans Moser, Das Salzburger große Welttheater, 1925. Bild: © ASF Photo Ellinger

Nach Kriegsbeginn büßte die Inszenierung zusehends an Opulenz ein, zuletzt wurde fast nur noch vor Soldaten auf Heimaturlaub gespielt. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte 1945 ihr Hauptquartier in Salzburg aufgeschlagen und erstrebte eine rasche Normalisierung des zivilen Lebens.

Einmal mehr boten die Festspiele eine internationale Kulisse. Um den künstlerischen Betrieb auf höchstem Niveau zu gewährleisten, wurden durch ihre Tätigkeit für das NS-Regime belastete Künstlerinnen undKünstler, wie Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler, Attila Hörbiger, Herbert von Karajan, Clemens Krauss oder auch Paula Wessely nach einem kurzfristigen Auftrittsverbot wieder engagiert.

Zu den wenigen jüdischen Künstlerinnen und Künstlern gehörten der Schauspieler Ernst Deutsch, der in den folgenden 15 Jahre den Tod im „Jedermann“ spielte. Der Geiger Yehudi Menuhin kam zu zwei Gastspielen, um der vom NS-Regime verwüsteten Kulturlandschaft beizustehen. Der Opernregisseur Herbert Graf feierte einige gelungene Inszenierungen und war an den Entwürfen Clemens Holzmeisters für das Große Festspielhaus beteiligt …

www.jmw.at

13. 7. 2021

Jüdisches Museum: Jewgenij Chaldej

Mai 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wesentliche Bilder von Wien 1945

Ring, 1945. © Sammlung Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Das Jüdische Museum Wien präsentiert ab 12. Mai mit „Jewgenij Chaldej. Der Fotograf der Befreiung“ Arbeiten jenes Mannes, der als offizieller Kriegsberichterstatter mit der Roten Armee im Zuge der Befreiung in Wien einmarschierte. Chaldej, erfahren genug, um zu wissen, welche Fotografien in Moskau als ideologisch einwandfrei gelten, gelang dann das aus sowjetischer Sicht offizielle Befreiungsfoto von Wien: eine Gruppe von Soldaten mit Maschinenpistolen, im

Hintergrund flattert die rot-weiß-rote Fahne. Die Ausstellung zeigt einen entscheidenden und bis in die Gegenwart wirksamen Moment der Geschichte Österreichs. Am 29. März 1945 erreichte die Rote Armee im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht österreichisches Gebiet. Die Schlacht um Wien endete nach schweren Kämpfen am 13. April 1945. Noch in den letzten Stunden des Kriegs ermordete die SS Jüdinnen und Juden in Wien. Mit den sowjetischen Truppen kam auch der jüdische Fotograf Jewgenij Chaldej nach Wien. Er machte einzigartige Fotos von Straßenkämpfen, Bombenruinen und bald auch vom zivilen Leben. Hunger, Wohnungsnot, aber auch die Hoffnung auf einen Neubeginn kennzeichneten den Frühling 1945.

Chaldejs Fotos zeigen Wiener Wahrzeichen wie den Stephansdom, das Parlament, den Heldenplatz, das Belvedere oder das Grabmal von Johann Strauss auf dem Zentralfriedhof, immer mit sowjetischen Soldaten im Bild. Seine Kollegin Olga Lander, die einige Wochen später in Wien eintraf, hielt offizielle Ereignisse fotografisch fest. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Chaldej erfahren, dass seine gesamte Familie von den National- sozialisten ermordet worden war. Jewgeni Chaldej wie auch die jüdische Fotografin Olga Lander, hinterließen mit ihren Bildern eindrucksvolle Zeitzeugnisse, die wesentliche Tage in der Geschichte Wiens dokumentieren.

Kirchschlag 1945. © Sammlung Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Hofburg, 1945. © Sml. Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

© Sammlung Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Palais Epstein, 1945. © Sml. Erich Klein, Bild: Jewgeni Chaldej

Jewgenij Ananjewitsch Chaldej wurde 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, in der heutigen Ukraine geboren. Seine Mutter wurde bei einem Pogrom ermordet, als Chaldej erst ein Jahr alt war. Mit zwölf Jahren begann er, sich mit Fotografie zu beschäftigen, und baute aus der Brille der Großmutter und anderen Hilfsmitteln eine Kamera. Seine Laufbahn startete in einer Stahlfabrik, wo er die sogenannten Bestarbeiter fotografieren sollte. In 1930er-Jahren reiste er durch das Land, wurde Zeuge der Hungersnot durch die Zwangskollektivierung der Bauern, doch seine Bilder zeigen den sozialistischen Aufbau.

Für die TASS begleitete er vier Jahre lang als Kriegsfotograf die Rote Armee. Seine jüdische Herkunft war hier eine Triebfeder, das belegt beispielsweise jene Episode, als er in Budapest ein jüdisches Paar im Ghetto fotografierte und ihnen dann den Judenstern entfernte mit den Worten, er sei auch Jude. Später erfuhr er, dass sein Vater und seine Schwestern von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Die Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg begleitete er fotografisch und lernte dort auch den ungarisch-amerikanischen Fotografen Robert Capa kennen, der ihm eine Kamera schenkte. 1948 wurde Chaldej von der Agentur TASS entlassen. Offiziell wegen mangelnder Professionalität, nach eigener Aussage wegen seiner jüdischen Abstammung.

Jahre später wurde Chaldej rehabilitiert und arbeitete wieder für sowjetische Medien wie die Prawda. Sein berühmtes Bild von der Befreiung Berlins 1945, das einen Soldaten der Roten Armee zeigt, der auf dem zerstörten Reichstagsgebäude die sowjetische Flagge hisst, hat einen „Schönheitsfehler“. Chaldej selbst erzählte, dass der Soldat auf dem Originalfoto zwei Uhren am Handgelenk trug. Für die Veröffentlichung wurde dieses Detail wegretuschiert. Er habe immer nur fotografiert, was auch wert war, fotografiert zu werden, war Chaldejs Credo. Er starb 1997 in Moskau.

www.jmw.at

11. 5. 2021

Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020