Jüdisches Museum Wien: Jedermanns Juden

Juli 13, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Publikumslieblingen und Deportierten

Jedermann und der Tod auf dem Domplatz: Alexander Moissi und Luis Rainer, 1929. Bild: © ASF Photo Ellinger

Das Jüdische Museum Wien zeigt ab 14. Juli eine Rückschau auf 100 Jahre Salzburger Festspiele und die jüdische Teilhabe am weltweit bedeutendsten Festival der klassischen Musik und darstellenden Kunst. Vor 100 Jahren setzte der Theaterproduzent und Visionär Max Reinhardt gemeinsam mit dem Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal seine Vision für Salzburg um.

Sie erklärten die Stadt zur Bühne und Salzburg wurde zum Inbegriff für innovatives Theater auf Freiluftbühnen, Musik in absoluter Perfektion und Tanz als Ausdruck der Avantgarde. Jüdische Künstlerinnen und Künstler waren am Erfolg entscheidend beteiligt bis zur Machtübernahme des NSRegimes 1938.

Heute gilt es, sie wieder vor den Vorhang zu holen. Im Zentrum der Ausstellung stehen einige noch nie gezeigte Objekte aus dem Nachlass von Max Reinhardt sowie vielfältige Kunstwerke, die den Aufstieg der Festspiele bis heute, sowie die Lebenswege der verschiedenen handelnden Personen, ihre Karrieren und Fluchtwege nachzeichnet. Die erste Phase der Salzburger Festspiele von 1920 bis 1925 prägte Hofmannsthal mit seinen im

katholischen Erlösungsgedanken geschrieben Stücken „Jedermann“ und „Das Salzburger große Welttheater“. Letzteres inszenierte Reinhardt 1922 in der Kollegienkirche, was einen Skandal auslöste, da ihm Entweihung des Sakralraums vorgeworfen wurde. Während Karl Vollmoellers szenische Pantomime „Mirakel“ in Reinhardts Inszenierung in London und New York riesige Hallen bis zum letzten Platz füllte, fiel die Salzburger Adaptierung eher bescheiden aus.

Ihre Blütezeit erlebten die Festspiele von 1926 bis 1933: Um ein größeres Publikum anzulocken, inszenierte Max Reinhardt nun Komödien wie Goldonis „Diener zweier Herren“ und Shakespeares „Sommernachtstraum“, die spielerisch Musik und Tanz integrierten. Gleichzeitig fällt auf, dass zwar Schauspieler und Schauspielerinnen jüdischer Herkunft vertreten waren, doch nicht die wenigen Stars unter ihnen, die an anderen Orten aber sehr gerne mit Reinhardt zusammenarbeiteten.

Nach der Fertigstellung des Festspielhauses konnten weit opulentere Operninszenierungen realisiert werden. Im Architekten Oscar Strnad fand sich ein visionärer Bühnenbildner, in Bruno Walter ein Dirigent von Weltrang, der seine Karriere bei Gustav Mahler begonnen hatte. Dessen Schwager wiederum war Arnold Rosé, Konzertmeister der alljährlich in Salzburg aufspielenden Wiener Philharmoniker. Von der Wiener Staatsoper kamen nicht nur die Kostüme und die Kulissen, sondern auch die ProtagonistInnen. Die berühmten jüdischen Stimmen an der Oper waren weiblich: Rosette Anday, Claire Born, Elisabeth Schumann und andere gehörten zu den Stars ihrer Zeit.

Faust I, 1935: Max Reinhardt und das ewige Gretchen Paula Wessely (li.). Bild: © ASF Photo Ellinger

Genii locorum: Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und der schwedische Dirigent Einar Nilson. Bild: © ASF Photo Ellinger

Drei Jahre später im Nazi-Visier: Bruno Walter, Thomas Mann und Arturo Toscanini, 1935. Bild: © ASF Photo Ellinger

Der Künstlerclan in Salzburg: Hermann Thimig, Helene Thimig, Hugo Thimig und Max Reinhardt. Bild: © ASF Photo Ellinger

1928 gab die Leningrader Opernwerkstatt mit drei MozartOperninszenierungen ein von antikommunistischen Protesten begleitetes Gastspiel, Tilly Losch führte ihren Tanz der Hände auf, Hofmannsthal Tanzpantomime „Die grüne Flöte“ glänzte mit futuristischen Kostümen. Auf der BallettBühne beeindruckte die Choreographin Margarete Wallmann mit ihren Inszenierungen.

Die Plakate für 1938 mit den Stars Toscanini und Reinhardt waren schon gedruckt, doch nach dem Einmarsch deutscher Truppen entlud sich die lange aufgestaute Wut der lokalen Nazis in martialischen Aktionen: Die Synagoge und die wenigen jüdischen Geschäfte in Salzburg wurden verwüstet. Am 30. April 1938 fand am Salzburger Residenzplatz die einzige Bücherverbrennung in der Geschichte Österreichs statt.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte jedoch das Problem, dass er nun eine Institution übernehmen und neugestalten wollte, die er jahrelang mit allen Mitteln bekämpft hatte. Katholische Programmpunkte wie der „Jedermann“ und die Kirchenmusik wurden abgesetzt, die jüdischen Protagonistinnen und Protagonisten waren längst verhaftet oder geflohen.

Hans Moser, Das Salzburger große Welttheater, 1925. Bild: © ASF Photo Ellinger

Nach Kriegsbeginn büßte die Inszenierung zusehends an Opulenz ein, zuletzt wurde fast nur noch vor Soldaten auf Heimaturlaub gespielt. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte 1945 ihr Hauptquartier in Salzburg aufgeschlagen und erstrebte eine rasche Normalisierung des zivilen Lebens.

Einmal mehr boten die Festspiele eine internationale Kulisse. Um den künstlerischen Betrieb auf höchstem Niveau zu gewährleisten, wurden durch ihre Tätigkeit für das NS-Regime belastete Künstlerinnen undKünstler, wie Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler, Attila Hörbiger, Herbert von Karajan, Clemens Krauss oder auch Paula Wessely nach einem kurzfristigen Auftrittsverbot wieder engagiert.

Zu den wenigen jüdischen Künstlerinnen und Künstlern gehörten der Schauspieler Ernst Deutsch, der in den folgenden 15 Jahre den Tod im „Jedermann“ spielte. Der Geiger Yehudi Menuhin kam zu zwei Gastspielen, um der vom NS-Regime verwüsteten Kulturlandschaft beizustehen. Der Opernregisseur Herbert Graf feierte einige gelungene Inszenierungen und war an den Entwürfen Clemens Holzmeisters für das Große Festspielhaus beteiligt …

www.jmw.at

13. 7. 2021

Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen

Februar 1, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Auschwitz-Erinnerungen als literarische Erzählungen

„Ich heiße Bermann, ich bin Magda Bermann, ich habe es laut gesagt, damit ich mich selber höre. Die Frau hat mich gemustert von oben nach unten, dieses dürre Stück Mensch, das da vor ihr stand und das so wenig in die Welt und zu diesem Haus gepasst hat wie eine Tote an einen Kaffeetisch. Sie war so siegessicher, so hämisch und giftig, als sie gesagt hat: Da könnte ja jeder kommen und an der Klingel reißen. Seien Sie froh, dass ich nicht nach der Gendarmerie rufe. Und jetzt ist Schluss mit dem Theater. Gehen Sie dahin, wo sie hergekommen sind.“

So beschreibt Magda Bermann ihre „Heimkehr“ aus A., jenen Ort dessen Namen sie nie mehr aussprechen wird, ins Land der Arisierer. „Das leere Haus“ heißt diese erste von drei Erzählungen, die Christoph Heubner in „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ zu einem Buch zusammengefasst hat. Heubner ist Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Pfarrerssohn, Kriegsdienstverweigerer, Schriftsteller, Bewahrer der Geschichten der Überlebenden. Im eigentlich zuerst zu lesenden Nachwort kommt Heubner auf die unzähligen Begegnungen mit ihnen zu sprechen. Von Stéphane Hessel bis zum „weißhaarigen Gabor in Budapest“.

Auch auf die mit Simone Veil, der strengen, hellsichtigen Kämpferin für Frauenrechte und für ein Europa des Miteinanders und der Toleranz, der ersten Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Heubner kurz vor ihrem Tod 2017 die Verpflichtung auferlegte: „Ihr müsst unsere Geschichten weiterschreiben, ihr müsst euch die Fakten und unsere Erinnerungen aneignen und künstlerische Wege finden, unseren Emotionen eure Emotionen hinzuzufügen.“ 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ ein Buch, dass die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen literarisch erfahrbar macht.

Jedes der darin geschilderten Schicksale steht für sich und doch sind sie miteinander verbunden, weil sie sich auf den gleichen Schreckensort beziehen und dieselben Empfindungen bergen, Verlorenheit, Empörung, die Daseinsschuld „danach“, das Heraufbeschwören von Bildern ermordeter Familienangehöriger – und immer wieder die Worte Halt, Achtung, Appell, Schornstein, Rauch, Arbeit Macht Frei. „Die Überlebenden“, schreibt Heubner, „werden diese Worte nicht los, sie haften in ihnen bis zum Ende ihrer Tage und Nächte.“

Der fiktive Bericht von Heubners erdachter Figur Magda Bermann ist somit einer sehr nah an der Realität, ihre Stimme stellvertretend für Millionen. Wenn sie auf ihrem Marsch nach Kassel, denn wohin sonst?, von Menschen spricht, die „mich wütend anstarrten“. Und ihren Arm, „wo der Tätowierer in Birkenau sich extra bemüht hatte, die fünf Ziffern schön groß hinzubekommen“. Wenn sie zwischen der Freude über die Trümmerberge, die Welle der Zerstörung, die endlich auch jene getroffen hatte, und ihrem Mitleid mit den darin nach letzten Habseligkeiten wühlenden Frauen und Kindern schwankt. Bis sie von einer hört, dass „solchen wie Ihnen“ in der Jägerkaserne geholfen werde. Wohin sie sich eilig verfügt. „Eine deutsche Stimme, ein Befehl …“

Als Zwiegespräch von Gedanken einer „Sie“ und eines „Er“ gestaltet Heubner die zweite Erzählung „Ein Stück Wiese, ein Wald“. Ein Grüppchen aus Kaposvár wurde auf einer Lichtung zurückgelassen, während die Uniformierten andere, Kinder, Kranke, Alte, nackt ausziehen hießen und mitnahmen. Zur Desinfektion vor dem Arbeitsdienst? Die Kinder? Noch schwelgt Sie in Erinnerungen an Hausmusik, Er denkt an seinen Holzhandel, Sie summt leise das Grimm’sche Kinderlied „Hänsel und Gretel“, Er denkt: „Pstttt! Ja, bist du denn jetzt ganz meschugge geworden? Verliefen sich im Wald, verrückte Alte, wir sind im Wald, aber sie haben uns hergebracht.“

Inhaftiert hinter Stacheldraht: Frauen und Kinder im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Bild: pixabay.com

Felix Nussbaum: Angst, 1941, Felix-Nussbaum-Haus im MQ Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Eine Fototafel in der Gedenkstätte erinnert an die 1,5 Millionen Opfer der Nationalsozialisten. Bild: pixabay.com

In knappen Zeilen, einfühlsam und nachhallend, entwirft Heubner zwei Existenzen, den Großvater, dessen hartes Herz nur die kleine Enkelin Gilike erweicht, die Mutter, die sich um Schwestern, Nichten und Neffen sorgt. Um Tochter Magda, der sie zum Nationalfeiertag ein rot-weiß-grünes Kostüm genäht hatte, und der die Lehrerin ins Ohr zischte: „Das kommt dir nicht zu. Ihr seid gar keine Ungarn.“ Natürlich wissen wir Nachgeborenen, was Stacheldraht und Schlot und die scharfgemachten Hunde bedeuten, die dunklen Rauchsäulen, der graue Staub und der Gestank, der die Atemluft zerquetscht. Wissen, dass die Hoffnung, „sie waren mager, die Menschen, aber sie waren am Leben“, sich für die wenigsten erfüllen wird.

Natürlich kann man sagen, man hätte vieles wissen können, „wenn sie alle miteinander marschiert sind in ihren schwarzen Joppen“, die Pfeilkreuzler und ihr Pater Kun mit seinem Befehl „Im Namen Christi – Feuer!“. „Das brütete nicht nur in der Politik, das steckte in den Menschen. Ich habe den Hass in ihren Augen gesehen, sie haben gewartet, dass sie von der Kette kommen“, so Er. „Die Vorstellung, dass Menschen andere Menschen, unter ihnen Frauen und Kinder, töten und verbrennen, nur weil sie Juden oder Sinti und Roma waren, erschien vielen, die in die Lager abtransportiert wurden, völlig verrückt“, schreibt Heubner. „Ich habe begonnen die Leute zu zählen, als sie in die Wagen geklettert sind. Ich habe versucht, sie zu zählen. Aber irgendwann sind mir die Zahlen gestorben, es waren zu viele, es war von allem zu viel“, so Er.

Mit Viehwaggons und an die Wände geschobenen Toten endet auch der dritte, titelgebende Text, „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“, die von Heubner imaginierten Tagebücher des Künstlerehepaars Felix Nussbaum und Felka Platek, deren künstlerisches Vermächtnis heute im von Daniel Libeskind erbauten Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück ausgestellt ist (www.museumsquartier-osnabrueck.de/ausstellung/sammlung-felix-nussbaum/), das neben mehr als 200 Exponaten von Felix Nussbaum mit zwei Ölgemälden und 28 Gouachen auch die weltweit größte Felka-Platek-Sammlung besitzt.

Am 31. Juli 1944 wurde von den Nationalsozialisten der letzte Deportationszug im belgischen Durchgangslager Mechelen abgefertigt. In diesem waren auch die beiden Maler, die man zusammen in ihrem Versteck in der Brüsseler Rue Archimède verhaftet hatte. Felkas Weg endete unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern, der von Felix verliert sich wenige Monate später. Heubner begleitet die Warschauerin und den Osnabrückner mit seinen Eintragungen vom Hurrapatriotismus des Ersten Weltkriegs über Marschall Józef Pilsudski und dessen Hang zu Pogromen, ihr Kennen- und Liebenlernen und auch ein wenig Kollegenneid während des Studiums in Berlin bis ins Exil. Aus überbordender Lebens- und Schaffensfreude wird Entsetzen über den Antisemitismus, Verstörung über die Demütigungen und den Vernichtungswillen der Nazis.

Felix Nussbaum: Saint Cyprien (Gefangene in St. Cyprien), 1942, Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Sagte der Vater 1929: „Hitler – Ein Spuk!“, schreibt Heubners Felka 1934: „Was geschieht mit den Deutschen, diesen ewigen Vorzeigepuppen für Fortschritt, Kunst und Kultur?“, notiert später: „Immer wieder die Sorgen um die gültigen Papiere, um das nötige Geld“. – „Wir sind Flüchtlinge, die nach Schutz und Sicherheit suchen“, ergänzt Felix. Auch mit diesen kurzen, aktuell anmutenden Sätzen, derzeit sind weltweit 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, jede Minute 25 neue, jeden Tag müssen 37.000 ihre Heimat verlassen (Quelle: www.unhcr.org), gelingt es Heubner zwei komplexe Biografien aufzuzeichnen. „Was für ein Hohn.“, so Felka 1940. „Die belgische Polizei hat den jüdischen Flüchtling Felix Nussbaum als reichsdeutschen Bürger verhaftet, der für Belgien eine Gefahr darstellt.“ Felix: „Zusammengepfercht hinter Stacheldraht. Das Lager heißt Saint Cyprien. Dreck, Ungeziefer, es stinkt nach Angst und ungeheurer Hoffnungslosigkeit. Einige beten in der Lagersynagoge. Hört Gott zu?“

Dies dabei nur der erste Schritt in einen Raum ständiger Bedrohung, wo die Häftlinge jeden Tritt, jeden Ton ihrer Mörder mit hypersensiblen Sinnen aufsaugten, um der Mordmaschine längstmöglich zu entgehen. „Hass, Populismus, Aggressionen gegen Minderheiten: Auschwitz hat nicht in Auschwitz begonnen, sondern überall, wo man Menschen ausgegrenzt und gejagt hat“, so Christoph Heubner im Interview über bis heute Gültiges. „Vielen scheint Demokratie mittlerweile eine selbstverständliche Bettdecke, die ihnen eine sanfte Ruhe beschert. Doch diese Ruhe ist trügerisch. An der Demokratie wird gerüttelt.“ Symbol dazu sind die Schießhunde, die in allen drei Geschichten zugegen sind.

Seine Magda Bermann schickt Heubner schließlich in die USA, Pittsburgh, wo sie ihren späteren Ehemann trifft. Am 28. Oktober 2018 will die mittlerweile 93-Jährige zur Tree-of-Life-Synagoge. „Als ich auf den Parkplatz fuhr, habe ich schon seine Stimme gehört, ich hörte, wie er (Robert Bowers, Anm.) brüllte: „Alle Juden müssen sterben“. Und dann die Schüsse in der Synagoge. Elf von uns waren tot … Vier Minuten, es waren vier Minuten. Und mir war, als hätte ich am anderen Ende des Parkplatzes meine Mutter gesehen. Sie war so jung wie damals, als sie uns abgeholt haben und schrie: Vier Minuten, ist es nie zu Ende?“

Über den Autor: Christoph Heubner, geboren 1949, ist Schriftsteller und Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Steidl Verlag, Christoph Heubner: „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen. Nach Auschwitz – drei Geschichten“, 104 Seiten.

steidl.de           www.auschwitz.info/de           www.museumsquartier-osnabrueck.de

1. 2. 2020

Jüdisches Museum Wien: Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Mai 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Shoppen bei Gerngross, Zwieback, Knize und Co.

Fronleichnam bei St. Stephan. Auszug: Kaiser Franz Joseph I. hinter dem Sanctissimum. Im Hintergrund das Kaufhaus Rothberger mit zahlreichen Schaulustigen in den Auslagenfenstern. Bild: Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek

Eine Postkarte vom Gerngross-Innenraum. Bild: Sammlung Martin Perl

Ab 17. Mai widmet sich das Jüdische Museum Wien mit der Ausstellung „Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur“ einem beinahe verschwundenen und vergessenen Teil der jüdischen Wiener Kulturgeschichte. Im Zentrum der Schau stehen die Entwicklungs-, Erfolgs-, Migrations- und Familiengeschichten der Gründer und Besitzer dieser Betriebe sowie ihr maßgebliches Engagement für den Weg Wiens in die Moderne. Der Ausstellungstitel ist ein Aufruf zur Erinnerung an diese bedeutenden Unternehmen und deren Akteurinnen und Akteure hinter den Geschäftsfassaden. Die Entstehung von Kaufhäusern in Wien war Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts.

Dass viele der Gründer aus jüdischen Familien stammten, ist heute ebenso wenig bekannt, wie die einstige Existenz des Textilviertels im ersten Wiener Gemeindebezirk. Prominente Häuser wie Gerngross, Zwieback, Neumann, Jacob Rothberger, Braun & Co., Goldman & Salatsch, Jungmann & Neffe, Knize, prägten die mondänen Einkaufsmeilen auf der Kärntner Straße und der Mariahilfer Straße. Die Ausstellung ruft aber auch die sogenannten Vorstadtwarenhäuser Dichter und Wodicka ins Gedächtnis der Stadt zurück. Mit ihren Betrieben leisteten diese Familien einen maßgeblichen Beitrag zur Wiener Stadtentwicklung und beeinflussten das Stadtbild bis in die Gegenwart.

Durch die Zäsur der Schoa verschwand diese von Wiener Jüdinnen und Juden geprägte Geschäftskultur fast völlig. Erfolgsgeschichten von Vertriebenen lassen sich im Ausland nachzeichnen – wie etwa jene des Kostümbildners und Grafikers Ernst Deutsch-Dryden oder des Architekten, Stadtplaners und Erfinders der Shopping Mall, Victor Gruen. Viele Unternehmen konnten aber an die Erfolge der Zeit vor 1938 nicht mehr anknüpfen.

Jedenfalls beschlossen die meisten nach 1945 nicht mehr nach Wien zurückzukehren. An die bedeutenden Kaufhäuser sowie an die zahlreichen von Jüdinnen und Juden betriebenen Einzelhandelsbetriebe erinnern heute im Wiener Stadt- und Geschäftsbild nur noch die Namen mancher Nachfolgeunternehmen und in seltenen Fällen Teile der Bausubstanz. Diesem „Verschwinden“ gegenübergestellt ist die Entwicklung des Textilviertels nach 1945. Bedingt durch Migration und Zuwanderung lassen sich hier individuelle Geschichten von Unternehmen wie Schöps, dem Tuchhaus Silesia, Wachtel & Co, Haritex, Zalcotex und vielen mehr erzählen, die auch vom Wiederaufbau der Wiener jüdischen Gemeinde nach 1945 zeugen.

Dirndl-Rummel. Bild: JMW

Silesia-Wanduhr. Bild: Sammlung Robert Granger. JMW_S Gansrigler

Vielfältige Objekte erzählen diese Geschichten nicht nur aus der Perspektive der Betreiber, sondern berichten von Architektur und Inszenierung, den Designern, der Klientel sowie Verkäuferinnen, SchneiderIinen und Schaufensterdekorateuren, aber auch von Anfeindungen, Antisemitismus, Verlust, Flucht und Zerstörung. Die Ausstellung umfasst eine weit gefächerte Auswahl von Objekten – über Artikel, die dort verkauft wurden, Kleidungsstücke, Werbegrafik, Fotografien von Geschäften und ihren Besitzerfamilien, deren private Gegenstände, Büsten und Gemälde, Einrichtungsgegenstände aus den Geschäften bis hin zu Verpackungsmaterial aus den diversen Kaufhäusern.

Drei Erzählstränge begleiten die Besucherinnen und Besucher auf ihrer Reise durch die Geschichte dieser Wiener Geschäftskultur. Von klassischen Kauf- und Warenhäusern über Einzelhandelsbetriebe, beispielsweise den jüdischen k.u.k. Hoflieferanten, bis hin zu den kleinen Geschäftslokalen des Textilviertels spannt die Ausstellung einen breiten Bogen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Jüdische Museum Wien hat die junge Wiener Künstlerin Kathi Hofer eingeladen, Motive der Ausstellung aufzugreifen und so mittels einer künstlerischen Intervention einen anderen Blick auf das Ausgestellte zu ermöglichen. Als Inspiration für den zweiteiligen Epilog – in Form einer „Stilkritik“ im Ausstellungskatalog und als Installation im Museum – diente ein ausgestelltes historisches Objekt.

Fast alle Unternehmen die vorgestellt werden, handelten primär mit Textilien. Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich durch die Tatsache, dass die meisten großen Wiener Kauf- und Warenhäuser als Textilhändler begonnen haben und erst im Laufe der Jahrzehnte ihr Sortiment erweiterten. Die Ausstellung konzentriert sich, mit Ausnahme der sogenannten Vorstadtwarenhäuser, auf zwei Ballungsräume des Konsums, die zwar auch heute noch dieselbe Funktion innerhalb der Stadt einnehmen, jedoch mit völlig verändertem Antlitz: zum einen der erste Wiener Gemeindebezirk mit seinen einstigen großen Kauf- und Warenhäusern im Bereich der Kärntner Straße sowie unzähligen kleinen Geschäften rund um den Rudolfsplatz und den Salzgries; zum anderen die Mariahilfer Straße als imposanter Einkaufsboulevard zwischen Innerer Stadt und dem Westbahnhof.

Um das Flair der Kaufhäuser der Jahrhundertwende ins Museum zu holen, wird im Museumscafé Eskeles, eine Vintage-Vitrine in Kooperation mit dem Wiener Label Normalzeit (normalzeit.at) aufgestellt. Dieses Miniatur-Kaufhaus lädt ein Wiener Produkte mit historischen Bezügen kennenzulernen. Zu der von Astrid Peterle und Janine Zettl kuratierten und von Viola Stifter gestalteten Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog im Amalthea Signum Verlag mit zahlreichen farbigen, teils noch nie zuvor veröffentlichten Abbildungen, der im Bookshop Singer und online über den Amalthea Signum Verlag erhältlich ist: amalthea.at/produkt/kauft-bei-juden
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Wien, 13. 5. 2017