Die Vereinigten Bühnen Wien im Live-Onlinekonzert

Mai 1, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Stars singen Hits von „Cats“ bis „Elisabeth“

Carin Filipčić, Oedo Kuipers, Milica Jovanović, Thomas Borchert, Maya Hakvoort, Lukas Perman, Drew Sarich, Mark Seibert und Dominik Hees. Bild: Bild: © Fidelio

Am 3. Mai präsentieren ORF III, Ö1 und die Klassikplattform fidelio ab 20.15 Uhr den dritten der hochkarätigen Musik- abende live aus dem Großen Sendesaal des RadioKultur- hauses. Nach dem fulminanten Auftakt mit Operngrößen wie Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Juan Diego Flórez und der Fortsetzung mit der Volksoper laden nun die Stars der Vereinigten Bühnen Wien auf eine Reise durch die Welt der Musicals.

Den Abend eröffnet Lukas Perman, der auch durch denselben führt, mit der Nummer „A bisserl für’s Hirn“ aus „Mozart!“. Carin Filipčić, die erst kürzlich noch als Grizabella in „Cats“ auf der Bühne stand und im Live-Konzert den Welthit „Erinnerung“ zum Besten geben wird, singt mit „Gold von den Sternen“ außerdem eine der wohl beliebtesten Balladen des Musicals „Mozart!“. Per Videogruß meldet sich Oedo Kuipers mit der bewegenden „Mozart!“-Melodie „Warum kannst du mich nicht lieben?“. Stimmgewalt braucht es für den Titelsong „Rebecca“ aus dem gleichnamigen Musical – dargeboten von Musical-Ikone Maya Hakvoort, die auch in ihrer Paraderolle als Kaiserin in „Elisabeth“ mit den Liedern „Ich gehör’ nur mir“ und „Nichts!“ glänzen wird. Drew Sarich präsentiert aus derselben Produktion in der Rolle des Luigi Lucheni „Kitsch!“ sowie in der Partie des Tods „Der letzte Tanz“.

Gänsehaut-Momente aus dem internationalen Musical-Erfolg „Tanz der Vampire“ garantieren „Die unstillbare Gier“ des Grafen von Krolock – ebenfalls gesungen von Drew Sarich – und die romantische Ballade „Für Sarah“, dargeboten von Lukas Perman. Aus dem VBW-Musical „Schikaneder“ präsentieren Milica Jovanović und Dominik Hees die Hymne des Musicals „Träum groß“. Mark Seibert schickt einen musikalischen Gruß mit der Nummer „Letzter Vorhang“. Jovanović und Hees singen außerdem „Liebe endet nie“ aus „Der Besuch der alten Dame“ und aus „Don Camillo und Peppone“ das Duett „Du und ich auf einer Insel“. Und auch Musical-Star Thomas Borchert sendet mit „36 Häuser“ in der Rolle des Don Camillo eine musikalische Videobotschaft. Zum Finale darf man sich auf die beliebtesten Hits aus „I am from Austria“ freuen – dargeboten von Lukas Perman und Carin Filipčić. Außerdem gibt es internationale Grüße aus Korea, Japan und Paris.

Konzert-Conférencier Lukas Perman und Iréna Flury in „I am from Austria“. Bild: Deen van Meer/VBW

The one and only „Elisabeth“ Maya Hakvoort. Bild: © Schloss Schönbrunn, Wien. Moritz Schell/VBW

Dominik Hees als rebellischer „Cats“-Rockstar Rum Tum Tugger. Bild: Deen van Meer/VBW

Milica Jovanovic und Mark Seibert als Eleonore und Emanuel „Schikaneder“. Bild: Rafaela Proell/VBW

Anschließend an das Live-Konzert bringt ORF III eine Aufzeichnung von „I am from Austria“. Gezeigt wird die Original-Inszenierung von Andreas Gergen, die 2017 ihre Weltpremiere im Raimund Theater hatte. Die Autoren Titus Hoffmann und VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck kreierten aus mehr als 20 Hits von Rainhard Fendrich, darunter „Macho Macho“, „Es lebe der Sport“, „Strada del Sole“ und natürlich „I am from Austria“, ein fröhlich-freches Stück voller Romantik, Überraschungen und Situationskomik. In den Hauptrollen sind Iréna Flury, Lukas Perman, Elisabeth Engstler, Andreas Steppan, Dolores Schmidinger und Martin Bermoser zu sehen.

Für September ist dann „Miss Saigon“ mit Newcomerin Vanessa Heinz und VBW-„Mozart“ Oedo Kuipers als große Wiedereröffnungs-Premiere im Raimund Theater geplant. Trailer: www.youtube.com/watch?v=YLA-byCZT4A

www.musicalvienna.at           tv.orf.at/orfdrei           www.myfidelio.at           TVthek.ORF.at

1. 5. 2020

Tobias Moretti in „Gipsy Queen“

Dezember 28, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Gnadenloser Kampf ums tägliche Überleben

Vor dem Kampf mit der amtierenden Weltmeisterin hat Trainer Tanne noch ein paar Tipps für Ali: Alina Șerban und Tobias Moretti. Bild: © Dor Film West | Dor Film

Es gibt sie selbstverständlich, diese Rocky-Momente. Den berühmtesten Stiegenlauf der Filmgeschichte, hinauf zum Museum of Art in Philadelphia, diesmal am Hamburger Containerhafen; das Sandsackdreschen im versifften Boxclub bei einem Trainer, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat; und schließlich die Watschn beim Schaukampf mit dem Weltmeister – nur das diesmal kein Muskelpaket aus dem

Philly-Armenviertel eins aufs Aug‘ kriegt. „Gipsy Queen“ heißt der neue Film von Regisseur Hüseyin Tabak, der am Freitag in die Kinos kommt, und dessen Faustkämpfer ist eine Frau: Ali, Romni, Alleinerzieherin. Wie von seinen Lehrern Michael Haneke und Peter Patzak gelernt, lässt sich Tabak Zeit, um die Situation zu erklären. Zu Beginn ist da ein was? – Flüchtlingslager? Nein, eine Roma-Siedlung in Rumänien. In einem provisorischen Ring fighten Männer. Eine junge Frau fleht einen von ihnen an, er schlägt sie brutal zu Boden. Der Vater verstößt die Tochter, deren beide Kinder weinen, als ledige Mutter hat sie Schande über die Familie gebracht.

Also, Fahrt nach Hamburg, Kälte und kein Essen, auf der Ladefläche eines Schlepper-LKW, Tagelöhnerstrich, mit sinistren Kerlen schwarz auf Baustellen arbeiten, immerhin: bei der vergeblich auf die große Chance hoffenden Schauspielerin Mary findet Ali nicht nur eine Bleibe, die beiden werden Freundinnen, Vermittlung eines Gelegenheitsputzjobs in der Kiez-Kneipe, dem real existierenden Kultort „Zur Ritze“, wo Ali eines Nachts, beobachtet von Besitzer Tanne, ihren Frust an einem Punchingball abreagiert. Nun erst erfährt das Publikum, dass Alis Vater mit ihr Championpläne hatte.

War sie doch als begnadetes Nachwuchstalent, das „schwebt wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene“, dessen und ihres Dorfs ganzer Stolz und bereits auf dem besten Weg sich als „Gipsy Queen“ einen Namen zu machen. Doch dann gab’s statt eines Gürtels die unehelichen Esmeralda und Mateo, ein Uppercut, den der Vater nicht verzeihen wollte – und Ali ihm nicht, dass er sie noch schwanger in die Ecke schickte … Zwei Jahre vor Drehbeginn hat Ali-Darstellerin Alina Șerban mit dem Boxtraining begonnen. Hat während dieser Vorbereitung unter anderem mit dem österreichischen Profiboxer Marcos Nader gearbeitet, der bereits 2016 in der TV-DokuPunch Line – Eine Frau steigt in den Ring“ von und mit Kati Zambito zu sehen war.

Als ledige Mutter wird Ali aus ihrem Dorf verstoßen: Alina Șerban. Bild: © Dor Film West | Dor Film

Schlepper bringen Ali und ihre Kinder nach Hamburg: Alina Șerban. Bild: © Dor Film West | Dor Film

In seiner Kiez-Kneipe Ritze veranstaltet Tanne Schaukämpfe: Tobias Moretti. Bild: © Dor Film West | Dor Film

Die Rocky-Pose passt auch im Hamburger Hafen: Alina Șerban. Bild: © Dor Film West | Dor Film

Ali mit den anderen „Ausländern“ auf dem Arbeitsstrich: Alina Șerban. Bild: © Dor Film West | Dor Film

Ali und Mary nehmen Tanne ins Kreuzverhör: Alina Șerban, Irina Kurbanova, Tobias Moretti. Bild: © Dor Film West | Dor Film

Șerban verleiht der „Gipys Queen“ im Wortsinn schmerzhafte Authentizität, die in Bukarest geborene Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin ist wie ihre Figur Romni. Seit Jahren engagiert sie sich gegen die strukturelle Diskriminierung der Roma, sie, die, nachdem ihre Mutter ins Gefängnis verbracht wurde, in einem Kinderheim aufwuchs. Doch nicht nur Șerban, auch Tabak hat einen persönlichen Beweggrund, diese Story zu erzählen: seine Mutter, die als Neunjährige von der Türkei nach Deutschland kam, wo, so Tabak im Gespräch, „meine Großeltern sie nicht in eine Schule einschrieben, sie musste stattdessen auf die jüngeren Geschwister aufpassen. Sie hat sich selbst Lesen und Schreiben auf Deutsch beigebracht, arbeitete ununterbrochen und besitzt heute eine kleine Firma. Um das aufzubauen, habe ich selber erlebt, wie sie drei Jobs gemacht hat, ohne Schlaf und Erholung! Sie hat für meine Ausbildung wie eine Löwin gekämpft.“

Der Traum vom sozialen Aufstieg ist Tabaks zentrales Motiv, immer wieder ermahnt Ali Esmeralda bei den unvermeidbaren Mutter-Tochter-Auseinandersetzungen „Deutsch!“, doch so viel sie auch schuftet, nie reicht das Geld für den nächsten Klassenausflug, stattdessen schlägt beiden unverhohlener Rassismus und Ressentiments gegen die Roma entgegen. Gleichsam als brutales Symbolbild für dieses Dasein als Underdog steckt Tanne Ali eines Abends in ein Gorillakostüm, dessen üblicher Träger w. o. gegeben hat, um sie zum Gaudium seiner besoffenen Gäste gegen einen zu verabschiedenden Junggesellen antreten zu lassen. Klar, schickt Ali den inklusive Vorderzahn-Verlust auf die Matte. Skandal, Geschrei, doch Tanne hat eine Königsidee, heißt: einen neuen Star in seinem Schuppen.

„Es kommt selten vor, dass ich einer einen ausgebe ohne, dass ich sie pimpern will“, sagt Tanne – und kaum einer könnte das schlitzohriger tun als Tobias Moretti. Der ist als abgehalfterter Ex-Boxer mit Einsamer-Wolf-Image voll in seinem Element, und kratzt so verschmitzt die Kurve vom halbseidenen, großgoscherten, unter der rauen Schale hilflos weichen Schlurf zum erst einmal Zweck- zu einer Art Liebespartner, im Sinne von: strenger, dennoch ums Wohl seines Schützlings besorgter Coach und Ersatzonkel in der Ali-WG, dass man ihm jeden noch so flotten Spruch nachsieht. Sehr spaßig die Szene, wie er sich erst von Mary, dann von Esmeralda und Mateo wegen seiner Absichten mit Ali vernehmen lassen muss – bis er in den Seilen hängt.

Schließlich die große Chance, der Schaukampf gegen die amtierende Weltmeisterin im Weltergewicht: Alina Șerban. Bild: © Dor Film West | Dor Film

Catrin Striebeck macht Tannes Bardame Gloria, Irina Kurbanova spielt die Mary, Sarah Carcamo Vallejos und Aslan Yilmaz Tabak sind als Alis Kinder zu sehen, Anja Herden hat einen Kurzauftritt als Sozialarbeiterin. Denn während Ali sich dank Tannes Busenfreund und Boxmanager Udo, Aleksandar Jovanovic, Leitsatz: „Sie hat’s im Blut, aber nicht mit dem Business“, im Ring mehr und mehr behauptet, folgt vom

Jugendamt ein Schlag in die Magengrube. Die Behörde nimmt Ali ihre Kinder weg – wegen Verletzung der Aufsichtspflicht, ein Fehler, der eigentlich Mary passiert ist, und schlimmer noch, Esmeralda will von den Pflegeeltern nicht mehr zurück zur Mutter. Ihr ist deren ständiger „Lern‘, damit du was wirst!“-Leistungsdruck zu viel geworden. Die Runden im Ring sind für Ali einfacher zu überstehen, als der tägliche Überlebenskampf, und Alina Șerban porträtiert deren Charakter als stark, stolz, so sehr verletzlich, als toughen Kerl in einer Männerwelt und liebevoll-verschmuste Mama. In karg poetischen Traumsequenzen beleuchtet Tabak Alis Beziehung zum Vater, betroffen macht, wie sie als Mädchen bei einer Hochzeit vorgeführt wird, berührend ist, wie der erwachsenen Ali der zwischenzeitlich Verstorbene in der S-Bahn vis-à-vis sitzt und sie zum ersten Mal mit einem kurzen anerkennenden Kopfnicken belohnt.

Der finale Fight dauert zwölf Minuten. Udo hat einen Schaukampf mit der amtierenden Weltmeisterin organisiert, als Lohn für zehn durchgestandene Runden wartet endlich ein fixer Vertrag. Mit Sinn fürs Sportgeschehen fängt Kameramann Lukas Gnaiger die Szenen im Ring, Alis Kontrahentin eine aktive Profiboxerin, ein. Die Entschlossenheit in den Blicken der beiden Frauen lässt er Bände sprechen, und großartig ist, wie Morettis Tanne bei den sich mehrenden Fouls die Sicherungen durchbrennen: „Ihr seid ja blind, ihr Affen!“, beflegelt er die Ringrichter und schreit kurz darauf zur gegnerischen Ecke: „Mach‘ die Schlampe weg, wir sind nicht auf dem Jahrmarkt hier!“, bis unter „Ali!“-Rufen die Stimmung in den Zuschauerreihen umschwenkt.

Mit „Gipsy Queen“ ist Hüseyin Tabak ein Film von hoher Intensität gelungen. Sein Wagemut zum Collagieren von Sozialdrama, Hommage an das Boxen in der Filmgeschichte und Milieustudie macht sich bezahlt. Ohne auf die Tränendrüse zu drücken oder den moralischen Zeigefinger zu bemühen, zeigt er eine Welt der Ungleichheit, in der Mut, Begabung, Ausdauer, Klugheit noch lange nicht für einen Platz an der Sonne ausreichen. Im Kampf dieser Mitmenschen, der „anderen, der „Ausländer“, die sich halb legal durchs Leben bringen müssen, und deren Möglichkeiten, sich gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung zu wehren, minimal sind, ist der Schlussgong längst überfällig. Dazu gilt es das ohnedies angezählte System endlich auszuknocken.

 

www.filmladen.at/gipsy.queen

  1. 12. 2019

Schikaneder: Die ersten Szenen des neuen Musicals

September 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

VBW-Musicalintendant Christian Struppeck im Gespräch

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Koen Schoots, Bild: VBW/Herwig Prammer

Die Hauptdarsteller Milica Jovanovic und Mark Seibert mit dem musikalischen Leiter Koen Schoots. Bild: VBW/Herwig Prammer

Zum ersten Mal präsentierten die Vereinigten Bühnen Wien Freitagvormittag im Raimund Theater Szenenausschnitte aus ihrem neuen Musical „Schikaneder“. Am 30. September hat die von VBW-Musicalintendant Christian Struppeck erdachte und verfasste und von Stephen Schwartz komponierte Liebesgeschichte rund um die Entstehung der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ Weltpremiere.

„Wir wissen über Schikaneder, dass Zeitgenossen ihn einen Charismatiker nannten, seine Frau Eleonore wird als Schönheit mit silbriger Stimme beschrieben. Mal sehen, ob wir das getroffen haben“, scherzt Struppeck. Der Vorhang hebt sich, gibt den Blick frei auf die beiden Hauptdarsteller Mark Seibert und Milica Jovanović. Es ist das Jahr 1775, die erste Begegnung von Emanuel und Eleonore in Innsbruck, da ist er Star der Theatertruppe von Franz Moser, sie die Newcomerin – und es funkt. Die Anziehungskraft der Bühne, sie wirkt auch zwischen den beiden. Im Orchestergraben sitzt das 32-köpfige VBW-Orchester, der musikalische Leiter Koen Schoots hat am Cembalo Platz genommen. Von dort aus begleitet er auch die Rezitative. „Träum groß!“ geht los, der vorprogrammierte Hit der Produktion, ein Duett im schwungvollen Sound des großen, klassischen Musicals.

Charisma getroffen! Seibert und Jovanović sind ein ebenso charmantes wie schelmisches Paar. Seibert spielt einen Schikaneder, der von seinem Genie überzeugt, auch ein bissl selbstverliebt ist, einen liebenswerten Visionär mit großen Plänen und noch größeren Träumen. „Mach‘ dich von den Fesseln der Wirklichkeit los“, singt er. Die deutschsprachigen Texte stammen einmal mehr von Michael Kunze. Sie aber ist nicht weniger selbstbewusst, wird von Jovanović dargestellt als eine, die dem Schikaneder Paroli bieten kann und will. „Warum spiel‘ ich in diesem Stück nicht den Don Juan?“, wird sich der Theatermagier später fragen. A Powerpaar is born.

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

Szene im Ballettsaal mit Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble … Bild: VBW/Herwig Prammer

Milica Jovanovic, Mark Seibert und Ensemble. Bild: VBW/Herwig Prammer

… in der Eleonore und Emanuel versuchen, ihre Liebe geheim zu halten. Bild: VBW/Herwig Prammer

Eine Einschätzung, die ganz im Sinne des Erfinders ist. „Emanuel Schikaneder war der größte Theatermacher im deutschsprachigen Raum, vielleicht sogar in Europa“, sagt Struppeck. „Er war der Sohn zweier Lakaien, und in der damaligen Zeit war es eigentlich unmöglich dorthin zu kommen, wo er hingelangt ist, an die Spitze der Wiener Bühnenlandschaft. Er war ein Magier der Bühne, er hatte Mut zum Experiment, er war als Sänger, Schauspieler, Dichter und Produzent ein Universaltalent, ein Vorgänger Johann Nestroys und Max Reinhardts und, indem er die Wichtigkeit des Schauwerts von Aufführungen erkannt hat, ein Vorreiter des modernen Musicals.“

Worte, die so etwas wie Seelenverwandtschaft vermuten lassen. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet das Leading Team an der Produktion, inspiriert hat Struppeck eine Schikaneder-Büste, die er im Salzburger Landestheater gesehen hat. Historisch, sagt er, ist sein Buch „erstaunlich akkurat. Natürlich sind nicht alle Details bekannt, aber die Geschichte ist schon so passiert“. Die Geschichte des Musicals ist die der „Zauberflöte“ minus Mozart. Struppeck: „Schikaneder ist der Kopf dahinter, die ,Zauberflöte‘ ist seine Idee, er hat Mozart engagiert, er hat den Papageno der Uraufführung gespielt. Mit dem Gewinn, den er daraus erzielt hat, hat er das Theater an der Wien gekauft.“ Heute ein Haus der Vereinigten Bühnen.

Auch eine berühmt-berüchtigte Anekdote wird vorkommen, nämlich, „dass Schikaneder das Federkostüm schon für ein anderes Stück hatte, aber dann doch nicht verwenden konnte. Er wollte das teure Teil aber nicht verschwenden, indem er’s weggeworfen hätte – und so wurde aus Papageno ein Vogelhändler.“ Was Struppeck bezüglich Plot jedoch viel mehr interessierte als solcherart Histörchen, war, dass Schikaneder alle Unternehmungen gemeinsam mit Eleonore vornahm. „Sie haben die Stoffe gemeinsam entwickelt und umgesetzt, das ist unser Blickwinkel im Stück: Schikaneders Ehe mit dieser besonderen Frau, über die man bis dato so wenig wusste.“

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Milica Jovanovic und Mark Seibert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Franziska Schuster, Armin, Kahl, Katie Hall, Florian Peters und Katja Reichert. Bild: VBW/Rolf Bock

Auf der Bühne sind die Darsteller bereit für die zweite Szene. In „Irgendwas passiert“ tratschen sich die Theaterkollegen im Ballettsaal den Mund über die Liebesaffäre zwischen Emanuel und Eleonore in Fransen. Ein Ausschnitt, der beweist, dass bei all den großen Gefühlen auch das Komödiantische nicht zu kurz kommen wird. So wie Hardy Rudolz, als Franz Moser mit überdimensionaler Perücke und Ballettmeisters Stock ausgestattet, da versucht seine Mimen bei und an der Stange zu halten, wird’s witzig. Auch bei den unzähligen Kostümen zeigt sich die Liebe zum Detail zweier Tony-Preisträger – Regisseur Sir Trevor Nunn und Ausstatter Anthony Ward. Weil die Kostüme optisch der Zeit angepasst sein sollten, wurden sie aus historischen Beständen gefertigt, Schmucksteine, Pailletten sind tatsächlich aus anno dazumal, die Knöpfe wurden aus alten Bordüren oder Spitzenbesätzen gepresst.

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seiber und Sir Trevor Nunn. Bild: VBW/Rolf Bock

Struppeck freut sich, dass es immer wieder möglich ist, die Superstars unter den Musicalmachern nach Wien zu holen. Obwohl: „Das internationale Team ist eine logistische Herausforderung, man muss gut vorbereiten, wo man wann mit wem arbeitet. Denn ein Musical kann man nicht am Schreibtisch entwickeln, das muss man immer wieder ansehen und anhören.“ Sein Gemütszustand nun, so knapp vor der Uraufführung?

Er lacht. „Sagen wir: Die nächsten 14 Tage werden turbulent, das macht aber auch sehr viel Spaß.“ Turbulent wird es mittlerweile auch auf der Bühne. Finale des 1. Akts. Schikaneder und Eleonore sind zu Seitenspringern geworden. Sie geht mit Johann Friedl nach Wien, er bekennt sich öffentlich zu seinem Pantscherl mit Maria Anna Miller, das Ensemble glaubt sich ob dieser Trennung erledigt. Mit Seibert und Jovanović treten in dieser Szene auch Florian Peters und Katie Hall als Solisten auf. Und, ja, da denkt man sie zu hören: Zauberflöten-Zitate! Zumindest sind’s deutliche „dramatische“ Opernklänge, die Stephen Schwartz da aufs Notenblatt gebannt hat. Hunderte echte Kerzen sorgen für ein stimmiges Lichtdesign. Das lässt sich über „Schikaneder“ jetzt schon sagen: Es wird bestimmt bombastisch. Der erste Eindruck ist jedenfalls hinreißend.

Was Komponist Stephen Schwartz über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=19731

www.musicalvienna.at

Wien, 16. 9. 2016

Schikaneder: Ab 30. September im Raimund Theater

Mai 10, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Vereinigten Bühnen präsentierten ihr neues Musical

Erste musikalisce Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder "Träum groß!". Bild: VBW

Erste musikalische Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder „Träum‘ groß!“. Bild: VBW

Als schließlich zum ersten Mal vor Publikum der vorprogrammierte Hit „Träum‘ groß!“ intoniert wurde, klang es schon so, als würde Wolfgang Amadé ums Eck grinsen. Was nicht zuletzt daran lag, dass Dirigent Koen Schoots sein 31-köpfiges Orchester „mozartisch“, das heißt: „in der Fast-Original-Zauberflöten-Besetzung“, aufgestellt hat. Mark Seibert und Milica Jovanovic sangen das Liebesduett von Eleonore und Emanuel Schikaneder.

Denn darum geht’s im Wesentlichen, die turbulente Liebesgeschichte des genialen Wiener Theatermachers und seiner Frau. Das alles rund um die Schöpfung der „Zauberflöte“, deren Librettist und Ur-Papageno der Schauspieler, Sänger und Regisseur war. Und, nein, Mozart kommt diesmal nicht vor. Wie das geht, kann man ab 30. September, also genau 225 Jahre nach der Erstaufführung der Freimaureroper, erleben, wenn die Vereinigten Bühnen „Schikaneder“ als insgesamt dreizehnte Musical-Uraufführung des Unternehmens auf die Bühne des Raimund Theater heben.

Intendant Christian Struppeck, als Autor auch für das Buch verantwortlich, stellte die Produktion Dienstag Vormittag gemeinsam mit seinem „Schreibpartner“, dem Komponisten und Liedtexter Stephen Schwartz vor. Der Oscar-, Grammy- und Golden-Globe-Preisträger ist ein Showman. Und so war ein Klavier flugs zur Stelle, auf dem der New Yorker Musiker für die Presse und einige handverlesene Musicalfans ein Best-of seiner Melodien zum besten gab. Dazu erklärt er in Kurzfassung die Handlung: Man lernt sich kennen, „We are only young once“, doch er kann seine Angewohnheit, sich für andere Frauen zu interessieren, nicht ablegen, es gibt einfach „Too many fish in the sea“. Sie lernt erst „To look the other way“, doch nach Trennung und Beinah-Pleite steht das Geschäftliche wieder im Vordergrund, es heißt „Striktly business“ und man macht sich an die Arbeit zu einer der berühmtesten Opern der Welt.

„It’s all true and really funny“, sagt Schwartz über seine Story. Und, dass er es erst aufregend, gefährlich und erschreckend fand, dass in seiner Musik Zitate von Mozart zu hören sein sollten. Nun, die Übung scheint aufs erste Hinhören gelungen. So zwischen volkslied’schem „Klinget, Glöckchen, klinget“, Walzeranklängen und very Wienerischem L’amour-Hatscher. Michael Kunze schreibt die deutschsprachige Fassung, David Cullen hat die Orchestierung übernommen.

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Die Schikaneders in ersten Kostümen: Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Seit vier Jahren schon beschäftigt sich Struppeck intensiv mit dem Projekt. Er sei fasziniert, sagt er, von diesem waghalsigen Unternehmer, mit seinem Sinn fürs Spektakuläre und seinen Antennen für den Publikumsgeschmack. Und, mal ehrlich, was könnte schöner an ein VBW-Haus passen, als eine Hommage an den Gründer der Raimund-Theater-„Schwesterbühne“, des Theaters an der Wien. Dies sei in dieser Stadt tatsächlich längst überfällig.

Auch Darsteller Mark Seibert schwärmt von seinem Charakter: „Schikaneder war definitiv ein Visionär, der das Theater neu erfinden wollte. Privat allerdings war er ein Hallodri, der es immer geschafft hat, mit einem Augenzwinkern davonzukommen. Ich bewege mich da auf einem schmalen Grat, denn Schikaneders großes Selbstbewusstsein und seine maßlose Selbsteinschätzung können schnell auch unsympathisch wirken. Meine Aufgabe wird es sein, die Figur so charmant zu gestalten, dass man ihn trotzdem mag.“ Bühnenpartnerin Milica Jovanovic sieht Eleonore Schikaneder als „moderne, emanzipierte Frau, und das im 18. Jahrhundert! Es ist fantastisch, wie sie es geschafft hat, von der Schauspielerin zur Intendantin zu werden. Welch eine Karriere! Schade, dass sie heute fast vergessen ist.“ Nachsatz: „Doch das werde ich jetzt ja ändern.“ Sie lacht.

Mit den beiden spielen unter anderem Reinwald Kranner, der „gerade übt, in Saft zu gehen“, den Schikaneder-Gegenspieler Karl Marinelli, Florian Peters Eleonores Verehrer Johann Friedl, Katie Hall die Maria Anna Miller, Franziska Schuster und Katja Reichert die Barbara Gerl, die spätere Papagena, und Josepha Hofer, Mozarts Schwägerin, die spätere Königin der Nacht. Hardy Rudolz ist als Franz Moser und Josef von Bauernfeld zu sehen, Armin Kahl als Benedikt Schack.

Anthony Ward gestaltet Bühnen- und Kostümbild, „alles wird aussehen, wie 1791“, sagt er, „und auch die Art, wie die Bühnenbilder bewegt werden, haben wir an die damaligen technischen Gegebenheiten angepasst“; Anthony van Laast übernimmt die Choreografie. Und mit noch einem Superstar kann Christian Struppeck aufwarten: Sir Trevor Nunn wird Regie führen. Der Tony-Preisträger und ehemalige Intendant der Royal Shakespeare Company meldet sich via Videozuspielung zu Wort. Was er davon hält, Schikaneder ein Musical zu widmen? „Well, das ist nicht die schlechteste Idee der Welt!“ Stimmt. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

www.musicalvienna.at

Wien, 10. 5. 2016