Belvedere – Joseph Rebell: Im Licht des Südens

Juni 14, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Franz‘ I. Museumsdirektor brachte Italien mit nach Wien

Joseph Rebell, Italienische Volksszene, 1820-24. Bild: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum

Im Unteren Belvedere ist ab 15. Juni die Ausstellung „Joseph Rebell: Im Licht des Südens“ zu sehen. Rebell brachte die Sonne Italiens auf die Leinwand: Der 1787 in Wien geborene Landschaftsmaler verbrachte viele Jahre in Mailand, Rom und vor allem am Golf von Neapel. Bekannt wurde er nicht nur als einflussreicher Künstler und Impulsgeber, sondern auch als zukunftsweisender Museumsdirektor – er begann mit der Umgestaltung des

Belvedere in ein modernes Museum. Mit dieser ersten Einzelausstellung schließt das Belvedere eine Forschungslücke zu Joseph Rebell und widmet sich zugleich seiner eigenen Geschichte als Institution. „Joseph Rebell war in mehrfacher Hinsicht ein Vorreiter: Nicht nur seine Malerei beeindruckt bis heute, er entwarf auch seine Karriere auf dem Kunstmarkt so, wie sie unser Bild vom unabhängigen Künstlerdasein bis heute prägt. Als Direktor verwandelte er das ehemalige Sommerschloss Belvedere in ein fortschrittliches Museum. Der Blick auf Rebell ist ein Blick auf unsere eigene Institutionsgeschichte, aber auch auf einen der einflussreichsten Künstler seiner Zeit“, erklärt Generaldirektorin Stella Rollig im Gespräch.

Joseph Rebell lernte an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Laurenz Janscha und nahm Privat- unterricht bei Landschaftsmaler Michael Wutky. 1810 verließ er Wien, um zwei Jahre in Mailand zu verbringen. Von dort bereiste er Oberitalien, das er in zahlreichen Aquarellen der Gegend um Comer See, Lago di Lugano und Lago Maggiore festhielt. Nach einem Aufenthalt in Rom ließ er sich 1813 in Neapel nieder und erlangte mit seinen Ansichten vom Golf von Neapel, von Ischia, Capri, Amalfi und Sorrent internationale Berühmtheit.

Rebells Bilder erzählen von Sonnenuntergängen, von Schiffbrüchen oder Seestürmen und immer wieder vom Vesuv. Neben pittoresken Motiven widmete er sich aber auch versteckten Winkeln an der Küste von Neapel und malte Menschen bei der Arbeit im Hafen. Bis heute fasziniert an seinem Werk der neuartige Umgang mit Licht: Rebells Bilder gleichen einem Blick aus dem Fenster. Mit bislang in der Malerei ungekannter Intensität erfasste er den klaren Himmel und die Wärme der Sonne. Dieses Talent machte ihn bald zu einem bedeutenden Vorbild, das über die Jahre hinweg Landschaftsmalerinnen und -maler wie etwa jene der Scuola di Posillipo prägte. Damit zog er eine viele Kaufinteressierte aus ganz Europa an.

J. Rebell, Küste von Capri bei Sonnenuntergang, 1817. © Bayer. Staatsgemäldesammlungen München – Sammlung Schack

J. Rebell, Ansicht der Stadt Vietri mit Blick auf den Meerbusen von Salerno, 1819. Bild: Johannes Stoll/Belvedere, Wien

Joseph Rebell, Der Hafen Granatello bei Portici mit dem Vesuv im Hintergrund, 1819. Bild: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Joseph Rebell, Vesuvausbruch bei Nacht mit Blick auf die Scuola di Virgilio, 1822. © Belvedere, Wien, Bild: Johannes Stoll

„Es ist faszinierend, wie Rebell den Zugang zu den großen Persönlichkeiten seiner Zeit fand. In Mailand arbeitete er für Eugène de Beauharnais, den damaligen Vizekönig von Italien. In Neapel malte er für Königin Caroline Murat und war bei Hof ein gern gesehener Gast. In Rom, wo er ab 1817 lebte, genoss er bei den Reisenden aus vielen Nationen hohes Ansehen, was ihm Aufträge für zahlreiche Gemälde einbrachte“, so Kuratorin Sabine Grabner.

In dieser ersten Einzelausstellung zu Leben und Wirken von Joseph Rebell widmet sich das Belvedere vor allem den Ansichten Süditaliens, beleuchtet aber auch frühe Zeichnungen – etwa von oberitalienischen Seen – und die großformatigen arkadischen Landschaften der künstlerischen Anfänge. In Etappen wird Rebells Weg nachgezeichnet, vom Aufbruch nach Italien über die Erfolge in Neapel bis zu seiner Zeit am Belvedere, als er neben seiner Tätigkeit als Galeriedirektor auch weiterhin malte. In jener letzten Phase entstand etwa die Bildserie für Kaiser Franz I., die sich bis heute in den Schlössern Persenbeug und Artstetten befindet und in der Ausstellung gezeigt wird.

J. Rebell, Meeressturm beim Arco di Miseno bei Miliscola mit Blick gegen Nisida, 1819. Bild: Johannes Stoll/Belvedere, Wien

Joseph Rebell, Seesturm am Fuße des Kapuzinerklosters bei Amalfi, 1813. © Museo dell´Ottocento. Fondazione Di Persio-Pallotta, Pescara

Joseph Rebell als Direktor der kaiserlichen Gemäldegalerie im Belvedere

Schließlich wurde der österreichische Kaiser Franz I. auf Joseph Rebell aufmerksam. Er besuchte den Künstler in seinem Atelier in Rom und beauftragte ihn mit vier großformatigen Ansichten der Gegend um Neapel – sie befinden sich bis heute im Belvedere. Nach 14 Jahren in Italien kehrte ebell nach Wien zurück: Franz I. übertrug ihm im Jahr 1824 die Leitung der kaiserlichen Gemäldegalerie im Oberen Belvedere. In der kurzen Zeit bis zu seinem frühen Tod im Dezember 1828 ließ der neue Direktor das repräsentative Sommerschloss zu einem modernen Museum umbauen.

Rebell sorgte dafür, dass die klimatischen Bedingungen im Gebäudeinneren verbessert wurden. Dazu ließ er die Außenfassade baulich abdichten und eine Warmluftheizung einleiten. Die Ausstellungsräume wurden farblich gestaltet, die Bilderrahmen mit Namen und Lebensdaten der Künstlerinnen und Künstler versehen, die Gemälde nach und nach unter Mitarbeit von akademischen Malerinnen und Malern restauriert. Auch in der Kunstsammlung hinterließ Rebell seine Spuren: Unter anderem geht die Gründung der „Modernen Schule“ auf ihn zurück – einer Abteilung, die sich dem Ankauf und der Präsentation von zeitgenössischer Kunst widmete.

An der Landschaftsmalereischule der kaiserlichen Akademie, die er neben seiner Tätigkeit als Direktor der Gemäldegalerie leitete, propagierte er das Arbeiten vor der Natur. Auf dieser Basis und angeregt durch Rebells Bilder des Südens studierte die nächste Generation von Kunstschaffenden die Veränderlichkeit der Landschaft unter dem Einfluss des Sonnenlichts. Damit trug Rebell viel zur Qualität österreichischer Landschaftsmalerei der 1830er-Jahre bei.

www.belvedere.at

14. 6. 2022

Kammerspiele: Was ihr wollt

April 28, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Weil ich ein Mädchen bin …

Helden in Strumpfhosen: Markus Kofler, Matthias Franz Stein, Alexander Strömer, Dominic Oley, Tamim Fatal, Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: © M. Schell

Wer hätte gedacht, dass sich im Josefstädter Ensemble derart viele herrliche Dragqueens verstecken? Auf die man noch dazu nur neidisch sein kann, weil – nackte Männerbrust hin oder her – wow, gibt es da sexy Beine zu sehen … In den Kammerspielen der Josefstadt zeigt Regisseur Torsten Fischer Shakespeares „Was ihr wollt“ in (bis auf Maria Bill als melan- cholischem Clown) männlicher Besetzung. Der Kniff passt zum britischen Barden, durfte doch zu dessen Lebzeiten keine Frau auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen. Fischers gemeinsam mit Herbert Schäfer erstellte modernisierte Textfassung sprüht nur so vor Bonmots und Pointen.

Ist an den passenden Stellen derb, an den richtigen elegisch. Die Darsteller scheuen mitunter auch vor tief aus der Klamottenkiste geholtem Klamauk nicht zurück, und sind in ihrem Spiel in dieser irrwitzig wortwitzigen Romantic Comedy dergestalt stark, dass selbst ein gutgetrimmter Dreitagebart der Illusion keinen Schaden zufügen kann. Und wenn’s die Helden in Strumpfhosen gar zu bunt treiben, unterbricht die Bill als Botin aus einem weniger leichten Leben in den hochemotionalsten Momenten und singt Astor Piazzola.

„Rinascerò“ nach dem mit Tamim Fattal und Ljubiša Lupo Grujčić mehrsprachig erlittenem Schiffbruch, „Los Pájaros Perdidos“ wenn Herzen brechen, „Oblivion“ hat sie selbst übersetzt. Tango Argentino, Tango Nuevo, Musik vom Rio de la Plata, die hier Krzysztof Dobrek am Akkordeon und der Geiger Aliosha Biz alternierend mit Nikolai Tunkowitsch interpretieren. Allein diese Augenblicke sind den Besuch der Vorstellung wert und wurden vom gestrigen Publikum auch mit Szenenapplaus bedankt.

Die Handlung ist tatsächlich sehr geschlechterfixiert: In Illyrien schmachtet Herzog Orsino nach der Hand der Gräfin Olivia, die sich jedoch in der Trauer um den hingeschiedenen Vater und Bruder ergeht. Da stranden die Zwillinge Viola und Sebastian an der Küste, allerdings im jeweiligen Glauben das andere Geschwister sei ertrunken. Viola verkleidet sich als Jüngling „Cesario“ und tritt in die Dienste Orsinos. Beauftragt mit dessen Liebeswerben entbrennt Olivia für den „jungen Mann“.

Rehrl, Niedermair und von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Ach, armer Rehrl! – Ich kannte ihn: Mit Clownin Maria Bill. Bild: © Moritz Schell

Dick und Doof: Robert Joseph Bartl und Matthias Franz Stein. Bild: © M. Schell

Alldieweil versuchen Olivias Onkel und Trunkenbold Sir Toby und Kammerkätzchen Maria den um Olivia werbenden, reichen, aber dümmlichen Sir Andrew auszusackeln; der Olivia besitzen und die Schluckspechte ausmerzen wollende Haushofmeister Malvolio wird per Intrige zum Narren gemacht, Stichwort: Komm‘ im gelben Höschen, dann zeig ich dir mein Möschen. Sebastian erscheint. Orsino und Olivia fighten um den schönen Knaben, der sich zum Glück als zwei vom jeweils angemessenen Sexus entpuppt. Ende gut, Torsten Fischer, denn der Regisseur demontiert die altväterische Ordnung. Immerhin Sir Toby heiratet Maria. Das alles ereignet sich auf der reinweißen Bühne der Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Vorne gibt es einen Spalt für freiwillige und unfreiwillige Abgänge.

Julian Valerio Rehrl spielt niemals travestiehaft, sondern subtil Viola/“Cesario“ und Sebastian, als zweiterer ein burschikoser Haudrauf, als erstere von einer Delikatheit und Zartheit, die nicht nur den Herzog verwirrt. Als solcher bleibt Claudius von Stolzmann hinter seinen Möglichkeiten, die blass geschminkten Gesichter müssen ja nicht in ebensolches Agieren ausarten, mag aber auch sein, dass man von seinem fulminanten Mackie Messer immer noch in der Weise eingenommen ist, dass jede andere Rolle dagegen bis auf Weiteres …

Claudius von Stolzmann, Julian Valerio Rehrl. Bild: © M. Schell

Die Schiffbrüchigen, Mi.: Rehrl als Viola. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair als liebestrunkene Olivia. Bild: © Moritz Schell

Dominic Oley als verhöhnter Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair ist ganz großartig als beständig am Rande der Hysterie wankende Olivia, die Lady ein Fashion Victim im schwarzen Reifrock und mit extravaganten Hüten – und in Strapsen hinreißend! Alexander Strömer gibt lustvoll die rachsüchtige Kammerzofe Maria (im Rockabilly-Kleid), die mit Sir Toby, Sir Andrew und Ljubiša Lupo Grujčić als Diener Fabian jenen sinistren Plan gegen Malvolio schmiedet. Wobei Robert Joseph Bartl als nie nüchterner Sir Toby und Matthias Franz Stein als „Ich will nach Hause“ wimmernder Sir Andrew als Doubles von Laurel und Hardy – inklusive Saloontänzchen zu „Jerusalema“ – auftreten: Zwei Herren dick und doof. „Er liebt Verkleidungen und Rollenspiele“, sagt Sir Toby über Sir Andrew. Na dann.

Fischer versteht es, Shakespeare zu aktualisieren, ohne sich zu weit von ihm zu entfernen und doch überkommene Geschlechterrollen aufzuzeigen. Bisexualität auszuleben ist in dieser Welt kaum mehr kontroversiell, dagegen kann man als Mann immer noch misogyne Frauenbilder propagieren. Ein Beispiel: Nicht einmal die frauenfeindliche Tirade des Herzogs  – „Frauen haben kleinere Herzen als Männer“ – kann Violas Gefühle trüben. Allein für Orsino dauert es etwas länger, sich diese einzugestehen, muss er sich doch damit abfinden, sich vermeintlich in einen Mann verliebt zu haben.

Alexander Strömer als Kammerzofe Maria, Bartl und Stein. Bild: © M.Schell

Szenenapplaus: Die Bill singt Astor Piazzolla. Bild: © Moritz Schell

Mit gefälschtem Brief getäuscht: Dominic Oley als Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Wer darf wen wie berühren? Was darf wer zu wem sagen? „Ich glaub, du musst mal wieder flachgelegt werden“, meint Sir Toby zu Nichte Olivia – das klingt von einem an den anderen männlichen Schauspieler adressiert schon ganz anders. Zu all diesen Irrungen und Wirrungen gehört ebenso Markus Koflers Seemann Antonio, der Sebastian rettete und bei Fischer als Flüchtlingsschlepper auftritt. Anno 2022 haben Liebeschwüre, Umgarnungen und Küsse zwischen Männern einen anderen, Vienna-Pride-Subtext als vielleicht ums Jahr 1600.

„Ich konnt‘ Euch so nicht lassen: mein Verlangen, / Scharf wie geschliffner Stahl, hat mich gespornt, / Und nicht bloß Trieb zu Euch / Auch Kümmernis, wie Eure Reise ginge … / Bei diesen Gründen / Der Furcht ist meine will’ge Liebe Euch / So eher nachgeeilt!“, so Antonio. Bleibt als einziger Vertreter toxischer Männlichkeit Dominic Oley als moralinsaurer, alsbald um Contenance ringender Malvolio, als der sich Oley jede nur denkbare Blöße gibt. Und immer wieder fällt, von verschiedenen Figuren gesagt, ein: Macht doch, was ihr wollt. Fazit: Das Publikum, darunter zwei Reihen ukrainischer Schülerinnen und Schüler, lachte bis beinah das Zwerchfell barst. Empfehlung: Schauen Sie sich das an!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QI9FYFf0bQQ           www.josefstadt.org

28. 4. 2022

Theater-Center-Forum: Arsen und Spitzenhäubchen

März 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Prückner inszeniert Boulevard at its best

Die Brewster-Familie schenkt Holunderwein aus: Lotte Loebenstein, Eszter Hollósi, Christoph Prückner (hi.), Günter Tolar, Simon Brader und Susanne Pichler. Bild: © Maria Steinberger

Dies Feuerwerk an kuriosen Einfällen, slapstickartiger Situationskomik und sprühendem Wortwitz sorgt für ein zwerchfellerschütterndes Bühnenvergnügen: Christoph Prückner hat im Theater-Center-Forum „Arsen und Spitzenhäubchen“ inszeniert (und selbst die Rolle des Teddy „Roosevelt“ Brewster übernommen) und zeigt damit Boulevard at its best. In Tagen wie diesen, zwischen Ukraine-Krieg und Coronavirus, tun zweieinhalb Stunden ausgelassenes Lachen von Herzen gut.

So befand’s auch das Publikum, das schon beim ersten Kredenzen des berüchtigten Holunderweins der Brewster-Schwestern zu kichern begann und die erste „Erlösung“ eines ihrer Gentlemen gleich mal mit Szenenapplaus bedachte. Die Story von Joseph Kesselrings makabrer Komödie aus dem Jahr 1941, von Frank Capra 1944 mit Cary Grant und Peter Lorre genial verfilmt, ist also bekannt: Die liebenswerten alten Ladys Martha und Abby Brewster haben es sich zur Aufgabe gemacht, einsame angegraute Herren als vermeintliche Untermieter anzulocken, um sie mit einer Mischung aus Wein und Arsen „Gott näher zu bringen“.

Um die Männer angemessen zu bestatten, schicken sie ihren verrückten Neffen Teddy, der sich für Präsident Theodore Roosevelt hält, regelmäßig nach Panama, wo er Schleusen für den Kanal aushebt, heißt: im Keller Gräber für Marthas und Abbys Mord-, für Teddy allerdings Gelbfieberopfer, eine Seuche, deren Ausbreitung das Staatsoberhaupt selbstredend verhindern will. Lange Zeit nichts davon ahnen Neffe Mortimer, ein verkorkster Theaterkritiker, und seine Verlobte Elaine Harper, die Pfarrerstochter von nebenan. Umso mehr fällt er aus allen Wolken, als er entdeckt, dass die Tanten im Keller nicht eine, sondern ein Dutzend Leichen haben.

Damit nicht genug, kehren auch noch der dritte Brewster-Neffe nebst seiner – hier – Chirurgin Dr. Hermine Einstein ins Haus zurück: Jonathan, psychopathischer, international gesuchter Serienkiller und von Einstein so oft gesichtsoperiert, dass er mittlerweile wie Frankensteins Monster aussieht. Logisch, dass die Lage eskaliert.

In Prückners Regie sitzt jede Pointe. Er hat ein fabelhaft spielfreudiges Ensemble versammelt, allen voran die Damen Lotte Loebenstein und Susanne Pichler als gütige Todesengel Abby und Martha, denen die regelmäßig vorbeischauenden Officers O’Hara und Klein (die Nachbarschaft beschwert sich, wenn Teddy mit seinem Signalhorn zur Attacke bläst), bescheinigen: „Sie finden immer ein Opfer, dem sie helfen können.“ Simon Brader spielt den ob seiner mörderischen Entdeckung bis ins Mark erschütterten Mortimer, der, während Eszter Hollósi als Elaine ihren Angedachten mit allen Mitteln aus der Reserve locken will, wahrlich andere Dinge im Kopf hat.

Christoph Prückner als Teddy und Eszter Hollósi als Elaine Harper. Bild: © Maria Steinberger

Anna Dangel als Dr. Hermine Einstein und Nagy Vilmos als Jonathan. Bild: © Maria Steinberger

Simon Brader als Mortimer mit Nagy Vilmos und Anna Dangel. Bild: © Maria Steinberger

Nagy Vilmos ist als totenblasser Jonathan eine furchteinflößende Erscheinung, „der totale Horror und er sieht auch noch so aus“, wie’s im Stück heißt, während Anna Dangel als ebenfalls weißgeschminkte Dr. Einstein sich auf eine fast clownesk zu nennende Performance verlegt hast. Die glattgegangene Geschlechtsumwandlung der trinkfreudigen nicht Schönheits-, sondern Schiachheitschirurgin lässt zwischen Jonathan und Hermine außerdem einiges an Liebespaar-Möglichkeiten offen.

Christoph Prückner gestaltet Teddys Charakter frei nach dem Roosevelt-Zitat „I care not what others think of what I do, but I care very much about what I think of what I do!“ Staatsmännisch streng und doch väterlich vergebend befiehlt er Generälen, Richtern und Wissenschaftlern, also der Verwandtschaft, und schön ist, wie Mortimer (Roosevelt bekam ihn 1906 als erster US-Amerikaner für sein Wirken als Vermittler im Russisch-Japanischen Krieg) ihm statt der Friedensnobelpreis-Plakette einen Teddybären überreicht – die Szene ein Einfall Prückners.

Im nostalgischen Bühnenbild von Erwin Bail, einem altväterischen Wohnzimmer mit Aussicht auf den Friedhof, in dem es blitzt und donnert, wenn unter dem Porträt von Arzneimittelforscher und Leichenexperimentator Großvater Brewster von ihm die Rede ist (Licht und Ton: Benjamin Lichtenberg), gelingt es Prückner aktuelle Akzente zu setzen. Etwa, wenn sich Teddy beim Entsorgen der Gelbfieber-Gentlemen eine pandemiesichere Maske aufsetzt, oder die Tanten ihm den Bären von Jonathan als Spion, der das Kapitol stürmen will, aufbinden.

Der zum Schluss auftauchende Mr. Witherspoon, Leiter des Sanatoriums Happyland, in das Mortimer Teddy und am besten auch die Tanten verbracht wissen will, ein Kabinettstück vom großartig kuriosen Günter Tolar, meint zu Mr. President Roosevelt, er habe eigentlich schon drei von der Sorte, „und jeder wirft dem anderen vor, die Wahl gestohlen zu haben“. Schließlich beschweren sich wie schon im Originaltext Martha und Abby, Jonathan wolle „einen Ausländer“ in ihrem unterirdischen Coemeterium unterbringen.

Martha und Abby mit einem ihrer Gentleman: Susanne Pichler und Lotte Loebenstein. Bild: © Maria Steinberger

Teddy auf dem Weg nach Panama: Christoph Prückner mit Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Elaines Liebesanfall trotz Leiche in der Truhe: Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Johannes Sautner und Benjamin Lichtenberg als Officers O’Hara und Klein; Mitte: Simon Brader. Bild: © Maria Steinberger

Denn das Treiben wird immer toller. Jonathan hat auf dem Rücksitz seines Fluchtautos den dank seiner abgelebt habenden Mr. Spinalzo liegen und wittert nun die Chance, den unerwünschten Fahrgast in der für der Tanten neuesten Dahingeschiedenen, Mr. Hoskins (TCF-Direktor Stefan Mras röchelt sich durch den Kurzauftritt), ausgehobenen Schleuse zu entsorgen. Zwischen Zwischendepot Truhe und der geplanten letzten Ruhestätte entspinnt sich ein Leichen-wechselt-euch-Spiel, das Mortimer an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Dazu kommt’s zwischen dem Gewaltverbrecher und den in die Jahre gekommenen Jungfern zu einem Wettstreit, steht doch die Bilanz derer, die wegen ihnen das Zeitliche gesegnet haben, zwölf zu zwölf. Ein dreizehntes Opfer muss her! Ein weiterer von der Ödnis seines Daseins zu rettender Greis oder doch lieber Mortimer? Fatal, dass der so brave wie begriffsstutzige Officer O’Hara (Johannes Sautner begleitet von Benjamin Lichtenberg als fußmarodem Officer Klein als waschechte Knallchargen) die von Jonathan und Dr. Einstein zauberkünstlerisch vorgeführte Fesselung und Knebelung Mortimers für das Demonstrieren einer Theaterszene hält.

Noch fataler, dass O’Hara ein verkappter Dramatiker ist, oder sich zumindest für einen solchen hält, und den dreien sein selbst geschriebenes, grottenschlechtes Drama in x-Akten darbietet. Aber immerhin: Akt vier bringt die Gangster zum Einschlafen, worauf Mortimer sich aus seiner misslichen Lage befreien kann. Das von Christoph Prückner und Team gezeigte Ende entfernt sich weit vom Hollywood-Schmus, erklärt sich doch die nächste Generation bereit, die Familientraditionen fortzusetzen. Auftreten Eszter Hollósi und Simon Brader mit nun auch bleichen Gesichtern. Was bedeutet schon „normal“, wenn man ein Mords-Gen hat? Ein Gläschen Holunderwein, Mr. Witherspoon?

„Arsen und Spitzenhäubchen“, dieser Evergreen des schwarzen Humors, von Prückner mit viel Fantasie um Seitenhiebe auf eine groteske Gegenwart erweitert (die USA befanden sich zur Entstehungszeit des Stücks in einem ähnlichen Konflikt wie die EU heute, ein Krieg mehr oder minder weit weg – und die Frage, ob man abwarten oder sich einmischen soll), erzielt seine komischen Effekte aus dem bizarren Gegensatz biederer Kleinbürgerlichkeit und dem blanken Entsetzen – im Theater-Center-Forum in Szene gesetzt als übermütig überdrehte Parodie auf so ziemlich sämtliche Krimi- und Horrorfilmklischees.

Zu sehen bis 19. März

www.theatercenterforum.com

  1. 3. 2022

Theater in der Josefstadt: Rechnitz (Der Würgeengel)

Januar 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tanz der Nazi-Vampire

Sona MacDonald. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „Zu Asche, zu Staub“, den Hit aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“, wo ihn die mysteriöse Severija performte: „Du bist dem Tod so nah / Und doch dein Blick so klar / Erkenne mich, ich bin bereit / Und such‘ mir die Unsterblichkeit …“ Sprechen wird Sona MacDonald nicht, sie bleibt beinah zwei Stunden ohne Sprechtext, bevor sie am Ende vor dem Vorhang Zeugnis ablegt. Bis dahin ist die glatzköpfige Schönheit der

Geist der Vergangenheit, eine Endzeitdiva, eine Vampirin (der Eindruck bestätigt sich, als sie einmal Tamim Fattal in den Hals beißt) – eine Spiegelung jener Gräfin Margit Batthyány, auf deren burgenländischem Schloss in der Nacht vom 24. auf den Palmsonntag 25. März 1945 ein Gefolgschaftsfest stattfand. Die Rote Armee rückt näher, da will man sich einmal noch amüsieren, und so lösen sich kurz vor Mitternacht 15 Personen von der Party, um im Kreuzstadl 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter zu erschießen, zu erschlagen, zu verscharren – das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Dies Massaker hat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ dramatisch aufbereitet. Wie stets hat sie eine Textfläche verfasst, Botinnen und Boten berichten vom Vorgefallenen, widersprechen sich, wissen’s auch nicht so genau.

Seit der Uraufführung durch Jossi Wieler 2008 hat man „Rechnitz“ nun schon einige Male gesehen, und die meisten Inszenierungen hangelten sich an der Wieler-Arbeit entlang. Jetzt hat Regisseurin Anna Bergmann, die an der Josefstadt schon „Fräulein Julie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15214) und „Madame Bovary“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28773) realisierte, einen ganz anderen, außergewöhnlichen Blick auf das Werk geworfen. Sie hat zum einen die Botinnen und Boten zu Typen gemacht: ein Waffenmeister, ein SS-Mann, ein Nazi-Bonze, ein Priester, eine Society-Lady, Köchin, Magd, Chauffeur, Fleischhauer, Oliver Rosskopf als der örtliche Gestapo-Führer Franz Podezin, Götz Schulte als Gutsverwalter Hans Joachim Oldenburg, Dominic Oley als Ehemann Graf Ivan Batthyány …

In der Szene „Eine Vorstadtsiedlung“ hat sich schon die Ur-Wiener Nachkriegsgemütlichkeit breitgemacht. Mit Käsekrainern am Kugelgrill und Robert Joseph Bartl als populistischem Politiker samt Rauhaardackel, der sein „So sind wir nicht“ erklärt, und hofft, „dass die bloß nix ausgraben“. Oder Dominic Oley, Oliver Rosskopf und Götz Schulte als den „Hiesiegen“, denen die bekannte Textstelle: „Es können nicht alle Opfer sein!, jemand muss auch Täter sein wollen, bitte melden Sie sich, wir brauchen jeden Täter, den wir kriegen können, denn dann können wir uns selbst dazurechnen, ohne dass man es merkt …“ nachgeboren, unschuldsvermutend von den Lippen perlt.

Tamim Fattal und Michaela Klamminger. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „El male rachamim“. Bild: © Philine Hofmann

MacDonald, Elfriede Schüsseleder und Michaela Klamminger. Bild: © P. Hofmann

Dies der Bergmann zweiter Streich, ihre Spielfassung gliedert den Text in vier Bilder, „Das Fest“, „Die Dienstbotenküche“, „Das Massengrab“, eben „Eine Vorstadtsiedlung“ und einen Epilog für die MacDonald – doch wenn man eine derart grandiose Sängerin an der Seite hat, wäre es eine Schande sie nicht singen zu lassen. Bühnenbildnerin Katharina Faltner hat ein sich drehendes Rundpodest gebaut, die oftmals gewechselten Kostüme sind von Lane Schäfer, in der Mitte Sona MacDonald in Gottesanbeterinnen-Grün, und rund um sie shaken und schütteln sich die Zombie-Blutsauger im Danse Macabre. Tanz der Nazi-Vampire! Ein erstes der folgenden überwältigenden Bilder. Ein Näherrücken-Lassen des Publikums an die Banalität des Bösen, wird doch die Jelineck’sche abstrakte Distanz, die reflexive Ruhe ihrer „Boten“ zum Geschehen durch diese Spielart bis zu einem gewissen Grad ausgehebelt.

Agiert wird intensiv und expressiv. Jede Szene hält für jede Darstellerin, jeden Darsteller – außer MacDonald – eine neue, albtraumhafte Karikatur bereit. Elfriede Schüsseleder ist mal Professorin, mal Köchin, Michaela Klamminger mal Fernsehmoderatorin, mal Magd. Tamim Fatal ist mal Fleischhauer mit blutiger Schürze, dann anrührend das Mordopfer Nikolaus W., dem fröhlich ein Grab geschaufelt wird, in dem der „hohle Mensch“, entleibt seiner Menschenwürde, dem Nichterinnern anheimgegeben, lebendigen Leibes versinken möge. In der Dienstbotenküche singen alle gemeinsam „Is schon still uman See“. Dann senken sich von oben an ein Schlachthaus gemahnende Plastikplanen herab, hüllen die Manege des Grauens ein. Durch die rotmilchigen Folien sieht man einen nackten Männerkörper an einem Fleischerhaken, er zappelt, windet sich, stöhnt.

Das Ensemble beim Untotentanz. Bild: © Michaela Mottinger

Jagdgesellschaft: Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Michaela Klamminger und Oliver Rosskopf. Bild: © Philine Hofmann

Götz Schulte, Dominic Oley, Robert Joseph Bartl und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald, Tamim Fattal, mit den Schaufeln: Götz Schulte und Dominic Oley. Bild: © Philine Hofmann

Es naht die Zeit der Abschüsse. Sona MacDonald, die brillante Performerin kann auch Oper. Zu „Wie nahte mir der Schlummer“ und „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“ aus dem „Freischütz“ kommt die Flinte zum Einsatz. Drei Notenzeilen, drei Mal Anlegen – KlickKnall. In einem fulminanten letzten Auftritt findet Sona MacDonald endlich ihre Sprechstimme, da steht das Schloss schon in Flammen, um die Beweise zu vernichten, und der Daimler zur Flucht bereit. „Ertrage mich jetzt, liebes Land“, fordert die Kriegsverbrecherin von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Dann die MacDonald auf großer Leinwand, ein stiller Schluss nach all dem vor wütendem Zynismus bebenden Remmidemmi. Sie wandert über den Rechnitzacker zum Kreuzstadl, unterwegs liest sie sterbliche Überreste der Opfer auf, es sind nur noch Knochenfragmente. Auf der Bühne bettet sie sie auf einen Tallit. Sie singt „El male rachamim“, ein Gebet für Begräbnisse, Gemeuchelte der Shoa und dieser Zeiten auch Terroropfer. Welch eine Aufführung, welche ein eindringlicher Appell gegen kollektives Schweigen und lautstarkes Verdrängen. Einmal wirft Elfriede Schüsseleder den Satz in die Arena: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Das ist zwar aus Brechts „Arturo Ui“, deswegen nicht weniger wahr.

Anna Bergmanns Trauerarbeit, die der Jelinek ihr Debüt an der Josefstadt bescherte, überzeugt durch Klugheit, Einfallsreichtum und großem Respekt vor dem Werk der Literaturnobelpreisträgerin. Bergmann hat Jelinek gelesen, neu gelesen. Das exzellente Ensemble, dass sich in seinen Rollen immer wieder selbst erschießt, nur um als Wiedergänger um die nächste Ecke zu biegen, denn solcherart weiß Jelinek, weiß Bergmann stirbt nicht aus, tut das Übrige. Es mag dies der Beginn der etwas anderen Jelinek-Rezeption sein. Und nachdenklich auf dem Nachhauseweg sinniert man über den Spießrutenlauf beim Hinweg zum Theater. Samstag war’s, Corona-Maßnahmen- und Impfgegner-Demonstration am Ring. 27.000 Teilnehmende samt rechtem, nein: nicht Rand, rechter Mitte am historisch missbrauchten Heldenplatz. Und auf dem Podium kreischend geifernd … tja, ja …

www.josefstadt.org           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ahb-OZfVFrs

  1. 1. 2022

Theater in der Josefstadt: Medea

September 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik mit einer gnadenlos guten Performance

Sandra Cervik als Medea. Bild: © Astrid Knie

Es ist dies der Abend der Sandra Cervik. Wie sie ihr Gefühlsbrodeln lange Zeit unterdrückt, um die Ratio walten zu lassen, wie der Zorn, die Verzweiflung plötzlich aus ihr bricht, wie sie dem Publikum die entblößte Schmerzensbrust darbietet, die Barbarin der zivilisierten Gesellschaft. Wie sich Kolchis‘ zauberkundige Königstochter schließlich auf ihre Sitten und Riten besinnt, einen Insektenschwarnm entfesselt und Kreusa unter einer Blutdusche zu Tode bringt, das ist grandiose Kunst.

Am Theater in der Josefstadt inszenierte Elmar Goerden „Medea“, keine Überschreibung wie im TAG (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36752), keine Neuschreibung wie am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048), und doch Grillparzer 2.0. Mit Joseph Lorenz als Jason und Michael König als Medeens Amme Gora scheint einem die Besetzung anfangs ungewöhnlich, doch – Wolfgang Hübsch gibt den Kreon, Katharina Klar die Kreusa – der Schein trügt, sie ist schlichtweg ideal.

Leicht ließe sich der Stoff aufs Aktuelle anspielen, aufs Flüchtlings- und Fremdsein,

auf Heimat und sozialen Halt, auf Asylsuche und allüberall Anecken angesichts der Unkenntnis von Korinths Gesetzen. Doch Goerden will seine Arbeit für derlei nicht Echokammer sein lassen. Wiewohl der Widerklang als Bassline mitschwingt, zeigt er in seinem Kammerspiel einen fatalen, ins Handgreifliche ausartenden Ehekrieg, in dem einer den anderen auffordert: „Gib‘ mir mich zurück!“

Auf der zumeist kahlen Bühne von Silvia Merlo und Ulf Stengl, mal ausgestattet mit schilfgesäumtem Pool samt funktionstüchtiger Brause – zum Abkühlen der Gemüter, jede und jeder steht da drunter, mal mit Medeas Kartonhäuschen, legt Goerden den Fokus auf zwei aneinander gefesselte Schicksale, deren eines sich zum Besseren wenden wird, sobald das andere besiegelt ist. Cervik und Lorenz agieren wie in einem Druckkochtopf, an dem schon das Ventil pfeift, eindreiviertel Stunden kurz, zwei Leben auf die Essenz reduziert.

Als bewusst jenseits des üblichen Heldenalters gewählte Besetzung geben sie der Beziehung von Medea und Jason Bodenhaftung, man ist in den Jahren des Beisammenseins gemeinsam älter geworden, hat sich in Schuld verstrickt, gestritten, versöhnt. Die Liebe, eine fast animalisch zu nennende, brennende Leidenschaft, Goerden zeigt sie an den ekstatischen Küssen der beiden. Doch, wie gesagt: Die Ratio ist noch das Gebot der Stunde, aber alsbald abgelöst von Rache und Raserei – das Ende einer Ehe, dargeboten mit einer Intensität, die sticht und trifft. „Ich kann nicht mehr“, wird er dann sagen, und sie erwidern: „Du nahmst mich einfach, wie ich war, bitte behalte mich, wie ich bin.“

Wolfgang Hübsch, Katharina Klar, Sandra Cervik, Johnny Waldeck, Moritz Hammer und Joseph Lorenz. Bild: © A. Knie

Charakterstudie mit dünnen Zöpfen: Michael König als Amme Gora und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Konfrontation der Königstöchter: Sandra Cervik und Katharina Klar als Kreusa. Bild: © Astrid Knie

Sandra Cervik, Joseph Lorenz, Wolfgang Hübsch und Katharina Klar. Bild: © Astrid Knie

Ein Glück. Goerden hat Grillparzers Medea dieses Moment hinzugefügt. Auftritt Cervik zunächst Zähne putzend, aus der Thermoskanne trinkend, seltsam abgeklärt und sich – ganz „Magd“ – nicht ohne Sarkasmus andienend: „Ich will ja tun, was ihr mir sagt, nur was …“ Das von ihm verabscheute Kopftuch wird ihr Jason-Lorenz als Erstes vom gekräuselten Haar reißen, in Griechenland ist es weder passend noch empfehlenswert. Nicht nur darob lamentiert Michael König als Amme Gora, König, dem es mühelos gelingt, an Gender-Ideen vorbeizudribbeln. Seine Gora ist keine schrullige Travestienummer, sondern eine moralische Instanz, eine warnende Stimme, letzter Halt und Verankerung an Kolchis. Eine Vaterfigur, Königs fulminante Charakterstudie.

Und, apropos König: Wie Kostümbildnerin Lydia Kirchleitner die Gora mit Folklore-Look und dünnen Zöpfen versehen hat, so erscheint Wolfgang Hübsch als gutgelaunter Korintherkönig Kreon im Freizeitoutfit Hawaiihemd und Panamahut. Oh, wie schön ist’s am Isthmus! Jovial, rotbackig und Eis essend hat der eiskalte Politiker den Paradeschwiegersohn alsbald ins Visier genommen. Hübsch muss die Brutalität dieses kalkulierenden, auf Goldene Vlies scharfen Rechners gar nicht eigens ausstellen, man glaubt sie ihm sowieso.

Die Sache ist für ihn so klar, wie Schauspielerin Katharina Klar als Kreusa, die großartig rotzfrech zwischen majestätischer Göre, Frauensolidarität und von Medeas Söhnen vergötterter Stiefmama changiert. Die Buben hat sie sich mit Konsumgütern schnell gekauft. Mit Palmwedeln und Akkordeontönen zwingt Jason sie den Kreon zu begrüßen, sehr zum Ärger von Muttertier Medea, und zu den ungelösten Geheimnissen der Regie zählt, neben Klars Zottelbärenkostüm und einem Blowjob, den Kreon als Medeas Abschiedsgeschenk missdeutet, warum der jüngere im Rollstuhl sitzen muss – es sei denn, da Mermeros mehr der Mutter, Pheres mehr dem Vater ähnelt, es wäre dies ein Hinweis auf Jasons vererbte empathische Verkrüppelung, die durch den Sohn an den Tag tritt.

Feinziselierer Goerden hat Grillparzers Figuren tiefenpsychologisiert, modern mag man das nennen, ohne dass es aufdringlich gewirkt hätte, Medeas frühfeministischer Monolog über ihr Frau-Sein: „Was“, fragt die Cervik, „zu viel geredet oder zu laut?“ Auch Joseph Lorenz durchmisst die Emotionenskala, kann im Sorgerechtsstreit grausam, flehentlich, kaltherzig sein – „Ich bring‘ dich um, wenn du nicht gehst“, zischt er Medea im Vorbeigehen zu – und bei der Klar beherzt zupacken. Der geschmeidige Schnitzler-Spieler (beide eben noch in „Der Weg ins Freie“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47389) präsentiert hier eine andere Facette seines Könnens.

Der Ehekrieg und Sorgerechtsstreit …: Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

… wird zum Flehen um die beiden Söhne: Joseph Lorenz und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Kaum größer als eine Hundehütte: Sandra Cervik und Michael König vorm Kartonhäuschen. Bild: © Astrid Knie

Der Bub ist tot: Michael König, Moritz Hammer, Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

Einen toxisch-männlichen Egoisten, einen so selbst- wie ungerechten Jason, keifend und in Sekunden von Null auf 180, einen, bei dem bereits der Herzkasperl anklopft, und der punkto Kreusa in romantisierter Nostalgie schwelgt. „Da war ich zwölf Jahre alt“, begehrt diese auf, und macht damit Fragen nach dem Altersunterschied platt; Katharina Klars Kreusa, man glaubt ihr nicht wirklich, dass sie den Jason mit Freuden heiratet. Zur Ratio gesellt sich die Staatsräson.

Und einmal noch die Cervik, die spielt, mit einem wie Drachenschuppen aussehenden, archaischen Schulterbranding, als holte sie ihren den Blicken verborgenen Grund der Seele ins Rampenlicht. Was eine Szene, in der sie versucht, Kreusa Jasons und ihre Passion zu erklären, wie sie ihm – von Kreusa mit High Heels und Lingeriehemdchen verkleidet, welch Inbegriffe von Zivilisation!, Leonard Cohens „Dance Me to the End of Love“ zuwispert, wie sie der gemeuchelten Kreusa die blondgelockte Perücke als Trophäe vom Kopf reißt, wie sie ihr Hundehütten-kleines Kartonhäuschen jenem Erdboden gleichmacht, auf dem für sie kein Platz sein soll. Herzzerreißend ist das, von Leid und Irrsinn umzingelt einen Hauch overacted.

Zum Song „A Horse With No Name“ von America kommt’s zum Äußersten, zum Kindsmord unterm Würfelhimmel und in aller Stille. Blackout. Dann: Eine Geburtstagsparty mit Kerzen auf dem Guglhupf, und alle sind sie wieder da, Mermeros und Pheres, Opa Kreon, Oma Gora, Tante Kreusa, Mama und Papa. Medea und Jason. Ein Traumbild einer heilen Welt. Nach dem antinaturalistischen Dekor und der künstlich überhöhten Ästhetik der Aufführung eine letzte Überraschung von Elmar Goerden. Manche im Publikum hat’s irritiert. Viel Applaus gab’s dennoch für alle, extra Jubel für Sandra Cervik.

Video: www.youtube.com/watch?v=ZQ0xGHuX5Fg           www.josefstadt.org

  1. 9. 2021