Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

www.josefstadt.org

  1. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Saison 2019/20

Mai 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claus Peymann inszeniert Thomas Bernhard und Martin Vischer kommt vom Burgtheater

Herbert Föttinger präsentierte das Programm der Saison 2019/20. Bild: Jan Frankl

„Alle haben mir gesagt, ich muss ganz ruhig bleiben und darf nicht schimpfen“, hatte sich der stets streitbare Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger für den heutigen Vormittag und die Präsentation des Programms 2019/20 zumindest fix vorgenommen. Dass er, was ersteres betrifft, naturgemäß versagen musste, war klar, als er das Gespräch bereits eingangs statt auf die bevorstehenden Premieren auf die österreichische Kulturpolitik brachte.

Und zwar mit den Hinweis, durchaus Verständnis dafür zu haben, dass sich derzeit „alles ums Volkstheater und die dort fehlenden drei Millionen dreht“, dass aber auch sein Haus bei Subventionen in der Höhe von 14,8 Millionen Euro realiter um 3,5 Millionen unterdotiert sei. Was ihm Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, für die Föttinger „eine Lanze brach“, in einer Unterredung nicht nur bestätigt, sondern auch versichert hätte, sie werde für die Valorisierung und eine Sockelerhöhung der Wiener Bühnen kämpfen. Was den Verantwortlichen des Bundes, Minister Gernot Blümel, betrifft, so findet es Föttinger „befremdlich“, dass dieser es in eineinhalb Jahren noch nicht einmal geschafft habe, in der Josefstadt zu Gast zu sein. Föttinger: „Ich empfehle Herrn Blümel eine der letzten drei Vorstellungen der ,Reise der Verlorenen‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29430), das ist ein empathisches Stück über Flüchtlinge, das müsste ihm doch liegen.“

Dass es Ähnliches künftig vielleicht gar nicht mehr geben wird, sei finanziell begründet: „Das neue Programm ist kein Sparprogramm, aber wir werden auf Stücke mit so vielen Mitwirkenden verzichten müssen“, sagte Günter Rhomberg, der Vorsitzende des Stiftungsvorstands. Bevor’s nach dem bisschen Polemik um den Spielplan ging, nannte der kaufmännische Geschäftsführer Alexander Götz noch erfreuliche Zahlen: Die Gesamtbesucherauslastung der Josefstadt und der Kammerspiele liegt derzeit bei 89 Prozent, womit die laufende die bis dato beste Saison sei, die ökonomische Auslastung liegt bei 70 Prozent, die Eigenfinanzierung bei 40.

Was die Premieren betrifft, so setzt das Theater in der Josefstadt auch weiterhin auf die Pflege heimischer Literaten und Dramatiker, man ist gewillt wie bisher Flagge zu zeigen und strikt für Humanismus und Empathie einzutreten. Das macht sich auch im Spielplanheft bemerkbar, für das Peter Turrini und Silke Hassler diesmal Sprüche wie „Hier arbeiten einige links-Linke. Im Parlament sitzen etliche rechts-Rechte“, „Der allerneueste Klimawandel: Vom Mitgefühl zur Gleichgültigkeit“ oder „Demokrat ist noch kein Schimpfwort“ beigesteuert haben.

Die Reise der Verlorenen: Ensemble. Bild: Sepp Gallauer

Matthias Asboth, Herbert Föttinger, Günter Rhomberg und Alexander Götz. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Theater in der Josefstadt

Die Strudlhofstiege am 5. September: Die Uraufführung des großen österreichischen Romans von Heimito von Doderer stellt die Fortsetzung des Österreich-Schwerpunkts dar. Doderer siedelt seinen Roman knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und bald nach dessen Ende an. Föttinger: „In seiner Bühnenbearbeitung dehnt Nicolaus Hagg die Geschehnisse bis 1945 aus, und zeigt eine Zwischenkriegszeit, in der eine Apathie, der Rückzug aus dem Politischen gewisser gesellschaftlicher Kreise anderen Kräften Raum gab, um an die Macht zu kommen. Das hat etwas sehr Zeitgenössisches, wenn man die jetzige Opposition betrachtet.“ Es inszeniert Janusz Kica, das vom Burgtheater ans Haus kommende neue Ensemblemitglied Martin Vischer ist als René Stangeler zu sehen.

Einen Jux will er sich machen am 10. Oktober: Stephan Müller, der derzeit mit „Der Besuch der alten Dame“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30004) einen großen Erfolg feiert, inszeniert, die Couplettexte werden vom österreichischen Autor Thomas Arzt neu geschrieben, der einen Blick auf das Schicksal der „Handlungsdiener des 21. Jahrhunderts“ und deren 12 Stunden-Arbeitstage werfen wird. Es spielen die Neuzugänge Robert Joseph Bartl und Julian Valerio Rehrl.

Rosmersholm am 7. November: Ulf Stengls Überschreibung von Henrik Ibsens Stück zeigt hochaktuell den politischen „Kampf“ und wie Wut und Verbissenheit politischer Kontrahenten in einer Katastrophe münden können. Wo es bei Ibsen noch ein Vorstoß demokratischer Ideen auf ein konservatives Werteverständnis ist, wird bei Regisseur Elmar Goerden der Angriff von einer populistischen, antidemokratischen Bewegung ausgehen, die die Grundwerte einer liberalen, offenen Gesellschaft erschüttern will. Herbert Föttinger ist in der Uraufführung als Johannes Rosmer zu sehen.

Der Kirschgarten am 5. Dezember: Für die renommierte Theater- und Opernregisseurin Amélie Niermeyer wird Tschechows letzte Tragikomödie die erste Inszenierung am Theater in der Josefstadt sein, und man hofft, so Föttinger, auf weitere Zusammenarbeit. Sona MacDonald spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, Raphael von Bargen den Unternehmer Lopachin. Otto Schenk wird die Rolle des Firs übernehmen. Föttinger: „Ich bete zu Gott, dass es ihm gut geht. Es wäre sehr schön, wenn wir seinen 90. Geburtstag mit dieser Rolle feiern könnten.“

Zwischenspiel am 30. Jänner: Schnitzler ist für die Josefstadt traditionell ein Fixstarter. Der vom Burgtheater zurückkehrende Peter Wittenberg inszeniert das Ehedrama, Maria Köstlinger und Bernhard Schir spielen.

Geheimnis einer Unbekannten am 12. März: In seiner berühmten Novelle „Brief einer Unbekannten“ zeichnet Stefan Zweig mit viel Fingerspitzengefühl die Psychologie einer Frau, die ihr Leben lang im Verborgenen geliebt hat. Oscarpreisträger Christopher Hampton wird diese Meistererzählung für die Bühne bearbeiten und auch für die Regie verantwortlich sein. Es wird – nach der Uraufführung seiner Bühnenrealisierung von „Eine dunkle Begierde“ – seine zweite Regiearbeit im Theater in der Josefstadt sein, die mit Martina Ebm und Michael Dangl besetzt ist. Die deutschsprachige Übersetzung der Uraufführung besorgt Daniel Kehlmann.

Das Konzert am 2. April: Hermann Bahrs Komödie ist ein österreichischer Dauerbrenner, der das Publikum seit fast hundert Jahren begeistert. Es inszeniert Janusz Kica, Herbert Föttinger und Sandra Cervik sind als Ehepaar Heink zu erleben.

Ein Fest für Boris am 28. Mai: Bernhard und Peymann – eine künstlerische Verbindung, die Theatergeschichte geschrieben hat, findet in der Josefstadt ihre Fortsetzung. Dass der Regisseur, der das Haus in seiner Wiener Zeit „das Schlaf- und Schnarchtheater der Stadt“ nannte, nun ebendort das Stück inszeniert, das er 1970 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt hat, freut Föttinger besonders. Föttinger über den zuletzt während seiner Akademietheater-Inszenierung von „Die Stühle“ erkrankten Ex-Burg-Chef: „Ich freue mich sehr, dass er bei uns ist. Ich glaube, es geht ihm schon besser.“ „Die Gute“ wird Ulli Maier spielen.

Die Migrantigen – der Film: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović als Benny und Marko. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Der Besuch der alten Dame: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Kammerspiele

Die Migrantigen am 7. September: Eine Wiener Migrationskomödie hat Herbert Föttinger zum Saisonauftakt in den Kammerspielen in Auftrag gegeben. Arman T. Riahis charmanter Film „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) stand Pate für dieses neue Theaterstück, das der Filmemacher gemeinsam mit seinen Hauptdarstellern Aleksandar Petrović und Faris Rahoma verfasst hat. Sarantos Georgios Zervoulakos wird die Uraufführung inszenieren, und nach dem Motto „No Blackfacing“ ein Schauspielerteam der zweiten und dritten Migrantengeneration, Luka Vlatković als Benny, Özaydin Akbaba als Oktay, die Bühne erobern, um mit Vorurteilen und Klischees aufräumen. Neuzugang Jakob Elsenwenger spielt den Marko.

Der Vorname am 3. Oktober: Folke Braband wird die Sitzkissenschlacht der überwunden geglaubten Beschränkungen und Beschränktheiten der französischen Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière inszenieren. Hochkomödiantisch streiten werden sich das neue Ensemblemitglied Michaela Klamminger, die Grazerin kommt vom Staatstheater Kassel nach Wien, Susa Meyer, Marcus Bluhm, Michael Dangl und Oliver Rosskopf.

Mord im Orientexpress am 21. November: Kein Geringerer als Ken Ludwig, Autor von „Othello darf nicht platzen“, hat Agatha Christies Meisterwerk für die Bühne dramatisiert und es geschafft, zusätzlich zur typischen Whodunit-Atmosphäre noch eine gewaltige Portion Humor zuzufügen.Werner Sobotka bringt die deutschsprachige Erstaufführung dieses Krimiklassikers auf die Bühne, Siegfried Walther ermittelt als Hercule Poirot.

Engel der Dämmerung. Marlene Dietrich am 6. Februar: Nach ihren „Billie Holiday“ und „Lotte Lenya“-Abenden setzen Torsten Fischer, Herbert Schäfer und Sona MacDonald die Reihe mit ihrer Uraufführung über das Leben des „Blauen Engel“ fort. Für Föttinger „eine Trilogie, die sich ruhig zur Tetralogie und darüber hinaus erweitern kann.“

Der Sohn am 27. Februar: Der Eltern-Kind-Konflikt von Florian Zeller steht in der Tradition jener Stücke, die das Programm der „neuen“ Kammerspiele prägen sollen: gut gebaute Well-Made-Plays, die sich durch einen komplexen, zeitgemäßen Inhalt definieren. In der Inszenierung der österreichischen Erstaufführung von Stephanie Mohr wird Julian Valerio Rehrl in der Rolle des Nicolas sein Debüt in den Kammerspielen geben.

Gemeinsam ist Alzheimer schöner am 23. April: Peter Turrini schreibt ein neues Stück zur Uraufführung in den Kammerspielen und zeigt ein Paar, das zwar sein ganzes Leben miteinander verbracht hat, einander aber in ihrer Demenz neu kennenlernt . „Ich habe heute erst mit ihm telefoniert und Turrini versichert, dass es nicht nur eine Komödie wird. Er will zeigen, dass Alzheimer kein besonders schöner Krankheitszustand ist – man merkt’s nur selber nicht mehr“, so Föttinger, der mit den Worten schloss: „Da Turrini ja von einem neuen politischen Fieber gepackt ist, wird es bestimmt auch ein gesellschaftskritischer Text werden.“

www.josefstadt.org

15. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Toulouse

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicker Scheidungskrieg mit Schusswaffe

Sona MacDonald und Götz Schulte. Bild: Moritz Schell

Alles ist in Schieflage, das schicke, schneeweiße Hotelzimmer hinterm Sandstrand, die Beziehung der beiden Protagonisten sowieso. Schnell wird aus dem spitzzüngigen Smalltalk ein verletzender Schlagabtausch, wie das Leben so spielt, wenn er nach 19 Ehejahren ein neues Glück mit einer jüngeren gefunden, sie aber die Scheidungspapiere noch nicht unterschrieben hat. So zu sehen in David Schalkos gallbitterer Tragikomödie „Toulouse“.

Die Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt als Österreichische Erstaufführung inszenierte. Zum Stück gibt es bereits einen Fernsehfilm von Regisseur Michael Sturminger mit Catrin Striebeck und Matthias Brandt. Auf der Bühne verkörpern jetzt Sona MacDonald und Götz Schulte die fast schon Expartner Silvia und Gustav, die sich auf ihren Wunsch ein letztes Mal in ihrem ehemaligen Liebesnest treffen. Zur ultimativ klärenden Aussprache. Wobei Gustav insgeheim auf Abschiedssex hofft, während Silvia von Anfang an einen Plan hat, der, am Ende enthüllt, dem Publikum thrillermäßig den Atem nimmt. Allein, mit dem Geschlechterclinch gibt sich Schalko nicht zufrieden, und so hat Gustav seiner neuen Frau, um ihr nicht sagen zu müssen, dass er zur alten fährt, die Lüge aufgetischt, er wäre in Toulouse bei einem Geschäftstreffen. Doch das Kongresszentrum, in dem Gustav angeblich eine Konferenz besucht, wird Ziel eines islamistischen Attentats, was dessen säuberlich konstruierte Schwindeleien gehörig ins Wanken bringt.

Es ist ein gewagter Gedankengang, das Geplänkel zwischen Silvia und Gustav mit einem Terroranschlag parallel zu führen. Schalko versucht aus dieser Verschränkung mehr als ein Vehikel für die Handlung zu machen, indem er das Politische als Vexierbild des Privaten ausstellt. Kaum geht der Gewaltakt durch die Medien, gilt Gustavs Sinnen nicht dem Leid der Opfer und ihrer Angehöriger, sondern einzig der Misere, in der er persönlich sich befindet, Silvias Schadenfreude wiederum ist es, ihn damit zu verspotten. So weit, so Schalko, der Mensch zwischen gesellschaftlicher Integrität und Individualisierung, so weit dessen wieder salonfähige Egomanie, die sich bestens in den eigenen Befindlichkeiten verhaftet, aber gegen Katastrophen, die andere treffen, immun ist.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Nun ist „Toulouse“ eingedenk berühmt gewordener Eheschlammschlachten kein großer Text, doch besticht er durch einige bissige Bonmots auf Grundlage treffender Paarbeobachtungen, die Ausnahmeschauspieler wie Sona MacDonald und Götz Schulte, den kennenzulernen allein der Besuch einer Vorstellung lohnt, selbstverständlich gewandt-sarkastisch zu servieren wissen. Dass Gustav permanent die Minibar plündert, „weil wir nüchtern immer zu streiten beginnen“, dass Silvia bei ihm einen Gin ordert, weil sie „Lust hat, etwas zu bereuen“, wirft ein prägnantes Licht auf diese verflossene Liebe. Gemeinsam spielen sie zwar die Spielchen zweier zutiefst Vertrauter, wenn er von ihr angestachelt zum tollpatschigen Herrenstriptease ansetzt, doch ist in jeder dieser lustvoll-schelmischen Sekunden zu merken, dass sie vor die Spielchen das Wort Macht- gesetzt hat.

Silvia hat den Schmerz über Gustavs Betrug zu ihrer Schusswaffe umfunktioniert, und jeder seiner Rausredesätze ist für sie neue Munition. Sie ist die Rachegöttin, die Parze, die alle Fäden zieht, und MacDonald gibt Schulte lasziv lächelnd kaltwarm, in der Körperspannung gleich einem Raubtier. Während Gustav – Schulte stattet ihn mit jener Berufsjugendlichkeit aus, die gar nicht merkt, dass der glänzende Lack längst blättert – wie ein bei einem Unfug ertappter Schulbub dasteht. Nur langsam steigt bei ihm die Ahnung auf, dass er in eine Falle getappt sein könnte. In den Zerstörungsmanövern ihrer psychologischen Scheidungskriegsführung schonen die beiden weder sich selbst noch einander. Gut lachen haben da nur die Zuschauer.

Sona MacDonald besticht mit sprunghaften Feindseligkeitslaunen. Kurz giert sie nach Gustav, merke: das Unglück Fremder macht geil, schon haut sie ihm die Fäuste um die Ohren. Die Gemütslage dieser Silvia kann sich innerhalb eines Satzes ändern, und MacDonald zeigt das sehr subtil, etwa, wenn sie Schulte ein „Ich finde dich unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme“ oder „Neben niemandem konnte man so gut allein sein wie neben dir“ an den Kopf wirft. Da kann er wenig kontern. Wenn Silvia hingegen den Verlust ihrer Weiblichkeit beklagt und dem Umstand zuschiebt, dass „Männer gierige Kinder sind“, versteht man, wie tief der Gram der kinderlos gebliebenen Ehefrau darüber sitzt, dass die Geliebte „schon nach zwei Wochen“ schwanger war.

Bild: Moritz Schell

Wie perfekt das Dialog-Timing von MacDonald und Schulte stimmt, ist schlicht beglückend, mit ihrer Darstellung gelingt die Kunst, ein, zwei Längen im Siebzigminüter elegant zu verkürzen. Schulte katapultiert Gustav bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs, und je aufgelöster der wird, je süffisanter sie. Im steilen Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos sind ihre seelischen Auf und Abs symbolträchtig angelegt.

Im Hintergrund laufen dazu immer wieder Nachrichtenbilder aus Toulouse, dazwischen Silvia und Gustav im Pool, aufeinander zu schwimmend, sich umarmend und küssend – eine Videoaufnahme aus romantischeren Zeiten. Wenn MacDonald anfangs allein als Schatten vor dieser Projektion steht, ist das von berührender Kraft. Zum Schluss wird Silvia plötzlich eine Pistole in der Hand haben, und wo eine solche ist, weiß man seit Tschechow, wird geschossen. Bald gibt es mehr zu bereuen, als nur den Gin, und durchaus zynisch zu nennen ist, wie Schalko nun den Toulouser Terroranschlag tatsächlich im ehelichen Attentat spiegelt. Beunruhigend zudem, in einem Hotel abgestiegen zu sein, in dem kein Concierge angerannt kommt, wenn eine Kugel knallt …

Video: www.youtube.com/watch?v=tcy4SB6-BSw           www.josefstadt.org

Rezension von David Schalkos aktuellem Roman „Schwere Knochen“: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 4. 2019

Theater in der Josefstadt: Jacobowsky und der Oberst

April 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einem Lachen den Leidensweg entlang

Je länger die Flucht, je größer die Verzweiflung: Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger und Pauline Knof. Bild: Sepp Gallauer

Die Bühne ist so dunkel, wie die Aussichten duster. Im Pariser Hotel „Mon Repos et de la Rose“, dieses wegen nächtlicher Flugangriffe der Nazis in Finsternis getaucht, lernen einander der jüdische Kaufmann Jacobowsky und der polnische Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky kennen. Man wird zur Schicksals- gemeinschaft, weil ersterer ein Fluchtauto kaufen, das zweiterer fahren kann – zumindest sährrr gut geradeaus. Beide wollen zu den Schiffen, die an der Atlantikküste ablegen.

Der eine, um dem Konzentrationslager zu entgehen, der andere, weil er seiner Exilregierung in London wichtige Papiere zu überbringen hat. Doch da die Charaktere unterschiedlicher kaum sein könnten, wird die Stimmung während der Reise zunehmend angespannter. Aus diesem Umstand bezieht Franz Werfels von ihm so genannte Komödie einer Tragödie „Jacobowsky und der Oberst“, 1941/42 im amerikanischen Exil verfasst und eine Verarbeitung eigener Fluchterlebnisse, sowie derer des polnischen Bankiers Jakobowicz, ihren Witz. Am Theater in der Josefstadt hat nun Janusz Kica das Stück inszeniert, schnörkellos, ganz auf die Kraft des Textes und der grandiosen Darsteller setzend, wobei er die Figur Jacobowsky zusätzlich von ihrem allegorischen Charakter befreit. Der in allen Aspekten geglückte Abend ist ein weiterer starker Beitrag zum Spielzeitmotto des Hauses: „Flucht und Heimatlosigkeit“.

Johannes Silberschneider und Herbert Föttinger gestalten das Gegensatzpaar. Silberschneider füllt seine Rolle mit jener verschmitzten Ironie, die einem das Lachen entlang ihres Leidenswegs erst ermöglicht. Jacobowsky hat gelernt, dem Schrecken mit Galgenhumor zu begegnen, also macht Silberschneider Werfels überidealisiertes Geschöpf zum menschlichen Wesen, durch die Art, wie er deren Aperçus in höchster Abgeklärtheit zum besten gibt. Man glaubt diesem lebenslang Vertriebenen, der sich zwischen weltlichem Zweckoptimismus und biblischem Todesrealismus eingerichtet hat, dass er, wie er sagt, will, dass sich alle wohlfühlen, damit er sich selber wohlfühlen kann. Jacobowskys Leitsatz von den stets vorhandenen zwei Möglichkeiten, ist gleichsam das Motto des Stücks, und Silberschneider spielt ihn als feinsinnigen, überlegten Logiker, der es mit Finesse versteht, sogar der Wehrmacht einen Kanister Benzin abzuluchsen.

Dass so einer vom entfesselten Temperament Stjerbinskys gefordert ist, versteht sich. Herbert Föttinger ist als Silberschneiders Antagonist ein kongenialer Widerpart, zunächst eitler Haudegen und charmanter Womanizer, der für jede Dame „in der Kathedrale seines Herzens“ eine Kerze brennen hat, latent antisemitisch und ein arroganter Anschaffer. Föttinger zieht als grantiger, auf Jacobowsky immer eifersüchtigerer Offizier alle Komödienregister, sein polnischer Kunstakzent trägt zum Gaudium bei, doch während Stjerbinsky erst noch wehleidig jammert sährrr schwärmüttig zu sein, gibt Föttinger der Figur mehr und mehr Kontur, als Stjerbinsky tatsächlich am Verlust seines Status und seiner Uniform, muss er sich doch als Zivilist tarnen, zu kranken beginnt. Dieser Stjerbinsky berührt in seinem seelischen Abstieg so, dass Föttinger am Ende dessen Katharsis plausibel vermitteln kann.

Matthias Franz Stein und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Herbert Föttinger und Johannes Silberschneider. Bild: Sepp Gallauer

So wie zwischen Silberschneider und Föttinger die Pointen sitzen, so verstehen auch Matthias Franz Stein als Szabuniewicz und Pauline Knof als des Obersts Geliebte Marianne diese zu setzen. Stein gelingt als ergebenem Pfeifendeckel perfekte Sidekick-Komik. Dass er sich auf der Flucht „nur keine Weiber“ wünscht, ist allerdings zwecklos, holt sein Befehlshaber doch auf der Fahrt zum Meer seine Liebste Marianne ab, und Pauline Knof ist ganz wunderbar als lieblich-naive Tagträumerin, bevor sie ihre Marianne zur einzig noch handlungsfähigen Person entwickelt. Je verzagter Jacobowsky wird, je schwächer der Oberst, umso stärker sie.

Nicht umsonst hat Werfel für sie den Namen der Nationalfigur der Franzosen gewählt, und so ist es nur folgerichtig, dass Knofs Marianne das Schlussbild gehört, in dem sie sich, schwarz gekleidet und mit Pistole im Anschlag, als Mitglied der Résistance ausgibt. Kica gelingen großartige Szenen, komisch, wenn sich Marianne und Stjerbinsky beim Wiedersehen ein hochtheatralisches Drama liefern, das Jacobowsky ob des lebensgefährlichen Zeitverlusts fassungslos kommentiert, tragisch, wenn der Oberst wegen einer Gestapo-Kontrolle zum Geisteskranken mutieren muss, den die „Gattin“ mithilfe des Aushilfsirrenwärters Szabuniewicz in die nächste Klinik zu bringen gedenkt. Auch diese Farce natürlich ein Trick, der Jacobowsky eingefallen ist.

Wie Janusz Kica mit Silberschneider, Föttinger, Knof und Stein detailreiche Charakterstudien erarbeitet hat, so tat er das ebenso in den zwei Dutzend Miniaturen. Wie es ein Markenzeichen des Ensembletheaters Josefstadt ist, ist die Produktion durchwegs luxuriös besetzt: mit Ulli Maier als resoluter Hotel-Chefin Madame Bouffier, Alma Hasun als leidenschaftlicher „leichter Person“ oder Gerhard Kasal als gutgläubigem deutschen Oberleutnant. Alexander Absenger ist als zynischer „tragischer Herr“ zu sehen, Johannes Seilern als sich unantastbar glaubender Membre de l’Académie Française, Siegfried Walther als um Ruhe bemühter Wirt Clairon, Therese Lohner als unnachgiebiges Mädchen Mariannes, Ginette, Patrick Seletzky als grausamer Gestapo-Mann.

Ulli Fessls „alte Dame aus Arras“ wird nicht umsonst ein „Kraftwerk an Panik“ genannt, Ulrich Reinthaller überzeugt als zwiespältiger britischer Agent, Michael Schönborn als Flic, der erst nach Dienstschluss mitfühlend werden darf. Ihnen allen bietet die Aufführung dank Kicas kluger Regie einiges an Entfaltungsmöglichkeit. Kica zeigt all das ohne krampfhaften Dreh ins Heute, sind Werfels Themen von Zukunft, die aus Zusammenhalt entsteht, und Vertrauen, das alle Feindseligkeiten überwindet, doch ohnedies zeitlos. Dass sich ohne viel geistigen Aufwand dennoch Assoziationen zur Gegenwart herstellen lassen, liest sich auch in einem Text Georg Stefan Trollers im Programmheft. Wenn der Autor dort über den Emigranten als, von den Staaten, in die er flieht, „Illegalen“, „Störfaktor“, „Parasiten“ gesehenen schreibt, kann man nicht anders, als an ein Österreich zu denken, dass es seit Kurzem wieder gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=nnlEZf2lC7g          www.josefstadt.org

  1. 4. 2019

Theater in der Josefstadt: Glaube und Heimat

Februar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sonntagsstaat unterm Herrgottswinkel

Die Heimatvertriebenen machen sich auf den Weg: Trommler Kyrre Kvam mit Ensemble, re.: Claudius von Stolzmann als Reiter des Kaisers. Bild: Moritz Schell

Spätestens, wenn Hausherr Herbert Föttinger im Anschluss an die gestrige Premiere Karl Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“ als Teil des Flüchtlings- und Vertriebenenzyklus ausstellt, der diese Saison das Theater in der Josefstadt prägt, ist klar, warum er’s auf den Spielplan gesetzt hat. In ideologisch aufgeheizten Zeiten ist es eine der Erwägung werte Wahl, um einen Riss zu zeigen, der auch gegenwärtig durch die Gesellschaft geht, politische Bigotterie und einen religiösen Fanatismus.

Die hier, im 1910 uraufgeführten Werk, das von der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 unter Ferdinand dem Gütigen angeregt war, ihre blutigen Schwerter übers Christentum schwingen. Allein, der Krieg um Glaubenssätze wird seit jeher für verschiedenste „Götter“ geführt. Schönherr selbst fiel jenen anheim, die Österreich „heim ins Reich“ holten, er ließ sich von ihnen für sein „blutechtes, bodenständiges Schaffen“ preisen und dichtete im April 1938 darob „Nun sind wir wieder ein gewaltiges Land …“ Vom Rechtgläubigen zum Rechtsgläubigen, was eine Nachfrage nach dem Anteil von Blut und Boden in Schönherrs Schaffen zumindest möglich machen würde. Regisseurin Stephanie Mohr hat indes gar keine gestellt, hat sozusagen interpretationsfrei und vom Blatt inszeniert, hat die Krone der Deutungshoheit von sich gewiesen und lässt somit sowohl ihr 18-köpfiges Ensemble als auch das Publikum auf der Suche nach Bedeutung allein. Derart versucht der Streit Scholle gegen Seele anno 2019 verzweifelt zu zünden.

Noch herrscht Übermut im Hause Rott: Raphael von Bargen, Swintha Gersthofer und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Die Sandperger unterm Herrgottswinkel: Roman Schmelzer und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Mohrs Arbeit ist wie ein Egger-Lienz, expressiv, kantig, wie beim Volksmaler monumentale Szenen und reduzierte Bilder nicht im Widerspruch zueinander – und doch letztlich gestrig. Das Bühnenbild von Miriam Busch und die Kostüme von Alfred Mayerhofer tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei: Wände, die die Bühne per Drehkreuz in vier Räume teilen, Bauernstuben mit Herrgottswinkel, Kruzifix, gestickter Heilsspruch und Madonnenbild, einmal sonnenhell tapeziert, einmal schwarz wie die Hölle, jeweils zwei Treppen, die ins Nirgendwo führen. Dazu sind die Darsteller in eine Art großbäuerlichen Sonntagsstaat gekleidet, enteignet werden kann nur, wer was hat, will das wohl sagen, wenn über aussteuervolle Truhen und besten Milchkühe verhandelt wird.

Was die Schauspieler allesamt ausdrucksstark und kraftvoll tun – allerdings mehr als Allegorien denn als wahrhafte Menschen: Raphael von Bargen, dem man den aufrechten, unbeirrbaren Christen Christoph Rott in jeder Sekunde glaubt, Silvia Meisterle, als hartleibige und doch herzensgute Rottin, so brillant wie nie, Michael König als moribunder Alt-Rott, der zwischen Katholizismus und Protestantismus schwankt, weil er im Grunde nur wünscht, in der Heimaterde und nicht auf dem Schindanger begraben zu werden, Swintha Gersthofer als unbändiger Spatz, der lieber in den Tod geht, als sich biegen und brechen zu lassen. Dies vor hat Claudius von Stolzmann als apokalyptischer Reiter des Kaisers, die in ihrer Ambivalenz wohl beste Rolle, hin und her gerissen zwischen blindwütiger Ausführung seiner Aufgabe und doch so etwas wie Anteilnahme für die Ausgestoßenen.

Nur mit einer Figur, einer von ihr dazu erfundenen, bricht Mohr ihre schwarzweiße Welt. Musiker Kyrre Kvam zeigt als Trommler eine clownsgesichtige Spukgestalt, die den Auszug der Landbewohner mit von ihm vertonten Texten von Andreas Gryphius und Rainer Maria Rilke begleitet. Es ist genau diese surreale Verfremdung, es kommt noch eine, in der die Bäuerinnen und Bauern wie im Totentanz reihum „Es kommt kein Trost“ ins finstere Zimmer schreiben, deren Häufung der Aufführung gutgetan hätte, um den Schönherr-Ton abzumildern und das in einen Kunstdialekt übertragene Tirolerisch zu konterkarieren. Stattdessen lässt Mohr, als der Bader, Oliver Huether, dem wassersüchtigen Alt-Rott Erleichterung verschafft, hörbar die Flüssigkeit aus dessen Bauch gluckern.

Rott schwört auf den neuen Glauben: Raphael von Bargen mit Claudius von Stolzmann, Michael König, Roman Schmelzer, Silvia Meisterle und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Eine letzte Auseinandersetzung mit dem Reiter des Kaisers: Raphael von Bargen, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Aus der Vielzahl der Charaktere stechen außerdem hervor: Gerhard Kasal als heimgekehrter Bruder Peter Rott, Roman Schmelzer als Sandperger zu Leithen ganz großartig vom Wahnsinn umzingelt und Nikolaus Barton als gieriger Englbauer in der Au, der die Höfe der Entrechteten für einen Spott aufkauft – auch dies geeignet gewesen für zeitgeschichtliche Gleichnisse. Elfriede Schüsseleder und Alexandra Krismer gestalten mit der Mutter der Rottin und der Sandpergerin zwei starke Frauenfiguren, wobei zweitere auch nach ihrer Ermordung durch den Reiter auf der Szene bleiben darf, während erste retten will, was nicht mehr zu retten ist. Lukas Spisser gibt einen zynischen Gerichtsschreiber, Michael Schönborn den mitfühlenden Schuster.

Ljubiša Lupo Grujčić und Susanna Wiegand sind als Kesselflicker-Wolf und Straßentrapperl die Synonyme dafür, wie unsolidarisch sich Mensch sogar dann verhalten, wenn’s ihnen selber zwar an den Kragen geht, sie einen anderen aber als noch „minderwertiger“ betrachten können, zumal der Wolf und das Trapperl die Katastrophe der anderen als ihr Glück verbuchen, nämlich durch die Wanderpapiere des Gerichtsschreibers endlich „richtige Leut‘“ zu werden. Eine Hackordnung unter Verfolgten, der mehr Aufmerksamkeit zu gönnen gewesen wäre. Dass die beiden ein Plastiksackerl und eine Zwei-Liter-Cola-Flasche mit sich tragen, ist allein noch kein Aktualitätsbezug. Zu den Konfliklinien der Gegenwart merke: Ein „Toleranzpatent“ ist kein Garantieschein für Aufgeschlossenheit, vor allem nicht für jene, die ständig wissen lassen, dass ihre Grenzen der Duldsamkeit des „Fremden“ ohnedies längst überschritten sind.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=sLApWOnB3xY

www.josefstadt.org

  1. 2. 2019