Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2018

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sich einfach in den Film fallenlassen“

Der Mann mit dem Messer. Philipp Hochmair spielt den Koch Nick. Bild: © Polyfilm Verleih / Wojciech Sulezycki

Freitag lief in den heimischen Kinos „Tiere“ mit Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr an. Als Nick und Anna wollen die beiden eine Auszeit in der Schweiz nehmen. Doch nach einem Unfall mit einem Schaf kommt alles anders. Der Tod des Tieres wird zum Ausgangspunkt einer schwarzen Komödie der Irrungen über die Rätsel von Liebe und Täuschung.

Und zu einem raffinierten Mindgame zwischen Wien und den Alpen. Seltsame Dinge geschehen im Ferienhaus, die scheinbar nur Anna wahrnehmen kann. Liegt es an dem Autounfall, den sie mit Nick hatte? Bildet sie sich das alles nur ein? Oder ist das alles nur ein Traum – und falls ja: Wer träumt ihn eigentlich? Dem in der Schweiz lebenden polnischen Regisseur Greg Zglinski ist mit „Tiere“ ein sehr besonderer Film gelungen; in den Nebenrollen brillieren Michael Ostrowski, Mona Petri und Mehdi Nebbou. Philipp Hochmair im Gespräch:

MM: Ehedrama, Psychothriller, Horrormärchen – wie würden Sie „Tiere“ beschreiben?

Philipp Hochmair: Der Film ist das alles, er entzieht sich vor allem jeder Kategorie, er ist also Drama, Komödie, Heimatfilm – alles gleichzeitig. Und das macht ihn für mich so besonders.

MM: Dies ist eigentlich ein unmöglich zu führendes Interview, denn man darf nicht ein Wort zu viel sagen, um die Pointe von „Tiere“ nicht zu verraten.

Hochmair: Genau … Mir haben aber auch schon Leute gesagt, sie hätte in dem Film nichts verstanden. Wir werden in diesem Interview dazu ermuntern, dass es nicht darum geht, den Film zu verstehen, sondern sich einfach in den Film fallenzulassen und ihn auf sich wirken zu lassen.

MM: Ich nehme an, all diese Vielschichtigkeiten haben Sie in dieses Projekt geführt?

Hochmair: Der Regisseur Greg Zglinski hat Birgit Minichmayr und mich als das zentrale Paar ausgewählt. Der Autor und ursprüngliche Regisseur des Films Jörg Kalt hat sich tragischer Weise vor zehn Jahren das Leben genommen. Damals stand das Projekt schon einmal vor Drehbeginn. Das zentrale Paar Anna und Nick gibt es auch in seinen anderen Filmen. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ waren es Simon Schwarz und Kathrin Resetarits. Simon Schwarz war also schon vor mir Nick, und Kathrin Resetarits Anna. Dieser Nick und diese Anna verkörpern bei Jörg Kalt  den Mann und die Frau die aneinander scheitern. Die sich suchen aber nicht finden. Weil sie vielleicht trotz ihrer Liebe nicht in der gleichen Welt leben …

MM: Das ist eine schöne Linie

Hochmair: … und dass immer wieder andere Schauspieler dieses Paar spielen, hat mich interessiert. „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ist mehr eine Komödie, die Manie und Heiterkeit. Hier in „Tiere“ haben wir die Depression als Gegenstück. Die Beschäftigung mit dem Menschen Jörg Kalt ist sicher auch ein wichtiger Zugang zu dem Film „Tiere“.

MM: Wie ist denn dieser Nick, den Sie spielen?

Hochmair: Wir befinden uns in einem Zwischenraum zwischen Tod und Leben. Eine Autofahrt Richtung Zukunft durch die Nacht in eine Auszeit, die eine Ehekrise lösen soll. Zwischen Lüge und Wahrheit. Nick ist mit seiner Beziehung zu Anna in einer Krise, und die beiden steuern auf eine Katastrophe zu. Er müsste sich ehrlich verhalten, aber das schafft er nur bedingt. Vieles, was passiert, kann auch nur in seinem oder ihrem Kopf passiert sein.

MM: Wie waren bei so einem verrätselten Film die Dreharbeiten?

Hochmair: Eigentlich ganz klassische Filmarbeit. Wir haben jede Situation ganz konkret genommen. Aber die Dreharbeiten waren in jeder Hinsicht besonders: ein besonderes Drehbuch, mit einem sehr besonderem Team, in besonderer Landschaft. Und es hat mir Spass gemacht, einen Koch zuspielen.

In der Schweiz soll es beschaulich werden: mit Birgit Minichmayr Bild: © Polyfilm Verleih

Doch es kommt ganz anders: mit Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Weil?

Hochmair: Ich leidenschaftlich koche. Jörg Kalt angeblich auch, das merkt man ganz deutlich an seinem Drebuch … Eine kleine Anekdote: Jörg Kalt, hat der Coop 99 – der Produktionsfirma des Filmes – einmal angeboten bei einem anderen Projekt, dem Film „Die Fetten Jahre sind vorbei“ als Koch das Film-Catering zu machen. Und hat, vor allem ohne sich als Regisseur oder Filmemacher aufzutreten, das Team ganz liebevoll bekocht. Das war für mich sicher auch ein Schlüssel zur Rolle „Nick“. Ich habe mich mit diesem Nick gut gefühlt. In Lausanne auf dem Berg leben, das Kochen, seine undurchsichtigen Wege … das konnte ich gut nachvollziehen. Ich habe selbst kurz davor auch in Lausanne gelebt und gearbeitet, habe dort meinen Werther-Monolog am Théâtre de Vidy auf Französisch produziert. Sicher auch deswegen ist die Rolle Nick trotz aller Verwirrung und trotz aller Fremdheit der zeitlichen Verwirrungen für mich sehr nachvollziehbar, konkret und persönlich.

MM: Apropos, Theater: Sie sind nicht nur mit „Werther“, sondern auch mit Ihrem „Jedermann Reloaded“ und mit Schiller-Monologen unterwegs, haben im Berliner Gropius-Bau Kafkas „Prozess“ gemacht. Am Theater lieber Solist?

Hochmair: Die Organisation von Staatstheatern, die oft Jahre im Voraus ihren Spielplan festlegen müssen, und von TV-Serien, wie zum Beispiel den „Vorstadtweibern“, oder internationalen Filmproduktionen, die sehr spontan planen,  lässt sich schwer vereinen. Das lässt sich im Moment für mich leider nicht so gut verbinden. Meine eigenen Produktionen wie „Jedermann-Reloaded“ oder „Werther“ sind da wie kleinen Ruderboote, die ich alleine ganz gut lenken kann. Ich war zum Beispiel gerade ein Monat in Kapstadt um zu Drehen, das wäre so mit einem fixen Theatervertrag nicht möglich.

MM: Aber Sie könnten Burgtheater und „Vorstadtweiber“ machen.

Hochmair: Das wäre natürlich eine gute Kombination … Aber so spiele ich an den Toren Wiens, nicht weit weg vom Burgtheater, in Bad Vöslau, im „Schwimmenden Salon“ von Angelika Hager jedes Jahr …

MM: Die „Presse“ hat Sie nach einem Auftritt dort einen „Bildungsbürgerpunk“ genannt. Passt das?

Hochmair: Gutes Stichwort. Ich versuche zwar wildes, innovatives, Theater zu machen, aber die Zuschauer sind lustiger weise doch das klassische Theaterpublikum, und nicht die 15- bis 18-Jährigen aus der Rapperszene. Ich habe gerade meinen „Jedermann“  im Linzer Posthof gezeigt, einem Ort für Rockkonzerte und ich dachte, da werden die jungen Massen strömen. Aber nein … trotz Rockband, trotz Techno bleibt es ja klassische Literatur, also auch bildungsbürgerliches Theater … Daher wahrscheinlich der „Bildungsbürger Punk“. Ich irritiere und animiere mit Mitte 40 eben eher meine Generation als ganz junge Leute.

MM: Wenn Sie nun so leicht verzweifelt die „Mitte Vierzig“ murmeln, wohin geht Ihr Wollen und Werden und Wirken?

Hochmair: Den Weg weitergehen, den ich gerade gehe. „Vorstadtweiber“ möchte ich gerne noch ein paar Staffeln machen, will als „Joachim Schnitzler“ noch so richtig auf den Putz hauen! Am 8. Jänner wird’s in der dritten Staffel so richtig krachen. Dann schauen wir weiter …

Die Frage bleibt, ob und was Nick im Schilde führt: Philipp Hochmair. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Einen weiteren Film haben Sie kürzlich abgedreht: „Candelaria“. Der kommt 2018 ins Kino?

Hochmair: Das hoffe ich. Eine kolumbianisch-kubanisch-deutsche Koproduktion. Wir befinden uns in den 90er-Jahren in Kuba. Im Zentrum steht ein sehr altes Ehepaar. Das Land befindet sich in der grossen Kries und die Leute sind sehr, sehr arm.

Ich spiele einen deutschen Krisengewinner, eine Art Unterweltskönig. „Candelaria“, die Frau, findet durch Zufall eine Vidokamera und ihr Mann beginnt sie damit unter anderem beim Duschen zu filmen. Das alte Paar entdeckt darüber auf sehr rührende Weise seine Sexualität wieder. Nur landet aber dummerweise dieses sehr private Filmmaterial bei mir, und ich will dann damit Geld machen. Daraus spinnt sich ein sehr anrührender Film in einer ganz anderen Kultur.

MM: Bis wir den sehen können, was wünschen Sie sich für „Tiere“?

Hochmair: Ich wünsche mir dass sich viele Zuschauer auf dieses filmische Experiment einlassen und auf die Reise, die auf den ersten Blick vielleicht etwas wirr erscheint, einlassen. Ich denke, es ist ein gelungenes Experiment. Wie schon gesagt: Gleichzeitig Komödie, Drama, Thriller und Liebesfilm.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26976

www.tiere.film

20. 11. 2017

Viennale 2017: Tiere

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schwarze Katze kündigt Mord an

Anna und Nick haben sich auseinander gelebt: Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair agieren im Psychothriller „Tiere“ ganz großartig. Bild: © Polyfilm Verleih

Ein Autounfall ändert das Leben von Anna und Nick radikal. Gerade war man noch unterwegs ins Schweizer Bauernhaus, das man für ein halbes Jahr gemietet hatte, als Aussteiger-Domizil für den Haubenkoch und die Kinderbuchautorin – und dann ein Schaf auf der Straße, ein Peng, Auto hin, Schaf tot, Frau im Krankenhaus …

„Tiere“ heißt der Film von Greg Zglinski, der am 30. Oktober Österreich-Premiere bei der Viennale hat, am 17. November in den Kinos anläuft, und in dem Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair als Anna und Nick in gewohnter Weise begeistern. Es ist – zumindest vordergründig – die Geschichte einer Ehekrise, die der polnisch stämmige und in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher Zglinski nach einem Drehbuch des 2007 verstorbenen Jörg Kalt in seiner ersten internationalen Produktion erzählt. Die beiden Wiener Bobos haben sich in ihrem sehr stylischen Leben nämlich längst auseinandergelebt. Ihre Beziehung ist durch seine Untreue, ihre Eifersucht und berufliche Selbstzweifel auf beiden Seiten ramponiert, die Schweiz hätte es richten sollen, aber ach! Zum Glück nur eine Platzwunde an Annas Schläfe.

Und dann geht sie los, die Suspense-Story oder Die Frage, wer hier verrückt ist oder gemacht werden soll – und vor allem von wem? Denn es gibt nichts, was der eine sagt, das vom anderen nicht in Zweifel gezogen würde. Meint sie, man sei gestern angekommen, erwidert er, es sei zwölf Tage her. Spricht er mit ihr am Esstisch, erscheint sie plötzlich aus dem ersten Stock mit der Frage: Mit wem redest du? Schreibt sie einen neuen Roman in ihr Heft oder sind die Seiten leer? Reist er tatsächlich durch die Region, um neue Rezepte zu sammeln, oder geht er mit einer Eisverkäuferin am Genfer See fremd? Anna traut bald ihrem Verstand nicht mehr. „Ich bin anders als sonst?“, so sie zu Nick. „Irgendwie schon“, antwortet der. – „Das war’s eh, was ich fragen wollte.“

Bei Mischa in der Wiener Wohnung fließt Blut: Mona Petri. Bild: © Tellfilm/Wojciech Sulezycki

Derweil pflegt Anna ihre Schreibblockade: Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Und dann ist da eine schwarze Katze, die französisch spricht, und wie alle ihre Artgenossen den sechsten Sinn hat, und Anna mitteilt, dass Nick sie ermorden will. In der Nacht darauf ersticht sie ihn mit dem Tranchiermesser, erstickt er sie mit einem Kopfpolster, aber alles nur ein Traum – oder doch nicht? So funktioniert Zglinskis Film zwischen real und surreal. Es geht de facto um Leben und Tod. Und auch wenn nicht alle Szenen innerhalb der Logik des Films evident sein werden, sobald der Regisseur seine Lösung fürs Ende präsentiert (Stichwort: Kapuzenmann im Regen), so ist „Tiere“ doch ein gut gemachter Psychothriller mit Horrormärchenelementen. Und reichlich schwarzem Humor.

Zglinskis nimmt sich, unterstützt von Piotr Jaxas an David Lynch geschulter, raffinierter Kameraführung und Laurent Jespersens hartem Sounddesign, vieles, was das Genre zu bieten hat. Immer wieder fährt die Kamera, fährt das Auto durch einen blutroten Tunnel als wäre er eine Metapher für die Wunden, die Anna und Nick einander schlagen. Parallelwelten tun sich auf. Die Korridore, die Vorzimmer sind gleich gestaltet, lange Gänge, über die es zu irren gilt, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Und auch eine geheimnisvolle Tür, die verschlossen bleiben muss, und zum Schluss wie von Geisterhand geöffnet werden wird, gibt es überall. Alle Frauen sind optisch oder tatsächlich? eine.

Schauspielerin Mona Petri als Drolerien-Forscherin Mischa, die sich Anna und Nick im heimischen Altbau als Untermieterin genommen haben, als seine Geliebte Andrea und als Schweizer Eisverkäuferin. Andrea wird in Wien aus dem Fenster springen, ein Vogel wird in der Schweiz durchs Fenster fliegen – ein Doppelselbstmord, und Mischa eine Wiedergängerin? „Ich habe plötzlich das Gefühl gehabt, die seh‘ ich nie wieder“, sagt Anna nachdem sie Mischa/Andrea/oder wem? zum Abschied die Hand quetscht.

Im Schweizer Bauernhaus sollte alles besser werden, doch nicht nur ein Schaf kommt unter die Räder: Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Systematisch zieht Zglinski das Netz der Verunsicherung enger. Er arbeitet mit Verschiebung von Perspektiven, Verwechslungen, falschen Annahmen, falscher Wahrnehmung, Lüge. Virtuos jongliert er mit den enigmatischen Wiederholungen seiner Story, bis der Zuschauer selbst nicht mehr weiß, was er sieht und was er glauben soll.

Blut fließt. Auch Mischa wird sich eine Kopfwunde zuziehen, und nach der Spitalsbehandlung „den Arzt mit dem fehlenden Finger“ erneut in der Klinik besuchen wollen. Nur, dass der den erst Tage später durch Andreas Ex verlieren wird. Mehdi Nebbou und Michael Ostrowski komplettieren in diesen Rollen den Cast. Normal ist in diesem Film keiner. Und zwischen all den Rissen, Zeitsprüngen und Gedächtnislücken brillieren die Minichmayr und Philipp Hochmair. Wie ihr Gesicht zunehmend entgleist, während Hochmairs Nick souverän und freundlich bleibt. Wie ihre Anna mit spitzer Boshaftigkeit und übellaunigen Blicken seiner arrogant-überheblichen Selbstsicherheit Contra gibt. Und gerade, als man von ihrer labilen Unsicherheit und ihrem peniblen Zwänglerisch-Sein genug hat, dreht sich die Handlung ein letztes Mal, ein verwirrender Zeitungsartikel taucht auf – und Nick …

Greg Zglinskis komplex verrätselte „Tiere“ (der Titel auch dem Kinderspiel geschuldet, das Anna und Nick auf Autofahrten spielen) ist eine magische, eine mystische Interpretation eines Daseins, für das es mehr geben muss, als die Schulweisheit sich träumen lässt. Angedockt an den wenigen Meisterwerken von M. Night Shyamalan erzählt er in großer atmosphärischer Dichte von der menschlichen Existenz – und dem letzten Liebesbeweis, den man dieser erbringen kann. Wer aus dem Film geht, hat garantiert Herzklopfen. Entlassen mit der Frage, nicht was, sondern wer Wirklichkeit ist.

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“: www.mottingers-meinung.at/?p=27417

www.viennale.at

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  1. 10. 2017

Wilde Maus: Josef Haders großartiges Regiedebüt

Februar 11, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Intellektuelle haben niedrige Instinkte

Ein Selbstmordversuch mit Whiskey auf Eis geht natürlich schief: Regisseur Josef Hader schonte sich als Schauspieler nicht. Bild: © Wega Film

Heute Abend hat die „Wilde Maus“ Weltpremiere bei der Berlinale, am 17. Februar läuft sie in den heimischen Kinos an. Dass Josef Hader mit seinem Regiedebüt um den diesjährigen Goldenen Bären wetteifert, hat wohl, wie er in der ihm eigenen höflichen Bescheidenheit zu Protokoll gab, nur ihn selbst erstaunt.

Die Tragikomödie, in der Hader erstmals als Dreifaltigkeit Regisseur-Drehbuchautor-Hauptdarsteller wirkt, ist schlichtweg großartig. Wie jede seiner Arbeit hält auch diese die Waage zwischen Klamauk und Konflikt, zwischen Tollheit und Tiefgang, und wie immer wirft Hader einen amüsiert lakonischen und doch liebevollen Blick auf die dargestellte Menschheit. Sich selbst hat Hader eine Figur auf den Leib geschrieben, die ihre mangelnden Sympathiewerte durch Dackelblick ausgleicht, in solchen Rollen ist er auf der Bühne und auf der Leinwand erprobt, die batzweichen Zyniker, die Arschlöcher mit Herz. Der Oberösterreicher hat sein „Breaking Bad“ lang vor den Amerikanern erfunden.

Mit einem verschmitzten Lächeln die größten Gemeinheiten zu servieren, das ist die große, in seinen Kabarettprogrammen lupenrein geschliffene Kunst, in der Hader nun Meister ist. Dazu hat er einen skurril-schwarzhumorigen Plot erdacht, die Dialoge klingen einem wie quasi O-Töne in den Ohren, und einen handverlesenen Cast um sich versammelt. Dass der politisch stets wache Kopf die großen Themen dieser Tage nur als Nebengeräusch anklingen lässt, hat fast etwas von Koketterie. Flüchtlingssituation, Terrorkrise, Globalisierungskritik, all das kommt als beiläufige Fernsehnachricht vor, Zeitgeistiges wie Fitness-Wahn oder Vegan-Welle kriegen im Vorbeigehen ihr Fett weg.

Hader spielt den von Starallüren aufgeblasenen Musikkritiker Georg, doch geht ihm schnell die Luft aus, als er gekündigt wird. Alles bitten und betteln beim „Piefke“-Chef hilft nichts, und Georg schämt sich seiner Arbeitslosigkeit so sehr, dass er sie vor seiner Frau Johanna verheimlicht. Es beginnt eine Talfahrt in den Wahnsinn, der geschasste Journalist schwankt zwischen Selbstmord- und Mordgedanken, doch wird er nicht nur zur „Wilden Maus“, sondern auch Mitbesitzer einer solchen. Im Prater lernt er den ehemaligen Liliputbahnfahrer Erich kennen, ebenfalls ein zu Unrecht Entlassener.

Der wird jenseits aller Bildungsunterschiede bald zu einem Bruder im Geiste, und so machen sich die beiden Männer, die nun ja über ausreichend Tagesfreizeit verfügen, an die Renovierung einer maroden Achterbahn. Nächtens aber begeben sie sich auf einen Rachefeldzug gegen Georgs Chef – was mit kleinen Sachbeschädigungen beginnt, wird bald zu großangelegtem Vandalismus, und Georg samt seiner (klein-)bürgerlichen Existenz aus der Kurve getragen …

Ein Achterbahn-Mitbesitzer im Prater führt ein Leben voller Action: Josef Hader mit Georg Friedrich. Bild: © Ioan Gavriel

Dafür ist daheim in jeder Hinsicht tote Hose: Josef Hader mit Pia Hierzegger. Bild: © Wega Film

„Ich wollte eine elementare Situation – Arbeitslosigkeit, die Geschichte sollte aber im Mittelstand spielen. Ich wollte kein Sozialdrama machen, sondern schon ein bissl eine Satire über die ,neuen Bürger‘“, so Josef Hader im Gespräch mit mottingers-meinung.at. „Um das miteinander zu vereinen, habe ich überlegt, welcher Beruf ist derzeit schwer gefährdet, wo werden dauernd Arbeitsplätze abgebaut, was ist die Stahlindustrie des Mittelstands? Und das sind die Printmedien.“

Der Regisseur Hader hat den Schauspieler Hader nicht geschont. Der Multitasker spielt mit vollem Körpereinsatz, sei’s nackt eine Sexszene, sei’s halbnackt eine Verfolgungsjagd durch den Schnee. Er hat seinen Kauzigkeitsregler bis zum Anschlag aufgedreht, heißt: je weniger man Georgs Handlungen gutheißen oder verstehen kann, umso armseliger, umso bemitleidenswerter erscheint er einem, dabei gleichzeitig auch lächerlich – man lacht über die Tragik eines verkorksten Lebens.

Pia Hierzegger, sie auch im wirklichen Leben Haders Partnerin, ist in der Rolle der Johanna zu sehen, eine unterkühlte Psychotherapeutin, der nur warm in der Seele wird, wenn sie Georg zum Eisprung einbestellt. Die Frau wünscht sich nämlich, was der Mann unter keinen Umständen will: ein Baby. Auch von dieser Seite also nichts als Druck, der immerhin zu erregten verbalen Schlagabtäuschen führt. Georg Friedrich ist als Schausteller Ernst in seinem schauspielerischen Element, diesmal kein Strizzi, sondern eine ehrliche Haut – und wie immer natürlich topauthentisch. Hubsi Kramar hat einen Kurzauftritt als Polgar-begeisterter Polizist.

Noch sind die beiden Widersacher bei verbaler Gewalt: Josef Hader und Jörg Hartmann. Bild: © Petro Domenigg

Als Widerpart hat sich Hader den wunderbaren Jörg Hartmann gewählt. Hierzulande in erster Linie bekannt als Chef des Dortmunder „Tatort“-Teams, weniger als Mitglied der Berliner Schaubühne, an der er gerade Schnitzlers „Professor Berhardi“ gibt. Er gestaltet Georgs Chefredakteur erst als Fiesling, bevor er beginnt, einem liebenswürdig zu erscheinen. Wie Haders besteht auch Hartmanns Komik darin, eben nicht komisch zu sein; wie zwei wütende Kinder gehen sie aufeinander los, statt, was logisch wäre, die Polizei einzuschalten, folgt aufs Faustrecht die Lynchjustiz. Dass Ende darf nicht nur nicht verraten werden, es bleibt in gewisser Hinsicht auch offen …

Für einen Film über einen Musikkritiker galt es die passende auszuwählen. Josef Hader entschied sich für einen Mix von Beethoven bis Bilderbuch. Für einen Auftritt im Konzerthaus, das Georg noch als Rezensent besucht, konnte er das Ensemble Quatuor Mosaïques gewinnen. Schön ist das, wie die Musiker Franz Schuberts Streichquartett in d-moll spielen, und die Musik, nunmehr Filmmusik, in Georgs Kopf zu einer zornigen Variation, zum Schlachtruf gegen den Chef wird. Gerade sind ihm bei Schuberts melancholischen Klängen noch die Tränen gekommen, schon drischt er auf ein Cabriodach ein. Der Firnis der Zivilisiertheit ist dünn, Kunst und Kultur nur ein Feigenblatt über dem Urmenschentum, sagt Hader genussvoll: Ja, selbst Intellektuelle haben niedrige Instinkte. Auch diesbezüglich geht also die „Wilde Maus“ ab.

wildemaus.derfilm.at

Wien, 11. 2. 2017

Theater zum Fürchten: Cena Claudiana

April 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Bruno Max geht’s zu wie im alten Rom

Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer (M.) lädt als Kaiser Claudius zur Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Giftige Pilze gibt es am Ende nur für Claudius, für das Publikum stattdessen Ente in Fischsauce, pikante lukanische Wurst und einen luxuriös mit Garum gewürzten Bohneneintopf. Das Theater zum Fürchten lädt zur diesjährigen Dinner- theaterproduktion, der insgesamt neunten, und diesmal entführt Prinzipal Bruno Max ins antike Rom.

„Cena Claudiana“, das letzte Gastmahl des Kaiser Claudius, heißt die erfolgreiche Aufführung, die nach einer ausverkauften Spielserie am Stadttheater Mödling nun in der Wiener Scala Station macht. Nach Motiven aus Robert Ranke-Graves‘ 1100-Seiten-Roman „Ich, Claudius – Kaiser und Gott“ wird die Geschichte der vier ersten Kaiser Roms erzählt, der Nachfolger Julius Cäsars, Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius.

Und wie die erzählt wird. Bei Bruno Max julisch-claudischer Familienaufstellung geht’s zu wie im alten Rom. Mit mehr Sex & Crime als eine Fernsehserie füllen könnte, wiewohl es die weiland mit Derek Jacobi, John Hurt und Patrick Stewart natürlich gegeben hat. So viele Seiten das Buch, so viele widersprüchliche Charakterzüge werden von Claudius überliefert. Der Mann, der, was ihm unter Zeitgenossen durchaus zum Vorwurf gemacht wurde, ausschließlich Frauen liebte, umsichtig und klug regierte und beinah moderne Gesetze erließ, der ein Herz für Sklaven hatte, Freigelassene an die wichtigsten Positionen seines Reiches setzte, Britannien eroberte, stotterte, hinkte, mit dem Kopf zuckte, ein debiler Krüppel, der mit Begeisterung der Folter und Hinrichtung seiner Feinde beiwohnte, verwahrlost, ignorant, böswillig, ein Gelehrter, der maßgebliche historische Schriften verfasste, und der posthum von Seneca in der „Apocolocyntosis“, der Verkürbissung des Divus Claudius, einer der boshaftesten Satiren, die je auf einen Herrscher geschrieben worden ist, verspottet wurde. Bruno Max entschied sich, seinen Claudius zum Sympathiemenschen zu machen.

Eliot Bolch und Franz Weichenberger: Bild: Bettina Frenzel

Kind Claudius, Eliot Bolch, mit Franz Weichenberger als Großvater Kaiser Augustus: Bild: Bettina Frenzel

Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Caligula verspottet die sterbende Livia: Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer schlüpft in die Rolle des Claudius. Er ruft die Zuschauer aus einer fernen Zukunft als Zeugen an, will ihnen seine Version der Historie näherbringen, tatsächlich schrieb Claudius eine achtbändige Autobiografie, die verschollen ist, und so der Nachwelt ein Vermächtnis hinterlassen, das ihn ins rechte Licht rückt: Der wegen seiner körperlichen Behinderung ungeliebte Sohn und Enkel, den es auf den Kaiserthron quasi gespült hat, obwohl er im Innersten überzeugter Anhänger der Republik war. Dafür hat Bühnenraumverzauberer Marcus Ganser die Domus Augustana für all die gezeigten Intrigen und Interessenskonflikte nacherfunden, einen Spiel-Platz, der mit beinah einem Dutzend Podesten von der Palatinvilla bis zur Gladiatorenkampfarena alles sein kann, mittendrin eine Liegestatt und mitten im Geschehen wie stets bei diesen Abenden das Publikum, immer aufmerksam, um gezückten Schwertern und im Zorn geschleuderten Schriftrollen auszuweichen. Welch ein Spektakel, diese spannenden und schwarzhumorigen Geschichtsstunden, mehr als drei sind es, denn es gibt schließlich eine Menge zu berichten. Kammerer wechselt von der Erzählerposition in die Spielhandlung und retour, in einzelnen Episoden erklärt er, was anno 10 vor bis 54 nach Christus geschah.

Dreizehn Erwachsene und vier Kinder als Schauspieler gestalten mit ihm die Vornehmen des Imperiums. Das vorzügliche Ensemble wird angeführt von Bettina Soriat als Augustus-Gattin und Claudius‘ Großmutter Livia und Randolf Destaller als Claudius‘ Neffe und Amtsvorgänger Caligula. Erstere eine begnadet bösartige Alte, die Spielmacherin, die bis zu ihrem Ableben die Fäden in der Familie in der Hand hat, über Abfall von der Gnade und Verbannung und damit gleichsam über Leben und Tod bestimmt. Eine gruselige, großartige Leistung, die auch zur Lieblingsszene der Aufführung führt: Livia und die Giftmischerin Martina beim Fachsimpeln über unheilsame Kräuter. Zweiterer ein aalglatter, blondgelockter Schönling, der’s mit jedem und jeder tut, heißt vor allem mit Tiberius, wenn es seinen Allmachtsfantasien dient. Bis ihn der Wahnsinn ereilt. Wie er über der sterbenden Livia triumphiert, „überrascht“ und gerührt die Kaiserwürde entgegennimmt, nur um sich später zu Gott Zeus zu erklären – Destaller spielt das mit einem Understatement, mit einer Elegance, die bestechend ist.

Benjamin Ulbrich changiert zwischen der Lichtgestalt Drusus, Claudius‘ Vater, und dem machtgierigen Gardepräfekt Sejanus, der seiner eigenen Verschwörung zum Opfer fällt. Franz Weichenberger ist ein honoriger Augustus, der seine Kinder an sein Herz zieht und danach auf öden Inseln aussetzt, Christian Kainradl ein zunehmend der Last der Verantwortung überdrüssiger Tiberius, Thomas Marchart der von der Verwandtschaft verratene Augustus-Enkel Postumus. Manuel Dragan spielt einen besonnenen Ratgeber Herodes Agrippa, den späteren König von Judäa und Samarien, der gemeinsam mit Claudius erzogen wurde und einer seiner engsten Freunde und Vertrauten war. Neben Livia sind auch die übrigen Frauen mit Marion Rottenhofer als moralisch fast einwandfreier Claudius-Mutter Antonia, Samatha Steppan als Schwammerlaussucherin Agrippina und Carina Thesak als Caligulas inzestuös geliebte Schwester Drusilla die eigentlichen Kaisermacher.

Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Augustus verbannt seine Tochter: Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich: Hier endet die Sejanische Verschwörung. Bild: Bettina Frenzel

Nicht alles, was Ranke-Graves so vor sich hin schildert, hat historisch Bestand, auch ist seine Veröffentlichung aus dem Jahr 1934 in vielen Teilen wissenschaftlich überholt und korrigiert, aber Spaß muss sein. Und für den sorgen in der Scala Jörg Stelling als griechischer Wahrsager, Christoph Prückner als syrische Giftmischerin und der wunderbare Günter Tolar als Sklave Praxis, der sich nicht nur um das Wohlergehen der jeweiligen Kaiser, sondern auch um das der Gäste kümmert, auf dass der Gewürzwein im Becher nicht versiegen möge!, und nicht zuletzt deshalb eindringlich zum Latrinenbesuch in der Pause aufruft.

Zum Schluss wird er als Tourist Guide durch den Palast führen und wissen, dass die Geschichte nach Claudius mit dem seltsamen Sterben seines Sohnes Britannicus und also Stiefsohn Nero als Nachfolger keine bessere Wendung nahm. Entzückend sind die Kinderdarsteller als jugendliche Alter Egos, allen voran Enya Zechner, dem als Kind Claudius die schwere Aufgabe zufällt, dessen Ticks zu gestalten.

So ergeht sich der Stamm mit den zwei Sorten Früchten, den bitteren und den süßen, in der gegenseitigen Schändung und Abschlachtung, Verbündete sind rar, Schmeichler und Spitzel überall, und Thronanwärter sterben schnell. „Spiel‘ so lang du kannst den Idioten.“ Das ist der Rat, den Claudius mehrmals in seinem Leben hört. Er macht ihn zu seiner Überlebensstrategie, laviert sich durch zwischen Geistererscheinungen und grausiger Zauberei, in einer Welt, in der die Frage „Besorgst du es mir?“ entweder Liebe machen oder Gift herbeischaffen meint. „Rom hat dich verdient“, sagen die Prätorianer schließlich, als sie ihm als letztem Verbliebenen der Sippe mehr zum Jux die höchste Würde antragen. Und nach jüngsten Erkenntnissen dürfte dies tatsächlich ein Glück für die ewige Stadt gewesen sein. Verdient lässt ihn ergo Bruno Max einen gnädigeren Gifttod sterben als Zeitzeugen berichten. „Cena Claudiana“ ist einmal mehr ein gelungener Theaterabend für alle Sinne. Und wie jedes Jahr wurde er vom Publikum als Höhepunkt der Scala-Saison mit großem Applaus bedankt. Man darf gespannt sein, was sich das Theater zum Fürchten für die nächste Spielzeit ausdenken wird.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 24. 4. 2016