Burgtheater: Der Selbstmörder

Oktober 30, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beim Sterben geht es stets um die Wurst

Mit Pistole in Bestform: Florian Teichtmeister hat den Finger am Abzug: Bild: © Matthias Horn

Die Sache mit der Leberwurst, nach der es Semjon Semjonowitsch mitten in der Nacht so dringend gelüstet, hat was mit ностальгия/nostal’giya, mit Not- und des darunter leidenden -stands zu tun. 1936 gab’s fürs unterernährte Proletariat die erste sowjetische Brühwurst, so sättigend, da kalorienreich, dass die ansonsten die Städter versorgende Landbevölkerung per „Wurstpendelzug“ nach Moskau kam, um ein

Zipfelchen zu ergattern. „Für Wurst“ in den Westen zu fliehen, wurde bald zum Synonym für Freiheit. Und auch post-sowjet gibt es in Russland eine Sehnsucht nach den Sowjet-Würsten, eine symbolische, versteht sich … In diesen Kontext eingebettet, gilt es Nikolai Erdmans Komödie „Der Selbstmörder“ zu lesen. Ein Glück, das Burgtheater hat das alsbald zensurierte Meisterwerk für sich entdeckt; nach einer fulminanten Inszenierung des Theaters zum Fürchten 2012, das diesem eine Nestroy-Nominierung bescherte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=717) und dem Theater Brett, das die Farce in russischer Sprache aufführte. Die Inszenierung des bewährten Regieduos Peter Jordan – berühmtes „Tatort“-Gesicht und gewesener Domplatz-Teufel – und Leonhard Koppelmann führt nun in eine groteske Kommunalka:

Schwarzes Theater, ein Grand Guignol voller Gothic-Spukgestalten, der/die kleine Mann/Frau als Figuren jener Schießbuden, wie Alexander Petrowitsch Kalabuschkin eine betreibt. Die Tattoo-übermalten Steam-Punks von Ausstatter Michael Sieberock-Serafimowitsch gleichsam die des langzeitarbeitslosen Kleinbürgers Podsekalnikov sich wie ein Konfidentenkörper bewegende Spitzelnachbarschaft. Im mitunter blutroten Hintergrund Hammer, Sichel, Signallampen, Rauch – der Zug, er ist wohl immer schon irgendwohin abgefahren. Erdman, dies noch erwähnt, saß für seine Texte drei Jahre in Sibirien ab, danach verurteilte sich der Satiriker selbst zum Schweigen.

„Ganz egal, Hauptsache leben. Wenn man einer Henne den Kopf abhackt, läuft sie ohne Kopf auf dem Hof herum. Und wenn ich wie die Henne leben muss, mit abgehacktem Kopf, aber ich will leben“, sagt Semjon Podsekalnikov an einer Stelle – und man möge Message Control und Strukturelle Korruption und 99,4-Prozent-Parteitagsabstimmungquote an dieser Stelle als Hintergrundgeräusch stehen lassen. Oder wie es Semjons Schwiegermutter Serafima Iljinischna mal durchrechnet: es gebe nicht zu wenig Arbeitsplätze, sondern zu wenig „Beziehungen“ über die diese vermittelt werden könnten, Katharina Pichler bravourös, wenn sie dem Publikum erklärt: „Ich bin nicht lustig, eher abstrakt.“

Derart entwerfen Jordan und Koppelmann ein überzeichnetes, überagierendes, überbordendes Purgatorio, eine im Wortsinn Unterwelt, in der sich via Situationskomik der sowjetische Albtraum zum besseren Leben enttarnt. Heute, für all jene, die an einer Patina kratzen zu müssen glauben, ein Stück über bereits gehabte oder heraufdämmernde Diktatur, Einschränkungen in Meinungs-, Presse-, Freiheit der Kunst und der Gedanken, wenn auch nicht immer so benannt, so doch nur ein paar Abzweigungen von Ist-Zustand entfernt. Einem Sittenbild, das laut Prätorianern einer Rückkehr in die Politik absolut nicht entgegensteht. Ehre, wem Ehre gebührt.

Teichtmeister, Henkel, Werths, Pichler, König, Häßle,  Böhlefeld und Hering. Bild: © Matthias Horn

Und die Tuba bläst der … Semjon: Florian Teichtmeister und Lilith Häßle. Bild: © Matthias Horn

Henkel, Teichtmeister, Hering, Werths, König, Häßle und Pichler. Bild: © Matthias Horn

In diesem Falle Semjon Semjonowitsch, der ob seines düsteren Brotaufstrichdebakels mit dem Suizid droht, ein Bonmot, das ihm prompt im Munde umgedreht wird, wollen sich doch unterschiedlichste Gruppierungen das Fanal fatal der Entleibung als Opferdienst an ihrer Sache einverleiben. Gib’ dem Ableben einen Sinn! Was im Weiteren die Produktion aus den Stereotypen Kasper, Seppl, Gretl, Gendarm und Krokodil generiert, ist bemerkenswert. Allen voran Florian Teichtmeister als märtyrerischer Semjon, der sich am Burgtheater freidrippelt, der in der Zusammenarbeit mit neuen Regisseuren zu ungeahnter Höchstform aufläuft.

Freilich kannte man ihn als feinen Komödianten, doch spätestens seit Handke/Castorfs „Zdeněk Adamec“ hat er eine Schallmauer durchbrochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47821). Rund um ihn gruppiert sich im Danse Macabre das Ensemble zum Ringelreihen skurriler Selbstdarsteller, eitler Exzentriker und absurder Revolutionäre, sie alle in mehreren Rollen – und dürfte man Interpretationen des Bühnenbilds überstrapazieren, man könnte formulieren, sie alle seien Hunte des Systems, die in die Grube fahren. Die Intellektuellen, die orthodoxe Kirche, die Fleisch verarbeitende Industrie, die Künstlergilde am Katzentisch des Staates, die Beamten-Apparatschiks, die russische Nationalität, der Antisemitismus, der Mensch als Masse, sogar die Liebe selbst, verlangt’s nach der Instrumentalisierung der schönen Leich‘.

„Sie sind ein Vorbild, Podsekalnikov, ein Titan!“, säuseln die Lobbyisten. Nur hat der sich mittlerweile besonnen. Doch, um im Bild zu bleiben: Wo eine Zeche, da heißt es zahlen … für die Verzweiflung, die Gier, den Eigennutz. Und großartig sind Lilith Häßle als einzig aufrichtige Ehefrau Mascha sowie Katharina Pichler als Schwiegermutter und mit Schnauzbart volksdümmelnder Dichter Viktor Viktorowitsch. Markus Hering schlägt als Schießbudenpächter Kalabuschkin eine Volte nach der nächsten, dabei prächtig abgewatscht von Tim Werths als vollbärtig-homoerotischer Geliebter Margarita Iwanowna und Pope Elpidius, eine Verwandlung, für die es nur eines Schürzens des Rocks bedarf.

Dietmar König toppt das alles als Intelligenzija-Abgesandter Grand-Skubik mit Bindestrich – und Bardo Böhlefeld wie Alexandra Henkel geben als rotbeflaggter Student Jegor Timorejewitsch, bolschewikischer Fleischer Pugatschow und Schneiderin Madame Sophie sowie Kleopatra Maximowna, die nach romantisch verbrämter Liebe verlangt, und Raissa Filippowna, ihre Rivalin, die nach unverbrämter Liebe verlangt, sowieso alles. Ganz klar, der Cast contragendert sich bei derlei Charaktergestaltung in lichte Höhen. Bei absolut stimmigem Tempo und Timing macht sich Teichtmeister mit lakonischem Jammer und „Ich habe gelitten“-Mantra zum Stein des Anstoßes auf der Straße der Geschichte.

Henkel, Böhlefeld, Pichler, Hering, Häßle, Teichtmeister und Werths. Bild: @ Matthias Horn

Teichtmeister, König, Werths – große Klasse als Margarita Iwanowna, Häßle und Pichler. Bild: © Matthias Horn

Dietmar König, Markus Hering, Florian Teichtmeister, Katharina Pichler und Bardo Böhlefeld. Bild: @ Matthias Horn

Tim Werths, Alexandra Henkel, Katharina Pichler, Lilith Häßle, Florian Teichtmeister und Dietmar König. Bild: @ Matthias Horn

Zur Story passend und mit morbidem Sinn für makabren Humor spielt er sich die Seele aus dem Leib, Semjons Tragödie touchiert vom Eifersuchtsdrama zwischen Neo-Witwer Alexander Kalabuschkin alias Markus Hering und dem wunderprächtigen Tim Werths als ellenlanger Margarita Iwanowna. Welch ein Buffo-Paar! Zwischen Ideologie und Idiotie wird die Beerdigung des höchst lebendigen Leichnams zum Begräbniskabinettstück. Die angekündigte Tat muss stattfinden, ein Testament zugunsten der begünstigten Partei attestiert werden, so oft tauschen Pistole und Schreibstift den Besitzer. Die Kalenderspruch-Fabrik produziert als einzige auf Hochtouren.

Doppeldeutig schwenkt dazu Böhlefelds Jegor eine rote Fahne mit kreisrundem Loch in der Mitte, aus der Literatur weiß man, wie flugs hierzulande das schwarze Hakenkreuz auf weißen Grund entfernt wurde. Das Ensemble singt passend „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, Leonid Radins im Taganka-Gefängnis verfasstes Arbeiterlied, erstmals gesungen 1898 von politischen Gefangenen auf dem Marsch in die sibirische Verbannung und bald so populär, dass es umgedichtet in „Brüder in Zechen und Gruben“ zum liebsten Propagandalied der NSDAP, als „Brüder formiert in Kolonnen“ zum Kampfruf der SS wurde. Derart ziehen und schließen Jordan und Koppelmann ihre Kreise, man muss nur oft genug links abbiegen, um erneut rechts zu landen.

Was Semjon Semjonowitsch will, ist von zeitloser, rassen- und klassenloser Allgemeingültigkeit: ein einfaches Leben in Frieden, gefordert von Politik, Popen und Proletariat, ein Wunsch den die Systeme per se nicht erfüllen können. Doch der Scheintote, er kann endlich sagen, was er denkt … Bleibt die Notiz, die GRK-Vorsitzender Gandurin dem Genossen Stalin über die „zweideutigen Situationen“ vorlegte:

„Die Hauptfigur in Erdmans Stück ,Der Selbstmörder‘ ist Fedja Petunin. Man spricht über ihn im Verlauf des Stückes, er erscheint aber nie auf der Bühne. Petunin ist die einzige positive Figur des Stücks, ein Schriftsteller, der Selbstmord begeht und einen Zettel hinterlässt:  ,Semjon Podsekalnikov hat Recht, [unter diesen miserablen Umständen, nur um den Herren auf der Tuba den Tusch zu spielen] lohnt es sich nicht zu leben.‘“ Viel zu kurzer Applaus für eine Gegenwartsparodie, die etliche offenbar erst auf dem Heimweg verstanden. Mann. Macht. Ernst. Teaser: www.youtube.com/watch?v=BB0pdylTPz8           Kostprobe: www.youtube.com/watch?v=IIQ5-4zEQwI            www.burgtheater.at

BUCHTIPPS: Suhrkamp Taschenbuch, Andrej Platonow: „Die Baugrube“, Roman, 238 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34549. Suhrkamp, Andrej Platonow: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, Roman, 581 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29341.

  1. 10. 2021

Wiener Staatsoper streamt: Serebrennikows „Parsifal“

April 20, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Bühnenweihspiel der Häfnbrüder

Kurz vor der Befreiung erscheint der Häftlingsschar der Mensch gewordene Gral (Film oben). Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

In besonderen Zeiten setzt die Kunst gern besondere Zeichen. Das hat in diesem Fall selbstverständlich mit Corona zu tun, aber auch damit, dass der russische Regimekritiker und Regisseur Kirill Serebrennikow, nach einem lachhaften Prozess zu Hausarrest verurteilt, die Inszenierung von seiner Moskauer Wohnung aus besorgte. Die seit Sonntag via TVthek.ORF.at und ARTE Concert gestreamte „Parsifal“-Produktion der

Wiener Staatsoper ist also in doppelter Hinsicht eine Online-Premiere, ein zweifacher Clou auch, da Serebrennikow Jonas Kaufmann und Nikolay Sidorenko als Titelhelden auf die Bühne stellt. Neben allerhand Überraschungen, in Serebrennikows Lesart wird das Wagner’sche zum Bühnenweihspiel der Häfnbrüder, die Gralsburg zur Gefängnisanlage, gibt es allerdings ein herausragendes Ereignis: Elīna Garanča in ihrem Rollendebüt als Kundry, die Sängerin-Schauspielerin, die auf atemberaubende Art überzeugt, ihre Kundry hier eine Fotojournalistin fürs Hochglanzmagazin des Klingsor und unter den Häftlingen auf ambiguer Motivsuche, auf Sinnsuche. Kundry, die Amfortas nicht nur mit Medikamenten versorgt, sondern zum Schluss auch nicht sterben muss und gemeinsam mit dem zurückgetretenen König durch die geöffneten Kerkertore in die Freiheit treten darf.

Und ein schelmisches Teufelchen sieht einen intellektuell geforderten Geheimdienstler neben Serebrennikow am Laptop sitzen, um endlich Anlass zu finden, seines Amtes als Politzensor zu walten … und am Ende kein Speer, keine Pneuma-Taube, keine heiligen Embleme, sondern Serebrennikows Flammenschrift, und deren kleinster Funke noch symbolisch opulent und von subtiler, sehr persönlicher politischer Botschaft. Er liest den „Parsifal“ als Befreiungsoper, auch von überkommenen Ritualen, und führt seine Protagonisten vier Stunden lang zur Erkenntnis, dass der Weg dorthin von jedem selbst einzuschlagen ist. „Durch Mitleid wissend“, das kritzelt Gurnemanz mit Kreide an die Wand, und das trifft freilich auf Parsifal zu, ja, die ganze Gralsgesellschaft wird davon erfasst, mit Kundry als ihrer stärksten Kraft.

Jonas Kaufmanns Parsifal wird sein vergangenes, törichtes, junges Ich, das ihn in Gestalt des deutsch-russischen Schauspielers Nikolaj Sidorenko [der schon mit Frank Castorf, Luk Perceval und Ersan Mondtag gearbeitet hat] in Gedanken und Gefühlen peinigt, hinter sich lassen. Seine Läuterung wird sich auf die anderen Sträflinge übertragen, dies überzeugend und ohne Purifikationskitsch, und der Gral enthüllt sich, wiederaufersteht in Menschengestalt – Gottes „Schatz in irdenen Gefäßen“ [Korinther 2.4], über dessen Ecce-Homo-Moment noch zu sprechen sein wird. Kirill Serebrennikow, dies an etlichen Elementen deutlich, hat sich voll Empathie ins Werk geworfen und dessen Charaktere per psychologischer Tiefenbohrung neugedeutet.

Nikolay Sidorenko und Elīna Garanča. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Nikolay Sidorenko. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Jonas Kaufmann. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Jonas Kaufmann und Nikolay Sidorenko. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Serebrennikows Psychoanalyse des Parsifal wird in der Staatsoper zu dessen Therapiesitzung, Kaufmann beobachtet in der Figur Sidorenkos sich selbst in den Verfehlungen der Vergangenheit. Die Jugendtorheit, die Erinnerung ist ein Film im Kopf. Im Wortsinn, denn als wär’s das Freud’sche Über-Ich flimmern schwarzweiße Videos über den Mauern von Montsalvat. „Ein Weibchen zu suchen flog er …“, von wegen, im Waschraum sieht man den nackten Parsifal unter der Dusche, ein weißblonder Schwanen-Jüngling näher sich in intimer Absicht, schnell die Rasierklinge aus dem Mund, ein Schnitt quer über die Kehle, Blut fließt über die Fliesen … und Jonas Kaufmann sieht’s von seinem Posten auf einer tiefergelegenen Sitzbank aus.

Der „Gefangenen-Chor“ kommt für Sport und Raufhandel zum Hofgang, welch sinistre Typen Serebrennikow da aus den Staatsopern-Kräften gefiltert hat, und ein Bravo dem Team, das die unzähligen Tattoos anfertigte; im Spiel ist Gurnemanz der Tätowierer, die graue Eminenz im Knast, und einer der schönsten Regieeinfälle ist, dass er den Rittern die Gralssaga in den Leib sticht. Auf Armen, Bauch und Rücken erzählen die Körperbilder Amfortas‘ Leidensgeschichte. Mit Georg Zeppenfeld hat die Inszenierung einen souveränen und textdeutlichen Gurnemanz, einen ergebenen, fürsorglich-besorgten Diener Amfortas‘, der jedoch tatsächlich der Strippenzieher ist, und Zeppenfeld wird dieser Zuschreibung mit Stimme, Bestimmtheit und Bestimmung voll gerecht.

Mit seinem weit ausholenden, sehr schmiegsamen und nicht zu dunklen Bass beweist er ein feines Gespür für mimische Finesse. Ebenso Bariton Ludovic Tézier, der mit seinem Rollendebüt als Amfortas neue Maßstäbe setzt – sein Gralskönig ein Schmerzensmann auf Krücke, seinen blutigen Verbänden und einem Stanleymesser nach zu schließen neben der Speerwunde ein Ritzer, der zur Selbstbestrafung Schmerz gegen Schmerz, auch seelischen tauscht, im Geiste verfolgt von Christian Cerny als Titurel mit Stacheldraht-Dornenkronen-Tattoo, bis Amfortas in Christus-Pose auf einen Hocker sinkt.

All dies, Serebrennikows detailverliebte Arbeit, die Essensausgabe, der Zigarettenschmuggel, das anzügliche Posen vor Kundrys Fotoapparat, die Gefangenenwärter, die aus den für die Häftlinge bestimmten Hilfslieferungen auch Menora und Gebetsteppich auspacken, die Anklänge an das Schicksal von Alexei Nawalny und Pjotr Pawlenski, die exzellenten Gesichter auf die die Kamera in der Bildregie von Michael Beyer zoomt, wären „live“ vielleicht weniger ins Auge gefallen.

Elīna Garanča. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Ludovic Tézier. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Georg Zeppenfeld. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Elīna Garanča und Wolfgang Koch. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Dies vor allem auch zutreffend auf den zweiten Akt, den sowohl Serebrennikow als auch Musikdirektor und Dirigent Philippe Jordan als Dreh- und Angelpunkt der Aufführung annehmen, als Höhepunkt in der Ausein- andersetzung zwischen Kundry und Parsifal, Elīna Garanča, Nikolay Sidorenko und Jonas Kaufmann. Der junge stolz und trotzig, der ältere gebeugt und schuldbewusst, ignorantia legis non excusat, die Blumenmädchen aka Stylistinnen für die Fotosession in Klingsors Redaktion wollen erst dem einen, dann dem anderen an die Wäsche.

Die emotionalsten Szenen sind das: Kaufmann, der mit Händen greifen, verzweifelt verhindern, abwenden will und nicht einschreiten kann, zynisch mit den Augen rollt und die Wangen zu einem Pfuh! bläht. Der ausdrucksstarke, sonst ja stumme Sidorenko, bald ein Rockgott mit Kajalstrich und Kreuz, der Selfies zulässt und Autogramme gibt. Der Moment der Selbsterkenntnis, als sie sich kurz gegenüberstehen.

Die furiose Garanča, deren Kundry hin und her geworfen zwischen der Männer Entsagung und Lüsternheit, die diesen Wutzustand überzeugend singt; ihre warm ausbalancierte Stimme folgt ihr mühelos in alle Lagen, dramatisch und expressiv in der Höhe, brodelnd-fokussiert in der Tiefe. Kaufmann, seine Stimme und sein Spiel mit Eleganz nuancierend, erweist sich in beidem als gewiefter Stratege. Garanča überwältigt mit ihrer kühlen Sinnlichkeit. Hinterlist und Überheblichkeit im Blick macht sie klar, dass sie ihren Fluch als Verführerin gar nicht so ungern auslebt.

Ein inszenatorischer Höhepunkt ist: Kundry gaukelt Parsifal die dahingeschiedene Herzeleide als Dreifaltigkeit vor. Parsifal-Kaufmann versucht Parsifal-Sidorenko aus Kundrys Fängen zu befreien und gerät selbst in ihre Venusfalle. Die drei fighten, Parsifal packt Parsifal im Liebesakt. Garanča kost Sidorenko, das Video zeigt ihn mit Krone und Gral und einer Schlange, die sich um ihn windet, Kaufmann spürt den Kuss auf seinen Lippen und ruft: „Amfortas! Die Wunde!“ Man fährt auseinander, Kundry hat eine Pistole zur Hand und erschießt … Klingsor.

Elīna Garanča. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Die Tötung des Schwans. Video: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Aleksei Fokin und Yurii Karih

Ein Pjotr-Pawlenski-Bild. Video: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Aleksei Fokin und Yurii Karih

Elīna Garanča und Jonas Kaufmann. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Philippe Jordan hat sich zur Tristesse russe für den hellen, schnellen Wagner des Erlösungsgedanken entschieden und erlöst damit das Staatsopernorchester von Getragenheit und Pathos. Punkto Text-Bild-Schere gilt es natürlich das eine oder andere um die Ecke denken, mitunter enttarnt sich Serebrennikows sarkastischer Humor. Klingsor, der Entmannte, kommt aus dem Klo, hinter sich eine Pinwand voller Gay-Porn-Pics, und schließt geschwind noch den Hosenstall, bevor er Kundry entgegentritt. Wolfgang Koch ist brillant als ekelhafter #MeToo-Boss, zudringlich an ihren Haaren schnuppernd, bis ein Whiskeyglas fällt. „Meinem Banne wieder verfielst du“, schmettert der Medienmogul und Kundry lacht schallend. Doch erst wenn er zu „Dein Meister ruft dich Namenlose“ anhebt, denkt man mit Schmunzeln an Chefredakteure, an denen man schon gelitten hat.

Das Finale dieser Oper wirkt wie eine gesungene Trinität. Die bekehrte Kundry heilt Amfortas und nimmt ihn liebevoll in den Arm – Parsifal-Kaufmann, den nun auch das Gralsritter-„Sonne geht auf überm Meer“-Tattooo ziert, breitet schützend die Hände über die beiden. Letzte Gefangene nämlich wollten die Anstaltsruine als Zufluchtsort nicht aufgeben, mit Kruzifixen und Rosenkränzen küren sie Parsifal zum neuen Gralshüter. Lange war er – Sidorenko im Film – durch Schneelandschaften gewandert, hauste in verfallenden Gemäuern und absolvierte eine Etüde der Selbstbefragung, nun ist er das Symbol der Hoffnung.

Ein weißes Hemd als „weiße Weste“ belegt seine Integrität. Karfreitagszauber, Sidorenko kommt, küsst jene Kundry, die ihn im zweiten Akt schänden wollte, nunmehr glaubhaft innig, und entriegelt das Tor zum neuen Dasein. Allgemeine Aufbruchsstimmung. Schwan = Gral = Mensch erhebt sich und breitet schützend die Arme über alle … „Ich will und kann Wagners ‚Parsifal‘ nicht eins zu eins illustrieren“, bekannte Serebrennikow vorab in einem Gespräch und fügte hinzu: „Ich glaube vielmehr, dass sich die eigentliche Metaphysik im tatsächlichen Leben ereignet.“

Und wirklich sind hier nun die magischen Momente der „Wandlung“ zu erleben. Die von Garančas Kundry Oscar-reif, von der Sensationsreporterin im ersten über die mörderische Business-Redakteurin im zweiten hin zur zerfahrenen Flüchtigen im letzten Aufzug. Serebrennikows „Parsifal“ ist ein brutal-poetisches Gesamtkunstwerk. Sein Film-in-der-Not ist mit seinen unterschiedlichen Interpretationsräumen, der Bühne und den Überprojektionen ein unverbrauchter Zugang zu einem mittels Überhöhung mitunter zu Tode gespielten Wagner. Wer junges Publikum will, muss es darin unterweisen, sich in dieser Heilserwartungswelt zurechtzufinden – Serebrennikow hat einen schlüssigen Weg dafür gewiesen.

www.wiener-staatsoper.at

Die Inszenierung ist bis Freitag via TVthek.ORF.at und europaweit auf ARTE Concert bis 17. Juli kostenlos abzurufen. Online-Einführungsmatinee: www.youtube.com/watch?v=bejkMmmIHZo          tvthek.orf.at           www.arte.tv/de/arte-concert

Der Fall Parsifal: tvthek.orf.at/profile/Der-Fall-Parsifal/13892700/Der-Fall-Parsifal/14089194/Der-Fall-Parsifal/14901725

  1. 4. 2021

Die Staatsoper auf ORF III: Spielplanpräsentation 2020/21

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bogdan Roščić spricht über Pläne, Anna Netrebko singt

Bogdan Roščić ist neuer Direktor der Staatsoper. Bild: Regina Aigner/BKA

Mit der Spielplanpräsentation des designierten Direktors Bogdan Roščić für die Saison 2020/21 wird an der Wiener Staatsoper nun offiziell eine neue Ära eingeleitet. Da es dem Haus am Ring #Corona-bedingt nicht möglich ist, diese live abzuhalten, findet die Saisonvorschau erstmals im Fernsehen statt – heute, 21.30 Uhr, ORF III.

Programmatisch setzt Roščić drei Schwerpunkte: Mozart, Wagner sowie jene klassisch gewordenen Opern des 20. Jahrhunderts, die wie eine Brücke sind zwischen der Tradition und den Kompositionen der Zeitgenossen. Der Fokus auf Mozarts Werk bedeutet 2020/21 zunächst das Schließen einer großen Lücke im Repertoire. Seine „Entführung aus dem Serail“, bis ins Jahr 2000 im Haus am Ring fast 700 mal gespielt, wird in Hans Neuenfels’ virtuoser Inszenierung gezeigt.

2021/22 beginnt dann die Erarbeitung einer neuen Da-Ponte-Trilogie in der Regie von Barrie Kosky. Er wird aber auch in der nächsten Spielzeit präsent sein – mit seiner preisgekrönten „Macbeth“-Produktion. Am Beginn der Erneuerung des Wagner-Repertoires steht „Parsifal“ in Zusammenarbeit mit dem russischen Theater-Magier Kirill Serebrennikow. 2021/22 folgt dann „Tristan und Isolde“ mit Calixto Bieito, der aber schon zu Ostern 2021 sein Staatsopern-Debüt gibt – und zwar mit der Übernahme seiner weltweit gefeierten „Carmen“-Inszenierung.

Die klassische Moderne wird vertreten sein durch den Mann, der vielleicht mehr als jeder andere zum Kanon der Oper nach 1945 beigetragen hat: Hans Werner Henze mit „Das verratene Meer“. Eine Saison später folgt das vielleicht wichtigste Werk des 20. Jahrhunderts: Alban Bergs „Wozzeck“ in einer neuen Inszenierung von Simon Stone. Schon im März 2021 debütiert Stone an der Staatsoper mit seiner neuen Inszenierung der „Traviata“, die Bogdan Roščić mit ihm und der Opéra national de Paris produziert hat.

Ans Dirigtenpult kehren kommende Spielzeit vertraute Namen wie Christian Thielemann, Franz Welser-Möst oder Bertrand de Billy zurück. Das im Zentrum aller Planungen stehende Ensemble mit vielen neuen Stimmen wird ergänzt durch die Mitglieder des soeben gegründeten Studios, in dem ganz junge Sängerinnen und Sänger den Anfang ihrer internationalen Karriere setzen. Die Saison 2020/21 ist ebenfalls der Beginn einer neuen Ära für das Staatsballett. Der Schweizer Choreograph Martin Schläpfer übernimmt die Führung der Kompagnie. Seine erste Kreation für Wien ist Mahler gewidmet, dessen 4. Symphonie Schläpfer für die gesamte Kompagnie choreographiert, also für mehr als hundert Tänzerinnen und Tänzer.

Anna Netrebko. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Jonas Kaufmann. Bild: © Gregor Hohenberg / Sony Classical

Elīna Garanča. Bild: © Paul Schirnhofer / Deutsche Grammophon

Auf ORF III geben neben Bogdan Roščić www.youtube.com/watch?v=kdcXxn-31jk der designierte Musikdirektor Philippe Jordan, zugeschaltet aus Paris, sowie der künftige Leiter des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer, per Videoschaltung aus Düsseldorf, Einblicke in die kommende Spielzeit. In Videoclips berichten auch die Künstlerinnen und Künstler sowie die Regisseure von ihrer bereits angelaufen gewesenen Arbeit an den geplanten zehn Produktionen.

Darunter Anna Netrebko www.youtube.com/watch?v=hMrlVkZuHhg, Jonas Kaufmann www.youtube.com/watch?v=Hzj2PFk1sfc&t=20s, Elīna Garanča www.youtube.com/watch?v=9QmJSBC6Bfk und Asmik Grigorian www.youtube.com/watch?v=mVhLwjAQGag, Barrie Kosky www.youtube.com/watch?v=s0UgNfLl4Mg, Simon Stone www.youtube.com/watch?v=aOUQ_ekTpGQ&t=24s, Jossi Wieler, Sergio Morabito und Anna Viebrock www.youtube.com/watch?v=UkRVWy1bgHo, Hans Neuenfels www.youtube.com/watch?v=RD6vD2AvtTo, Calixto Bieito www.youtube.com/watch?v=BkWNqhGQIKE, Kate Lindsey und Jan Lauwers www.youtube.com/watch?v=h5dF9vtIyEI&t=88s.

Musikalischer Höhepunkt der Spielplanpräsentation sind drei besondere Auftritte: Operndiva Anna Netrebko gibt Giacomo Puccinis „In quelle trine morbide“ aus „Manon Lescaut“ zum Besten. Die österreichische Mezzosopranistin Patricia Nolz, auch Mitglied des neugeschaffenen Opernstudios, singt „Morgen!“ von Richard Strauss, und der slowakische Bassist Peter Kellner, Ensemble-Mitglied der Wiener Staatsoper, präsentiert die Arie „Se vuol ballare“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“. Jendrik Springer, Pianist und Musikalischer Studienleiter der Wiener Staatsoper, begleitet die Solistinnen und den Solisten am Klavier.

Die Sendung wird via TVthek.ORF.at als Live-Stream sowie für sieben Tage als Video-on-Demand bereitgestellt. Sie ist live auf der Klassikplattform www.myfidelio.at und anschließend in der fidelio-Klassithek abrufbar.

www.wiener-staatsoper.at/spielzeit-202021

Die Videos zur Saison 2020/21: www.wiener-staatsoper.at/die-staatsoper/mediathek

26. 4. 2020

Destroyer

März 19, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicole Kidman kann auch Film Noir

Gespielt ohne Kompromisse: Noch nie war Nicole Kidman schauspielerisch so brillant, wie als Polizistin Erin Bell. Bild: © Filmladen Filmverleih

Das ausgelaugte Alkoholikergesicht, die Haut zerknittert und fleckig, tiefliegende Augen, schlurfiger, unsicherer Gang – das menschliche Wrack, das da am Leichenfundort ins grelle Licht der kalifornischen Sonne blinzelt, ist tatsächlich Nicole Kidman. In Regisseurin Karyn Kusumas Neo-Noir „Destroyer“, ab Freitag in den Kinos, verwandelt sich der Hollywoodstar in eine Polizistin in Los Angeles, Erin Bell, der das Leben offensichtlich übel mitgespielt hat.

Alles an diesem Film ist raffiniert. Vom fabelhaften Drehbuch von Phil Hay und Matt Manfredi, über dessen Twists und Turns man nicht mehr verraten darf, außer, dass nichts ist, wie es auf den ersten Blick wirkt. Über die Art, wie Karyn Kusuma die Geschichte erzählt, unbarmherzig, spröde, von einem schmerzhaften Stillstand durchdrungen, wie er sich einstellt, wenn eine Person ein Trauma bewusst nicht hinter sich lassen will – Kamerafrau Julie Kirkwood bannt dazu Bilder einer tristen Eintönigkeit, eines L. A., das nur aus Stadtrand zu bestehen scheint. Bis zu Nicole Kidman als Bad Cop, die ihre Figur im Wechselspiel von – auch körperlicher – Fragilität und stählerner Härte gestaltet. Sie hat ihre Rolle durchpsychologisiert und liefert mit deren Darstellung mutmaßlich die beste und intensivste, sicher die kompromissloseste und körperlichste Leistung ihrer Karriere.

„Destroyer“ greift gekonnt die vertrauten Thriller-Themen auf, das genrebedingt Ausweglose, Kaltschnäuzige, Brutale für alle Beteiligten, entzieht sich aber der üblichen Eskalationskurve in allen möglichen Momenten. Dass der Film in den USA und in Kanada vom Großteil der Kritik eher verhalten rezensiert und vom Publikum wenig begeistert aufgenommen wurde, kann einzig daran liegen, dass der lebensüberdrüssige, versoffene, zum Tatort torkelnde Ermittler eben ein Er zu sein hat. Die Kidman als Antipathieträgerin war für manche wohl zu neu und zu erschreckend. Wobei Erin Bell nicht der einzige Charakter ist, dessen Verfall der Film zeigt. Alle, die Guten wie die Böse, sind hier vom Zahn der Zeit schlimm angenagt und nicht wenige von ihnen tatsächlich schon jenseits dieser Kategorien.

Ärger als Bonny und Clyde: Toby Kebell und Tatiana Maslany als Verbrecherpaar Silas und Petra. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es ist also wieder einer dieser verkaterten Morgen, als Erin Bell sich im ausgetrockneten Kanalbecken des Los Angeles River über einen erschossenen Mann beugt. Der Tote mit dem Drei-Punkte-Tattoo im Nacken, das ihn als Mitglied einer Gang ausweist, wirft die Polizistin zurück in die Vergangenheit. Vor sechzehn Jahren nämlich wurde sie als blutjunge FBI-Agentin gemeinsam mit ihrem Partner in die Verbrecherbande eines gewissen Silas eingeschleust, um dessen Machenschaften auszuspionieren.

Bald ist klar, dass der Einsatz in einer Katastrophe geendet haben muss. Nun scheint das Mordmonster Silas wieder da zu sein. Erin begibt sich auf einen Feldzug zu dessen endgültiger Ergreifung, weit über die Grenzen der Legalität hinaus, inklusive Gewaltexzessen und Geiselnahme, und während die Erin der Gegenwart die überlebt habenden Komplizen von Silas sucht, um dessen Aufenthaltsort zu erfahren, zeigen Rückblenden die Undercover-Arbeit von ihr und Chris. Aus den Kollegen, die sich vor der Bande als Liebespaar gerieren, wird ein echtes, dabei bleibt die Atmosphäre, unterstützt von der schwertönenden Musik von Theodore Shapiro, stets diffus bedrohlich.

Man sieht den großartigen Toby Kebbell, als Silas changierend zwischen durchgeknallter Despot und charismatischer Messias, wie er seine „Jünger“ zum russischen Roulette zwingt. Man sieht Erin am Bett des todkranken und daher vorzeitig aus der Haft entlassenen Toby, gespielt von James Jordan, der für seine Informationen einen möglicherweise letzten Liebesdienst verlangt. Eine Aufforderung, der Erin mit Ekel nachkommt. Man sieht sie hilflos argumentieren mit ihrer Tochter Shelby, die sich auf ähnliche Abwege mit ähnlich dubiosen Typen begibt, wie dereinst die Mutter.

Das Verhältnis zu Tochter Shelby ist schwierig, Gespräche sind beinah unmöglich: Jade Pettyjohn und Nicole Kidman. Bild: © Filmladen Filmverleih

Was wirklich passiert ist, mit dieser Erklärung lässt es Kusuma langsam angehen, und dabei Kidmans Erin von Schuld zur (Selbst-)zerstörung zur Sühne schwanken. Denn die Tragödie ihres Lebens, darauf besteht „Destroyer“ mit großer Klarheit, hat die Polizistin sich selbst zuzuschreiben. Und es ist dieses dunkle Geheimnis, aufbewahrt in einem Selfstorage, das sie zu Boden drückt. Nicole Kidman spielt das auf einer Skala von leiser Verzweiflung bis rausgeschriener Wut.

Der Clou des Ganzen ist schlicht sensationell. Vom Ermordeten am Anfang zur Auflösung am Ende schließt sich ein ausgetüftelter Kreis. Der sogar darlegt, warum Erin Bell so beschädigt aussieht.

destroyer-film.de

  1. 3. 2019

Oper. L’opéra de Paris

Januar 15, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos

Eine Balletttänzerin, erschöpft nach dem Auftritt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit September 2020 wird Philippe Jordan neuer Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Wer den Dirigenten jetzt schon in seinem natürlichen Lebensraum erleben will, kann das ab 19. Jänner in den heimischen Kinos im Dokumentarfilm „Oper. L’opéra de Paris“ tun. Der Schweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron folgte mit Amtsantritt Direktor Stéphane Lissner diesem und seinem Team von Saisonstart 2015 an eineinhalb Jahre durch sein Haus. Das Einzigartige daran: Bron hatte davor noch nie eine Oper von innen gesehen. Er hat keine Ahnung, wie solch ein „Schlachtschiff“ funktioniert, weiß nichts über klassischen Gesang oder – die Hausspezialität – Ballett.

Und so folgt der Regisseur seinen Protagonisten neugierig wie ein Tiefseetaucher den faszinierenden und fremdartigen Wesen der Unterwasserwelt. Entstanden ist so ein fabelhafter Einblick in die Welt hinter den Kulissen im Palais Garnier und am Place de la Bastille, Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos, der stets betrachtet, nie kommentiert wird. Dass dabei weder humorvolles, noch tagespolitisches Geschehen zu kurz kommt, ist dem Geschick Brons zu verdanken. So gilt es zu schmunzeln, wenn ein riesenhafter Charolais-Stier für die „Moses und Aron“-Premiere dem Chor Angst und den Verantwortlichen Kopfzerbrechen macht.

Man ist aber auch dabei bei der Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf das Bataclan, bei beinharten Verhandlungen mit Kulturminister und Gewerkschaft bis hin zur Streikdrohung wegen der verordneten Personaleinsparungen – oder als Ballettmeister Benjamin Millepied, Ehemann von Schauspielstar Natalie Portman, die er bei den Dreharbeiten zu „Black Swan“ kennengelernt hatte, endgültig das Handtuch wirft. Es ist Lissner hoch anzurechnen, dass er scheint’s keine Tür vor Bron verschlossen hielt, so dass dieser Leid und Leidenschaften hautnah erleben und dahin blicken konnte, wo Schmerz und Schönheit nah beieinanderliegen.

Philippe Jordan am Pult. Bild: © Filmladen Filmverleih

Stéphane Lissner inspiziert sein Reich. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu einer Balletttänzerin, die nach ihrem Auftritt schwer Luft holend am Boden sitzt, oder zur Gilda-Darstellerin, die hinter der Bühne nach Wasserflasche und schweißtrocknenden Kleenex greift, die ihr die Garderoberin in stummem Verständnis der Lage reicht. Bron gelingt es in seiner anekdotisch-flüssigen Collage, seinem Mix aus Distanz und Nervenkitzel, die Oper als atmenden Organismus mit hohem Pulsschlag zu zeigen. Auf seinem Weg folgt er mehreren Figuren. Lissner, Jordan und Millepied natürlich, mit denen man nicht nur die Vorbereitungen zur Schönberg-Premiere, sondern auch „Meistersinger“-Proben mit Jonas Kaufmann und Bryn Terfel erlebt – samt den üblichen Konflikten zwischen Regisseur, Dirigent und dem sehr selbstbewussten Chor, Streit in den höchsten Tönen, emotionaler Hochdruck vor und hinter dem Vorhang, nur, damit sich all die Enthusiasten danach wieder voll zur Sache begeben.

Bron führt über rote Teppiche und zum Galadiner, als der damalige Präsident François Holland das Haus besucht, durch das Sprachbabylon der Kostümwerkstätten und Proberäume, und immer wieder auch auf die Bühne. Von der Seite lugt er wie ein verirrter Besucher auf das Geschehen „draußen“. Diese Szenenausschnitte kombiniert er mit dem musikalischen Echoraum von Kleinstkonzerten und anderen intimen Begegnungen. Sie grundieren die Dokuarbeit gleichsam emotional.

Der Bulle macht der Belegschaft Kopfzerbrechen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu den schönsten Augenblicken des Films gehören da die mit dem jungen russischen Bariton Mikhail Timoshenko, der an der Akademie der Oper aufgenommen wird, und dessen großen, staunenden Augen durchs „Oberdeck“ des Schlachtschiffs man folgt, bis er in einem Gang auf sein Idol Terfel trifft. Der ihm noch dazu verspricht, den „Boris Godunow“, den er sich selbst gerade erarbeitet, mit ihm zu studieren. Ein Glücksmoment. Einer von vielen, die diesen Film ausmachen. Gerne hätte man nur noch gewusst, ob sich der Bulle bei der Premiere tatsächlich so mustergültig verhielt, wie er es bei den Proben versprochen hat …

www.koolfilm.de/Oper/oper.php4

15. 1. 2018