Janis: Little Girl Blue

Januar 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kitschfreie Annäherung an die kosmische Heroine

Janis Joplin, 5. April 1969 Bild: Evening Standard © Getty Images

Janis Joplin, 5. April 1969
Bild: Evening Standard © Getty Images

Janis Joplin das ist: Südstaatenkindheit, San-Francisco-Feeling und viel Southern Comfort. Als sie sich am 4. Oktober 1970 den einen Schuss zu viel setzte, war sie eigentlich längst clean. Dies wie ein weiterer Witz aus einem Leben, das sich lebenslang vor sich selbst hertrieb. Es bleibt: die Erinnerung an die Rockröhre, die rosarote Sonnenbrille samt Federboa, war da die Joplin nicht längst eine Karikatur ihrer selbst?, und viel, ganz viel Herzschmerz. Ein Mythos. Jimi, Jim & Janis. Und mir geht’s auch schon ganz schlecht. Und dann hatte man die 27 beinah widerwillig überlebt. Es gibt keine Frau, die zur Geschichte von Janis Joplin nicht eine eigene hat. My unhappy, my unlucky, my little …

„Janis: Little Girl Blue“ heißt die Dokumentation von Amy J. Berg, die am 29. Jänner in die heimischen Kinos kommt. Berg ist bekannt für ihre Filme über gesellschaftliche Defizite und Deformationen, von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche („Deliver Us from Evil“) über ein folgenschweres Fehlurteil („West of Memphis“) bis zur Church of the Latter-Day Saints („Prophet’s Prey“). Ihre Annäherung an Joplin dauerte sieben ganze Jahre. Das Ergebnis ist ein einfühlsames Porträt der Singer-Songwriterin, kompromisslos kitschfrei, intim, aber nie invasiv. Berg verzichtet darauf Joplins Wesen zu psychologisieren, mögliche Minderwertigkeitskomplexe oder andere Seelenschäden zu verorten. Sie stellt dar. Das zeugt von Respekt. Und man versteht auch so.

Mithilfe bisher unveröffentlichter Aufnahmen von Konzerten und Fernsehauftritten verfolgt Berg die öffentliche Joplin, den Bühnenderwisch mit der Whiskeystimme; erstmals gezeigte private Fotos und Notizen, vor allem aber Nachrichten an Familienmitglieder und Freunde offenbaren eine Janis, die sich eine überlebensgroße Kultfigur schuf, in der Hoffnung mittels dieser überleben zu können. Die Lücke mit einer Legende schließen. Es ging schief. Die Sängerin Cat Power liest Joplins Briefe und wird gleichsam zu deren Stimme. Powers Georgia-Alternative-Country-Akzent passt dazu prima.

Janis Joplin hat ihren Kampf für Unabhängigkeit und Liebe, gegen Alkohol und Drogen zum Teil ihrer Performance gemacht. Und wenn sie singt, sich die Stimme aus dem Leib reißt, sich diesem Dasein aussetzt, ist klar, dass ihre Freiheit Selbstzerstörung sein musste. Nichts mehr übrig, das man verlieren könnte. Zu sehen ist Joplin beim Monterey Pop Festival mit Big Brother & the Holding Company, gefilmt von D. A. Pennebaker, und in Woodstock mit der Kozmic Blues Band, auch eine fröhliche, sehr berührende Szene, in der Janis im Tourbus „Me and Bobby McGee“ singt. An ihre liebe- und offenbar ziemlich verständnisvollen Eltern schreibt sie sinngemäß: „Schaut, ich bin erfolgreich! Anbei ich mit meinen vielen Freunden!“ Dazu ein Foto.

Es ist erstaunlich, sieht man diese Bilder und Szenen aus den 1960er-Jahren, wie viel vom verachteten Mittelstand diese Hippie-Rebellen in ihre Flower-Power-Welt hineinlassen mussten. In den krassesten Outfits, in ihren verrücktesten Posen steckt eine – aus heutiger Sicht gesehene – merkwürdige Spießigkeit, von der Kamera für die Ewigkeit eingefangen. Ungefähr so, wie der Beatles-Bob nunmehr eher Mireille Mathieu als einem girl with kaleidoscope eyes ähnelt. Insofern ist Amy J. Bergs Film auch ein Dokument über diese Zeit und darüber, wie sich Zeiten wandeln.

Beinah körperlich qualvoll ist eine Sequenz, in der die Joplin, begleitet von einem sagenhaften Medienzirkus, zu einem Klassentreffen in ihre Heimatstadt Port Arthur in Texas fährt. Die Fragen der Journalisten zu ihrer Schulzeit sind ihr sichtlich unangenehm – der Paradiesvogel war ein Mobbingopfer. In der Studienzeit wurde sie von einer Studentenvereinigung zum „hässlichsten Mann auf dem Campus“ gekürt. Der „Star“ wirkt daheim bestürzend fehl am Platz. Sie sei ein „troublesome kid“ gewesen, sagt ein selbst ernannter Schulfreund. Man habe zwar Spaß mit ihr haben können, sich aber auch oft für sie geschämt. „Attention seeking“ nennt das eine weitere Exfreundin. Ins Rampenlicht, immer schon, und dort dann alles geben. Und wenn ihre Schwester von „Problemen“ mit Janis‘ nicht der Norm entsprechendem Aussehen spricht, reicht das völlig für ein Stimmungsbild des Lone Star State. „“You are what you settle for“, sagt Joplin im O-Ton in einem Radiointerview. Wer sich nicht gegen die Verhältnisse stemmt, darf sich nicht über sie beschweren. Damit hat Berg auch das Joplin stets umwehende Genderthema kurz gestreift und abgehandelt.

Am Morgen nach ihrem Tod, so der Film, lag an der Rezeption von Joplins Hotel ein Telegramm für sie. Es war von ihrem aktuellsten Lover David, und er ist einer von vielen Gesprächspartnern Bergs, dem man die tiefe Trauer über Janis‘ Tod immer noch anmerkt. Im Abspann kommen dann die unvermeidlichen Wortspenden der prominenten Heiligsprecher. Melissa Etheridge, Juliette Lewis, Pink. Die Begegnung mit Janis Joplin und ihrer Musik hat mein Leben verändert. Das als einziges hätte man vermeiden können. Denn ehrlich, wen interessiert’s? Die Begegnung mit Janis Joplin und ihrer Musik hat mein Leben verändert.

www.janismovie.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=-oRLyBgz8W0

Wien, 25. 1. 2016

Erwin Steinhauer macht Feier.Abend

März 6, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Wien-Dernière im Stadtsaal

Bild: © Nancy Horowitz

Bild: © Nancy Horowitz

Am 14. März ist im Stadtsaal die Wien-Dernière von „Feier.Abend“. Erwin Steinhauer & Seine Lieben (Georg Graf – Saxophone, Klarinetten, Gitarre; Joe Pinkl – Keyboard, Posaune, Tuba; Peter Rosmanith – Perkussion, Hang) bringen dabei ihre Lieblingslieder zu Gehör. Schmuckstücke einer sehr persönlichen musikalischen Perlenreihe, alte Hits und neue Gassenhauer von Georg Kreisler und Roland Neuwirth bis Janis Joplins „Mercedes Benz“ und Randy Newman. Auch Drafi Deutschers Schlager „Marmor, Stein und Eisen“ gibt es  in einer a capella Interpretation. Und hochaktuell: „Da Putin is a Witz“/Puttin‘ on the Ritz. Für die genialische Übersetzung der Texte ins Wienerische sorgte Autor und Liedermacher Heli Deinböck. Da heißt’s dann „I kenn mi aus bei der Eisenbahn“/House of the rising sun, wird gesungen „Für’d Moni“ oder die „Balade von de Glanechkeiten“.

Dazwischen erzählt Steinhauer von seinen Jugendjahren, seiner Prägung zum Romantiker, von seiner Zeit als Nebenerwerbs-Heurigensänger und ganz allgemein von Höhen und Tiefen eines Suchenden, der in der Kunst stets fündig geworden ist. Die Musik karikiert diese biografische Nabelschau auf liebenswert-heimtücke Weise, etwa beim „Mädchen mit den drei blauen Augen“. Gedichte und Texte sind Teil des Programms. Allesamt vom 2006 verstorbenen Satiriker Robert Gernhardt.

Hallo, süße Kleine, komm mit mir ins Reine! Hier im Reinen ist es schön, viel schöner als im Schmutz zu stehen, Hier gibt es lauter reine Sachen, die können wir jetzt schmutzig machen. Schmutz kann man nicht beschmutzen, laß uns die Reinheit nutzen. Sie derart zu verdrecken, das Bettchen und die Decken. Die Laken und die Kissen, daß alles Leute wissen: Wir haben alles vollgesaut und sind jetzt Bräutigam und Braut.

Und auch die Welterkundungen eines H. C. Artmann dürfen natürlich nicht fehlen.

www.stadtsaal.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=bP6TZSrN370

www.erwinsteinhauer.at

Wien, 6. 3. 2014

Linda McCartney im Kunst Haus Wien

Juni 3, 2013 in Ausstellung

Pop-Ikonen auf Familienfotos

Paul McCartney, Jamaica  Bild: © 1971 Paul McCartney / Fotografin: Linda McCartney

Paul McCartney, Jamaica
Bild: © 1971 Paul McCartney / Fotografin: Linda McCartney

Ab 6. Juni würdigt das Kunst Haus Wien in der weltweit ersten umfassenden Retrospektive das Lebenswerk von Linda McCartney, einer der interessantesten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl ihrer ikonischen Porträts des Rock and Roll der 1960er, ihres Familienlebens und der Natur. Linda McCartney, 1941 in New York als Linda Eastman geboren, war eine Fotografin aus Leidenschaft. Ihre Begeisterung für die Musik ließ sie zunächst in die Musikszene zwischen New York, Kalifornien und London eintauchen. Ihre Porträts von Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Aretha Franklin, The Who oder Simon & Garfunkel prägen unser Bild der „Swinging Sixties“. Die auf diesen Fotos spürbare Atmosphäre von Nähe und Vertrauen macht ihre Porträtkunst unverwechselbar. Eine zufällige Gelegenheit, die Rolling Stones bei einer Pressekonferenz zum Album „Aftermath“ im Juni 1966 auf einer Yacht am Hudson River zu fotografieren, bedeutete für die junge Fotografin den Durchbruch. Als 1968 ihr Porträt von Eric Clapton auf dem Cover der Zeitschrift „Rolling Stone“ erschien, war sie die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde. McCartney fotografierte die Beatles bei der Präsentation ihres Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ im Jahr 1967. Paul und Linda verliebten sich ineinander und heirateten zwei Jahre später. Das Familienleben mit vier Kindern – zwischen den letzten Tagen der Beatles, den Tourneen der Wings und ruhigeren Tagen auf dem Land in Sussex und Schottland – rückte ins Zentrum ihrer Fotografie.

Linda McCartneys Alltagsszenen aus der hingebungsvollen Hinwendung zu ihrer Familie zeugen von einem stets wachen Blick für die Poesie des Augenblicks ebenso wie für Humor und Surreales. Sie stehen in ihrem fotografischen Schaffen heute gleichwertig neben den berühmten Porträts. Auch in diesen Arbeiten bleibt ihr markanter persönlicher Stil einer lässigen Eleganz, gepaart mit dem untrüglichen Gespür für den richtigen Moment, sichtbar. In ihrem späteren Leben kehrte Linda McCartney zu den frühen und prägenden Interessen ihrer Entwicklung als Fotografin zurück. Ihre Auseinandersetzung mit bildender Kunst hatte mit der Begegnung mit zahlreichen prominenten Künstlern begonnen und sie Kunstgeschichte studieren lassen. Eine spezielle Begeisterung für das Medium Fotografie, seine Geschichte und seine Verfahren, führte sie zu Experimenten mit Techniken aus den Anfangstagen der Fotografie. Eine beachtliche Anzahl ihrer Porträts stammt aus dieser Zeit, etwa von Willem de Kooning, Gilbert and George, Jim Jarmusch und Allen Ginsberg. Tiere, Pflanzen, Landschaften und Stillleben – teilweise ausgeführt als Platinum-Prints, Sun-Prints und Polaroids – sowie ein dokumentarischer Bereich mit Kontaktbögen, Videos und anderen Originalmaterialien runden den Blick auf das Lebenswerk einer leidenschaftlichen Fotografin ab.

Paul McCartney: „Von Anfang an bewunderte ich ihre Fotografie und dass ich ihre Arbeit persönlich erleben durfte, verstärkte diese Bewunderung noch. […] Von ihr fotografiert zu werden, fühlte sich locker und angenehm an, und in ihren Arbeiten kommt deutlich zum Vorschein, wie entspannt ihre Modelle sind. Ihr untrüglicher Sinn für das richtige Timing hat mich immer beeindruckt. Sie drückte auf den Auslöser, wenn man es am wenigsten erwartete, und dann hatte sie ihr Foto im Kasten. Ihre Kunst nahm eine neue Dimension an, als sie eine Familie gründete und ihre Kinder großzog. […] Auf der persönlichen Ebene war sie eine lebenslustige, äußerst loyale Person, die ihre Familie über alles stellte; ihr trockener Humor schimmerte bei allem durch, was sie tat.“ (Aus „Linda McCartney: Life in Photographs“, TASCHEN 2011)

www.kunsthauswien.com

Von Rudolf Mottinger

Wien, 3. 6. 2013