Theater in der Josefstadt: Die Stadt der Blinden

September 18, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pandemie als Metapher für Entmenschlichung

Bei Soldaten in Schutzanzügen: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Roman Schmelzer, Martina Ebm, Alexandra Krismer, Marlene Hauser und Raphael von Bargen. Bild: © Moritz Schell

Die Ampel steht auf Rot. Nein, nicht die Bundesländerwarnung für Salzburg, sondern jene auf der Bühne der Josefstadt, und dennoch hat das Lichtsignal beide Male mit Pandemie zu tun. Autor Thomas Jonigk hat des Literaturnobelpreisträgers José Saramago „Die Stadt der Blinden“ für die Josefstadt adaptiert, ein Auftragswerk des Hauses, da Regisseurin Stephanie Mohr ein Stück zur Situation wollte – und entstanden ist so eine

ergreifende und fesselnde, auf die drastische Wirkmacht von Saramagos Metapher für Entmenschlichung konzentrierte Uraufführung. Von einer „Blindheit des Herzens“ spricht der portugiesische Romancier mehrmals, einer mysteriösen Epidemie, die gefährlich ansteckend ist, und wie er es vorgibt, zeigt Mohr eine Gesellschaft in der Menschenrecht, Menschenwürde, Mit-/Menschlichkeit verloren gehen, das Tasten der ihrer Sehkraft beraubten Figuren ist eines nach Orientierung und Ordnung, doch endet’s für sie in Chaos und Gewaltherrschaft. Das ist so gegenwartsbezogen und überstilisiert dystopisch zugleich, dass einem mitunter der Atem stockt.

Mohrs Inszenierung hat diese brüchige Sprödheit, statt Blackouts gibt es „Blendouts“, die ihren Arbeiten oft zu eigen ist. Sie hinterfragt das Augenscheinliche wie die Motivationen des Saramago’schen Personals und zeigt, dies des Schriftstellers universelles Thema, ein milchigweißes, ununterscheidbares Gut und Böse, von beinah jeder Figur auch die Kehrseite der Medaille.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Ensemblestück, das die Namenlosen in ihrer Anonymität belässt, sodass Mehrfachbesetzungen de facto keine Rolle spielen. Jonigk hat für die zehn Darstellerinnen und Darsteller auch chorische Szenen entworfen. Gleich dem der griechischen Tragödie sind sie Berichterstatter, prophetische Beobachter, dann wieder einzelne Involvierte, die ihr Schicksal schildern, während sie es durchleben.

Ungewohnt mag das sein für die Josefstadt, das hier zugunsten einer starken Symbolik auf ausgefeilte Charakterstudien verzichtet wurde, die Protagonistinnen und Protagonisten nehmen stattdessen eine parabelhafte Platzhalterrolle für jede und jeden im Publikum ein. Wobei Jonigk wie Mohr auf erkennbare Sympathien oder Antipathien verzichten, niemals moralisieren, werten, richten, sondern es den Betrachtenden überlassen, sich eine Meinung zu den handelnden Personen zu bilden.

Im Setting von Miriam Busch, das mit sparsamen Mitteln größten Effekt erzielt, die flugs zu wechselnden, zeitgemäßen Kostüme von Nini von Selzam, ist Roman Schmelzer der erste Blinde, der – dies gilt es zu erwähnen – wie alle anderen die schauspielerische Schwerstarbeit, Blindheit zu mimen, mit Bravour meistert. Und während „Patient Null“ noch damit ringt, sich blindlings vom Augenarzt, Ulrich Reinthaller als ebendieser, etwas verschreiben zu lassen, und honi soit, wer da an die Impfdebatte denkt, sind auch schon der Mediziner, Martina Ebm als Frau des ersten Blinden und mit Raphael von Bargen jener sinistre Mann infiziert, der dem Patienten Hilfe anbot, nur um dessen Auto zu stehlen.

Alexander Absenger und Roman Schmelzer. Bild: © Moritz Schell

Sandra Cervik und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Die Mafia: Von Bargen, Absenger und Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Einzig die Frau des Augenarztes, Sandra Cervik, bleibt von der Blindheit verschont, bei Saramago ist die personelle Erzählperspektive bevorzugt die ihre, die alleinig Sehende, die einsame Seherin des Kommenden. Sie beschließt ihren Mann verbotenerweise ins Internierungslager zu begleiten, und schon werden die Verseuchten von Soldaten in Schutzanzügen zwecks Quarantäne zusammengetrieben und in eine frühere Irrenanstalt – ein weißer, von oben herabschwebender Koben – gepfercht.

Auftritt, während für Marlene Hauser, Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Peter Scholz der Überlebenskampf ums tägliche Brot beginnt, Julian Valerio Rehrl als Slim-fit-Politiker mit zurückgegeltem Haar, der mit kieksender Stimme und Messias-Gesten von jener Verantwortung pflichtbewusster Bürgerinnen und Bürger, die ihnen der Staat nicht mehr abnehmen wolle, salbadert, vom „Akt der Solidarität gegenüber dem Rest der nationalen Gemeinschaft“, während sich er samt dieser augenscheinlich entsolidarisiert.

Es sind Textzeilen wie diese, auch aus diversen Lautsprechern verlautbarte, die Regierung hätte alles unter Kontrolle, es gebe regelmäßige Meetings mit Fachleuten, weswegen man „zwei Mal in sechs Tagen die Strategie ändert“, kommentiert Scholz staubtrocken, die im Saal zu unterdrückt zynischem Gelächter führen. „Im Reich der Blinden ist der Einäugige König“, raunt der Sitznachbar. Und einem selbst fällt im Zusammenhang mit Politik ein hoffnungsvoller Bibelvers ein: Wenn ein Blinder den anderen führt, fallen beide in die Grube ..

Jonigk hat mit Verve Saramagos Vorliebe für schwarzen Humor und skurril-gaunerische „Schlauberger“ ins Tagesaktuelle befördert, Mohr dazu obwohl abstrakte, dennoch beklemmende Bilder erdacht. Auf Befehlstreue gedrillte Soldaten, die den ersten „Blindgänger“ erschießen, weil der sich auf ihr Terrain verirrt hatte. Opfer, die in verblendetem Zweckoptimismus am Glauben an den „Weitblick“ der Obrigkeit festhalten. Cervik, die um Zusammenhalt bemüht, nicht nur wie alle den Modergeruch wahrnimmt, sondern auch die Leichenberge sieht.

Polonaise des Grauens: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Martina Ebm und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Im schmutzig-weißen Quarantäne-Koben: Sandra Cervik und Marlene Hauser. Bild: © Moritz Schell

Kampf ums tägliche Brot: Krismer, Hauser, von Bargen, Schmelzer, Ebm, Reinthaller und Cervik. Bild: © Moritz Schell

Roman Schmelzer, Ulrich Reinthaller, Marlene Hauser, Sandra Cervik und Martina Ebm. Bild: © Moritz Schell

Zum schmalen Grat des Vorwärtstaumelns kommt der Grad der Verwahrlosung, Unrat und Dreck als lehmige Substanz auf Körpern und Gesichtern, eine von den Capos unter den Insassen gegründete Essensmafia zwingt die Frauen, sich für die Verteilung der Lebensmittel zu prostituieren. In einer Kakophonie der weiblichen Stimmen wird der Missbrauch ausdrucksstark vorgetragen, es genügen die verständlichen Wortfetzen, um sich das Schreckliche vorzustellen.

Die Schweigsame Frau der Krismer stirbt an der Massenvergewaltigung, die Frau des Augenarztes ersticht einen der Täter, sie wird zur rasenden Rächerin, wie die Medea, als die Cervik ebenfalls zu erleben ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47538). Alldieweil und mitten im Inferno versucht von Bargens Figur, sich Hausers Frau mit dunkler Brille sexuell aufzudrängen … Die Hölle, das sind die anderen, um Sartre zu bemühen.

Aus dem eindrücklichen Spiel des Ensembles, das etwa 30 Rollen meistert, darunter großartig komisch Rehrl und von Bargen als Apokalyptiker und Verschwörungstheoretiker, schälen sich kürzeste Szenen heraus, die haften bleiben. Scholz als Der Alte, der eine zarte Beziehung zu Hausers Frau mit dunkler Brille entspinnt. Cervik mit von Bargen als Schriftsteller und Saramagos Alter Ego, die über die mit dem Augenlicht schwindende Empathie philosophieren. Von Bargen, der auf der Bühne Sarangi und Posaune spielt. Die Sehende Frau, die zum Schutz der Blinden diese zu einer Polonaise des Grauens arrangiert. Krismer als vom Wahnwitz umzingelte Nachbarin, die sich aufs Fangen und Roh-Verspeisen von Kaninchen/oder sind die Fellbündel Katzen spezialisiert.

„Die Stadt der Blinden“ an der Josefstadt entwirft das Panorama einer Krise, freilich mit den Mitteln der Kunst extremer und exaltierter als die Realität seit eineinhalb Jahren, und doch als Warnung, wohin es führen kann, wenn Wegsehen, Nicht-sehen-Wollen um sich greift und Populismus die Politik ersetzt. Saramagos niedergeschriebenes Gleichnis auf eine Gedankenseuche, für die Bühne übersetzt von Thomas Jonigk und auf diese gebracht von Stephanie Mohr, ist zu lesen als gesellschaftspolitischer Weckruf, sich wieder als Solidargemeinschaft zu erkennen. Dass Cervik schreit: „Gott hat es nicht verdient zu sehen!“, ist das eine, das andere die fortdauernde Niedertracht allüberall.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zMn7W3dDLMY           www.josefstadt.org

BUCHTIPP: Da sich im Programmheft zu „Die Stadt der Blinden“ ein Auszug aus dem „Wuhan Diary“ sowie ein Interview mit Autorin Fang Fang finden, hier die Leseempfehlung / Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41195. Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

17. 9. 2021

Theater an der Wien: Hamlet

September 12, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung der Oper von Anno Schreier

Der Arnold Schoenberg Chor, mit Theresa Kronthaler als Ophelia. Bild: © Monika Rittershaus

Ihm gehört das berühmte „Sein oder Nichtsein“: Der Arnold Schoenberg Chor mit Theresa Kronthaler als Ophelia. Bild: © Monika Rittershaus

Roland Geyer, Intendant des Theater an der Wien, wünschte sich zum Shakespeare-Jahr eine Uraufführung zu einem Stoff des britischen Barden – und beauftragte bei Komponist Anno Schreier ein Werk. Dessen „Hamlet“ wird nun am 14. September in einer Inszenierung von Christof Loy am Haus uraufgeführt. Am Pult: Michael Boder. Ein Kammerspiel, das mit wenigen Charakteren auskommt, ist diese Oper in 25 Bildern geworden.

Der Arnold Schoenberg Chor fungiert wie der der griechischen Tragödie, die Handlung erklärend, die Protagonisten begleitend – als Wahrheits- und Weissagender, dort, wo sich der dänische Hof in Lügen ergeht. Auch das berühmte „Sein- oder Nichtsein“ gehört ihm, Schreier, dessen Musik oft als zwischen Verdi und Britten angesiedelt gedeutet wird, hat dafür eine Art Madrigal vorgesehen. Die Besetzung ist illuster: Andrè Schuen gibt den Hamlet, Jochen Kowalski seinen toten Vater, Bo Skovhus den Claudius. Kurt Streit wird in der neu eingeführten Rolle eines protestantischen Pastors zu sehen sein. Die Partie der Gertrud singt Marlis Petersen, als Ophelia ist Theresa Kronthaler zu hören.

Jochen Kowalski als Der tote Hamlet, im Hintergrund Andrè Schuen als sein Sohn Hamlet. Bild: © Monika Rittershaus

Jochen Kowalski als Der tote Hamlet, im Hintergrund Andrè Schuen als sein Sohn Hamlet. Bild: © Monika Rittershaus

Bo Skovhus als Claudius, Andrè Schuen alsHamlet, Theresa Kronthaler als Ophelia und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Bo Skovhus als Claudius, Andrè Schuen als Hamlet, Theresa Kronthaler als Ophelia und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Mit ihr hat es eine besonder Bewandtnis. Liberettist Thomas Jonigk verwandelte sie in eine Edelprostituierte. Denn nur noch an den Eckpunkten ist sein „Hamlet“ ein shakespeare’scher; der Autor zieht auch andere Quellen heran, wie etwa Saxo Grammaticus’ „Historia Danica“ und Francois de Belleforests „Histoires tragiques“. Beide Texte dienten schon dem elisabethanischen Dramatiker als Vorlage.

Und so ist Gertrud nun von Claudius schwanger, was ihrem Erstgeborenen so gar nicht schmecken will. Die Mutter legt ihm erst als Trost Ophelia ins Bett, aber als sich die beiden ernsthaft ineinander verlieben – Ophelia ist über den Umständen ihres Berufes depressiv geworden und erkennt in Hamlet diesbezüglich eine verwandte Seele -, ist ihr das gar nicht recht. Sie stiftet Claudius an, Ophelia zu ermorden, und ungeplanterweise kommt auch Hamlet zu Tode. Am Ende posiert man als neue Königsfamilie vor den Fotografen und verkündet stolz: Das Ungeborene wird ebenfalls Hamlet heißen …

Vorstellungen bis 23. September.

www.theater-wien.at

Wien, 12. 9. 2016

Landestheater Niederösterreich: Ungeduld des Herzens

November 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stefan Zweigs Sittengemälde als intimes Familientableau

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom Bild: Nurith Wagner-Strauss

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Mitleid ist die zentrale Botschaft des Glaubens. Nicht die Hoffnung auf eine allumfassende Liebe, sondern die Fähigkeit mit dem anderen dessen Last zu tragen. Mitleid bedeutet nicht, sich diese Last aufbürden zu lassen. Dieses in Mitleidenschaft gezogen zu werden passiert aber Anton Hofmiller.

1938 hat Stefan Zweig seinen Roman „Ungeduld des Herzens“ geschrieben. Schon im Exil. Auf einer k.u.k.-Folie, der „guten alten“ für einen Weltkrieg verantwortlichen Zeit, entwirft der Schriftsteller ein Sittengemälde seiner Tage. Er, der so gern als der unpolitische unter Österreichs Autoren gesehen wird, stellt darin eine treffsichere Diagnose über eine an den Rand der Menschlichkeit taumelnde Gesellschaft. Hellsichtig scheint der Pazifist gesehen zu haben, welches Unheil da noch kommen wird. Und so formuliert er an gegen die Hetzredner, schilt die Politik, dass sie kein besseres Mittel gegen die Kluft zwischen Arm und Reich weiß, als diese krakeelen zu lassen. Zeigt ein wie in absolutistischer Erstarrung manövrierunfähig gebliebenes Österreich, in dem viele sich zurück in ein Weltreich, heim ins Reich, sehnen. Beschreibt skrupellosen Wirtschaftsliberalismus und eine Figur, deren Vorbild unverkennbar Alfred Adler ist, der Begründer der Individualpsychologie und Benenner des Minderwertigkeitskomplexes. Hofmiller erzählt im Roman rückblickend von seiner alles andere denn als Kavalier absolvierten Jugend, es ist eben 1938, und der ehemalige Kavallerieleutnant macht sich kurz nach dem „Anschluss“ bereit, sich gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Diesmal nicht feig sein. Diesmal aktiver Widerstand.

2015 hat Regisseur Thomas Jonigk für das Landestheater Niederösterreich eine Bühnenfassung des Romans erstellt. „Ungeduld des Herzens“ als Kammerspiel mit wenig Herz und zuviel Hirn. Er macht aus Stefan Zweigs Sittengemälde ein morbides Familientableau. Beinah ein Stillleben, denn seine Figuren agieren so spröde leblos, so ohne Sentiment, als wäre das Leben still stehen geblieben. Im Hintergrund (Bühnenbild: Lisa Dässler, Kostüme: Esther Geremus) steht ergo, läuft nicht, ein Bild wie Eadweard Muybridges Serienfotografie „Horse in Motion“ aus dem Jahr 1872. Die vielen Einzelbilder, die es ganz machen, verwehrt er. Das Bild bleibt brüchig. Die Arbeit des Regisseurs auch. Der Abend ist so beklemmend, dass das Publikum immer wieder in befreiendes Lachen ausbrechen muss. Jonigk hat das Personal bis auf die Wesentlichen schlank gemacht, es gibt sechs Spieler, die Staffage wie etwa die Kasernenkameraden ist gestrichen. Europas untergehendes Judentum ist kein Thema mehr. Auf den ersten Blick ist diese Inszenierung eine interessante, hochintelligente Themenverfehlung.

Doch so ein einfaches Urteil erlaubt Jonigk sich und den Zuschauern nicht. Sie ist schon da, die Schwingung, im Infraschallbereich, schleicht sich in den Körper als unangenehmes Gefühl einer Parallelität zur Gegenwart, ein kollektives 21.-Jahrhundert-Atemanhalten in Erwartung der größtmöglichen globalen Katastrophe. Stefan Zweig, leider zeitlos. Jonigk führt dafür einen Charakter quasi neu ein, der im Roman wohl existiert, aber nicht mit dieser Gewalt regiert. Während Moritz Vierboom als Anton Hofmiller weiterhin gleichsam als Ich-Erzähler fungiert, wurde ihm eine Erklärerin zur Seite gestellt. Babett Arens als Frau Engelmayer ist die Sensation des Abends. Sie ist allwissende Besserwisserin und überzeitliche Zeittafel. Sie ist eine Mephista, wie sie da am Pianino sitzt, höflich desinteressiert am Schicksal der anderen, aber es dennoch dirigierend. Mit lapidarem Lächeln kommentiert sie: „Jetzt kommt wieder was Furchtbares.“ Oder weiß auf den Satz „Ich sterbe vor Hunger“ schon die zukunftsweisende Antwort: „Nein, Sie sterben an was anderem.“ Auch Ediths Sturz in die Tiefe sagt sie bereits zur Halbzeit der knapp zweistündigen Inszenierung voraus. Babett Arens, ganz groß. „Gott ist eine Erfindung des Menschen“, sagt die Engelmayer oft. In diesem Fall wohl eher eine des Teufels.

Moritz Vierboom steht als Hofmiller zum Glück jenseits der dieser Rolle oft verordneten strafbaren Naivität. Er ist natürlich immer noch Feschak, immer noch k.u.k.-Offizier – Standesdünkel und Ehrenkodex -, denn diese höhen Rösser braucht es, um ihn fallen zu lassen. Hofmiller scheitert an zu viel Höflichkeit, gemixt mit schlechtem Gewissen. Wegen seines Mitleids mit Edith wird er in Mitleidenschaft gezogen. Seine „Ungeduld des Herzens“ ist, sich möglichst schnell freimachen zu wollen von der peinlichen Ergriffenheit über dieses fremde Unglück, seine Haltung und Handlungen sind die instinktive Abwehr dieses fremden Leids von der eigenen Existenz. Vierboom spielt den Mann als Maus in der Falle. Nur kurz blitzt auf, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Soldat sehr wohl nach Ediths Millionen schielt. Dass die Figuren eine Vorgeschichte haben, am wegweisendsten die des Grafen von Kekesfalva alias Lämmel Kanitz, was geschieht auf dieser Welt nicht alles par dépit, hat Jonigk nicht wirklich gefesselt. Aber wie sich Vierboom quält und windet ist schon sehenswert.

Ebenso wie Swintha Gersthofer als Edith. Bei Jonigk sitzt die Gelähmte nicht im Rollstuhl, ihre Behinderung wird somit zur Behauptung: Sie sich selbst sowie alle anderen behindern und lähmen sie. Ein gelungener Kunstgriff. Gersthofer gestaltet eine verzweifelte Feindseligkeit; ihr verbitterter Zynismus macht sie zur geistig alten Frau. Diese Kranke ist keine Dulderin, sondern eine hysterische Haustryannin, Hofmiller schon Ehekrüppel, bevor er noch ans heiraten denkt. In Blassrosé und mit zerzaustem Goldhaar wirkt Gersthofer wie eine gruselige Porzellanpuppe. In einer gespenstischen, imaginierten Tanz- und Stampfszene präsentiert sich ihre lebenserhaltende Egomanie. Sie kann auch in ihren Mitmenschen das Schlechteste zum Vorschein bringen. Als ihre Sexualität sich Bahn bricht, erweist sich Hofmiller endlich als Schwein. Vierboom und Gersthofer sind ein fabelhaftes Albtraumpaar. Ein Fest für … Swintha Gersthofer.

Michael Scherff changiert als Lajos von Kekesfalva zwischen Optimismus und Leidensmann. Dass er ein Manipulator ist, der durch diese Gabe schon zu seinem Geld kam und nun auf den Schwiegersohn hofft, ist nicht einmal mehr eine vollständige Fußnote. Genauso wenig wie die erzählerische Klammer, dass Hofmiller in den Krieg geradezu flüchtet, weil er sich die Schuld an Ediths Tod gibt beziehungsweise je nach Interpretation auch hat. Jonigk interpretiert nicht, er lässt aus. Er will Scherff als guten Menschen zeigen. Den braucht er wohl als Gegenpendel ebenso wie Magdalena Helmigs Ilona und deren Lebenslust und Leichtigkeit, nicht aber ihre Verlustbereitschaft. Der einzig wahrhaft gute Mensch, wahrhaft bis zur Schmerzhaftigkeit, wobei so wirklich gut und wirklich sympathisch ist hier keiner, ist aber Doktor Condor, sehr straight, sehr präzise dargestellt von Tobias Voigt, der wie sein reales Vorbild der Psychosomatik auf der Spur ist.

Alfred Adlers literarische Hauptwerke heißen „Der Sinn des Lebens“ und „Über den nervösen Charakter“. Was könnte als Überschrift besser für diesen Abend am Landestheater dienen? Am Ende sagt die Arens noch: „Und im Dritten Weltkrieg …“ sie hüstelt … So weit wollte es Jonigk nicht kommen lassen, sich eine Hellsichtigkeit wie Stefan Zweig zu verpassen. Sie wäre zu grauenhaft. Da ist Sarkasmus die bessere Wahl. Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. Sagte Brecht. Ein eigenwilliger, eigensinniger Theaterabend!

Termine:

„Ungeduld des Herzens“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31. Jänner und am 26. und 27. Jänner als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 28. 11. 2015