Jonathan Lethem: Alan, der Glückspilz

Februar 7, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Tour de Farce durch die Außenseiter-USA

Da gibt es also diesen Ich-Erzähler, Grahame, einen erfolglosen Schauspieler, der den Theaterregisseur seiner Träume, diesen Maestro der Miniatur, siehe seine Inszenierung von Becketts „Krapps letztes Tonband“ in einem Bürohaus-Aufzug vor fünf zusammengepferchten Zuschauern, bei dem er in Anwesenheit von Dianne Wiest vergeblich für die Produktion „One Thousand Avant-Garde Plays“ von Kenneth Koch vorgesprochen hatte, Sigismund Blondy, dessen „Zelig-artige Infiltration der kulturellen Stadtlandschaft“ Grahame zutiefst bewundert, bis zu dessen geheimer Passion, Donnerstagsmatineen in einem Multiplex an der Upper East Side, quer durch New York City verfolgt.

Worauf ihn dieser, einmal entdeckt, nach Strich und Faden der Max-Frisch-Fragebogen auseinandernimmt: Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person, und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv? – Too much information?

Nicht nach den Maßstäben eines Jonathan Lethem. Der US-Autor, der den Talking Heads sogar in einem ihre Musik analysierenden Buch beschied, die Intelligenzia des Rock’n’Roll zu sein, jenseitig skurril, ironisch distanziert, schauderhaft spaßig und süchtig machend, legt nun mit „Alan, der Glückspilz“ eine Sammlung von Short Stories vor, die all dem und mehr entsprechen. Bis dahin, dass er selbst mit überbordendem Vergnügen sein Universalwissen zwischen zwei Buchdeckel quetscht. Diesmal in Form von neun irrwitzigen, tragikomischen, herzzerreißenden Geschichten, mit denen sich ihr Schöpfer auf das dünne Eis bedrohter Existenzen begibt.

„Alan, der Glückspilz“ ist eine Tour de Farce durch eine USA der Außenseiter. Mit politisch scharfgestelltem Blick und per Speedlogik entfesselter Fantasie – Familienväter in der Sinnkrise müssen sich dem drohenden Kontrollverlust ebenso stellen wie vergessene Comicfiguren auf einer verlassenen Insel – jagt Lethem seine Randgestalten vom Herz Manhattans bis an die Küsten zweier Weltmeere. Das liest sich, als liefe Woody Guthrie, from California to the New York island, from the Redwood Forest to the gulf stream waters, auf überhöhter Drehzahl. Die Überschrift der zweiten Story, „Der König der Sätze“, passt derart auf den Schriftsteller, wie der damit die eigene Zunft veralbert.

Ein Paar von Buchläden-Lovern, zwei Romantischwühler, die sich dem Wort-Orgasmus hingeben – „Ein gutgebauter, stattlicher Satz konnte Clea derart erregen, dass sie sofort zum Höhepunkt kam“ -, planen einen Überfall auf ihren Lieblingsautor. Dessen Devotionalien sammeln sie seit Jahren, makellose Erstauflagen, zerfledderte Leseexemplare, frühe Taschenbuchausgaben mit prosaischem Klappentext und schlüpfriger Umschlaggestaltung. Längst ist dem Leser klar, dass es sich um einen abgehalfterten Verfasser von Groschenromanen handeln muss, als die beiden das Subjekt ihrer obskuren Begierde in Hastings-on-Hudson aufstöbern. Das Ende: desillusioniert, desaströs, ein bissl Georg Danzers „Jö schau“.

Für jede seiner Stories erfindet Lethem eine eigene hochmusikalische Sprache. „Reisender zu Hause“ hat was surreal-Hanns-Dieter-Hüsch’sches: „Reisender allein. Reisender schmachtet. Reisender erwacht, hat geträumt anscheinend. Fahrkarten verloren. Automatenkaffee. Zahnbürste unaufgefunden. Schnee weht. Schuh fehlt. Wecker außer sich. Terrier muss ohnehin dekantieren …“ Einmal erscheinen wie im Märchen sieben Wölfe und bringen ein Baby im Korb – an die falsche Adresse. „Verfahren unter freiem Himmel“ ist eine kafkaesk grausame Geschichte über ein Regime, das Delinquenten bis zum Sterben in schmalen Erdlöchern stehen lässt. Indem Protagonist Stevick bei strömendem Regen einen dieser Politgefangenen mit einem Schirm beschützt, macht er sich zum „fixen Mitarbeiter“ des Systems.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

In exzentrischer Hochform ist Lethem beim Flugzeugabsturz im karibischen Nirgendwo in „Die Schattenseiten“, nach dem die Passagiere Theaterkritiker C. Phelps Northrup, Clown Large Silly, Peter Rabbit, King Phnudge, Monster C’Krrrarn und der Dingbat-Clan das Inselinnere „annektifizieren“. Es dauert etliche auf Tagebucheintragungen und Register verwendete Zeilen, bis man die illustre, der strikten Ordnung von Panels verpflichtete, zufrieden Sprechblasen mampfende, gleich einem Alfred-Kubin-Albtraum schwarzweiße Gesellschaft – nicht zuletzt durch den „Hinweis a. d. Zeichner“ – als ausrangierte Comicfiguren entlarvt hat. Jeder der „Mitwirkipizierenden“ einstmals limitiert, leinengebunden, von Fans für die vermeintliche Ewigkeit in Plastikfolie geschweißt. Und nun das? Wie (un-)menschlich!

Wie in seinen gefeierten Bestsellern lauert bei Lethem das Unheimliche im Banalen, der schleichende Verlust des Selbst tröpfelt durch die nicht immer hehren Zielsetzungen seiner Antihelden, bis man sie bis auf die Knochen auswringen kann. Ob geheimnisvolle/r BloggerIn, ob Familienvater, der sich den Mitschunkelmodus der Sea-World-Shows mittels Antidepressiva erträglich dröhnt, persönlicher Favorit unter all diesen ist „Der Porno-Kritiker“ Kromer, der privat zwischen der tränensäckigen Greta, der schönen Renée und der unsichtbaren Luna wechselt, als selbsternannter Heiliger der Verkommenheit und „Konzeptueller Lesbier“ gern auch in Dreierkombi – wobei er „Abspritzer und Auspeitschungen“ tabellarisiert. Bis er der „geborenen Verderberin und Verführerin, all dessen schuldig, was man Kromer je angedichtet hatte“, verfällt, und zu seinem Portfolio „Prostitution“ beifügen muss.

Man kann’s nicht anders formulieren: Jonathan Lethem unterhält auf hohem wie untiefem Niveau. Der einzige Vorwurf, der seinen literarischen Verwirrspielen zu machen ist: dass jede dieser virtuosen Fingerübungen einen ganzen Roman wert gewesen wäre, doch das schließlich das Kennzeichen guter Kurzgeschichten. Ach ja, „Alan, der Glückliche“. Ist ein Nachbar, den Sigismund Blondy gelegentlich am koreanischen Spätkiosk trifft, wie er Grahame erzählt. Klein, muskulös, mit vor Argwohn funkelnden Augen, die Sakkos stets mit Schuppen feenbestäubt, Raucher-Manierismen Marke Bogart, wie er Grahame schildert. Doch plötzlich ist Alan gestorben. An einem inoperablen Gehirntumor, erst kürzlich entdeckt, wie Blondy Grahame weismacht – der Theatermacher ein Lethem-Alter-Ego, der „Menschen-Material“ für seine Projekte sammelt?

„Wieder verspürte ich die paranoide Gewissheit, dass Sigismund Blondy mich, indem er mir seine Geschichte erzählte, für eine theatrale Fantasie in Dienst genommen hatte – für eine Rolle auserkoren -, zur Freude eines unbekannten Publikums, das vielleicht nur aus ihm selbst bestand. Die ganze Episode war reine Konfabulation.“

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“, „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281) oder zuletzt „Der wilde Detektiv“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32089). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den National Book Critics Award, den Gold Dagger und das MacArthur Fellowship. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Alan, der Glückspilz“, Stories, 172 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

www.tropen.de               jonathanlethem.com

  1. 2. 2020

Wiener Festwochen: Diamante

Mai 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Voyeur in anderer Leute Lebenswelten

Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Werksiedlungen gab’s auch hierzulande, in Wiedenbrunn von den Krupps für ihre Berndorf-Arbeiter aufgezogen, in Kaprun, in Altach, in Hard, die berühmteste, in Mannersdorf, hat kein geringerer als Roland Rainer konzipiert. Werksiedlungen sind Städte, die Unternehmen für ihre Untergebenen errichten. Google und Facebook schufen zum Beispiel idyllische Fleckchen für ihre Tüftler und Denker, die so selbst im Privaten greifbar sind, Tag und Nacht Tür an Tür mit den Chefs.

Um solcherart die Produktion und damit den Profit zu steigern. Und weil man nun alles teilt, von Gratisfahrrädern übers Gemeinschaftsschwimmbad bis zur Bio-Nahrung, besonders perfide war einst Krupp in Essen, wo die Wohnkolonie sowohl an die werkseigene Gas- als auch Wasserleitung angebunden war, und ein Teil des Lohns in Lebensmittelscheinen zur alleinigen Einlösung beim Krupp-Krämer ausbezahlt wurde, wird der Paradiesgarten schnell zum Sektenhort. Auf Absplitterung von folgt Angst vor der Außenwelt, folgt die Abschottung – there we are: Gated Communitys. Ein gerade aus den beiden Amerikas nach Europa kommender Trend (siehe dazu auch die Filmrezension zu Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“: www.mottingers-meinung.at/?p=25785).

In eine solche führen nun der argentinische Regisseur Mariano Pensotti und seine Kompanie Grupo Marea bei der ersten diesjährigen Festwochen-Produktion „Diamante“. In der riesigen Halle der Erste Bank Arena in der Donaustadt, der 22. Bezirk dies Jahr ja ein Festwochen-Schwerpunkt mit zahlreichen Projekten, hat sich Pensotti von Bühnen- und Kostümbildnerin Mariana Tirantte diese Dschungelstadt aufbauen lassen, zehn Häuschen und ein Auto, die Zuschauer bewegen sich dazwischen, von Spielort zu Spielort, beobachten durch Schaufenster, wie Darstellerinnen und Darsteller agieren, der oberste Teil der Glasfronten jeweils der Platz für Übertitel mittels derer erklärt wird, was zu sehen ist. Ein Erzähler geleitet das Publikum zusätzlich von Station zu Station.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Drei Mal durchläuft man den Kreislauf der elf Geschichten à acht Minuten, in Sommer, Herbst und Winter wird man zum Voyeur in anderer Leute Lebenswelten, die Reihenfolge des theatralen Spaziergangs dabei beliebig. So fiktiv die einzelnen Geschichten, von denen Pensotti berichtet, so wahr die ganze Geschichte. Diamante wurde 1836 von der Bergbau- gesellschaft Goodwind im Norden Argentiniens gegründet, zählt heute etwa 20.000 Einwohner, und war zunächst ein kapitalistisches Utopia mit dem Ziel, durch Zivilisierung der Region einen strategischen Zugang zu den reichen Erdölvorkommen zu schaffen.

Der deutschstämmige Goodwind-Eigentümer Emil Hügel ließ die südschwedische Ferienpittoreske seiner Kindheit nachbauen, die ersten Siedler kamen wie er überwiegend aus Deutschland, doch schon bald gab der Gründer seiner Stadt strenge Regeln: Anstelle des örtlichen Spanisch wurden Deutsch und Englisch gesprochen, die Kirchen waren protestantisch, Alkohol wurde nur abends verkauft, alle mussten jeden Morgen gemeinsam Sport machen, jeder musste ein Musikinstrument beherrschen … In diese Tatsachen platziert Pensotti seine ans Fernsehformat Telenovela angelehnten Minidramen.

In ihren skandinavischen Holzhäuschen, eingebettet in ihre sozialen Privilegien, erspäht man die Menschen beim Tanzen und Lieben, sieht, wie Beziehungen entstehen, zerbrechen, wie betrogen, die Flucht gewagt und trotz allem gehofft wird. Eine leitende Angestellte des Konzerns kandidiert für das Gouverneursamt, der Betriebsrat wird ihr linker Gegenkandidat. In das Haus einer Rechtsanwaltsfamilie, die für das Unternehmen arbeitet, wird eingebrochen. Der Gewerkschafter wird beschuldigt, den Einbruch organisiert zu haben, in Wirklichkeit war es der Wahlkampfmanager seiner politischen Rivalin – und verhaftet. Die rechte Kandidatin gewinnt die Wahl, doch die Firma fusioniert plötzlich und ohne ihr Wissen, es gibt Entlassungen, später geht das Werk bankrott.

Diamante, die zukunftsträchtige Mustersiedlung, hat sich in ihr schlimmstes Gegenteil verkehrt, mit jedem Akt werden die Charaktere verunsicherter, steigt die Sorge um Sicherheit und Wohlstand, werden die Verhältnisse chaotischer, die Menschen verrohter und gewaltbereiter: Sekten, Gangs, Milizen bestimmen bald die Stadt – die schließlich, wie zynisch ist das denn!, zum Themenpark wird, in dem die verbliebenen Einwohner sich selbst nur noch spielen. Auch das reale Diamante hat sich in die Region, in der es errichtet wurde, nie integriert; im Gegenteil, man lebt in Furcht vor den Nachbarn, denn der Lebensstandard der Stadt steht in krassem Widerspruch zur Armut der umliegenden Dörfer.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

So überwältigend ausufernd die einzelnen Ebenen dieses Live-Epos, so klar die Grundaussage. Pensotti zeigt auf, wie sich ein Innen zum Außen verhält, heißt: wie Privates von Politik, diese von der Wirtschaft gegängelt wird. Er zeigt ein System, das das Individuum als kalkulierbar und sich ergo als ihm nicht mehr verpflichtet betrachtet, zeigt subtil die seelischen und zwischenmenschlichen Folgen von permanentem Erfolgsdruck zwecks Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung.

Er arbeitet sich an den Themen Kolonialismus und Neoliberalismus und dem Outsourcing von Arbeit in Billiglohnländer ebenso ab, wie an der Festungsmentalität derer, und hier trifft er den Nerv der europäischen Gegenwart, die um den Erhalt ihres Hab und Guts bangen. Dies bevorzugt verbrämt im Begriff der Erhaltung der eigenen Kultur. „Diamante“ ist ein fünfeinhalbstündiges Immersivspektakel, anstrengend, aber da dramaturgisch ausgetüftelt durchwegs spannend. Ergreifende Geschichten, perfekte Performance, tolles Setting, großartiges Theater. Die Wiener Festwochen 2019 beginnen mit einem Höhepunkt.

Video: www.youtube.com/watch?v=XoCE2Rvtt24           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv

Februar 21, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Donald Trump und die Blumenkinder des Bösen

Klassischer kann ein Kriminalroman nicht beginnen: Eine nervöse Schöne betritt das Büro des ihr anempfohlenen Privatschnüfflers, beide, Inventar wie investigator, haben sichtlich schon bessere Zeiten erlebt, und während sie ihr Anliegen stammelt, öffnet er deutlich desinteressiert die Schreibtischschublade, um – nein, nicht den obligaten Whiskey, sondern ein magenkrankes Opossum herauszuholen, das der Fütterung bedarf. Ein satirisches Spiel, das US-Starautor Jonathan Lethem da treibt, eine postmoderne Genredekonstruktion, und noch dazu eine hochpolitische.

Denn als Subtext hinterm wüsten Treiben in „Der wilde Detektiv“ steht die messerscharfe Analyse eines seit der Trump-Wahl gespaltenen Landes, erschütterte Linksliberale hie, erstarkende Ultrarechte da, das sich selbst nicht mehr versteht. Und apropos, wüst: In diese und in dieser geht’s ab. Lethem beschreibt den surrealsten Wüstentrip, seit Jim Morrison in der Mojave sein Bewusstsein erweitert hat, Schauplatz des Buches ist das südkalifornische Inland Empire, die Zeit eben November 2016, der nicht nur „das Monster im Turm hervorgebracht“, sondern auch den Tod von Leonard Cohen verschuldet hat.

Beides wirft die Ich-Erzählerin Phoebe Siegler, Medienprofi aus Manhattan und Lethems Hauptfigur, aus der Bahn. Als sich ihr Boss „mit dem designierten Trumpeltier hinter verschlossenen Türen“ zusammensetzt, kündigt sie ihren Job als Radiojournalisten, und folgt, um nicht völlig in Politdepression und Privatschwermut zu versinken, dem Hilferuf einer Freundin. Deren Tochter Arabella, die ihre Tage im Golden State eigentlich als Studentin zubringen sollte, ist spurlos verschwunden. Phoebe nimmt die Suche auf, das heißt: aufsucht sie zuerst den Privatdetektiv mit dem bezeichnenden Namen Charles Heist – heist bedeutet Raub, und Phoebes Herz wird er noch stehlen

Heist novel meint eine spezielle Form der Krimiliteratur, deren Großmeister Donald E. Westlake war, und die auch andere Genres, wie beispielsweise Science-Fiction, vor allem aber einen skurrilen Humor bedient. Phoebe wird Heist über die ersten hundert Seiten wie folgt beschreiben: als „menschliche Freakshow in roter Lederjacke“, mit „einem Gesicht, das an die Oberseite einer eingefallenen Pastete erinnerte“, verärgert darüber, dass der Mann „in fast schon autistischem Maße unprovozierbar war“, dieser „atmende Holzschnitt“, bevor sie seine „gemeißelten Gesichtszüge“ und die „Stahlwolle seiner Koteletten“ endlich zu schätzen weiß. Lethem lässt kein Klischee, weder sprachlich noch inhaltlich aus, als die stadtneurotische New Yorkerin auf den abgeklärten Ermittler trifft.

Nur ist es hier die Frau, die sich den lapidaren Sam-Spade-Jargon aneignen wird, wenn schwarzer Kaffee wie ein Scheibenwischer fürs Gehirn wirkt, ihr etwas bis Oberkante Unterlippe steht oder „in Großbuchstaben“ geflüstert wird. Selten zeigt sich die Protagonistin eines Romans so zynisch, obwohl Phoebe sich selbst und damit dem Leser eingesteht, dass ihre markigen Sprüche, ihre verlegene Schnoddrigkeit, aus ihrer Angst angesichts der Umstände geboren sind. Die nämlich führen Phoebe und Heist und dessen drei Hunde von einem Schwemmkegel auf den Mount Baldy und in ein Zen-Kloster, in dem Leonard Cohen einige Jahre verbrachte, führen sie allerlei abgedrehten Charakteren zu, der Spinnerin Sage, der durchgeknallten Lorrie, dem undurchsichtigen Laird, der toughen Anita – und bald auch zu zwei Teenager-Leichen mit aufgeschnittener Kehle.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Phoebe muss erfahren, dass die Ödnis von einem Zweiparteiensystem beherrscht wird, menschlichen Überbleibseln einer Hippie-Kommune, aus der wie Blumenkinder des Bösen die atavistischen Stämme der „Kaninchen“, friedliche, aber bei Angriffen durchaus wehrhafte Frauen, und der brutal-männlichen „Bären“ hervorgegangen sind. In zweiteren, der einem blutigen Königskult frönt, wurde Heist dereinst als hoffnungsvoller Anführer-Spross hineingeboren, doch hat er beschlossen, stattdessen lieber verwirrt-verirrte Jugendliche aus dessen Klauen zu retten. Nun, sozusagen heimgekehrt, muss er sich, um Arabella, die der archaischen Anziehungskraft des aktuellen Machthabers Solitary Love erlegen ist, zu befreien, einem Zweikampf auf Leben und Tod stellen …

Seit Lethem in „Motherless Brooklyn“ einen Ermittler mit Tourette-Syndrom losgeschickt hat, jongliert er in seinen Romanen gekonnt mit Motiven und Macharten von Popkultur. Er versteht sich auf amerikanische Gegenwartswahrnehmung durch die Filter von Film, Fernsehen, Musik. Auch diesmal verhandelt er U und E, von Game of Thrones bis Joyce Carol Oates, von Nancy Drew bis mansplaining. „In der Mojave weiß niemand, dass du kein Hund bist“, sagt Phoebe einmal zu sich selbst. Im Original-The New Yorker-Cartoon sagt das ein vorm Computer sitzender Hund über das Internet … Phoebe bleibt in der Blase, der sie eigentlich zu entrinnen hoffte, Grapscher, Faktenfälscher und Politstricher, mittels Gebrauch von Smartphone, Apps und Twitter geistig verhaftet.

Wohin immer sie schaut, werden ihre Eindrücke durch Medien wie Social Media krankhaft verstärkt. Auch das kennzeichnet Lethem als jenen Riss, der durch die Gesellschaft geht. Vom Norden nach Süden, im aus der Mode gekommenen Macho-Mannsbild vs #MeToo, in den Politfarben Rot gegen Blau. Im wilden Westen trifft Ostküstenkind Phoebe auf Landsleute, die ihre Ausdrucksweise, ihre Anspielungen gar nicht dechiffrieren können, weil ihnen die Codes dafür fehlen. Phoebe reist mit einem Koffer, der „noch in der Obama-Ära gepackt worden war“, hat den ersten Geschlechtsverkehr „seit der Wahl“. Dies die neue Zeitrechnung der Vereinigten Staaten, in der einer unsägliche Dekrete erlässt, während andere, in Felle gehüllt, deren Existenz negieren.

Dem Rolling Stone sagte Jonathan Lethem, er hätte „Der wilde Detektiv“ geplant, in der Annahme, einige Jahre unter Hillary Clintons Administration zu leben, nun hätte ihn die Amtsübernahme durch Trump aus der Bahn geworfen, er frage sich, wozu das Buch, wozu überhaupt noch ein Buch schreiben. Und so, wie der Autor in seinem Roman das Scheitern aller gesellschaftspolitischen Utopien zwar mit Witz, aber noch mehr Melancholie durchdekliniert, ist ihm dieser Zwiespalt anzumerken. Am Ende fährt Phoebe über die Road to Nowhere. Der derzeit einzig gangbare Weg? Die diesen besingenden Talking Heads sind jedenfalls Lethems Lieblingsband.

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“ oder „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den „National Book Critics Award“, den „Gold Dagger“ und das „MacArthur Fellowship“. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Der wilde Detektiv“, Roman, 335 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach.

Weiterer Buchtipp: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269

www.tropen.de               jonathanlethem.com

  1. 2. 2019

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

November 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Humbug!“ zum Weltbestseller wurde

Christopher Plummer als Scrooge, dahinter Dan Stevens als Charles Dickens. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Adaptionen gibt es unzählige, selbst die Muppets, Micky Maus und Bill Murray kamen daran nicht vorbei, eine Folge „Doctor Who“ befasst sich damit, auch eine von „Blackadder“, sogar Onkel Dagobert heißt im englischen Original Scrooge McDuck. „A Christmas Carol“ nicht zu kennen, ist so unmöglich wie „Stille Nacht“ nicht zu können. Wie die Feiertagsgeschichte entstand, erzählt ab Freitag im Kino „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“.

Basierend auf dem Buch von Les Standiford ist Regisseur Bharat Nalluri ein hinreißender, auf very britische Weise verschroben schrulliger Film gelungen, opulente, starbesetzte Bilder von einer pittoresken Schmuddeligkeit – wobei Nalluri trotz schwelgerischer Optik nie auf die Dickens’sche Sozialkritik vergisst. Was der Autor in „Oliver Twist“ oder „David Copperfield“ festhielt, die Armut der Arbeiterklasse, das Ausbeuten von Kindern als billige Arbeitskräfte, rührt aus der eigenen Vergangenheit, erfährt man, ein Kindheitstrauma, dem der Film ebenso viel Raum widmet, wie der Geburt des Literatur-Klassikers. Und so wird man, während Dickens im Winter 1843 von Flops, auf welche beinah die Pleite folgte, aus der Kurve getragen wird, und in den sechs Wochen bis zum Christfest einen Erfolg nicht nur schreiben, sondern, weil die renommierten Häuser alle abwinken, auch selbst verlegen und ergo neue Kredite aufnehmen muss, immer wieder in jene Fabrikshalle zurückgeworfen, in der der elfjährige Charles seinen Lebensunterhalt verdienen musste.

Ein schmutzstarrendes, rattenbefallenes Loch ist das, in dem Buben mit rußverschmierten Gesichtern Etiketten auf Glasflaschen kleben, hustend, hinter ihnen der riesige Kessel, in dem die Schuhpolitur brodelt, die Warren’s Blacking Warehouse herstellt. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag schuftete das Kind Dickens hier, während Vater und Mutter in Schuldhaft saßen, und diese Schmach und Scham und der Schmerz darüber, von den Eltern so fahrlässig verlassen worden zu sein, wird den Schriftsteller ein Leben lang begleiten. Kaum jemandem hat er sich über diese Erfahrungen anvertraut, und so verwebt der Film das Gespenst der Vergangenheit, dem Dickens Herr zu werden versucht, mit den Geistern, die er ruft, damit sie sein neues Buch bevölkern.

Pittoreskes London. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Der Schreibprozess wird zur Seelenreinigung. Dies alles serviert Nalluri nicht auf dem Silbertablett, sondern entdeckt er dem Zuschauer erst nach und nach. Das macht „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ über die Buchstory hinaus zum spannenden Psychogramm des Schreibstars. Dass die Übung gelingt, ist in hohem Maße dem als „Downton Abbey“/„Matthew Crawley“ bekannten Dan Stevens zu danken.

Er macht aus dem 31-jährigen Dickens einen kauzigen Unruhegeist, der mal vor Zorn, mal vor Enthusiasmus mit wehenden Rockschößen durchs viktorianische London wirbelt, um sein Projekt voranzutreiben. Wenn die Kamera auf Stevens‘ Gesicht zoomt, die Augen darin mitunter von durchaus berechtigtem Wahnsinn umflort, ist alles abzulesen, was diesen Mann an- und umtreibt: Die Aufwendungen für sein Dandy-Dasein, das Haus zwecks Renovierung eine kostspielige Baustelle, bei der Frau das fünfte von zehn Kindern unterwegs – und ante portas der nach wie vor verschwenderische Vater samt Mutter, um beim Sohn einmal mehr zu schmarotzen.

Diesen John Dickens spielt der grandiose Jonathan Pryce changierend zwischen der Grandezza eines Lebemanns und eines vom Leben gebeutelten, ewigen Verlierers. Wie ihm für seine Enkelkinder – selbstverständlich auf Charles‘ Kosten – nichts zu teuer ist, wie er für sie spontan Märchen erfindet und erzählt, da erkennt man den Ursprung von Charles‘ Genie, dann wieder ertappt ihn dieser im Mistkübel nach seinen weggeworfenen Entwürfen stöbern – ein Autograph des berühmten Autors brächte John eine Menge Geld ein.

Der zweite (Vater-)Charakter, mit der sich Dickens herumschlagen muss, ist natürlich Ebenezer Scrooge, eine Rolle, die für Christopher Plummer, der mit Süffisanz und Sarkasmus brilliert, erschaffen worden zu sein scheint. Wie Nalluri Leben und Werk verknüpft, so fällt auch für Dickens die Fiktion in den Alltag ein, seine Figuren findet er in seinem Umfeld, seinen Rechtsanwalt und einen Kellner mischt er zu Marleys Geist, und Tiny Tim, dessen Vorbild Dickens‘ gehbehinderter Neffe ist, darf nur überleben, weil das irische Kindermädchen Tara für ein Happy End plädiert. So entdeckt er schließlich seinen Scrooge bei einem nächtlichen Friedhofsspaziergang, wo dieser alles, was mit Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu tun hat, mit dem Wort „Humbug!“ abtut. Das ist für Dickens zu schön, um daran vorbei zu gehen.

Charles Dickens (Dan Stevens in der Mitte) wird von seinen Figuren verfolgt. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Mit den Figuren kommt zum Aberwitz auch ein gewisser Gruselfaktor ins Spiel. Wunderbar, wie sie es sich im Arbeits-, manchmal sogar im Schlafzimmer bequem machen, zu Geschäftsessen und anderen Gelegenheit mitgehen, immer um Dickens herum sind, und vor allem Mitspracherecht über ihre Gestaltung einfordern. Geizhals und Fiesling Scrooge findet sich als zu einseitig dargestellt, „Meine Figur hat keine Gelegenheit, ihre Seite zu erklären“, beschwert er sich.

Bis Dickens sich endlich mit einem irritierten „Ich bin hier der Autor!“ die Autorität über sein Schaffen zurückerobert. In einer Schlüsselszene erscheint, nebelumwabert und von Blitzen begleitet, Marleys Geist nicht um Scrooge, sondern dessen Schöpfer seine Ketten aufzuzeigen. Und so muss Charles Dickens den Scrooge in sich erkennen und sich um nichts weniger läutern als sein Antiheld … „Charles Dickens: Der Mann der Weihnachten erfand“ ist von einer Warmherzigkeit, die selbst den größten Weihnachtsmuffel in X-Mas-Laune versetzen muss. Ein Film, so herbsüß wie Lebkuchen, so süffig wie der dazu gehörende Punsch, so dass einem jetzt schon die Christbaumsterne in den Augen glänzen.

www.bleeckerstreetmedia.com/themanwhoinventedchristmas

  1. 11. 2018

Jonathan Coe: Nummer 11

Oktober 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Politsatire über Netzwerker und Fädenspinner

Nummer 11, das ist in Großbritannien natürlich zu allererst Downing Street. Aber auch eine Buslinie, die rund um Birmingham fährt, zweieinhalb Stunden eine Tour, und in der sich die aufwärmen, die dank der Sparpolitik der Regierung arbeitslos sind und ihre Wohnungen nicht mehr beheizen können. Elf sind auch die Stockwerke, die Lord und Lady Gunn in ihrer Londoner Residenz in die Tiefe bauen, der neueste Trend in Nobelvierteln wie Chelsea, wo Grundstücke rar sind, und Repräsentanz ergo nur noch unterirdisch Erweiterung finden kann.

Aus diesen Tiefen, der in die Erde geschlagenen Kluft, wird ein Ungeheuer emporsteigen, eine Riesenspinne, aufgeschreckt durch den Baulärm, und sie und ihre Brut werden London in Schutt und Asche legen. Das ist die Art, wie Autor Jonathan Coe zur Lage der Nation im Vereinigten Königreich Stellung nimmt. Er hetzt dem New Liberalism in seiner Heimat, stellvertretend für den Rest der EU-Welt, ein übernatürliches Wesen an den Hals. „Nummer 11“ heißt Coes neuestes Buch, und ja, es ist sein elftes, eine bitterböse Politsatire über Netzwerker und Fädenspinner.

Coe stellt in seinem Roman ein „Erste-Welt“-Land in all seinen sozialen Facetten dar, luzide beschreibt er den Abgrund, die Kluft, die sich zwischen Arm und Reich mehr und mehr auftut. Er entlarvt die Politikerlüge, der zufolge „wir alle gemeinsam da durch müssen“, „gemeinsam an einem Strang ziehen müssen“, gemeinsam … zu „Zeiten, die wieder schlechter werden“, aber für manche nie besser waren. Coe zeigt auf, wie die Leben derer, die durch die Maschen der Sozialleistungen fallen, zunehmend von einer Oberschicht kontrolliert werden. Und er tut das mit mehr Humor, als man im Thema erwarten würde, obwohl sein Buch eine melancholische Baseline hat.

Alles beginnt mit einer verrückten Vogelfrau, einem chinesischen Gastarbeiter-Gespenst und einer Teenage-Horrorstory mit scheußlichen Spielkarten – und schon ist man mitten drin im Geschehen des brillanten Kritikers und seinem Abarbeiten an der herrschenden Klasse. Zu der seine beiden Protagonistinnen definitiv nicht gehören: Die Freundinnen Rachel und Alison werden über ein Jahrzehnt eine Tour de Farce durch das finstere Herz Englands machen, werden sich aus den Augen verlieren und wiederfinden, werden ihre Geschichten erzählen. Hilflos, mitgerissen von Strömen, die sie weder verstehen noch steuern können, finden sich die beiden in einer Nation wieder, die zwar von der Realität enttäuscht, aber von Reality-Shows umso faszinierter ist.

Bild: pixabay.com

Rund um sie hat Coe ein Kaleidoskop von Frauenfiguren erschaffen, er schildert den Status Quo Großbritanniens aus weiblicher Sicht, er entwirft Schlaglichter einer irren Gesellschaft von Landbewohnerinnen bis Großstädterinnen, einer Hierarchie von adeligen Müßiggängerinnen und solchen, die an der kommunalen Essensausgabe Schlange stehen. Und mittendrin eine Familie mit uralten Wurzeln, deren Matriarchin nicht für das Land, sondern das Land für sich arbeiten lässt … Manche Figuren werden es bis zum Ende schaffen, manche einfach zwischen den Buchseiten verschwinden.

Zu Alison gehört ihre Mutter Val. Val ist ein ehemaliges One-Hit-Wonder, das den Traum vom Musikstar nicht begraben kann. Als sie eine Einladung ins TV-Dschungelcamp erhält, ist ihr nicht klar, dass sie dort als D-Promi nur Demütigungen und Erniedrigungen ausgesetzt werden soll. „Die Aufgaben bestanden meistens darin, an einem Ort mit einer größeren Anzahl von Insekten, Schlangen oder anderen Dschungeltieren eingesperrt zu werden, die unter dem Abenteuer wahrscheinlich genauso litten wie die menschlichen Teilnehmer.“ Val wird nach diesem Auftritt nicht mehr dieselbe sein, was ihre Tochter in ein Leben als Sozialhilfeempfängerin treibt.

Alison ist dunkelhäutig, hat wegen einer Kinderkrankheit ein Bein verloren, und versucht sich als Künstlerin: Sie malt Obdachlose in Königsposen. Sie ist lebisch und ihre Geliebte Selena als Kellnerin bei einem High-Society-Event. Wo sie die Verlegertochter Josephine Winshaw-Eaves kennenlernt. Für die erfolglose Journalistin ist die Schlagzeile „Schwarze, behinderte, lesbische Sozialhilfeempfängern ergaunert Sozialhilfe“ ein gefundenes Fressen. Und, apropos: Josephine verschwindet als eine der ersten auf mysteriöse Weise. Ebenso wie ihre Tante, Clanchefin Helke, Witwe eines Waffenhändlers (den Winshaws hat Coe schon einmal einen ganzen Roman gewidmet, den etliche Figuren als Sachbuch in „Nummer 11“ lesen werden), die nun mit der Entsorgung seines Schrotts immenses Geld macht. Werden Entminungsaufträge vergeben, bootet sie die NGOs aus, nur um dann erpresserisch nichts zu tun.

„Ihr zufolge wurde Großbritannien von einer aus Schnorrern bestehenden Unterschicht ruiniert, die einer leistungsfeindlichen Kultur frönten.“ Ihrer Nichte empfiehlt sie punkto Artikel über Alison „Zieh deiner kleinen Nichtstuerin einen Nihab an und schon haben … die Leser … etwas, was ihnen Angst macht.“ Auf der Charityparty kommt es daraufhin zum Mordversuch an den Winshaws durch einen Comedian, der das alles nicht mehr lustig finden mag. Allein die beiden ermittelnden Beamten sind das Lesen dieses Buches wert.

Bild: pixabay.com

Rachel geht derweil nach Oxford, wo sie sich an die Professorin Laura anschließt, die ein Buch über „Kommerzialisierungswunder“ schreibt. Laura gehört zu einer Generation, die unter Tony Blair ihre politische Unschuld verloren hat (gerechterweise sei gesagt: in einem früheren Buch rechnet Coe mit dem Thatcherismus ab), sie wird sich der Kommerzialisierung schließlich völlig ergeben und einem Institut beitreten, das beispielsweise den Nennwert des Monsters von Loch Ness errechnet. Der Institutsvorstand wird sich im Laufe der Handlung in Luft auflösen.

Immer wieder zieht Coe das Private ins Politische. Rachel, nach abgeschlossenem Studium so arbeitslos wie Alison, verdingt sich als Kindermädchen bei Lord und Lady Gunn. Zweitere ist, wie hellsichtig, ein ehemaliges Osteuropamodel namens Madiana, beide so gut wie nie anwesend. Zum Haushalt, eben jener, der gerade um elf Stockwerke nach unten erweitert wird, gehören Köchin, Chauffeur und der sogenannte Vermögensmanager Freddie, der, bevor er Rachel zu vergewaltigen versucht, über ihre „Klasse“ befindet: „Gib ihnen ausreichend Fertiggerichte und lass sie am Abend vor dem Fernseher sitzen …, und sie stehen nicht mal von ihrem Sofa auf.“ Revolution, sagt er, finde so nie statt. Auch Freddie findet sein Ende.

Als Rachel Val das nächste Mal sieht, ist es bei der Essenstafel, bei der Rachel ehrenamtlich hilft, Alison besucht sie im Gefängnis. Coe spitzt den Gegensatz zwischen der harten Lebensrealität derer, die Sozialleistungen ergattern müssen, um zu überleben, und dem finanziellen Überfluss von Steuertricksern und Finanzamtbetrügern wie den Gunns zu. In seinem Roman gibt es die, die sich lebensrettende medizinische Maßnahmen leisten können, Menschen, die sich’s richten können, und solche, für die’s nichts mehr gibt. Die Unterhöhlung Großbritanniens hat längst begonnen. Von oben nach unten. Livia, die Hundeausführerin aus Bukarest, die auch den Gunn-Retriever betreut, macht Rachel darauf aufmerksam. Auf die „Häuser mit den Phantomleben“.

Einer dieser Charaktere wird sich zum Schluss als die Spinne entpuppen. Ihr ersten und letzten Worte: „Ich bin nicht wütend. Ich bin die Wut selbst. Ich bin nicht gnädig, ich bin nicht gerecht. Ich bin unbezähmbar. Ich greife an, wen und was ich will.“ Welch ein Buch, eine Art Manifest, jedenfalls aber ein Stimmungsbericht. In einem Interview wetterte Jonathan Coe kürzlich über den Brexit, der ihn überrollt hat und wie sehr es ihn ärgert, dass er im Buch nicht zu finden ist. Man darf sich mit dieser Aussicht schon auf sein nächstes freuen.

Über den Autor:
Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren, studierte in Cambridge und Warwick, lebt in London. Er zählt zu den wichtigsten und witzigsten lebenden zeitgenössischen britischen Autoren. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt: unter anderem „Die Familie Winshaw“, „Das Haus des Schlafes“, „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter Prix Médicis, Ordre des Arts et des Lettres.

Folio Verlag, Jonathan Coe: „Nummer 11“, Roman, 358 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Fleischanderl

www.folioverlag.com

  1. 10. 2017