Wiener Festwochen: Hass-Triptychon

Mai 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Abgefucktes Altarbild mit aggressiver Troll-Truppe

Bruno Cathomas (re.) und seine Trolle Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke. Bild: © Judith Buss

Wenn Aufregerregisseur Ersan Mondtag einen Text von Aufregerautorin Sibylle Berg inszeniert, darf man sich schon Besonderes erwarten, etwas schräg, schrill, Schreiendes, und tatsächlich – diesbezüglich enttäuschte der Berliner Theatermacher, der vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen die Gemüter mit seiner außergewöhnlichen Ratten-„Orestie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29002) beunruhigte, auch heuer nicht.

Am Volkstheater, ein Haus, um dessen Leitung in der Nachfolge Anna Badoras sich Mondtag übrigens beworben hat, brachte er Bergs „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung, und malt deren düsteres Sittengemälde mit den ihm eigenen opulenten Farben aus. Wofür ihm Bühnenbildnerin Nina Peller eine Riege Pappmaché-Häuser hingestellt hat, die immer gleiche Fassadenprojektion eine gespenstische Ruine, und damit’s entsprechend spooky bleibt, darf sich manch Zuschauer vor seinem Sitznachbar gruseln – an die zwanzig Skelette, die im Schwarzlicht vor sich hinglimmen, die Bildungsschicht bis auf die Knochen verwest, denn Berg, berühmt-berüchtigte Sibylle grotesk-dystopischer Gesellschaftsprophezeiungen, siehe ihr aktueller Roman „GRM“, siehe ihr derzeit im Volx/Margareten zu sehendes Stück „Nach uns das All“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385), führt das Publikum in eine Prekariatswelt, eine Stadt an einem Autobahnzubringer, deren Bewohner die sogenannten Wohlstandsverlierer – und außerdem: Trolle sind.

Mit buntem Aufwärtshaar, Spitzohren und mitunter von Kostümbildnerin Teresa Vergho zum Muskelberg ausgepolstert. Auftritt Benny Claessens als „Hassmaster“, der im weißen Mantel und mit weißer Langhaarperücke aus einem Kanaldeckel kriecht und sich eine Zigarette anraucht. Auf den Zuruf der Souffleuse, dies doch bitte nur hinterm Eisernen Vorhang zu tun, antwortet er mit einem symbolbrechtigen Einreißen der „vierten Wand“. Er singt ein Liedchen, ist die Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater doch dank der Musik von Beni Brachtel, der Berg-Gedichte vertonte, als Anti/Musical ausgewiesen, er hüpft herum und skandiert dabei: „Theater – Realität – Theater – Realität“. Dies nicht der einzige Verweis auf Künstlichkeit, Mondtag, lässt sich interpretieren, befördert die Trolle zurück in ihre Onlineforen, wo sich die Hater hinter Nicknames verstecken, wenn sie ihre Aggressionen virtuell aufbauen.

Bild: © Judith Buss

Bild: © Judith Buss

Bald nämlich entpuppt sich die Truppe als Häufchen Hoffnungsloser, von der „Alkoholikerin der Herzen“ über den auftrainierten Content-Produzenten, vom Schwulen, der von „Teilzeitscheißjobs“ leben muss, über Digitalisierungs- und Outsourcingopfer zum desillusionierten Jugendlichen zum drogenrauschigen Kotzbrocken – und sie alle erzählen in aberwitzig zynischen Schimpftiraden von Missgunst, Ressentiments, Zorn und Zerstörungswut. Bruno Cathomas, Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke gestalten diese Trollarmee. Die Schau ist aber Benny Claessens, sein vulgäres Spiel bildet den Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, wenn er, nur einen knappen Slip am silberglitzernden Körper, tanzt und sich lasziv räkelt, ein Herr über den Überrest der Menschheit.

Benny Claessens als weißer Hassmaster im Troll-Land. Bild: © Judith Buss

Ihnen allen gemein ist die Lethargie und die Langeweile des Sonntags, dies der erste Flügel dieses abgefuckten Altarbildes, und so wächst die Sehnsucht nach einem Montag, der Erlösung in Form von klar strukturierter Erwerbsarbeit bringen soll. Doch kaum ist der Montag im zweiten Flügel angebrochen, sehnt man sich bereits wieder nach dem Wochenende, also den Blick auf den dritten und letzten gerichtet, in dem der Hassmaster endlich zu den Waffen ruft.

Damit man real ausleben kann, was bisher nur im Internet möglich war. „Mit jedem Tag werden wir wütender“, lässt dieser Chor der Abgehängten wissen, während er sich vom digitalen Störfaktor zur veritablen Gefahr entwickelt. Das kann Sibylle Berg: Gegenwartsdiagnosen abliefern, die so fatalistisch wie treffsicher sind, und Ersan Mondtag liefert ihr die messerscharfen Bilder dazu.

www.festwochen.at

26. 5. 2019

Oper. L’opéra de Paris

Januar 15, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos

Eine Balletttänzerin, erschöpft nach dem Auftritt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit September 2020 wird Philippe Jordan neuer Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Wer den Dirigenten jetzt schon in seinem natürlichen Lebensraum erleben will, kann das ab 19. Jänner in den heimischen Kinos im Dokumentarfilm „Oper. L’opéra de Paris“ tun. Der Schweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron folgte mit Amtsantritt Direktor Stéphane Lissner diesem und seinem Team von Saisonstart 2015 an eineinhalb Jahre durch sein Haus. Das Einzigartige daran: Bron hatte davor noch nie eine Oper von innen gesehen. Er hat keine Ahnung, wie solch ein „Schlachtschiff“ funktioniert, weiß nichts über klassischen Gesang oder – die Hausspezialität – Ballett.

Und so folgt der Regisseur seinen Protagonisten neugierig wie ein Tiefseetaucher den faszinierenden und fremdartigen Wesen der Unterwasserwelt. Entstanden ist so ein fabelhafter Einblick in die Welt hinter den Kulissen im Palais Garnier und am Place de la Bastille, Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos, der stets betrachtet, nie kommentiert wird. Dass dabei weder humorvolles, noch tagespolitisches Geschehen zu kurz kommt, ist dem Geschick Brons zu verdanken. So gilt es zu schmunzeln, wenn ein riesenhafter Charolais-Stier für die „Moses und Aron“-Premiere dem Chor Angst und den Verantwortlichen Kopfzerbrechen macht.

Man ist aber auch dabei bei der Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf das Bataclan, bei beinharten Verhandlungen mit Kulturminister und Gewerkschaft bis hin zur Streikdrohung wegen der verordneten Personaleinsparungen – oder als Ballettmeister Benjamin Millepied, Ehemann von Schauspielstar Natalie Portman, die er bei den Dreharbeiten zu „Black Swan“ kennengelernt hatte, endgültig das Handtuch wirft. Es ist Lissner hoch anzurechnen, dass er scheint’s keine Tür vor Bron verschlossen hielt, so dass dieser Leid und Leidenschaften hautnah erleben und dahin blicken konnte, wo Schmerz und Schönheit nah beieinanderliegen.

Philippe Jordan am Pult. Bild: © Filmladen Filmverleih

Stéphane Lissner inspiziert sein Reich. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu einer Balletttänzerin, die nach ihrem Auftritt schwer Luft holend am Boden sitzt, oder zur Gilda-Darstellerin, die hinter der Bühne nach Wasserflasche und schweißtrocknenden Kleenex greift, die ihr die Garderoberin in stummem Verständnis der Lage reicht. Bron gelingt es in seiner anekdotisch-flüssigen Collage, seinem Mix aus Distanz und Nervenkitzel, die Oper als atmenden Organismus mit hohem Pulsschlag zu zeigen. Auf seinem Weg folgt er mehreren Figuren. Lissner, Jordan und Millepied natürlich, mit denen man nicht nur die Vorbereitungen zur Schönberg-Premiere, sondern auch „Meistersinger“-Proben mit Jonas Kaufmann und Bryn Terfel erlebt – samt den üblichen Konflikten zwischen Regisseur, Dirigent und dem sehr selbstbewussten Chor, Streit in den höchsten Tönen, emotionaler Hochdruck vor und hinter dem Vorhang, nur, damit sich all die Enthusiasten danach wieder voll zur Sache begeben.

Bron führt über rote Teppiche und zum Galadiner, als der damalige Präsident François Holland das Haus besucht, durch das Sprachbabylon der Kostümwerkstätten und Proberäume, und immer wieder auch auf die Bühne. Von der Seite lugt er wie ein verirrter Besucher auf das Geschehen „draußen“. Diese Szenenausschnitte kombiniert er mit dem musikalischen Echoraum von Kleinstkonzerten und anderen intimen Begegnungen. Sie grundieren die Dokuarbeit gleichsam emotional.

Der Bulle macht der Belegschaft Kopfzerbrechen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu den schönsten Augenblicken des Films gehören da die mit dem jungen russischen Bariton Mikhail Timoshenko, der an der Akademie der Oper aufgenommen wird, und dessen großen, staunenden Augen durchs „Oberdeck“ des Schlachtschiffs man folgt, bis er in einem Gang auf sein Idol Terfel trifft. Der ihm noch dazu verspricht, den „Boris Godunow“, den er sich selbst gerade erarbeitet, mit ihm zu studieren. Ein Glücksmoment. Einer von vielen, die diesen Film ausmachen. Gerne hätte man nur noch gewusst, ob sich der Bulle bei der Premiere tatsächlich so mustergültig verhielt, wie er es bei den Proben versprochen hat …

www.koolfilm.de/Oper/oper.php4

15. 1. 2018

Bosch tritt auf! Die Gemäldegalerie der Akademie zu Gast im Theatermuseum

November 8, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Plus einer Sonderschau mit Jonas Burgert

Jonas Burgert: Ihr Schön. Bild: Gemäldegalerie der Akademie d. bild. Künste Wien/APA-Fotoservice/Peter Hautzinger

Der Auftritt ist geglückt – die Wiedereröffnung der Gemäldegalerie, die von der Akademie der bildenden Künste Wien am Schillerplatz in das Theatermuseum übersiedelt ist. Ab heute sind nun am Lobkowitzplatz die neue Dauerausstellung der Gemäldegalerie „Von Cranach bis Füger“ und die beiden Sonderausstellungen „Bosch & Burgert“ sowie „Thomas Ender – Von Triest nach Rio de Janeiro“ zu sehen.

Während der auf drei Jahre anberaumten Sanierung des Ringstraßenbaus bietet sich die Gelegenheit, insbesondere dem weltberühmten Herzstück der Gemäldegalerie, Hieronymus Boschs Weltgerichts-Triptychon in neuer „Inszenierung“ zu begegnen. Erstmals ist dieses frei aufgestellt und erstrahlt in exquisitem Lichtdesign vor dunkler Wand. Mit Werken von Cranach d. Ä., Dirk Bouts, Rubens, Rembrandt und Van Dyck bis hin zu Tiepolo, Guardi oder Heinrich Friedrich Füger haben weitere Highlights aus dem Sammlungsbestand der Gemäldegalerie in neuer Hängung in sieben barocken Räumen im Obergeschoß des Palais Lobkowitz ihren Auftritt.

Die beiden Sonderausstellungen sind: „Bosch & Burgert“, eine weitere Folge der Reihe „Korrespondenzen“, in der das monumentale, vier Meter mal 6,90 Meter große Gemälde „Ihr Schön von Jonas Burgert Boschs Weltgerichtsaltar gegenübergestellt ist. Und die Schau des Kupferstichkabinetts „Thomas Ender – Von Triest nach Rio de Janeiro“. Sie zeigt anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der österreichischen Brasilien-Expedition eine repräsentative Auswahl an Aquarellen und Zeichnungen Thomas Enders von der dreimonatigen Überfahrt nach Südamerika.

Bild: Gemäldegalerie der Akademie d. bild. Künste Wien/APA-Fotoservice/Peter Hautzinger

Bild: Gemäldegalerie der Akademie d. bild. Künste Wien/APA-Fotoservice/Peter Hautzinger

Ein weiteres Debüt steht mit der Erstaufführung der Wiener Fassung von Hieronymus Bosch, das „Wiener Weltgericht“, das Schauspiel zum „Jüngsten Gericht“ bevor. Der Autor Jérôme Junod inszeniert selbst, Premiere des in Koproduktion mit dem „Salon5“ realisierten Theaterstücks ist am 22. November. Aufführungen wird es bis Februar 2018 geben.

www.theatermuseum.at

www.akademiegalerie.at

8. 11. 2017

Akademietheater: Ludwig II.

Oktober 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Meyer brilliert als Bayernkönig

Das Ende im Starnberger See: Markus Meyer ist als Ludwig II. ganz großartig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und immer noch großes Kino ist „Ludwig II.“ am Akademietheater. Fast ein Jahr nach der Uraufführung hat die Inszenierung nichts an Kraft eingebüßt. Kraft, Bastian, der Regisseur des Abends, hat den Monumentalfilm von Luchino Visconti in einer reduzierten, komplexen Fassung auf die Bühne gebracht. In der Titelrolle überragend ist Markus Meyer. Das Dreamteam, das schon mit „Dorian Gray“ glänzte, macht aus einer ausgeklügelten Multimediaversion des Historiendramas eine beklemmende Psychostudie des Bayernkönigs und gleichzeitig ein Porträt seiner Zeit und Zeitgenossen.

Neben Meyer agieren Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner ganz großartig. Allesamt sind sie Majestäten in weißen Roben mit langen weißen Schleppen. Den 1973 erst von den Produzenten von vier auf drei Stunden gekürzten, dann von der Zensur verstümmelten Film über den „Märchenkönig“ fürs Theater zu adaptieren, ist an sich eine unlösbare Herausforderung. Kraft gelingt die Übung in weniger als zwei Stunden  – und wie.

Weder verzichtet er auf Viscontis Opulenz, wenn auch in anderer, heutiger Ästhetik, die Protagonisten und ihre Dekadenz in gleißendes Licht getaucht, während rund um sie Finsternis ist (Bühne: Peter Baur), noch auf die etwa zwei Dutzend Schauspieler, die der italienische Filmtitan für sein Opus Magnum bemühte. Auf der Bühne braucht er nur drei Darsteller, um Krönung, Wahnsinn und Fall Ludwigs zu illustrieren, auf der Leinwand aber ist Meyer als sein gesamter Hofstaat, Mutter, Bruder, Beichtvater … zu sehen. In wunderbaren Masken entwirft er das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die ihrem Herrscher nicht nur Gutes wollte.

Unter einem schräg über der Spielfläche hängenden, riesigen Spiegel tritt Markus Meyer als der soeben gekrönte König auf. Ganz in weiß gewandet besteigt er ein weißes Podest und ergibt sich gerade einmal 18-jährig seiner neuen Aufgabe: „Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt“. Diesen so wahren, wie resignativ gesprochenen Satz wird Kraft am Ende noch einmal unterstreichen, indem er in Sekunden-Geschwindigkeit alle möglichen Szenarien, Vorstellungen und Vorurteile, die „mediale Spiegelung“, die Abbildung einer ganzen Epoche stellvertretend auf den Körper des Königs projiziert. Da war dieser schon nackt und auf dem Weg in den Starnberger See, wie schnell könnte alles gesagt sein, doch davor gilt es das Psychogramm eines sensiblen, an Politik wenig interessierten Monarchen zu erkunden, der ein von Verfolgungswahn geplagter, von seiner Regierung in die Enge getriebener und schließlich zum Selbstmord bereiter Wahnsinniger wird.

Markus Meyer mit Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In ihrer Exzentrik einer des anderen Spiegelbild: Regina Fritsch als Elisabeth, Markus Meyer als Ludwig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zu Meyers exzeptioneller Performance gibt Regina Fritsch eine kühle, verhärmte, bisweilen intrigante Kaiserin Elisabeth, die im jungen König dennoch zarte Gefühle entfacht, einer des anderen Spiegelbild in ihrer Exzentrik, und Johann Adam Oest einen durchtriebenen, geckenhaften Richard Wagner, der seinen ergebenen Gönner um viel Geld und Verstand bringt. „Das Leiden an der Welt gehört zu Ihnen“, sagt er an einer Stelle und fordert sein Opernhaus. Bayreuth.

Die wahre Leistung der Inszenierung ist die Ausführung des restlichen Personals: Hier liefern Markus Meyer und Kostümbildnerin Dagmar Bald gemeinsam mit dem für die Videozuspielungen zuständigen Jonas Link ein veritables Wunder ab: Meyer in nicht weniger als einem Dutzend Rollen – von Wagners späterer Frau Cosima über Ludwigs Kurzzeit-Verlobter Sophie bis hin zu Graf Dürckheim oder Josef Kainz (diese Szene, für die sich Meyer unter die Zuschauer begibt, besonders eindrücklich, der Burgstar in Bedrängnis, der schizophrene König, der einen „Romeo“ und keinen Menschen erleben will) -, die wahlweise auf den riesigen Spiegel oder die weißen Schleppen der Schauspieler projiziert werden und somit als bedrohliche Über-Ichs die Handlung vorantreiben. Ein Kniff, der staunen macht und sich über den gesamten Abend nicht abnützt.

Auf Film als Ludwigs gesamter Hofstaat – Beichtvater, Minister, Mutter, Bruder: Markus Meyer (Hintergrund) mit Regina Fritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aus Viscontis Vorlage übernommen hat Kraft hingegen die Vernehmungsszenen von Ludwigs Umfeld, die im Film wie auf dem Theater dessen geistigen Verfall zu Protokoll geben. Die Spielfilmhandlung wird nämlich mehrfach durch Momente unterbrochen, in denen Darsteller vor einem schwarzen Hintergrund direkt in die Kamera blicken und über König Ludwig und sein Verhalten wie bei einer Zeugenaussage sprechen.

Hierzu hat Kraft eine Metaebene eingebaut, die mit wenigen Worten auch die komplizierte Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Films miteinbezieht. „Ich habe diesen Film wieder und wieder gesehen“, heißt es da, oder „Der Film hat zwölf Millionen Deutsche Mark verschlungen“ – in den 1970er-Jahren noch eine Unsumme.

Am Ende bleibt Ludwig in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen ein Geheimnis. Man sieht ihn in Großaufnahme beim Abschminken. Die Höflinge, Verwandten und Diener – alles nur Fassade. Unter all den Masken war ein blasser, scheuer, unglücklicher Mensch verborgen. Entblößt umarmt, besteigt er eine überlebensgroße, weiße Ludwig-Statue, hängt ihr den inzwischen von der Tinte seiner irren Dekrete und wahnwitzigen Entwürfe befleckten Mantel um, um dann im See – einem winzigen Viereck – unterzugehen, langsam, im Spiegel zu sehen, bis schließlich auch der Haarschopf verschwindet. Ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raubt.

www.burgtheater.at

30.10.2017

Schauspielhaus: Golem oder Der überflüssige Mensch

September 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Planet der Smarties

Im Dunkel der Nacht wird ein künstlicher Mensch gemacht: Vassilissa Reznikoff, Nicolaas van Diepen und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Seit Deep Blue also nichts Neues. Man kann weiterhin beruhigt schlafen. 1996 hatte der IBM-Rechner den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow in einem Wettkampf aus sechs Partien vernichtend geschlagen, weil dies aber extrem kreativ, munkelte die Fachwelt bald, hinter dem Computergehirn hätte in Wahrheit ein menschliches gedacht. IBM trat die Flucht in die Verschrottung an, und zerlegte Deep Blue in seine Einzelteile.

Beweise welcher Art auch immer waren nun unmöglich. Der Schöpfer zerstörte sein Geschöpf, weil es ihm gefährlich wurde … Am Donnerstag kam im Schauspielhaus Wien Gernot Grünewalds Textcollage „Golem oder Der überflüssige Mensch“ zur Uraufführung, und er erzählt: Nichts Neues. Grünewald, der auch als Regisseur wirkte, befindet sich gedanklich nicht weiter denn auf dem Erkenntnisstand der Herren Ray Bradbury und Philip K. Dick, und stellt ergo die schon von denen dystopisch ausformulierten Fragen: 1. Weiß es, was es ist? Seit Roy Batty wissen wir: Ja. 2. Kann es zum gesellschaftlichen Entscheidungsträger werden? Nein, weil ihm Emotion und Empathie fehlen, und es daher keine ihm unlogischen, aber einem Menschen wertvolle Handlungen vollführen würde – etwa unter Gefährdung der eigenen Existenz eine Katze aus einem brennenden Haus zu retten.

Es sei denn, der Mensch bringt geschickt die drei Robotergesetze zum Einsatz. Aber Achtung punkto Katze: In den von Isaac Asimov für seine Kurzgeschichte „Runaround“ erlassenen Geboten geht es ausdrücklich um den Schutz menschlicher Wesen, bei gleichzeitigem Auftrag an das künstliche, sein Fortbestehen zu sichern. Mutmaßlich war Asimov kein Katzenfreund … Warum das alles hier steht? Weil Grünewald an seiner A.I.-Arbeit eine all dies und mehr umfassende Klammer angebracht hat. Er beginnt im Wortsinn bei den ersten von einem Gott erschaffenen Kreaturen, Adam und Eva, heißt: er lässt die Schauspieler das Buch Genesis zitieren.

Der schwarze Gaze-Kubus wird mit Videoprojektionen à la Dr. Serena Kogan bespielt, … Bild: © Matthias Heschl

… während die Schauspieler auf der Bühnendrehscheibe im Kreis transportiert werden. Bild: © Matthias Heschl

Und als er sah, dass es gut war, wechselt er flugs zum Golem-Mythos, bekannt ist der vor allem durch die Story vom Prager Rabbi Löw, der von seinem Lehmmann am Ende erschlagen wird, um bei schicken Sci-Fi-Gestalten in ihrem Cyberland zu landen, die auf Großleinwand laut denken, alles zu beaufsichtigen, während sie längst überwacht werden. Smart Phone, Smart Car, Smart Home – Willkommen auf dem Planet der Smarties. Den Grünewald wie immer gemeinsam mit Bühnenbildner Michael Köpke und Videokünstler Jonas Plümke zur Wunderwelt macht.

Das Dreier-Dreamteam versteht sich auf die Kunst der opulenten Ausstattung, und so steht in der Raummitte ein Podest, das bei Eintreten des Publikums noch gut durchfeuchtet wird. Auf dieser Wasserfläche entfaltet sich das Spiel, darüber ein schwarzer Gaze-Kubus, der sich langsam absenkt und mittels Videoprojektionen gespenstische Bilder reflektiert. Die Feuchtbiotopbühne dreht sich langsam, die Zuschauer sitzen an vier Seiten um dieses fantastische Setting, das schließlich die Darsteller Vassilissa Reznikoff, Nicolaas van Diepen und Steffen Link erklimmen, um das Spiel beginnen zu lassen.

Für seine freie Assoziation zum Thema künstliche Intelligenz bedient sich Grünewald aus drei Quellen: Karel Čapeks Schauspiel „Rossum’s Universal Robots“ aus dem Jahr 1920, für das der tschechische Autor den Begriff Roboter, abgeleitet vom Wort für Arbeit/Robot, erfand, und in dem Androiden als rechtlose Arbeiter ausgebeutet werden. Stanisław Lems „Also sprach Golem“ aus dem Jahr 1981, in dem der Supercomputer Golem XIV die Intelligenzbarriere durchbrochen hat und nun eine eigenständige Vernunft, aber kein Gefühlsleben besitzt, weil er eben keine Person, sondern nur ein Kalkül ist. Und Schriften von Ray Kurzweil, in denen der Leiter der technischen Entwicklung bei Google über Transhumanismus und Technologische Singularität sinniert – und dafür von seinen Gegnern als Guru einer neuen Ersatzreligion angefeindet wird.

All das bindet Grünewald zu einem wilden Spekulationsstrauß. Die Optik gewinnt bei dieser Inszenierung klar gegen die Botschaft, denn während man noch angestrengt nachdenkt, wie hier A zu B zu C passen sollen, wird man von einer berauschenden Bilderflut von jeder Art Bedenken fortgerissen. Vassilissa Reznikoff und Nicolaas van Diepen formen neben einer dekorativen Feuerstelle einen Steffen Link aus Gatsch. Der formuliert derweil seine Angst, wieder ein Nichts zu werden. Dazu wird Grünewalds Textmaterial streckenweise wie Psalmen gesungen, dabei werden als Thema angeschnitten: Die Vermenschlichung des Dings, dieses intelligent, aber seelenlos, und als billigster Arbeiter auch der beste. Seine optimale Unterstützung zur Selbstoptimierung des Menschen, aber andererseits seine Schuld an der technologischen Arbeitslosigkeit. Der Mensch, krankhaft in seinem Wahn ein Schöpfer/Gott zu sein.

Sind wir nicht alle ein bisschen Golem? – Vassilissa Reznikoff, Steffen Link und Nicolaas van Diepen haben sich zugelehmt. Bild: © Matthias Heschl

Was nur, wenn wir uns in unserer Zukunfts-technologiegläubigkeit die Fallstricke selber knüpfen, und sich die Computer ohne unser Zutun vernetzen und übernehmen – siehe „T3: Rise of the Machines“? Wird aus dem Anthropozän dann eine Virtual Reality? Reicht das Merkmal Empathie, um das Echte vom Künstlichen zu trennen? Do Androids Dream of Electric Sheep?

Während die Schauspielerköpfe, überlebensgroß wie der von Dr. Serena Kogan auf den Gaze-Kubus geworfen, derart Grünewalds Gedankendickicht durchpflügen, sind die Darsteller auf der Drehplattform damit beschäftigt, sich immer mehr zuzulehmen. Bis am Ende drei Tonfiguren auf der Bühne stehen. Der Schöpfer tarnte sich als sein Geschöpf, weil es ihm gefährlich wurde … Naturgemäß gibt’s von Grünewald und seiner Methode der freien Einfälle keine Rückäußerung auf die von ihm gestellten Fragen. (Kann’s auch gar nicht, die ultimative Antwort lautet sowieso: 42). „Golem oder Der überflüssige Mensch“ ist ein reizvolles Gedankenspiel, das sich mit seinem Zuviel an Aussage zwar selber stellenweise die Kraft nimmt, dies immer dann, wenn die Stringenz fehlt und die Narration abhanden kommt, aber vielleicht gerade dadurch zum Weiterdenken und Sich-Wissen-Anlesen anregt. Die Bilder sind gigantisch, die Diskussionen eröffnet. Mehr kann man von einem Theaterabend nicht erwarten. „It is said that the golem lives everywhere and in all times“, David Frishman, „The Golem“, 1922.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=A3MeMi4gdHs

www.schauspielhaus.at

  1. 9. 2017