Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at

  1. 12. 2019

Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linken, im Text so genannten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

werk-x.at/

  1. 1. 2018

TheaterArche: Das Schloss

September 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Superlativ von kafkaesk

Der Aufenthalt im Dorf gestaltet sich schwierig: Johnny Mhanna als Herr K. mit Bernhardt Jammernegg als Barnabas und Natalia Fonta als Amalia. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Der Abend beginnt schon, bevor er anfängt. Mit einer kunstvoll von Margareta Ferek-Petric komponierten Kakophonie. Mit einer Kreatur, die im Vor- wie im Theaterraum auf allen vieren über den Boden kriecht, und die Zuschauer schon einmal in Augenschein nimmt. (Das heißt, eigentlich wird man von Schauspieler Bernhardt Jammernegg beschnuppert und somit die Belastbarkeitsgrenze ausgetestet.)

Die freundliche junge Frau, die die Eintrittskarten ausgibt und das Publikum am Buffet mit Getränken versorgt, wird sich später als tatsächliche Schankkraft herausstellen – Barbara Schandl ist „Frieda“. Auch Regisseur Jakub Kavin ist da, um seine Gäste zu begrüßen. Mit Grubenlicht auf der Stirn wird er im Halbdunkel seiner Inszenierung für die Licht- und Soundeffekte, inklusive einiger Loops, sorgen.

Kavin hat mit seinem Ensemble der TheaterArche Franz Kafkas „Das Schloss“ für die Bühne adaptiert. Wobei „Bühne“ hat der Spielraum des Theater Delphin, in dem die Aufführung stattfindet, keine; etwa dreißig Zuschauer sitzen an den Wänden rundum, in der Mitte ein Podest und eine Wasserflasche, das genügt für einen fabelhaften Abend von – und dies durchaus auch der Location geschuldet – hoher Intimität und Intensität. Kavins „Schloss“-Dramatisierung ist der Superlativ von kafkaesk. In eineinhalb Stunden erzählt er den Roman kompakt und schlüssig, und hat auch die eine oder andere theatrale Überraschung in der Hinterhand.

„Das Schloss“ ist einer der drei unvollständigen Romane Kafkas, Max Brod hat ihn 1926 posthum veröffentlicht. Kafka schildert darin die Erlebnisse des Herrn K., eines vorgeblichen Landvermessers, doch wird ihm der Einlass ins ihn einbestellt habende Schloss verwehrt. So bleibt er im Dorf hängen, im Gasthaus Herrenhof, und erlebt – auch am eigenen Leibe – die Abhängigkeit der Dorfbewohner vom Schloss. Es ergeben sich allerlei absurde Situationen mit den Beamten, die über die Landmenschen, vor allem deren Frauen, wie Heuschrecken herfallen. Herr K. wird von Boten, Gehilfen, dem Lehrer, dessen Schuldiener er kurzfristig werden muss, traktiert. Er verliebt sich in Frieda – und nach einer rätselhaften Unterhaltung mit der Herrenhofwirtin bricht das Fragment ab.

Jakub Kavin, der künstlerische Leiter der TheaterArche, sorgt für die Licht- und Soundeffekte. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Wegen ihrer dauernden Müdigkeit empfangen die Beamten die Bittsteller auch im Bett: Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Kavin versucht nichts zu deuteln. Er belässt Kafkas Text in seiner geheimnisumwitterten Abgründigkeit, ja, er tunkt in sogar komplett in diese. Es geht ihm, offensichtlich im Gegensatz zu den aberhundert Interpretierern des Stoffs, nicht darum, in Kafkas verworrener Verschlüsselung ein Aha! ausfindig zu machen. Kavin inszeniert einen Zustand, den des Protagonisten K., hineingewürfelt in eine Wahnsinnswelt, und überlässt es dem Betrachter zu fantasieren, ob und wo er derlei menschliche Verhaltensmuster im eigenen Dasein verorten möchte.

Mutet man Kavin die Vermutung zu, mit seiner Arbeit doch irgendwo angedockt zu sein, dann am ehesten bei Max Brod. Der las „Das Schloss“ als theologische Abhandlung (im Gegensatz dazu sah Adorno im Werk die Darstellung von Hierarchie- und Machtstrukturen totalitärer Systeme), und Kavin lässt seine Schauspieler einige Textstellen, die das Schloss beschreiben, wie Choräle singen. Wo Komponistin Margareta Ferek-Petric melodisch wird, klingt’s angelehnt an Klezmer.

Der syrische Schauspieler Johnny Mhanna, 2012 aus Damaskus geflohen und 2015 in Österreich angekommen, spielt Kavins K. Er und Barbara Schandl sind die einzigen, die nur mit einer Figur befasst sind. Alle weiteren Darsteller schlüpfen im Laufe der Aufführung in mehrere Rollen, sind auch abwechselnd Erzähler, und allesamt angetan mit grauen Arbeitsanzügen.

Mhanna ist ein idealer Herr K., und das nicht nur wegen seines präzisen, prägnanten Spiels, mit dem er K.s analytisch scharfe Überlegungen transportiert, sondern weil er freilich mit seinem sympathischen Akzent auch das „Fremdsein“ des K. verkörpert. Er ist arrogant, gegenüber den Gehilfen auch gewalttätig, und dies alles, so scheint’s, um das eigene Verloren- und sein Der-Situation-Ausgeliefertsein zu übertünchen.

Barbara Schandl gibt die Frieda als so lebens- wie sinnenfrohes Mädchen, das in ihrer Aufgeräumtheit die Probleme des K. als solche gar nicht erkennen kann. Weder fällt ihr die Seltsamkeit ihrer Umgebung ins Auge, noch stößt sie sich daran, die Zwangsgeliebte des Kanzleivorstehers Klamm zu sein – K. tut das natürlich schon. Sie zieht unbedarft mit K. ins Schulzimmer ein, und zieht ihn dort ins Bett, spielt zwischendurch Cello, verscheucht mit dem Bogen die aufdringlichen Gehilfen, und wenn sie nicht gestorben sind … Laut Brods Erinnerungen an Gespräche mit Kafka, sollte K. am siebenten Tage an körperlicher und seelischer Erschöpfung sterben, man weiß es nicht …

Umzingelt sieht sich K. von kriechenden Bürokraten, dies das Gleichnis zum zeichenhaften Auftakt, und wunderbar skurril illustriert mit der Akten-Szene: In der beobachtet K. die Aktenverteilung an die Beamten im Herrenhof, die um fünf Uhr morgens beginnt und offenbart, wie oft Akten verwechselt werden, woraufhin heftige Streitereien zwischen den Beamten und Gehilfen entstehen. Überhaupt sind die Beamten durch ihre Tag- und Nachtarbeit (einerseits wollen sie immer mehr Akten, andererseits kommen sie mit der Aktenschieflage nicht mehr klar) so übermüdet, dass sie Parteien und Bittsteller sogar im Bett empfangen.

Menschen mit Masken, zur Kenntlichkeit entstellt. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Bernhardt Jammernegg spielt so einen, und zwar, dank seines von langen Haarzotteln umrahmten, kantigen Charaktergesichts, sehr schön spooky. Jammernegg ist der Riff Raff der Inszenierung, mal der keine sinnvollen Botschaften übermittelnde Bote Barnabas, mal der Beamte Bürgel, der für K.s Wünsche zugänglich scheint, weil es ihm an Arbeit mangelt und er auf eine Aufgabe geradezu lauert, der aber völlig ohne Einfluss auf die Geschehnisse im Schloss ist.

In jeder seiner Rollen spielt Jammernegg die Angst vorm Schloss mit, die Getriebenheit, die Gehetztheit der Menschen, die im Wortsinn unter ihm leben. Denn obwohl vom Schloss nie Sanktionen ausgehen, befürchten die Dorfbewohner beim Übertreten von Was-auch-immer drohe ihnen schlimmste Strafe. Der undurchschaubare, unnahbare Apparat, seine anonyme Autorität, das macht Kavin in diesen Szenen deutlich, erreichen absoluten Gehorsam allein durch ihre Existenz. Es sind diese Momente, die einen ans Jahr 2017 gemahnen – mehr Überwachung, mehr Polizei, mehr Kompetenzen für …, die persönliche Freiheit aufgegeben für die allgemeine Sicherheit.

Natalia Fonta macht im Rollstuhl und auf Schwyzerdütsch die Herrenhofwirtin, und wechselt im Aufstehen in die Position der Amalia, die das obszöne Ansinnen des hohen Schlossbeamten Sortini ablehnt, und ergo aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Gemeinsam mit Anna Anderluh gestaltet sie auch die unsäglich klettenhaften Gehilfen K.s, die angetreten sind, um ihn zu „erheitern“. Falls dies ein Synonym von überwachen ist.

Die Aufführung der TheaterArche endet endgültig im Albtraum. Aus Nebelschwaden tritt das Ensemble mit weißen Masken, das jeweils signifikanteste Merkmal ihrer Physiognomie satirisch auf die Spitze getrieben. Sie setzen sich aufs Podest und starren sprachlos ins Publikum. Mehr Spiegel braucht es nicht, um Jakub Kavins Schlussplädoyer gegen die zunehmende Gesichtslosigkeit in der Gesellschaft deutlich zu machen. Seine Bearbeitung von Kafkas „Schloss“ ist absolut sehenswert. Am 6. Tag wird K. angeboten, Pferdeknecht zu werden und in der „Mädchenkammer“ zu überwintern. Wer wollte da lieber mausgrauer Beamter sein?

Vorstellungen bis 14. Oktober.

www.theaterarche.at

www.jakubkavin.com

Derzeit versucht Jakub Kavin mittels Crowdfunding sein nächstes Projekt auf die Beine zu stellen: „Das Floß der Medusa“ nach Franzobels auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gesetzten Roman. Infos: www.mottingers-meinung.at/?p=25256

  1. 9. 2017

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

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Wien, 10. 6. 2017

Black Mass – Der Pate von Boston

Oktober 14, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Johnny Depp arbeitet jetzt wieder als Schauspieler

Bild: Warner Brothers

Bild: Warner Brothers

Es mag vielleicht nicht so sein, wie Filmkritiker nach den Filmfestspielen in Venedig formulierten, dass dies die beste Performance ever von Johnny Depp ist. Es mag vielleicht sein, dass ihm dafür der Oscar angetragen wird – obwohl er ihn ohne nominiert zu sein in Interviews schon mal ablehnt. Tatsache ist, in „Black Mass“, der ab 16. Oktober in den heimischen Kinos läuft, besinnt sich Depp nach Jahren als zugekiffter Pirat auf seine Kernkompetenz als Schauspieler. Er gestaltet einen Charakter, statt als verrückter Dreadlocksperückenständer zu fungieren. Depp ist James „Whitey“ Bulger. Die true story: Der irischstämmige Verbrecher ist Kopf einer kriminellen Bande in South Boston, außerdem Bruder des Senators William M. Bulger. Es sind die Siebziger-Jahre. FBI-Agent John Connolly überzeugt ihn, gemeinsam die Cosa Nostra zu bekämpfen. Diese unheilige Allianz ermöglicht es Bulger, der Strafverfolgung zu entgehen und zu einem der mächtigsten Gangster der USA aufzusteigen. Schließlich kann er seine Feinde nun mit den Waffen des Gesetzes – Schießeisen sind da natürlich inkludiert – besiegen … Der Film von Regisseur Scott Cooper beruht auf dem Buch „Black Mass: The True Story of an Unholy Alliance Between the FBI and the Irish Mob“ von Dick Lehr und Gerard O’Neill. Mit „Departed – Unter Feinden“ legte Meister Martin Scorsese bereits 2006 ein Werk mit ähnlichem Plot vor.

Anders als dessen exaltiert schillernde Protagonisten, Jack Nicholson als Frank Costello und Leonardo DiCaprio als Maulwurf Billy Costigan, begnügt sich Depp mit einer darstellerischen Farbe. Mausgrau. Sein Whitey ist so unscheinbar wie es Schwerverbrecher, Special Agents und die Kombination aus beidem, Spitzel, in der Regel sind. Mit Halbglatze und Pilotenbrille dem Original optisch erstaunlich ähnlich gibt Depp America’s everyman. Wie grausig der Kleinbürger ist, zeigt sich erst, wenn er die Brille abnimmt und ein Blick aus den eisblauen Augen einer direkt in die seelenlosen des Teufels ist. Mit dem schließen die Menschen bekanntlich seit Adam und Eva freiwillig einen Pakt. Depp feiert auf der Leinwand eine schwarze Messe. Wechselt blitzschnell vom freundlichen Nachbar zum gefährlichen Psychopathen. Der echte Bulger war in seinem Wohnviertel beliebt, den Leuten nach seiner schlussendlichen Verhaftung schwer beizubringen, dass er für Morde und Drogengeschäfte verantwortlich war. Eine kollektive Wahrnehmungsverschiebung. Depp lässt Whitey seine disziplinierte Cleverness immer dann bedrohlich entgleiten, wenn man ihm widerspricht. Schön zu sehen, in einer Szene, in der er mit seiner Freundin, Dakota Johnson spielt Lindsey Cyr, über den gemeinsamen Sohn streitet. „Wenn niemand es sieht, ist es nie passiert“, sagt er ihm. Das könne man einem Kind nicht sagen, erwidert sie. Selbst in diesen Momenten der Eskalation aber ist Depps Spiel zurückgenommen, hat nichts vom schwankenden Charmeur Sparrow. Jim lässt Jack vergessen machen. Und erst recht das Millionengrab „Mortdecai“.

Dass neben diesem Auftritt die anderen ein wenig untergehen, versteht sich. Dabei liefern gerade Benedict Cumberbatch als ehrenwerter Bruder und Senator William M. Bulger sowie Joel Edgerton als FBI-Connolly eine tadellose Leistung ab. Ersterer verschanzt sich hinter der fadenscheinigen Ausrede „Jimmys Geschäfte sind Jimmys Geschäfte“, für zweiteren kommt nach falsch verstandener Solidarität und schierer Gier nach Erfolg die Erkenntnis „Wir stecken zu tief drin“ zu spät. Peter Sarsgaard und Kevin Bacon glänzen in Nebenrollen. Coopers gelassener Genrefilm kommt nicht generell gut an. Der Spiegel etwa nennt ihn eine „unbefriedigende Episode von ‚Aktenzeichen XY ungelöst'“. Dem Argument mag man insoferne nachgeben, als Cooper das Ausloten gesellschaftspolitischer Verfilzungen weitestgehend unterlassen und sich aufs Biopicmachen konzentiert hat. In einem solchen agiert ein Johnny Depp in Hochform. Das ist allemal sehenswert. Denn der nächste „Fluch“ kommt gestimmt, aargh.

www.blackmassthemovie.com

film.info/blackmass

Wien, 14. 10. 2015