John Connolly: Stan

September 24, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das freudlose Leben des weltgrößten Komikers

„Seine Augen sind sehr blau“, heißt es an einer Stelle. „Die Intensität ihrer Farbe überrascht jene, die ihm zum ersten Mal begegnen. Sie kennen ihn nur als grauen Mann, als ein Flimmern im Dunkeln.“ Ähnlich überraschend ergeht es einem mit John Connollys jüngstem Buch „Stan“. Länger als ein Jahrzehnt hat der Autor dafür recherchiert, entstanden ist ein akribisch erarbeiteter Roman, eine Romanbiografie. Über Stan Laurel.

Fiktion, wie auch die Figur „Stan Laurel“ eine war. Fiktion anhand von Fakten. Über einen hinter der Fassade des Faxenmachers sich zutiefst grämenden Menschen. Geboren 1890 in Großbritannien als Arthur Stanley Jefferson, Vater und Mutter und ein Bruder und er selbst bereits mit neun Jahren im Vaudeville-Geschäft. Den Künstlernamen wird er in den USA annehmen, weil er mit einer verheirateten Frau von den amerikanischen Moralaposteln unbehelligt in wilder Ehe leben will.

Acht Mal wird er später verheiratet sein, mit vier Frauen, allein mit Ruth drei Mal. Er wird mit Lois eine Tochter bekommen, und einen Sohn an dessen neuntem Lebenstag verlieren. Er wird Alkoholiker sein und Arbeitstier. Connolly zeichnet das weitgehend freudlose Leben dieses weltgrößten Komikers nach. Er eröffnet ungeahnte Korridore, andere Blickwinkel, führt einen hinein ins Innerste eines Jahrhundertkünstlers, den fantasielose Fernsehanstalten im deutschsprachigen Raum zum Doof für seinen Dick machten. Dabei hat sich Oliver Hardy den für beleibte Stars damals üblichen Beinamen „Fatty“ stets verbeten, Babe nennen ihn Freunde und Kollegen.

Da sitzt nun also der alte gewordene Laurel in Santa Monica, im Oceana Apartment Hotel, der Oscar steht auf dem Fernsehapparat, Babe ist seit sechs Jahren tot, ein Dasein danach sinnlos geworden, und erinnert sich. Zwischen Zeitsprüngen, plötzlich präsenten Begebenheiten, spricht er mit Babe. Über Gags. Er schreibt Szenen, denkt über Babes Antwort nach, korrigiert, spielt die Nummer für sie beide …

Mehr als alles andere erzählt Connollys „Stan“ eine Liebesgeschichte. Zwischen zwei Männern, die sich gefunden haben und lebenslang nicht mehr ohne einander können. Nur gemeinsam tanzen sie. Der britische Bühnendarsteller und der ehemalige Filmvorführer aus Georgia, der Gagaustüftler und das schauspielerische Genie. So sieht Stan seinen Babe, den Meister der kleinen Gesten, den Erfinder des Slow Burn. Er nennt ihn „eine seltsame Mischung aus Sanftheit und Unsicherheit, aus frustriertem Künstlertum und ungeheuchelter Sorglosigkeit“.

Mangelnder Selbstwert und Unzufriedenheit plagen auch Laurel. „Seine gesamte Karriere hindurch wird er einen höheren Anteil (am Gewinn, den seine Filme einspielen, Anm.) fordern und scheitern“, schreibt Connolly. Hal Roach, natürlich, der große, hält seine Publikumslieblinge finanziell kurz. Ohnedies sind sie ständig pleite. Wegen Unterhaltszahlungen der eine, wegen Pferdewetten der andere. Beider lockerer Umgang mit Sitte und Anstand, beider chaotisches Privatleben, ein einziger Strudel an Scheidungen und Skandalen, bringt Hal Roach an den Rand des Herzinfarkts.

Über Laurel und Hardy hinaus wirft Connolly auch einen Blick auf das Jeder-mit-Jedem-Hollywood dieser Tage. Wo Mafiabosse säumige Schauspieler verprügeln lassen. Wo Frauen jenseits der 35 bereits Filmindustrie-Leichen sind. Wo sich eine ganze Branche an Charlie Chaplin und dessen schöpferisch brillantem Kopf reibt. Der Unsympath, der Grenz- und Einzelgänger, der Liebhaber Minderjähriger, vor dem alle Mädchen auf die Knie fallen, weil sie sich „einen Mundvoll Chaplin“ holen wollen.

Jimmy Finlayson und sein zynischer Humor kommen vor, und Broncho Billy Anderson, der jüdische Westernheld. Buster Keaton und Harold Lloyd. Die Kollegen und Konkurrenten an der Kinokasse. Und Jerry Lewis, der Stan im Oceana Apartment Hotel regelmäßig besucht, den Stan zwar nicht mag, dessen offene Bewunderung ihm aber schmeichelt. Man erfährt, wie „The Music Box“, der Klaviergagfilm, zustande, und wie’s dazu kam, dass Oliver Hardy in „Way out West“ mit Stan „The Trail of the Lonesome Pine“ singt. Man sieht vor sich Babe mit Lois jr. auf den Knien und wie er ihr „Shine on Harvest Moon“ ins Ohr summt. Man sieht vor sich Stan, der gegen die Widerstände des Studios mit sich selbst das Komplott schmiedet, aus den Laurel-und-Hardy-Filmen Kunst zu machen.

Nur einen Streit, so Connolly, hätten die beiden Seelenverwandten jemals gehabt. Dabei ging’s um Hardys Haare. Denn je verstrubbelt-schweißnasser die Stirnfransen, umso größer dessen leinwandgerechte Verzweiflung … Im Film „Their first Mistake“ aus dem Jahr 1932 gibt es eine Szene, in der Oliver Hardy von seiner Frau hinausgeworfen wird, er landet bei Stan, der gegenüber wohnt. Stan fragt: „Was hat sie denn?“ Oliver antwortet: „Sie sagt, ich denke mehr an dich als an sie.“ Und Stan erwidert: „Aber das stimmt doch!“ Und darin, erklärt John Connolly mit seinem wundervollen Buch, steckt die ganze Wahrheit.

Über den Autor: John Connolly ist 1968 in Dublin geboren und aufgewachsen. Er studierte Englisch am dortigen Trinity College und wurde dann Journalist. Seine Kriminalromane um den Privatermittler Charles Parker machten ihn berühmt. Der Roman über Stan Laurel war in der englischsprachigen Welt ein Bestseller und wurde beim Irish Book Award mit dem Publikumspreis prämiert.

Rowohlt Verlag, John Connolly: „Stan“, Roman, 528 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gottfried Röckelein.

www.rowohlt.de

  1. 9. 2018

Theater IG Fokus: Der Winter tut den Fischen gut

Januar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Margit Mezgolich inszeniert mit neuer Theatertruppe

Vor der Psyche werden Vorbereitungen auf ein weiteres Bewerbungsgespräch absolviert: Petra Strasser als Maria Beerenberger. Bild: Anna Stöcher

Originell und beinah am „Originalschauplatz“, das ist die erste Produktion der neu gegründeten Truppe Theater IG Fokus. Ins Leben gerufen von den Theatermacherinnen Margit Mezgolich und Petra Strasser will das Pop-up-Projekt ungewöhnliche Wege beschreiten, und Aufführungen abseits der Bühnen hautnah ans Publikum bringen. Mit der Uraufführung von „Der Winter tut den Fischen gut“ nach dem Roman von Anna Weidenholzer ist das tadellos gelungen. Gespielt wird in einem aufgelassenen Gassenlokal an der Hütteldorfer Straße, zwischen Psyche und Anrichte, inmitten von Fauteuils, Sofas und Hockern.

Gerade 25 Zuschauer haben in dem kleinen Geschäft Platz, da ist es nur logisch, dass man diesen auch einmal räumen und samt Sitzgelegenheit wandern muss, um den Darstellern Raum für ihr Spiel zu geben. Von der Wohnung übers Amts- bis zum Modehaus muss schließlich alles in diesem Laden untergebracht werden, und weil die Protagonistin des Ganzen, Maria Beerenberger, in besseren Tagen Modeverkäuferin war, nutzt man den „Boutique-Charakter“ der Aufführung gleich, um im Anschluss ausgesuchte Stücke der Labels „Frl Else Vintage“, „Ich hab mein Turnsackerl vergessen“, „Lieblingsrock“ oder „TRAGweite“ anzubieten.

Versteht sich, dass nach der Premiere noch ausgiebig gestöbert wurde … „Fangen wir von hinten an“, zu diesem Schluss kommt Maria Beerenberger gleich am Anfang. Petra Strasser spielt die über Fünfzigjährige, die seit mehr als zwei Jahren arbeitslos ist. Wieder ist ein Brief gekommen, die Antwort auf eine Bewerbung, und Maria wagt nicht, ihn zu öffnen. Das AMS mit seinen wenig hilfreichen Ratschlägen sitzt ihr im Nacken, da erinnert sie sich im Rückwärtsgang an das, was bisher geschah. Erinnerungen an schöne und seltsame Begegnungen tauchen auf, an verpasste und verschenkte Möglichkeiten. Vom Kündigungs- zum Einstellungsgespräch sind es da nur ein paar Augenblicke, ebenso vom Tod bis zum Kennenlernen von Ehemann und Elvis-Imitator Walter. Wie das Leben so spielt mit der Frage: War das nicht erst gestern?

Immer weiter denkt sich Maria in ihre Vergangenheit, bis sie sich am Ende als Kind im Elternhaus wiedersieht. Margit Mezgolich hat Weidenholzers Text mit behutsamer Hand dramatisiert und den Abend auch inszeniert. Ihre drei Darsteller, neben der Strasser Elisabeth Veit und John F. Kutil, lässt sie sowohl als Erzähler fungieren als auch in verschiedene Rollen schlüpfen. Alles dreht sich darum, wie Maria sich vorstellt, „wie es ein könnte“, und was sie sagen wird, wenn sie’s denn wirklich täte. Doch sie tut es nie. Zwischen all ihren Zierpölsterchen macht sie mehr der Fantasie denn der Realität Platz, und Tagträumen von Eduard, der großen Liebe, die sich in die große Stadt abgesetzt hat.

Beim Kaffeesudlesen mit der Nachbarin: Elisabeth Veit und Petra Strasser. Bild: Anna Stöcher

Ehemann Walter achtet nicht auf seine Gesundheit: Elisabeth Veit als jüngere Maria und John F. Kutil. Bild: Anna Stöcher

„Der Winter tut den Fischen gut“ gerät in der Bühnenbearbeitung vom schartigen Psycho- und Soziogramm zur schwarzhumorigen Satire mit skurrilen Einsprengseln. Von Strasser so gestaltet, dass ihr innerer Monolog mitunter mitten durchs Herz schneidet – siehe „Ottos“ Erfrierungstod im Eiskasten; sie changiert zwischen beflissen bis zunehmend verzweifelt, wenn man ihr bescheinigt: „Mit jedem Tag Arbeitslosigkeit verlieren Sie an Wert!“ Dass sie sich schließlich Brust-raus-Bauch-rein aufrappeln wird, ist eine Entscheidung die Schauspielerin und Regisseurin gemeinsam getroffen haben, und die dieser Tage gut tut.

Elisabeth Veit und John F. Kutil geben von der kaffeesudlesenden Nachbarin über tratschsüchtige Arbeitskolleginnen, vom von der Zeit überrollten Modehausbesitzer bis zum seine Gesundheit vernachlässigenden Walter alle und alles: Vater und diverse Mütter und die unfreundlich-überforderten AMS-Mitarbeiter, Veit auch Marias jüngere Ausgabe – und Otto. Den Übersprung von den tragischen zu den lakonischen zu den komischen Momenten der Handlung schaffen die drei mit Bravour. So gelingt ein Abend, der immer wieder lachen macht. Doch Vorsicht, die Abgründe lauern bei dieser Darbietung hinter jedem Satz.

igfokus.wordpress.com/

  1. 1. 2018

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 26. 4. 2017

Viennale 2016: Christopher Walken kommt vielleicht, John Carpenter ganz sicher nach Wien

August 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kompakteres Programm, verknapptes Budget

Einer der diesjährigen Höhepunkte wird der Tribute to Christopher Walken, hier in "At close Range". Bild: Viennale

Einer der diesjährigen Höhepunkte wird der Tribute to Christopher Walken, hier im Thriller in „At close Range“ / „Auf kurze Distanz“. Bild: Viennale

Namedropping ist seine Sache sonst nicht, diesmal allerdings schoss Hans Hurch sozusagen aus allen Rohren: Isabelle Huppert, Tilda Swinton, John Carpenter, Christopher Walken, sie werden erwartet, sind zumindest eingeladen, und die Chancen stehen so schlecht nicht, dass sie nach Wien kommen.

Die Damen sowieso. Altmeister Carpenter, der im Rahmen seiner Werkschau sogar ein Konzert in der Stadthalle geben wird (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19452), ist fix. Ob allerdings Wahnsinnsschauspieler Walken, der weder Computer noch Handy, dafür eine ausgewachsene Flugphobie hat, tatsächlich in Schwechat die Gangway heruntertänzeln wird, bleibt spannend.

Wie das Programm der diesjährigen Viennale, über deren Programm ihr Direktor am Freitagvormittag einen ersten Überblick gab. “Es wird eine Viennale mit ein bisschen weniger Filmen”, so Hurch, 200 statt wie im Vorjahr 230, die ab 20. Oktober zu sehen sein werden. Dauern wird das Festival bis 2. November und damit einen Tag kürzer als 2015. Man wolle so, sagt Hurch, „die Überschaubarkeit erhöhen“; offenbar gab es Rückmeldungen eines Publikums, das sich im opulenten Angebot verirrt hatte … Was bleibt ist ein exzellentes Programm, wie stets mit dem Anspruch, die beste Auswahl an den wesentlichen neuen Filme zu zeigen, die im vergangenen Jahr bei Festivals zwischen Cannes und Buenos Aires ihre Premiere erlebt haben, aber auch „abseits der von Markt und Medien ausgetretenen Pfade die eine oder andere ungewöhnliche Entdeckung zu machen“.

Isabelle Huppert in "L'Avenir". Bild: Viennale

Isabelle Huppert in „L’Avenir“ von Autorenfilmerin Mia Hansen-Löve. Bild: Viennale

"Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte" von Corinna Belz. Bild: Viennale

„Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ von Corinna Belz. Bild: Viennale

In Sachen Spielfilm sind das dieses Jahr unter anderem die Episodenerzählung “Certain Women” von Kelly Reichardt mit Michelle Williams, Kristen Stewart und Laura Dern oder auch Don Cheadles Miles-Davies-Porträt “Miles Ahead”, Jim Jarmuschs „Paterson“  und Albert Serras „La Mort De Louis XIV“ mit Jean-Pierre Léaud in der Rolle des sterbenden französischen Sonnenkönigs. Isabelle Huppert ist sowohl in Mia Hansen-Löves “L’avenir” als auch in Paul Verhoevens “Elle” zu sehen. Punkto Dukumentarfilmen gibt es auch dieses Jahr einen kleinen Porträt-Schwerpunkt, etwa “Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte …” von Corinna Belz, “De Palma” über Regisseur Brian De Palma von Noah Baumbach und Jake Paltrow, “Eat That Question – Frank Zappa In His Own Words” von Thorsten Schütte oder den an verfänglichen Fotos gescheiterten US-Politaufsteiger Anthony Weiner in der Doku “Weiner” von Josh Kriegman und Elyse Steinberg.

Der österreichische Film: Von Händl Klaus bis Nikolaus Geyrhalter

An heimischen Filmen sind unter anderem Händl Klaus’ “Kater”, Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm “Homo Sapiens” oder der eben erst in Locarno gelaufene “Mister Universo” von Tizza Covi und Rainer Frimmel vertreten. Von Maya McKechneay gibt es “Sühnhaus”, von Georg Wasner “Accelerando” und von Valentin Hitz “Stille Reserven” – letzterer ein seltenes Beispiel für einen gelungenen Sci-Fi-Genrefilm aus Österreich, so Hurch.

Händl Klaus' "Kater". Bild: Viennale

Händl Klaus‘ „Kater“. Bild: Viennale

"Homo Sapiens" von Nikolaus Geyrhalter. Bild: Viennale

„Homo Sapiens“ von Nikolaus Geyrhalter. Bild: Viennale

Dancer in the Dark: A Tribute to Christopher Walken

Dem großen Charakterschauspieler Christopher Walken ist die Personale “Dancer in the Dark” gewidmet, er sei eine „der außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Erscheinungen im amerikanischen Kino der letzten Jahrzehnte“, schwärmt Hurch. „Manchmal reicht schon ein einziger Cameo-Act von ihm, wie in ,True Romance‘, um einen Film ganz und gar unvergesslich zu machen.“ Obwohl wegen seines leicht sinistren Aussehens und eines ganz eigenen, singenden und von seltsamen Pausen skandierten Sprachduktus oft auf die Rolle des Bad Guy, des Outcast und des Psychopathen festgelegt, ist der Leinwandstar viel mehr als das. Walken ist ausgebildeter Tänzer, was bei seinen Auftritten immer wieder deutlich wird, und verfügt über eine höchst subtile Selbstironie. Die Viennale präsentiert in ihrem Tribute neben einigen seiner zentralen Arbeiten, darunter „The Deer Hunter“, „The Dead Zone“, „Catch Me If You Can“ oder „The Addiction“, auch weniger bekannte Filme sowie eine Reihe legendärer Sidesteps wie Auftritte im Musikvideo „Weapon Of Choice“ von Fatboy Slim oder die abgründig witzige Episode „More Cowbells“ aus dem Programm von Saturday Night Live.

Filmavantgardist Peter Hutton zu Gast bei der Viennale 2007. Bild: Viennale

Der amerikanische Filmavantgardist Peter Hutton zu Gast bei der Viennale 2007. Bild: Viennale

"Three Landscapes" von Peter Hutton aus dem Jahr 2013. Bild: Viennale

„Three Landscapes“ von Peter Hutton aus dem Jahr 2013. Bild: Viennale

Mit dem Titel “Time and Tide” ist eine Retrospektive zum Oeuvre des erst vor wenigen Wochen im Alter von 71 Jahren verstorbenen Avantgardisten des US-Kinos Peter Hutton angesetzt. Unter seinen Filmen finden sich Städteporträts und Architekturbeschreibungen, Industriestudien und private Notizen und als immer wiederkehrendes Motiv das Meer, das Hutton über viele Jahre hinweg als Matrose bereiste. Bei der weiteren großen Retrospektive “Ein Zweites Leben -Thema und Variation im Film” im Filmmuseum besieht man sich, was hinter den Begriffen „Remake“, „Sequel“, „Prequel“, „Reboot“ und „Spin-off“  steckt, von Fritz Langs „M“ bis zu Hitchcocks „The Man Who Knew Too Much“. Mit Robert Land wird ein weithin unbekannter österreichischer Filmemacher wiederentdeckt, der 1938 auf der Flucht vor den Nazis starb. Neu eingeführt wird eine kleine Serie mit dem Titel „Analog Pleasure“.

Das Budget für dieses Angebot könnte allerdings gegenüber 2015 um 70.000 Euro gekürzt werden. Er beklage sich zwar bei einem Gesamtbetrag von 2,7 Millionen Euro nicht wirklich, aber die Verwertungsgesellschaften könnten wegen eines laufenden Prozesses ihren Beitrag nicht leisten und auch die Stadt Wien dürfte weniger beitragen, wobei die Verhandlungen hier noch liefen, sagt Hurch. Der außerdem ausdrücklich betont, dass die Verkleinerung des Programms nichts mit dieser finanziellen Sondersituation zu tun habe. Eine gute Nachricht noch zum Schluss: Es gibt nach einer kurzen Pause und den damit verbundenen Protesten heuer wieder die legendären Dragee Keksi beim Festival. “Neben der Viennale-Tasche scheinen die Dragee Keksi für viele Menschen der Hauptgrund zu sein, zur Viennale zu kommen”, schmunzelt Hurch. Apropos, wie wird die Tasche dieses Jahr eigentlich aussehen?

www.viennale.at

Wien, 19. 8. 2016

Benjamin Black = John Banville: Tod im Sommer

August 10, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Blick auf den irischen Antisemitismus

9783462315493_10Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das vierte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte. Diesmal wird der verhasste Zeitungsverleger Richard Jewell zu Tode gebracht, ein Großteil seines Kopfes mit jener Schrotflinte weggepustet, die er noch in seinen klammen Fingern hält. Doch weder Quirke noch Inspektor Hackett glauben an Selbstmord. Bei der Obduktion der Leiche stellt sich heraus, was davor nicht allgemein bekannt war: Der sagenhaft reiche „Diamond Dick“ war jüdisch …

Es ist das erste Mal, dass Banville-Black in seinen 1950-Jahre-Krimis auf den irischen Antisemitismus zu sprechen kommt. Auch Quirkes Assistent Sinclair, weil Tennispartner der Schwester des Ermordeten, als dritter in den Fall eingebunden, „outet“ sich und wird deshalb einiges erleiden müssen, inklusive des Verlusts eines Fingers. Wiewohl ihm vorab sogar noch Schlimmeres angedroht worden war:

„Hör zu, Judenbürschchen“, sagte die Stimme, „wenn du deine dicke fette Nase in Angelegenheiten steckst, die dich nichts angehen, dann werde ich sie dir abschneiden. Danach passen dein Schwanz und deine Judenfresse wieder gut zusammen“. Der Autor schlägt statt seines üblichen verweht nostalgischen, mittelschwer melancholischen Tonfalls diesmal härtere Töne an. Denn die Welt, in die er die Leser im aktuellen Band eintauchen lässt, ist manchen seiner Protagonisten noch gar nicht so sehr versunken.

Das Schicksal der Juden in Irland hat direkt mit dem Dritten Reich zu tun. Die irische Regierung wollte die Neutralität des Landes nicht riskieren und nahm deshalb keine jüdischen Flüchtlinge auf. Tatsächlich spielten neben der Sympathie mit Hitler-Deutschland, dem Gegner von Irlands Erzfeind England, auch antisemitische Beweggründe eine Rolle. Das Justizministerium wollte sich kein „Judenproblem“ ins Land holen und bediente sich dabei der NS-Rassengesetze. Kritische Stimmen verhallten ungehört. Selbst Irlands Präsident Eamon de Valera, weit davon entfernt, Antisemit zu sein, hielt sich zurück. Erst als nach dem Krieg etwa 100 Waisen aus dem KZ Bergen-Belsen abgewiesen werden sollten, hob de Valera, der als Widerstandskämpfer selbst lange Zeit in politischer Haft war, die Entscheidung seines Justizministers auf. Die Staatsgründung Israels veranlasste später viele Juden dazu, Irland den Rücken zu kehren.

All dies kommt bei Benjamin Black nur als Subtext vor. Wie stets führt er den Leser auf viele Irrwege und legt dabei doch die ganze Zeit die richtige Fährte aus. Das Naheliegende kann mitunter tatsächlich die Lösung sein, weiß er, auch wenn er sich natürlich am Ende eine letzte Drehung ins Ungewisse erlaubt. Sein Fall führt Quirke zur Abwechslung nämlich nicht in allerhöchste Kreise, die bleiben schön im Dunkeln, was bedeutet, dass etliche Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Wie’s halt so ist. Und dennoch arbeitet sich der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, der Autor ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen. In „Tod im Sommer“ führen alle Spuren zum „Freundeskreis St. Christopher“, den „Wohltätern“ eines Waisenhauses, von den verantwortlichen Priestern in eine Kinderverwahranstalt für Pädophile umfunktioniert. Und Richard Jewell wusste das … und auch er ist nicht frei von Sünde …

Erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich dies als Spannung auf. Banville-Black empfiehlt sich erst als Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, als Meister der Milieuschilderung. Er baut um die Handlung eine Kulisse aus alten Säufern und ausgemergelten halbwüchsigen Prostituierten. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, deren „Augen glänzen, wie schwarze Nieten in einer Maske“ oder deren „Adamsapfel hüpft, wie an einem Gummiband“. Sie alle stolpern, straucheln, haben immer wieder Mühe, ins Gleichgewicht zu kommen. Und allen voran der mit seinem Alkoholismus ringende Quirke.

In Jewells Haus trifft er auf dessen Witwe Françoise, unter all den beschädigten Figuren des Romans die schönste und zerstörteste, wie eine uralte französische Porzellanpuppe, die ein schreckliches Geheimnis rund um ihren aus der Gestapo-Haft „erlösten“ Bruder, einem führenden Kopf der Résistance, birgt. „Es ärgerte ihn, dass er sich bei dieser Frau wie ein demütiger, untertäniger Bittsteller vorkam“, schreibt Banville-Black über Quirke, und selbstverständlich verliebt der sich in sie.

Was auch insofern problematisch ist, als die Schauspielerin Isabel Galloway, seit Band drei Quirkes Geliebte, immer noch mit von der Partie ist. Und auch der selbsternannte Aufdeckungsjournalist Jimmy Minor hat sich aus „Eine Frau verschwindet“ herübergerettet. Der Schmierfink ist ein zu schillernder Charakter, als dass er einfach zwischen den Buchdeckeln verschwinden hätte dürfen. Quirkes Halbbruder Malachy Griffin und die gemeinsame Stiefmutter und nunmehrige Ehefrau Malachys, Rose, sind ebenfalls wieder dabei. Und Phoebe. Quirke hatte seine Tochter nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, Malachy überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe diesen für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener.

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich einmal mehr mit der Geschichte, auch er war früher Zögling in St. Christopher. Drei Kinder, ein irrer Sohn, eine psychisch labile Tochter und eine, deren Ruhe und Selbstbeherrschtheit beinah widernatürlich scheinen, werden ihn bei der Aufklärung aller Rätsel anleiten. Für den Leser bleibt eines, ein privates. Quirke versucht Phoebe mit Sinclair zu verkuppeln, das geht anfangs schrecklich schief, aber am Spitalsbett dann … man wird auf Band fünf warten müssen, um zu erfahren, wie das weitergehen kann …

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub …

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Tod im Sommer“, Kriminalroman, 272 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

www.kiwi-verlag.de

www.benjaminblackbooks.com/quirke.htm

Wien, 10. 8. 2016