Pleasure

Januar 15, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

An die Männer denken, die sich damit aufgeilen

Schauspieldebüt: Sofia Kappel als Bella Cherry. Bild: © Plattform Produktion

Es dauert keine zehn Minuten, bis in „Pleasure“ der erste echte erigierte Penis, keine Penisattrappe!, zu sehen ist. Riesig und beängstigend ragt er über Bella Cherrys Kopf, die eigentlich Linnéa heißt und mit 19 Jahren aus einer schwedischen Kleinstadt nach Los Angeles gereist ist, um ein Pornostar zu werden. Es ist ihr erster Drehtag, sie fühlt sich unwohl. „Das ist Lampenfieber, das haben alle beim ersten Mal“, beruhigt sie der Regisseur. Nett und verständ- nisvoll sind sie alle am Set.

Anfängerin Linnéa reißt sich zusammen, die Kamera läuft. Bella Cherry ist geboren. „Pleasure“ heißt der erste Spielfilm der schwedischen Regisseurin und Drehbuchautorin Ninja Thyberg. („Are you here for business or for pleasure?“, fragt der Einwanderungsbeamte Linnéa routinemäßig bei der Einreise nach Amerika. Einen Moment lang hält sie inne, um dann mit dem Anflug eines vieldeutigen Lächelns zu antworten: „For pleasure.“) „Pleasure“, ab 14. Jänner in den heimischen Kinos, ist vielbeachtet. Er hatte seine bejubelte Premiere beim Sundance Festival, gewann mittlerweile mehrere Awards, trägt bereits den Cannes-Stempel und ist nun für den Europäischen Filmpreis als bestes Erstlingswerk nominiert.

Thyberg hat jahrelang in der Pornobranche recherchiert und sich das Vertrauen der dortigen Protagonistinnen und Protagonisten erworben. Bis auf Hauptdarstellerin Sofia Kappel, die hier ihr Schauspieldebüt gibt, sind die Rollen mit tatsächlichen Akteurinnen und Akteuren besetzt. Vom Agenten Mark Spiegler über die Regisseurin Aiden Starr, die sich sozusagen selber spielen, bis zu Bellas männlichen Partnern John Strong oder Chris Cock, er ein Spezialist für Interracial Porn, was die Amerikaner „noch schockierender finden als triple-anal“.

Der Grazer Mick Blue hat einen Auftritt als Filmemacher. Gedreht wurde großteils an Original-Pornosets. Dass „Pleasure“ weder dezidiert für noch gegen Pornografie Partei ergreift, macht den Film so stark. Dabei sind die Bilder drastisch und teilweise auch höchst unangenehm anzusehen. Die dokumentarisch-fiktionalen Überschneidungen, die in vielerlei Hinsicht Echtheit, erzeugen eine Spannung, die hart an der wahrscheinlichen Wahrheit kratzt. „Pleasure“ ist der wohl authentischste Pornoindustrie-Film aller bisherigen Zeiten.

Anfangs ist alles ein großer Spaß. Sie sei einfach Schwanz-fixiert und liebe Sex, beteuert Bella. „Ich bin eine Performerin“, sagt sie. John Strong mit ein wenig Hüftspeck ist ein fast väterlicher Penetrierer und Bellas Typ – unschuldiges Mädchen von nebenan – kommt an. Bizarr ist die Pragmatik und Porn-Bürokratie mit der vor einem Dreh ein Stapel Formulare ausgefüllt werden muss. Die Pornoindustrie ist ein nüchterner, emotionsloser Erwerbszweig, der Frauenkörper Ware, heiße Ware. Bella erkennt rasch, dass sich karrieretechnisch nur hochschläft, wer sich für alles zur Verfügung stellt und alles ankreuzt: „Cumshot“, „Reverse Cowgirl“, „Double Penetration“, „Rough Scenes“ …

Ein Selfie auf der Adult Video News Messe: „Bella“ Sofia Kappel. Bild: © Plattform Produktion

Fotoshooting im Pool: „Bella“ Sofia Kappel klettert die Karriereleiter hoch. Bild: © Plattform Produktion

Mit Konkurrentin Ava auf dem Weg zu einer Branchenparty: Sofia Kappel und Evelyn Claire. Bild: © Plattform Produktion

Trockentraining mit Banane: Sofia Kappel und Revika Anne Reustle als Joy. Bild: © Plattform Produktion

Ihr mit Sperma vollgespritztes Gesicht postet Bella noch fröhlich (während es der Betracherin offen gesagt den Magen hebt). Instagram ist die neue Präsentationsmappe. Dann ist es mit Erotik-Fun vorbei. Denn je rauer, gewalttätiger und demütigender die Frauen behandelt werden, desto besser verkaufen sich die Filme. Einen großen Unterschied macht es auch, ob bei einem BDSM-Dreh Frauen hinter der Kamera stehen (bei Aiden Starr werden der Mundknebel und die Nippelklemmen mit höchster Höflichkeit angelegt) oder wie meistens Männer.

Männer … man muss unweigerlich an jene denken, die sich an der Erniedrigung der vorgeführten Frauen aufgeilen. Bei der Adult Video News Messe in Las Vegas sieht man die Klientel: Schiachperchten und Freaks, aber auch Familienväter, die sich in der prickelnden Umgebung als Bad Boys fühlen wollen. Ist es die pathologische Angst des „starken Geschlechts“ vor der Weiblichkeit zu versagen, die manche Männer in die fiktionale Hardcore-Porno-Welt mit Hundeketten, Reitgerten und Fesselspielen treibt? Werden sie im Bedarfsfall Fiktion von Realität trennen können (Ausnahme: Sie finden eine BDSM-Gleichgesinnte)?

In den Sexszenen saugt sich die Kamera von Sophie Winqvist Loggins an Sofia Kappels großen, blauen Augen fest. Sie übt sich in der Kunst auch mit schmerzverzerrtem Gesicht Lust zu vermitteln: doppel-anal, für das sie ihren Anus mit Butt-Plugs vordehnen musste, denn Bella will ein „Spiegler-Girl“ werden. Die sind die Elite im Business und hochbezahlt, müssen dafür aber die perversesten Dinge mit sich machen lassen. Ein besonders brutaler Dreh entgleist, Minuten, die man kaum ansehen kann, diese Herabwürdigung einer Frau zum Objekt ist kaum auszuhalten, auch wenn der Regisseur und die beiden „Kollegen“ das Ganze „Show“ nennen.

Sie weint, sie ruft ihr Safeword, die Männer trösten sie. Wie immer sind alle superliebenswürdig. Doch als sie wirklich gehen will, erfährt sie, dass man einem lukrativen Geschäft kein jähes Ende bereitet. „Du spielst mit unserem Geld“, raunt der Regisseur gefährlich. Als Linnéa später vor ihrem Agenten Mike, Jason Toler, von Vergewaltigung spricht, will der davon nichts hören. Sie sei ja freiwillig ans Set gekommen. Da hat ihr Ashley, Dana DeArmond, aus der WG längst erzählt, dass Mike seine Mädchen auch an Freier vermietet: „Cash ist Cash“, meint sie lapidar. Pornografie meets Prostitution. Welch eine seltsame Form der Selbstausbeutung.

Dreharbeiten: Chris Cock, Xander Corvus, John Strong und Sofia Kappel. Bild: © Plattform Produktion

Schmerz und Lust beim Anal-Dreier: Chris Cock, Jack Blaque und Sofia Kappel. Bild: © Plattform Produktion

Bella und Joy müssen mit dem unsympathischen Caesar Rex arbeiten: Bill Bailey. Bild: © Plattform Produktion

Die Jobs werden Hardcore: „Bella“ Sofia Kappel dreht mit der rücksichtsvollen Aiden Starr. Bild: © Plattform Produktion

Die Pornodarstellerinnen-WG, in die sich Bella einmietet, ist wenig glamourös und oft ein trauriger Anblick. Die nicht gerade mit Geld gesegneten Mädchen leben von Pizza und chinesischen Nudeln, danach eine Pot-Pfeife. Bella wird beste Freundin von Joy, Revika Anne Reustle als Südstaatenbelle, die mit der Newcomerin Bananen-Trockentraining macht. Gemeinsam lästern sie über dritte ab, Joy stärkt Bellas Selbstvertrauen. Doch das Ringen um einen Job ist ein eiskalter Konkurrenzkampf. Auf dem Weg nach oben opfert Bella ihre Frauensolidarität und fällt Joy beim Dreh mit dem unsympathischen Caesar Rex in den Rücken.

Und dann ist da noch Ava, die wunderschöne Evelyn Claire, das neueste Spiegler-Girl, Marke Femme fatale. Die Bitch! In einer erschreckenden Szene wird Linnéa zur Täterin. Bei einem Girl-Girl-Shooting mit Ava kämpft sie diese mit einem Umschnalldildo nieder, alles, was sie an Hardcore gelernt hat, lässt sie nun an Ava aus. Muss erwähnt werden, dass Regisseur Mick Blue von den Aufnahmen begeistert ist?

Mit ihrer besonderen Mischung aus Furchtlosigkeit und Durchlässigkeit, mit stoischer Entschlossenheit und laszivem Schlafzimmerblick macht Sofia Kappel ihre erste Filmrolle zum atemraubenden Ereignis. Und Ninja Thyberg hat ein feines Feeling für die Vieldeutigkeit der Situationen, die sie einfängt. Sie spürt Momenten von Triumph und Stolz ebenso nach wie Momenten abgrundtiefer Verlorenheit. Einmal ruft die 19-Jährige nach einer besonders unangenehmen Dreherfahrung ihre ahnungslose Mutter in Schweden an, bittet darum, heimkommen zu dürfen. Die denkt, ihre Tochter mache in den USA ein Praktikum, und rät zum Durchhalten.

„Du wirst leider überall auf Idioten treffen“, sagt sie am Telefon. Lässt man Penisse und Analplugs beiseite, ist „Pleasure“ eine Parabel auf Frauen am Arbeitsplatz. Wer Macht hat, kann machen, was er will. Und Macht haben eben meist die Männer, gerade in der Pornoindustrie. „Pleasure“ ist ein schonungsloser Film, der den Zuschauerinnen und Zuschauern viel zumutet, dem aber auch das Kunststück gelingt, dabei nicht voyeuristisch zu sein. Zur Atmosphäre trägt der Soundtrack von Karl Frid bei, „Una Gida“ gesungen von Caroline Gentele, ein Mix aus Rap und Barock anmutenden Kirchenklängen, „Stripped to the Bone feat. Rubi Rose“, und Sofia Kappel singt „En midsommarnattsdröm“.

www.weltkino.de/filme/pleasure

15. 1. 2022

Academy Awards Streaming: The Trial of the Chicago 7

März 30, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Aaron Sorkins Gerichtsthriller warten sechs Oscars

Die Angeklagten und ihre Bürgerrechtsanwälte: Yahya Abdul-Mateen II, Ben Shenkman, Mark Rylance, Eddie Redmayne und Alex Sharp. Bild: © Netflix 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 48 Preise und 183 Nominierungen, die Aaron Sorkins starbesetzter Film über den Skandal-Prozess gegen Anti-Vietnamkrieg-Aktivisten im Jahr 1968 schon erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion „The Trial of the Chicago 7“ ist in den Oscar-Kategorien Bester Film, Sacha Baron Cohen als Bester Nebendarsteller, Aaron Sorkin für das Beste

Originaldrehbuch, Phedon Papamichael Jr. für die Beste Kamera, Daniel Pemberton und Celeste Waite für den Besten Filmsong „Hear My Voice“ und Alan Baumgarten für den Besten Schnitt nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Oktober:

Ein Schauprozess mit Analogien zum Heute

Dieses Moment von Show stellt sich nicht nur ein, weil Sacha Baron Cohen als Abbie Hoffman parallel zur Handlung in einem Club den Stand-up-Comedian gibt. Von Anfang an spüren die Angeklagten, dass sie als Staatsfeinde vor Gericht stehen, und dass das Ganze eine Farce ist, ein Schauprozess. „Dies ist die Oscarverleihung der Protestkultur. Welch eine Ehre, nominiert zu sein!“, sagt Abbie Hoffman sarkastisch, Sacha Baron Cohen, der tatsächlich für den des Besten Nebendarstellers nominiert ist.

Das Jahr ist 1969, das Verfahren „The Trial of the Chicago 7“, Filmemacher Aaron Sorkins auf Netflix zu streamender Rekonstruktionsthriller einer True Story, der in doppeltem Sinne die Verfassung der Vereinigten Staaten aufs Korn nimmt, wenn hier zwei Ideale der USA aufeinanderprallen. „The whole World is watching!“, skandieren die Sympathisanten vor dem Gerichtsgebäude – und wirklich, es fühlt sich an, als sei seit diesen Iden des März kein einziger Tag vergangen. Insbesondere mit Blick auf die Spezialbehandlung des Afroamerikaners Bobby Seale, der wegen „anhaltender Renitenz“ gefesselt, geknebelt und gedemütigt im Gerichtssaal sitzen muss. [Ein an George Floyd gemahnendes Bild weißer Gewalt, das unerträglich ist …]

Die Law-and-Order-Fraktion, die eben erst Präsident Nixon im Weißen Haus installierte und nun politischen Rückenwind spürt, will also den Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen den Garaus machen. Deshalb soll dies Exempel statuiert werden, an acht Leitfiguren einer immer stärker werdenden Gegenkultur; vom Friedensbewegten bis zum Militanten, die Staatsanwälte fordern lange Freiheitsstrafen – zur Abschreckung einer ungekannt aufmüpfigen Jugend. Mit den unterschiedlichsten Beweggründen, aber einem gemeinsamen Ziel, begaben sich Ende August 1968 acht Männer nach Chicago, dies die in Kreuzverhör-Rückblenden erzählte Vorgeschichte, um an Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg teilzunehmen:

Tom Hayden und Rennie Davis als Mitglieder der „Students for a Democratic Society“; die Pazifisten Dave Dellinger und Lee Weiner vom Nationalen Mobilisierungskomitee zur Beendigung des Krieges in Vietnam; die Hippies Abbie Hoffman und Jerry Rubin als Gründer der Youth International Party aka Yippies; Antikriegsaktivist John Froines, er wie Weiner des Richters Manövriermasse im Prozess und die beiden als einzige freigesprochen. Und schließlich Black-Panther-Boss Bobby Seale, angesichts der vielen ermordeten Bannerträger des friedlichen Wandels durchaus zu Gewalt bereit, und vom Filmtitel nicht unter die sieben gezählt, weil er von Beginn an eine eigene Anhörung anstrebte.

Sacha Baron Cohen, Oscar-nominiert als Abbie Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Michael Keaton als Ex-Justizminister Ramsey Clark. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne als moderater Tom Hayden. Bild: © Netflix 2020

Diese amerikanische Linke rief nun zum „Festival of Life“ im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park auf, es sollte musiziert und gemeinsam protestiert, Plakate gemalt, Einberufungsbefehle und BHs verbrannt werden, „ein Rockkonzert mit Unzucht“, wie Abbie verkündet, doch die Polizei reagierte mit militärischer Aufrüstung und einer Ausgangssperre. Es gab Straßenschlachten, fünf Tage und fünf Nächte lang einen Krawall, bei dem hunderte Menschen durch Tränengas und von den Polizisten eingesetzten Schlagstöcken zum Teil schwer verletzt wurden, welch Szenen, in denen Nationalgardisten entsichern und durchladen – und jetzt soll der willkürlich zusammengewürfelten Aktivistentruppe ein Verschwörungsplan nachgewiesen werden, den es nie gab.

Ein Prozess in den USA ist immer ein Schau-, eine Performance für die Jury, die Geschworenen, die meinungsmachenden Medien und weitere Öffentlichkeit, deshalb funktioniert’s auch als Film wunderbar. Sorkin konnte sich weitgehend auf die Prozessprotokolle stützen, sie bieten Komik, Zynismus, Absurdität und sogar ausreichend waschechte Schurkerei für ein Script, die Straßenschlachtszenen sind mit original Dokumaterial von der die Einberufung bestimmenden Geburtstagslotterie, Soldaten, Napalm, Särgen, Martin Luther King, dem Attentat auf Robert Kennedy und Ähnlichem überschnitten.

In Aaron Sorkins zweiter Regiearbeit nach „Molly’s Game“ – aus seiner Feder stammen unter anderem „Eine Frage der Ehre“, „Charlie Wilson’s War“ oder „The Social Network“ – brilliert ein handverlesener Cast. Allen voran Sacha Baron Cohen als Yippie Abbie Hoffman, dieser berühmt und berüchtigt geworden mit dem Versuch, das Pentagon durch die Kraft kollektiver Meditation in die Luft zu heben, hier ein dauerbekiffter Exzentriker.

Ein Spaßvogel mit flotten Sprüchen und hochphilosophischem Nonsens, der Clown im Politzirkus, der sein Auftreten vor Gericht als Party-Gig nutzt und jede Möglichkeit, das Verfahren mit albernen Bemerkungen zu diskreditieren. Doch kaum sitzt der Anarcho im Zeugenstand erweist er sich als belesener, besonnener Intellektueller, der in der Sache Abe Lincoln und Jesus Christus zitiert – und mit seinem staubtrockenen Humor den sleeken Teflonmann und Staatsanwalt Richard Schultz aus der Reserve lockt.

Sacha Baron Cohen, Danny Flaherty , Eddie Redmayne, Jeremy Strong und Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Mark Rylance, Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Jeremy Strong. Bild: © Netflix 2020

Die „Black Panther“ Yahya Abdul-Mateen II und Kelvin Harrison Jr. mit Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch, Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Kulturrevolutionär Cohen zur Seite steht Jeremy Strong als Anti-Vietnam-Apologet und Molotowcocktail-Spezialist Jerry Ruben, Cohen in diesem Spiel der Leinwandstars ein Primus inter Pares, ihm gegenüber der von Eddie Redmayne verkörperte Tom Hayden, Typ properer Schwiegermutterschwarm, Hayden, der auf dem Protestmarsch den Weg durch die behördlichen Instanzen zu gehen versucht hat, doch dem die Dinge – siehe den vom Polizeiprügel hart am Kopf getroffenen, blutüberströmten Mitstreiter Rennie Davis aka Darsteller Alex Sharp – aufs Brutalste entgleiten.

Wie sich Tom und Abbie, der Realo und der Fundi, im Laufe der Prozesstage buchstäblich zusammenraufen müssen, wie sie erkennen, dass die Strategien des anderen zu einer progressiven Protestpolitik doch nicht so verpeilt sind, wie sie einander schätzen lernen – das scheint der Appell Sorkins an die heute so zersplitterte Linke zu sein. In den USA und andernorts. John Carroll Lynch gestaltet David Dellinger als biederen Vater einer amerikanischen Vorzeigefamilie. Der älteste der Runde, Lynch nennt die Rolle „Pfadfinder-Rover“, ist Kriegsdienstverweigerer seit dem Zweiten Weltkrieg und predigt Gewaltlosigkeit, bis ihm auf der Anklagebank als erstem der Geduldsfaden reißt.

Noah Robbins und Daniel Flaherty sind als die wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind gekommenen Lee Weiner und John Froines zu sehen, zwei profillose Mitakteure, die sich im Prozess der Großen bald den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles!“ aneignen. Großartig agiert auch Yahya Abdul-Mateen II als Black-Panther-Anführer Bobby Seale, der sich im Kampf um seine Rechte trotz aller Strafmaßnahmen nicht einschüchtern und mundtot machen lässt. Der Chef der Chicagoer Black-Panther-Partei Fred Hampton, gespielt von Kelvin Harrison Jr., wird mitten im Prozess bei einem vorgeblichen Festnahmeversuch einer Polizei-Eliteeinheit in seiner Wohnung im Schlaf erschossen.

Michael Keaton hat einen großartigen Gastauftritt als demokratischer Ex-Justizminister und Star-Zeuge im Gerichtsscharmützel, Ramsey Clark, der im Kreuzverhör die Schuld für die Vorkommnisse ganz klar bei der Polizei sieht – doch da der Richter die Geschworenen des Saales verwiesen hat, bleibt seine Aussage ungehört.

Joseph Gordon-Levitt als Staatsanwalt Richard Schultz. Bild: © Netflix 2020

Die Original-7. Bild: © Netflix 2020

Frank Langella als Hardliner-Richter Julius Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Als dieser, als bis zur Lachhaftigkeit von der eigenen Autorität besessener Richter Julius Hoffman, beeindruckt Grandseigneur Frank Langella. Sein Richter ein verwirrter, verbohrter, voreingenommener Grumpy Old Man, der Namen vergisst und Tathergänge verwechselt, der seine Verachtung für die Angeklagten und seine Abscheu vor dem schwarzen unter ihnen gar nicht verbergen will, jede Gesichtsregung Langellas verweist darauf, der ganze Kreuzverhöre aus dem Protokoll streichen – das hat schon Witz, wenn der ganze Saal noch vor Seiner Ehren im Chor „Abgelehnt!“ skandiert – und Jury-Mitgliedern via Staatsanwaltschaft gefälschte Drohbriefe zukommen lässt.

Die sind im „Bad Cop/Good Cop“-Wechsel J. C. MacKenzie als Tom Foran und Joseph Gordon-Levitt als Richard Schultz, und sehr viel von Sorkins eigener Agenda steckt wohl in der Figur dieses jungen Staatsanwalts, der die Aufrührer von Amts wegen zwar verfolgen muss, doch heimlich mit ihnen sympathisiert.

Der Charakter Schultz‘ symbolisiert, dass kein Justizsystem der Welt final korrupt ist, sondern dass selbst schlimmste Fehlentscheidungen irgendwann korrigiert werden. Sorkin glaubt an die Gewaltentrennung von Legislative, Exekutive und Judikative, das hat er auch in seiner TV-Serie „The West Wing“ bewiesen, und die US-Filmkritik liebt ihn dafür – und der echte Schultz, der dank des Films zu etlichen Interview-Ehren kam, erweist sich in den Gesprächen als ebenso aufrecht und integer wie sein Bildschirm-Alter-Ego.

Auf der Seite der Guten stehen außerdem Sir Mark Rylance und Ben Shenkman als die von ihnen so fulminant wie furios gespielten Bürgerrechtsanwälte William Kunstler und Leonard Weinglass. Rylance agiert als kämpferisch-verkniffener Kunstler, der seine Verwunderung über das halbsenile, nichtsdestotrotz stur paternalistische Verhalten des Richters nicht verhehlen kann, besonders prägnant. Unter den etlichen Detectives, Gesetzeshütern in Zivil, die die Gruppe infiltrierten, zählt als -hüterin auch Caitlin FitzGerald als Agent Daphne O’Connor, die Jerry Ruben in sich verliebt macht und ihm das Herz bricht.

Auf dem Weg zur …: Jeremy Strong, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

… Polizeiblockade: Alex Sharp, Jeremy Strong, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Die Ausschreitungen im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park enden für die Demonstranten blutig. Bild: © Netflix 2020

„The whole World is watching!“: Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen gehen ins Gerichtsgebäude. Bild: © Netflix 2020

Und apropos, Herz: Es ist jenes der gegenwärtigen Finsternis, auf das „The Trial of the Chicago 7“ zielt und trifft. Sorkin, ein Veteran auf dem Gebiet des linksliberalen Politik-Entertainments, lässt bitterböse Satire auf engagierten Antikriegsfilm treffen; dessen Aussage ist gleich einem Paradebeispiel für Zivilcourage und zivilen Ungehorsam und dafür, wie wichtig es wäre, von beidem mehr zu haben.

Sorkin erzählt anhand wahrer Begebenheiten von einem zerrissenen Land, in dem sich Links und Rechts zähnefletschend gegenüberstehen, Rassismus zum Alltag gehört und Gewalt in der Luft liegt. Das alles setzt er zum Mosaik einer Gesellschaft zusammen, die auch im Spiegel der historischen Ereignisse nicht zwangsläufig nur die amerikanische sein muss. Sorkin zeigt einen Staat, in dem die Staatsgewalt nicht länger vom Volke ausgeht, zeigt die Fragilität des Rechtswesens und der Justiz, zeigt, wie verwundbar Demokratie ist, wenn die Politik den Rechtsstaat unterwandert.

Sei’s, dass eine Regierung Razzien bei Behörden einschränkt, heißt: per Änderung der Strafprozessordnung die Beschlagnahmung von Unterlagen durch die Justiz nur noch im Ausnahmefall ermöglichen will. Sei’s, dass Politiker mit Hetzreden bei Demonstrationen scharf machen, die längst von der rechten Szene unterwandert sind, während die Polizei die linke-autonome einkesselt. Fünfzig Jahre Fortschritt und kein Unterschied …

„The Trial of the Chicago 7“ ist unterhaltsames und politisch engagiertes Ensemblekino am Puls der Zeit, mit einem prominenten Cast, der sich des ungeniert parteiischen Drehbuchs des Regisseurs mit Verve und aus Überzeugung annimmt. Am Ende verliest Eddie Redmayne als Tom Hayden die von Rennie Davies täglich aufgelisteten Namen der während der Prozessdauer gefallenen US-Soldaten. 4752 sind es. Ein Teil der Menschen im Gerichtssaal steht auf zu einer letzten Ehrenbezeugung, auch Richard Schultz, andere verlassen empört den Raum. Der Rest ist Geschichte …

www.netflix.com           Trailer: www.youtube.com/watch?v=02ecSUe8VMA

30. 3. 2021

Fawlty Towers: Der Britcom-Klassiker remastered

November 15, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das verrückte Hotel ist frisch renoviert

Die Hotelbelegschaft: John Cleese als Basil Fawlty, Connie Booth als freche Mitarbeiterin Polly und Andrew Sachs als spanischer Kellner Manuel. © BBC 1979 / polyband Medien GmbH

Wen im #Corona-Lockdown das Fernweh plagt, der kann ab morgen zumindest im verrücktesten Hotel der Welt einchecken. Denn erstmals erscheint „Fawlty Towers“, die komplette Serie, remastered und auf Blu-ray. Es war Mitte der 1970er-Jahre, als John Cleese und seine damalige Ehefrau Connie Booth den nunmehrigen Britcom-Klassiker entwickelten. Cleese spielt darin den cholerischen und misanthropischen Besitzer eines kleinen, mittelschwer maroden Hotels, Basil Fawlty, dessen Leben durch seine

ständig nörgelnde Gattin Sibyl, das klagende „Que?“ des spanischen Kellners Manuel, Wirtschaftskontrolleure, Erpressungsversuche oder tote Gäste gestört wird. Ergo lässt der hypernervöse, arrogante und sadistische Hotelmanager seinen Hass auf alles und jeden an allem und jedem aus, während er grandios an seinen Vorhaben scheitert, wofür er wiederum lautstark anderen die Schuld gibt – selbst Gegenständen wie seinem Auto. Eine Paraderolle für den ehemaligen Monty Phyton, mit der der spätere Kinostar in seiner neuen Rolle als Solist in mehr als 60 Ländern Kultstatus erreichte.

Neben John Cleese als Basil Fawlty bleibt Connie Booth als coole Kunststudentin und Teilzeitkellnerin in Erinnerung, die des Chefs Spötteleien, Cleese und Booth schrieben die Dialoge gemeinsam, mit Cleverness kommentiert: Basil: „Wofür bezahlen wir dich eigentlich?“ – Polly: „Dafür, dass ich’s hier aushalte.“ Prunella Scales ist als Basils Frau Sybil zu sehen, berühmt für ihre turmhohen Frisuren, ihr lautes meckernd-schlürfendes Lachen, das Basil in den Wahnsinn treiben kann, und ihre stundenlangen Telefonate mit der besten Freundin.

Andrew Sachs brilliert als spanischer Kellner Manuel. Er spricht nur gebrochen Englisch und versteht vor allem Redewendungen falsch, womit er in mehr als eine peinliche Situationen mit den Dauergästen Major Gowen und dem ältlichen Damenduo Miss Tibbs und Miss Gatsby gerät. Er ist eifrig bemüht, seine diesbezügliche  Kenntnisse und seine Kellnerfähigkeiten zu verbessern, scheitert aber an seiner ausgesprochenen Tollpatschigkeit. Mit seiner naiv-gutmütigen Art ist er Basils Attacken, der ihn als kompletten Idioten betrachtet, praktisch wehrlos ausgesetzt, was dieser selbstverständlich weidlich ausnutzt …

Die neue Ausgabe von „Fawlty Towers“ enthält neben den zwölf Folgen mehr als zweieinhalbstunden Bonusmaterial, darunter neue und noch nie im deutschsprachigen Raum veröffentliche Interviews mit Cast & Crew, etwa John Cleese, Prunella Scales und Andrew Sachs, Outtakes wie Einblicke ins „Torquay Tourist Office“,  die „Cheap Tatty Review“, die zum Auftakt der „Not The Nine O’Clock News“ gedreht wurde, und eine „Easter Egg“-Überraschung. Außer den erstmals zuschaltbaren deutschen und englischen Untertitel gibt es auch erstmals Audiokommentare von John Cleese zu allen Episoden.

John Cleese. © BBC 1979 / polyband Medien GmbH

Über die Serie: Während der Außenaufnahmen für eine Folge von „Monty Python’s Flying Cirus“ in Torquay im Mai 1971 war die Truppe im Gleneagles Hotel untergebracht, das von einem gewissen Donald Sinclair betrieben wurde, laut John Cleese „der unflätigste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen ist“. So mokierte sich der Hotelier über Terry Gilliams Tischsitten, der, jenen in den USA entsprechend, sein Essen erst kleinschnitt, um danach die Gabel in die rechte Hand zu nehmen, was Sinclair mit dem Ausspruch: „We don’t eat like this in this country!“ quittierte.

Eric Idle vergaß einmal seine Aktentasche im Foyer. Als er sie später suchte, erklärte ihm der Hausherr, er habe sie über die Gartenmauer geworfen, da er darin wegen jüngster Probleme mit seinen Mitarbeitern eine Bombe vermutet hätte. In Idles Tasche war ein tickender Wecker … Alle bis auf John Cleese und Connie Booth zogen bald in ein gastfreundlicheres Hotel um. Die beiden blieben, um den „garstigsten Hotelier der Welt“ zu studieren – die Idee zu „Fawlty Towers“ war geboren.

BBC/polyband: „Fawlty Towers“ – Die komplette Serie plus alle Extras. Erstmals remastered und auf Blu-ray. Mit neuem, bislang nicht veröffentlichtem Bonusmaterial aus Interviews, Audiokommentaren und Outtakes und mit Begleit-Booklet. Laufzeit ca. 360 Minuten plus 139 Bonus-Minuten. Sprache: Deutsch, Englisch, Untertitel: Deutsch, Englisch.

polyband.de

Top 10 Moments: www.youtube.com/watch?v=N1qAF8VAgVA&t=10s

Fawlty Towers Re Opened: www.youtube.com/watch?v=Mw-bLS_th_U

15. 11. 2020

National Theatre online: Frankenstein

Mai 3, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Benedict Cumberbatch brilliert als Monster wie Victor

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller spielen alternierend das Monster und dessen Schöpfer Victor Frankenstein. Bild: Clare Nicholson

Etwas wahrhaft Einmaliges bietet das Londoner National Theatre nun im kostenlosen Stream an: Mary Shelleys „Frankenstein“, für die Bühne adaptiert von Nick Dean, inszeniert vom als Filmemacher bekannten Danny Boyle – mit Superstar Benedict Cumberbatch und Boyles „Trainspotting“- Longtime-Companion Jonny Lee Miller in den Hauptrollen. Und dies alternierend! Zu sehen bis 8. Mai auf ntlive.nationaltheatre.org.uk.

Die Inszenierung ist mit einem Wort brillant. Boyle und Dean konzentrieren sich auf das Opfer der Wissenschaft, heißt: das „Monster“, erst nach mehr als der Hälfte der zweistündigen Spielzeit hat Victor Frankenstein seinen Auftritt, und entstanden ist so ein intensiver, intelligenter, von humanistischem Denken durchtränkter Abend. Eigentlich zwei, denn es lohnt, beide Versionen anzuschauen, da beide Darsteller doch differente Auffassungen der Schöpfung und ihres obsessiven Schöpfers verkörpern. Ihre Performances zu vergleichen, ist ein unvergleichliches Theatervergnügen.

Durch die schauspielerische Dopplung wird die Charakterspiegelung umso deutlicher, wird einer umso deutlicher des anderen Alter Ego, sehr heutig mutet diese Furcht vor dem Fremden und dem Unverständlichen an, auf das ergo Jagd gemacht werden muss, aber auch Mary Shelleys Aufbegehren gegen ungerechte sozial-gesellschaftliche Strukturen findet seinen modernen Widerhall. Wer jedoch, to cut a long story short, nur für eine Aufführung Zeit findet, sollte Miller als Kreatur und Cumberbatch als Victor wählen.

Das Setting, das Ausstatter Mark Tildesley und Lichtdesigner Bruno Poet, nomen est omen, entworfen haben, ist atemberaubend. Unterm rotglimmenden und elektrische Blitze aussendenden Sternenzelt wird unter Schmerzen die Kreatur geboren, als künstliche Gebärmutter steht eine riesige Hautmembran auf der blutig beleuchteten Bühne, darin pulst und bewegt es sich, bis es herausfällt – das Neugeborene, ecce homo, nackt und erbarmungswürdig, zappelnd wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Und der Schöpfer? Kein liebevoller Vater, sondern einer, der’s mit der Angst kriegt und seinen Schutzbefohlenen verstößt, direkt vor die Eisenbahn, auf deren dampfender Lokomotive Danny Boyles liebste Brit-Band Underworld, Karl Hyde und Rick Smith, nun angebraust kommt, als wär‘ das Industriezeitalter aller Laster Anfang. Mit „Dawn of Eden“ (www.youtube.com/watch?v=LLbbWlTgS4w) untermalt diese musikalisch, wie die Kreatur aufsteht, herumstolpert, sich an der Natur erfreut und ihr ausgeliefert ist, der eigenen wie Spatzenschwarm und Regenguss, verprügelt und halb verhungert, bis sie ein Buch findet, 〈Mary Shelleys?〉, und kichernd die Seiten rascheln lässt.

Miller wie Cumberbatch leisten körperliche Schwerstarbeit, die Performance aus sabberndem Grunzen und spastischen Gesten im Bildschirm-Closeup in ihren feinsten Nuancen zu würdigen, sehr symbolisch ist, was passiert – und in cineastischem Sinne sinnlich. Cumberbatchs Kreatur besitzt Humor wie Pathos: Sein Eintritt in die Welt ist ein hilfloses Hineinwackeln ins Land kindlicher Neugier; unter De Laceys Fittichen wird er zum Schüler – Karl Johnsohn auch als verarmter, vom Großbürger zum Altbauern gewordener Blinder ein King Lear.

Und wunderbar tragikomisch ist, wie der Lehrmeister seines Pflegesohns „Piss off! Bugger off!- denn etwas anderes hatte der zuvor nie gehört -Wortschatz erweitert. „Someone will love you, whoever you are. Love can overcome prejudice“, sagt De Lacey, der des Monsters Zurichtung freilich nur ertasten kann, und dieses erwidert erstaunt: „What is love?“ Da hat das Live-Publikum gut lachen, bei den Dialogen zwischen dem zaghaften Erkunder seiner Existenz und dem Philosophen, der weniger an Gott, denn an Verstand und Vernunft glaubt.

Benedict Cumberbatch und Haydon Downing. Bild: Catherine Ashmore

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Episch ist’s, wie Cumberbatch John Miltons „Paradise Lost“ rezitiert, und ergreifend, wie er die Friedhofserde als seinen Ursprungsort erkennt, entsetzlich, als er empört über seine neuerliche Vertreibung durch De Laceys Sohn Keusche samt Bewohnern niederbrennt. „I sweep to my revenge,“ diesen Satz schreit auch Jonny Lee Miller, doch seine Kreatur ist ungleich animalischer, auf eine gewisse Art männlicher, also gefährlicher, die Stimme rauer, tiefer, lauter, also aggressiver. Dass das Monster an Ella Smiths „Gretel‘s“ Schoß schnüffelt, hatte man bei Cumberbatch gar nicht bemerkt, auch nicht, dass es der Dirne den Schnaps aus der Hand nimmt, trinkt, spuckt.

Und auch die Tanzillusion von Andreea Paduraru als Female Creature wird durch Millers Reaktion zum eindeutig sexuell konnotierten Traum. Dazu passt nun neckisch De Laceys „Was it a good dream?“ – „It was pleasing!“, doch grauenhaft klar wird erst bei diesem zweiten Mal Sehen, dass Eva hier bereits ihr Ende andeutet. Wirkt Cumberbatch wie ein naiv Wissbegieriger, so Miller als ein verzweifelt Suchender, wo der eine schüchtern nachhakt, muss der andere vehement widersprechen. Mit Miller mutet die Inszenierung insgesamt gewalttätiger an, gegen Miller ist das Cumberbatch-Monster ein Elegiebürscherl, welch ein Paradebeispiel dafür, wie ein Protagonist das große Ganze prägt.

Wenn Millers Monster Frankensteins kleinen Bruder William auf seine Schultern hebt, bangt man in der Minute um dessen Leben. Bei Cumberbatch gehört die Schuld dafür, da ja zum Mord getrieben, letztlich Victor. Und als die Kreatur Victors Braut vergewaltigt, bevor sie sie tötet, ist es, als würde sie lediglich die dunklen, unterdrückten Wünsche ihres Schöpfers erfüllen. Jonny Lee Miller ist ein obsessiv-eisiger Wissenschaftler, der sein Werk vor die Liebe stellt, denn auch er kennt deren wahre Bedeutung nicht, sein Frankenstein ganz Herrenmensch, selbstgerecht und frauenverachtend, nur George Harris als sein Vater ist noch herrischer als er.

Nach der Panik in der Anfangssequenz platzt er nun vor Stolz auf sein großes Experiment, dies Ausdruck seines großen Geistes, und wird von Cumberbatchs Kreatur darob als „genius“ verspottet. Auf Millers überraschtes „It speaks!“ schleudert diese ihm ihre tiefe Verachtung entgegen – warum sie gemacht wurde? „To prove that I could!“ – „So you make sport with my life?“ – „In the cause of science!“ Und wieder Paradise Lost, und Cumberbatch sagt: „God was proud of Adam, but it’s Satan I sympathize with.“ Wie aus der natürlichen Veranlagung zum Guten durch gesellschaftliche Deformation Böses entsteht, wow! Nick Dean!

Der in der Figur von Frankensteins Dauerverlobter Elizabeth auch Mary Shelleys feministischer Kritik an der männlichen Usurpation des Gottesbegriffs zu ihrem Recht verhilft. Millers Frankenstein, der Egomane mit dem Gottkomplex, wird also in dieser Auseinandersetzung dank des Monsters Logik an die Wand argumentiert, die Szene das Herzstück der Aufführung, da begegnen sich zwei Ebenbürtige auf Augenhöhe, sowohl was die Charaktere als auch deren Darsteller betrifft. Und über allem steht Danny Boyles Frage zu Deans von Glaubensfragen durchzogenem Text – nämlich, wer das Monster ist, wer abstoßend, wer ekelerregend.

Beider Hybris ist herausragend, was Wunder, dass sie einen Pakt schließen, was Wunder, dass einer des anderen darling – und beide Male ist sie Frankensteins Braut – killen wird. Mary Shelleys zweiten Romantitel „The Modern Prometheus“ bedient Cumberbatch, indem er aus diesem eine Lord-Byron’sche Figur macht. Sein Frankenstein ist ein nobleman mit jungenhaftem Charme, gleichzeitig ein in sich und seine wissenschaftlichen Theorien versponnener Forscher, subtiler im Gift und Galle Spucken, enthusiasmiert und hibbelig, sobald das neue Projekt der Leichenteil-Braut ansteht.

Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Karl Johnson und Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Underworld mit Ensemble. Bild: Catherine Ashmore

In beiden Rollen verhalten sich die Proportionen Millers zu Cumberbatchs wie eine archaische Religion zur reformierten Kirche, ist Millers Monster verstörender und einen emotional angreifender, so Cumberbatchs Frankenstein ein Künstler. Schock und Spaß sitzen nun an anderer Stelle, die Schlüsselszene ist jetzt die Präsentation der weiblichen Kreatur, ob der der grüblerische Schöpfergott und sein entfesselter Satan rasch zu Rivalen im Wettstreit ums ewige Weib werden.

Der Januskopf im Auge-um-Auge-Kampf, da hat auch Cumberbatchs „Mein Herz schlägt wie deines“-Griff an Elizabeths Busen nichts Harmloses mehr, weil sich Miller danach in den Schritt greift. The Erbsünde-apple is eaten, um’s Denglisch zu formulieren, he will harm her, und fabelhaft ist, wie sich die Mit- auf vier verschiedene Hauptakteure eingelassen haben. Allen voran Naomie Harris als Elizabeth, die dem Monster als gute Christin mit Mitgefühl begegnet und dafür dessen Rechnung mit Frankenstein bezahlt, ihre Schändung zweifellos der affektive Höhepunkt in deren Ringen, sein zu wollen, wer man ist und wer einen daran hindert.

Harris verleiht Elizabeth große Tiefe und harmoniert mit Miller wie Cumberbatch hervorragend, keineswegs unterwürfig konfrontiert sie ihren Endlich!-Ehemann mit der Klage, warum er ein künstliches Kind, statt eines so sehnlich gewünschten mit ihr erschaffen hat, eine Szene voll aufgestauten Leids und Leidenschaften. Den düsteren leeren Raum mit seiner ahnungsvollen Atmosphäre durchbricht Boyle mit kleinen skurrilen Momenten, wie’s nur die Briten können.

Mark Armstrong als Rab und John Stahl als dessen Onkel Ewan sind kauzige Grabräuber, die beim Buddeln unbeschwert in originellem Orcadian-Dialekt schwatzen, darin Hamlets Totengräbern nicht unähnlich, ebenso wie Ella Smith sowohl als des Monsters Prostituierte Gretel als auch als Frankensteins Bedienstete Clarice eine Falstaff-Frau ist. Hayden Downing ist als William Typ wohlerzogener Spitzbub.

Fazit: Cumberbatch und Miller brillieren in allen Facetten von Wahnsinn, ist des ersteren Kreatur ein sensibler Intellektueller, überzeugt Miller mit Gefühl und Furor. Kann Cumberbatch auch das lächerlich Selbstverliebte in Frankenstein zum Vorschein bringen, so Miller dessen irritierende Skrupellosigkeit. Der Rollentausch hebt die Ironie des Gezeigten hervor, wie schnell sich in der Welt doch der Platz von Herr und Sklave drehen, und am Ende … bleiben beide für immer Verbundene. Hier im ewigen Eis. Eine Warnung für zartbesaitete Gemüter: Bei der Brautkammerszene wäre ich vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Und das zweimal, nein!, eigentlich: viermal.

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch als Monster, bis 7. Mai: www.youtube.com/watch?v=tl8jxNrtceQ&feature=youtu.be

Cumberbatch als Victor Frankenstein, bis 8. Mai: www.youtube.com/watch?v=dI88grIRAnY&feature=youtu.be

www.nationaltheatre.org.uk           ntlive.nationaltheatre.org.uk

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DmkQHV8e4Rk          www.youtube.com/watch?v=XKNNZKAu12g            www.youtube.com/watch?v=9NPlf4CEExU           www.youtube.com/watch?v=psAtbHDdaOU&t=23s

Benedict Cumberbatch, Jonny Lee Miller, Danny Boyle und Nick Dear im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=wanlO8fb1co           www.youtube.com/watch?v=E67Ty4diDgE           www.youtube.com/watch?v=8yUMbxSTWqg

3.5. 2020

Rund um die Burg 2020: Das Literaturfestival geht online

April 30, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Stars wie T. C. Boyle und Stewart O’Nan lesen live

T. C. Boyle, © echo medienhaus

Das #Corona-Virus und seine bekannten Auswirkungen hat auch vor dem traditionsreichen Literaturfestival „Rund um die Burg“ nicht Halt gemacht. Dennoch findet das Lesefest auch dieses Jahr statt – und zwar online. Mit wie gehabt zahlreichen nationalen und internationalen Stars der Literaturszene geht der 24-Stunden-Lesemarathon heuer am 8. Mai eben über die virtuelle Bühne.

Nicht weniger als 45 Autoren – und damit mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren – lesen ab 10 Uhr auf rundumdieburg.at aus ihren Werken. Und das nicht nur am Veranstaltungstag: Alle Beiträge können auch danach noch gestreamt werden.

Mit dabei sind Superstars wie T. C. Boyle, dessen Zuschaltung aus Santa Barbara, Kalifornien, um Mitternacht Ortszeit läuft, Rafik Schami mit „Vom Überlisten“ um 11 Uhr, Stewart O’Nan, dessen Lesung aus Pittsburgh aus „Henry Himself“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37172) ab 13.20 Uhr läuft, Hilary Mantel aus dem Süden Englands, die ab 16 Uhr den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie „The Mirror and the Light“ vorstellt (Rezension Band I „Wölfe“: www.mottingers-meinung.at/?p=153, Rezension Band II „Falken“: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), John Stralecky, der um 20 Uhr aus seinem Bestseller „Auszeit im Café am Ende der Welt“ liest, und Raoul Schrott um 0.40 Uhr mit „Eine Geschichte des Windes“.

Monika Helfer, © echo medienhaus

Rafik Schami, © echo medienhaus

Stewart O´Nan, © echo medienhaus

Eröffnet wird mit Fernseh-Legende Hugo Portisch, der ab 10 Uhr in seiner Wohnung aus seiner Autobiographie „Aufregend war es immer“ vorträgt. Michael Köhlmeier erzählt zuhause in Hohenems ab 21 Uhr seine beliebten Märchen (Rezension „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“: www.mottingers-meinung.at/?p=30974) und spätnachts ab 0.20 Uhr liest Monika Helfer, deren Roman „Oskar und Lilli“ von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt wurde und eigentlich bereits im Kino sein sollte www.einbisschenbleibenwirnoch.at, aus ihrem jüngsten Werk „Die Bagage“.

Lesen werden außerdem Georg Biron, Erika Pluhar, „Superheldin“ Lisz Hirn, Stefan Slupetzky aus „Bummabunga“, Steirerkrimi-Autorin Claudia Rossbacher, Tex Rubinowitz www.mottingers-meinung.at/?p=33292, Gerhard Nechyba Liobelsberger aus „Alles Geld der Welt“, Eva Rossmann, Joesi Prokopetz, ORF-Wetter-Moderatorin Eser Akaba aus „Sie sprechen ja Deutsch!“, Chris Lohner sowie the one and only Erich Schleyer.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=l2Y0Z0uSnpg           rundumdieburg.at

30. 4. 2020

Hilary Mantel, © echo medienhaus

Raoul Schrott, © echo medienhaus

Michael Köhlmeyer, © echo medienhaus

John Strelecky, © echo medienhaus