Theater Drachengasse: Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore

Oktober 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Disney-Magie, weder Mops noch Waschbär

Schauspielerin Nancy will sich von Theaterdirektorin Mensah-Offei in keine Schublade stecken lassen. Bild: © Barbara Pálffy

Als „professionelle Suderantin“ bezeichnet sie sich, dies kein Bonmot, kein Scherz, sondern ein Aufbegehren gegen ein von Männern verpasstes Image. John Smith, John Barth, Neil Young, Walt Disney … Mehr als zehn Orte in den USA und Kanada sind nach ihr benannt, ein Steinkohlevorkommen, ein Luxuszug, fünf Schiffe der US-Navy. Der George-Bush-Clan, Nancy Reagan, Polarforscher Richard Byrd, Mode-Ikone Pauline de Rothschild zählen sich via Verwandtschaft mit ihr zu den First Families of Virginia. Im Kuppelraum des Washingtoner Kapitols ist auf dem Wandgemälde von John Gadsby Chapman ihre Taufe nachempfunden.

Von 1891 bis 1896 schaffte sie es, abgebildet in der Hoftracht nach dem 1616er-Kupferstich von Simon van de Passe, sogar auf die Zwanzig-Dollar-Note, nach Martha Washington als zweite Frau überhaupt auf einen US-Geldschein – und bis dato als letzte. Statt ihres Porträts prangt nun das Konterfei von Andrew Jackson auf dem $, statt der Indianerprinzessin ein Indianerschlächter, unter dessen Präsidentschaft der Indian Removal Act, ein Ausweisungs- und Umsiedlungsgesetz zur Vertreibung der Native Americans von ihrem Land, erlassen wurde.

Dass ihm 2020 die schwarze Sklaverei-Bekämpferin Harriet Tubman, die über die Underground Railroad (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27113) abertausende Leben rettete, folgen sollte, weiß Donald Trump – noch – zu verhindern. „Suderantin“, sagt also Schauspielerin Nancy Mensah-Offei. In „Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore“, einer Koproduktion von 3000THEATER und dem Theater Drachengasse, verwandelt sie sich ebendort in die auch Amonute genannte Matoaka, Lieblingstochter des Powhatan Wahunsonacock von den Virginia-Algonkin. Der von Effe U Knust verfasste, von Anna Laner auf der Bar&Co-Bühne zur Uraufführung gebrachte Monolog setzt selbstverständlich nicht auf Niedlichkeiten wie Mops und Waschbär. Komplett ohne Disney-Magie gibt es nun Tatsachen und Medisancen, das heißt: erstere oh ja, zweitere oha!

Jedenfalls verspricht Mensah-Offei bereits aus dem Off die vollkommene Wahrheit – als Beiwerk zu großer Show und Signature Cocktails, und entlarvt gleich einmal die Captain-John-Smith-Story als G’schichtl. Dessen durch nichts bewiesene, dennoch in die Annalen eingegangene Angabe, Pocahontas hätte sich schützend vor ihn geworfen, als ihr Vater ihn an den Marterpfahl band, weshalb es nicht zum Foltertod, sondern zwischen der erst zehnjährigen Savage und dem Jamestown-Mitbegründer und späteren Käufer der ersten schwarzen Sklaven zu einer Amour fou kam. Welch sagenhafte Legende. Der Otis Blackwell die vorletzte Strophe seines Songs „Fever“ widmete. Den Nancy Mensah-Offei als exzellente Entertainerin und superbe Komödiantin ohne Scheu vor Overacting ins Mikrofon haucht.

Christianisiert, zivilisiert, assimiliert: Aus Pocahontas wird die Tabakpflanzersgattin Rebecca Rolfe. Bild: © Barbara Pálffy

Im Jenseits beklagt Ehemann John Rolfe seine unwichtige Rolle im Pocahontas-Mythos. Bild: © Barbara Pálffy

Die historische Pocahontas, ihr Spitzname steht für „die Verspielte“, wurde 1613 von den Kolonialherren verschleppt, konvertiert und auf den biblischen Namen Rebecca getauft. Als solche heiratete sie mit mutmaßlich 19 Jahren den Tabakpflanzer John Rolfe. Zwölf Monate später wurde Sohn Thomas Rolfe geboren. 1616 berief sie James I. als Botschafterin ihres königlichen Vaters an seinen Hof – wo der „gewöhnliche“, weil nicht blaublütige John Rolfe nicht willkommen war. Pocahontas aka Rebecca verstarb kurz vor Antritt der Rückreise je nach Quelle an Lungenentzündung, Tuberkulose, Typhus oder Pocken.

Sie wurde am 21. März 1617 in der St. George’s Church in Gravesend begraben. Aus all dem hat Autorin Effe U Knust einen kunstvollen Textteppich gewoben, sprachverspielt, geistreich, wortdreherisch, dabei stets dem wirklich Stattgefundenen verpflichtet, und der weiblichen Sicht auf die Ereignisse. Amüsant ist das, wenn Mensah-Offei als längst verschiedener John Rolfe – inklusive leuchtendem Heiligenschein, glaubte er doch die Seele der Wilden Pocahontas per Ehe- schließung zu retten – beklagt, dass ihm John Smith punkto Berühmtheit weit überrundet hat.

„Harte Arbeit“, seufzt der Leichnam, „dafür interessiert sich Disney nicht.“ Dabei – und nun Kloß im Hals – sei er es gewesen, der Land wie Frau „genommen“, Land und Frau fruchtbar gemacht hätte, beide davor unberührt, bis der Eindringling eindrang. Knust spielt bei ihrer „Repräsentationsrevue“ mit den Begriffen Virgin/Virginia, Laner lässt ihre Protagonistin die Neue Welt zur gigantischen Kaugummiblase aufpusten. Steht Christianisierung an, benebelt Mensah-Offei das Publikum mittels dampfendem Weihrauchgefäß. Losgelöst von allen stereotypen Perspektiven erzählt Pocahontas Witze: „Treffen sich eine Raucherin, eine Trafikantin und eine Nichtraucherin …“, und zielt mit einer Bemerkung über Nikotin-Junkies als eine Art Antifa im Freiheitskampf für ihre Sucht treffsicher auf gegenwärtige Reibereien.

Kriegsbeil gegen Friedenspfeife, sozusagen, und John Rolfe brüstet sich damit, dass der lukrative Tabakhandel die Sklavenwirtschaft erfunden hätte – „Geh‘ scheißen, Baumwolle!“ Nancy Mensah-Offei, geboren in Ghana, das westafrikanische Land 1874 von den Briten zur Kronkolonie erklärt, und dessen Bevölkerung ergo dem selben Empire ausgeliefert wie Pocahontas, turnt vom amerikanischen Gründungsmythos (siehe: nur Gründerväter, niemals -mütter) zur „Mankind“-Massenvergewaltigung zur Mondlandung 1969, der Landnahme eines Himmels-Körpers. „Steckt in diesem Loch schon eine Fahne?“, fragt sie unzweideutig, und baut die Bühne mit einem Abschlagnetz zur Driving Range um.

Beim Upper-Class-Sport kann Pocahontas schließlich bestens übers „depperte Patriarchat“ lästern. Eine Meta-Decke haben Knust, Laner und Mensah-Offei außerdem eingezogen. Die Schauspielerin – im von Elke Auer gestalteten Video – möchte nämlich Dramatikerin und Theaterdirektorin, beide weiß, beide Mensah-Offei live, zwecks anfangs angekündigtem Comeback von ihrer Vielschichtigkeit überzeugen. Sie hat genug von den Schubladen, in denen sie verstaut wird, und demonstriert das ganze Spektrum ihres Könnens. Vergebens. Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft bestimmen nach wie vor den Status einer Person. „Rasse“ macht den Menschen. Und weit und breit kein „Weißer Rauch“ in Sicht.

www.drachengasse.at

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 10. 2019

Volksoper: Cabaret

September 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der ersten bis zur letzten Minute WOW!

Willkommen, Bienvenue, Welcome: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ hieß es gestern zum Saisonauftakt an der Volksoper. Zum ersten Mal zeigt das Haus das Musical „Cabaret“ von Komponist John Kander, Librettist Joe Masteroff und Liedtexter Fred Ebb, inszeniert von Gil Mehmert und mit Lorenz C. Aichner am Pult, und mit der Wirkung: von der ersten bis zur letzten Minute WOW! Es wird wenige geben, die bei dieser frivol-frechen Hommage ans Berlin der Goldenen Zwanziger nicht an Liza Minnelli in Bob Fosses 1972er-Film denken.

An der Volksoper singt und spielt Bettina Mönch die Sally Bowles, und begeistert mit einem Timbre und einem Temperament, die dem US-Superstar alle Ehre machen. Mit ihr brilliert Ruth Brauer-Kvam als androgyner Conférencier und BesitzerIn des Kit Kat Clubs. Erst im Juni sprach John Kander im Interview mit der Welt über ein „Cabaret“-Comeback, da ja Nationalismus, Populismus und Rassismus gerade Revival feiern. Gil Mehmert hat diesen Sager mit seiner Arbeit bereits vorweggenommen, verliert er doch in dieser keinen Moment die politische Dringlichkeit des Stücks aus den Augen. Die Volksopernfassung, teils in deutscher, teils in englischer Sprache, beinhaltet zu den Bühnensongs die drei für die Verfilmung geschriebenen Evergreens „Money“, „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ – und so konnte Mehmert beispielsweise für „Money“ eine an Georg Grosz‘ Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ erinnernde Figur erfinden, einen Banker mit Goldgehirn und Tresorbauch.

Ich hatte eine Freundin namens Elsie: Bettina Mönch als Sally Bowles mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maybe This Time: Bettina Mönch als Sally Bowles und Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auch die anderen Nummern im Kit Kat Club sind um diese gesellschaftliche Brisanz angereichert: Zu „Two Ladies“, ursprünglich ein schamloses Bekenntnis zur Ménage-à-trois, tanzt der Conférencier, angetan als „Führer“, mit einem deformiert-maskierten Mussolini und einem Stalin einen teuflischen Dreier. Das dem deutschen Kunstlied nachempfundene „Der morgige Tag ist mein“ intonieren erst ein urgermanischer Männerchor, dazu Fackelzug und eine HJ mit ihren Trommeln, bevor es das von Johanna Arrouas hinreißend biestig dargestellte Fräulein Kost als ihren neuen Gesinnungsgesang übernimmt.

Dass ausgerechnet das aufsässige Matrosenliebchen, das in Fräulein Schneiders Pension die Seemänner im Stundentakt aufmarschieren lässt, und der Obskurant Ernst Ludwig, Peter Lesiak gestaltet den Unsympath vom Nadelstreifanzug zum Braunhemd, vom illegalen Parteigänger zum SA-Mann, schlussendlich „an die Macht“ kommen, dient Mehmert zusätzlich als Metapher für aktuell Rechtsrückende in ihren aberwitzigsten Ausprägungen. Für all das hat Heike Meixner eine monumentale Drehbühne samt Showtreppe und riesiger Klaviatur entworfen.

Dies die Hälfte auf der Mönchs Sally Bowles als lasterhaft leicht geschürzte Nachtclubsängerin durchs Zwielicht der Bühne wirbelt – Kostüme: Falk Bauer, Choreografie: Melissa King –, während sich auf der anderen die Schneider’sche Pension, vier bieder eingerichtete Zimmer, befindet. Eine Welt wird, wie sie’s auch musikalisch tut, spiegeln sich doch die Pensions-Balladen im Kit-Kat-Uptempo-Jazz, so zur Kehrseite der anderen, Bohème und Hausbacken in trauter Eintracht im Makrokosmos der Stadt, deren Name in Leuchtbuchstaben über allem steht. Es ist Ruth Brauer-Kvams Conférencier, der die beiden Milieus verbindet, er laut Mehmerts Interpretation ein Narr, der wie eine lichttaumelnde Motte durchs seinesgleichen bald verbrennende Geschehen flirrt, wobei den nosferatanischen Glatzkopf wie jeden Faxenmacher die Gabe der Weitsicht plagt, mittels der er lang vor den übrigen den Millionentod am sich verdunklenden Horizont dräuen sieht.

I Don’t Care Much: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Two Ladies: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dass Bettina Mönch und Ruth Brauer-Kvam vom Publikum mit Riesenjubel bedankt wurden, bevor’s am Ende sogar Standing Ovations gab, versteht sich, doch stehen die weiteren Solistinnen und Solisten, die Kit Kat Girls und Boys, unterstützt vom Volksopernorchester, das Dirigent Lorenz C. Aichner mit Verve durch die revueartigen Nummern aus Ragtime, Swing und Big-Band-Sound führt, den beiden in nichts nach. Und so überzeugt Hausdebütant Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw mit angenehmer Stimme und viel Spiellust, sich vom homosexuelle Erfahrungen gemacht habenden Schriftsteller, ein Alter Ego von Autor Christopher Isherwood, auf dessen „Berlin-Stories“ das Musical basiert, zum Sally-Lover zu entwickeln.

Womit er die – von Anfang an zum Scheitern verurteilte – selbstauferlegte Aufgabe übernimmt, der exaltiert-erotischen Realitätsverweigerin die Augen über den Zustand der Weimarer Republik zu öffnen. Sein Schlager „Wer will schon wach sein?“ markiert denn auch den Schlusspunkt der Aufführung. Dem verrückt verliebten Paar Sally und Cliff stehen mit sozusagen selbem Leitmotiv die gutbürgerlichen Fräulein Schneider und Herr Schultz gegenüber, die Pensionswirtin und der Obsthändler, die in Mehmerts Regie einen wichtigen Platz einnehmen, ans Herz rührend verkörpert von Dagmar Hellberg, die mit „Berliner Schnauze“ und einer gehörigen Portion Resoltsein ihre Gutmütigkeit zu verbergen versucht, und einem Süßholz raspelnden Robert Meyer, der zu den Klezmer-Anklängen von Herrn Schultzens großem Song „Mieskeit“ sogar eine „Solo-Hora“ wagt.

Und dann steht man da, sagt beseligt Ja: Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider und Robert Meyer als Herr Schultz, rechts oben: Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der morgige Tag ist mein: Johanna Arrouas als Fräulein Kost und Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies beim Verlobungsfest der beiden in ihrer späten Liebe Schwelgenden, von denen er Jude ist, was eingangs kurz erwähnt wird, wo’s noch keine Rolle spielt, und wo Schulz‘ Aber-was?-Motto noch lautet: „Das geht vorbei. Regierungen kommen und gehen“. Doch so, wie überall mehr und mehr Hakenkreuzbinden und Totenkopfabzeichen aufblitzen, der aufkeimende Nationalsozialismus stärker und stärker das ausschweifende Nachtleben unterminiert, so fliegt der erste Pflasterschein durchs Schaufenster von Schultz‘ Obstgeschäft, so flieht Fräulein Schneider in das ihr sicher scheinende Deutschtum

Sie ist der Charakter, an dem sich verdeutlicht, wie schnell Gesinnung von rechts in der Mitte der Menschen ankommen kann. Herr Schultz wird indessen bei seiner Flucht ins Ausland, denunziert von Fräulein Kost, aufgegriffen und abgeführt, und Berlin verabschiedet sich für „1000 Jahre“ von seiner Weltoffenheit … „Cabaret“ an der Volksoper kann einfach alles. Gil Mehmert versteht es, die Atmosphäre des Abends von sinnlich, lustvoll, verrucht in Angst und Schrecken kippen zu lassen. Und Ensemble wie Orchester sind meisterlich darin, diese Stimmungen in den Zuschauerraum zu tragen. „I Don’t Care Much“ singt der Conféren- cier noch. Doch genau das gilt es jetzt zu tun …

www.volksoper.at

  1. 9. 2019

The Sisters Brothers

März 13, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der amerikanische Goldrausch als Kapitalismuskritik

The Sisters Brothers: Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly) suchen ihren nächsten Hinzurichtenden. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Nun also ist entdeckt, was die Männer des Westens taten, während sie wochenlang durch die Weiten der Prärie ritten. Sie führten hochphilosophische Gespräche zu Pferd. Zumindest machen das Charlie und Eli Sisters so im Film „The Sisters Brothers“, der am Freitag in die Kinos kommt. Der französische Regisseur Jacques Audiard legt mit seiner Leinwandadaption des zynischen Romans von Patrick deWitt ein Meisterwerk vor, das es versteht, ein Genre bis ins kleinste Detail zu bedienen.

Und gleichzeitig auszuhebeln. Man mag Audiards Blick auf die Welt der Goldschürfer und Kopfgeldjäger, auf deren Schießereien, Saufgelage und Bordellbesuche, einen europäischen nennen, gab’s doch sowohl bei den Césars als auch in Venedig die Auszeichnung für die beste Regie. In den USA indes waren „The Sisters Brothers“ kein Box Office Hit – trotz der Starbesetzung Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, John C. Reilly, Riz Ahmed und Rutger Hauer. Die Zeit ist 1851, der Ritt geht von Oregon nach Kalifornien, und auch an die Final Frontier klopft allmählich hartnäckig die Moderne.

Schon die erste Szene macht die Figuren klar, Charlie und Eli Sisters lassen einem Grüppchen von ihnen Verfolgter die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, in diesem Gefecht werden keine Gefangenen gemacht, denn die Brüder sind Killer im Auftrag eines ominösen Commodore – Rutger Hauer, der nicht immer kurz und mitunter auch schmerzhaft beseitigen lässt, wer ihm im Weg steht. Das ist bei Charlies und Elis nächstem Job der Chemiker Hermann Kermit Warm, der ein Verfahren entwickelt hat, eine schwer ätzende Flüssigkeit, die das Erkennen von Gold im Wasser erleichtert, und die der Commodore natürlich in die Finger kriegen will.

Jake Gyllenhaal als sinnsuchender, melancholischer Detektiv John Morris. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Großartig grindige Westernstadt: Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) reitet in Mayfield ein. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Deshalb hat er bereits den Detektiv John Morris auf dessen Fährte gesetzt, er soll Warm aufspüren, damit die Sisters dann die Formel aus ihm herausfoltern können. Morris und Warm werden jedoch Freunde und Geschäftspartner und setzen sich ab. Charlie und Eli nehmen die Verfolgung auf und verstricken sich auf ihrem Weg in immer blutigere, aber auch skurrilere Händel. Wobei anzumerken ist, dass deWitts Buch um einiges brutaler ist als die Filmbilder, die einem sowohl eine traumatisierende Zahnzieh-Szene als auch den qualvollen Tod eines von einem Bären schwerverletzten Pferdes ersparen.

Bei Audiard darf es eher beiläufig sterben, weitere Schrecken finden in der Ferne, im Halbdunkel oder ganz außerhalb der Leinwand statt. Sehr unamerikanisch für diese uramerikanische Kunstform. Joaquin Phoenix spielt Charlie, John C. Reilly Eli Sisters, beide Outlaws schon etwas angegraut und daher auf der Sinnsuche nach einer Existenz ohne den rauchenden Colts. Für Audiard die perfekte Vorlage, um seine motivgetreue Erzählung mit einer Hinterfragung gängiger Männlichkeitsklischees zu unterfüttern. Was ihm mit einem gewissen Augenzwinkern ausgezeichnet gelingt.

Ist der Aufbruch hartgesottener Machos Richtung ihrer femininen Seite doch schon im Titel festgelegt. Während sich derart der sensible und grüblerische Eli immer mehr nach einem gewaltfreien Leben sehnt, ergibt sich Charlie allzu oft dem Suff und stürzt sich darob in Raufereien. Wie Phoenix den besoffenen, unberechenbaren Psycho gibt, ist freilich eine Glanzleistung, übertroffen allerdings von der Reillys – der es übrigens auch war, der das Projekt gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Produzentin Alison Dickey, angestoßen hat. In einer anrührenden Szene bittet er eine Prostituierte um ein Rollenspiel mit Damenschal, wovor sich das Mädchen erst fürchtet, bevor sie erkennt, wie seelisch angeschlagen das starke Geschlecht, das da vor ihr – naja – steht, ist.

Eli ist es auch, der dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist. „Musstest du dieses Gespräch jetzt so ins Banale ziehen?“, fragt er einmal den Bruder. Dann wieder startet er einen ersten Versuch mit Holzzahnbürste und Zahnputzpulver, allein, wie er das mysteriöse Instrument im Gemischtwarenladen entdeckt und bestaunt, spielt Reilly komödiantisch großartig, auch, wie er die mit Zeichnungen versehenen Instruktionen zum Gebrauch studiert. Später begeistert er sich im Sündenbabel San Francisco über ein Wasserklosett – „ein bisschen Komfort in unsicheren Zeiten“, stellt er dazu fest. Und während sich als Settings von Schlamm verschmutzte Städte, eigentlich Ansammlungen enger Bretterbuden, und einer wuchtigen, wilden Landschaft abwechseln, sieht man in einem Albtraum Elis den sadistischen Vater, dem schließlich Charlie den Garaus machte. Revolverhelden mit grauenhafter Kindheit also.

Shootout Showdown: John Morris (Jake Gyllenhaal), die Sisters Brothers (Joaquin Phoenix und John C. Reilly) und Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Dieser gebeutelten Familienbande stellt Audiard ein nicht minder als krisenhaft gezeigtes Paar gegenüber: Jake Gyllenhaal als melancholischer Schöngeist John Morris, auch er ein Sinnierer übers Dasein an sich und seines im Besonderen, der sich mit dem eigentlich auszuliefernden Hermann Kermit Warm in Diskussionen über die ideale Gesellschaft begibt. Will Warm doch mit dem zu erwartenden Gewinn eine basisdemokratische Enklave in Texas finanzieren.

Der britische Schauspieler Riz Ahmed, dessen Eltern aus Karatschi nach Großbritannien gekommen sind, verkörpert Warm, der „Fremde“ im Wortsinn ein warmherziger Mensch, dessen Vorstellungen eines sozialistisch geprägten Landes staunen machen. Eine sehr zeitgemäße Kapitalismuskritik, die Audiard noch verstärkt, als die Sisters Brothers am Claim von Warm und Morris eintreffen, und Charlie, von der Gier übermannt, die finale Katastrophe auslöst …

Jacques Audiards Charakterdrama mit komischen Einsprengseln (an dieser Stelle sei noch Rebecca Root als mörderische(r) Mogul in dem nach ihm/ihr benannten Kaff Mayfield erwähnt) und wunderbarem Dialogwitz ist das Beste, das dem Western seit Langem passiert ist. Hervorragend inszeniert und gespielt, in den ausgestellten Themen nahe am Heute. Dass es ausgerechnet der Utopist, der politische Visionär mit den gepflegten Umgangsformen ist, der mit seinem Beitrag zum Goldrausch das Gute will und dabei das Böse schafft, gibt einem zu denken. Der idealistische Vertreter eines Demokratieverständnisses, Gegner von im übertragenen Sinne Globalisierung und Konzerntyrannei, muss anno 2019 naturgemäß scheitern.

www.wildbunch-germany.de/movie/the-sisters-brothers

  1. 3. 2019

Bohemian Rhapsody

Oktober 30, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und kein Brandstifter

Rami Malek als Freddie Mercury. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

„Das Einzige, das noch außergewöhnlicher ist als ihre Musik, ist seine Geschichte“, verheißt der deutschsprachige Trailer in großen Lettern. Allein, so stellt es sich nicht dar. Weder über Queen noch deren genialen Frontmann Freddie Mercury erfährt man in Bryan Singers Biopic „Bohemian Rhapsody“ Tiefergehendes bis tief Ergreifendes. Um dies hier nicht falsch zu verstehen, das ist kein Ruf nach Voyeurismus.

Aber der morgen in den Kinos anlaufende Film verhält sich zur Band- und Mercurys persönlicher Geschichte so beiläufig, als würde man gelangweilt seine alte Plattenkiste durchblättern. Rami Maleks sublime Performance als Freddie Mercury und der wie am Schnürchen abgespulte Greatest-Hits-Soundtrack können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch, erst von Peter Morgan, dann übernahm Anthony McCarten, zu handzahm ist. Ein Umstand, der übrigens, glaubt man Branchenblättern, sowohl Singer – auch er knapp vor Drehschluss ausgetauscht und durch Dexter Fletcher ersetzt – als auch dem erstgenannten Freddie-Darsteller Sacha Baron Cohen sauer aufstieß. Aber die Masterminds Brian May und Roger Taylor wollten offenbar was Familienfreundliches, Altersfreigabe ist jetzt ab sechs, und das haben sie bekommen. Die Bandmitglieder kommen rüber wie Oberbuchhalter, alles Biedermänner, keine musikalischen Brandstifter. Hoffentlich ist ein Rockstar-Leben nie so unglamourös fade, wie’s in „Bohemian Rhapsody“ ausschaut.

Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Bryan May. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Rami Malek als Freddie Mercury, Gwilym Lee als Bryan May und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Am Unverzeihlichsten ist, dass der Film so ambivalent mit der Darstellung von Mercurys sexueller Zerrissenheit umgeht, aus der wohl sowohl seine Einsamkeit als auch seine Exaltiertheit resultierten. Zwar hat sich der Sänger nie offiziell zu seiner Bisexualität bekannt, und das war auch nicht notwendigerweise laut auszusprechen, hat er doch weder in Songtexten noch in der Art seiner Auftritte je ein Geheimnis darum gemacht.

Doch Mercurys Familiengeschichte und Vaterkonflikt, seinen barocken Partys und seinem Hereinfallen auf falsche Freunde, seinem Liebeskummer und den deshalb oft handfesten Streitereien, seiner Flamboyanz und Exzentrik, wird weniger Raum gegeben als seiner Hingabe für seine Katzen. May und Taylor wollten es sichtlich geschönt, geglättet, auch historisch hin und wieder feingeschliffen – et voilà.

Montreux fehlt ganz, auch David Bowie oder Montserrat Caballé, die München-Episode gibt‘s kurz und ohne Barbara Valentin, und als Mercury seine Band-Familie über seine HIV-Diagnose informiert, und eine Welt in sich zusammenbricht, steht das Drehbuch dieser Tragik so hilflos gegenüber, als hätte es „The Show Must Go On“ nie gegeben.

Das legendäre Band-Aid-Konzert 1985 im Wembley-Stadion, Beginn- und Schlusspunkt des Films, wirkt seltsam kleiner als das Original. Gute Momente immerhin hat „Bohemian Rhapsody“. Einen im rohen Look britischer Sozialdramen, als ein selbstbewusster Farrokh Bulsara mit seinem improvisierten Vorsingen auf einem Autoparkplatz May und Taylor von seinen Qualitäten überzeugt. Eine eskalierende Pressekonferenz, auf der die Journalisten nur an „faggoty Freddie“ interessiert sind, May jedoch über Musik reden will. Einmal, als im Studio gezeigt wird, wie May, einen Fußballfansong im Ohr, auf das Stampf-Stampf-Klatsch von „We Will Rock You“ kam. Und natürlich die Aufnahme von „Bohemian Rhapsody“, die Ben Hardy als Roger Taylor ein immer höheres „Galileo“ abverlangt. Wiewohl er nicht so hübsch ist, wie das Original einst war, leistet Hardy ganze Arbeit.

Queens legendäre Live Aid-Performance: Gwilym Lee als Brian May, Ben Hardy als Roger Taylor, Rami Malek als Freddie Mercury und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Ebenso wie, bereits erwähnt, Rami Malek in seiner Anverwandlung des charmantesten Überbisses der Rockgeschichte auf ganzer Linie überzeugt. Joseph Mazzello ist ein glaubwürdiger John Deacon, und vor allem Gwilym Lee übertrifft alle Erwartungen, er hat sich Aussehen und Habitus von Brian May angeeignet, wie es vielleicht noch keinem Schauspieler bei einem Musiker gelungen ist.

Lucy Boynton besticht als Mercurys ehemalige Verlobte und Lebensmensch Mary Austin, Aaron McCusker ist anrührend als Mercurys letzter Lebenspartner Jim Hutton. Komödiantisch ist der Cameo von Mike Myers als Label-Verantwortlichem, der nicht an die Radiotauglichkeit der sechsminütigen „Bohemian Rhapsody“ glaubt. Myers sorgte bekanntlich Anfang der 1990er-Jahre mit „Wayne’s World“ dafür, dass der epische Song wieder in die Hitparaden kam … Alles in allem ist „Bohemian Rhapsody“ ein Film, an dem sich mutmaßlich viele Fans erfreuen, über dessen Ungenauigkeiten sich einige aber sicher ärgern werden. Den erhofften und erwarteten Blick hinter die Kulissen gibt es weder was die Band Queen und deren musikalisches Schöpfen, noch was Freddie Mercury und sein Leben angeht. Dexter Flechter bastelt dieweil schon an seiner nächsten Rockstar-Biografie, dem Elton-John-Biopic „Rocketman“. Man weiß nicht, ob man sich da freuen oder fürchten soll.

www.foxfilm.at/bohemian-rhapsody

Trailer: www.youtube.com/watch?v=2Xw1jDUIACE

  1. 10. 2018

John Banville/Benjamin Black: Alchimie einer Mordnacht

Oktober 27, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

In Prag geht ein perverser Mörder um

Vom deutschsprachigen Titel darf man sich nicht abschrecken lassen, im Original heißt das Buch „Wolf On A String“, dies einerseits als „Wolfston“ der heulende, flackernde Laut, den Streichinstrumente beim Spielen einer bestimmten Note machen, und der mit einer gewissen Schenke zu tun haben wird; andererseits wird sich im Verlauf der Ereignisse natürlich entschlüsseln, wer da als bestialisch mordendes Untier gleich einem Lykanthropen nächtens durch Prag schleicht.

John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black diesmal einen historischen Roman verfasst. Zwar wird an Leichen, Menschen wie Haustieren, nicht gespart, und doch besticht „Alchimie einer Mordnacht“ nicht in erster Linie durch eine Whodunit-Handlung, sondern durch das meisterliche Heraufbeschwören der Stadt an der Moldau um die Jahrhundertwende 1599/1600. Alles ist hier sinister und Unheil verheißend, allmächtig der Aberglaube, jeder setzt hier auf Maskierung und Verschleierungstaktik.

Black malt ein so düsteres Sprach- wie Sittengemälde, seine überbordende Erzählung strotzt vor blumigen Bildern, Beispiel: „Der Tisch war leer und glänzte auf eine seltsame Art unheilvoll, die großen Stühle standen reglos da, und doch schienen sie gespannt auf etwas zu warten, wie sprungbereite Jagdhunde auf den Pfiff ihres Herrn“, und kuriosen Charakteren. Ein Panoptikum an Alchemisten und Mystikern, Naturphilosophen und Astronomen bevölkert die Seiten, Tycho Brahe und Johannes Keppler haben selbstverständlich ihren Platz, aber auch der britische „Hexenmeister“ Edward Kelley und dessen Stieftochter Elizabeth Jane Weston werden wichtige Rollen spielen.

Unters Verbriefte mischt Black frei Erfundenes. Und so gelangt der junge Christian Stern, Bastard des Bischofs von Regensburg, nach Prag, in der Hoffnung, am Hof des exzentrischen und vom Okkultismus besessenen Habsburgers Rudolf II. Karriere zu machen. In seiner ersten – durchzechten – Nacht findet Stern im Schnee eine ziemlich übel zugerichtete Mädchenleiche, Magdalena, Tochter des Leibarztes Seiner Kaiserlichen Majestät, Ulrich Kroll. Erst verdächtigt und in den Gefängnisturm verbracht, wird Stern von Rudolf bald als Ermittler im Mordfall auserkoren, war die 16-Jährige doch des Herrschers „jüngstes Spielzeug“. Ihm vom Vater höchstpersönlich ins Bett gelegt. Doch da gab es auch einen Verlobten, und der ist nun logischerweise Hauptverdächtiger – bis sein zu Tode gefolterter Körper aus dem Fluss gefischt wird.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Black konfrontiert seinen Protagonisten nun mit der Phantasmagorie, der paranoid intriganten Welt des Hofes, die Höflinge allesamt von „nervöser Wachsamkeit“, und Stern, der als gealterter Mann und über die Distanz des Dreißigjährigen Krieges von seinem Prager Abenteuer berichtet, gesteht dem Leser ein, er hätte sich viel Kummer erspart, „hätte ich aufmerksamer darauf geachtet, was um mich herum in stillen Ecken und hinter halb geschlossenen Türen gesagt wurde“. So aber lässt er sich bedrohen, beunruhigen, beschwichtigen, wird, sagt er selber, zum „Spielzeug diverser Spaßvögel“.

Als da wären der misstrauische Hofmeister Felix Wenzel und der geschmeidige Kammerherr Philipp Lang, dieser konvertierter Jude und ebenfalls ein Geliebter des bisexuellen Rudolf, der elegante, hochnäsige Zwerg Jeppe Schenckel, der gönnerhafte Girolamo Malaspina, Nuntius des Heiligen Vaters in Rom, Rudolfs offizielle Mätresse und Mutter seiner sechs Kinder, Caterina Sardo, eigentlich Katharina Strada, eine „bleiche, weichhäutige Puppe, mit der zu viel gespielt worden war“ und mit der Christian Stern trotz besseren Wissens und ihrer „amüsierten Verachtung“ für ihn eine Affäre beginnt, und Rudolfs und Caterinas ältester Sohn Don Giulio d’Austria – über den in den Geschichtsbüchern nachzulesen sich lohnt.

Lange bleibt es Stern, und mit ihm dem Leser, rätselhaft, wer da mit wem Allianzen bildet, wer da mit wem in Gegnerschaft steht. Klar ist ihm nur, dass er sich zum eigenen Überleben für eine Seite entscheiden wird müssen, doch welche sind da überhaupt? Keine erscheint weniger gefährlich und mächtig als die andere. Dazu sitzt Caterina im Wortsinn wie ein Sukkubus auf Stern. „Wahnsinn! Wahnsinn, Begehren und angsterfüllte Wonne: Darin lag mein Problem“, weiß er. Und sagt beinah prophetisch an anderer Stelle: „Wir leben in der Überzeugung, dass wir in Sicherheit sind, dass das Eis unter uns nicht brechen wird, dass der Blitz den Baum nicht trifft, unter dem wir uns vor dem Unwetter schützen, dass die Tür nicht aufspringt und die Soldaten nicht die Treppe hinaufstapfen, um uns aus dem Bett zu zerren. Doch in unserem tiefsten Inneren wissen wir, dass das alles nur ein Irrglaube ist …“

Dass Blacks kunstvoll geknüpfte Verstrickungen – dies ein kleiner Spoiler – schlussendlich nach mehr als einem Täter und mehr als einem Motiv, sie reichen von Eifersucht bis zur staatspolitischen Angelegenheit, verlangen, ist klar. „Alchimie einer Mordnacht“ braucht zwar ein wenig, bis es in Schwung kommt, doch dann ist es ein wahrer Pageturner. Ein spannendes, historisch kenntnisreiches Lesevergnügen, mit dem John Banville einmal mehr beweist, dass er als Benjamin Black auch Krimiliteratur zu Gold veredeln kann.

Über den Autor: John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen literarischen Autoren. Sein umfangreiches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis, dem Man Booker Prize für „Die See“ und 2013 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Banville lebt und arbeitet in Dublin und schreibt unter dem Pseudonym Benjamin Black Krimis und Thriller. Diese Geschichten spielen größtenteils im Irland der 1950er-Jahre, rund um den Pathologen und nicht immer trockenen Alkoholiker Quirke. Lediglich der Thriller „Der Lemur“ ist im New York der Gegenwart angesiedelt. Und auch Blacks letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht von dieser Regel ab: Er ereignet sich in Kalifornien, und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer und Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Alchimie einer Mordnacht“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Elke Link.

www.benjaminblackbooks.com

www.kiwi-verlag.de

  1. 10. 2018