Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Volksoper: Carmen

Januar 5, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Brillante Debüts bei der Wiederaufnahme

Marco Di Sapia als Dancaïro, Vincent Schirrmacher als Don José, Stepanka Pucalkova als Carmen und Johanna Arrouas als Frasquita. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies ist der perfekte Abend, um sich zurückzulehnen, genießerisch die Augen zu schließen und die Musik von einem Besitz ergreifen zu lassen. Zu hören nämlich gibt es Hervorragendes, zu sehen hingegen nicht viel. An der Volksoper stand die Wiederaufnahme von „Carmen“ auf dem Programm, jene Guy-Joosten-Inszenierung, die von 1995 bis 2015 nonstop am Haus gezeigt wurde. Ein Publikumsrenner, der vor zwanzig Jahren mit seinem Verzicht auf Rüschrock-Folklore und Kastagnetten-

Geklapper ordentlich was hermachte, ein hüftschwungloser, puristischer Gegenentwurf zum opulenten Franco Zeffirelli, zum schönheitstrunkenen Francesco Rosi. Nun allerdings lässt sich nicht leugnen, dass das Eifersuchtsdrama im kargen Brandmauerambiente von Bühnenbildner Johannes Leiacker, an dem der Regisseur stets die von Bizet en détail ausgearbeitete Charakterzeichnung als seinen Bezugspunkt festmachte, da nunmehr in Abwesenheit desselben auf die Bühne gehoben, an Feuer verloren hat. Diverse Auftritt sind reinstes solistisches Rampenstehtheater, unmotiviert wirkt auch die Menge, und in dieser Stasis allüberall nimmt im Wortsinn kaum eine Rolle tatsächlich Gestalt an. Was dieser „Carmen“ szenisch fehlt, ist das Temperament für Leid und Leidenschaft. Heißes Herzblut müsste fließen, aber ach …

Ein Glück. Das schauspielerische Manko wird durch die gesangliche Ausführung ausgeglichen. Mit Anja Bihlmaier am Pult, den beiden Hausdebütanten Stepanka Pucalkova als Carmen und Luke Stoker als Escamillo und den sechs Rollendebüts von Julia Koci, Johanna Arrouas, Ghazal Kazemi, Vincent Schirrmacher, Alexandre Beuchat und Marco Di Sapia wird die in deutscher Sprache vorgetragene Produktion zu einer Besonderheit. Ein Erfolg, den zuallererst Bihlmaier für sich verbuchen kann, die gebürtige Schwäbin und designierte Chefdirigentin beim Den Haager Residentie Orkest, Jahrgang 1978, deren Karriere wohl das ist, was man beispiellos nennen muss. Und die das von ihrem kapellmeisterlichen Können vernehmbar angetane Volksopern-Orchester mit leichtfüßiger Raffinesse und federndem Rhythmus durch die Opern-Evergreens führte.

Luke Stoker als Escamillo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stepanka Pucalkova als Carmen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vincent Schirrmacher als Don José. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Verve wird derart französisches Flair mit Andalusien-Anklängen erschaffen, musiziert so akzentuiert wie apart. Nie kam Bizets Geniestreich mit – und man hat beides oft genug gehört – lautem Rums oder als L’Amour-Hatscher aus dem Orchestergraben. Was die Habanera zu einem beinah Chanson werden ließ, zum Freiheitsstatement einer starken, unabhängigen Frau statt einer aufreizenden Forcierung des Geschlechter- kampfs. Als Carmen bemüht sich Stepanka Pucalkova mal in Arbeitskittel, mal in – sorry fürs Wortspiel – Zigarettenhose um gute Figur. Die tschechische Mezzosopranistin mit Homebase Semperoper ist offensichtlich darauf bedacht, keinerlei Laszivität zu bedienen, ihre Carmen ist ganz Working-Class-Woman, und hat sich in der sie begehrenden Soldatenwelt einen Selbstschutzmantel aus arroganter Unnahbarkeit übergeworfen.

Das macht Pucalkovas Tabakblätterdreherin mehr zum draufgängerischen Schmugglerkumpel denn zum erotischen Männeralbtraum, sängerisch vor allem auch in den Höhenlagen ausgezeichnet, gelingt ihr die Darstellung der Härte dieser Frau bis in die Todesszene bestechend gut. Der australische Bass Luke Stoker ist ebenfalls erstmals im Volksopern-Einsatz, und gibt als Escamillo eine beachtenswerte stimmliche Talentprobe ab. Was seinen Torero an Statur als geborenen Gewinner ausweist, vermisst man jedoch an stolzer Attitüde. Die Messerstechereien mit Vincent Schirrmachers Don José sind allein wegen der Differenz in Größe und Gewichtsklasse der Kontrahenten unfreiwillig humoreske Szenen, an denen sich bestimmt feilen ließe.

Eine Blume für den Auserwählten: Vincent Schirrmacher und Stepanka Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schmugglerbande: Di Sapia, David Sitka, Pucalkova, Arrouas und Ghazal Kazemi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci als innig liebende Micaëla mit Schirrmacher und Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Escamillo im Schmugglerquartier: Luke Stoker mit Pucalkova, Di Sapia und Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ansonsten ist Schirrmacher wie allzeit auch hier Garant für prägnante, packende Rollenporträts, sein erstes Erscheinen gemeinsam mit einer in Schwarz gekleideten Witwe und einem Mädchen in Erstkommunionsweiß ein anrührendes Sinnbild für Josés Lebens- und Liebessituation, Schirrmachers Sergeant eher introvertierter, eigenbrötlerischer Grübler als jähzornig-hitzköpfiger Eifersüchtler – auch in dieser Figur bleibt die Aufführung bei ihrer Unterkühltheit. Dass der Zuschauerliebling die Blumenarie mit seinem warm timbrierten Tenor wohl zu nehmen weiß, bedarf eigentlich keiner extra Erwähnung. Im Schlussduett mit Pucalkovas Carmen läuft Schirrmacher zur Höchstform auf, wie er da eiskalte Verzweiflung spielt, bevor er zu ebensolcher Klinge greift.

Julia Koci macht als Micaëla von ihrer weichen, zu innigen Tönen befähigten Sopranstimme besten Gebrauch. Des Weiteren und auffallend beim Schmugglerquintett überzeugen Johanna Arrouas als Frasquita, Ghazal Kazemi als Mercédès, Marco Di Sapia als Dancaïro und Davd Sitka als Remendado, vier Solistinnen und Solisten, deren Spielfreude man das vielfältige Wirken am Haus, immer wieder auch in Operette und Musical, auf erfreuliche Weise anmerkt. Nicht minder mit Bühnenpräsenz gesegnet ist Moralès-Debütant Alexandre Beuchat; Yasushi Hirano ist ein solider Zuniga; Georg Wacks Lillas Pastia kommt, dem Mundwerk nach zu urteilen, aus Wien. Chor, sowie Kinder- und Jugendchor sind wie stets ein tosendes Bravo wert, wie der Abend generell mit großem Applaus bedankt wurde. Womit nun wenigstens im Saal die Action herrschte, nach der man sich im Spiel vergeblich gesehnt hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=obZbQX3nEd4                     www.youtube.com/watch?v=WmfJJOH3saI           www.volksoper.at

  1. 1. 2020

Kammerspiele: Mord im Orientexpress

November 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hercule Poirot und die Frauenpower

Der berühmte Detektiv vor dem ebensolchen Zug: Siegfried Walther als Hercule Poirot und Markus Kofler als Schaffner Michel; hinten: Martin Niedermair und Paul Matić. Bild: Astrid Knie

Einen Whodunit, bei dem mutmaßlich jeder weiß, wer’s war, auf die Bühne zu bringen, ist ein beachtliches Wagnis. Nach der Romanveröffent- lichung vor nunmehr 85 Jahren und diversen Verfilmungen, darunter die Oscar-prämierte All-Star-Produktion von Sidney Lumet und ein nicht weniger prominent besetztes, von Kenneth Branagh mittels eigener Eitelkeit dennoch gemeucheltes Remake, ist Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ nun als deutschsprachige Erstaufführung an den

Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Als Premierenfrage stellte sich die, da sich die Spannung hinsichtlich Tätersuche in Grenzen hält, wie es Regisseur Werner Sobotka und Ensemble gelingen kann, den Luxuszug Fahrt aufnehmen zu lassen; nach erfolgter Ermittlung zwischen Schlaf- und Salonwagen lässt sich ein Teilerfolg festhalten, erzielt durch Coupé-weises glänzendes Schauspiel, doch ist die Inszenierung insgesamt eine recht altbackene, besser als verstaubt passt wohl: verschneite Adaption des Krimiklassikers, optisch mit Eisenbahndampf, Schneegestöber und vorbeiziehender Landschaft als Hommage an die Kinovorbilder umgesetzt.

Kein Geringerer als US-Dramatiker Ken Ludwig, dessen Komödie „Othello darf nicht platzen“ dem Haus beinah 20 Jahre lang einen Kassenschlager bescherte, hat das Buch für die Bühne bearbeitet, und dabei die Zahl der Verdächtigen wie die der Messerstiche auf acht geschrumpft. Aber – die Figuren fehlen einem nicht nur, weil Fan, sondern auch dem Fortgang und der Folgerichtigkeit der Geschichte, die hantige Prinzessinnen-Zofe Hildegard Schmidt, der agile Geschäftsmann Antonio Foscarelli, der vornehme Graf Rudolph Andrenyi, der Arzt Dr. Stavros Constantine – wegen dessen Streichung die Gräfin Andrenyi brevi manu zur Medizinerin upgegradet wird …

Man entdeckt das Mordopfer: Lohner, Matić, Kofler, Nentwich und Niedermair. Bild: Astrid Knie

Poirot bei seiner typischen Abendtoilette mit Haarnetz und Bartbinde: Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

Mary wird verarztet: Krismer und Klamminger, Lohner, Nentwich, Matić, Walther und Maier. Bild: Astrid Knie

Umso absonderlicher ist, dass trotz Personalkürzung und einer Spieldauer von mehr als zwei Stunden, den Charakteren kaum Kontur verliehen wird, und die vielfach gebrochenen und ineinander verstrickten Biografien der Figuren nicht näher untersucht werden. Bis auf Ulli Maiers hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard bleibt die illustre Gesellschaft ziemlich eindimensional und allzu oft dort auf lautstarken Klamauk eingeschworen, wo die Verschwörer durch ihre Spleens und Schrullen auf sich aufmerksam machen sollten. Simpel ersetzt subtil, auch am Ausdruck hapert’s, von Agatha Christies köstlich-kühler Stiff-Upper-Lip-Sprache bleibt zumindest in der deutschen Übersetzung nicht viel, und auffallen Sätze wie, Hercule Poirot zu Miss Debenham: „Sie hat recht …“, wo der belgische Meisterdetektiv bestimmt „Mademoiselle hat recht …“ formuliert hätte.

Als dieser erforscht Siegfried Walther den Mord am zwielichtigen Samuel Ratchett, und er tut das auf seine sympathische, liebenswürdige Weise, indem er das mitunter hochnäsig näselnde Auftreten seiner Rolle einfach mit Charme und ein wenig Tapsigkeit unterwandert, um mit derart Noblesse die noble Bande in die Enge zu treiben. Angetan mit den historisch korrekten Kostümen von Elisabeth Gressel und unterwegs im Nostalgiebühnenbild von Walter Vogelweider, beide von den obligaten Bartbinde und Haarnetz bis zum filigranen Jugendstildekor detailverliebt, zweiteres per 180-Grad-Wende vom Speise- zum Wag(g)on-Lits wechselnd, sind:

Johannes Seilern als galgenhumoriger Eisenbahndirektor Monsieur Bouc, Paul Matić als erst mafiös brummelnder Samuel Ratchett, nach dessen Ableben als militärisch stoischer Oberst Arbuthnot, Martin Niedermair als hektisch-ängstlicher Ratchett-Sekretär Hector MacQueen und Markus Kofler als so undurchsichtiger wie diensteifriger Schaffner Michel. Womit es Walthers Poirot aber tatsächlich zu tun bekommt, ist geballte Frauenpower. Allen voran Ulli Maier, deren wohldosiert ordinäre Mrs. Hubbard das Highlight des Abends ist, eine reiche, ergo resolute Amerikanerin auf Männerfang, wie sie durch anzügliches Gesichter-Schneiden Richtung Michel immer wieder verdeutlicht, aber auch die anderen Mesdames begnadete Künstlerinnen im Intrigenspiel.

Eine hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard: Ulli Maier mit Markus Kofler, Siegfried Walther und Johannes Seilern. Bild: Astrid Knie

Tätersuche im Salonwagen: Therese Lohner, Marianne Nentwich, Siegfried Walther und Ulli Maier. Bild: Astrid Knie

Marianne Nentwich ist als Prinzessin Dragomiroff nie verlegen um markige Sprüche, die die Blaublütige knochentrocken zum Besten gibt. Michaela Klamminger, die bereits bei ihrem „Der Vorname“-Debüt positiv auffiel, macht aus der Gräfin Andrenyi keine Riechfläschchen-Nervöse, sondern eine patente junge Frau mit Hang zum Zupacken, ebenso Alexandra Krismer, die die Mary Debenham als kecke, selbstbewusste Britin spielt. Therese Lohner hat im Gegensatz dazu als Greta Ohlsson die Lacher auf ihrer Seite; mit der grotesken Ausgestaltung der bigott-verhuschten Missionarin gelingt ihr ein vor schriller Hysterie schillernder Spaß jenseits der Erinnerung an die brillante Ingrid Bergman.

Fazit: Werner Sobotka hat seinen „Mord im Orientexpress“ mit großen Stricknadeln gestrickt, er bevorzugt Amüsement vor Suspense, die Darstellerinnen und Darsteller dabei allzeit bereit zu boulevardbetriebenem Powerplay. Während also alle miteinander den Fahrhebel bis zum Anschlag hochkurbeln, hat sich Knall auf Fall der Fall auch schon erledigt. Die Aufklärung des Verbrechens passiert auf Video. Die Lösung ist eine einfache, nämlich dass dieses Agatha-Christie-Stück den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg bescheren wird. Der Applaus und der Vorverkauf lassen jedenfalls darauf schließen.

Video: www.youtube.com/watch?v=eW5H70YWqMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

brut im Gewerbehaus – Nestervals „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“

November 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Nervensanatorium wird die Stille zur Mord-Nacht

Lauter nette Leit: Performer Astôn Matters aka Herr Rainer empfängt die Weihnachtsgäste in seinem Patientenzimmer. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Um die frohe Botschaft als erstes zu verkünden: Weil die Tickets in kürzester Zeit weg waren, hat Nesterval von 18. 11. bis 12. 12. neun Zusatztermine hinzugefügt. Die Expertentruppe für immersives Theater, die Vorgänger- produktion „Das Dorf“  ist für den Nestroy-Spezialpreis nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), lädt – auch diesmal in Kooperation mit brut Wien –  ins Gewerbe- haus zum Performance-Abenteuer „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“.

Eine weitere Episode aus der Geschichte der sagenumwobenen Familiendynastie, deren künstlerischer Teil sich mit Vorliebe dem Zirkus zuwandte, während die eigentlich Porzellanmacher sich im Zweiten Weltkrieg der Herstellung von Waffen widmeten – mittels Einsatz von Zwangsarbeitern, weshalb sich Magda Nesterval bei den Nürnberger Prozessen strafrechtlich verantworten musste. Tochter Martha entriss der Mutter schließlich die Vorstandsposition; ein Großteil des Vermögens ging in den „Nesterval Fonds für karitative Zwecke“ über – doch dann passierten die bis heute ungelösten Todesfälle im Familienhospiz Engel …

Soweit die Historie zur nun vom Ensemble dargebotenen Story. Es ist das Jahr 1954, es ist Weihnachten, und Anstaltsleiterin Oberschwester Martha Nesterval holt Freunde und Förderer des Hauses zum Christfest ins Nesterval’s Sanatorium Grimm. Keine Geringeren als die Gebrüder Jacob und Wilhelm haben für die Einrichtung eine Behandlungsform ausgeklügelt, die den Patientinnen und Patienten ein zu ihren psychischen Störungen passendes Märchen zuteilt – und die Besucher sind nun herzlich aufgefordert, sich mit dieser Therapie vertraut und mit den Pfleglingen bekannt zu machen.

Wie stets auf dem schmalen Grat von Fakt und Fiktion balancierend, geleiten einen 23 Performer, Drag Artists und Schauspieler durch den Abend, wobei das Publikum von Fräulein Stulle aka Martha Nesterval, der freundlichen Schwester Tabea, ist gleich Julia Fuchs, und den Geschwistern Berger, der herrischen Sibille, der hantigen Elsa und dem für die Punsch-Ausschank im Frühstücksraum zuständige Hons (Pamina Puls, Sabine Anders und Lu Ki), empfangen und zwecks Besichtigung per bunten Armbinden in Kleingruppen aufgeteilt wird. Eines der Dinge, die erfährt, wer aufmerksam zuhört, ist, dass die jene Namen nur angstvoll wispernden Patienten die Bergers als „die teuflischen Drei“ titulieren.

Die Insassen des Sanatoriums sind nämlich weit weniger irre, als von ihnen behauptet wird, und wieder einmal haben Herr Finnland und sein aus Autorin Frau Löfberg und Ausstatterin Andrea Konrad bestehendes Leading Team ein Denk-Spiel erdacht, das es zwischen Krippenspiel und dem „Wichteln“ genannten Verteilen kleiner Geschenke zu durchschauen gilt. Sachte und sensibel heißt es nun zu den verstörten Seelen vorzudringen. Des Rätsels Lösung lautet, je mehr man interagiert, Fragen stellt und Schlüsse zieht, desto erkenntnisreicher gestaltet sich die Sache, also ausschwärmen und Informationen einholen, schließlich gibt es für die siegreiche Mann- und Frauschaft ein Präsentpaket zu gewinnen.

Willy Mutzenpachner aka Herr Friedrich flüchtet vor Männern bis auf den Kaminsims. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Herr Finnland und Frau Löfberg vor den Weihnachtssocken, in denen die Tätertipps deponiert werden. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Nachdem man sich derart durch die Verhaltensregeln studiert hat, vom Personal vorm notorischen Lügner mit dem Gestiefelten-Kater-Syndrom gewarnt und punkto der Selbstmordabsichten des von Andy Reiter verkörperten Herrn Anton beruhigt, vom Pulloverzipfel zuzelnden Helmut des Herrn Walanka zur Krippe geführt und über seine Funktion als König Melchior beim folgenden Spiel in Kenntnis gesetzt wurde, beginnt ebendieses. Aber: ein Schrei, Antons entleibter Körper liegt im Stiegenhaus, ein Schwächeanfall ob der Aufregung beschwichtigt Fräulein Martha.

Doch wer Augen hat zu sehen – um an dieser Stelle die Offenbarung des Johannes zu zitieren. Zur Ablenkung der Gäste dürfen diese nun die Patientenzimmer und Behandlungsräume inspizieren, jedes einzelne mit Röhrenradio oder einstmals als „Psyche“ bezeichneter Spiegelkommode bis in diverse Fifties-Details liebevoll dekoriert, und von den Bewohnern mit rotem Riesenkugelmobile, einem papierenen Schneeflockenwald oder einer Geschenkpaket- pyramide verschönert. Wer – je nach Sichtweise – Glück oder Pech hat, kann aber auch von den Ehrengästen weil Geldgebern, der hochschwangeren Helga und ihrem Ehemann Tomasz Nesterval, abgefangen werden.

Um bei herablassend genäseltem Smalltalk in den schier endlosen Lobgesang über die regelmäßigen Finanzspritzen für ihre Kranken einzustimmen. Längst ist da klar, die feucht-fröhliche Adventstimmung ist eine vorgegaukelte, die Stichworte dazu: Abzocke und Unfreiwilligkeit, und zumal hier einer mit Vergnügen über den anderen tratscht und dessen Geheimnisse ausplaudert, tun sich allmählich gewaltige Abgründe auf. Die bigotte Atmosphäre von Betstuhl, Kruzifix, Heiligenbüste verwandelt sich ins Bedrohliche, das heimelige Licht scheint plötzlich düsterer, was eben noch skurril war, wird spooky, denn was Nesterval im Gewerbehaus veranstalten, ist im Wortsinn ein Psychothriller. In dessen Verlauf es logischerweise nicht bei einer Leiche bleiben kann.

Von Tobsuchtsanfällen und Tränen, von Zoff hinter verschlossenen Türen und Todesahnungen beim Kartenlegen, vom unerlaubten Entwenden einer Akte bis zum Unzucht-Gekreische bei einer Séance, erlebt jeder Zuschauer den Abend so, wie er ihn sich arrangiert. Allemal interessant ist es, Willy Mutzenpachners Herrn Friedrich in der Isolierzelle aufzusuchen, allerdings Achtung: der „Froschkönig“ fürchtet sich vor Männern. Auch eine Begegnung mit dem im Rollstuhl sitzenden Fräulein Adelheid, ist gleich Laura Hermann, mit Johannes Scheutz‘ an den „Sieben Geißlein“ leidenden Herrn Konrad im Arztzimmer und mit dem großen Herz des Ganzen, Romy Hrubeš‘ auralesendem Fräulein Charlotte, sind aufschlussreich. Denn niemand im Sanatorium Grimm ist ohne Schuld, die meisten jenseits von Gut bei Böse, und Katz-und-Maus ihr bevorzugtes Spiel.

Dank des Nebengeschäfts des Herrn Theodor von Bernhard Hablé wird die Spurensuche zwar zumindest kurzzeitig unbeschwerter, doch schon erklingt aus dem Frühstücksraum „Jingle Bells“ als schwermütige Trauermusik. Das ist der Moment, an dem Operation Dunkle Weihnacht beginnt … Bei der Premiere entpuppte sich übrigens Gruppe grün als Meisterdetektive, obwohl Herrn Finnlands Maxime ja die vom Dabeisein ist, das alles ist. „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“ ist ein Mordsspaß, bei dem einmal hingehen und mitmachen nicht ausreicht, um alle Facetten dieser verrückten Vorführung genießen zu können. Und wenn sie nicht gemeuchelt sind, dann metzeln sie noch heute …

Video: www.youtube.com/watch?v=7t3yirtPOSU           www.nesterval.at           brut-wien.at

  1. 11. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Zeck

November 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Kafkas Käfer als parasitärer Künstler

Der Stage Manager besingt den in einen Riesenzeck verwandelten Gregor Samsa: Konrad Rennert und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

„kafkas werk?“, sagt der Stage Manager mittendrin, „opfer einer massenvergewaltigung! durch drei armeen von ,interpreten‘!“ Er zählt sie auf, die soziale, die psycho- analytische, die religiöse, zitiert sogar Susan Sontags Spruch, diese machten Kunst manipulierbar und bequem … Ein fishing for applause, weil: was das Kommod-Sein betrifft, kann man „Zeck“ sicher keiner Schandtat bezichtigen, der vorgeführte Frevel ist ein höchst vergnüglicher, verrückter, und vergeht in einem Karacho, dass sich einem der Kopf dreht.

Komponist Hannes Löschel und Librettist Peter Ahorner haben diese hinterfotzige Paraphrase auf Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ erdacht, ihr Werk eine surreale musikalische Familienaufstellung, dank Ahorners Kollegium-Kalksburg-Kollegen W. V. Wizlsperger dargeboten in breitestem Wienerisch, „Zeck“ – eine Dialekt-Orgien-Oper, die nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt wurde. Wobei Wizlsperger sowohl in die Figur des Gregor Samsa als auch von dessen Vater schlüpft, Mezzosopranistin Anna Clare Hauf die Rollen der Mutter und von Schwester Grete übernimmt, und der großartige, sich in Countersphären singende Konrad Rennert neben dem Stage Manager auch als Inkassant und Generaldirektor auftritt.

Statt alleiniger Ernährer seiner Sippschaft zu sein, ist Gregor anno 2019 allerdings ein erfolgloser Fotograf, der, wiewohl nicht wenig angegraut, nach wie vor mietfrei im Hotel Mama logiert, Kafkas Käfer ein parasitärer Künstler und auf Koks, der arbeitslose Vater ein Alkoholiker, Schwester Grete eine Malerin, nach deren Talenten ebenfalls kein Hahn kräht, während die darob verzweifelnde Mutter versucht, mit ihrem Putzfrauenjob die Mischpoche durchzufüttern – ihr Dienst-Herr Generaldirektor ausgerechnet der ehemalige Arbeitgeber ihres versoffenen Mannes, der, apropos: Dienste und anlassig wie er ist, bald mehr als nur deren saubere verlangt.

Grete und Gregor sind als Malerin wie Fotograf erfolglos: Anna Hauf und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Gregor findet sein künstlerisches Genie von Gott und der Welt verkannt: W.V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Derart blickt man verächtlich aufeinander herab, doch durch die Abgründe der anderen gleichzeitig der eigenen Bodenlosigkeit ins Auge. Das Künstlerduo verspottet die Vulgarität des Elternpaars, das Ganze ein Sittenbild über Kunst, im Sinne von: Kunst ma ned an Schilling borgen?, alldieweil Gregor und Grete ihr Wälsungenblut in den Adern kocht. Bis der Bruder eines Morgens zum – O-Ton – „Parasit mit Mordsappetit“ mutiert ist. Ahorner setzt auf calembourleskes Halbsatzgestammel, und vor allem Wizlsperger versteht es prächtig, das Publikum mit dessen gewitzten Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Versen à la „Wen wundert’s, dass

ich tschecher‘, die Alten werden immer frecher“ oder „Mich macht das alles furchtbar fertig, das Leben ist so minderwertig“ zu amüsieren. Löschl hat Ahorners groteske Kasperliade in einen parodistischen Klangteppich gewoben, mal tönt’s nach Volkstümlichkeit und Wienerlied, mal trällert Rennert Fifties-Schlager oder macht auf Zauberer von Oz, mal heißt‘s „Parole parole“, mal „La donna è mobile“. Wozu Wizlsperger nicht nur mit rauer Schnapsstimme singt, sondern auch das Euphonium bläst und auf der E-Gitarre schrammelt, ein falcoesk-arrogantes Enfant terrible, in Wahrheit aber nicht weniger Prolet als der dessen angeklagte Vater.

Sein Gregor einer, der die Hauf mit dem Genäsel „Werd‘ ned hysterisch, bleib‘ lieber ätherisch“ an die Wand fährt. Dies, weil diese als Mutter wie als Grete im Streit ums Von-hint‘-und-vorn‘-Bedienen in schrille Spitzentöne kippt, der Generationenkonflikt möglich gemacht durch die Visuals von Johannes Novohradsky, die den Darstellern das Zwiegespräch zwischen Leinwand- und Live-Ich erlauben. Ausstatter Simon Skrepek illustriert die ärmliche Bedürftigkeit der Samsas mit teilgemalter Zimmer-Küche-Kabinett, mit Abwasch, uraltem Tragbar-TV und Festnetztelefon, das Faun-und-Nymphe-Gemälde Gretes eine Arbeit von Raja Schwahn-Reichmann.

„Ein Gliederfüßer ist kein Lückenbüßer“, weiß Gregor noch zu formulieren, als Grete ihm ihre Liebe aufkündigt. Zwar hat ihn der Vater zuvor mit Weihweißwein besprengt, doch hat das trotz aller gesegneten Kraftausdrücke nichts genützt. Und so emanzipiert sich Grete, wie in der literarischen Vorlage, vom uneinsichtigen Egomanen.

Herr Generaldirektor findet Gefallen an der Mutter: Konrad Rennert und Anna Hauf. Bild: © Johannes Novohradsky

„Zeck“, dieses Schimpf- und Trotzwort für Andersdenkende, passt perfekt ins Programm des Hamakom. Am Ende dieses etwas abrupt endenden Abends sparten die Zuschauer nicht mit Applaus, so skurril fanden sie’s, einem echten Wiener beim Untergehen zuzusehen. Selten hat der Begriff kafkaesk besser auf eine Bühnenproduktion gepasst.

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15. 11. 2019