Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

TheaterArche: Anstoß – Ein Sportstück

Februar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In jeder Hinsicht ein Kraftakt

Colin Kaepernick (Johannes Scherzer) verweigert das Singen der Hymne. Bild: © Jakub Kavin

Das Außergewöhnliche gestern war die persönliche Anwesenheit von Nicola Werdenigg, war es, die ehemalige Skirennläuferin auf der Spielfläche der neu gegründeten TheaterArche zu sehen, wo sie vom systematischen Macht- und vom sexuellen Missbrauch im ÖSV erzählt, von ihrer Vergewaltigung und ihrer Bulimie. Da erscheint Annemarie Moser-Pröll, das heißt: Schauspielerin Johanna König im feschen Dirndl, und widerspricht.

Gut is gangen, nix is gschehn, wie man ja sagt, und wie Johanna König sich aufpudelt, darüber muss man durchaus lachen. Und schon ist man bei Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler, der den Sport dereinst mit einem Shakespeare-Stück verglich, so tragisch wie komisch, allerdings spannender, da ungewissen Ausgangs. Das sind die beiden Pole, zwischen denen Jakub Kavin seine aktuelle Arbeit „Anstoß – Ein Sportstück“ auspendelt. Erst zu Beginn des Jahres hat sich dessen TheaterArche im vormaligen Theater Brett häuslich niedergelassen, jetzt diese Eröffnungsproduktion rund um die Tabuthemen des Massenphänomens und Identifikationsobjekts, von Doping zur Droge Alkohol zur Sucht nach Publicity, von psychischem Druck bis Depression, von erzwungenem Geschlechtsverkehr bis Homophobie. Kavin selbst führte Regie, hat auch aus aberhunderten Originalzitaten von Aktiven wie Funktionären, von Autoren wie Ödön von Horváth und David Foster Wallace den Text collagiert, und lässt diesen nun von 17 Akteurinnen und Akteuren performen.

Ein Kraftakt in jeder Hinsicht. Für die Darsteller, die allein oder in ausgefeilten Choreografien als Gruppe körperlich alles geben. Für das Publikum, über das drei Stunden lang Namedropping und Faktenlage prasselt. Für Kavin, der diesen Neustart ohne öffentliche Gelder stemmt, das Ganze getragen vom Enthusiasmus und vom selbstausbeuterischen Einsatz seiner Truppe. Die einmal mehr auf höchstem Niveau ihre Kunst zeigt. Jörg Bergen etwa wankt als dauertrunkener Fussballer Ulli Borowka durchs Aufwärmtraining der anderen, und macht später einen herrischen Peter Schröcksnadel. Nicolaas Buitenhuis spricht Sätze des schwulen Torschützen Thomas Hitzlsperger, Bernhardt Jammernegg legt als zynischer Unsympath Lance Armstrong schauspielerisch und auf dem Spinning-Rad eine Höchstleistung vor. Vom beinah Totenbett zum Doping ein einziger Überlebensbeweis.

Annemarie Moser-Pröll weiß von keinem sexuellen Missbrauch beim ÖSV: Johanna König. Bild: © Jakub Kavin

Zwischen Antike und Offenbach: Opernsängerin Manami Okazaki als Olympia. Bild: © Jakub Kavin

So wie der Radrennsportler seiner Physis alles abverlangt, so schildert Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster dessen harten Weg zurück nach dem Key-Biscayne-Autounfall, Johannes Scherzer als Robert Enke, wie er seinen aus der Depression nicht gefunden hat. Es sind Gänsehautmomente, wenn der Chor dem Torwart ein Spottlied singt, bevor dieser in den Tod geht. Berührend auch die Geschichte von Heidi Krieger, auf der Bühne umgesetzt von Maksymilian Suwiczak, der DDR-Kugelstoßerin, der das Staatsdoping, wie sie sagt, die geschlechtliche Identität genommen hat – und die heute als Andreas lebt. Oder – wieder Scherzer – als knieender NFL-Spieler Colin Kaepernick, den Donald Trump via Vidiwall wüst beschimpft. Auf dieser auch zu sehen, der spektakuläre Sturz von „Verausgabungsapparat“ Hermann Maier in Nagano. „Anstoß – Ein Sportstück“ ist immer wieder auch reinstes Dokutheater. Nagy Vilmos lässt als diverse Trainer Bonmots und markige Sprüche ab, Peter Matthias Lang als Shaolin-Mönch philosophische, Saskia Norman spielt Tonya Harding, Corinna Orbesz die Mixed-Martial-Arts-Fighterin Ronda Rousey, die Trumps Einwanderungspolitik öffentlich kritisierte.

Tabea Stummer spricht als Torhüterin Hope Solo über ihr schwieriges Elternhaus, Sarah Victoria Reiter trägt als Anna Veith mitten in der #MeToo-Debatte das Superfruits-Shirt eines Fruchtsaftherstellers … Mehr gibt es zu sehen und zu hören, als man auf einmal zu fassen vermag. Kavin, so scheint es, hat die Überforderung, die Überfrachtung zum Programm gemacht, man kann’s zwischen Zeitlupenspielzügen und der Haka der neuseeländischen Rugbymannschaft also nur sportlich nehmen, versuchen den roten Faden dieser Übung in freier Assoziation nicht zu verlieren, und wie die hier Dargestellten an und über die eigenen Grenzen gehen. Moderatorin Elisabeth Halikiopoulos hält die Aufführung von Aufstiegen bis tiefen Abstürzen, im Fall der Bergsteigerin Gela Allmann/Johanna König im Wortsinn von einer atemberaubend hohen Leiter, zusammen, bevor Koloratursopranistin Manami Okazaki, als sich gegen Technowummern stemmende Jacques-Offenbach’sche Olympia, auf die transhumanistische Zukunft des Sports und den nächsten Austragungsort der Olympischen Spiele, Tokio 2020, verweist.

Tonya Harding und Jeff: Saskia Norman und Florian-Raphael Schwarz. Bild: © Jakub Kavin

Anna Veith und Ulli Borowka: Sarah Victoria Reiter und Jörg Bergen. Bild: © Jakub Kavin

„Anstoß – Ein Sportstück“ ist ein lohnender, hochaktueller Theaterabend, eigentlich Work in progress, zumal nicht zwei davon gleich sein werden. An jedem ist nämlich ein anderer Gast eingeladen, um aus seiner Perspektive über dieses Spiegel- wie Zerrbild der Gesellschaft zu berichten. Am 22. Februar zum Beispiel wird es wieder Nicola Werdenigg sein, am 24. Februar der Autor Franzobel.

Jakub Kavin im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31475

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=68&v=3Z1aY9ny0Nw

www.theaterarche.at

  1. 2. 2019

Schauspielhaus Wien: AUTOS

Januar 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwarzhumorige Messe für ein Statussymbol

Die AUTO-Fahrer, ihr Auto-Radio und drei seltsame Spukgestalten: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Olga Hepnarová, das erzählt Johanna Baader, die Sopranistin zu Gast am Schauspielhaus Wien, war die erste, die mit einem Fahrzeug Menschen tötete. 1973 am Prager Strossmayerplatz ist das geschehen, da fuhr sie mit einem Lastwagen in eine Gruppe von 25 Leuten, die auf die Straßenbahn warteten. Um, wie sie in einem Bekennerbrief schrieb, „Rache zu nehmen an denen, die mich hassen“. Die Opfer kannten ihre Mörderin nicht, und so kam der Terrorismus per Kfz in die Welt.

Mit „AUTOS“ zeigt das Schauspielhaus die zweite Uraufführung eines Texts von Enis Maci, und der Hepnarová’sche Wahnsinn ist nur eine der Auto-Biografien, die die Autorin an diesem Abend in ihren Assoziationsfreiraum entlässt. Vollgepackt wie ein Urlauber-Auto sind Macis Zeilen, in doppeltem Sinn unfassbar, was alles in knapp zwei Stunden passt, in denen sie alle Hervorbringungen des Begriffs abhandelt. Statussymbol und Schutzraum und gern verwendetes Vehikel in Horrorstorys. Als Silbe heißt es „selbst“, also Auto-nomie vs Auto-ritäten, und darum geht’s Maci auf einer Metaebene:

Heimat haben oder Fremdsein, beides auch bei oder mit sich selber, Abnabelung von Vaterfiguren und Vaterländern, woran ihre Charaktere reihum scheitern, und wenn’s denn gelingt, Verrat an der eigenen Vergangenheit, gefolgt von erst Verheißung, dann Fluch eines neuen Lebens. Und während Maci auf einzelne Geschichten zoomt, entwirft sie gleichsam ein Europa als eine von inneren und offen ausgetragenen Konflikten entzündete Wunde. Darin politisches Herumstochern, statt Heilungsversuchen.

An Handlung gibt es dies: Ein Road-Trip. Bruder und Schwester, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff, begeben sich – wie die statt eines Navi verwendete Straßenkarte vermuten lässt, irgendwann in den 1970er-Jahren – auf die Todeszone „Gastarbeiterroute“, um jene Stelle aufzusuchen, an denen einst der Großvater bei einem Auto-Unfall ums Leben kam. Als sie Kinder waren, hat der Vater in nächtlichen Albträumen deshalb laut geschrien und begab sich darob in psychiatrische Behandlung, nun wollen die Geschwister an Großvaters Sterbeort einen Baum pflanzen. Begleitet werden sie vom Auto-Radio, aus dem im Gruselton vorgetragene Nachrichten und Musikfetzen dringen, erstaunlich, wie viele La-La-Lieder geschrieben wurden, im Fond des Wagens drei mit Blutrot gezeichnete Gestalten, Johanna Baader, Simon Bauer und Sebastian Schindegger, die vom Auto als (Fortbewegungs-)Mittel zu Freiheit oder Tod berichten.

Regisseur Franz-Xaver Mayr verwandelt die absurde Poesie der Vorlage in eine schwarzhumorige Messe. Die Stimmung: suspense-ig. Im Halbdunkelnebel auf steiler Schräge, Bühne und Kostüme sind von Korbinian Schmidt, scheinen düstere, in Talare gewandete Priester ein Ritual abzuhalten. Sie erheben die Stimmen zum Chor, mal wird so gesungen, mal gesprochen, mal sind sie Rhythmusmaschine, mal Melodienmacher, sind das Aufheulen des Motors, das Rauschen im Äther, sind schluchzende Geige oder polterndes Blech, Simon Bauer eine schnauzbärtige Tuba – die Baader eine wahrhaftige Opernsängerin.

Einflüsterer unterwegs: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Das Geld liegt auf der Straße: Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Hochmusikalisch ist diese Aufführung, und Mayr, der szenisch wenig Theater macht, tut recht daran, sich im leeren Raum auf die darstellerische Kraft seiner Schauspieler zu verlassen, die die Dialoglosigkeit des Textes dadurch aufheben, dass sie füreinander das absolute Gehör zu haben scheinen, ihr Spiel eine beständige Suchbewegung nach dem Wesentlichen beim anderen, eine Aufmerksamkeit, die zu perfektem Zusammenklang führt. Und weil’s am Schauspielhaus wunderbarer Weise meist so ist, wird das Ganze mit jener tiefernsten Komik vortragen, die noch die allerentsetzlichsten Vorkommnisse in goldhelles Licht taucht.

Die Schicksale sind nämlich schrecklich bis skurril. Bertha Benz, die, weil der Patent-Motorwagen ihres Mannes kein zahlendes Publikum fand, zu PR-Zwecken die erste erfolgreiche Fernfahrt unternahm, damit die Familienkasse klingeln ließ, und später vom Gatten verleugnet wurde, indem er angab, seine Söhne hätten das Fahrzeug gelenkt. Kurierfahrer K., ein migrantischer Tom Selleck, der in seiner Caritas-Kleidung die Zukunft der Runways vorwegnimmt, und Post in den Süden transportiert.

Steffen Link als Daniel Küblböck, der das Verblassen seines DSDS-Starruhms nicht ertrug und sich von der MS Aida ins Meer stürzte. Cem, der aus Alternativlosigkeit am protestantischen Religionsunterricht teilnimmt. Richard Sarrazin zwischen Plattenbau-Armut und Arbeitsamt. Sebastian Schindegger als Walter Kohl, den die Stiefmutter-Witwe nicht zum aufgebahrten Vater vorlässt. Der Syrer Ahmed A., dem kein Aufseher half, als seine deutsche Gefängniszelle in Flammen stand. Albaniens Punkikone Ivi, sein Vater hochrangiger Militär, und deshalb von den Eltern ins Irrenhaus verfrachtet, bevor er mit seinen Widerstandsrufen Kundgebungen des Regimes stören konnte … All diese Töchter/Söhne aufgebrochen, angefeindet, ausgestoßen, abgemahnt. In einer jelinek’schen Passage wird die Wolfsburger Auto-Industrie aufs Korn genommen, die die frühen italienischen Gastarbeiter in genau dem Lager zu wohnen hieß, in dem knapp zuvor noch Zwangsarbeiter und KZ-Häflinge hausten. Solches schildert Maci mit großer Wucht, etwa, wenn es darum geht, ob das Haus der Menschen Vernichtung oder Versöhnung heißt.

Mayr hält Macis so unergründliche wie mächtige Bedeutsamkeiten in Schwebe, nichts wird aufgelöst, nichts erklärt, nicht einmal, ob es in der Videoprojektion am Ende Wasser oder Feuer ist, das in Endlosströmen nach oben fließt. Da berichtet Vassilissa Reznikoff von denen, die im rostigen Mercedes, und dieser daheim trotzdem ein Protz-Auto, sieben Personen pro Pkw, Waschmaschine aufs Dach geschnallt, die Europastraße 5 befahren. Am Straßenrand ausgebrannte Auto-Wracks und Grenzkaufhäuser für letzte West-Geschenke. Heute heißt dieser Weg „Balkanroute“, darauf Flüchtlinge, unterwegs in der Gegenrichtung. Abgezogen von Schleppern und ohne Aufenthaltstitel. Johanna Baader singt betörend schön Kurt Weills Song über den Sehnsuchtsort „Youkali“. Den gibt es nicht, der ist nur Illusion. Und am Straßenrand liegen zwei neue Leichen.

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2019

Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019

TAG: Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik

November 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amüsante Misere der Medienmenschen

Jens Claßen, Lisa Schrammel, Monika Klengel und Georg Schubert. Bild: Anna Stöcher

Die politische Utopie ist tot, die untote Vergangenheit lebt. Auf diesen Punkt bringt am Ende einer der Protagonisten die Situation der Nation, wenn nicht der Welt, und es wäre ein allzu deprimierendes, wäre man nicht zuvor zwei Stunden lang im TAG gesessen. Dort hat sich einmal mehr Ed. Hauswirth mit seinem Grazer Theater im Bahnhof unters Wiener Ensemble gemischt.

Diesmal mit dem Ansinnen entlang Boccaccios „Il Decamerone“ eine aberwitzige Farce über die heimische Politik- und Medienlandschaft zu entwickeln. Ja, „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“ befasst sich tatsächlich mit dem Journalismus. Da fühlt man sich ein wenig auf den Nabel geschaut, schon TAG-Chef Gernot Plass‘ Aufsatz auf dem Programmzettel kann man gleichsam nur schuldbewusst abnicken – als selbsternannte Meinungsmacherin, und wenn man im vollen Zuschauerraum diejenige ist, die an diversen Stellen am lautesten lacht, dann wegen: naja, Auskennerin eben. Wie immer haben Hauswirth und Team den Text nach geführten Interviews entwickelt, und da müssen einige Kolleginnen und Kollegen niedergeschmettert von der eigenen Branche aus dem Nähkästchen geplaudert haben, so absurd, so traurig, aber wahr ist der Abend, der daraus entstanden ist.

An diesem versammeln sich acht „publizierende Persönlichkeiten“ in einer Mäzenatenvilla am Semmering, das macht man seit ewig so, zum Ausspannen vom harten Kampf um die Aktualität, diesmal allerdings scheint die Zusammenkunft mit einer biedermeierlichen Realitätsflucht zu tun zu haben. Handys werden weggesperrt, Cocktails gemixt, die Frauen gehen joggen, die Männer kochen, über der von Johanna Hierzegger sparsam gestalteten Spielfläche kann das Publikum auf zwei Monitoren verfolgen, was drinnen in den Zimmern und draußen in der Natur vor sich geht. Die Laune ist zunächst bestens, die Musik laut, dazu wird sich zum Wettnageln nackig gemacht.

Raphael Nicholas und Beatrix Brunschko. Bild: Anna Stöcher

Beatrix Brunschko und Lorenz Kabas. Bild: Anna Stöcher

Doch man hat eben über die Jahre miteinander nicht nur geflirtet, gesungen und Sex gehabt, man hat auch miteinander gearbeitet, geschrieben und einander bis weit über die Schmerz- und Schamgrenze ausgenützt. Wo Alkohol ist, ist Auseinandersetzung, und so geraten die Kumpane alsbald aneinander. Monika Klengel spielt dabei Linde, eine in ihrem Glauben an sich selbst unerschütterliche Ex-Chefredakteurin, die einst mit einem Wochenmagazin spektakulär scheiterte, und dabei etliche von ihr angeheuerte Freunde mit in AMS-Gefilde riss.

Weil man dort für die schreibende Zunft keine Jobs, sondern nur ein Kopfschütteln übrig hat, arbeiten die Fifty-Somethings nun allesamt als „Freie“. Passé ist das Angestelltendasein, perdu sind die 15 Monatsgehälter, man hält sich mit Bücher- und Reden-Schreiben, mit Podcasts und Blogs mehr schlecht als recht über Wasser, aber immer noch den Kopf oben, denn man hat sie noch – seine Integrität. Die zu beschädigen tritt Markus an. Lindes ehemaliger Praktikant ist der einzige, der es geschafft hat, er ist nun „geschäftsführender Chefredakteur“ eines Boulevardblatts.

Dieses offenbar ein veritables Krawallmachermedium, das den rechtspopulistischen Regierungskurs hochjubelt. Raphael Nicholas gestaltet die Art affektierten Teflonmann, dessen sleeke Selbstverliebtheit aus allen Poren tropft, und dass dieser Markus etwas Mephistophelisches hat, zeigt sich auch dann, wenn er am Schluss zur scheinheilig-reuigen Fußwaschung der gewesenen Verbündeten antreten muss.

Zuvor aber bietet dieser Markus dem einen, nicht unbedingt ebenso dem anderen einen Schreibtisch in seinem Medienimperium an. Und weil die Lage der Angesprochenen prekär genug ist, wird nun überlegt: „Schreibende Nutte für ein Drecksprojekt“ werden? Sich vom Geld korrumpieren lassen und eine Kolumne über Volkskultur verfassen? Prinzipien, aber in der Tasche den letzten Cent haben? Fronten brechen auf, und die Pest wütet nicht weniger als im „Decamerone“. In dieser Stimmung entfalten Hauswirth und Mitstreiter nun ihre Kritik am System und an sich selbst, kriegt doch in erster Linie das kollektive linksintellektuelle In-Ohnmacht-Fallen angesichts herrschender Verhältnisse eins aufs Dach.

Georg Schubert, Juliette Eröd, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Fassungslos stehen die Figuren vor dem Fakt, dass ihre gut eingeübten gesellschaftlichen Diskurse nichts mehr gelten und plötzlich die ideologische Gegenseite die öffentliche Hegemonie beansprucht. Politiker machen sich via Twitter ihre Nachrichten selber, Plattformen regieren über Blattformen. Und während man sich an Markus anbiedert oder sich ihm gegenüber abweisend verhält, wird gestritten, geprügelt, gejammert, entgleist.

Wird Faschismus-Fantasien und solchen über Bürgerwehr und Blasmusik, Reaktion und Ressentimentkultur freier Lauf gelassen. Das alles könnte konzentrierter sein, vor allem in der letzten halben Stunde zerfasert die Aufführung von der brisanten Pointiertheit doch in die Beliebigkeit, gerät die Zankerei zunehmend zäh.

Nichtsdestotrotz sind die Schauspieler gewohnt großartig: Beatrix Brunschko als feministischer Freigeist Barbara, Juliette Eröd als esoterisch angehauchte Dora, die noch dazu frischen Trennungsschmerz zu verwinden hat, Jens Claßen als verbrauchter, ausgeschriebener Frank, den seine junge, noch an das Gute im Journalismus glaubende Geliebte Birgit, Lisa Schrammel, unbedingt zum Vater machen will, Georg Schubert als Harry, dieser seit seinem Absturz Lohnschreiber in SPÖ-Diensten. Lorenz Kabas schließlich gibt den gutmütigen Querdenker Clemens, er als Standesvertreter einer bedrohten Art zweifellos der Sympathieträger des Abends. Weshalb ihm in einer der zahlreichen surrealen Szenen, zu einer endlosschleifigen, in Englisch gehaltenen Kanzler-Kurz-Rede, auch der beste Satz gehört, nämlich: „Ignorieren Sie diese Stimme!“

Trailer: vimeo.com/300373630

dastag.at

  1. 11. 2018