Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (großartig, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sonst schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Akademietheater: der herzerlfresser

Oktober 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mehr fleisch, mehr rohes fleisch!

Peter Knaack als fußpflege irene, Irina Sulaver als fauna florentina, Sebastian Wendelin als pfeil herbert, Merlin Sandmeyer als gangsterer andi und Johann Adam Oest als acker rudi. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Peter Knaack als fußpflege irene, Irina Sulaver als fauna florentina, Sebastian Wendelin als pfeil herbert, Merlin Sandmeyer als gangsterer andi und Johann Adam Oest als acker rudi. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Da war er also wieder, ein Theaterabend, von dem man sicher sein kann, dass die Dramaturgensynapsen Cha-Cha-Cha tanzen, und man selber sitzt drinnen und denkt – was?, und ist sich in diesem Moment seiner intellektuellen Nackerpatzigkeit bewusst. Weil das Burgtheater und ein gehypter Jungautor und sein Leib-und-Magen-Regisseur können doch nicht irren, der Mühlheimer Dramatikerpreis lugt garantiert schon ums Eck und vielleicht auch ein Nestroy-Preis (allein schon, weil Burgtheater), aber bitte – was?

Am Akademietheater kam Ferdinand Schmalz‘ „der herzerlfresser“ zur österreichischen Erstaufführung, im quasi Untertitel hieß es „wiener roh(fleisch)fassung“ und genau das hätte man sich gewünscht. Mehr fleisch, mehr rohes fleisch. Doch es ist erstaunlich, wie blutleer eine Angelegenheit über Kannibalismus sein kann, über den okkulten Glauben daran, dass das Verzehren von Menschenteilen dem Täter einen Nutzen bringe, wenn selbst die von Schmalz versuchte Klammer Kannibalismus = Kapitalismus = Konsumsatanismus nichts zu umfassen vermag.

Als Fußnote kurz die zugrundeliegende Geschichte: 1786 wurde in der Steiermark der Knecht Paul Reiniger des mehrfachen Frauenmordes angeklagt. Der Spieler und Alkoholiker schnitt den Leichen seiner Opfer das Herz aus der Brust und aß es, in der Annahme, dies würde ihm nicht nur Glück mit den Karten, sondern à la longue auch die Unsichtbarkeit bringen. Wiewohl Kaiser Joseph II. die Todesstrafe abgeschafft hatte, ließ er Reiniger doch mit Stockhieben zu Tode foltern. 70 Jahre später gab’s ebenfalls in der Region um Kindberg einen Trittbrettfahrer, der nie gefasst wurde und erst auf dem Totenbett gestand.

Der Mörder und sein nächstes Opfer: Irina Sulaver und Sebastian Wendelin. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Der Mörder und sein nächstes Opfer: Irina Sulaver und Sebastian Wendelin. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Ermitteln undercover: Johann Adam Oest und Merlin Sandmeyer. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Ermitteln undercover: Johann Adam Oest und Merlin Sandmeyer. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Hier setzt der Grazer Schmalz an. In der Provinz wird ein „Einkaufszenter“ gebaut, ein Shoppingsumpf über einem tatsächlichen, und der gibt ausgeweidete Frauenkörper frei. Der Bürgermeister will vertuschen, weil schlechte Kunde, keine Kunden, ein Securitymann soll undercover den Schlächter finden. Eine fauna florentina bangt um ihre Natur, transgender-fußpflege irene hat die ihre grad gefunden, die eine liebt den Securitymann, die andere den Bürgermeister. Und dazwischen schleicht er schon herum, bis er sich in einem monströsen Monolog über die entsetzliche Gnadenlosigkeit der Liebe enttarnen darf.

Es gibt für Texte eine Höchstbelastungsgrenze an Metaphern, und diese hat Schmalz eindeutig überschritten. Statt sich auf den Abgrund der Liebe, auf dessen Doppelbödigkeit stets das Leid liegen muss, statt sich auf den Menschen als darob zerteiltes Ganzes zu konzentrieren, packt er rein, was geht, überfrachtet, verhirnt und ergo entsaftet, bis der Sumpf ob der vielen Nebenarme in Beliebigkeit versandet. Die Sprachspiele rund um die Begriffe Herz und Fuß und Kundschaft oder regional vs global gehen einem umso mehr als auf die Nerven, als abgefasst in einem PseudoHorváth- oder auch Werner-Schwab-Tonfall, nur dass sich hier nicht erschließt, wann und warum die Sprache bricht und von einer Diktion in eine andere gewechselt wird. Das Stück mäandert, trudelt zwischen selbst errichteten Klippen wie schiffbrüchig und kein Land nirgendwo.

Lässt sich einem wie Schmalz nun liebevoll nachsagen, er hätte ein Zuviel an Ideen nicht zu kanalisieren vermocht (und dabei auch keine Hilfe erhalten oder gesucht), so mangelt es Regisseur Alexander Wiegold definitiv an dieser Fülle. Er zeigt eineinhalb Stunden lang den immer gleichen Christbaumlamettawald in Dunkelblau und lässt die Darsteller darin gestelzt herumstacksen, als gelte es nur das im Höchstmaß Artifizielle als veritable Kunst auszuweisen. Die Inszenierung geht zum Zuschauerraum auf größtmögliche Distanz, kein Eingang ist in sie zu finden, und tatsächlich ist das Berührendste, Authentischste, Unverfälschteste ein Schäferhund, der zwei Mal über die Bühne laufen darf. Auch da erschließt sich allerdings nicht, warum er’s tut. Das Tempo ist larghissimo, der Witz im slow-burn-Modus.

Liebe bis zum Wahnsinn: Peter Knaack. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Liebe bis zum Hysterieanfal: Peter Knaack. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Zwei neue Ensemblemitglieder stellen sich mit dieser Aufführung vor, Irina Sulaver als fauna florentina und Merlin Sandmeyer als Securitymann gangsterer andi, und man freut sich schon darauf, die beiden in anderen Arbeiten zu sehen. Johann Adam Oest als Bürgermeister acker rudi ist ein Vollprofi, der über alle Untiefen souverän hinwegsteigt.

Peter Knaack hat als irene die – um’s Schmalz-ig zu sagen – Herzen des Publikums auf seiner Seite. Er versteht es, aus seiner abstrakten Figur eine(n) Leidensmannfrau zu machen und die durchgängige Monotonie immerhin mit einem peinlichen Hysterieanfall und einer hinreißenden Liebesszene zu unterbrechen. Sebastian Wendelin ist als pfeil herbert der rätselhafte Serienkiller, ein Geisteswesen, das zum umgehenden Gespenst wird, ebenso eine Art Gewissen ist, aber auch er kann mit seiner Performance die aufkommende Langeweile nicht wettmachen. „der herzerlfresser“, das sind 90 Minuten, die ohne jede Gültigkeit zur Ewigkeit werden, man verlässt das Theater und hat erfahren – was?

www.burgtheater.at

Wien, 11. 10. 2016

MuTh – Justus Neumann: Häuptling Abendwind oder Kaufe Niere – bezahle bar

September 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das beste Bratl aus dem Publikum

Justus Neumann als Häuptling Abendwind mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Justus Neumann als „Häuptling Abendwind“ im Clinch mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Meine Herren, die Männer haben’s in dieser Vorstellung wirklich nicht leicht. Weil: Immer wenn Justus Neumann „Meine Herren!“ sagt, müssen sie aufstehen und sich verbeugen. Als „Häuptling Abendwind“ sucht er das beste Bratl aus dem Publikum für seinen Gast, den Biberhahn, und da ist der eine Zuschauer zu zäh, der andere zu fett, ein dritter zu sehnig, um einen g’scheiten Festschmaus abzugeben.

Den eigentlich dafür angedachten, einen tamilischen Flüchtling aus Traiskirchen namens „Sohn der Sonne“, hat ihm nämlich die Fremdenpolizei in Schubhaft gesteckt, also muss Ersatz her … So ist es, wenn der große Neumann sich an Nestroys Kannibalenburleske macht.

Zum angedroht letzten Mal spielt Justus Neumann dieser Tage in Wien Theater. Im MuTh begeht er diesen Abschied von seiner Heimatstadt, weil ihm der Weg von Tasmanien an die Donau mittlerweile doch zu beschwerlich wird. Das heißt, eigentlich ist er gekommen, um zu bleiben. Als Klimaflüchtling. Australien ist abgebrannt und mit österreichischem Pass tut man sich hierzulande relativ leicht punkto Asyl.

Die Nestroy Gesellschaft fühlt sich verpflichtet etwas für den nunmehr Mittellosen zu tun, und bittet ihn die Faschingsposse „Häuptling Abendwind“ aufzuführen. Als Solo. Was Neumann vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt …

Die er natürlich mit Bravour, Publikum und einer überlebensgroßen Biberhahn-Puppe von Meisei Koji meistert. Neumann bettet den Nestroy in seine eigene Geschichte ein, und das macht er so gewitzt wie g’feanzt wie clownek – echt Wienerisch eben. Im rotweißrot gestreiften Leiberl erzählt er von den menschlichen Grauslichkeiten, gibt Couplets von Bildungsnotstand bis Notstandsverordnung zum besten, und schiache Wienerlieder, in denen kein Herz golden, aber der Zustand ein b’soffener ist. Sein Sohn Julius Schwing begleitet ihn auf der E-Gitarre, da kommt ein bissl Steve Vai-Stimmung auf, und der Höhepunkt ist sowieso die Dialektfassung von Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“.

Neumann muss nichts am Stück aktualisieren. Er singt sich einfach durch den österreichischen Literaturkanon, da erkennt man durchaus, dass dies „kein schöner Land“ einst k.k. Kriegstreibernation war, und besser ist es lange nicht geworden, bis der Kannibalismus als Thema dieser Tage wieder Einzug hielt. Die Niere verkauft übrigens einer, der sich ums Geld dafür eine Bootsfahrt in die bessere Hälfte der Welt leisten will. Das ist so tragisch und zugleich so komisch geschildert, Neumann, dieser Faun von einem Volksschauspieler, regt wie immer zum Lachen und Gedanken machen an. Und wie immer fährt seine Fantasie Ringelspiel, wenn er Luftschlösser und Kartenhäuser baut, wenn er an die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des Lebens Watschn austeilt, als wären sie sein persönlicher Calafati. Auch mit dem Biberhahn ringt er auf Leben und Tod, der würgt ihn, aber Neumann kann ihm schließlich doch den Kopf abreißen …

Der Nestroy Gesellschaft hat’s nicht gefallen, ihr Präsident reagierte sogar höchst erbost. Was Justus Neumann schlussendlich aber wurschtl ist. Selbst Nestroy ist mit diesem Stück durchgefallen, die Kritik fand die Handlung zu „abgeschmackt“. Sagt Neumann. Und lässt es aus einem Tennisschläger Seifenblasen regnen.

Regie: Hanspeter Horner. Vorstellungen bis 22. September.

www.muth.at

www.justusneumann.com

Wien, 13. 9. 2016

Burgtheater: Der Diener zweier Herren

Juni 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch an der Burg essen sie Bohnen

Andrea Wenzl (Beatrice), Markus Meyer (Truffaldino), Peter Simonischek (Pantalone De’Bisognosi). Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Truffaldino weiß, wie man schwungvoll serviert: Markus Meyer mit Andrea Wenzl und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Dass Christian Stückls Inszenierung von Goldonis „Diener zweier Herren“ am Burgtheater, wie mancherorts gemunkelt, keine Italianità besäße, kann man so nicht sagen. Es ist halt nicht die Tarantella-Stracciatella-Variante davon, eher erwartet man, dass jeden Moment Giuliano Gemma um die Ecke biegt. Bei Stückls Arbeit stand nämlich die Mafia Pate. Der Regisseur hat das Personal der Commedia dell’arte in eine ehrenwerte Gesellschaft verwandelt.

Das erinnert an Alvis Hermanis‘ Versuch zum „Weiten Land“ vor einigen Jahren, doch anders als bei dessen Verschnitzelung geht sich das Ganze diesmal aus. Die Schießeisen sitzen locker, die Fäuste auch, und wenn Intrigieren immer noch bedeutet, jemanden in Verlegenheit zu bringen, ist diese Interpretation hier genau richtig. Auch an der Burg essen sie Bohnen.

Stefan Hageneier hat dafür ein dringend renovierungsbedürftiges Venedig erdacht, eine desolate, im Halbdunkel gehaltene Taverne, in der das tückische Treiben stattfindet; man trägt naturalmente Nadelstreif, jedes angespielte Musikstück von Tom Wörndl klingt nach il canto di malavita. Und es wird Italienisch gesprochen. Die Grußformeln und die Essensbestellungen. Peter Simonischek, der als Pantalone de‘ Bisognosi seine Toni-Erdmann-Zähne mit auf die Bühne gebracht hat, erklärt die Temperatur der Aufführung mit einem Halbsatz seiner Figur: „Ohne Jubel-Trubel, aber Heiterkeit!“ Simonischek spielt mit großer Lässigkeit den Patriarchen; er changiert zwischen liebevoll polterndem Papà und einem gerissenen Raubtier von Geschäftsmann. Sein Pantalone ist einer, der gewiss keine Leichen im Keller hat, weil er sie lieber gleich im Canal Grande versenkt. Keine Sekunde lässt er Zweifel daran aufkommen, dass er die Liquidierung unliebsam gewordener Handelspartner mit links erledigen würde, es gehört zu den Stückl’schen Zwischentönen, dass Schwiegersohn in spe Silvio, gespielt von Christoph Radakovits, als er das erste Mal auftritt, bereits weiß, dass der Turiner Federigo Rasponi aus dem Weg geräumt worden ist …

Mit dessen verkleideter Schwester Beatrice kommt der Diener Truffaldino in die Lagunenstadt. Und Markus Meyer brilliert in dieser Rolle einmal mehr. Nach seiner fulminanten Toinette ist auch sein Truffaldino der Spielmacher; Meyer ist diese Saison der MultitasKing der Burg, der König der Spaßmacher, welch ein Komödiant, wenn sich der Lakai zweier Herren in seinem eigenen Lügenlabyrinth verirrt, dabei einer, der nie vergißt, die Tragi- in der -komödie mitzuspielen. Immerhin ist Truffaldino so geringfügig beschäftigt, dass es nicht zum Brot, geschweige denn zur Butter reicht. Der Bergameser ist einer der working poor, die sich zwischen zwei Jobs zersprageln, und zwischendurch noch versuchen, ihr Singledasein zum Liebesleben upzugraden, wie gegenwärtig dieses Moment doch ist. Den Höhepunkt hat sein largo al factotum in der berühmten Servierszene in zwei Zimmern, in der Meyer sein akrobatisches Tanztalent austoben kann – bis zum wortwörtlich ausgeführten Spagat. Eine Übung, die der Publikumsliebling beim tosenden Schlussapplaus gerne und zum Gaudium aller wiederholt.

Stückl setzt von Anfang an auf hohes Tempo, um die von Goldoni erdachten Irrungen und Wirrungen auf der Bühne umzusetzen. Keiner darf hier recht zum Nachdenken kommen, sonst wäre die Absurdität der Situation schnell aufgeflogen, lieber bewegt man sich zwischen den Eckpunkten skurrilen Slapsticks und grotesker Grausamkeit. Da wird ein Finger, von einer zugeschlagenen Türe blutig angetrennt, schnell wieder angenäht, ein Schneuztüchl drumherum und gut ist’s. Oder ein Kaugummi unter der Tischplatte hervorgekratzt und frischgekaut, um betrügerisch geöffnete Briefe wieder zu versiegeln. Das geht an die Magennerven. Die Charaktere sind so zornig wie zotig, es wird geflegelt, gefressen und kopuliert, was das Zeug hält. Der Charme ist rustikal, die Scherze derb, das Ensemble kämpft sich gegen die Tücken der Drehbühne vorwärts wie gegen einen anschwellenden Sturm. Stückl macht, was er am besten kann: Volkstheater. Im besten Sinne. Und seine Schauspieler meistern die vorgeschriebenen lazzi toll und dreist.

Mavie Hörbiger (Smeraldina), Christoph Radakovits (Silvio), Hans Dieter Knebel (Brighella). Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Bei Smeraldina sitzt das Schießeisen locker: Mavie Hörbiger, Christoph Radakovits und Hans Dieter Knebel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Peter Simonischek (Pantalone de’Bisognosi), Hans Dieter Knebel (Brighella), Johann Adam Oest (Dottore Lombardi). Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Peter Simonischek bleckt die Toni-Erdmann-Zähne: mit Hans Dieter Knebel und Johann Adam Oest. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Allen voran Mavie Hörbiger als Smeraldina. Weil jede gute Mafiageschichte eine schwarze Witwe braucht, wurde sie in eine solche verwandelt, eine Ammenhexe mit Hakennase und schwarzer Adjustierung, eine mannstolle herbe Schönheit, die sich mit ihrer  Rauhnacht-Stimme als Mitglied der von einer Herrschaft unterdrückten Klasse ausgibt. Skeptisch schaut sie auf die Welt, und was sie über die zu sagen weiß, ist nur die Wahrheit, die Waffe hat sie schnell zur Hand, und doch träumt sie wie jedes Mädchen nur vom Traualtar. Ein Glück, dass Truffaldino sie schon nehmen würde, wenn sie nur „wöllte“.

Ebenso wie Hörbiger hervorragend, ist auch Andrea Wenzl als Beatrice bestechend gut. Mit tiefem Timbre und im feingerippten Ruderleiberl gibt sie in der Hosenrolle „den Neuen“ im Revier, den Stecher, der der eingesessenen Sektion der Familie das Fürchten lehren will. Es ist fein, die Charakterdarstellerin einmal in einem Lustspiel zu sehen und, wie luftig-leicht sie sich damit tut. Wobei ihrer Beatrice freilich der melodramatische Part in dieser Aufführung gehört.

Ihr Liebhaber, Sebastian Wendelin als Florindo Aretusi, ist gegen so viel Frauenpower ein verweichlichter Waschlappen, der mit großen überraschten Augen auf das Geschehen blickt, doch schnell mutiert er vom weinerlichen Elendshäufchen zum herrischen Patron, wenn’s der Dienerschaft etwa um die Bildung einer Gewerkschaft geht. Christoph Radakovits ist als Silvio sein dümmlich aufbrausender, weil eifersüchtelnder Widerpart. Johann Adam Oest gibt den Dottore Lombardi als einwandfreien Paragraphenreiter, dessen ausschweifend lateinische Ausführungen Pantalone an den Rand der Verzweiflung bringen, Irina Sulaver die Clarice als pikiert-pikantes Früchtchen mit Hang zu Heulausbrüchen, wenn’s nicht nach ihrem Kopf geht.

Goldonis Grundidee, die zani, vecchi und innamorati über Stereotype hinaus, von der Possenreißerei in ein Sittenbild seiner Zeit zu verwandeln, ist Stückl treu geblieben. Von Panama bis zum Brexit gibt’s ein paar aktuelle Anspielungen, so wohl dosiert, dass sie gut ankommen können ohne wehzutun. Wie ein Ruhepol inmitten des Irrwitz‘ sind Hans Dieter Knebel als Wirt Brighella und Stefan Wieland als sein stoisch-intellektueller Kellner Luigi. Sie gestalten ein Kabinettstückchen an Lakonie, während es rund um sie lebensgefährlich um nicht gedeckte Wechsel und ruinöse finanzielle Transaktionen geht.

Am Ende gibt es drei sich gefunden habende Liebespaare, einen verbrecherischen Big Boss, der fester im Sattel sitzt denn je, Stückls subtil auf die Wunde sozialer Ungerechtigkeit gelegten Finger, und hochzufriedene Zuschauer. Stückls „Diener zweier Herren“ ist jetzt schon ein Spielplanrenner, am Montag bei vollem Hause trotz EM-Achtelfinale Italien-Spanien, und wird’s kommende Saison noch bleiben. Fortsetzung also ab September …

www.burgtheater.at

Peter Simonischek ist „Toni Erdmann“, Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20924

Wien, 28. 6. 2016

museum gugging: johann hauser … der künstler bin ich!

Mai 30, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Jubiläumsschau über den Schöpfer des Blauen Sterns

Johann Hauser mit Pin-up-Skulptur, 1987. Bild: Mathias Braschler

Johann Hauser mit Pin-up-Skulptur, 1987. Bild: Mathias Braschler

Am 5. Juni begeht das museum gugging sein 10-jähriges Jubiläum. Gefeiert wird mit einer großen Art Party und der Ausstellungseröffnung des Ausnahmekünstlers Johann Hauser. Hauser wurde schon sehr früh zum Star unter den Gugginger Künstlern. Mit seinem prägnanten Strich war er von anderen Künstlern wie Jean Dubuffet bis Arnulf Rainer hoch geschätzt. Seine Bildnisse von schönen und hässlichen Frauen, Raketen und Panzern, Schlangen und Schlössern sind intensiv, mächtig und bewegend.

Kaum einer eignet sich mehr dazu, zehn Jahre museum gugging gebührend zu feiern. Die Schau „johann hauser … der künstler bin ich!“ gibt mit ungefähr 200 Werken einen repräsentativen Einblick in sein Lebenswerk.

Kurator ist der künstlerische Direktor des museum gugging, Johann Feilacher, der Johann Hauser persönlich über einen Zeitraum von 13 Jahren begleitete. Hauser, Schöpfer des Blauen Sterns von Gugging, hat hunderte farbenprächtige Bildnisse geschaffen, die in öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit vertreten und aus der internationalen Art Brut-Szene nicht mehr wegzudenken sind. Seine Frauendarstellungen sind voll offensiver Erotik und beeindrucken durch ihre kraftvolle Strichführung. Seine verspielte Seite zeigt der Künstler bei seinen Darstellungen anderer Themen: Flugzeuge, Kriegsschiffe, Hubschrauber, Schlösser, grüne Schlangen. Sie ziehen die Betrachter durch ihre farbliche und emotionale Intensität in ihren Bann.

Johann Hauser, Nackte Frau mit Hut, 1986. Bild: Privatstiftung Künstler aus Gugging

Johann Hauser, Nackte Frau mit Hut, 1986. Bild: Privatstiftung Künstler aus Gugging

Flugzeug mit Bombe, 1986, Bleistift, Farbstifte, Sammlung Helmut Zambo. Bild: Privatstiftung - Künstler aus Gugging

Flugzeug mit Bombe, 1986, Sammlung Helmut Zambo. Bild: Privatstiftung Künstler aus Gugging

1926 in Bratislava geboren, musste Johann Hauser in seiner frühen Jugend in ein Umsiedlungslager nach Niederösterreich. In die Landes-Nervenklinik Maria Gugging wurde Hauser 1943 im Alter von 17 Jahren eingewiesen, 1986 übersiedelte er in das Haus der Künstler in Gugging. Der Psychiater und Leiter der Männerabteilung, Leo Navratil, entdeckte sein Talent und begann ihn zu fördern. So begann er erst im Alter von 32 Jahren zu zeichnen. Der zum “Künstler-Patienten” aufgestiegene Hauser wurde 1965 erstmals publiziert und andere Künstler, vor allem der Wiener Avantgarde, waren von seiner Kunst begeistert.

Der Maler Peter Pongratz bezeichnete ihn als den Lehrer, der ihm zeigte, was Kunst ist, der “Übermaler“ Arnulf Rainer stellte gar fest, dass Hauser 99 Prozent der professionellen Maler degradiere. Erste Ausstellungen in den 1970er-Jahren brachten frühe Erfolge und erste Publikationen. Unter Navratils Nachfolger Johann Feilacher, der das „Zentrum für Kunst- und Psychotherapie“ in das „Haus der Künstler“ umwandelte und von der Klinik abtrennte, wurde Hausers Werk in ganz Europa, den USA und Japan gezeigt. Hauser wurde zu Vernissagen in Helsinki, Köln, Philadelphia oder New York eingeladen und genoss seinen Ruhm und die damit verbundenen Reisen.

Im Jahr 1990 erhielt er mit seinen Gugginger Künstlerkollegen den Oskar-Kokoschka-Preis für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst. Hauser starb im Jänner 1996. Er hinterließ etwa 2.500 Zeichnungen und fast 150 Radierungen.

www.gugging.at

Wien, 30. 5. 2016