Kleine Germanen: Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch

Mai 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie man aus Kindern Neonazis macht

Die kleine Elsa salutiert im Waffenrock ihres Großvaters. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Für Führer, Volk und Vaterland“, der Großvater schwört Elsa von klein auf darauf ein. Die steht da, verliert sich in seinem übergroßen Waffenrock, aber salutiert brav zu den Befehlen des ewiggestrigen Opas. Mit 13 tummelt sich Elsa unter Rechtsextremen, heiratet mit 18 Thorsten, wird zwei Mal Mutter – und erzieht ihre Kinder im gleichen Geiste: Der Kampf für die Heimat als heilige Pflicht …

„Kleine Germanen“ der Regisseure Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh ist zweifellos der Aufregerfilm dieses Kinofrühjahrs. Schon vor dem Leinwandstart tobten die rechten Internet-Trolle gegen die „antideutsche Hetze“, die Gegenseite feuerte mit Argumenten wie, die Filmemacher hätten eben dieser rechten Szene allzu kritiklos die Rednerbühne überlassen. Was „Kleine Germanen“ aufzeigen will, ist ein kaum aufgearbeitetes gesellschaftspolitisches Problem: Kinder, die in einem demokratiefeindlichen Umfeld aufwachsen und nach den Prinzipien rechtsextremer Ideologie erzogen, Kinder, die zu Neonazis gemacht werden, und dies nicht etwa in den Strukturen einschlägiger „Springerstiefel“-Gruppierungen , sondern in einem moderat wirkenden Teil einer Mittelschicht, die aber tatsächlich von rechtspopulistischen Strömungen geprägt ist. „Kleine Germanen“ ist als Dokumentarfilm über Erziehungsmethoden nicht unproblematisch, denn in Ermangelung der Gesprächsmöglichkeit mit „echten rechten“ Kindern, können Geiger und Farokhmanesh in Interviews nur deren Eltern zu Wort kommen lassen.

Die Kronzeugin musste, da Geflüchtete aus und nun Verfolgte von der Szene, vollkommen anonym bleiben. Ihre Geschichte, die der kleinen Elsa, zieht sich in Animationssequenzen von 1974 bis ins Jahr 2000 als roter Faden durch den Film. Heute startet „Kleine Germanen“ in den österreichischen Kinos. Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch:

MM: Sie kommen in politisch interessanten Zeiten nach Österreich. Welches Stimmungsbild vermittelt sich Ihnen?

Frank Geiger: Dass Demokratie wieder auf dem Vormarsch ist, dass es möglich ist, eine Regierung abzuwählen, eine Expertenregierung einzusetzen. Das würde ich mir für Deutschland auch gerne wünschen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Lage in Österreich instabil ist, ich kann mir zwar vorstellen, dass manche Leute Angst haben, aber für mich ist, was hier passiert, ein ganz normaler demokratischer Prozess, den man ruhig öfter mal haben könnte.

MM: Obwohl die großen Volksparteien bei der EU-Wahl europaweit Stimmen verloren haben, kam es nicht zum prognostizierten extremen Rechtsruck. Hat Ibiza den vereitelt?

Geiger: Ich glaube schon, sonst wäre die FPÖ vielleicht stärkste Kraft geworden, aber ich wage es nicht zu prophezeien, wie’s weitergeht.

Mohammad Farokhmanesh: Wir sind letztendlich „nur“ Filmemacher, trotzdem ist auch meine Einschätzung, dass die Menschen jetzt erkennen können, dass man Rechts auch kippen kann. Jetzt haben die Leute mal die Möglichkeit zu sehen, dass Regieren auch anders gehen kann.

MM: In Ihrem Film „Kleine Germanen“ sprechen Sie auch mit Österreichern: dem Sprecher der Identitären Bewegung Martin Sellner, dem Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher Andreas Peham, dem Aussteiger aus der Szene Alexander Lingner. Warum war es Ihnen wichtig, unter den „Germanen“ auch Österreicher zu haben?

Geiger: Weil im rechten Spektrum über die Landesgrenzen hinweg Vernetzung stattfindet, das Verständnis ist ja da anders, vor allem im ganz extremen deutschnationalen Bereich wird das als Einheit gesehen. Ich glaube, Herr Sellner und Götz Kubitschek, in Deutschland der Verleger der Neuen Rechten, der im Film auch zu Wort kommt, sind ziemlich dicke miteinander. Diesen Kontakten wollten wir auch Rechnung tragen. Herr Lingner hat sich hingegen von seiner Familie komplett gelöst.

MM: Während die rechten Aktivisten jovial und gutgelaunt in Ihre Kamera sprechen, wollten sich die meisten Expertinnen und Experten gegen rechts aus Furcht vor rechts nicht abbilden lassen. Ihre Analysen sind nur aus dem Off zu hören. Was sagt das über die Lage aus?

Geiger: Viele von den Experten beraten auch an Schulen und Kindergärten, die legen keinen Wert darauf, öffentlich bekannt zu werden, weil es ja auch ein sehr sensibler Bereich ist, in dem sie arbeiten. Daher haben wir diese Off-Kommentare dann auch als konsequentes Mittel eingesetzt, im Sinne von: die Expertenposition ist eine rationale Position, eine, aus der von außen draufgeguckt wird. Unser Film versucht das Thema aber auch emotional anzugehen, gerade durch die Animationssequenzen, da wollen wir ein Gefühl für diese Szene rüberbringen. Klar, die Rechten leben gerade sehr selbstbewusst auf und verstehen sich als die, die hier bald die Macht erringen werden. Das war uns schon klar, aber gerade diese Perspektive wollten wir vermitteln, und nicht immer nur die Perspektive derer, die im linken Elfenbeinturm sitzen.

Farokhmanesh: Weil es vor allem auch darum ging, die Kindererziehungsmethoden zu zeigen. Denn wer Kinder überzeugt, kann auch Erwachsene überzeugen, deshalb wollten wir die Rechten zeigen, wie sie normal und privat sind, nicht die, die skandierend auf den Straßen marschieren und Parolen rausschreien, sondern die „netten Menschen“, die versuchen, andere Menschen auf diese Art und Weise auf ihre Seite zu ziehen.

MM: Wobei die Frage ist, wie „normal“ sich Ihre Interviewpartner gezeigt haben. Es ist beinah erschütternd zu sehen, welch ausgepuffte Medienprofis das sind, denen kein falsches Wörtchen über die Lippen kommt. Das Springerstiefel-Image ist in diesen Kreisen ganz klar passé.

Geiger: Das stimmt, und wir waren ja im normalen Umgang mit denen, und der ist eher unproblematisch. Und dennoch merkt man diesen eisigen Kern, den diese Menschen haben. Da ist irgendwas ganz tief drinnen vereist, und sobald es um gewisse Themen geht, gewisse Themen diskutiert werden, stößt man an eine Wand, die man niemals durchdringen kann. Unser Ansatz ist: Wo kommt diese Wand her? Was ist da schiefgelaufen? Da sind wir der Meinung, dass es ein pädagogisches Problem, ein Erziehungsproblem ist. Diese Menschen waren alle mal Kinder, sind so erzogen worden, erziehen ihre Kinder im selben ideologischen Sinne – und wenn man das tut, nicht mit dem Ziel, die Kinder zu lieben und ihnen im Leben Unterstützung zu geben, sondern sie in dieses Gedankenkorsett zwängt, dass sie zu einem bestimmten Zweck dienen, dann wird’s eng.

MM: Und der Zweck wäre?

Geiger: Du bist nicht gut oder lieb, sondern du hast von Nutzen zu sein, nur dann bist du ein Mensch. Dieses Zweckdenken ist bei rechten Eltern extrem ausgeprägt. Wenn eine Erziehung so abläuft, kommt es zu diesem eisigen Kern. Das ist das Thema, das wir versucht haben, aufzuzeigen.

Farokhmanesh: Die Erfahrung, die wir seit drei Wochen machen, seit wir mit dem Film unterwegs sind, ist, dass die Mehrheit der Zuschauer, die in diese hermetische Welt bisher ja keinen Einblick hatte, unglaublich erschrocken ist, wenn sie hören, wie da mit Kindern umgegangen wird. Wir diskutieren nach den Vorstellungen stundenlang mit dem Publikum.

MM: Apropos, Publikum: Man kann auf Youtube den Trailer zum Film sehen. Die Hasspostings darunter sind gewaltig, da werden vor allem Sie sehr angefeindet.

Farokhmanesh: Genau. Da steht mir mein Name im Weg. Deshalb war ich bei den Interviews mit den Rechten auch nicht dabei, damit sie nicht noch mehr eingeschränkt sind. Aber wir sind leidenschaftliche Filmemacher, und wenn man mir nun ausrichtet, ich sollte lieber über den Islam berichten: das habe ich getan in „Teheran Tabu“, der sich mit Sexualität im Islam auseinandersetzt. Ich habe in „Reich des Bösen“ den iranischen Alltag gezeigt. Jetzt muss ich es in Kauf nehmen, dass man auf mich losgeht.

Geiger: Dieser Beißreflex zeigt doch nur, dass wir einen wunden Punkt getroffen haben.

Götz Kubitschek und Ellen Kositza in ihrem Haus in Schnellroda. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Sellner in einem Wiener Caféhaus. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Es gibt aber auch Kritik von der sozusagen anderen Seite. Jörg-Uwe Albig, Autor von „Zornfried“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32910), schreibt beispielsweise im Spiegel, Ihr Film „bildet völkische Fassaden ab, statt sie zu entlarven“.

Geiger: Haben wir gelesen, ja, und in dem Falle würde ich sagen, er will sein Buch verkaufen. Das ist eben auch ein Phänomen, dass die, die sich ins rechte Thema verbohrt und eine festgefügte Meinung haben, einen anderen Blick haben, eine professionelle Deformation, wenn Sie so wollen, als Menschen, die sich nicht tagtäglich damit auseinandersetzen. Unser Film richtet sich ja nicht an Experten, die sich von morgens bis abends mit rechts beschäftigen, sondern eben an das Publikum, dass die Zusammenhänge zum ersten Mal sieht. Die Experten, haben wir erfahren, sitzen oft in einem Schneckenhaus, weil sie zum Gegenstand ihres Expertentums in Kampf stehen, denen ist es quasi unmöglich, auch einen anderen Blick zuzulassen. Wie gesagt, wir wollten den emotionalen Blick, der diese Kinder zeigt …

MM: Nur sind Sie an diese Kinder nicht rangekommen.

Geiger: Deswegen haben wir das Animationstool.

Farokhmanesh: Ich würde den Kommentatoren, die unseren Film negativ kritisieren, empfehlen, einmal mit Publikum ins Kino zu gehen, damit sie sehen, wie das darauf reagiert. Wir hören ja auch, wir hätten den Rechten eine Stimme gegeben, eine Bühne gegeben, dazu kann ich nur sagen: Es gibt die Neue Rechte, es gibt die AfD, es gibt die NPD, das werden wir jetzt nicht mehr ändern. Man muss an die nächste Generation ran, und an die übernächste, damit sie erkennen, wer da im Bundestag rechtspopulistische Gedanken äußert, und dass diese Herrschaften nicht zu wählen sind.

Geiger: Die Auseinandersetzung mit der Rechten, wie wir sie bisher betreiben, hat nichts gebracht, außer Stimmenzuwächse für diese. Deshalb wollen wir was anders machen, wir sehen den Rechtsextremismus als pädagogisches Problem. Ich glaube, dieser Ansatz wird zu mehr führen. Es gibt auch gerade ein Buch, das heißt „Erziehung prägt Gesinnung“ von Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Pädagoge und in seinem Fachgebiet sehr erfolgreicher Autor, der hat es noch besser als wir auf den Punkt gebracht: dass wer den autoritären Populismus verstehen will, dorthin schauen muss, wo aus kleinen Menschen große Menschen werden, und dass man verhindern muss, dass in diesem Umfeld eine nächste Generation noch vehementer heranwächst.

MM: Wie sollte das gehen?

Geiger: Zum Beispiel, indem wir uns von der Ellenbogengesellschaft verabschieden. Das Konkurrenzdenken ist für die Rechten eine Steilvorlage, die ist Teil ihrer Ideologie, ihrer sozialdarwinistischen Weltsicht: Die Welt ist hart, jeder kämpft ums Überleben, und wer als erster tötet, hat gewonnen. Da sagt der Vater zum Kind: Schau mal an, der wird angegriffen, der wird fertiggemacht, wenn du das nicht willst, musst du ein Sieger sein. Dagegen müssen wir vorgehen, um dieses Phänomen wieder einzugrenzen. Leider muss man sagen, dass da das Schulsystem komplett versagt. Wenn wir mit Lehrern diskutieren, haben die keine Ahnung, wie sie mit solchen Kindern umgehen sollen. Die Lehrer sollten offensiv sein, das Thema angehen, Stellung beziehen, aber den meisten geht es nur um gute Noten – und da sind wir wieder beim Leistungsprinzip.

Farokhmanesh: Meine siebenjährige Tochter kommt unlängst aus der Schule nach Hause und erzählt mir von den Kinderrechten, was sie gelernt habe, wie man mit ihr umgehen dürfe, was ihre Rechte seien, dass niemand sie schlagen dürfe … Das ist Unterricht, wie ihn diese Kinder auch brauchen: eine Anleitung zum eigenständigen Denken.

MM: Sie haben es schon angesprochen: Der rote Faden von „Kleine Germanen“ sind Animationsszenen, die Geschichte dieser sogenannten Elsa, die als Kind vom Großvater indoktriniert wird. Diese Frau hat Ihnen der Verein Exit Deutschland, eine Hilfsorganisation für rechte Aussteiger, vermittelt, Sie haben sie aber nie getroffen.

Geiger: Wir haben telefoniert, sehr lange, drei Stunden und noch mehrmals danach. Sie war sehr reflektiert, hat aber auch sehr emotional erzählt, und man hat manchmal auch gemerkt, wo ihr Trauma liegt. Es waren sehr eindrucksvolle Gespräche, die wir da hatten. Exit hat uns vieles davon bestätigt, weil sie „Elsas“ Prozess des Aussteigens begleitet haben. Das war sehr ergreifend.

MM: Die animierten Bilder sind sehr expressionistisch. Warum haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Geiger: Wir wollten derart den Blick der Kinder zeigen. Es gibt ja auch Nazi-Kinderbücher, und die sind in genau diesem Stil gehalten, mit dieser seltsamen Ästhetik, die ihren seltsamen Geist transportiert.

Farokhmanesh: Das funktioniert auch wirklich sehr gut. Wir zeigen den Film ja auch in Schulklassen, ab 14 Jahren, wir hatten aber auch schon 13-Jährige, und viele sind während des dokumentarischen Teils unruhig, aber wenn die Animation beginnt, tritt Ruhe ein und die Kinder sind hochkonzentriert. Uns wird ja auch vorgeworfen, der Zuschauer kapiert den Film nicht; die Kinder kapieren ihn gut. Gerade die Jugendlichen stellen danach so kluge Fragen, dass mir mitunter der Mund offensteht.

MM: Was Ihnen alles vorgeworfen wird: von zu neutral, zu naiv, bis zu plakativ, zu manipulativ …

Geiger: Und die Rechten und ihre Entrüstung kommen auch noch dazu, ja, wir kriegen’s von allen Seiten.

Farokhmanesh: Viele Kritiker, und da möchte ich noch einmal auf den Spiegel-Kommentar zurückkommen, sind einfach arrogant, weil sie das Publikum als doof ansehen. Die sollen mal kommen, und sehen und hören, was wir sehen und hören.

MM: Eine Szene, die mich durchaus irritiert hat, ist ein Albtraum Elsas, in dem sie gegen eine jüdische Ratte, diese dargestellt mit Schtreimel und Schläfenlocken, kämpfen muss. Das ist hart, auch in Hinblick auf einen der FPÖ-„Einzelfälle“, dem Braunauer Rattengedicht.

Geiger: Diese Kritik haben wir schon oft erwartet, aber noch nie bekommen. Den Topos des Juden als Ratte haben die Nazis aber erfunden, und Elsa hat uns diesen bis heute immer wieder kehrenden Traum genau so erzählt. Sie wurde traumatisiert, sie hat sich Juden als furchtbare Monster vorgestellt, sie hatte Angst, auf die Straße zu gehen, und einem Juden zu begegnen … Das war das Gefühl, dass diesem Kind vermittelt wurde, und das wollten wir optisch auch umsetzen, die Ratte …

MM: Die dann noch ausgerechnet im Feuer sterben muss.

Geiger: Klar, weil Elsa sie besiegt hat.

Farokhmanesh: Wir wollen damit auch die Aggression und den Hass zeigen, den die Rechten haben, und woher der kommt, nämlich aus der Angst, die in der Kindheit geschürt wird. Diese Angst nehmen sie auch ins Erwachsenenleben mit, deshalb sind sie immer so angespannt und abwehrend. Diese Kinder werden in ständiger Angst vor Katastrophen und Krieg gehalten – ohne Grund, denn es geht uns in Deutschland doch gut.

Geiger: Sie werden in Unsicherheit gehalten, das ist ein wichtiges Erziehungsprinzip: Du musst auf alles vorbereitet sein, jederzeit kann uns der Feind überrennen, also züchten wir dich als Soldat für dieses Vaterland heran. Du musst gewappnet sein, wie jeder Soldat im Schützengraben gewappnet sein muss. Angriff! Und du musst aufstehen und mit uns kämpfen! Deshalb treten die Rechten auch immer als Gruppe, nie als Individuum auf, ein gutes Beispiel ist da Herr Sellner, den ich mehrmals gefragt habe, auf welche Leistung in seinem Leben er stolz ist. Aber darauf redete er immer nur von Mozart, das Abwehren der Türkenbelagerung, seine Vorfahren, das Vaterland, als hätte er das Gefühl, nichts selber geleistet zu haben, doch das ist eine anerzogene subjektive Wahrnehmung.

MM: Was mich an Ihrem Film wirklich ärgert, wenn Sie gestatten, sind diese gecasteten blonden und blauäugigen Kinder, die glückselig über Blumenwiesen tanzen. Warum waren die notwendig?

Geiger: Wir haben zwar Kinder von Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza kennengelernt, auch von der Ex-NPD-Politikerin Sigrid Schüßler, aber die durften wir natürlich nicht interviewen. Doch da wir einen Kinofilm gemacht haben und keine TV-Reportage wollten wir auch Kinder zeigen – und haben gecastet. Die Eltern wussten, wofür wir die Kinder abfilmen und die haben alle zugestimmt. Diese Aufnahmen sollen den Film auch in die Gegenwart holen.

MM: Aber bedienen Sie mit diesen Bildern nicht die rechte Legende vom ländlichen Idyll, wo man sich als Biobauer verdingt und der Nachwuchs lernt, wie’s geht mit Kuh und Stier? Auch Elsa samt späterem Ehemann zieht ja aufs Dorf und macht dort einen Hofladen auf.

Geiger: Das ist Realität, das ist ein Image, das sie prägen. Die Rechten ballen sich in ländlichen Gebieten zusammen, ziehen sich zurück, vor allem im Osten Deutschlands, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, weil sie dort billig Grund aufkaufen können, wo die ehemaligen Bewohner ganze Dörfer verlassen haben. Das ist ja auch ihre Vorstellung vom idealen Leben: sich selbst versorgen, nicht vom Ausland abhängig zu sein, eigenen Boden zu haben, möglichst viele Kinder zu haben, die dem rassischen Ideal entsprechen. Das ist der Weg der völkischen Siedler, es gibt tatsächlich schon Gemeinden, für die man eine Reisewarnung ausgeben müsste. Aber, um auf die gecasteten Kinder zurückzukommen: Wir haben aber auch echte rechte Kinder, Aufnahmen von deren Ausbildungslagern …

Elsa und ihr Großvater sitzen auf einer Bank in den Bergen und beobachten die untergehende Sonne. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Aufgenommen aus weiter Ferne und unscharf, und außerdem nicht von Ihnen, sondern aus dem Archiv einer Kollegin, die seit Jahren diese Lager aufs Korn nimmt.

Geiger: Ja, sie spürt sie auf und filmt sie. In Österreich und Deutschland sind sie ja mittlerweile verboten, aber in Skandinavien, neuerdings auch in Ungarn, finden sie statt. Wenn man sich diese Kinder anschaut, sind sie genau so, wie „unsere“. Ich habe den Film in Dresden gezeigt, und die Zuschauer haben mir gesagt: Leute, was zeigt ihr uns da? Was erzählst du uns? Wir haben mit diesem Thema tagtäglich zu tun, wenn wir nach Ostsachsen fahren, wir kennen diese Familien, wir haben täglich mit ihnen zu tun, die kommen und wollen unser Lokal für ein Fest mieten, denn das Kulturangebot kommt nur von den Rechten, von AfD und NDP … Also, dieses Publikum reagiert nochmal ganz anders auf „Kleine Germanen“. In Österreich ist das ja anders, ihr habt die Burschenschaften …

MM: Eine rechte Parallelwelt mit Schmiss.

Geiger: Der erste Österreicher, den wir übrigens sprechen wollten, war Johann Gudenus. Und seine Brüder. Aber die wollten nicht, die haben uns mit der sozialpolitischen Sprecherin aus dem Wiener Landtag abgefrühstückt, die mit einem Wachhund daherkam. Das war völlig unergiebig für den Film. Dabei wäre das eine interessante Familiengeschichte gewesen, die wir da rausarbeiten wollten, bis hin zum verstorbenen Vater John Gudenus. Bei denen geht das rechte Denken ja auch schon seit Generationen.

MM: Aber von Ihnen ist das Ibiza-Video nicht?

Geiger und Farokhmanesh lachen: Jetzt ist es raus. Warten Sie nur ab.

MM: Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was in Österreich bedeutet, einen Saumagen zu haben, nämlich viel schlucken, viel verdauen, im Sinne von: viel negatives aushalten zu können. Nun bejammert die NPD-Politikerin Ricarda Riefling im Film das Verschwinden des Saumagens, weil die pfälzische Spezialität von muslimischen Schweinefleischverweigerern bedroht werde. Frage: Braucht man für solche Aussagen einen Saumagen?

Geiger: Ja, einen Saumagen muss man haben. Den Spruch kannte ich nicht, den muss ich mir merken.

www.littledream-entertainment.com/filme/kleinegermanen           app.gruvi.tv/movies/8830?ref=

30. 5. 2019

Belvedere: Der Kremser Schmidt. Zum 300. Geburtstag

Oktober 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon zu Lebzeiten eine Legende

Martin Johann Schmidt: Venus und Amor, 1788. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Er wird mitunter als letzter großer Maler seiner Zeit gesehen – sein Tod 1801 gilt als spätes Ende der großen Ära des Barock. Und doch reichen seine Einflüsse noch weit in die nächste Künstlergeneration hinein. Martin Johann Schmidt, genannt Kremser Schmidt, zählt bis heute zu den populärsten mitteleuropäischen Barockmalern. Im Oberen Belvedere ist ihm ab 25. Oktober eine Ausstellung gewidmet.

Das Ende des Barock im Jahr 1801 anzusetzen, wirkt fast gewagt. Dennoch kann der Tod des Barockmalers Martin Johann Schmidt durchaus als Ende dieser Ära gesehen werden. Seine Kompositionen haben sich noch lange danach ungebrochener Beliebtheit erfreut. So trugen seine Schüler den Stil des Künstlers noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Kremser Schmidt war bereits zu Lebzeiten ein Klassiker geworden. Neben Paul Troger und Franz Anton Maulbertsch gilt er bis heute als einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Barockmaler. Er genoss überregionale Bekanntheit, wählte aber als Lebensmittelpunkt Stein bei Krems. Von dort führte er seine Aufträge aus. Niemand geringerer als Kaiser Joseph II. besuchte ihn in seinem Haus. Die Reichweite seines Einflusses veranschaulichen jene Werke, die sich im heutigen Slowenien befinden und den dortigen Künstlern eine eminente Inspirationsquelle waren.
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Martin Johann Schmidt: Die Heilige Sippe, 1786. Bild: © Belvedere, Wien

Martin Johann Schmidt: Wirtshausszene, 1781. Bild: © Belvedere, Wien

Der Künstler Kremser Schmidt selbst wurde offenbar stark von Rembrandt beeinflusst, dessen Volkstypen und die vergleichbaren Darstellungen seiner Zeitgenossen das Schaffen des Niederösterreichers inspiriert haben dürften. Ausgehend von den Werken des Künstlers, die sich im Belvedere befinden, wird in der Schau nun sein umfangreiches Oeuvre in allen wichtigen Facetten umrissen.

www.belvedere.at

22. 10. 2018

Burgtheater: Radetzkymarsch

Dezember 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwerelos über dem Abgrund schweben

Trotta und die Slamas beim Totentanz: Daniel Jesch, Philipp Hauß und Andrea Wenzl. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Nach gigantischen Gartenzwergen nun also riesige Luftballons. Sie sind Donnerstagabend am Burgtheater das Bestimmende. Gleiten, entgleiten, müssen ausgewichen, gejagt, gefangen, man von ihnen überrollt werden. Eine Choreografie des Augenblicks, denn einzuüben gibt es da wenig, die sich auf den Zuschauerraum überträgt. Wo die bunten Bälle neu angetippt über die Ränge schweben und seltsame Lichtspiele auf den Köpfen tanzen lassen.

Manch einer murmelt anfangs etwas von Irritation der Konzentration, doch einmal auf den Vorfall eingegroovt, lassen die Luftballons ein einzigartiges Fließen zwischen Bühne und Publikum zu, schaffen ein Einvernehmen über den folgenden Fast-Vier-Stunden-Abend: Johan Simons hat Joseph Roths „Radetzkymarsch“ inszeniert.

Und tatsächlich scheint es ihm mehr darum zu gehen, das Porträt einer Gesellschaft im Schwebezustand zu zeigen, eine Welt auszustellen, die wie schwerelos über dem Abgrund flackert, als die Roth’schen Charaktere psychologisierend durchzudeklinieren. Die nämlich bleiben Schemen und Schablonen, stehen mehr für Prinzipien denn für Eigenschaften. Die Schauspieler agieren entsprechend lapidar und prägnant, doch ohne die hierzuland so perfekt eingeübte hackenzusammenschlagende k.u.k.-Contenance, sobald entsprechende Autoren auf dem Spielzettel stehen.

Der Tonfall ist neu, Koen Tachelets Textbearbeitung ist sprachlich schlank, dennoch eine gültige Version, auch, wenn man freilich an der einen oder anderen Stelle die genialische Schönheit, die eingängige Melodie von Roths Formulierungen vermisst. Unterstützt wird das Ensemble von einer Gruppe Schauspielstudierender, die als Volk, Arbeiter, Diener, Kutscher, Soldaten, Erzählerchor … fungieren. Und alle sind immer auf der Bühne, sie sitzen im Wortsinn auf der langen Bank …

Chojnicki bereitet sein Fest vor: Steven Scharf, Philipp Hauß, Peter Rahmani und Ferdinand Nowitzky. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Der Arzt Skowronnek und der Bezirkshauptmann: Merlin Sandmeyer und Falk Rockstroh. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

1932 erschien Joseph Roths Opus Magnum, in dem er den Zerfall der Donaumonarchie am Beispiel der Familie Trotta darstellt. Drei Generationen werden gezeigt, der Großvater, als Retter des kaiserlichen Lebens zum Helden von Solferino geadelt, der Vater ein treuer Beamter, ein Bezirkshauptmann, der Sohn wieder Militär, doch bereits angekränkelt von den heraufdämmernden neuen Zeiten. Mehr dem Alkohol als dem Ethos der Pflichterfüllung verfallen, wird er sich am Ende im Ersten Weltkrieg doch ermannen – und fallen. Er ausgerechnet, als er für die Kameraden Wasser holen will.

Simons entblößt seine Spieler bis auf fast die nackte Haut. In vergilbter Unterwäsche stehen sie da, entkleidet damit symbolisch auch ihrer Würde oder eines möglichen Würdevoll-Seinwollen, dazu nur ein bezeichnendes Stück Kostüm, wie einen Uniformrock oder einen Zylinder, turnen sie sich durch die Luftballons, Andrea Wenzl einmal auch durch die Herren im Publikum. Der letzte anständig gekleidete ist der Bürokrat, Vater Bezirkshauptmann, der aufrechtstehend wie ein stur insistierender Kapitän sein k.u.k.-Schiff untergehen sieht, an Bord des Narrendampfers seinen Sohn, der sich durchs Leben wie über Wellen treiben lässt. Falk Rockstroh gestaltet ersteren ganz fabelhaft.

Philipp Hauß ist als Sohn Carl Joseph von Trotta gerade Elegiebürschchen genug, um noch erotischer Abenteurer zu sein. Er trägt den Abend in seiner gewohnten Großartigkeit, gibt einen überhitzten, neurotischen, die Schultern hängenlassenden Trotta, den nur der „Neunziggrädige“ abzukühlen vermag. Mit Hauß im Zentrum, wie er vom Zaudern ins fast Hysterische kippt, dabei das Roth’sche „Ich-hab‘-wollen-sagen“ beherrscht, nimmt die Aufführung alsbald Fahrt auf, schnelle Szenenwechsel, Schauspielertheater ohne viel Chichi. Dazwischen verströmen Simons und Tachelet den An-/Schein des Heraufdämmernden. Das rote Wien steht auf, genauso wie der Nationalismus immer stärker wird. Roth schrieb sein Werk nicht nur retrospektiv, sondern erschrocken weise vorausblickend.

Bilder prägen sich ein. Johann Adam Oest als ein Franz Joseph, der an seinem Alter (ver)zweifelt. In starken Momenten macht er klar, dass sich hier ein halber Kontinent in den Fängen eines greisen Kaisers windet, dann wieder stammelt er hilflos „An meine Völker!“, die Kriegserklärung im Nachthemd dargebracht. Hauß als Trotta, der sich mit Kapellmeister Slama, Daniel Jesch, und dessen Frau, seiner Geliebten, bei einem Totentanz umringt (denn sie stirbt bei der Geburt ihres/seines? Kindes). Schließlich Steven Scharf als Graf Chojnicki, beim großen Schlussfest fröhlich den Untergang herbeisehnend, herbeifeierend. Das Gespenst der Monarchie geht da um, und mit ihm die Geister seiner Untergebenen.

Bis auf weniger schlüpfen alle in mehrere Rollen. Andrea Wenzl verkörpert alle Frauenfiguren mehr oder weniger oversexed. Jesch gibt außer dem Kapellmeister auch noch diverse resche Militärs, den Zoglauer und den antisemitischen Tattenbach. Scharf ist außerdem als dessen Feindbild, Regimentsarzt Demant, exzellent, Merlin Sandmeyer als Diener Jacques und Onufrij und als Skowronnek.

Johann Adam Oest als Kaiser. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Der Krieg ist endlich ausgebrochen: Die Schauspielstudierenden sind in Aktion. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Fazit: Johan Simons „Radetzkymarsch“-Interpretation ist eine der anderen, der ungewohnten Art. Sie ist die neue Spielart von etwas altösterreichisch gut Bekanntem. Darauf muss man sich einlassen wollen. Dann kann man genießen. Einigen, natürlich, werden die Haare zu Berge stehen – und das wird nicht nur mit der von den Luftballons erzeugten Reibungselektrizität zu tun haben.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2017

Akademietheater: Ludwig II.

Oktober 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Meyer brilliert als Bayernkönig

Das Ende im Starnberger See: Markus Meyer ist als Ludwig II. ganz großartig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und immer noch großes Kino ist „Ludwig II.“ am Akademietheater. Fast ein Jahr nach der Uraufführung hat die Inszenierung nichts an Kraft eingebüßt. Kraft, Bastian, der Regisseur des Abends, hat den Monumentalfilm von Luchino Visconti in einer reduzierten, komplexen Fassung auf die Bühne gebracht. In der Titelrolle überragend ist Markus Meyer. Das Dreamteam, das schon mit „Dorian Gray“ glänzte, macht aus einer ausgeklügelten Multimediaversion des Historiendramas eine beklemmende Psychostudie des Bayernkönigs und gleichzeitig ein Porträt seiner Zeit und Zeitgenossen.

Neben Meyer agieren Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner ganz großartig. Allesamt sind sie Majestäten in weißen Roben mit langen weißen Schleppen. Den 1973 erst von den Produzenten von vier auf drei Stunden gekürzten, dann von der Zensur verstümmelten Film über den „Märchenkönig“ fürs Theater zu adaptieren, ist an sich eine unlösbare Herausforderung. Kraft gelingt die Übung in weniger als zwei Stunden  – und wie.

Weder verzichtet er auf Viscontis Opulenz, wenn auch in anderer, heutiger Ästhetik, die Protagonisten und ihre Dekadenz in gleißendes Licht getaucht, während rund um sie Finsternis ist (Bühne: Peter Baur), noch auf die etwa zwei Dutzend Schauspieler, die der italienische Filmtitan für sein Opus Magnum bemühte. Auf der Bühne braucht er nur drei Darsteller, um Krönung, Wahnsinn und Fall Ludwigs zu illustrieren, auf der Leinwand aber ist Meyer als sein gesamter Hofstaat, Mutter, Bruder, Beichtvater … zu sehen. In wunderbaren Masken entwirft er das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die ihrem Herrscher nicht nur Gutes wollte.

Unter einem schräg über der Spielfläche hängenden, riesigen Spiegel tritt Markus Meyer als der soeben gekrönte König auf. Ganz in weiß gewandet besteigt er ein weißes Podest und ergibt sich gerade einmal 18-jährig seiner neuen Aufgabe: „Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt“. Diesen so wahren, wie resignativ gesprochenen Satz wird Kraft am Ende noch einmal unterstreichen, indem er in Sekunden-Geschwindigkeit alle möglichen Szenarien, Vorstellungen und Vorurteile, die „mediale Spiegelung“, die Abbildung einer ganzen Epoche stellvertretend auf den Körper des Königs projiziert. Da war dieser schon nackt und auf dem Weg in den Starnberger See, wie schnell könnte alles gesagt sein, doch davor gilt es das Psychogramm eines sensiblen, an Politik wenig interessierten Monarchen zu erkunden, der ein von Verfolgungswahn geplagter, von seiner Regierung in die Enge getriebener und schließlich zum Selbstmord bereiter Wahnsinniger wird.

Markus Meyer mit Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In ihrer Exzentrik einer des anderen Spiegelbild: Regina Fritsch als Elisabeth, Markus Meyer als Ludwig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zu Meyers exzeptioneller Performance gibt Regina Fritsch eine kühle, verhärmte, bisweilen intrigante Kaiserin Elisabeth, die im jungen König dennoch zarte Gefühle entfacht, einer des anderen Spiegelbild in ihrer Exzentrik, und Johann Adam Oest einen durchtriebenen, geckenhaften Richard Wagner, der seinen ergebenen Gönner um viel Geld und Verstand bringt. „Das Leiden an der Welt gehört zu Ihnen“, sagt er an einer Stelle und fordert sein Opernhaus. Bayreuth.

Die wahre Leistung der Inszenierung ist die Ausführung des restlichen Personals: Hier liefern Markus Meyer und Kostümbildnerin Dagmar Bald gemeinsam mit dem für die Videozuspielungen zuständigen Jonas Link ein veritables Wunder ab: Meyer in nicht weniger als einem Dutzend Rollen – von Wagners späterer Frau Cosima über Ludwigs Kurzzeit-Verlobter Sophie bis hin zu Graf Dürckheim oder Josef Kainz (diese Szene, für die sich Meyer unter die Zuschauer begibt, besonders eindrücklich, der Burgstar in Bedrängnis, der schizophrene König, der einen „Romeo“ und keinen Menschen erleben will) -, die wahlweise auf den riesigen Spiegel oder die weißen Schleppen der Schauspieler projiziert werden und somit als bedrohliche Über-Ichs die Handlung vorantreiben. Ein Kniff, der staunen macht und sich über den gesamten Abend nicht abnützt.

Auf Film als Ludwigs gesamter Hofstaat – Beichtvater, Minister, Mutter, Bruder: Markus Meyer (Hintergrund) mit Regina Fritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aus Viscontis Vorlage übernommen hat Kraft hingegen die Vernehmungsszenen von Ludwigs Umfeld, die im Film wie auf dem Theater dessen geistigen Verfall zu Protokoll geben. Die Spielfilmhandlung wird nämlich mehrfach durch Momente unterbrochen, in denen Darsteller vor einem schwarzen Hintergrund direkt in die Kamera blicken und über König Ludwig und sein Verhalten wie bei einer Zeugenaussage sprechen.

Hierzu hat Kraft eine Metaebene eingebaut, die mit wenigen Worten auch die komplizierte Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Films miteinbezieht. „Ich habe diesen Film wieder und wieder gesehen“, heißt es da, oder „Der Film hat zwölf Millionen Deutsche Mark verschlungen“ – in den 1970er-Jahren noch eine Unsumme.

Am Ende bleibt Ludwig in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen ein Geheimnis. Man sieht ihn in Großaufnahme beim Abschminken. Die Höflinge, Verwandten und Diener – alles nur Fassade. Unter all den Masken war ein blasser, scheuer, unglücklicher Mensch verborgen. Entblößt umarmt, besteigt er eine überlebensgroße, weiße Ludwig-Statue, hängt ihr den inzwischen von der Tinte seiner irren Dekrete und wahnwitzigen Entwürfe befleckten Mantel um, um dann im See – einem winzigen Viereck – unterzugehen, langsam, im Spiegel zu sehen, bis schließlich auch der Haarschopf verschwindet. Ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raubt.

www.burgtheater.at

30.10.2017

Volkstheater: Höllenangst

September 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volk kommt nicht die Halfpipe hoch

Familie Pfrim fürchtet sich vorm Leibhaftigen: Günter Franzmeier, Claudia Sabitzer und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für die einen ist es ein Schutzwall, für die anderen eine sturmreife Barrikade, oben sind der Freiherr und der Staatssekretär, unten die Schusterfamilie, die Kammerjungfer, die Bedienten. Immer wieder nehmen sie Anlauf, laufen gegen die Mauer der „Mehrleister“ an, rutschen ab – und landen erneut am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchien. Mit diesem starken Bild beginnt Regisseur Felix Hafner seine Inszenierung von Johann Nestroys „Höllenangst“ am Volkstheater.

Er wiederholt es im Laufe des Abends mehrmals, dieses Anrennen gegen die metallisch-graue Halfpipe zur Einhaltung der Hackordnung, die Camilla Hägebarth als Bühnenbild erdacht hat. „Höllenangst“ ist Nestroys politischstes Stück. Verfasst rund um das Revolutionsjahr 1848, 1849 schließlich auf die Bühne gebracht, stellt es den Machtapparat der Reichen und Privilegierten bloß. Die Dinge werden deutlicher als in anderen Possen beim Namen genannt: ein Minister liegt im Sterben, Adel und Politik bemächtigen sich des Vermögens einer Waise, deren unliebsamer Onkel wird ins Gefängnis verfrachtet – und wenn am Ende, nachdem alles aufgeklärt, die ganze Stadt ob der Wahl eines neuen Ministers „illuminiert“ ist, lässt Nestroy offen, ob vor Freude oder weil’s schon wieder brennt.

Hafner macht im Wahljahr 2017 deutlich, wie bestürzend aktuell, eigentlich: wie zeitlos, dieses bissige Spiel ums Auf und Ab, ums Oben und Unten ist. Zwar sind aus feudalen Abhängigkeiten neoliberalistische geworden, doch ob Ausbeutung oder Selbstausbeutung bleibt sich letztlich gleich. Der Kapitalismus steht in Hochblüte; wer zahlen kann, schafft an. Mit Hafners Interpretation der „Höllenangst“ setzt das Volkstheater den von Direktorin Anna Badora beschrittenen Weg fort, in Theaterklassikern Konflikte der Gegenwart zu spiegeln.

Tauschhandel mit dem „Teufel“: Thomas Frank als Wendelin und Christoph Rothenbuchner als Oberrichter Thurming. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Sturm auf die Barrikaden wird bei Felix Hafner zur Rutschpartie: Kaspar Locher und Stefan Suske (oben), Luka Vlatković, Isabella Knöll, Valentin Postlmayr, Günther Franzmeier und Claudia Sabitzer (unten). Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Pfrims haben für Reichthal wichtige Papiere aufbewahrt: Günter Franzmeier, Gábor Biedermann und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Tempo der Aufführung ist hoch. Unerwartet freigelegte Schlupflöcher in der Halfpipe erlauben rasante Auftritte und Abgänge. Es wird geschlittert, gestolpert, geflutscht, drei Meter rauf-runter-rauf, der Körpereinsatz der Schauspieler grenzt ans Akrobatische,und mehr als einmal fragt man sich, ob’s gerade Absicht war oder gerade noch Glück gehabt? Die Plätze in bester Höhenlage, dort, wo sich die Wohlhabenden vorm Volk absetzen, sind besetzt. Stefan Suske steht als Bösewicht Freiherr von Stromberg über seinem Besitz wie ein Kapitän an der Schiffsreling.

Später wird sich sein Spezi, Kaspar Locher als der in Unschuldsweiß gewandete Staatssekretär Arnstedt dazugesellen. Die beiden haben die Erbschaft von Strombergs Mündel, der Baronesse Adele (Laura Laufenberg), eingezogen – und sonnen sich nun im Glanz des erbeuteten Geldes.

Auftreten nun Christoph Rothenbuchner als ehrlicher, ob der Verhältnisse leicht amüsierter Oberrichter Thurming, seit drei Wochen Adeles geheimer Ehemann, und Gábor Biedermann als Adeles ehrenwerter Onkel, der inhaftiert gewesene Freiherr von Reichthal. Dass die beiden in die Bredouille kommen, ist klar. Auch, dass es beide mit der Schusterfamilie Pfrim zu tun bekommen werden. Die Pfrims, Günther Franzmeier als Familienoberhaupt, Claudia Sabitzer als Ehefrau Eva und Thomas Frank als Sohn Wendelin, sind das Herzstück der Aufführung. Vor allem Franzmeier und Frank agieren wie entfesselt.

Wendelin, der sich als Gefängniswärter anheuern ließ, um Reichthal zur Flucht zu verhelfen, hält den durchs Fenster eingestiegenen Oberrichter für den eben erst von ihm um Hilfe angerufenen Teufel – und hält sich daher im weiteren Verlauf als Schützling des Leibhaftigen für unantastbar. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Mutter Eva wiederum, Adeles ehemalige Amme, hat von deren Mutter wichtige Papiere, die Reichthal erhalten muss.

Und schon ist der Intrigen-Spiel perfekt. Franzmeier und Frank, bereits in „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Dreamteam, setzen ihr Zusammenspiel aufs Feinste fort, die beiden können Nestroy, und vor allem, da Hafner dessen ausgeklügelte Sprache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, die Charaktere, ihre Eigenschaften und Handlungen über die Nestroy’schen Wortverdrehungen und Satzspielereien erklärt, sind zwei so präzise Sprecher wie die beiden unerlässlich. Franzmeier brilliert als Vater Pfrim, dessen Fatalismus ihn nicht davon abhält, sich die Welt schön zu trinken. Wunderbar die Szene, in der er im Haus des Oberrichters um seinen irrtümlich inhaftierten Sohn kämpft, und die allgemeine Verwirrung bis zum äußersten treibt.

Diesen gibt Frank als Revolutionär und Aufbegehrer, nicht gegen die weltliche, sondern gegen die höhere Ordnung, die ihm so einen schlechten Platz auf Erden zugedacht hat. Franks Wendelin ist mit wehleidigem Pathos voll bis zum Überlaufen, ein Verkannter auf Lebzeiten. Wie er aber um die Aufmerksamkeit eines ehemaligen Gefängniswärterkollegen (Mario Schober) buhlt, indem er in bester Monty-Python’s„Ministry of Silly Walks“- Manier vor diesem auf und ab patrouilliert, das ist große Klasse. Das Metaphern-Monster der Bühnenkonstruktion kommt auch in den Pfrim’schen Momenten zum Einsatz: Als der Schuster endlich seinen Trumpf ausspielt, nämlich, dass die Gattin Beweismittel gegen Stromberg und den Staatssekretär in der Hand hat, erklimmt Franzmeier den höchsten Punkt der Halfpipe und jagt die Betrüger nach unten.

Isabella Knöll, seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, beweist als Rosalie, Wendelins Geliebte und Adeles Kammerjungfer, Talent fürs Komödiantische bis hin zum Slapstick. Wie sie immer wieder gegen Thomas Frank anrennt, erst unfreiwillig, dann mit zunehmendem Zorn, das ist im Wortsinn umwerfend. Auch, wie sie temperamentvoll beteuert: „Ich bin eine stille, sanfte Person, aber aufbringen muss man mich nicht“, bringt das Publikum zum Lachen. Knöll hat Feuer, ihre Streitszene mit Wendelin (Er: „Dich erwartet die Hölle an meiner Seite.“ Sie: Gibt ihm eine Watschn.) gehört mit zum Unterhaltsamsten des Abends. Valentin Postlmayr und Luka Vlatković, ersterer Bedienter bei Stromberg und mit dem Mantra: „Er zahlt halt gut“ ausgestattet, zweiterer Bedienter und Pizzabote bei Thurming, komplettieren das Ensemble.

Die Couplets sind hochpolitisch: Luka Vlatković, Thomas Frank und Günter Franzmeier als Nestroy-Boyband. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Couplets hat Peter Klien neu getextet und Clemens Wenger neu vertont. Das Musikalische reicht von Tango-Anklängen bis zum sperrigen, schwer zu bewältigenden Rap, der Inhalt ist tagespolitisch brisant, vom Brexit bis zu mangelnden Frauenrechten, von falschen Wahlversprechen bis zur obligatorischen Social-Media-Schelte. Wendelins Aberglauben-Song darf natürlich nicht fehlen, gesungen von Thomas Frank, Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier.

Und auch Luka Vlatković greift zum Mikrophon. Am Ende bleiben zwei arme Teufel, Vater und Sohn Pfrim, denen die Freiheit ausgegangen ist, und die ausgegangen sind, um sie wiederzuerlangen. Als Pilger nach Rom wollen sie den Beelzebub abschütteln, werden freilich eingeholt und über ihre Irrtümer aufgeklärt. Das Premierenpublikum im Volkstheater zeigte sich ob Felix Hafners Inszenierung begeistert und dankte mit Jubel und Applaus. Der junge Theatermacher, der am Haus schon mit Thomas Köcks „Isabelle H.“ und Molières „Der Menschenfeind“ überzeugte, setzt mit diesem Abend seinen Erfolgskurs fort.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2017