Theater Akzent: Frühere Verhältnisse

November 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar befördert die Posse ins politische Jetzt

Adriana Zartl, Julian Loidl, Tania Golden und Hubsi Kramar rhythm ’n‘ bluesn sich durch Eva Schusters und Michael Reitingers akutpolitische Couplets. Bild: © Karl Satzinger

Eine Handvoll rotiert im Hintergrund, als wären sie ein einziges großes Schicksals-, während Hubsi Kramar an der Rampe Bert Brechts „Ballade vom Wasserrad“ rezitiert: „Freilich dreht das Rad sich immer weiter / dass, was oben ist, nicht oben bleibt. / Aber für das Wasser unten heißt das leider / nur: Dass es das Rad halt ewig treibt …“ Klar, wenn der längst mit dem Titel „Grandseigneur der freien Wiener Theaterszene“ geadelte Kramar nach einem Stück

seines Haus- und Hofautors greift, bleibt’s nicht bei der puren Nestroy’schen Posse. Dafür sind dem Bühnenmenschen die Kapriolen der aktuellen Innenpolitik denn doch zu gewaltig und der Possenreißer auf den diversen Politbühnen zu viele. Kramar ruft anfangs das Jahr 1848 als Zeitzeugen an, sein liebster Volksstückeschreiber, ist er überzeugt, hat Karl Marx‘ Kommunistisches Manifest garantiert gelesen, und also baut er seine Brücke zu Brecht und Proletariat. Schon ahnt man dessen Tschuchen das Theater Akzent erstürmen, die Arbeiterklasse im ewig antibourgeoisen Klassenkampfmodus, doch Regisseur Kramar twistet „Über die Unsicherheit menschlicher -“ und die von ihm angeklagten jetzigen zum Originaltext:

„Frühere Verhältnisse“, Einakter, entstanden 1861 als Nestroys vorletztes Werk, von Kramar auf stolze Fast-Zwei-Stunden gestreckt. Tania Golden als von der Tragödin zur Dienstbotin rückbeförderte Peppi Amsel, Adriana Zartl als Professorentöchterl Josephine und Julian Loidl als deren Gatte Herr von Scheitermann spielen mit Hubsi Kramar, der selbst die Figur des Hausknechts Anton Muffl übernimmt. Das heißt, vor allem auch singen sie, denn die Aufführung beginnt à la Chansonabend, und die großartigen neuen Couplets und Coupletstrophen von Liedtexterin Eva Schuster und Komponist wie Gitarrist Michael Reitinger erweisen sich bei der gestrigen Premiere bald als die Highlights der Produktion.

Musikalisch wird sich über Luftballon-Egos, diese zwar seelenlos, aber dafür mit Schmiss, über Arroganz und Süffisanz lustig gemacht, eine bizarre Mozartkugel-Politdebatte entspinnt sich, die Golden swingt, Loidl rockt, Kramar hat, weiß man seit seiner Leonard-Cohen-Hommage „Dance Me To The End Of Love“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28633) sowieso den Blues, und wenn Adriana Zartl beim Song „Nur a Einzelfall“ erklärt, dass die Rechnung für die eh immer gleichen aufgeht, dann sind die Sinne fürs Folgende satirisch-scharf gestellt. Rasch wird nun in Kostüme und Rollen geschlüpft, erstere karikaturistische Kreationen von Maddalena Hirschal, im Bühnenbild von Markus Liszt hebt die Handlung an, und siehe da:

Je altersloser, desto authentischer: Hubsi Kramar besingt die grundschlechten Leut‘. Bild: © Karl Satzinger

Da tanzen die Gefühle Twist: Tania Golden als Peppi Amsel und Hubsi Kramar als Hausknecht Muffl. Bild: © Karl Satzinger

Nestroy braucht keine Verjüngungskur, seine Pointen sitzen auch ohne Unwort-Nominee „zack, zack, zack“, die Charaktere sind durch die Komödie ohnedies schon zur Kenntlichkeit entstellt. Das Darstellerquartett präsentiert sich als formidable Nestroy-Spieler, Nestroy-Debütant Julian Loidl als ebenfalls mit dem entsprechenden Komödianten-Gen ausgestattet. Zwischen dem, was einer anrichtet, ein anderer ausrichtet, und wie sich’s einer richtet, taumeln Hochstapler, Emporkömmlinge und tief Gefallene, Intriganten fangen sich beim Intrigen spinnen im Netz irrwitziger Irrungen und Wirrungen, so verstrickt sind sie, dass Golden und Loidl kurz unfreiwillig lachen.

Loidl ist als Holzhändler Herr von Scheitermann ein Neureicher, der schwer an seinen Altlasten trägt, war der nunmehrige Hausherr doch vor gar nicht langer Zeit noch Hausdiener, was die holde Gattin niemals erfahren darf. Adriana Zartl setzt als diese Josephine ihr zartes Gemüt samt dazugehöriger Verstörtheit als ihre stärkste Waffe ein. In Wahrheit eine ziemliche Keifzange, degradiert sie ihren Angetrauten zum Pantoffelhelden, großartig ist das, wenn sie aufseufzend nach Luft schnappt und Scheitermann, den nächsten Nervenzusammenbruch befürchtend, schnell ein glitzerndes Geschmeide zur Hand hat, das ihr im Wortsinn in den Schoß fällt.

Unfrieden ins häusliche Unglück bringen die beiden frisch engagierten Angestellten: Tania Golden als theater- damische Köchin Peppi Amsel, die mit ihrem berühmten Auftrittscouplet „Theater, oh Theater du, der Kunst geweihter Tempel, raubst manch’ Geschöpfen Herzensruh, ich bin so ein Exempel …“ vom Zuschauersaal aus die Bühne erklimmt, die als gewesene Küchenchefin des Professors über die Kein-Kind-von-Traurigkeit-Vergangenheit von dessen „höherer Tochter“ nur allzu gut Bescheid weiß – und außerdem eine Verflossene von Anton Muffl ist.

Köchin und Dienstherrin sind einem Geheimnis auf der Spur: Golden und Adriana Zartl als Josephine Scheitermann. Bild: © Karl Satzinger

Herr von Scheitermann darf bei seiner Frau nicht scheitern: Nestroy-Debütant Julian Loidl und Adriana Zartl. Bild: © Karl Satzinger

Als dieser stellt sich Hubsi Kramar ein, mit dem legendären Liedzitat über die vielen guten Mensch’n, aber die grundschlechten Leut‘, das ehemals aktionistische Enfant terrible gereift zum Weltanschauungsphilosophen, zwar immer noch verärgert, aber nicht mehr wutschäumend über den diese regierenden Wahnsinn. Kramar wird, scheint’s, je altersloser, desto authentischer. Es ist schön, ihm dabei zuzusehen, wie er im Charakter aufgeht, sein Muffl erst ganz defätistisch-sarkastischer Diener, bis der bankrottgegangene Geschäftsmann im noblen Herrn seinen Ex-Knecht erkennt.

So wird er zum Erpresser, dessen scharfzüngiges Schweigen jenes Gold ist, das ihm der Parvenü nun reichlich in die Taschen füllen muss. Verursacht durch die allgemeine Geheimniskrämerei glauben die Frauen die Männer in einen Bankraub verwickelt, weshalb die Harfe von Anja Pichler nach kakophonischen Tönen schließlich Krimiklänge zur Suspense-Posse intoniert … Das alles schwappt wunderbar Wienerisch übers Publikum. Kramars Inszenierung von „Frühere Verhältnisse“ ist eine hochamüsante Hanswurstiade, dank Tania Golden auch hochtheatralisch, Nestroys schwarzhumorige Gesellschaftssatire ihm

gleichzeitig der perfekte Anknüpfungspunkt an akute Zustände und allgemeine Befindlichkeiten. Kramar demonstriert am Stück die gar nicht so sehr vormaligen Verwerfungen des Kapitalismus, heute: Neoliberalismus, von Menschen, denen Solidarität ein Fremdbegriff ist, den zu begreifen ihnen ihre Selbstbezogenheit verbietet. Er führt Narr-ziss wie Schandmaul vor, bevor er beide bloßstellt – das ist Unterhaltung bis in ihre Abgründe ausgelotet. Und nur noch fünf Mal zu sehen!

www.akzent.at           www.facebook.com/hubsi.kramar

  1. 11. 2019

Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

 www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Kleine Germanen: Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch

Mai 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie man aus Kindern Neonazis macht

Die kleine Elsa salutiert im Waffenrock ihres Großvaters. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Für Führer, Volk und Vaterland“, der Großvater schwört Elsa von klein auf darauf ein. Die steht da, verliert sich in seinem übergroßen Waffenrock, aber salutiert brav zu den Befehlen des ewiggestrigen Opas. Mit 13 tummelt sich Elsa unter Rechtsextremen, heiratet mit 18 Thorsten, wird zwei Mal Mutter – und erzieht ihre Kinder im gleichen Geiste: Der Kampf für die Heimat als heilige Pflicht …

„Kleine Germanen“ der Regisseure Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh ist zweifellos der Aufregerfilm dieses Kinofrühjahrs. Schon vor dem Leinwandstart tobten die rechten Internet-Trolle gegen die „antideutsche Hetze“, die Gegenseite feuerte mit Argumenten wie, die Filmemacher hätten eben dieser rechten Szene allzu kritiklos die Rednerbühne überlassen. Was „Kleine Germanen“ aufzeigen will, ist ein kaum aufgearbeitetes gesellschaftspolitisches Problem: Kinder, die in einem demokratiefeindlichen Umfeld aufwachsen und nach den Prinzipien rechtsextremer Ideologie erzogen, Kinder, die zu Neonazis gemacht werden, und dies nicht etwa in den Strukturen einschlägiger „Springerstiefel“-Gruppierungen , sondern in einem moderat wirkenden Teil einer Mittelschicht, die aber tatsächlich von rechtspopulistischen Strömungen geprägt ist. „Kleine Germanen“ ist als Dokumentarfilm über Erziehungsmethoden nicht unproblematisch, denn in Ermangelung der Gesprächsmöglichkeit mit „echten rechten“ Kindern, können Geiger und Farokhmanesh in Interviews nur deren Eltern zu Wort kommen lassen.

Die Kronzeugin musste, da Geflüchtete aus und nun Verfolgte von der Szene, vollkommen anonym bleiben. Ihre Geschichte, die der kleinen Elsa, zieht sich in Animationssequenzen von 1974 bis ins Jahr 2000 als roter Faden durch den Film. Heute startet „Kleine Germanen“ in den österreichischen Kinos. Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch:

MM: Sie kommen in politisch interessanten Zeiten nach Österreich. Welches Stimmungsbild vermittelt sich Ihnen?

Frank Geiger: Dass Demokratie wieder auf dem Vormarsch ist, dass es möglich ist, eine Regierung abzuwählen, eine Expertenregierung einzusetzen. Das würde ich mir für Deutschland auch gerne wünschen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Lage in Österreich instabil ist, ich kann mir zwar vorstellen, dass manche Leute Angst haben, aber für mich ist, was hier passiert, ein ganz normaler demokratischer Prozess, den man ruhig öfter mal haben könnte.

MM: Obwohl die großen Volksparteien bei der EU-Wahl europaweit Stimmen verloren haben, kam es nicht zum prognostizierten extremen Rechtsruck. Hat Ibiza den vereitelt?

Geiger: Ich glaube schon, sonst wäre die FPÖ vielleicht stärkste Kraft geworden, aber ich wage es nicht zu prophezeien, wie’s weitergeht.

Mohammad Farokhmanesh: Wir sind letztendlich „nur“ Filmemacher, trotzdem ist auch meine Einschätzung, dass die Menschen jetzt erkennen können, dass man Rechts auch kippen kann. Jetzt haben die Leute mal die Möglichkeit zu sehen, dass Regieren auch anders gehen kann.

MM: In Ihrem Film „Kleine Germanen“ sprechen Sie auch mit Österreichern: dem Sprecher der Identitären Bewegung Martin Sellner, dem Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher Andreas Peham, dem Aussteiger aus der Szene Alexander Lingner. Warum war es Ihnen wichtig, unter den „Germanen“ auch Österreicher zu haben?

Geiger: Weil im rechten Spektrum über die Landesgrenzen hinweg Vernetzung stattfindet, das Verständnis ist ja da anders, vor allem im ganz extremen deutschnationalen Bereich wird das als Einheit gesehen. Ich glaube, Herr Sellner und Götz Kubitschek, in Deutschland der Verleger der Neuen Rechten, der im Film auch zu Wort kommt, sind ziemlich dicke miteinander. Diesen Kontakten wollten wir auch Rechnung tragen. Herr Lingner hat sich hingegen von seiner Familie komplett gelöst.

MM: Während die rechten Aktivisten jovial und gutgelaunt in Ihre Kamera sprechen, wollten sich die meisten Expertinnen und Experten gegen rechts aus Furcht vor rechts nicht abbilden lassen. Ihre Analysen sind nur aus dem Off zu hören. Was sagt das über die Lage aus?

Geiger: Viele von den Experten beraten auch an Schulen und Kindergärten, die legen keinen Wert darauf, öffentlich bekannt zu werden, weil es ja auch ein sehr sensibler Bereich ist, in dem sie arbeiten. Daher haben wir diese Off-Kommentare dann auch als konsequentes Mittel eingesetzt, im Sinne von: die Expertenposition ist eine rationale Position, eine, aus der von außen draufgeguckt wird. Unser Film versucht das Thema aber auch emotional anzugehen, gerade durch die Animationssequenzen, da wollen wir ein Gefühl für diese Szene rüberbringen. Klar, die Rechten leben gerade sehr selbstbewusst auf und verstehen sich als die, die hier bald die Macht erringen werden. Das war uns schon klar, aber gerade diese Perspektive wollten wir vermitteln, und nicht immer nur die Perspektive derer, die im linken Elfenbeinturm sitzen.

Farokhmanesh: Weil es vor allem auch darum ging, die Kindererziehungsmethoden zu zeigen. Denn wer Kinder überzeugt, kann auch Erwachsene überzeugen, deshalb wollten wir die Rechten zeigen, wie sie normal und privat sind, nicht die, die skandierend auf den Straßen marschieren und Parolen rausschreien, sondern die „netten Menschen“, die versuchen, andere Menschen auf diese Art und Weise auf ihre Seite zu ziehen.

MM: Wobei die Frage ist, wie „normal“ sich Ihre Interviewpartner gezeigt haben. Es ist beinah erschütternd zu sehen, welch ausgepuffte Medienprofis das sind, denen kein falsches Wörtchen über die Lippen kommt. Das Springerstiefel-Image ist in diesen Kreisen ganz klar passé.

Geiger: Das stimmt, und wir waren ja im normalen Umgang mit denen, und der ist eher unproblematisch. Und dennoch merkt man diesen eisigen Kern, den diese Menschen haben. Da ist irgendwas ganz tief drinnen vereist, und sobald es um gewisse Themen geht, gewisse Themen diskutiert werden, stößt man an eine Wand, die man niemals durchdringen kann. Unser Ansatz ist: Wo kommt diese Wand her? Was ist da schiefgelaufen? Da sind wir der Meinung, dass es ein pädagogisches Problem, ein Erziehungsproblem ist. Diese Menschen waren alle mal Kinder, sind so erzogen worden, erziehen ihre Kinder im selben ideologischen Sinne – und wenn man das tut, nicht mit dem Ziel, die Kinder zu lieben und ihnen im Leben Unterstützung zu geben, sondern sie in dieses Gedankenkorsett zwängt, dass sie zu einem bestimmten Zweck dienen, dann wird’s eng.

MM: Und der Zweck wäre?

Geiger: Du bist nicht gut oder lieb, sondern du hast von Nutzen zu sein, nur dann bist du ein Mensch. Dieses Zweckdenken ist bei rechten Eltern extrem ausgeprägt. Wenn eine Erziehung so abläuft, kommt es zu diesem eisigen Kern. Das ist das Thema, das wir versucht haben, aufzuzeigen.

Farokhmanesh: Die Erfahrung, die wir seit drei Wochen machen, seit wir mit dem Film unterwegs sind, ist, dass die Mehrheit der Zuschauer, die in diese hermetische Welt bisher ja keinen Einblick hatte, unglaublich erschrocken ist, wenn sie hören, wie da mit Kindern umgegangen wird. Wir diskutieren nach den Vorstellungen stundenlang mit dem Publikum.

MM: Apropos, Publikum: Man kann auf Youtube den Trailer zum Film sehen. Die Hasspostings darunter sind gewaltig, da werden vor allem Sie sehr angefeindet.

Farokhmanesh: Genau. Da steht mir mein Name im Weg. Deshalb war ich bei den Interviews mit den Rechten auch nicht dabei, damit sie nicht noch mehr eingeschränkt sind. Aber wir sind leidenschaftliche Filmemacher, und wenn man mir nun ausrichtet, ich sollte lieber über den Islam berichten: das habe ich getan in „Teheran Tabu“, der sich mit Sexualität im Islam auseinandersetzt. Ich habe in „Reich des Bösen“ den iranischen Alltag gezeigt. Jetzt muss ich es in Kauf nehmen, dass man auf mich losgeht.

Geiger: Dieser Beißreflex zeigt doch nur, dass wir einen wunden Punkt getroffen haben.

Götz Kubitschek und Ellen Kositza in ihrem Haus in Schnellroda. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Sellner in einem Wiener Caféhaus. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Es gibt aber auch Kritik von der sozusagen anderen Seite. Jörg-Uwe Albig, Autor von „Zornfried“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32910), schreibt beispielsweise im Spiegel, Ihr Film „bildet völkische Fassaden ab, statt sie zu entlarven“.

Geiger: Haben wir gelesen, ja, und in dem Falle würde ich sagen, er will sein Buch verkaufen. Das ist eben auch ein Phänomen, dass die, die sich ins rechte Thema verbohrt und eine festgefügte Meinung haben, einen anderen Blick haben, eine professionelle Deformation, wenn Sie so wollen, als Menschen, die sich nicht tagtäglich damit auseinandersetzen. Unser Film richtet sich ja nicht an Experten, die sich von morgens bis abends mit rechts beschäftigen, sondern eben an das Publikum, dass die Zusammenhänge zum ersten Mal sieht. Die Experten, haben wir erfahren, sitzen oft in einem Schneckenhaus, weil sie zum Gegenstand ihres Expertentums in Kampf stehen, denen ist es quasi unmöglich, auch einen anderen Blick zuzulassen. Wie gesagt, wir wollten den emotionalen Blick, der diese Kinder zeigt …

MM: Nur sind Sie an diese Kinder nicht rangekommen.

Geiger: Deswegen haben wir das Animationstool.

Farokhmanesh: Ich würde den Kommentatoren, die unseren Film negativ kritisieren, empfehlen, einmal mit Publikum ins Kino zu gehen, damit sie sehen, wie das darauf reagiert. Wir hören ja auch, wir hätten den Rechten eine Stimme gegeben, eine Bühne gegeben, dazu kann ich nur sagen: Es gibt die Neue Rechte, es gibt die AfD, es gibt die NPD, das werden wir jetzt nicht mehr ändern. Man muss an die nächste Generation ran, und an die übernächste, damit sie erkennen, wer da im Bundestag rechtspopulistische Gedanken äußert, und dass diese Herrschaften nicht zu wählen sind.

Geiger: Die Auseinandersetzung mit der Rechten, wie wir sie bisher betreiben, hat nichts gebracht, außer Stimmenzuwächse für diese. Deshalb wollen wir was anders machen, wir sehen den Rechtsextremismus als pädagogisches Problem. Ich glaube, dieser Ansatz wird zu mehr führen. Es gibt auch gerade ein Buch, das heißt „Erziehung prägt Gesinnung“ von Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Pädagoge und in seinem Fachgebiet sehr erfolgreicher Autor, der hat es noch besser als wir auf den Punkt gebracht: dass wer den autoritären Populismus verstehen will, dorthin schauen muss, wo aus kleinen Menschen große Menschen werden, und dass man verhindern muss, dass in diesem Umfeld eine nächste Generation noch vehementer heranwächst.

MM: Wie sollte das gehen?

Geiger: Zum Beispiel, indem wir uns von der Ellenbogengesellschaft verabschieden. Das Konkurrenzdenken ist für die Rechten eine Steilvorlage, die ist Teil ihrer Ideologie, ihrer sozialdarwinistischen Weltsicht: Die Welt ist hart, jeder kämpft ums Überleben, und wer als erster tötet, hat gewonnen. Da sagt der Vater zum Kind: Schau mal an, der wird angegriffen, der wird fertiggemacht, wenn du das nicht willst, musst du ein Sieger sein. Dagegen müssen wir vorgehen, um dieses Phänomen wieder einzugrenzen. Leider muss man sagen, dass da das Schulsystem komplett versagt. Wenn wir mit Lehrern diskutieren, haben die keine Ahnung, wie sie mit solchen Kindern umgehen sollen. Die Lehrer sollten offensiv sein, das Thema angehen, Stellung beziehen, aber den meisten geht es nur um gute Noten – und da sind wir wieder beim Leistungsprinzip.

Farokhmanesh: Meine siebenjährige Tochter kommt unlängst aus der Schule nach Hause und erzählt mir von den Kinderrechten, was sie gelernt habe, wie man mit ihr umgehen dürfe, was ihre Rechte seien, dass niemand sie schlagen dürfe … Das ist Unterricht, wie ihn diese Kinder auch brauchen: eine Anleitung zum eigenständigen Denken.

MM: Sie haben es schon angesprochen: Der rote Faden von „Kleine Germanen“ sind Animationsszenen, die Geschichte dieser sogenannten Elsa, die als Kind vom Großvater indoktriniert wird. Diese Frau hat Ihnen der Verein Exit Deutschland, eine Hilfsorganisation für rechte Aussteiger, vermittelt, Sie haben sie aber nie getroffen.

Geiger: Wir haben telefoniert, sehr lange, drei Stunden und noch mehrmals danach. Sie war sehr reflektiert, hat aber auch sehr emotional erzählt, und man hat manchmal auch gemerkt, wo ihr Trauma liegt. Es waren sehr eindrucksvolle Gespräche, die wir da hatten. Exit hat uns vieles davon bestätigt, weil sie „Elsas“ Prozess des Aussteigens begleitet haben. Das war sehr ergreifend.

MM: Die animierten Bilder sind sehr expressionistisch. Warum haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Geiger: Wir wollten derart den Blick der Kinder zeigen. Es gibt ja auch Nazi-Kinderbücher, und die sind in genau diesem Stil gehalten, mit dieser seltsamen Ästhetik, die ihren seltsamen Geist transportiert.

Farokhmanesh: Das funktioniert auch wirklich sehr gut. Wir zeigen den Film ja auch in Schulklassen, ab 14 Jahren, wir hatten aber auch schon 13-Jährige, und viele sind während des dokumentarischen Teils unruhig, aber wenn die Animation beginnt, tritt Ruhe ein und die Kinder sind hochkonzentriert. Uns wird ja auch vorgeworfen, der Zuschauer kapiert den Film nicht; die Kinder kapieren ihn gut. Gerade die Jugendlichen stellen danach so kluge Fragen, dass mir mitunter der Mund offensteht.

MM: Was Ihnen alles vorgeworfen wird: von zu neutral, zu naiv, bis zu plakativ, zu manipulativ …

Geiger: Und die Rechten und ihre Entrüstung kommen auch noch dazu, ja, wir kriegen’s von allen Seiten.

Farokhmanesh: Viele Kritiker, und da möchte ich noch einmal auf den Spiegel-Kommentar zurückkommen, sind einfach arrogant, weil sie das Publikum als doof ansehen. Die sollen mal kommen, und sehen und hören, was wir sehen und hören.

MM: Eine Szene, die mich durchaus irritiert hat, ist ein Albtraum Elsas, in dem sie gegen eine jüdische Ratte, diese dargestellt mit Schtreimel und Schläfenlocken, kämpfen muss. Das ist hart, auch in Hinblick auf einen der FPÖ-„Einzelfälle“, dem Braunauer Rattengedicht.

Geiger: Diese Kritik haben wir schon oft erwartet, aber noch nie bekommen. Den Topos des Juden als Ratte haben die Nazis aber erfunden, und Elsa hat uns diesen bis heute immer wieder kehrenden Traum genau so erzählt. Sie wurde traumatisiert, sie hat sich Juden als furchtbare Monster vorgestellt, sie hatte Angst, auf die Straße zu gehen, und einem Juden zu begegnen … Das war das Gefühl, dass diesem Kind vermittelt wurde, und das wollten wir optisch auch umsetzen, die Ratte …

MM: Die dann noch ausgerechnet im Feuer sterben muss.

Geiger: Klar, weil Elsa sie besiegt hat.

Farokhmanesh: Wir wollen damit auch die Aggression und den Hass zeigen, den die Rechten haben, und woher der kommt, nämlich aus der Angst, die in der Kindheit geschürt wird. Diese Angst nehmen sie auch ins Erwachsenenleben mit, deshalb sind sie immer so angespannt und abwehrend. Diese Kinder werden in ständiger Angst vor Katastrophen und Krieg gehalten – ohne Grund, denn es geht uns in Deutschland doch gut.

Geiger: Sie werden in Unsicherheit gehalten, das ist ein wichtiges Erziehungsprinzip: Du musst auf alles vorbereitet sein, jederzeit kann uns der Feind überrennen, also züchten wir dich als Soldat für dieses Vaterland heran. Du musst gewappnet sein, wie jeder Soldat im Schützengraben gewappnet sein muss. Angriff! Und du musst aufstehen und mit uns kämpfen! Deshalb treten die Rechten auch immer als Gruppe, nie als Individuum auf, ein gutes Beispiel ist da Herr Sellner, den ich mehrmals gefragt habe, auf welche Leistung in seinem Leben er stolz ist. Aber darauf redete er immer nur von Mozart, das Abwehren der Türkenbelagerung, seine Vorfahren, das Vaterland, als hätte er das Gefühl, nichts selber geleistet zu haben, doch das ist eine anerzogene subjektive Wahrnehmung.

MM: Was mich an Ihrem Film wirklich ärgert, wenn Sie gestatten, sind diese gecasteten blonden und blauäugigen Kinder, die glückselig über Blumenwiesen tanzen. Warum waren die notwendig?

Geiger: Wir haben zwar Kinder von Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza kennengelernt, auch von der Ex-NPD-Politikerin Sigrid Schüßler, aber die durften wir natürlich nicht interviewen. Doch da wir einen Kinofilm gemacht haben und keine TV-Reportage wollten wir auch Kinder zeigen – und haben gecastet. Die Eltern wussten, wofür wir die Kinder abfilmen und die haben alle zugestimmt. Diese Aufnahmen sollen den Film auch in die Gegenwart holen.

MM: Aber bedienen Sie mit diesen Bildern nicht die rechte Legende vom ländlichen Idyll, wo man sich als Biobauer verdingt und der Nachwuchs lernt, wie’s geht mit Kuh und Stier? Auch Elsa samt späterem Ehemann zieht ja aufs Dorf und macht dort einen Hofladen auf.

Geiger: Das ist Realität, das ist ein Image, das sie prägen. Die Rechten ballen sich in ländlichen Gebieten zusammen, ziehen sich zurück, vor allem im Osten Deutschlands, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, weil sie dort billig Grund aufkaufen können, wo die ehemaligen Bewohner ganze Dörfer verlassen haben. Das ist ja auch ihre Vorstellung vom idealen Leben: sich selbst versorgen, nicht vom Ausland abhängig zu sein, eigenen Boden zu haben, möglichst viele Kinder zu haben, die dem rassischen Ideal entsprechen. Das ist der Weg der völkischen Siedler, es gibt tatsächlich schon Gemeinden, für die man eine Reisewarnung ausgeben müsste. Aber, um auf die gecasteten Kinder zurückzukommen: Wir haben aber auch echte rechte Kinder, Aufnahmen von deren Ausbildungslagern …

Elsa und ihr Großvater sitzen auf einer Bank in den Bergen und beobachten die untergehende Sonne. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Aufgenommen aus weiter Ferne und unscharf, und außerdem nicht von Ihnen, sondern aus dem Archiv einer Kollegin, die seit Jahren diese Lager aufs Korn nimmt.

Geiger: Ja, sie spürt sie auf und filmt sie. In Österreich und Deutschland sind sie ja mittlerweile verboten, aber in Skandinavien, neuerdings auch in Ungarn, finden sie statt. Wenn man sich diese Kinder anschaut, sind sie genau so, wie „unsere“. Ich habe den Film in Dresden gezeigt, und die Zuschauer haben mir gesagt: Leute, was zeigt ihr uns da? Was erzählst du uns? Wir haben mit diesem Thema tagtäglich zu tun, wenn wir nach Ostsachsen fahren, wir kennen diese Familien, wir haben täglich mit ihnen zu tun, die kommen und wollen unser Lokal für ein Fest mieten, denn das Kulturangebot kommt nur von den Rechten, von AfD und NDP … Also, dieses Publikum reagiert nochmal ganz anders auf „Kleine Germanen“. In Österreich ist das ja anders, ihr habt die Burschenschaften …

MM: Eine rechte Parallelwelt mit Schmiss.

Geiger: Der erste Österreicher, den wir übrigens sprechen wollten, war Johann Gudenus. Und seine Brüder. Aber die wollten nicht, die haben uns mit der sozialpolitischen Sprecherin aus dem Wiener Landtag abgefrühstückt, die mit einem Wachhund daherkam. Das war völlig unergiebig für den Film. Dabei wäre das eine interessante Familiengeschichte gewesen, die wir da rausarbeiten wollten, bis hin zum verstorbenen Vater John Gudenus. Bei denen geht das rechte Denken ja auch schon seit Generationen.

MM: Aber von Ihnen ist das Ibiza-Video nicht?

Geiger und Farokhmanesh lachen: Jetzt ist es raus. Warten Sie nur ab.

MM: Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was in Österreich bedeutet, einen Saumagen zu haben, nämlich viel schlucken, viel verdauen, im Sinne von: viel negatives aushalten zu können. Nun bejammert die NPD-Politikerin Ricarda Riefling im Film das Verschwinden des Saumagens, weil die pfälzische Spezialität von muslimischen Schweinefleischverweigerern bedroht werde. Frage: Braucht man für solche Aussagen einen Saumagen?

Geiger: Ja, einen Saumagen muss man haben. Den Spruch kannte ich nicht, den muss ich mir merken.

www.littledream-entertainment.com/filme/kleinegermanen           app.gruvi.tv/movies/8830?ref=

30. 5. 2019

Belvedere: Der Kremser Schmidt. Zum 300. Geburtstag

Oktober 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon zu Lebzeiten eine Legende

Martin Johann Schmidt: Venus und Amor, 1788. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Er wird mitunter als letzter großer Maler seiner Zeit gesehen – sein Tod 1801 gilt als spätes Ende der großen Ära des Barock. Und doch reichen seine Einflüsse noch weit in die nächste Künstlergeneration hinein. Martin Johann Schmidt, genannt Kremser Schmidt, zählt bis heute zu den populärsten mitteleuropäischen Barockmalern. Im Oberen Belvedere ist ihm ab 25. Oktober eine Ausstellung gewidmet.

Das Ende des Barock im Jahr 1801 anzusetzen, wirkt fast gewagt. Dennoch kann der Tod des Barockmalers Martin Johann Schmidt durchaus als Ende dieser Ära gesehen werden. Seine Kompositionen haben sich noch lange danach ungebrochener Beliebtheit erfreut. So trugen seine Schüler den Stil des Künstlers noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Kremser Schmidt war bereits zu Lebzeiten ein Klassiker geworden. Neben Paul Troger und Franz Anton Maulbertsch gilt er bis heute als einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Barockmaler. Er genoss überregionale Bekanntheit, wählte aber als Lebensmittelpunkt Stein bei Krems. Von dort führte er seine Aufträge aus. Niemand geringerer als Kaiser Joseph II. besuchte ihn in seinem Haus. Die Reichweite seines Einflusses veranschaulichen jene Werke, die sich im heutigen Slowenien befinden und den dortigen Künstlern eine eminente Inspirationsquelle waren.
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Martin Johann Schmidt: Die Heilige Sippe, 1786. Bild: © Belvedere, Wien

Martin Johann Schmidt: Wirtshausszene, 1781. Bild: © Belvedere, Wien

Der Künstler Kremser Schmidt selbst wurde offenbar stark von Rembrandt beeinflusst, dessen Volkstypen und die vergleichbaren Darstellungen seiner Zeitgenossen das Schaffen des Niederösterreichers inspiriert haben dürften. Ausgehend von den Werken des Künstlers, die sich im Belvedere befinden, wird in der Schau nun sein umfangreiches Oeuvre in allen wichtigen Facetten umrissen.

www.belvedere.at

22. 10. 2018