Kleine Germanen: Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch

Mai 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie man aus Kindern Neonazis macht

Die kleine Elsa salutiert im Waffenrock ihres Großvaters. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Für Führer, Volk und Vaterland“, der Großvater schwört Elsa von klein auf darauf ein. Die steht da, verliert sich in seinem übergroßen Waffenrock, aber salutiert brav zu den Befehlen des ewiggestrigen Opas. Mit 13 tummelt sich Elsa unter Rechtsextremen, heiratet mit 18 Thorsten, wird zwei Mal Mutter – und erzieht ihre Kinder im gleichen Geiste: Der Kampf für die Heimat als heilige Pflicht …

„Kleine Germanen“ der Regisseure Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh ist zweifellos der Aufregerfilm dieses Kinofrühjahrs. Schon vor dem Leinwandstart tobten die rechten Internet-Trolle gegen die „antideutsche Hetze“, die Gegenseite feuerte mit Argumenten wie, die Filmemacher hätten eben dieser rechten Szene allzu kritiklos die Rednerbühne überlassen. Was „Kleine Germanen“ aufzeigen will, ist ein kaum aufgearbeitetes gesellschaftspolitisches Problem: Kinder, die in einem demokratiefeindlichen Umfeld aufwachsen und nach den Prinzipien rechtsextremer Ideologie erzogen, Kinder, die zu Neonazis gemacht werden, und dies nicht etwa in den Strukturen einschlägiger „Springerstiefel“-Gruppierungen , sondern in einem moderat wirkenden Teil einer Mittelschicht, die aber tatsächlich von rechtspopulistischen Strömungen geprägt ist. „Kleine Germanen“ ist als Dokumentarfilm über Erziehungsmethoden nicht unproblematisch, denn in Ermangelung der Gesprächsmöglichkeit mit „echten rechten“ Kindern, können Geiger und Farokhmanesh in Interviews nur deren Eltern zu Wort kommen lassen.

Die Kronzeugin musste, da Geflüchtete aus und nun Verfolgte von der Szene, vollkommen anonym bleiben. Ihre Geschichte, die der kleinen Elsa, zieht sich in Animationssequenzen von 1974 bis ins Jahr 2000 als roter Faden durch den Film. Heute startet „Kleine Germanen“ in den österreichischen Kinos. Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh im Gespräch:

MM: Sie kommen in politisch interessanten Zeiten nach Österreich. Welches Stimmungsbild vermittelt sich Ihnen?

Frank Geiger: Dass Demokratie wieder auf dem Vormarsch ist, dass es möglich ist, eine Regierung abzuwählen, eine Expertenregierung einzusetzen. Das würde ich mir für Deutschland auch gerne wünschen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Lage in Österreich instabil ist, ich kann mir zwar vorstellen, dass manche Leute Angst haben, aber für mich ist, was hier passiert, ein ganz normaler demokratischer Prozess, den man ruhig öfter mal haben könnte.

MM: Obwohl die großen Volksparteien bei der EU-Wahl europaweit Stimmen verloren haben, kam es nicht zum prognostizierten extremen Rechtsruck. Hat Ibiza den vereitelt?

Geiger: Ich glaube schon, sonst wäre die FPÖ vielleicht stärkste Kraft geworden, aber ich wage es nicht zu prophezeien, wie’s weitergeht.

Mohammad Farokhmanesh: Wir sind letztendlich „nur“ Filmemacher, trotzdem ist auch meine Einschätzung, dass die Menschen jetzt erkennen können, dass man Rechts auch kippen kann. Jetzt haben die Leute mal die Möglichkeit zu sehen, dass Regieren auch anders gehen kann.

MM: In Ihrem Film „Kleine Germanen“ sprechen Sie auch mit Österreichern: dem Sprecher der Identitären Bewegung Martin Sellner, dem Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher Andreas Peham, dem Aussteiger aus der Szene Alexander Lingner. Warum war es Ihnen wichtig, unter den „Germanen“ auch Österreicher zu haben?

Geiger: Weil im rechten Spektrum über die Landesgrenzen hinweg Vernetzung stattfindet, das Verständnis ist ja da anders, vor allem im ganz extremen deutschnationalen Bereich wird das als Einheit gesehen. Ich glaube, Herr Sellner und Götz Kubitschek, in Deutschland der Verleger der Neuen Rechten, der im Film auch zu Wort kommt, sind ziemlich dicke miteinander. Diesen Kontakten wollten wir auch Rechnung tragen. Herr Lingner hat sich hingegen von seiner Familie komplett gelöst.

MM: Während die rechten Aktivisten jovial und gutgelaunt in Ihre Kamera sprechen, wollten sich die meisten Expertinnen und Experten gegen rechts aus Furcht vor rechts nicht abbilden lassen. Ihre Analysen sind nur aus dem Off zu hören. Was sagt das über die Lage aus?

Geiger: Viele von den Experten beraten auch an Schulen und Kindergärten, die legen keinen Wert darauf, öffentlich bekannt zu werden, weil es ja auch ein sehr sensibler Bereich ist, in dem sie arbeiten. Daher haben wir diese Off-Kommentare dann auch als konsequentes Mittel eingesetzt, im Sinne von: die Expertenposition ist eine rationale Position, eine, aus der von außen draufgeguckt wird. Unser Film versucht das Thema aber auch emotional anzugehen, gerade durch die Animationssequenzen, da wollen wir ein Gefühl für diese Szene rüberbringen. Klar, die Rechten leben gerade sehr selbstbewusst auf und verstehen sich als die, die hier bald die Macht erringen werden. Das war uns schon klar, aber gerade diese Perspektive wollten wir vermitteln, und nicht immer nur die Perspektive derer, die im linken Elfenbeinturm sitzen.

Farokhmanesh: Weil es vor allem auch darum ging, die Kindererziehungsmethoden zu zeigen. Denn wer Kinder überzeugt, kann auch Erwachsene überzeugen, deshalb wollten wir die Rechten zeigen, wie sie normal und privat sind, nicht die, die skandierend auf den Straßen marschieren und Parolen rausschreien, sondern die „netten Menschen“, die versuchen, andere Menschen auf diese Art und Weise auf ihre Seite zu ziehen.

MM: Wobei die Frage ist, wie „normal“ sich Ihre Interviewpartner gezeigt haben. Es ist beinah erschütternd zu sehen, welch ausgepuffte Medienprofis das sind, denen kein falsches Wörtchen über die Lippen kommt. Das Springerstiefel-Image ist in diesen Kreisen ganz klar passé.

Geiger: Das stimmt, und wir waren ja im normalen Umgang mit denen, und der ist eher unproblematisch. Und dennoch merkt man diesen eisigen Kern, den diese Menschen haben. Da ist irgendwas ganz tief drinnen vereist, und sobald es um gewisse Themen geht, gewisse Themen diskutiert werden, stößt man an eine Wand, die man niemals durchdringen kann. Unser Ansatz ist: Wo kommt diese Wand her? Was ist da schiefgelaufen? Da sind wir der Meinung, dass es ein pädagogisches Problem, ein Erziehungsproblem ist. Diese Menschen waren alle mal Kinder, sind so erzogen worden, erziehen ihre Kinder im selben ideologischen Sinne – und wenn man das tut, nicht mit dem Ziel, die Kinder zu lieben und ihnen im Leben Unterstützung zu geben, sondern sie in dieses Gedankenkorsett zwängt, dass sie zu einem bestimmten Zweck dienen, dann wird’s eng.

MM: Und der Zweck wäre?

Geiger: Du bist nicht gut oder lieb, sondern du hast von Nutzen zu sein, nur dann bist du ein Mensch. Dieses Zweckdenken ist bei rechten Eltern extrem ausgeprägt. Wenn eine Erziehung so abläuft, kommt es zu diesem eisigen Kern. Das ist das Thema, das wir versucht haben, aufzuzeigen.

Farokhmanesh: Die Erfahrung, die wir seit drei Wochen machen, seit wir mit dem Film unterwegs sind, ist, dass die Mehrheit der Zuschauer, die in diese hermetische Welt bisher ja keinen Einblick hatte, unglaublich erschrocken ist, wenn sie hören, wie da mit Kindern umgegangen wird. Wir diskutieren nach den Vorstellungen stundenlang mit dem Publikum.

MM: Apropos, Publikum: Man kann auf Youtube den Trailer zum Film sehen. Die Hasspostings darunter sind gewaltig, da werden vor allem Sie sehr angefeindet.

Farokhmanesh: Genau. Da steht mir mein Name im Weg. Deshalb war ich bei den Interviews mit den Rechten auch nicht dabei, damit sie nicht noch mehr eingeschränkt sind. Aber wir sind leidenschaftliche Filmemacher, und wenn man mir nun ausrichtet, ich sollte lieber über den Islam berichten: das habe ich getan in „Teheran Tabu“, der sich mit Sexualität im Islam auseinandersetzt. Ich habe in „Reich des Bösen“ den iranischen Alltag gezeigt. Jetzt muss ich es in Kauf nehmen, dass man auf mich losgeht.

Geiger: Dieser Beißreflex zeigt doch nur, dass wir einen wunden Punkt getroffen haben.

Götz Kubitschek und Ellen Kositza in ihrem Haus in Schnellroda. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Sellner in einem Wiener Caféhaus. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Es gibt aber auch Kritik von der sozusagen anderen Seite. Jörg-Uwe Albig, Autor von „Zornfried“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32910), schreibt beispielsweise im Spiegel, Ihr Film „bildet völkische Fassaden ab, statt sie zu entlarven“.

Geiger: Haben wir gelesen, ja, und in dem Falle würde ich sagen, er will sein Buch verkaufen. Das ist eben auch ein Phänomen, dass die, die sich ins rechte Thema verbohrt und eine festgefügte Meinung haben, einen anderen Blick haben, eine professionelle Deformation, wenn Sie so wollen, als Menschen, die sich nicht tagtäglich damit auseinandersetzen. Unser Film richtet sich ja nicht an Experten, die sich von morgens bis abends mit rechts beschäftigen, sondern eben an das Publikum, dass die Zusammenhänge zum ersten Mal sieht. Die Experten, haben wir erfahren, sitzen oft in einem Schneckenhaus, weil sie zum Gegenstand ihres Expertentums in Kampf stehen, denen ist es quasi unmöglich, auch einen anderen Blick zuzulassen. Wie gesagt, wir wollten den emotionalen Blick, der diese Kinder zeigt …

MM: Nur sind Sie an diese Kinder nicht rangekommen.

Geiger: Deswegen haben wir das Animationstool.

Farokhmanesh: Ich würde den Kommentatoren, die unseren Film negativ kritisieren, empfehlen, einmal mit Publikum ins Kino zu gehen, damit sie sehen, wie das darauf reagiert. Wir hören ja auch, wir hätten den Rechten eine Stimme gegeben, eine Bühne gegeben, dazu kann ich nur sagen: Es gibt die Neue Rechte, es gibt die AfD, es gibt die NPD, das werden wir jetzt nicht mehr ändern. Man muss an die nächste Generation ran, und an die übernächste, damit sie erkennen, wer da im Bundestag rechtspopulistische Gedanken äußert, und dass diese Herrschaften nicht zu wählen sind.

Geiger: Die Auseinandersetzung mit der Rechten, wie wir sie bisher betreiben, hat nichts gebracht, außer Stimmenzuwächse für diese. Deshalb wollen wir was anders machen, wir sehen den Rechtsextremismus als pädagogisches Problem. Ich glaube, dieser Ansatz wird zu mehr führen. Es gibt auch gerade ein Buch, das heißt „Erziehung prägt Gesinnung“ von Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Pädagoge und in seinem Fachgebiet sehr erfolgreicher Autor, der hat es noch besser als wir auf den Punkt gebracht: dass wer den autoritären Populismus verstehen will, dorthin schauen muss, wo aus kleinen Menschen große Menschen werden, und dass man verhindern muss, dass in diesem Umfeld eine nächste Generation noch vehementer heranwächst.

MM: Wie sollte das gehen?

Geiger: Zum Beispiel, indem wir uns von der Ellenbogengesellschaft verabschieden. Das Konkurrenzdenken ist für die Rechten eine Steilvorlage, die ist Teil ihrer Ideologie, ihrer sozialdarwinistischen Weltsicht: Die Welt ist hart, jeder kämpft ums Überleben, und wer als erster tötet, hat gewonnen. Da sagt der Vater zum Kind: Schau mal an, der wird angegriffen, der wird fertiggemacht, wenn du das nicht willst, musst du ein Sieger sein. Dagegen müssen wir vorgehen, um dieses Phänomen wieder einzugrenzen. Leider muss man sagen, dass da das Schulsystem komplett versagt. Wenn wir mit Lehrern diskutieren, haben die keine Ahnung, wie sie mit solchen Kindern umgehen sollen. Die Lehrer sollten offensiv sein, das Thema angehen, Stellung beziehen, aber den meisten geht es nur um gute Noten – und da sind wir wieder beim Leistungsprinzip.

Farokhmanesh: Meine siebenjährige Tochter kommt unlängst aus der Schule nach Hause und erzählt mir von den Kinderrechten, was sie gelernt habe, wie man mit ihr umgehen dürfe, was ihre Rechte seien, dass niemand sie schlagen dürfe … Das ist Unterricht, wie ihn diese Kinder auch brauchen: eine Anleitung zum eigenständigen Denken.

MM: Sie haben es schon angesprochen: Der rote Faden von „Kleine Germanen“ sind Animationsszenen, die Geschichte dieser sogenannten Elsa, die als Kind vom Großvater indoktriniert wird. Diese Frau hat Ihnen der Verein Exit Deutschland, eine Hilfsorganisation für rechte Aussteiger, vermittelt, Sie haben sie aber nie getroffen.

Geiger: Wir haben telefoniert, sehr lange, drei Stunden und noch mehrmals danach. Sie war sehr reflektiert, hat aber auch sehr emotional erzählt, und man hat manchmal auch gemerkt, wo ihr Trauma liegt. Es waren sehr eindrucksvolle Gespräche, die wir da hatten. Exit hat uns vieles davon bestätigt, weil sie „Elsas“ Prozess des Aussteigens begleitet haben. Das war sehr ergreifend.

MM: Die animierten Bilder sind sehr expressionistisch. Warum haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Geiger: Wir wollten derart den Blick der Kinder zeigen. Es gibt ja auch Nazi-Kinderbücher, und die sind in genau diesem Stil gehalten, mit dieser seltsamen Ästhetik, die ihren seltsamen Geist transportiert.

Farokhmanesh: Das funktioniert auch wirklich sehr gut. Wir zeigen den Film ja auch in Schulklassen, ab 14 Jahren, wir hatten aber auch schon 13-Jährige, und viele sind während des dokumentarischen Teils unruhig, aber wenn die Animation beginnt, tritt Ruhe ein und die Kinder sind hochkonzentriert. Uns wird ja auch vorgeworfen, der Zuschauer kapiert den Film nicht; die Kinder kapieren ihn gut. Gerade die Jugendlichen stellen danach so kluge Fragen, dass mir mitunter der Mund offensteht.

MM: Was Ihnen alles vorgeworfen wird: von zu neutral, zu naiv, bis zu plakativ, zu manipulativ …

Geiger: Und die Rechten und ihre Entrüstung kommen auch noch dazu, ja, wir kriegen’s von allen Seiten.

Farokhmanesh: Viele Kritiker, und da möchte ich noch einmal auf den Spiegel-Kommentar zurückkommen, sind einfach arrogant, weil sie das Publikum als doof ansehen. Die sollen mal kommen, und sehen und hören, was wir sehen und hören.

MM: Eine Szene, die mich durchaus irritiert hat, ist ein Albtraum Elsas, in dem sie gegen eine jüdische Ratte, diese dargestellt mit Schtreimel und Schläfenlocken, kämpfen muss. Das ist hart, auch in Hinblick auf einen der FPÖ-„Einzelfälle“, dem Braunauer Rattengedicht.

Geiger: Diese Kritik haben wir schon oft erwartet, aber noch nie bekommen. Den Topos des Juden als Ratte haben die Nazis aber erfunden, und Elsa hat uns diesen bis heute immer wieder kehrenden Traum genau so erzählt. Sie wurde traumatisiert, sie hat sich Juden als furchtbare Monster vorgestellt, sie hatte Angst, auf die Straße zu gehen, und einem Juden zu begegnen … Das war das Gefühl, dass diesem Kind vermittelt wurde, und das wollten wir optisch auch umsetzen, die Ratte …

MM: Die dann noch ausgerechnet im Feuer sterben muss.

Geiger: Klar, weil Elsa sie besiegt hat.

Farokhmanesh: Wir wollen damit auch die Aggression und den Hass zeigen, den die Rechten haben, und woher der kommt, nämlich aus der Angst, die in der Kindheit geschürt wird. Diese Angst nehmen sie auch ins Erwachsenenleben mit, deshalb sind sie immer so angespannt und abwehrend. Diese Kinder werden in ständiger Angst vor Katastrophen und Krieg gehalten – ohne Grund, denn es geht uns in Deutschland doch gut.

Geiger: Sie werden in Unsicherheit gehalten, das ist ein wichtiges Erziehungsprinzip: Du musst auf alles vorbereitet sein, jederzeit kann uns der Feind überrennen, also züchten wir dich als Soldat für dieses Vaterland heran. Du musst gewappnet sein, wie jeder Soldat im Schützengraben gewappnet sein muss. Angriff! Und du musst aufstehen und mit uns kämpfen! Deshalb treten die Rechten auch immer als Gruppe, nie als Individuum auf, ein gutes Beispiel ist da Herr Sellner, den ich mehrmals gefragt habe, auf welche Leistung in seinem Leben er stolz ist. Aber darauf redete er immer nur von Mozart, das Abwehren der Türkenbelagerung, seine Vorfahren, das Vaterland, als hätte er das Gefühl, nichts selber geleistet zu haben, doch das ist eine anerzogene subjektive Wahrnehmung.

MM: Was mich an Ihrem Film wirklich ärgert, wenn Sie gestatten, sind diese gecasteten blonden und blauäugigen Kinder, die glückselig über Blumenwiesen tanzen. Warum waren die notwendig?

Geiger: Wir haben zwar Kinder von Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza kennengelernt, auch von der Ex-NPD-Politikerin Sigrid Schüßler, aber die durften wir natürlich nicht interviewen. Doch da wir einen Kinofilm gemacht haben und keine TV-Reportage wollten wir auch Kinder zeigen – und haben gecastet. Die Eltern wussten, wofür wir die Kinder abfilmen und die haben alle zugestimmt. Diese Aufnahmen sollen den Film auch in die Gegenwart holen.

MM: Aber bedienen Sie mit diesen Bildern nicht die rechte Legende vom ländlichen Idyll, wo man sich als Biobauer verdingt und der Nachwuchs lernt, wie’s geht mit Kuh und Stier? Auch Elsa samt späterem Ehemann zieht ja aufs Dorf und macht dort einen Hofladen auf.

Geiger: Das ist Realität, das ist ein Image, das sie prägen. Die Rechten ballen sich in ländlichen Gebieten zusammen, ziehen sich zurück, vor allem im Osten Deutschlands, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, weil sie dort billig Grund aufkaufen können, wo die ehemaligen Bewohner ganze Dörfer verlassen haben. Das ist ja auch ihre Vorstellung vom idealen Leben: sich selbst versorgen, nicht vom Ausland abhängig zu sein, eigenen Boden zu haben, möglichst viele Kinder zu haben, die dem rassischen Ideal entsprechen. Das ist der Weg der völkischen Siedler, es gibt tatsächlich schon Gemeinden, für die man eine Reisewarnung ausgeben müsste. Aber, um auf die gecasteten Kinder zurückzukommen: Wir haben aber auch echte rechte Kinder, Aufnahmen von deren Ausbildungslagern …

Elsa und ihr Großvater sitzen auf einer Bank in den Bergen und beobachten die untergehende Sonne. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Aufgenommen aus weiter Ferne und unscharf, und außerdem nicht von Ihnen, sondern aus dem Archiv einer Kollegin, die seit Jahren diese Lager aufs Korn nimmt.

Geiger: Ja, sie spürt sie auf und filmt sie. In Österreich und Deutschland sind sie ja mittlerweile verboten, aber in Skandinavien, neuerdings auch in Ungarn, finden sie statt. Wenn man sich diese Kinder anschaut, sind sie genau so, wie „unsere“. Ich habe den Film in Dresden gezeigt, und die Zuschauer haben mir gesagt: Leute, was zeigt ihr uns da? Was erzählst du uns? Wir haben mit diesem Thema tagtäglich zu tun, wenn wir nach Ostsachsen fahren, wir kennen diese Familien, wir haben täglich mit ihnen zu tun, die kommen und wollen unser Lokal für ein Fest mieten, denn das Kulturangebot kommt nur von den Rechten, von AfD und NDP … Also, dieses Publikum reagiert nochmal ganz anders auf „Kleine Germanen“. In Österreich ist das ja anders, ihr habt die Burschenschaften …

MM: Eine rechte Parallelwelt mit Schmiss.

Geiger: Der erste Österreicher, den wir übrigens sprechen wollten, war Johann Gudenus. Und seine Brüder. Aber die wollten nicht, die haben uns mit der sozialpolitischen Sprecherin aus dem Wiener Landtag abgefrühstückt, die mit einem Wachhund daherkam. Das war völlig unergiebig für den Film. Dabei wäre das eine interessante Familiengeschichte gewesen, die wir da rausarbeiten wollten, bis hin zum verstorbenen Vater John Gudenus. Bei denen geht das rechte Denken ja auch schon seit Generationen.

MM: Aber von Ihnen ist das Ibiza-Video nicht?

Geiger und Farokhmanesh lachen: Jetzt ist es raus. Warten Sie nur ab.

MM: Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was in Österreich bedeutet, einen Saumagen zu haben, nämlich viel schlucken, viel verdauen, im Sinne von: viel negatives aushalten zu können. Nun bejammert die NPD-Politikerin Ricarda Riefling im Film das Verschwinden des Saumagens, weil die pfälzische Spezialität von muslimischen Schweinefleischverweigerern bedroht werde. Frage: Braucht man für solche Aussagen einen Saumagen?

Geiger: Ja, einen Saumagen muss man haben. Den Spruch kannte ich nicht, den muss ich mir merken.

www.littledream-entertainment.com/filme/kleinegermanen           app.gruvi.tv/movies/8830?ref=

30. 5. 2019

Jörg-Uwe Albig: Zornfried

April 22, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Navi warnt vor Neonazis

Dieser Spessart gefällt Jan Brock gar nicht. Er hatte mehr an Wirtshaus, Spukschloss, Hänsel und Gretel gedacht, nicht an diese Eintönigkeit in Reih und Glied stehender Bäume, durch die er nun mit seinem klapprigen Peugeot fährt. Dass ihm das Navi angesichts eines Astes, den ein Sturm auf die Straße geschleudert hat, „Drehen Sie, wenn möglich, um“ empfiehlt, ist ein schöner Gag, allerdings keine Option. Denn der Journalist, der fürs Feuilleton der Frankfurter Nachrichten schreibt, ist unterwegs nach „Zornfried“. So der Titel des hochaktuellen, so amüsanten wie aufdeckerischen Romans von Jörg-Uwe Albig.

Der Name muss einem erst einmal einfallen – Zornfried, ehemals eine Ordensburg der Nationalsozialisten, nun Hort der Neuen Rechten, wo sich deren Vordenker versammeln. Unter ihnen Brocks obskures Subjekt der Begierde, der dunkle Ritter der neuen Intelligenz, von der Außenwelt durch den Burgherrn Hartmut Freiherr von Schierling schützend abgeschirmt, der Dichter Storm Linné, über den Ich-Erzähler Brock eine mit Interviews unterfütterte Reportage zu schreiben gedenkt. Aufmerksam geworden ist der Pressemann auf das Phänomen, als eine Handvoll von dessen Jüngern eine linksintellektuelle Diskussionsveranstaltung störten.

Ausgerechnet eine, die sich Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden auf die Fahnen geheftet hat, in der über „die Grenzen des Sagbaren“ und das Vermeiden von „Denkverboten“ philosophiert wird, wogegen der Storm-Trupp ein Linné-Zitat an die Wand sprüht. Beim Sparta-Verlag ist der dazugehörige Lyrikband schnell bestellt, ein Brock’scher Verriss folgt, gefolgt von Hasspostings, signiert mit Namen wie waldgaenger510 oder freyschaerler, gefolgt von einer Einladung Schierlings zum „zwanglosen Gedankenaustausch“.

Vor jedes Kapitel seines Buches stellt Albig ein Linné-Gedicht. „Schwertleite“ heißt eines: „Wachsam sind wir. An dunklen horizonten / Versammelt sich schon längst das fahle heer / Die krummen sicheln scheel gebeugter triebe / Verschorfter blätter büschel hinterm meer / Erwarten unsren schlaf. Doch wenn sie nahen / Dann schießt aus tiefer wurzel auf das schwert / Und schlägt herab die schlingende geile ranke / Und hackt die mispel fort die volkes saft begehrt.“ „Rattenkönig“ ein anderes, „das mich minutenlang husten ließ“, und ein Schelm, wer bei diesem schwülstig überspannten Blut- und Bodenpathos an gestrige Ostergrüße denkt. Man glaubt Albig aufs Wort, dass ihm das Reimen dieser völkischen Verse einen Riesenspaß gemacht hat, es ist beim Lesen auch gut Lachen, doch steckt in jeder dieser Oden ein beklemmender Rest, der über die Persiflage hinausgeht.

„Zornfried“ ist mehr als nur ein gelungene satirische Stimmimitation neonazistischer Bewegungen der Gegenwart, Staatsverweigerer und Identitärer und Wehrsportgruppen, der Roman ist auch eine messerscharfe Analyse des (social) medialen Umgangs mit diesen gesellschaftlichen Hervorbringungen. Ab wann macht man sich mit den Gemeinen gemein? Albig hinterfragt mit seiner elegant-pointierten, den Finger in die Wunden legenden Prosa sowohl den sensationsfreudigen Eifer in der Berichterstattung als auch den Sinn von den Dialog fordernder Toleranz im Windschatten liberaler Werte. „Man dürfe diesen versprengten Spinnern keine Bühne bieten“, meint etwa Brocks Feuilletonchef. „Wir können diese Leute nicht mehr ungeschehen machen“, so die durch keinerlei Distanz zu Rechts irritierte Kollegin vom Konkurrenzblatt, die sich ebenfalls auf Zornfried aufhält. „Unterstellungen, sagte sie dann, treiben sie nur noch tiefer in ihre Burg. Und alle Unentschlossenen gleich mit.“

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Brock selbst gerät schließlich in Gefahr vom teilnehmenden Beobachter zum beobachtenden Teilnehmer zu werden. Sein Maß der Dinge ist, wie er sagt, brisante Entwicklungen im Keimstadium zu erkennen, um als erster etwas über sie zu Papier zu bringen. Mit dem Preis, samt ihnen mitunter vom Wege abzudriften. „Dass ich allmählich anfing, mich in Schierlings Redestrom treiben zu lassen, war, wie ich mir einredete, vielleicht schon das Eintauchen, das ich mir vorgenommen hatte“, denkt er so befangen wie gefangen: „Ich hörte mir Schierlings Reden an und spürte weniger Abscheu als Stolz.“ Brock, stellt der Leser fest, registriert mehr als er reflektiert, der Reporter erweist sich als Durchschnittstyp, als mittelmäßiger Held, nicht als kämpferischer Publizist.

Es ist die große Kunst Albigs Anspielungen an die Wirklichkeit immer nur anzutippen und nie auszuformulieren. Albig betreibt dies Handwerk mit komödiantischer Ernsthaftigkeit. Wunderbar, wie er den so gar nicht – wie erhofft – dämonischen, rechtskonservative Kalendersprüche klopfenden Schierling in dessen Opferhaltung porträtiert, wenn er im Gespräch gequält zur Balkendecke starrt, weil über ihm schon wieder „die Nazikeule“ geschwungen wird. Großartig, wie er mit allen nur erdenklichen Klischees und Milieus spielt, etwa Brocks Beschreibung vom Provinzgasthof, in dem er sich einmietet: „Schon auf der Treppe schlug mir der übliche deutsche Mief entgegen: Kohlrabi, WC-Ente, Meldezettel. Der Teppichboden roch wahrhaftig nach Schäferhund“, wie er zwischen kleinkariert und kleingeistig das Deutschtum aufs Korn nimmt.

Und weil nichts deutscher ist, als der Wald, preist Schierling seinen starken, germanischen Buchenforst: „Ich will hier keinen kommunistischen Fichtenstaat, sagte er und hob die Stimme an. Ich will eine Gemeinschaft aus herrschenden und dienenden Bäumen“, während Brock an parasitären Pilzen krankende Geschöpfe sieht, „erstickt von Zwangsjacken aus phosphoreszierendem Moos“. Solche Sinnbilder sind typisch Jörg-Uwe Albig, seine Waldmetaphern durchziehen den Text. Dem Burgherrn beigesellt der Autor ein Panoptikum an Figuren. So wie dieser mit zwei, drei Strichen beschrieben ist, „Seine Brauen waren dünn; sie umkrallten die Augäpfel, als trüge er Monokel“, so knapp zeichnet Albig dessen Frau, die „aus nichts als Sehnen und Bändern zu bestehen“ scheint, „wie diese Plastinate aus Ausstellungen wie ,Körperträume‘“, und die Kinderschar, alles Mädchen, mit „Folienhaut und Wattehaar“ gleich unheimlichen Puppen.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Zu den sprechenden Namen Storm Linné – siehe Lyriker Theodor und Naturforscher Carl – und Schierlings Frigga, Walburga und Malmhild kommen ein sinistrer Sekretär, ein hinterlistiger Hausarzt und ein böswilliger Filmemacher, alle sind sie blond und zitieren pausenlos Linné, das Phantom, den „Großen Leidenden, der blute für seine Vision“, oder sinnieren über ihre wachsende Bedeutung in Europa von Ungarn über Kroatien bis Italien. „In Frankreich sei er bereits ein Schreckgespenst, sagte Schierling mit dem Blick eines Jungen, den man bei einem Streich ertappt hat, auf den er stolz ist … wer sein Land liebe, müsse die Welt kennen. Und dann erobern, fragte ich. Wenn sie so wollen, antwortete Schierling sichtlich geschmeichelt, was mich irritierte.“

Unversehens taucht auch eine Wehrsportgruppe auf, bleiche Computernerds mit über die Gürtel quellenden Speckwülsten, schwächliche Jünglinge und aufsässig dreinblickende Glatzenträger, auf ihren schwarzen T-Shirts ein gelbes W für „Wir, Wachstum, Waffen, Wölfe, Widerstand. Oder Waldgänger. Suchen Sie sich was aus“, erklärt der Sekretär, die rund um die Burg „Grenzkontrollen“ durchführen. Was, von Brock als Appetizer auf seine Story hochgeladen, von Youtubern, wie lucy_fer oder lichtkrieger88 mit „Jetzt können die antifanten sich warm anziehen“ und „Leider geil wo kann man mitmachen“ kommentiert wird. Allerdings ruft das Brock-Video auch eine Demonstration gegen Rechts auf den Plan, und es ist eine der stärksten Szenen des Buchs, wie die Herrschaften im Turm Sekt süffeln und dabei das traurige Trüppchen im Burghof belustigt von oben herab betrachten.

Der kultisch verehrte Linné hat weit in der zweiten Hälfte des Romans zwei Kurzauftritte, und er ist zumindest äußerlich keineswegs der „arische“ Charismatiker, den seine Anhänger in ihm sehen, auch wird mit ihm etwas geschehen, dass Brocks Artikel obsolet macht. Davor aber wimmelt sich während eines Festes ein Anzugträger an Brock heran, um diesen mit seiner Linné-Rezension zu konfrontieren. „Wissen Sie überhaupt noch, was Sie da geschrieben haben“, fragt er und singt zu Brocks Unbehagen ein Loblied auf jede Zeile der Literaturkritik, die ihn überhaupt erst auf den Gedichtband aufmerksam gemacht hätte. Dieses „Gutmenschen“-Dilemma ist der Kern, um den Jörg-Uwe Albigs famos furiose Geschichte kreist. Wie der Anzugträger ausführt: „Wenn ihr gegen etwas geifert, sagte er und blinzelte wieder, dann weiß man, dass die Sache sich lohnt.“

Über den Autor: Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim Stern und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. Er schreibt unter anderem für GEO und das SZ Magazin. 1999 wurde sein Romandebüt „Velo“ veröffentlicht. Es folgten die Romane „Land voller Liebe“, „Berlin Palace“  und „Ueberdog“ sowie die Novelle „Eine Liebe in der Steppe“ und zuletzt der Roman „Zornfried“.

Klett-Cotta, Jörg-Uwe Albig: „Zornfried“, Roman, 159 Seiten.

www.klett-cotta.de

22. 4. 2019