Un solo colore

September 15, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlinge gehören zur Familie

Rosario inmitten seiner Dorfgemeinschaft. Bild: Un solo colore/Joerg Burger/Sixpack Film

Rosario inmitten seiner Dorfgemeinschaft. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Auf dem Dorfplatz sitzen alte Männer. Heimkehrer aus Deutschland, aus Argentinien und den USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie von zu Hause weggegangen. „Wir haben die Welt bereist auf der Suche nach Arbeit“, sagt einer. „Es war schwer all die Jahre von der Familie getrennt zu sein“, sagt ein anderer. Und sie erzählen, dass es für ihren Gemütszustand damals sogar einen Fachbegriff gab – Auswandererdepression, mit der Begleiterscheinung Magengeschwür.

Viele der Neuankömmlinge werden in einem ersten Gespräch mit der Projektleiterin über ähnliche Beschwerden klagen. In Camini sorgt man sich um die Sorgen anderer. Camini, das ist ein Dorf im kalabrischen middle of nowhere, 15 Kilometer vom Ionischen Meer entfernt, und bevor Filmemacher Joerg Burger etwas anderes zeigt, zeigt er gespenstisch leere Gassen und in ihnen verfallene Häuser. Die Jungen sind weggezogen, in die Städte abgewandert, haben den Ort sich selbst überlassen. „Camini war dabei auszusterben“, erklärt eine, die geblieben ist. Gekommen ist eine Idee. Nämlich die, dass Hilfe für andere auch Selbsthilfe sein kann. Rosario und seine Frau Giusi haben aus ihrem Dorf einen „Ort der Ankunft“ gemacht. „Begonnen haben wir mit elf Burschen von der Elfenbeinküste“, sagt Rosario. Nun sind es 76 Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, Kriegsvertriebene, meist Familien mit Kindern, auch alleinstehende Frauen, die die verlassenen Wohnungen neu beleben.

„Schutzsystem für Flüchtlinge und Asylwerber“ heißt das Projekt, das Joerg Burger in seiner Dokumentation „Un solo colore“, die am 16. September in den heimischen Kinos anläuft, porträtiert. Statt in einem zentralisierten Auffanglager auf die Erledigung ihres Asylantrags zu warten, sind die Menschen hier Teil einer Gemeinschaft. Gemeinschaft ist ein Wort, auf das Rosario wert legt. In Camini gibt es keinen Zwang, keine Isolation, keine Distanziertheit, Rosario nennt seine Schützlinge Gäste, er spricht von Würde – und weint. Er hat in den sogenannten Hot Spots schon einiges gesehen …

Un solo colore. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Giusi und ihre Gäste. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Un solo colore. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Oma zeigt, wie man Seife macht. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Burger erkundet das alles mit Respekt vor den beteiligten Personen, neugierig auf seine Gesprächspartner, aber unsentimental. Er wechselt zwischen den Interviewsituationen und der reinen Beobachtung, Unterhaltungen, Diskussionen untereinander, Auseinandersetzungen auch, die allesamt nicht untertitelt sind. Sie stehen atmosphärisch für sich. Und er entzieht sich der Versuchung ein Idyll zu zeigen. Camini ist kein Paradies auf Erden. Die Asylwerbenden kommen zu Wort – und siehe, sie sind nicht dankbar und demütig, sie sehen die von einer fehlgeleiteten, vielleicht auch fehlinformierten Weltpolitik verursachten Probleme und die Verantwortung Europas an den bewaffneten Konflikten, vor denen sie geflohen sind. Viele von ihnen möchten, bei aller Wertschätzung, lieber heute als morgen weg aus der Enge und Abgeschiedenheit des Dorfes. „Nach Mailand“, will ein Mädchen. „Ich habe einen guten Beruf gelernt, gebt mir Arbeit in ihm“, fordert ein Mann.

In Camini kann man folgendes tun: Von Oma lernen, wie man Seife herstellt, oder den alten Weinberg wieder fruchtbar machen. „Ein Bursche aus dem Irak glaubte, dass es ihm unmöglich ist, einen ganzen Tag mit ,Farbigen‘ zu verbringen“, sagt Rosario. „Heute spielen sie zusammen Fußball“. Auch er glaubt. Ganz fest. Dass seine Initiative ebenso in einer anderen familiär-dörflichen Struktur funktionieren müsste. Er hofft nach diesem Film auf Nachahmer. Pro Jahr 500.000 Euro mehr Budget, das ist Rosarios positive Bilanz nach drei Jahren Projekt. Investitionen für Baumaßnahmen. Auch die Schule hat dank der vielen Flüchtlingskinder wieder ihren Betrieb aufgenommen. Natürlich, man findet sich in Camini gegenseitig exotisch, aber eben auf die gute Art …

Un solo colore. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

Spaß haben beim Wein stampfen. Bild: Joerg Burger/Sixpack Film

„Un solo colore“ wirft nicht nur in diesem Sinne, heißt: einer Rechnung von Kosten und Nutzen, triftige Fragen auf. Geht es doch bei Europas Aufnahme von Flüchtlingen längst nicht mehr um die Frage ob, sondern nur um die Frage wie.

In Österreich war der Tenor diesbezüglich bislang, man könne Asylwerbende nicht in strukturschwachen Regionen unterbringen, denn wie solle ein Flüchtling wirtschaftlich überleben, wo es der Einheimische offenbar nicht konnte. Ließe sich Modell Camini also tatsächlich übertragen? Oder existiert es nur dank des Enthusiasmus engagierter Einzelner? Schnitt. In Camini tanzen Kinder in einem Plastikbottich. Matsch, matsch, trampeln sie auf Weintrauben herum, spielen sie Wein stampen. Sie tragen kurze Hosen und Kopftücher, ihr Haar ist blond, ihre Haut dunkel. Die kleinen Winzer sind afrikanisch, arabisch, europäisch, Italiener. Der Spaß ist groß, ihr Lachen laut.

Trailer: vimeo.com/165866898

www.facebook.com/solocolore/?fref=ts

Wien, 15. 9. 2016

Scala: Café zur Barrikade

Februar 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Kaffee und Guglhupf zur Revolution 1848

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Da war doch so ein kleiner Riss in der Biedermeieridylle. Das Jahr 1848. März ist es – und die Wiener marschieren. Gegen den Kaiser und gegen das Metternichregime. „Café zur Barrikade“ heißt die jüngste Dinnerproduktion, die Theater-zum-Fürchten-Chef Bruno Max in seiner Wien-Dependance, der Scala, zeigt. Man sitzt im Griensteidl bei Kaffee, pikant gefüllten Hörnchen und Guglhupf. Mittendrin, denn der Nachbar entpuppt sich plötzlich als Revolutionär, singt das Hungerlied von Georg Weerth oder das Robert-Blum-Lied www.liederlexikon.de/lieder/leute_hoeret_die_geschichte_Robert_Blum, und fordert einen auf mitzusingen. Unzähliges an Proklamationen, Dekreten, Flugblättern und Manifesten, Schul- und Tagebucheinträgen, Gedichten und Spott und Parodien darauf, Liedern und Zeitungsmeldungen hat Bruno Max wieder  akribisch zu einem Stück zusammengestellt.

Es wirken mit: Revoluzzer und Reaktionäre, die Publikumslieblinge Nestroy und Scholz, tote Helden und überlebensfähige Feiglinge, Habenichtse und Hausherren und natürlich Nandel, der Depp. Eine Zeit, in der Burschenschafter noch deutschnational UND politisch links sein konnten. Doch im 360-Grad-Bühnenbild (eine Seite: das Griensteidl, andere Seite: die Barrikade, verbunden durch einen Spielsteg, an dem entlang das Publikum an Marmortischchen Platz genommen hat) ist man sich uneins. Da kämpfen die Arbeiter gegen den Hunger, die Studenten für die Freiheit. Die Bürger schauen auf beide herab. Die einen wollen bitten, die anderen fordern. Und der Hof von „Gütinand dem Fertigan“ flüchtet nach Innsbruck.

Max gelingt es großartig „hohe“ Politik durch Menschenschicksale, durch Familiengeschichten zu erzählen. Nur der Aufstand der Erdarbeiterinnen geht ab http://zwanzigtausendfrauen.at/2011/01/1848-schmolzer-hilde-der-erste-arbeiterinnenaufstand-in-wien/ Jeder Schauspieler übernimmt mehrere Rollen. Franz Grillparzer (Jörg Stelling) duelliert sich mittels Dichterfeder mit Ferdinand Freiligrath. „In deinem Lager ist Österreich“ vs „Das ist noch lang die Freiheit nicht!“. Richard Wagner (Bruno Max) schickt einen Gruß aus Sachsen an die Wiener; Karl Marx (Randolf Destaller) liest in den Sträuselsälen des Theaters in der Josefstadt das Manifest der kommunistischen Partei. Johann Nestroy (Eric Lingens) und Wenzel Scholz (Tom Jost) pa­t­rouil­lie­ren im Freiwilligenkommando des Theaterdirektor Carl als Nationalgardisten. Natürlich folgen darauf „Das Zopfensystem aus ,Freiheit in Krähwinkel'“ und „Die Reaktion ist ein Gespenst“. Marion Rottenhofer hat als Erzherzogin Sophie am Hof als einzige die Hosen an; Irene Marie Weimann macht Arbeiterrevolution in Schürzenkleid. Paul Basongo gibt alles – vom Arbeiter bis zum Hofdiener. Und er ist auch ein entzückender Ober, der einem Sonderwünsche erfüllt.

Die Familiengeschichte des Johann Griensteidl ist frei erfunden. Der wunderbare Georg Kusztrich gibt den Kaffeesieder über Generationen hinweg. Thomas Marchart spielt seinen Sohn August. Christina Saginth wird im Laufe der Handlung von der Ehefrau zur Oma. Der Star des Abends ist aber Michael Reiter als k.k. Oberfeuerwerker Johann Pollet. Max hält sich bei der Gestaltung der Figur an Thomas Pluchs Drehbuch „Feuer!“, Reiter ist ein famoser Zerrissener, der einen Schießbefehl verweigert, zum Volkshelden wird, sich verstecken muss, und schließlich doch wieder in die Arme der Armee zurückkehrt https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Johann_Pollet  Gedenktafel: www.viennatouristguide.at/Gedenktafeln/Stadtgeschichte/1848_pollet_1.htm.

Am Ende ist die Schlacht verloren. Der 18-jährige Franz Joseph wird Kaiser. Die Franzosen haben’s 1870 noch einmal probiert. Die Österreicher sind zum Guglhupf zurückgekehrt.

 So hab‘ ich es nach langen Jahren
Zu diesem Posten noch gebracht,
Und leider nur zu oft erfahren
Wer hier im Land das Wetter macht.
Du sollst, verdammte Freiheit! mir
Die Ruhe fürder nicht gefährden:
Lisette, noch ein Gläschen Bier!
Ich will ein guter Bürger werden.

Georg Herwegh

Eine Produktion, die man gesehen haben muss!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 18. 2. 2015

Focus on Infinity – Griff nach den Sternen

Dezember 18, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Joerg Burger fragt, woher wir kommen

– und wohin wir gehen

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Woher kommen wir, was sind wir und wohin gehen wir? Wer die drei wichtigsten Fragen der Menschheit beantworten möchte, muss das Geheimnis des Universums entschlüsseln. „Focus on Infinity“, ab 19. Dezember im Kino, ist eine essayistische Reise zu Menschen, Maschinen und Schauplätzen, die mit der Erforschung unseres Kosmos verbunden sind. Diese ewige Suche nach dem Sinn des Lebens und der ihr innewohnende Zweifel beschäftigt mehr und mehr Wissenschaft, Philosophie und Theologie. Ihr Weg führt dabei vom weltgrößten Teleskop bis zum tiefst gelegenen unterirdischen Forschungslabor – mit der Erkenntnis, dass jede Antwort auf unser Dasein eine neue Frage birgt.

Zitate aus dem Film:
„Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch. Doch wenn die Früchte unserer Forschung uns keinen Trost spenden, finden wir zumindest eine gewisse Ermutigung in der Forschung selbst. Das Bestreben, das Universum zu verstehen, hebt das menschliche Leben ein wenig über eine Farce hinaus und verleiht ihm einen Hauch von tragischer Würde. Ich glaube es bleibt immer ein Geheimnis, das die Wissenschaft nicht lösen kann. Nichts kann es lösen, auch nicht die Religion. Religion hat dasselbe Problem, Fragen offen zu lassen, warum die Dinge so sind, warum es überhaupt etwas gibt. Das gehört wohl zur Tragödie der Menschheit. Wir werden wohl nie endgültig verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind.“
Steven Weinberg, Physiker, Astronom, Nobelpreisträger
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„Ich existiere nicht, um zu wissen. Ich soll versuchen, einen Sinn zu finden über das Wissen hinaus. Ich stelle Grenzfragen, Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Warum ist da etwas und nicht nichts?“

George V. Coyne, Jesuit
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„Wir wissen recht genau, wo wir im Evolutionsprozess stehen. Aber wir kennen die beiden entgegengesetzten Enden nicht. Wir kennen den Ursprung des Lebens nicht. Und wir wissen nicht, wohin es geht. Wohin es geht ist mehr als eine wissenschaftliche Frage. Aber die Wissenschaft gehört dazu, sie kann uns führen.“
Sir Martin Reese, Astrophysiker
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„Was bedeutet die Unendlichkeit in unserem Leben? Was bedeutet Tod in unserem kleinen Leben? Es gibt ein paar ewige Fragen, aber die Antworten sind nicht von Dauer. Sie stimmen eine Sekunde, dann nicht mehr. Das Unbekannte, die Suche nach dem Unbekannten, macht auch die Ironie der Welt aus. Wirklichkeit ist immer eine neue Fiktion. Wenn ich sterbe, ist es wichtig zu wissen, wie das Universum beschaffen ist, wie es entstand? Warum wollen wir das wissen? Vielleicht verbringen wir so unsere Zeit, um in einer Weise kurz vergessen zu können, dass wir sterben werden. Und alles, was wir bisher getan haben ist ein Versuch, mit der Tatsache fertig zu werden, dass alles zu Ende geht. Ich will lernen, wie man stirbt.“
Asli Erdogan, Journalistin und Schriftstellerin
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„Die Wissenschaft denkt über die Grenzen des Wissens nach. Die Grenzen des Denkbaren.

Lisa Randall, Professorin für  theoretische Physik, Expertin für Teilchenphysik und Stringtheorie

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Spezial-Screening mit Podiumsdiskussion: http://www.mischief-films.com/news/KinostartFocus/
Wien, 18. 12. 2014