Little Joe

Oktober 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Subtiler Sci-Fi-Horror von Jessica Hausner

Emily Beecham als von den Mutterpflichten für Menschenkind Joe und Pflanzenspross Little Joe zerrissene Botanikerin Alice. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Angsteinflößend wie Audrey II ist sie nicht, auch nicht so schauderhaft wie Mary Shelleys Leichenteil-Lebewesen, und dennoch ist dieses Geschöpf eine Art Frankensteins Pflanze, die Kreatur des modernsten Prometheus das vorprogrammierte Grauen grüner Gentechnik, ihr Schöpfer anno 2019 selbstverständlich eine Schöpferin: Botanikerin Alice.

Die alleinerziehende Workaholic-Mutter verkörpert die britische Schauspielerin Emily Beecham, die dafür bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Am Freitag läuft Jessica Hausners jüngster und erster in englischer Sprache gedrehter Film „Little Joe“ in den heimischen Kinos an, ein Wechselspiel von Sci-Fi-Horror und Psychothriller, eine gewitzte Komödie über die Unwägbarkeiten des Mensch- und Mutterseins, in der die Drehbuchautorin und Regisseurin mit sichtlichem Vergnügen in einem fort falsche Fährten legt. Die „Titelfigur“ ist ein empfindsames Blütchen, von den Forschern einer auf Zierblumen spezialisierten Firma gehegt und gepflegt, kann diese neue Züchtung mittels ihres Dufts doch glücklich machen – ein garantierter Verkaufsschlager, der alsbald der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

Was Little Joe fürs Verströmen von Freundlichkeit und Fröhlichkeit braucht, ist tägliche Fürsorge in wohltemperierten Räumen, ausreichend Wasser – und Ansprache. Doch, als ob das alles zu schön, um wahr zu sein wäre, ist da beim Betrachter von Anfang an ein Unbehagen. Da stimmt etwas nicht in Hausners durchinszeniertem Setting, und dieser Verdacht bestätigt sich, als sich die blutroten Blüten plötzlich öffnen und – Pfft! – Pollenwölkchen von sich stäuben. Am nächsten Morgen ist die blaue Kultur des Kollegenprojekts eingegangen, ein Sieg der Flammenfarbigen über die Ultramarinen.

Diese Farbenlehre bleibt nicht die einzige, die die Wissenschaftler ziehen müssen, der genmanipulierte Little Joe, so gezüchtet, dass er seine Vermehrungsfähigkeit verloren hat, beeinflusst mit seinem Blütenstaub, wer diesen einatmet. Alices Mitarbeiter, ihr Sohn, da sie unerlaubt eine Pflanze mit nach Hause nimmt, sogar der Hund einer konkurrierenden Studienleiterin verändern sich. Die Natur wird ihren Weg finden, sagt diese Bella sibyllinisch über Little Joes Überlebenstrieb – oder ist dieses Treiben Jessica Hausners irreführende Finte, die Pollen eine psychologische Projektion auf … wen oder was?

Sehr subtil baut Hausner diesen Zweifel als zentrales Element ihres Films auf, die Handlung verschwimmt in einer Vagheit, in Vermutungen und Verdächtigungen, die bis um Schluss keine Schlüsse zulassen. Die Welt, die die Filmemacherin und ihr Stab, die Kostüme wie stets von Schwester Tanja Hausner, dafür konzipiert haben, ist irritierend, die Ästhetik radikal abstrakt, die Atmosphäre akademisch abgeklärt. Die Farben sind Pastell, mint, rosé oder weiß, kühl und steril wie die Charaktere, die in einer Weise ruhig und gefasst reagieren, wie es den Geschehnissen kaum entspricht. Nur ab und an setzt Rot ein Signal, mit Handschuhen, Schuhen, einem Hundeball, dem ikonografischen Pilz von Alices Frisur.

Die Kameras im Gewächshaus haben seltsame Geschehnisse aufgezeichnet: David Wilmot, Phénix Brossard, Emily Beecham und Ben Whishaw. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Ist der immer aufsässiger werdende Joe nur pubertär oder ein Pollen-Zombie? Der großartig agierende Kit Connor und Emily Beecham. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Die Musik stammt vom japanischen Komponisten Teiji Ito, elektronische Soundscapes zwischen Kabuki und Hundekläffen, die die Empfindungen ins Unheimliche drehen und die mal vorwärts schleichende, mal seitlich driftende Erzählweise des Films vorgeben. Als wär‘s Teil dieser verschrobenen Tonlage, dehnt auch Martin Gschlacht die Grenzen der Wahrnehmung aus. Mit scharf choreographierten Kamerafahrten fertigt Gschlacht einen subjektiven, heißt: nie zu viel enthüllenden Sichtrahmen für die Zuschauer.

Und erzeugt so Unsicherheit darüber, was da im Verborgenen wächst. Die Frage ist nicht nur, was dahinter-, sondern wo man eigentlich steckt, und das ständige Geräusch grell-surrenden Lichts gibt darauf Antwort: in der Gewächshaushölle. Alldieweil mutieren die Menschen munter weiter. Großartig spielt der 15-jährige Kit Connor, zuletzt als jugendlicher Elton John in „Rocketman“ zu sehen, Alices Sohn, den Original-Joe. Wie der eben noch Bub sich nun brutal in seiner Beherrschtheit präsentiert, das ist tatsächlich gespenstisch.

Um nichts weniger spooky ist Schulfreundin Selma, Jessie Mae Alonzo als Joes Teenie-Liebe, die Little Joes Geruch sexy findet, und wenn die beiden Alice eröffnen, sie gehörten jetzt zur Gemeinschaft der Glücklichen, weiß man nicht – pubertärer Schock-Joke oder doch Gemütszombie? Little Joes Vorstellung von Zufriedenheit ist nämlich Gefühllosigkeit, das große Begehr der reproduktionsunfähigen Pflanze offenbar, die von ihr Infizierten zu ihren Beschützern zu modifizieren. Der erste Bestäubte, der sich derart gebärdet, ist Ben Whishaw als Alices Projektpartner Chris, auch Laborassistent Ric, Phénix Brossard, wird immer sinistrer, schließlich der Chef, David Wilmot als Karl. Der Vasallendienst der Männer erweckt zuerst Bellas Misstrauen, die deren sonderbares Verhalten als durch die Pollen ausgelöste Psychose enttarnen will.

Doch als endlich auch Alices Instinkte geweckt scheinen, beginnt man angestachelt von den Hausner’schen Zweideutigkeiten schon wieder an den eigenen zu zweifeln. Bella nämlich, die Kerry Fox formidabel – und von fahrig bis verloren changierend – gestaltet, so ist zu erfahren, war einige Jahre in der Psychiatrie. Wegen Burnout und Depressionen und nach einem Suizidversuch. Und auch Alice geht in die Psychotherapie … Wie die Glashausflora die Figuren, so gängelt Jessica Hausner mit ihrer Feinbeobachtung von Veränderungen das Kinopublikum, indem sie es veranlasst, die Integrität ihrer Charaktere permanent infrage zu stellen. Hausners Pollenalarm ist ein Virus, der seine Spur bis ins Zuschauerhirn zieht. Dabei ist der Filmemacherin durchaus ironisch dargebotenes Anliegen nicht nur die Diskussion um nicht-bräunende Äpfel, käferresistente Erdäpfel oder trockentoleranten Reis, die Wissenschaft von den Genen ein weites Feld der Halbwahrheiten.

Hausner geht es vor allem um das Fremde im anderen und um das Fremde in einem selbst. Will man das Gegenüber wie das eigene Wesen immer gewohnt, nie unvertraut sehen? Trifft das auf Alices Blick auf den allmählich erwachsen werdenden Joe zu? Emily Beecham erweist sich als Idealbesetzung für die Alice. Selten hat jemand mit einer kompletten Klaviatur an Gefühlen so sparsam gehaushaltet, wie Beecham in dieser Rolle. Ob sie ihr Fleisch-und-Blut- oder ihr Pflanzen-Kind gegen Anfeindungen verteidigt, ob sie den Avancen von Whishaws Chris mit ausreichend Distanz begegnet, diese Frau ist seltsam schaumgebremst. Wie eine Bipolare unter dem Einfluss von Psychopharmaka schlafwandelt sie durch Hausners Hightech-Tableau.

Die emotionale Doppelbödigkeit ihrer Protagonistin spiegelt die Regisseurin raffiniert von Alices Berufs- aufs Privatleben. Der Zwiespalt im Zuschauer ist gesät, wird einem doch klar, dass Alice als Mutter von zweien sich für eins entscheiden wird, also entweder ihrem schlechten Gewissen gegenüber dem vernachlässigten Joe oder ihrem Wunsch nach Selbstverwirklichung durch die Arbeit an Little Joe nachgeben wird. Frei nach Feminismus fügt Hausner auch noch dieses Motiv ein. Wie es in Alice diesbezüglich gärt, lässt sich diskret dosiert in Beechams Gesicht ablesen. Und dann schlägt „Little Joe“ eine überraschende, eine letzte Volte. Was seine Ambivalenz und seine Ambiguitäten zum Blütenhochstand treibt.

 

www.filmladen.at/littlejoe

  1. 10. 2019

Volksoper: Cabaret

September 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der ersten bis zur letzten Minute WOW!

Willkommen, Bienvenue, Welcome: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ hieß es gestern zum Saisonauftakt an der Volksoper. Zum ersten Mal zeigt das Haus das Musical „Cabaret“ von Komponist John Kander, Librettist Joe Masteroff und Liedtexter Fred Ebb, inszeniert von Gil Mehmert und mit Lorenz C. Aichner am Pult, und mit der Wirkung: von der ersten bis zur letzten Minute WOW! Es wird wenige geben, die bei dieser frivol-frechen Hommage ans Berlin der Goldenen Zwanziger nicht an Liza Minnelli in Bob Fosses 1972er-Film denken.

An der Volksoper singt und spielt Bettina Mönch die Sally Bowles, und begeistert mit einem Timbre und einem Temperament, die dem US-Superstar alle Ehre machen. Mit ihr brilliert Ruth Brauer-Kvam als androgyner Conférencier und BesitzerIn des Kit Kat Clubs. Erst im Juni sprach John Kander im Interview mit der Welt über ein „Cabaret“-Comeback, da ja Nationalismus, Populismus und Rassismus gerade Revival feiern. Gil Mehmert hat diesen Sager mit seiner Arbeit bereits vorweggenommen, verliert er doch in dieser keinen Moment die politische Dringlichkeit des Stücks aus den Augen. Die Volksopernfassung, teils in deutscher, teils in englischer Sprache, beinhaltet zu den Bühnensongs die drei für die Verfilmung geschriebenen Evergreens „Money“, „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ – und so konnte Mehmert beispielsweise für „Money“ eine an Georg Grosz‘ Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ erinnernde Figur erfinden, einen Banker mit Goldgehirn und Tresorbauch.

Ich hatte eine Freundin namens Elsie: Bettina Mönch als Sally Bowles mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maybe This Time: Bettina Mönch als Sally Bowles und Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auch die anderen Nummern im Kit Kat Club sind um diese gesellschaftliche Brisanz angereichert: Zu „Two Ladies“, ursprünglich ein schamloses Bekenntnis zur Ménage-à-trois, tanzt der Conférencier, angetan als „Führer“, mit einem deformiert-maskierten Mussolini und einem Stalin einen teuflischen Dreier. Das dem deutschen Kunstlied nachempfundene „Der morgige Tag ist mein“ intonieren erst ein urgermanischer Männerchor, dazu Fackelzug und eine HJ mit ihren Trommeln, bevor es das von Johanna Arrouas hinreißend biestig dargestellte Fräulein Kost als ihren neuen Gesinnungsgesang übernimmt.

Dass ausgerechnet das aufsässige Matrosenliebchen, das in Fräulein Schneiders Pension die Seemänner im Stundentakt aufmarschieren lässt, und der Obskurant Ernst Ludwig, Peter Lesiak gestaltet den Unsympath vom Nadelstreifanzug zum Braunhemd, vom illegalen Parteigänger zum SA-Mann, schlussendlich „an die Macht“ kommen, dient Mehmert zusätzlich als Metapher für aktuell Rechtsrückende in ihren aberwitzigsten Ausprägungen. Für all das hat Heike Meixner eine monumentale Drehbühne samt Showtreppe und riesiger Klaviatur entworfen.

Dies die Hälfte auf der Mönchs Sally Bowles als lasterhaft leicht geschürzte Nachtclubsängerin durchs Zwielicht der Bühne wirbelt – Kostüme: Falk Bauer, Choreografie: Melissa King –, während sich auf der anderen die Schneider’sche Pension, vier bieder eingerichtete Zimmer, befindet. Eine Welt wird, wie sie’s auch musikalisch tut, spiegeln sich doch die Pensions-Balladen im Kit-Kat-Uptempo-Jazz, so zur Kehrseite der anderen, Bohème und Hausbacken in trauter Eintracht im Makrokosmos der Stadt, deren Name in Leuchtbuchstaben über allem steht. Es ist Ruth Brauer-Kvams Conférencier, der die beiden Milieus verbindet, er laut Mehmerts Interpretation ein Narr, der wie eine lichttaumelnde Motte durchs seinesgleichen bald verbrennende Geschehen flirrt, wobei den nosferatanischen Glatzkopf wie jeden Faxenmacher die Gabe der Weitsicht plagt, mittels der er lang vor den übrigen den Millionentod am sich verdunklenden Horizont dräuen sieht.

I Don’t Care Much: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Two Ladies: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dass Bettina Mönch und Ruth Brauer-Kvam vom Publikum mit Riesenjubel bedankt wurden, bevor’s am Ende sogar Standing Ovations gab, versteht sich, doch stehen die weiteren Solistinnen und Solisten, die Kit Kat Girls und Boys, unterstützt vom Volksopernorchester, das Dirigent Lorenz C. Aichner mit Verve durch die revueartigen Nummern aus Ragtime, Swing und Big-Band-Sound führt, den beiden in nichts nach. Und so überzeugt Hausdebütant Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw mit angenehmer Stimme und viel Spiellust, sich vom homosexuelle Erfahrungen gemacht habenden Schriftsteller, ein Alter Ego von Autor Christopher Isherwood, auf dessen „Berlin-Stories“ das Musical basiert, zum Sally-Lover zu entwickeln.

Womit er die – von Anfang an zum Scheitern verurteilte – selbstauferlegte Aufgabe übernimmt, der exaltiert-erotischen Realitätsverweigerin die Augen über den Zustand der Weimarer Republik zu öffnen. Sein Schlager „Wer will schon wach sein?“ markiert denn auch den Schlusspunkt der Aufführung. Dem verrückt verliebten Paar Sally und Cliff stehen mit sozusagen selbem Leitmotiv die gutbürgerlichen Fräulein Schneider und Herr Schultz gegenüber, die Pensionswirtin und der Obsthändler, die in Mehmerts Regie einen wichtigen Platz einnehmen, ans Herz rührend verkörpert von Dagmar Hellberg, die mit „Berliner Schnauze“ und einer gehörigen Portion Resoltsein ihre Gutmütigkeit zu verbergen versucht, und einem Süßholz raspelnden Robert Meyer, der zu den Klezmer-Anklängen von Herrn Schultzens großem Song „Mieskeit“ sogar eine „Solo-Hora“ wagt.

Und dann steht man da, sagt beseligt Ja: Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider und Robert Meyer als Herr Schultz, rechts oben: Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der morgige Tag ist mein: Johanna Arrouas als Fräulein Kost und Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies beim Verlobungsfest der beiden in ihrer späten Liebe Schwelgenden, von denen er Jude ist, was eingangs kurz erwähnt wird, wo’s noch keine Rolle spielt, und wo Schulz‘ Aber-was?-Motto noch lautet: „Das geht vorbei. Regierungen kommen und gehen“. Doch so, wie überall mehr und mehr Hakenkreuzbinden und Totenkopfabzeichen aufblitzen, der aufkeimende Nationalsozialismus stärker und stärker das ausschweifende Nachtleben unterminiert, so fliegt der erste Pflasterschein durchs Schaufenster von Schultz‘ Obstgeschäft, so flieht Fräulein Schneider in das ihr sicher scheinende Deutschtum

Sie ist der Charakter, an dem sich verdeutlicht, wie schnell Gesinnung von rechts in der Mitte der Menschen ankommen kann. Herr Schultz wird indessen bei seiner Flucht ins Ausland, denunziert von Fräulein Kost, aufgegriffen und abgeführt, und Berlin verabschiedet sich für „1000 Jahre“ von seiner Weltoffenheit … „Cabaret“ an der Volksoper kann einfach alles. Gil Mehmert versteht es, die Atmosphäre des Abends von sinnlich, lustvoll, verrucht in Angst und Schrecken kippen zu lassen. Und Ensemble wie Orchester sind meisterlich darin, diese Stimmungen in den Zuschauerraum zu tragen. „I Don’t Care Much“ singt der Conféren- cier noch. Doch genau das gilt es jetzt zu tun …

www.volksoper.at

  1. 9. 2019

Tel Aviv on Fire

Juli 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Groteske Komödie über den Nahostkonflikt

Die Stars der Fernsehsoap „Tel Aviv on Fire“: Tala in ihrer Rolle als palästinensische Spionin Manal (Lubna Azabal) und Yehuda als israelischer General Edelman (Yousef „Joe“ Sweid). Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

Die Kinokomödie dieses Sommers kommt nicht aus Frankreich, sondern vom palästinensischen Regisseur Sameh Zoabi. Mit der Groteske „Tel Aviv on Fire“, zu sehen ab 19. Juli, ist dem Filmemacher und seinem Co-Drehbuchautor Dan Kleinman das Husarenstück gelungen, liebenswerten Humor über einen brisanten zeitpolitischen Hintergrund zu legen, arbeiten die beiden doch den Nahostkonflikt als Soap Opera auf. „Tel Aviv on Fire“ nämlich ist eine höchst erfolgreiche TV-Serie, die im Sechstagekrieg 1967 angesiedelt ist.

Die allabendlich über die Bildschirme flimmert, und Israelis wie Palästinenser vor die Fernsehapparate lockt. Inhalt der schnulzigen Sendung: Die palästinensische Spionin Manal macht sich getarnt als Restaurantbetreiberin Rachel an Israels mächtigsten General, Yehuda Edelman, heran, um diesem im Liebestaumel die Kriegspläne zu entlocken, die sie ihrem wahren Geliebten Marwan aushändigen soll.

Was folgt ist Fernsehserie-im-Film. Schon in der ersten Szene sieht man also die großartige Lubna Azabal, die den Leinwandstar Tala spielt, und wie Tala ihrerseits Manal/Rachel spielt. Piekfein durchgestylt umgarnt sie den Militär Yehuda aka Schauspielkollegen Yehuda aka dessen Darsteller Yousef „Joe“ Sweid, das Ganze in goldenes Licht getaucht, Kitsch as Kitsch can, mit schmachtendem Mund und eiskalten Augen, während er sich lässig eine Zigarette anzündet, als liefe „Casablanca“ auf Schmalspur. Klar, dass die Absurdität der Handlung von der Absurdität des israelisch-palästinensischen Alltags eingeholt wird.

Denn neu am Set ist der schlaksige Tagedieb Salam, Kais Nashif, der für diese Rolle in Venedig als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, dem sein Onkel und „Tel Aviv on Fire“-Produzent einen Assistentenjob beschafft hat. Gedreht wird in Ramallah, und da die Akteure in der Realität wie in der Filmfiktion Israelis wie Palästinenser sind, ergo nicht alle des Hebräischen mächtig, soll Salam bei der Aussprache helfen. Was bald dazu führt, dass er sich in die Dialoge einmischt, etwa, weil er „bombig“ als Kompliment für eine Frau im Westjordanland für unpassend befindet, worauf ihm die kapriziöse Diva Tala bestätigt, dass sie ihre Sätze tatsächlich nicht spüre – und Salam zum Drehbuchautor avanciert.

Assi (Yaniv Biton) lässt sich von Salam mit seiner Leibspeise, bestem, original-arabischem Humus versorgen … Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

… bevor der Grenzkommandant das Script des Drehbuchautors auf den Kopf stellt: Salam (Kais Nashif) und Assi (Yaniv Biton). Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

Allein, der frisch Beförderte wohnt in Jerusalem, heißt: er muss auf dem Weg zum Drehort und retour zwei Mal durch den Checkpoint von Captain Assi Tzur, der ihn an der Grenzkontrolle prompt aufgreift, den Text für die nächste Folge findet – und die Chance wittert, bei der Lieblingsserie seiner Frau, die ausgerechnet von Marwan als gutaussehend und romantisch schwärmt, mitzumischen. Für Salam wird die für seine Freilassung getroffene Abmachung Segen und Fluch gleichermaßen, entpuppt sich Assi, den Yaniv Biton mit herrlicher Komödiantik ausstattet, doch nicht nur als das wahre Schreibtalent.

Sondern kann kraft seines Berufs auch für mehr Echtheit im Tränendrücker sorgen – was die Zuschauerzahlen noch mehr in die Höhe schnellen lässt. Doch Assi ist ein Mann mit einer Mission, und die lautet, die fade Figur des Yehuda sympathisch und sexy zu machen, schon um Assis Frau eins auszuwischen. So liefert der Kommandeur Salam zwar bei jedem Zusammentreffen neuen Stoff für dessen Straßenfeger, aber auch Stoff für Diskussion, funktioniert Assi doch das zugegeben ziemlich antizionistische Drehbuch in pro-israelische Propaganda um.

Wenn Salam Marwan einen Freiheitskämpfer nennt, während Assi ihn Terroristen schimpft, wenn Onkel Bassam bemängelt, seine Serie ähnle immer mehr dem Osloer Friedensabkommen und Salam über sein der Ersten Intifada geschuldetes Hummus-Trauma erzählt, wenn Leibesvisitationen in Lokalen an der Tagesordnung sind und Panzerkolonnen zu Kulissen werden, wenn Yehuda-Darsteller Yehuda gegen seine Rolle revoltiert, weil er, der sieben Jahre in einem israelischen Gefängnis saß, die Figur plötzlich viel zu nett findet, wenn Assi Salam schließlich den Pass wegnimmt, um seinen Willen durchzusetzen, und man diesen als nunmehr quasi Geisel entlang der Westbank-Mauer irren sieht …, dann wird die Daily Soap im Film zu einem Stellvertreterkonflikt, in dem jeder der Beteiligten das Schicksal Palästinas bestimmen will.

Daraus entwickeln Zoabi und Kleinman ein irrwitziges Spiel rund um ihr ungleiches Zweiergespann. Es gelingt ihnen, die Unwägbarkeiten, das Risiko und den Unsicherheitsfaktor des israelisch-palästinensischen Zusammenlebens anzudeuten, auch ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und daher Fatalismus spürbar zu machen, ohne das Mitmenschliche aus dem Auge zu lassen. Nicht umsonst erhielt „Tel Aviv on Fire“ den INTERFILM-Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs. Das Schöne nämlich ist, dass den Fans der Serie politische Script-Strategien völlig egal sind. Während die Männer am Staffelfinale tüfteln, einer Hochzeitsszene mit Bombe im Brautstrauß, Motto: „In unserer Welt gibt es kein ,Romeo und Julia‘“, wollen die Frauen Lovestory mit Happy End. „Nicht alles ist Politik, mein Lieber. Hier geht es um Romantik“, bescheidet ihm Assi Ehefrau am Ende. Weshalb er sich mit Salam einen salomonischen, man könnte auch sagen suleimanischen Schluss einfallen lässt …

„Tel Aviv on Fire“ ist außer einer anarchisch-utopischen Komödie auch eine hintersinnige Parabel auf die Frage, wie man der Ausweglosigkeit von großer Geschichte durch Versöhnung im Kleinen begegnen kann. Die leise Sehnsucht nach einer normaleren Welt teilen sich alle Charaktere, selbst Assi, der zugibt, nicht gern am Checkpoint stationiert zu sein. Die Soap geht derweil in die zweite Staffel. Bleiben Sie dran!

Video:

 

www.mfa-film.de/kino/id/tel-aviv-on-fire

  1. 7. 2019

Rabenhof: Jö Schau

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genialische Hommage an Georg Danzer

Jö Schau: Oliver Welter, Christoph Krutzler und Lucy McEvil singen Georg Danzer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Beim Intro von „Jö Schau“ ist bereits klar, dass hier nicht nach Vorschrift musiziert werden wird. „Der Nackerte im Hawelka“ wird nämlich als Viergesang intoniert, die ausführenden Akteure sind Lucy McEvil, Christoph Krutzler, Oliver Welter und Alf Peherstorfer, das Nestroypreis-Quartett für den André-Heller-Abend „Holodrio, lass mich Dein Drecksstück sein!“ im Rabenhof. Nun haben sie sich ebendort das Œuvre von Georg Danzer vorgenommen, und genialischer als mit dieser Hommage kann man den legendären Liedermacher gar nicht würdigen.

Oliver Welter hat als musikalisches Mastermind der Unternehmung die Songs neu arrangiert, Hausherr Thomas Gratzer wie schon bei „Holodrio“ die Regie übernommen – mit dem Ergebnis einer Aufführung, die das gestrige Premierenpublikum am Ende ausgiebig akklamierte.

„Jö Schau“ führt in die Wiener Vorstadt und zur dort beheimateten Halbwelt. Veronika Tupy stellt dafür ein Café-Beisl auf die Bühne, das definitiv schon bessere Tage erlebt hat, ein 70er-Jahre Setting samt Flipper und ausrangiertem Autodrom-Mobil, auf den Tischen die Zeugen der Nacht, Gösser, Stoli und Asbach.

In diesem Etablissement geben Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler die Trottoirschwalbe in der Leoparden-Kombinesch, den Ledersakko-Strizzi und den Goldketterl-überm-Feinripp-Träger, Peherstorfer in bewährter Manier den Barpianisten. Die Gemütslage unter den Gestrandeten in dieser schäbigen Spelunke ist Langeweile, man wartet auf einen Kunden oder den Rausch, und weil beides nicht kommt, hebt man halt zur Singerei an. Das heißt, nicht nur.

Das Ensemble interpretiert diverse Danzer-Texte auch ohne Tonkunst, und tatsächlich, gesprochen erweist sich umso deutlicher, welch großer Poet der gegen seinen Willen mit dem Austropop-Mascherl Versehene war. Welters Werk-Auswahl beinhaltet sowohl die großen Hits als auch wiederzuentdeckende Kleinode, sie reicht von den Spaßliedern übers Schwermütige bis zu den gesellschaftskritischen Songs, und selbstverständlich hinüber ins Suderantische und Versaute. Die Darsteller machen aus Danzers mit Gaudenzdorfer Auskennertum geschaffenen Miniaturen allerhand Typen – solche zum Bemitleiden und solche zum Abgrausen. Mit Charme und Witz und Hang zum Kabarettistischen gestalten sie des Schöpfers Ang’soffene und Ang’speiste, Kniera und Tachinierer, Gfrastsackln und Auf-die-Goschn-Gefallene, seine alter egoistischen Hirnzermarterer und die Zyniker.

Lucy McEvil als Elfi mit Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Vorstadtcasanova Christoph Krutzler greift zur Gitarre. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Lucy McEvil kann sogar ein „Geh in Oasch“ mit Sexappeal ausstatten und ergreifen, wenn sie über „Meine arme tote, aufgeschnittene Mutter“ sinniert, Oliver Welter darf zwischen „Ruaf mi net aun“ und dem „Legendären Wixxerblues“ sein Selbstmitleid verschmachten, mitunter dazu countrymäßig heulen wie ein Schlosshund, und gemeinsam mit Christoph Krutzler la Lucy im Dialog „San Sie ledig/Zieh dich aus“ als Möchtegernmacho bedrängen. Aus der „Elfi“ fertigen McEvil und Welter ein Duett, singt sie eben „du woast dreizehn joa“ und er „du woast anazwanzg und wunderscheh fia mi“, die „Ballade vom versteckten Tschurifetzen“, auf Hochdeutsch: ein Intimpflegetuch nach dem Geschlechtsverkehr, präsentiert McEvil mit Alf Peherstorfer als Rap.

Danzers Stücke eignen sich perfekt fürs Schauspielen, eine Disziplin, in der Christoph Krutzler zur Hochform aufläuft, der im ebenfalls gemeinsam mit Welter vorgetragenen Mix von „I verlass di/I wünsch da vü Glück“ und der Zeile „laß die mutter sche griaßen / und der nachbarin ihr’n hund“ eine neue Dimension weinerlicher Tragikomik anpeilt. Als so großmäuliger wie minderbegabter Mime macht er aus „Ich bin da Mörda“ ein Kabinettstück, als „Vorstadtcasanova“ greift er zur Klampfn, um die Damen zu Gitarrenklängen „übas glanda“ zu biagn. Es rührt ans Herz, Danzers Dialekt- und Kraftausdrücke, seine Wienerismen zu hören, die mittlerweile so akut vom Aussterben bedroht sind.

Mittendrin wird’s – wiewohl die Lieder alle zu Beginn der 1980er-Jahre entstanden sind – politisch, brisant, hochaktuell. Lucy McEvil singt  „Ruhe vor dem Sturm“, Christoph Krutzler über „Die Freiheit“, die im Zoo als seltene Art ausgestellt worden, hinter Gittern aber spurlos verschwunden ist. Dem Song hat Oliver Welter einen afrikanischen Rhythmus unterlegt, während er, als „Der alte Wessely“ von Hitler schwärmt, der „mid der gaunzn ausländischn bruat“ aufgeräumt hätte, sein Klavierspiel ins Atonale gleiten lässt. Schließlich „Ihr habt die Macht“: „euch geht es nicht um unser wohl / das lässt euch völlig kalt / und hinter eurem lächeln steckt / die fratze der gewalt / das recht, das ihr euch anmaßt / heißt nicht gerechtigkeit / gesetze panzern eure welt / doch nicht für alle zeit / noch täuscht ihr viele / doch ihr seid von einigen durchschaut / und irgendwann da kommt der tag / wo euch kein mensch mehr traut / ihr haltet uns in finsternis / doch wir entzünden licht / ihr habt die macht / noch habt ihr sie – / unsre liebe / habt ihr / nicht“.

Geh in Oasch: Lucy McEvil, Oliver Welter, Christoph Krutzler und Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer natürlich „Lass mi amoi no d’Sunn aufgehn’n segn“ am Schluss und Standing Ovations danach, außer, dass man gern noch den „Frauenmörder Wurm“ oder die „Alte Drecksau“ oder übers Haschisch im Schokoladenei gehört hätte … oder … oder … oder? Verehrter Herr Danzer, meine Verehrung, habedere, werte Rabenhof-Truppe.

Video: www.youtube.com/watch?v=ajScO1D7hBw&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 4. 2019

Erwin Steinhauer im Gespräch

September 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hand auf’s Herz“ in den Wiener Kammerspielen

Hand_aufs_Herz1Vom großen Erfolg ihres ersten gemeinsamen Musikprogramms FEIER.ABEND ermutigt (mehr als 100 Vorstellungen in ganz Österreich), begeben sich nun Erwin Steinhauer und seine Lieben  auf große Fahrt und stechen ab 16. Oktober, ausgehend von den Wiener Kammerspielen, in See. „Hand auf’s Herz“ ist eine musikalisch-satirische Odyssee mit wahren und beinahe wahren Lied-Geschichten, voller Humor und Poesie, über menschliche Schwächen, Intoleranzen, über unsere Lieben und die Scherben, die wir hinterlassen. Erzählt von einem Sänger, der zum Lachen und zum Weinen bringt: Bandleader Erschy Heart kreuzt mit seiner legendären Combo „Die Lieben“ auf dem Kreuzfahrtriesen SM Alcatraz quer durch die Weltmeere. Zwischen Nordsee und Karibik überzeugt man das routinierte Kreuzfahrt-Publikum sowohl mit Coverversionen bekannter Hits, als auch mit neuen Liedern und ruft zum Tanz in eine heile Welt, die es längst nicht mehr gibt.„I sag’ immer: das Leben is heart“ Es ist das leidenschaftliche heiße Herz des „alten Hasen“, in dem das Geheimnis eines gemeinsamen, fröhlichen Neubeginns pocht …

Idee: Deinboek/Rosmanith/Steinhauer

Buch: Heli Deinboek

Liedtexte: Heli Deinboek, Heinz R. Unger

Kompositionen: Otto Lechner, Klaus Trabitsch, Joe Pinkl und die Band

Erwin Steinhauer: Gesang, Gitarre, Ukulele

Georg Graf: Saxophone, Klarinetten, Gitarre

Joe Pinkl: Keyboard, Posaune, Tuba

Peter Rosmanith: Perkussion, Hang

MM:Wie kam’s zu der Idee, nach FEIER.ABEND auf Kreuzfahrt zu gehen? Und wofür steht diese Kreuzfahrt?

Erwin Steinhauer: Das hat nichts mit: Nimm’ dein Kreuz und wandle … zu tun. Wir haben für einen humorvollen, satirischen Abend eine Geschichte gesucht; wir sind eigentlich vom Scheitern dahin gekommen. Wie viele Leute sind in einem Beruf, den sie nicht wollten und müssen ihn ausüben, um Geld zu verdienen. Das betrifft sehr viele Menschen. Aber noch schlimmer ist, wenn man Künstler werden will, ein toller Musiker ist, ein Beherrscher seines Instruments – und damit kein Geld verdienen kann. Und dann siehst du so ein Plakat: Wir suchen für die Kreuzfahrt auf der SM Alcatraz noch eine Schiffskombo. Dann strandest du in etwas, das in der Nähe deines Traumes liegt, aber kilometerweit entfernt ist von dem, was du machen wolltest.

MM: Also eine Kreuzfahrt im Sinne von Kalvarienberg.

Steinhauer: Sicher. Ich habe einen Geburtstag mit Peter Alexander erlebt, ich glaube, es war der 70., in einem kleinen Restaurant. Da stand ein kleines Klavier und um halb Eins, als wir schon einiges getrunken gehabt hatten, setzt sich der Peter Alexander ans Klavier und spielt Jazzklavier, dass binnen kürzester Zeit alle mit offenem Mund um ihn gestanden sind. Alle sagten: Peter, warum hast denn das nicht gemacht? Das ist doch a Wahnsinn. Und er: Weil ich damit leider kein Geld verdient hätte. Das hat auch mit Scheitern zu tun. Das hat mich so beschäftigt, dass ich sagte, das wäre doch eine wunderbare Handlung. Wir erfinden eine Figur, wie diesen Erschy Heart, Erwin Herz, drum der Titel „Hand aufs Herz“, der an Bord dieses Kreuzfahrtschiffes landet und privat wie beruflich nur gescheitert ist, mehrere Familien hat, auf diversen Kontinenten verstreut, wo eine nix von der anderen weiß, ein fürchterlicher Mann, der nur dem Genuss gelebt hat. Und nun hier gestrandet ist. Das ist die Geschichte rund um zwanzig Lieder, von denen zehn Coverversionen und zehn neue Lieder sind. Heli Deinboek hat sie zum Großteil getextet, Heinzi Unger hat sieben Texte beigesteuert. Otto Lechner, Klaus Trabitsch und Joe Pinkl haben komponiert. Und es spielen wieder „meine Lieben“: Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith.

MM: Welche Qualitäten hat Heli Deinboek, dass Sie immer wieder gerne mit ihm arbeiten? Ihn auch diesmal „an Bord“ geholt haben“?

Steinhauer: Heli ist ein großartiger Texter, ein toller Musiker. Er hat einen unfassbaren Output. Wie schnell der Texte und Satzbrocken zusammensetzt! Von ihm ist ja auch „Puttin’ on the Ritz“ – „Der Putin is a Witz“ aus FEIER.ABEND. Gültig bis heute, wenn nicht sogar gültiger. Ein genialer Kopf! Mit einer unglaublich poetischen Seite. Ein Ausnahmemensch! Beide Programme hätte es ohne Heli nicht gegeben.

MM: Besteht das Programm nur aus Musik?

Steinhauer: Nein. Erschy Heart, der Mann, dem man nicht einmal einen Gebrauchtwagen abkaufen würde, erzählt auch von seinen Erwartungen und Träumen. Erzählt von seinem gescheiterten Leben bis zu den Einflüssen auf unsere Umwelt. Das ist eine kleine Gratwanderung, weil er auch immer wieder in den Erwin kippt, der auch seine satirischen Überlegungen beitragen muss. Wobei wir bitte nicht ins Kabarettladl geschoben werden wollen!

MM: Dann schiebe ich Sie kurz aus dem Ladl raus. Sie haben in Ihren Kabarettprogrammen Ohrwürmer wie „Bodenlurch“ oder „VIPs“ gesungen. Ist das jetzt ein Neuentflammen der Liebe zur Musik?

Steinhauer: Es hat MICH wiederbelebt. Die Hälfte meiner Kabarettprogramme bestand meist aus Musik, doch ich bin durch Theater und Film ganz davon weggekommen. Jetzt ist der ideale Moment zur Rückkehr. Schuld ist der Peter Rosmanith, der mich vor vielen Jahren angerufen hat, um zu fragen, ob ich zu einem seiner musikalischen Programme lese. So sind wir auf die gemeinsame Liebe H. C. Artmann gekommen und haben „Dracula, Dracula“ gemacht. Und auf den vielen Fahrten von Auftritten zurück, sagte Peter: Warum machen wir nicht ein musikalisches Programm. Und ich: Geh’ bitte, lass’ mich aus. Worüber soll ich singen in meinem Alter? Über die Liebe? Da lachen ja die Leute.

MM: Na, entschuldige …

Steinhauer: Genau das hat der Peter auch gesagt. Und so ist das immer weiter gegangen. Mittlerweile spiele ich wieder fleißig Gitarre – und Ukulele.

MM: Wie Marilyn Monroe.

Steinhauer: Ja, Musik mit der Eing’angenen. Und für die Lyrik, für die Literatur ist der Heinz Unger gekommen, hat ganz tolle Geschichten geschrieben, ganz tolle Gedichte. Ich freu’ mich, ich bin schon heiß drauf.

MM: Sie haben im Leben auch schon einiges hinter sich gelassen. Daher – „Hand aufs Herz“- die Frage: als wievielter verlassen Sie ein sinkendes Schiff?

Steinhauer: Mein Schiff sinkt nicht, ich fahre munter weiter. Ich habe drei Kinder und drei Enkelkinder, daher würde ich mich nicht mehr als Kapitän sehen, aber zum Ersten Offizier reicht’s noch. Der mit der affektierten Backbordmimik: Geht eh alles, braucht’s was? (Er lacht.) Ich halte mein Berufsleben mit großer Disziplin und großer Ernsthaftigkeit in der Waage. Ich überprüfe sehr, was ich mache, weise Dinge von mir, die nichts mit mir zu tun haben – und versuche so Wahrhaftigkeit in allen Rollen anzustreben. www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-die-schuesse-von-sarajevo/ ; http://www.mottingers-meinung.at/tobias-moretti-in-das-finstere-tal/ ; http://www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-macht-feier-abend/ Ich arbeite jetzt bis 1. Februar und warte dann, ob jemand eine Idee hat. Ich bin aus Laden, die funktioniert haben, hurtig herausgesprungen. Ich könnte heute noch Dinge wie „Der Sonne entgegen“ spielen. Aber ich liebe die Abwechslung, die neue Herausforderung, das Risiko, das man auch scheitern kann.

MM: Ist dieses Aussuchen können eine Qualität der Popularität? Oder sitzen Sie auch manchmal verzweifelt über einem leeren Terminkalender?

Steinhauer: Die Existenzangst ist Teil des Berufs. Ich bin ja nirgends fix angestellt – auch nicht an der Josefstadt, sondern kriege per Aufführung gezahlt. Meist ist es so, wenn du dir Termine freihältst für den Film, kommt ein Theaterengagement, das nimmst du an – und dann kommt natürlich ein Film.

MM: Wie der ins Auslandsoscar-Rennen geschickte „Das finstere Tal“, in dem Sie den bigotten Pfarrer spielen …

Steinhauer: Ja, wunderbar. Aber ich hab’ dann zwischendurch noch die Konzerttermine, muss für meine Musiker ja Termine blockieren. Das sehen die Filmleute dann wieder nicht so gern, weil man da weg ist … Wie man’s macht … Ich verstehe übrigens die Entscheidung nicht, einen „Western“ nach Amerika zu schicken. Wollen wir denen etwas zeigen, das sie besser können? Wir sollten ureuropäische Stoffe, die sich vom amerikanischen Geschmack total unterscheiden ins Rennen schicken. Filme, wie sie der Haneke macht. Oder der Ulrich Seidl. Das sind Dinge, die’s nur hier gibt, drüben nicht. Damit wir sagen: Hallo, wir sind irgendwie anders!

MM: Um aufs Musikalische zurückzukommen, Opapa. Sind Sie auch gut bei Kinder- und Weihnachtsliedern?

Steinhauer: Sehr! Wird alles gemacht. Wenn auch nicht immer von Erfolg begleitet. Aber wir sind eine hochmusikalische Familie. Meine Tochter Iris spielt Klavier, Matthias hat ja mit Musik begonnen, bevor er Richtung Schauspielerei ging:http://www.mottingers-meinung.at/josefstadt-die-geschichte-vom-fraeulein-pollinger/ ; http://www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-liebelei/ . Wir haben den Mattl anfangs musikalisch gar nicht so gefördert, weil er wie der Stani war: Alles anfangen, aber nichts zu Ende bringen. Der Stani hat E-Gitarre, Schlagzeug, alles begonnen. Er ist sehr musikalisch; da kann also noch was kommen. Mein ältestes Enkelkind, der Leon, der flippt total aus, wenn er Klavier spielen oder mit einer CD mitsingen kann. Die Kinder vom Mattl sind derzeit eher „Kunstturner“, sportliche Typen.

MM: Wie steht’s nun mit Kreuzfahrten? Alfred Komarek hat mir erzählt, er ist ein bissl schwanger mit einem Kreuzfahrt-Polt: Polt und Rehberg auf dem Schiff und klären einen Mord auf. Wissen Sie was davon?

Steinhauer: Nein. Obwohl der Polt und der Rehberg im bis dato letzten Teil ja eine gewinnen. Komarek wird nächstes Jahr 70, da möchte er gerne den letzten machen: „Alt, aber Polt“. Wenn das zustande käme, ginge ich auf Kreuzfahrt, aber privat: Nein. Das ist wie ein schwimmender Gemeindebau. Deshalb heißt’s bei uns ja SM Alcatraz – Sadomaso-Gefängnis. Sich im Bikini zu zeigen, hat bei manchen durchaus mit Sadismus zu tun. Oder ein Mann mit meiner Statur im Lobaufetzerl …

www.erwinsteinhauer.at

www.josefstadt.org

Wien, 24. 9. 2014