Kafka, Kiffer und Chaoten

Mai 9, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kurt Palms jüngster Kinostreich

Aurel von Arx, Max Mayer, Julia Jelinek, Tim Breyvogel Bild: © Fischer Film/Filmladen Filmverleih

Aurel von Arx, Max Mayer, Julia Jelinek, Tim Breyvogel
Bild: © Fischer Film/Filmladen Filmverleih

 

„Das die Handlung erzeugende und vorantreibende Element bleibt auch hier der Pfusch“, so Regisseur Kurt Palm im Gespräch zu seinem jüngsten Werk „Kafka, Killer und Chaoten“. „Der Aufwand, mit dem alle an der Geschichte Beteiligten jegliche Anstrengung vermeiden, bringt von Anfang an den ‚Wurm‘ in die Geschichte, weil alles nur getan wird, damit es ‚irgendwie funktioniert oder so‘: Pfusch wird durch Pfusch ausgebessert (sehr österreichisch, Anm.). Die Allgegenwart des Pfusches prägt das Bild, das der Film von der ‚Welt‘ oder der ‚Wirklichkeit‘ vermittelt. Der Rausch, mit dem man die defizitäre, zusammengepfuschte Wirklichkeit fliehen möchte, treibt sie aber dennoch voran. Die Sachen werden alle nur halb gemacht, so dass sie halt gemacht sind, aber nicht halten, weshalb ein neuer Pfusch notwendig wird. Der Weg des geringsten Widerstands, den die Charaktere anstreben, entpuppt sich so als eine Art Fluchtdramaturgie statt einer klassischen Konfliktdramaturgie, durch die Filmmittel und Rauschmittel einander zum Verwechseln ähnlich sehen. Daher sind Kiffen, Alkoholkonsum und das ‚Davonfahren‘  – das geographische Flüchten – nur folgerichtig. “

Der Inhalt der Flucht: Im Rausch san ma z’aus! Sozusagen. Fünf nicht mehr ganz taufrische Germanistik-StudentInnen leben in einer WG zusammen und haben kurz vor den Sommerferien die Idee, anstelle der leidigen Seminararbeit über Franz Kafka, dessen Erzählung „Ein Landarzt“ zu verfilmen. Drehort soll – als Hohn und Kunstgriff gegen jegliche „Werktreue“ – der Campingplatz in Sizilien sein, auf dem die gemeinsamen Ferien längst geplant sind. Während der hanebüchenen Vorbereitung zu diesem Projekt knüpft das fidele Studenten-Quintett erste Kontakte zur Wiener „Filmszene“ und zur dazu gehörigen Förderung. Bei einem Besuch in Kafkas Sterbezimmer behauptet ein merkwürdiger Wächter, dass Kafka gar nicht tot ist, sondern immer noch lebt. Dodo, eine der Studentinnen, sieht Kafka tatsächlich auf der Anrichte sitzen. Allerdings ist sie die einzige, die diese „Erscheinung“ hat. Dodo kann schließlich die anderen davon überzeugen, mit ihrem Hippie-VW-Bus nach Prag zu fahren, um Kafka für eine kleine Rolle im „Landarzt“-Film zu gewinnen. Und siehe da: Kafka sagt zu. Nachdem in Wien die Filmcrew rekrutiert wird, kommt es zwischen dem geplanten Regisseur Gotthart (der sich natürlich „Godard“ nennt) und den StudentInnen zu einem handgreiflichen Zerwürfnis, woraufhin kurzerhand einer der Studenten die Regie übernimmt. Und zwar der „Single“ Clausi, der das fünfte Rad am Wagen der zwei Paare Frankie und Dodo sowie Max und Klara ist. Die Situation hat sich jedoch verkompliziert, da Dodo in einer Rauschnacht von Clausi geschwängert wurde, sie sich in Prag aber in Kafka verliebt hat. Die WG samt Crew startet Richtung Süden und holt, wie verabredet, Kafka am Gardasee ab. Dort übernachten alle auf dem Campingplatz, nachdem sie in einer Pizzeria gegessen und vor allem getrunken haben. Die entsprechenden Kosten werden von Frankie getragen, der seinen Vater dazu überreden konnte, die Produktion des Films zu finanzieren. Nach dieser Episode geht es weiter nach Sizilien, wo im entsprechenden Ambiente (Mafia, Opern- beziehungsweise Bauernchor à la „1900“ von Bertolucci; eine köstliche Szene) die Dreharbeiten beginnen und durch Clausis Drängen auch beendet werden. Der „Landarzt“-Film trägt nunmehr den Titel: „Doktor, lass mich sterben. Aber bitte in Sizilien“, und wird beim Filmfestival in Pilsen prompt mit einem Preis (ein Sechserträger Pilsener Bier) ausgezeichnet. Bei der Verleihung fehlt jedoch das neue Paar: Dodo und Kafka. Die beiden leben glücklich in einem Häuschen am Meer und freuen sich über ihr kleines Baby. Die Idylle hat nur einen Schönheitsfehler: Sie ist künstlich und entpuppt sich als bunte Studiokulisse.

Was die perfekte Ausgangsbasis für einen Horrorfilm sein könnte, wird bei Kurt Palms  zum kaleidoskopbunten Roadmovie, zur bösen Satire auf die österreichische Filmwirtschaft – und zur realitätsnahen Komödie über den Sinn des Lebens. Denn: Es geht immerhin um die Sommerferien. Ein absurder Film, ein satirischer P(s)alm auf das Filmemachen, Leben und Lieben, eine Palm’sche Persiflage auf Sein und Nichtsein, nicht „kafkaesk“ wohlgemerkt – denn wer immer hier das verpönte K-Wort in den Mund nimmt, muss abwaschen. Autor, Regisseur und Volksbildner Kurt Palm war zuletzt im Kino präsent als Autor der von Harald Sicheritz verfilmten Krimisatire „Bad Fucking“. „Kafka, Kiffer und Chaoten“ entstand nach Motiven der Erzählung „Franz Kafka verfilmt seinen Landarzt“ des deutschen Autors und Satirikers Eckhard Henscheid. Die Hauptrollen spielen Marc Fischer, Karin Yoko Jochum, Max Mayer, Julia Jelinek, Aurel von Arx, Tim Breyvogel, Steffen Höld, Christian Strasser, Hubsi Kramar und Florentin Groll, dazu kommen Gastauftritte von Margarethe Tiesel, Franz Schuh, Karl Ferdinand Kratzl, Hermes Phettberg und Musiknummern von Chrono Popp bis Texta. „Kafka, Kiffer und Chaoten“ ist eine Satire voll anarchischer Bilder. Das Filmgeschäft wird ebenso auf die Schaufel genommen wie die naiven Studenten, die in dieses Geschäft auf „genial dilettantische“ Weise einsteigen wollen. Der Zuschauer wird aus alltäglichen Situationen vollkommen ahnungslos in himmelschreiende Absurditäten katapultiert. Die Absurdität wird aber nicht mehr aus harmlosen Situationen entwickelt, sondern entlädt sich gleichsam überfallsartig in irrealen Bildern. Ein Film wie eine siasse Tschick. Anschauen, wuzzeln, abdriften. Ein Film ohne Ressentiments gegenüber Afghanen, Marokkanderln und Libaneserln. Kurt Palm schlog deine Tschinell’n.

Ab 9. 5. in den Kinos.


Unpeinliche Dialektmusik – weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Unpeinliche-Dialektmusik-id16367771.html

www.kafkakifferundchaoten.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=i4HI-dT4L8c

Wien, 9. 5. 2014

KosmosTheater: Die Liste der letzten Dinge

April 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein beachtlicher Haufen alter Schachteln

mke Büchel, Cornelia Köndgen Bild: © Bettina Frenzel

Imke Büchel, Cornelia Köndgen
Bild: © Bettina Frenzel

Der Plan ist perfekt. Besser als der von Wladimir und Estragon. Die warten ja nur darauf, dass einer kommt, der ihnen sagt, wo Godot wohnt und wie er heißt. Pia und Helen hingegen sind fest entschlossen, die Welt von sich zu erlösen. Was bekanntlich nicht einmal der Erlöser selbst geschafft hat. Sie warten also nur auf den Mann mit dem Feuerzeug, den Inquisitor, die beiden alten Schachteln zwischen ihren Scheiterhaufen aus alten Schachteln. Der von der in bäuerliche Tracht gekleideten Pia ist billigversandhausbraun, Helens natürlich entsprechend ihrer mondänen Erscheinung konditoreiverpackungsrosa. Aber wie das Grundgesetz von Existenzialismus-Endspielen schon so ist: Der, auf den man wartet, kommt nicht und kommt nicht …

Das KosmosTheater zeigt Theresia Walsers „Die Liste der letzten Dinge“ in der Regie von Dora Schneider als österreichische Erstaufführung. Selten hat jemand so sinnvoll Nonsense niedergeschrieben. Komik so sehr in ernsthafte Verletzungen verwandelt. Härte und Fanatismus so leicht in Ironie, in Clownerie verdreht. Walser lässt ihre selbsterkannten Lebensüberdrüssigen nur scheinbar eine Alltagssprache sprechen, tatsächlich sind die Dialoge hochartifiziell, hochmusikalisch, erschließen sich dem Zuhörer nicht immer leicht. Oder doch. Denn die beiden hervorragenden Schauspielerinnen Imke Büchel (Pia) und Cornelia Köndgen (Helen) holen sich jede Pointe ab. Letztere verdient noch dazu einen Preis für den gewaltigsten Kostümwechsel der Kosmosgeschichte. Köndgen hat kein – rosa – Kleid länger als drei Minuten an. Und bei keinem kriegt sie den Reißverschluss zu.

Und so reden sie und so reden sie. Was soll man schon tun, während man auf die Flammen warten? Zündeln. Man kennt einander lange genug, um zu wissen, wo die Wunden brennen. Von den Wasserbeinen bis zu den Bandscheibenvorfällen. Von Pias liebeskummerlosem Leben, die nur Brief“verkehr“ mit Lebenslänglichen hatte, von Helens Luxusweibchendasein an der Seite ihres Mannes. „Dein Kleid ist vorne offen wie ein Zelt“, sagt Pia zu Helen. „Als ob da noch einer reinkäme.“ Büchel und Köndgen beherrschen den Spagat zwischen hirnrissig, herrisch und hasswütig sein. Mit großem Mut schmeißen sich die Damen in die Darstellung dieser kontroversen Figuren. Sympathisch sind die nicht. Eher besorgt, sie könnten, falls das Fernsehen Interesse an ihrem Märtyrerinnentum zeigt, auf dem Bildschirm nicht gut ausschauen, „wenn ich deine Asche in den Augen habe.“

Es kommt tatsächlich jemand. Karin Yoko Jochum  als die geheimnisvolle Georgina. Sprachlos, nur „Nein“ kann sie in 10.000 Tonarten sagen. War sie Helens Nebenbuhlerin, ist sie Nachahmungstäterin, die Supermarktkassierin oder gar Journalistin? Das Stück hätte ohne diese undurchsichtige Figur nichts an seiner Undurchsichtigkeit eingebüßt. Ganz ehrlich. Was aber – bitte nicht missverstehen – nichts mit Jochums schauspielerischen Leistung zu tun hat! Jetzt ist sie nun einmal  da und muss büßen. Die absurde Poesie der Situation schlägt um. Pia und Helen sind gefährliche Verrückte. Aus Selbstmörderinnen werden Mörderinnen. Aber mit Stil. So schön muss einem einmal der Atem genommen werden.

Büchel und Köndgen kosten ihre Rollen raffiniert aus. Keine Frage: Die beiden haben Feuer!

www.kosmostheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=cP6BJMeq_wE

Wien, 10. 4. 2014

Uraufführung von Joshua Sobol

Oktober 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Oder nicht sein“ im Theater Drachengasse

Bild: © Andreas FRIESS / picturedesk

Bild: © Andreas FRIESS / picturedesk

Am 28. Oktober wird im Theater Drachengasse Joshua Sobols „Oder nicht sein“ uraufgeführt.

-Geh zum Teufel!
-Gute Idee! Wenigstens ist dort die Heizung gratis.

547355 ist seit Jahren arbeitslos. Wie kann er je wieder seine Familie ernähren?  Beim Militär hat Nummer 547355 getötet. Damit ist er ein idealer Kandidat für die  „Und Tschüs-Agentur“, die Menschen hilft, Störendes loszuwerden. Sein Doktorat in Biologie und die richtige Einstellung zu Wasser bringen ihn in die engere Auswahl,  um sich von Menschen anspucken zu lassen. Ein Job ohne Altersgrenze.  Das Department of Human Recycling bietet ihm eine halbe Million Dollar, denn sein biometrisches Profil stimmt perfekt mit dem eines reichen Oligarchen überein. Im Austausch für Niere, Leber, Lunge, Herz, Hirn, Augen, Zunge wird er reich sein. Seine Augen werden die ganze Welt sehen, seine Zunge wird Champagner schmecken. Und er wird Ruhm als edelmütiger Mensch, der seine Familie rettet,  ernten, Medienrummel inklusive. Was soll an einer halben Million nicht stimmen?

Zum Autor: Joshua Sobol – Geboren 1939 in Tel Mond, Israel, lebte in einem Kibbuz und studierte in Paris Philosophie. Weltweit bekannt wurde er mit den Theaterstücken Weiningers Nacht, Ghetto und Alma. 2001 erschien Sobols erster Roman Schweigen, 2005 Whisky ist auch in Ordnung. Dem Theater Drachengasse und Regisseur Günther Treptow vertraute Joshua Sobol schon mehrfach die Uraufführung seiner „kleineren“ Stücke an.

OR NOT 2B
Nie zuvor konnten Menschen so leicht miteinander kommunizieren wie heute. Es gibt zahllose soziale Netzwerke: Oldtimer wie Facebook, Twitter oder Linkedin, oder täglich neue Chat-nets oder Dies-nets und Das-nets, die auf unserem Bildschirm aufpoppen, um innerhalb von Tagen oder Wochen veraltet und überflüssig zu werden. Aber haben die Menschen einander noch Bedeutsames mitzuteilen? Allein die Frage ist altmodisch. Das Wort „bedeutsam“ selbst ist altmodisch in einer Welt, in der „Sein“ „Online-sein“ bedeutet. Sogar Hamlets Frage muss neu formuliert werden: „2B online or not 2B“. Als vor langer Zeit – im Oktober 2010 – Instagram lanciert wurde, wurde uns versprochen, dass wir unser Leben mit Freunden und Familie teilen und damit die Welt verändern würden. Sehr nett – aber was bedeutet hier „teilen“, „Freunde“, „Welt“? Die ursprüngliche Bedeutung von teilen ist „ein Ganzes in Teile spalten und Teile des Ganzen an andere abgeben“. Leute teilten ihr Brot oder ihren Wohnraum mit Freunden oder Zimmergenossen. Heute bedeutet „teilen“ „sharen“, d. h. mit der
Fingerspitze auf ein virtuelles Zeichen auf einem virtuellen Keyboard tippen. Oder das Wort „Freund“: In einer sagenumwobenen Vergangenheit war ein Freund eine vertraute Person, mit der man in gegenseitiger Zuneigung verbunden war, auf die man sich verlassen konnte, wenn man Hilfe brauchte. Facebook hat das geändert: Ein „Freund“ ist ein fremder Name, der auf deinem Bildschirm auftaucht, mit der Option accept/reject. Um diesen Fremden zu deinem Freund zu machen, brauchst du nur accept zu drücken. Manche haben 500 bis 5000 „Freunde“, die ihnen scheißegal sind, mit denen sie aber „ihr Leben teilen“, indem sie aufzeichnen, wie eine Katze mit ihrem Schwanz spielt oder eine Fliege am Saft von Essensresten saugt. 5000 „Freunde“ teilen zur selben Zeit das Leben eines „Freundes“, für den sie nicht einmal ein Schnippsel ihres kleinen Fingernagels opfern würden. Aber haben diese „Freunde“ überhaupt ein reales Leben? Die Leute gehen auf der Straße, den Blick starr auf ihre Handflächen gerichtet. Sehen sie überhaupt noch die reale Welt um sich herum, oder sehen sie nur die Kaffeetasse, die ihnen ein anonymer „Freund“ aus einem gottverlassenen Café geschickt hat, um sein Leben mit ihnen zu teilen? Die Blogosphäre ist voll von Bloggern, die unreflektierte Meinungen, flüchtige Gedanken, zufällige Impressionen oder Links an andere Blogger schicken, die ihrerseits Beliebiges, das irgendwie mit dem Output anderer Blogger zu tun hat, an noch andere Blogger weiterschicken. Vielleicht nützt oder schadet diese Scheinaktivität ja irgendjemandem? Vielleicht irgendwelchen naiven Seelen, die noch immer glauben, dass ihre Präsenz in der Blogosphäre irgendjemandem irgendetwas bedeutet? Wenn sie das glauben, haben sie natürlich verdammt recht: Die Tatsache, dass so viele Menschen vor ihrer Einsamkeit in soziale Netzwerke, Blogosphären oder andere virtuelle Welten flüchten, hat einige Typen über Nacht superreich gemacht. Das sind natürlich die wenigen cleveren Superschlauen, die die verzweifelte Bedürftigkeit von Millionen verlorener Menschen erraten haben, die zum Nicht-Sein verurteilt sind in einer Welt, in der Sein Haben bedeutet und Nicht-Haben Nicht-Sein bedeutet. Und Nicht-Sein heißt: deine Stimme wird nicht gehört, deine Intelligenz und deine Fähigkeiten werden nicht gebraucht, deine Arbeit ist unterbewertet und unterbezahlt und deine Menschlichkeit wird auf Nichts reduziert auf dem heutigen Markt menschlicher Arbeitskraft, auf dem das Angebot die Nachfrage bei weitem übersteigt. In dieser makaberen Karikatur einer „schönen neuen Welt“ ist deine Niere oder dein Herz auf dem Markt menschlicher Organe mehr wert als deine Person als lebendiges Wesen. Arme Menschen verkaufen bereits ihre Organe, um das  Überleben ihrer Familien zu sichern. In manchen afrikanischen oder asiatischen Wüsten werden Flüchtlinge, die gerade mörderischen Stammes-oder Religionskriegen entkommen sind, von Barbaren abgeschlachtet und ausgeweidet, damit ihre Organe auf dem Schwarzmarkt der reichen Länder, wo die Nachfrage nach diesen Waren das Angebot übersteigt, verkauft werden können. Angesichts dieser unmenschlichen Realität konnte ich als Theaterautor nur eine Farce schreiben über einen armen Kerl, der in lächerlich unwahrscheinliche Situationen gerät bei seinem tragischen Versuch, sein Leben zu fristen in einer Welt, die selbst eine grausame Farce ist. Mein namenloser Protagonist kann es sich nicht leisten „zu sein“, ihm stellt sich nur die Frage, wieviel seine mittellose Familie dafür kriegen kann, wenn er sich für das „Nicht Sein“ entscheidet. Eine arme Welt, in der ein Mensch seinen eigenen Tod vermarkten muss, und zwar nicht wegen der Lebensversicherung, die er sich ohnehin nicht mehr leisten kann, sondern indem er seine Organe verkauft! Weil sie sein einziges Kapital sind, das in einer Gesellschaft des obszönen Kapitalismus noch Wert hat.

Joshua Sobol, September 2013

Regie: Günther Treptow. Es spielen: Karin Yoko Jochum,  Christina Scherrer, Michael Smulik, Doina Weber. Joshua Sobol wird bei der Premiere anwesend sein.
www.drachengasse.at

Wien, 23. 10. 2013

Theater Nestroyhof Hamakom

Mai 10, 2013 in Tipps

„Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank“

Es war die letzte Theaterrolle der großen Monica Bleibtreu. In Hamburg, am St. Pauli Theater spielte sie Klaus Pohls Monolog „Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank“. Wunderbar die Szene gegen Schluss des Stücks, in der die Bleibtreu zu ihrem Fenster, also „Ulrich Bunzels“ Guckloch hinaussingt. Blindwütig und in echter Theaterrage. Eine Hosenrolle, und die Maskenbildner haben ganze Arbeit geleistet, sie sieht fürchterlich aus. Ein verhutzeltes Männlein mit vorspringendem Bauch, drei Tage bärtig, mit Seitenscheitel und Lesebrille aus der Drogerie. Ein verkrachter,versoffener Schauspieler, abgehalftert, uninspiriert. Einsam, arm und alt geworden, vertraut er sich seinem letzten verbliebenen Freund an: Gerd, sein Kühlschrank. Doch auch Gerds Existenz ist bedroht. Der ebenfalls in die Jahre gekommene Stromfresser ist nicht mehr der Dichteste und muss verkauft werden. Und zu allem Überdruss soll sein Leben nun verfilmt werden und die Hauptrolle spielt nicht er selber, sondern Klaus Maria Brandauer! Darüber verzweifelt Bunzel, kann sich aber nicht durchringen, Selbstmord zu begehen, um Brandauer nicht auch noch eine dramatische Sterbeszene gratis zu liefern …

Karin Yoko Jochum  Bild: Nicolai Niessen

Karin Yoko Jochum
Bild: Nicolai Niessen

Mutig, wer in Monica Bleibtreus Fußstapfen tritt. Am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom wagen es Dora Schneider als Regisseurin und Karin Yoko Jochum als Schauspielerin. Premiere ist am 14. Mai. Als österreichische Erstaufführung. Als performative Installation.

Klaus Pohls vielschichtiges Stück ist eine Parodie auf die Blasiertheit eines größenwahnsinnigen Selbstdarstellers und eine Liebeserklärung an das Theater zugleich. Der eigens als „Hosenrolle“ konzipierte Monolog für eine Schauspielerin entfaltet mit Sprachspielen und galligem Humor die Charakterstudie eines Gescheiterten, der sich mit letzten Kräften gegen den Absturz in die Bedeutungslosigkeit wehrt. Bunzels Furor ist nicht reine Eitelkeit, sondern der unerschütterliche  Kampf um Würde und Selbstwert.

www.hamakom.at

www.karinyokojochum.com

www.doraschneider.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 5. 2013