Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg

Januar 9, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Alt-Hippies, Nierensteine und Hendrix’ rechte Hand

978-3-257-60436-8Der ukrainische Erfolgsautor Andrej Kurkow mag die skurrilen, etwas sonderbaren, aber doch liebenswerten Menschen, die sich meist mehr recht als schlecht über Wasser halten und ihr Leben meistern. Und dieser Maxime bleibt der 1961 in St. Petersburg geborene Autor auch in seinem neuen Roman „Jimi Hendrix live in Lemberg“ treu. Kurkow präsentiert einmal mehr ein Sammelsurium einzigartiger Menschen. Die liebevoll und sympathisch gezeichneten Figuren beleben Lemberg und den Roman. Und wie in seinen anderen Büchern zuvor, zündet er ein Feuerwerk an unglaublichen, aberwitzigen Einfällen – ironisch und mit viel schwarzem Humor erzählt.

Da wären einmal die Alt-Hippies und Jimi Hendrix-Verehrer um Opern- und Theaterbeleuchter Alik. Natürlich hat der US-Gitarrenvirtuose nie live in Lemberg gespielt, doch auch hinter dem Eisernen Vorhang hatte er Fans, und für sie ist Hendrix auch 44 Jahre nach seinem Tod der Größte. Obwohl die meisten von ihnen schon weit jenseits der 50 sind, die Haare schütter geworden, aber immer noch lang, versammeln sich Alik und seine Freunde einmal im Jahr des Nächtens auf dem Friedhof vor einem geheimnisvollen Grab, dessen Kreuz Jimis Namen trägt. Angeblich liegt dort dessen rechte Hand bestattet. Diesmal ist sogar der ehemalige KGB-Hauptmann Rjabzew dabei, der vor vielen Jahren während der Sowjet-Ära die damals jungen Leute bespitzelt und ihre Postsendungen konfisziert hatte. Nun bedankt er sich dafür, dass er vor 35 Jahren durch sie Jimi Hendrix „entdecken“ durfte. „Hey Joe“ und „Purple Haze“ haben sein Leben verändert.

Diesem Auftakt folgen auf den nächsten 400 Seiten noch viele ähnliche unglaubliche Szenen und Geschichten. Da gibt es den Fast-Mediziner Taras, der einen neuen Erwerbszweig entdeckt hat. Er hat sich auf eine spezielle Art der Entfernung von Nierensteinen spezialisiert und bietet seine Dienste im Internet an. Er fährt in der Nacht seine zumeist polnischen Kunden mit einem alten Opel durch mit Schlaglöchern übersäte Straßen Lembergs, um mittels Vibration den Nierensteinen den Weg nach draußen zu weisen. Diese Methode zeigt eine erstaunliche Wirkung. Die verdienten Dollar wechselt er in einer Stube bei Darja in die heimische Währung Hrywni um und verliebt sich so ganz nebenbei auch gleich in die junge Frau. Aber auch Darja hat es nicht einfach im Leben, schließlich leidet sie unter einer Geldallergie und muss ständig Handschuhe tragen. Oxana, Taras‘ beste Freundin, arbeitet abends als Schauspielerin und engagiert sich in der Obdachlosenhilfe. Daneben versucht sie Jerzy Astrowski, Taras‘ schrulligen Nachbarn, abzuwehren, der Oxana ständig Avancen macht. Um sie zu beeindrucken beginnt der ehemalige Frisör den Obdachlosen gratis die Haare zuschneiden.

Auch Schriftsteller Jurko Wynnytschuk lebt in Lemberg, der einen Seemann aus seinem neuen Roman gelöscht hat, mit fatalen Folgen. Denn es liegt was in der Luft in Lemberg. Möwen kreisen am Himmel, attackieren die Einwohner, die Luft riecht salzig und es scheint, als ob die Stadt, die weit im Landesinneren liegt, vom Meer heimgesucht würde. Doch auch dafür präsentiert Kurkow den Lesern eine aberwitzige Lösung.   Ein Roman voller kurioser und absurder Einfälle und mit spritzigen Dialogen, der die Welt der postkommunistischen Ukraine sichtbar macht.

Über den Autor:
Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach wurde er Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und arbeitet daneben für Radio und Fernsehen. Kurkow wurde in seinem Geburtsland längst zur unerwünschten Person erklärt. Seine Bücher – ein halbes Dutzend Drehbücher und knapp 20 Romane – dürfen in Russland nicht verkauft werden. Zu scharf ist seine Kritik an Wladimir Putins Politik. In der Ukraine gehört er inzwischen zu den wichtigsten Stimmen der Opposition. Bei Diogenes sind u. a. „Picknick auf dem Eis“, „Die letzte Liebe des Präsidenten“, „Der Milchmann in der Nacht“ und „Der Gärtner von Otschakow“ erschienen.

Diogenes, Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Russischen von Sabine Grebing und Johanna Marx.

www.diogenes.ch

Wien, 9. 1. 2015

Linda McCartney im Kunst Haus Wien

Juni 3, 2013 in Ausstellung

Pop-Ikonen auf Familienfotos

Paul McCartney, Jamaica  Bild: © 1971 Paul McCartney / Fotografin: Linda McCartney

Paul McCartney, Jamaica
Bild: © 1971 Paul McCartney / Fotografin: Linda McCartney

Ab 6. Juni würdigt das Kunst Haus Wien in der weltweit ersten umfassenden Retrospektive das Lebenswerk von Linda McCartney, einer der interessantesten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl ihrer ikonischen Porträts des Rock and Roll der 1960er, ihres Familienlebens und der Natur. Linda McCartney, 1941 in New York als Linda Eastman geboren, war eine Fotografin aus Leidenschaft. Ihre Begeisterung für die Musik ließ sie zunächst in die Musikszene zwischen New York, Kalifornien und London eintauchen. Ihre Porträts von Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Aretha Franklin, The Who oder Simon & Garfunkel prägen unser Bild der „Swinging Sixties“. Die auf diesen Fotos spürbare Atmosphäre von Nähe und Vertrauen macht ihre Porträtkunst unverwechselbar. Eine zufällige Gelegenheit, die Rolling Stones bei einer Pressekonferenz zum Album „Aftermath“ im Juni 1966 auf einer Yacht am Hudson River zu fotografieren, bedeutete für die junge Fotografin den Durchbruch. Als 1968 ihr Porträt von Eric Clapton auf dem Cover der Zeitschrift „Rolling Stone“ erschien, war sie die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde. McCartney fotografierte die Beatles bei der Präsentation ihres Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ im Jahr 1967. Paul und Linda verliebten sich ineinander und heirateten zwei Jahre später. Das Familienleben mit vier Kindern – zwischen den letzten Tagen der Beatles, den Tourneen der Wings und ruhigeren Tagen auf dem Land in Sussex und Schottland – rückte ins Zentrum ihrer Fotografie.

Linda McCartneys Alltagsszenen aus der hingebungsvollen Hinwendung zu ihrer Familie zeugen von einem stets wachen Blick für die Poesie des Augenblicks ebenso wie für Humor und Surreales. Sie stehen in ihrem fotografischen Schaffen heute gleichwertig neben den berühmten Porträts. Auch in diesen Arbeiten bleibt ihr markanter persönlicher Stil einer lässigen Eleganz, gepaart mit dem untrüglichen Gespür für den richtigen Moment, sichtbar. In ihrem späteren Leben kehrte Linda McCartney zu den frühen und prägenden Interessen ihrer Entwicklung als Fotografin zurück. Ihre Auseinandersetzung mit bildender Kunst hatte mit der Begegnung mit zahlreichen prominenten Künstlern begonnen und sie Kunstgeschichte studieren lassen. Eine spezielle Begeisterung für das Medium Fotografie, seine Geschichte und seine Verfahren, führte sie zu Experimenten mit Techniken aus den Anfangstagen der Fotografie. Eine beachtliche Anzahl ihrer Porträts stammt aus dieser Zeit, etwa von Willem de Kooning, Gilbert and George, Jim Jarmusch und Allen Ginsberg. Tiere, Pflanzen, Landschaften und Stillleben – teilweise ausgeführt als Platinum-Prints, Sun-Prints und Polaroids – sowie ein dokumentarischer Bereich mit Kontaktbögen, Videos und anderen Originalmaterialien runden den Blick auf das Lebenswerk einer leidenschaftlichen Fotografin ab.

Paul McCartney: „Von Anfang an bewunderte ich ihre Fotografie und dass ich ihre Arbeit persönlich erleben durfte, verstärkte diese Bewunderung noch. […] Von ihr fotografiert zu werden, fühlte sich locker und angenehm an, und in ihren Arbeiten kommt deutlich zum Vorschein, wie entspannt ihre Modelle sind. Ihr untrüglicher Sinn für das richtige Timing hat mich immer beeindruckt. Sie drückte auf den Auslöser, wenn man es am wenigsten erwartete, und dann hatte sie ihr Foto im Kasten. Ihre Kunst nahm eine neue Dimension an, als sie eine Familie gründete und ihre Kinder großzog. […] Auf der persönlichen Ebene war sie eine lebenslustige, äußerst loyale Person, die ihre Familie über alles stellte; ihr trockener Humor schimmerte bei allem durch, was sie tat.“ (Aus „Linda McCartney: Life in Photographs“, TASCHEN 2011)

www.kunsthauswien.com

Von Rudolf Mottinger

Wien, 3. 6. 2013