Bohemian Rhapsody

Oktober 30, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und kein Brandstifter

Rami Malek als Freddie Mercury. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

„Das Einzige, das noch außergewöhnlicher ist als ihre Musik, ist seine Geschichte“, verheißt der deutschsprachige Trailer in großen Lettern. Allein, so stellt es sich nicht dar. Weder über Queen noch deren genialen Frontmann Freddie Mercury erfährt man in Bryan Singers Biopic „Bohemian Rhapsody“ Tiefergehendes bis tief Ergreifendes. Um dies hier nicht falsch zu verstehen, das ist kein Ruf nach Voyeurismus.

Aber der morgen in den Kinos anlaufende Film verhält sich zur Band- und Mercurys persönlicher Geschichte so beiläufig, als würde man gelangweilt seine alte Plattenkiste durchblättern. Rami Maleks sublime Performance als Freddie Mercury und der wie am Schnürchen abgespulte Greatest-Hits-Soundtrack können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch, erst von Peter Morgan, dann übernahm Anthony McCarten, zu handzahm ist. Ein Umstand, der übrigens, glaubt man Branchenblättern, sowohl Singer – auch er knapp vor Drehschluss ausgetauscht und durch Dexter Fletcher ersetzt – als auch dem erstgenannten Freddie-Darsteller Sacha Baron Cohen sauer aufstieß. Aber die Masterminds Brian May und Roger Taylor wollten offenbar was Familienfreundliches, Altersfreigabe ist jetzt ab sechs, und das haben sie bekommen. Die Bandmitglieder kommen rüber wie Oberbuchhalter, alles Biedermänner, keine musikalischen Brandstifter. Hoffentlich ist ein Rockstar-Leben nie so unglamourös fade, wie’s in „Bohemian Rhapsody“ ausschaut.

Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Bryan May. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Rami Malek als Freddie Mercury, Gwilym Lee als Bryan May und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Am Unverzeihlichsten ist, dass der Film so ambivalent mit der Darstellung von Mercurys sexueller Zerrissenheit umgeht, aus der wohl sowohl seine Einsamkeit als auch seine Exaltiertheit resultierten. Zwar hat sich der Sänger nie offiziell zu seiner Bisexualität bekannt, und das war auch nicht notwendigerweise laut auszusprechen, hat er doch weder in Songtexten noch in der Art seiner Auftritte je ein Geheimnis darum gemacht.

Doch Mercurys Familiengeschichte und Vaterkonflikt, seinen barocken Partys und seinem Hereinfallen auf falsche Freunde, seinem Liebeskummer und den deshalb oft handfesten Streitereien, seiner Flamboyanz und Exzentrik, wird weniger Raum gegeben als seiner Hingabe für seine Katzen. May und Taylor wollten es sichtlich geschönt, geglättet, auch historisch hin und wieder feingeschliffen – et voilà.

Montreux fehlt ganz, auch David Bowie oder Montserrat Caballé, die München-Episode gibt‘s kurz und ohne Barbara Valentin, und als Mercury seine Band-Familie über seine HIV-Diagnose informiert, und eine Welt in sich zusammenbricht, steht das Drehbuch dieser Tragik so hilflos gegenüber, als hätte es „The Show Must Go On“ nie gegeben.

Das legendäre Band-Aid-Konzert 1985 im Wembley-Stadion, Beginn- und Schlusspunkt des Films, wirkt seltsam kleiner als das Original. Gute Momente immerhin hat „Bohemian Rhapsody“. Einen im rohen Look britischer Sozialdramen, als ein selbstbewusster Farrokh Bulsara mit seinem improvisierten Vorsingen auf einem Autoparkplatz May und Taylor von seinen Qualitäten überzeugt. Eine eskalierende Pressekonferenz, auf der die Journalisten nur an „faggoty Freddie“ interessiert sind, May jedoch über Musik reden will. Einmal, als im Studio gezeigt wird, wie May, einen Fußballfansong im Ohr, auf das Stampf-Stampf-Klatsch von „We Will Rock You“ kam. Und natürlich die Aufnahme von „Bohemian Rhapsody“, die Ben Hardy als Roger Taylor ein immer höheres „Galileo“ abverlangt. Wiewohl er nicht so hübsch ist, wie das Original einst war, leistet Hardy ganze Arbeit.

Queens legendäre Live Aid-Performance: Gwilym Lee als Brian May, Ben Hardy als Roger Taylor, Rami Malek als Freddie Mercury und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Ebenso wie, bereits erwähnt, Rami Malek in seiner Anverwandlung des charmantesten Überbisses der Rockgeschichte auf ganzer Linie überzeugt. Joseph Mazzello ist ein glaubwürdiger John Deacon, und vor allem Gwilym Lee übertrifft alle Erwartungen, er hat sich Aussehen und Habitus von Brian May angeeignet, wie es vielleicht noch keinem Schauspieler bei einem Musiker gelungen ist.

Lucy Boynton besticht als Mercurys ehemalige Verlobte und Lebensmensch Mary Austin, Aaron McCusker ist anrührend als Mercurys letzter Lebenspartner Jim Hutton. Komödiantisch ist der Cameo von Mike Myers als Label-Verantwortlichem, der nicht an die Radiotauglichkeit der sechsminütigen „Bohemian Rhapsody“ glaubt. Myers sorgte bekanntlich Anfang der 1990er-Jahre mit „Wayne’s World“ dafür, dass der epische Song wieder in die Hitparaden kam … Alles in allem ist „Bohemian Rhapsody“ ein Film, an dem sich mutmaßlich viele Fans erfreuen, über dessen Ungenauigkeiten sich einige aber sicher ärgern werden. Den erhofften und erwarteten Blick hinter die Kulissen gibt es weder was die Band Queen und deren musikalisches Schöpfen, noch was Freddie Mercury und sein Leben angeht. Dexter Flechter bastelt dieweil schon an seiner nächsten Rockstar-Biografie, dem Elton-John-Biopic „Rocketman“. Man weiß nicht, ob man sich da freuen oder fürchten soll.

www.foxfilm.at/bohemian-rhapsody

Trailer: www.youtube.com/watch?v=2Xw1jDUIACE

  1. 10. 2018

Swimming with Men

Juni 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Helden in Badehosen

Bild: © Alamode Film

Die Briten sind bekannt für ihre schrägen Sozialkomödien. Im meisterlichen „Ganz oder gar nicht“ wurden arbeitslose Stahlarbeiter zu Strippern, in „Billy Elliot“ erfüllte sich ein Bergarbeitersohn den Traum vom Ballett. Nun wird abgetaucht. „Swimming with Men“ heißt der neueste Spaß von Regisseur Oliver Parker, der am 8. Juni in die heimischen Kinos kommt. Und wie nicht anders zu erwarten, geht den Inselbewohnern auch mitten im kühlen Nass der trockene Humor nicht verloren.

„Swimming with Men“ ist höchst sympathisch und hat das Zeug zur Sommerkinokomödie des Jahres. Der Inhalt: Buchhalter Eric steckt in der Midlife-Crisis. Seine Frau steigt in der Lokalpolitik zur Stadträtin auf, der Teenager-Sohn entfremdet sich täglich mehr von ihm, sein Job als Buchhalter langweilt ihn unsäglich, das Leben ist graue Monotonie. Allabendlich geht Eric zwar ins Schwimmbad, doch selbst dort hat er als gewissenhafter Angestellter das Handy am Beckenrand liegen. Als er wieder einmal seine gewohnten Bahnen zieht, bemerkt er plötzlich etwas Merkwürdiges: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe an Männern gleitet mehr oder minder elegant neben ihm durchs Wasser, doch will die kunstvollste aller Schwebefiguren nicht gelingen. Zahlenmensch Eric weiß, woran das liegt: Die Amateursynchronschwimmer haben einen Mann zu wenig, um sich geschmeidig zu drehen.

Unversehens wird Eric als neues Mitglied des Wasserballetts, dieser „mittelalten Männer in zu kleinen Badehosen, die aus verschiedenen Gründen komische Figuren im Wasser aufführen“, wie es einer der Charaktere im Film formuliert, aufgenommen, und unterwirft sich dessen strengen Regeln: „Niemand spricht über den Schwimmclub. Was im Schwimmclub passiert, bleibt im Schwimmclub …“. Und während er den Mut findet, sein Leben noch einmal auf den Kopf zu stellen, steht schon die nächste Herausforderung an: Das Team bewirbt sich tatsächlich für die Weltmeisterschaft männlicher Synchronschwimmer …

Bild: © Alamode Film

Bild: © Alamode Film

„Johnny English“-Regisseur Parker hat ein selbstironisches Ensemble ohne auch nur einen „Luxuskörper“ um sich versammelt, das höchst würdevoll die Bäuche über den Hosenbund schwappen lässt. Neben Comedy-Star Rob Brydon als Eric – der Mann mit der stoischsten Miene seit Buster Keaton – sind unter anderem Rupert Graves aus „Sherlock“, Adeel Akhtar aus „Four Lions“, Thomas Turgoose aus „Game of Thrones“ und der aus „Downton Abbey“ bekannte Jim Carter mit dabei.

Charlotte Riley verdreht als toughe Bademeisterin den Männern den Kopf und macht sie fit für den Wettkampf. In diesem wird sogar gegen ein echtes Synchronschwimmerteam, die Mannschaft aus Schweden, angetreten, über die es bereits 2010 den Dokumentarfilm „Men who Swim“ gab.

Dass die Darsteller bei den Schwimmszenen nicht gedoubelt wurden, versteht sich von selbst. „Man könnte, was wir da tun, als organisiertes Ertrinken bezeichnen“, sagt Jim Carter, dem Figuren wie die „Welkende Blume“ oder „Die Schleife“ beigebracht wurden, mit dem ihm eigenen Understatement.

„Ja, man muss viel Vertrauen mitbringen, wenn man sich von einem anderen Mann seine Beine um den Hals wickeln und unter Wasser ziehen lässt“, ergänzt Rupert Graves. Dass die Herren dabei bestmögliche Figur machen, ist nicht zuletzt den wunderbaren Unterwasserbildern von Kameramann David Raedeker zu verdanken. „Swimming with Men“ ist very british, wunderbar skurril und wirklich herzergreifend.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Emhdewg69N0

  1. 6. 2018

Albertina: Jim Dine. I never look away

Juni 14, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Extra für Wien entstand ein Werk in Apetlon

Jim Dine: Ohne Titel, 2003. Bild: © Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Ohne Titel, 2003. Bild: © Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine zählt neben Andy Warhol und Roy Lichtenstein zu den gefeierten Stars der amerikanischen Pop Art. Ab 24. Juni zeigt die Albertina in der Ausstellung „Jim Dine. I never look away“ sechzig faszinierende Selbstporträts, eine repräsentative Auswahl der großzügigen Schenkung des achtzigjährigen Künstlers. Die Selbstbildnisse erlauben einen überraschenden Dialog mit Künstler und Werk.

Dine experimentiert mit verschiedenen Techniken und Materialien und thematisiert dabei unter anderem Jugend, Alter und Intimität. Die Selbstporträts ermöglichen neue Einblicke in ein Schaffen, das man schon zu kennen glaubte. Jim Dine zählt sich zu den Genre-übergreifenden Künstlern. Neben Malerei, Grafik und Skulptur widmet er sich ab den 1960er-Jahren auch der Lyrik und ab den 1990er-Jahren der Fotografie, er entwirft Bühnenbilder und Theaterkostüme.

Der Künstler wird im Allgemeinen der Pop-Szene zugeordnet, weil er in den späten 1950er-Jahren mit Claes Oldenburg und anderen eine neue Sichtweise etablierte, die Alltagsgegenstände aus ihrem Kontext riss und sie in eine eigene Aura stellte. Kurz danach wandte er sich von der distanzierenden kühlen Sachlichkeit der Pop Art ab und fand zu einer metaphorischen Ebene und einer eher emotionalen Wärme in seiner Kunst, die vom Ansatz her den abstrakten Expressionisten folgte.

Dine arbeitete in künstlerischen Phasen, die von bestimmten, immer wiederkehrenden Sujets definiert waren. Ab Mitte der 1960er-Jahre war sein durchgehendes Motiv der Bademantel; in ihm sah er sich selbst, er abstrahierte hier die unterschiedlichen Facetten seiner eigenen Persönlichkeit. In den 1980er-Jahren wandte sich Dine der figürlichen Kunst zu. Nach umfangreichen Studien der klassischen Bildhauerei schuf er eine Reihe von Skulpturen, wobei er sich von der antiken „Venus von Milo“ inspirieren ließ. Ein weiterer bekannter Zyklus waren seine Herzen, die sowohl Selbstreflexionen als auch grundlegende Fragen des Menschseins beinhalten. Jim Dines kritisches Hinterfragen des Menschseins erklärt sich wohl durch seine Nähe zu den Entdeckungen und Methoden der Psychoanalyse; er bezeichnet sich selbst als ein Anhänger der Lehre C. G. Jungs.

Jim Dine: Ich in Apetlon, 2016. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Ich in Apetlon, 2016. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Das Damebrett, 1959. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Jim Dine: Das Damebrett, 1959. Bild: Albertina, Wien © 2016 Jim Dine, ARS, NY, Bildrecht, Wien

Im Zusammenhang mit der Schau schuf Jim Dine exklusiv für die Albertina ein Selbstporträt: „Me in Apetlon“. Das Werk, eine Kreidelithografie auf Japanpapier, ist in limitierter Auflage ab sofort in der Albertina erhältlich.

www.albertina.at

Wien, 14. 6. 2016

The Lady in the Van

Mai 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maggie Smith bringt ihre Bühnenrolle auf die Leinwand

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith und Miss Sheperd kennen einander seit fast zwanzig Jahren, sie waren gemeinsam schon für einen Laurence-Olivier-Award nominiert, sind zusammen in einem BBC-Hörspiel aufgetreten, nun war es Zeit, die Leinwand zu erobern. Und das tun die beiden Damen im Sturm.

„The Lady in the Van“ heißt der Film, wie auch das Theaterstück und davor der Roman, in dem die große britische Schauspielerin einmal mehr die exzentrische Obdachlose spielt, die mit ihrem Bedford Lieferwagen die Nachbarschaft im Londoner Bezirk Camden Town unsicher macht. Bezaubernd mag in diesem Zusammenhang als ein seltsames Wort klingen, lebt Miss Sheperd doch buchstäblich in ihrem eigenen Mist, doch die Smith, Darstellerin unzähliger spleeniger Gräfinnen, altjungferlicher Gouvernanten und einer verhärmten Zauberprofessorin, verleiht diesem Charakter naturgemäß einen Hauch Aristokratie. Längst ist sie ja von der Queen in den Ritterstand erhoben …

In Österreich läuft „The Lady in the Van“ am 20. Mai in ausgesuchten Kinos an, in Wien exklusiv im Filmcasino. Ein Filmstart hierzulande war vom internationalen Verleih nämlich gar nicht geplant, und es ist dem Filmcasino zu danken, dass dieses kleinodische Kammerspiel nun doch zu sehen sein wird.

„Eine beinah wahre Geschichte“ nennt Autor Alan Bennett seinen durch alle Genres wandernden Stoff. Fünfzehn Jahre, von 1974 bis 1989, lebte er Tür an Tür mit dem Original. Was mit einer kleinen Anschubhilfe für den Van begann, setzte sich mit dem vorübergehenden Zurverfügungstellen eines Parkplatzes in der Hauseinfahrt fort – und entwickelte sich zu einer Art Freundschaft, die das Leben beider veränderte. Wobei, Freundschaft. Besser gesagt richtet Miss Sheperd dem entscheidungsschwachen, lebensängstlichen Alan die Wadln viere. Nicht nur sie, auch er hat ein Geheimnis, das sich im Laufe der Handlung entschlüsseln wird, wenn sie sehr ladylike formuliert, sie verstehe durchaus den Anlass für seine nächtlichen Herrenbesuche, und Alan wird sich am Ende zu sich selbst bekennen und die Liebe finden. Rupert Thomas heißt er, ein Journalist und Bennetts Partner seit nunmehr 24 Jahren. Der Film von Regisseur Nicholas Hytner wurde in der Straße und dem Haus gedreht, in denen Bennett und Miss Sheperd jahrelang wohnten. Am Ende fährt der Schriftsteller mit dem Rad durch seinen ehemaligen Bezirk, bis zu seinem alten Domizil, wo sein filmisches Alter Ego gerade eine Gedenktafel für Miss Sheperd enthüllt. Wozu ihm die Anrainer frenetisch applaudieren.

Diese Mitwelt ist es, die Bennett mit vorzüglich britischem Humor ausstellt. In Camden Town war man damals very Bobo, und so sehr einem die alte Schrulle mit ihrem stinkenden Drecksvehikel auch auf den Nerv ging, immer lächeln, wir sind ja soo Labour. Jim Broadbent, Frances De La Tour oder Roger Allam gestalten diese per gesellschaftspolitischer Gesinnung gutmütigen Tröpfe, die Miss Sheperd gegen den eigenen Grausen mit Kuchen und anderen kleinen Geschenken über Wasser halten. Wie schön sie ist, diese Botschaft von Mitgefühl und Toleranz, denn wenn Maggie Smith mit der Würde einer Königin durchs Geschehen stapft, darf man sich keine Rüstige-Rentnerin-Klamotte erwarten.

Hinter der selbstbewussten Fassade ihrer schroffen Miss Sheperd – Zitat: „Das Wort Entschuldigung zieht nur bei Gott“ –  zeigt sie die Härte eines Lebens auf der Straße, erzählt von Altersarmut und wie es Menschen ohne Krankenversicherung geht. Jedes warum auch immer aus der Kurve getragene Leben war einmal ein besseres, sagt sie, aber das Schicksal spielt mitunter ein anderes Spiel als das erwartete – und danach ist Schuld oder Unglück nicht mehr die Frage. All das bedeutet nicht, dass „The Lady in the Van“ keine Komödie ist, im Gegenteil, es ist eben eine mit Tiefgang, doch es ist dieses zerfurchte Gesicht mit dem sarkastischen Augenzwinkern, an dem man sich eineinhalb Stunden lang festhalten sollte. Was immer man Handlung nennt, ist nämlich tatsächlich schnell erzählt.

Miss Shepherd mit Alan Bennett alias Alex Jennings. Bild: Park Circus

Alex Jennings spielt den Autor Alan Bennett. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als angetan. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als amused. Bild: Park Circus

Für das meiste davon ist Alex Jennings als Alan Bennett verantwortlich. Der Schauspieler, bekannt als Prinz Charles aus Stephen Frears „Die Queen“, nunmehr mit blondem Schulbuben-Schopf dem Schöpfer seiner Figur ähnlich gemacht, changiert zwischen Ohnmacht über und unterdrückter Auflehnung gegen die neuen Zustände vor seiner Haustür. Viel zu wohlerzogen, um ein Machtwort zu sprechen, sieht er sich mit Miss Sheperds Invasion konfrontiert, die sogar, oder eigentlich im Wesentlichen, vor seiner Toilette nicht halt macht. Was intensive Schrubbmanöver zur Folge hat.

In seiner Fantasie steht er sich selbst gegenüber, das Schreiber-Ich dem Menschen-Ich, und tadelt sich für seine Gutmütigkeit, diese Zwiesprache ein schöner Kunstgriff von Autor Bennett und Regisseur Hytner. Und weil’s der alten Ladies nie genug geben kann, und des schlechten Gewissens schon gar nicht, gibt’s da auch noch seine Mutter auf dem Land, die so gerne beim Sohn einziehen möchte, und die er im Altersheim verblühen lässt, während er sich um eine Fremde kümmert …

Am Ende wird klar, warum Miss Sheperd zu der wurde, die sie ist. Eine Erklärung, die’s gar nicht gebraucht hätte, weil die Realität auch nicht für alles eine abgibt. Maggie Smith brilliert in einer Rolle, die wie auf sie zugeschnitten ist. Man muss sie einfach mögen, diese unmögliche, unfreundliche Person, die alles in Eierspeisgelb bepinselt. Und die in einer kleinen Irrationalität, aber wer weiß das schon, in Gottes Armen aufgefangen werden wird. Das letzte Wort hat der Autor: „Man sollte sich nicht zum Teil dessen machen, was man schreibt, man sollte sich darin finden“, sagt er. Zurzeit läuft sein neues Stück „Untold Stories – Hymn & Cocktail Sticks“ in der Regie von Tom Attenborough im Waterhouse Theatre. Wieder hat Alan Bennett über sein Leben geschrieben, und wieder findet das die Kritik: „warm, witty, humorous and poignant“ – warmherzig, geistreich, humorvoll und rührend.

Trailer in englischer Sprache: www.youtube.com/watch?v=OA8tMziteZM

www.theladyinthevan.de

www.filmcasino.at

Wien, 18. 5. 2016

Art Carnuntum: Much Ado About Nothing

Juli 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe Theatre spielte sich

wieder einmal in die Herzen der Zuschauer

Bild: Bronwen Sharp

Bild: Bronwen Sharp

Sie packten natürlich gleich ihre Instrumente aus. Gitarre und Akkordeon, Melodicas, Trommeln, Tamburine und eine Posaune. Die Schauspieler des Londoner Shakespeare’s Globe Theatre können alles. Musizieren, singen, tanzen, spielen – und wie! – und: unterhalten. Dieses Jahr waren sie mit der Komödie „Much Ado About Nothing“ (Viel Lärm um nichts) in der Regie von Max Webster bei Art Carnuntum im römischen Amphitheater zu Gast. Ein freudvoller, vergnüglicher Abend, bei dem manche Dame aus dem Publikum die Pirouetten mitdrehen, nein, nicht musste, sondern durfte. Die Gentlemen sind charmant. Und immer höflich. Shakespeare at its best das machen die Briten mit nicht viel mehr als einer Pawlatschen als Bühne, einer Wäscheleine und ein paar Klappstühlen. Der britische Barde hätte wahrscheinlich sogar noch diese Requisiten auf Taferln schreiben lassen.

Die Handlung von „Much Ado About Nothing“ ist mehr als nur ein bissl verzwickt. Hier ein Versuch: Don Pedro, Prinz von Aragon (Jim Kitson) macht auf dem Rückweg von einem Krieg Station beim noblen Leonato (Robert Pickavance, der als Gastgeber erst das Publikum entzückend auf Deutsch willkommen heißt). Im Gefolge von Don Pedro sind der ewige Junggeselle Benedick (Simon Bubb), der jugendlich hitzige Claudio (Sam Phillips) und Don Pedros Bruder, der gerade erst in Gnaden wieder aufgenommene, bösartige Don John (Chris Starkie, so sinsiter in seiner Erscheinung, dass man ihn gleich beim ersten Monolog als den Schurken im Stück entlarvt). In Leonatos Haushalt leben seine Tochter Hero (Gemma Lawrence) und seine Nichte Beatrice (Emma Pallant). Es folgt, was folgen muss: Liebe und Intrige. Davon zwei gute und eine garstige. Claudio will Hero freien. Don John plant mithilfe seines Gefolgsmannes Borachio (Joy Richardson, die auch eine hinreißende Margaret und ein bestimmter Friar Francis ist), die Hochzeit zu durchkreuzen. Borachio muss an Heros Fenster eine Liebesszene vollziehen, so dass man denken muss, sie sei ein Flittchen. Die üble Tat wird aufgedeckt, Hero vom Friar als vor Gram verstorben ausgegeben, damit alle Männer, die so leicht an ihre Leichtlebigkeit glaubten, bestraft werden. In der Zwischenzeit fetzen sich Benedick und Beatrice, so dass die Edelmänner beschließen, die beiden durch hier und da hingeworfene Worte gegenseitiger Liebe zu einem Paar zu machen. All’s Well That Ends Well. Sozusagen.

Die Darsteller sind allesamt herausragende Komödianten. Brilliantly witty. An ihrer Spitze Simon Bubb, in einer Szene Berufszyniker, in einer anderen glaubhaft mit Tränen in den Augen ob Heros Schicksal. Chaplinesk die Slapsticksequenz, in der er mit dem Aufstellen eines Klappstuhls kämpft, ein schrulliges Kabinettstück, wie er sich während einer ihm zuwideren Musikeinlage beim Maskenball versucht, die Ohren zuzustopfen – und trotzdem zuhören muss, weil ja von Beatrices Hingezogenheit zu ihm berichtet wird. Diese, Emma Pallant, steht ihrem Angedachten in nichts nach. Mit spitzer, schriller Zunge trägt sie den Sprachbattle aus, bis es zum ersten Kuss kommt. Claudio und Hero als ersthaftes Gegenpaar changieren zwischen süß verliebt, was ihm das Wort kostet und ihr rote Wangen malt, zu verzweifelt in ihrem Zerwürfnis. Endlich einmal ein Claudio mit Temperament, kein blasser Jüngling, der sich in „Verrat“ suhlt. Ein Highlight auch Robert Pickavance, der (alle verkörpern ja mehrere Charaktere) als weißbärtige Kammerzofe Ursula die Lacher sicher auf seiner Seite hat. Ebenso großartig die Szene, in der der Adel (Kitson, Bubb, Pallant, Phillips …) sich in die dümmliche Nachtwache verwandeln. Der „Fürst“ ein Stotterer, die Edlen Idioten – und ein weiterer großer Auftritt von Sam Phillips, der als First Watchman in schlimmstem Slang irgendwas erzählt, das keiner versteht – außer, dass die Verbrecher dingfest gemacht sind.

Ach, man könnte so weiter und weiter schreiben. Oder einfach: Until Next Year! Cheers!

TIPP: Mastermind Piero Bordin ist  ein weiterer Coup gelungen: Erstmals ist auch polnisches Theater bei Art Carnuntum zu Gast. Das Chorea Teatr Lodz unter der Leitung von Tomasz Rodowicz beschäftigt sich seit Jahren mit der griechischen Tragödie und zeigt bei vielen Festivals seine avantgardistischen, gleichzeitig authentischen Inszenierungen der klassischen Dramen. Im Amphitheater ist am 19. Juli Euripides “Bacchantinnen” in polnischer Sprache zu sehen. Die Aufführung ist im ersten Teil tänzerisch, im zweiten eine Impression der Chorforschung über die griechische Antike – was insgesamt einen archaischen, mythisch-mystischen Abend ergibt.

www.artcarnuntum.at

Trailer “Bacchantinnen”: www.youtube.com/watch?v=b_pr8PbAa4E&list=UUp4Y75CzWyqG8iPjTm3ZeWg