Mai Jia: Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Oktober 1, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Genie und Wahnsinn

Das verhaengnisvolle Talent des Herrn Rong von Jia Mai

Das verhaengnisvolle Talent des Herrn Rong von Jia Mai

Mai Jia ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller im heutigen China: Er ist der meistverdienende Autor des Landes, seine Bücher sind alle Millionenbestseller, alle Romane wurden oder werden verfilmt. Er hat fast jede wichtige Auszeichnung bekommen, und gilt als der Wegbereiter der chinesischen Spionageliteratur – indem er Spionage, Kryptographie, Spannung, Drama, historische Themen und Metafiktion kombiniert. „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ war der vielleicht erste literarische Thriller Chinas, der die Spannung und die Plotwendungen des Kriminalromans mit der Figurencharakterisierung und den Erzähltechniken anspruchsvollerer Literatur verband. Jetzt liegt sein Roman endlich in deutscher Übersetzung vor (2002 bereits in China erschienen). Wer allerdings Einblicke in die tatsächliche Arbeit eines Kryptoanalytikers oder Spions zu finden sucht, wird diese in „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ vergeblich suchen. Aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Der chinesische Autor konzentriert sich – zusammen mit einem spannenden Plot – auf die Psychologie, die Gedankenwelt und die Träume seines Protagonisten Rong Jinzhen. Es gelingt ihm meisterhaft das rätselhafte Leben eines tragischen Genies einzufangen und mit großem epischen Atem in all seinen Facetten darzustellen.

Alles beginnt in China Ende des 19. Jahrhunderts mit Großmutter Rong. Um die Kunst der Traumdeutung zu erlernen (wie in den alten chinesischen Gerichts-Erzählungen gelten Träume als Schlüssel zur Wahrheit), schickt die Matriarchin ihren Enkel ins Ausland – und dieser kommt als moderner Mann wieder. Aus der Salzhändlerdynastie Rong wird eine Familie von Mathematikern, in die, einige Generationen später, Jinzhen hineingeboren wird. Ein Junge, der anders ist als alle anderen, sowohl körperlich (mit seinem übergroßen Kopf) als auch geistig. Er wächst einsam auf, versunken in seiner eigenen Welt, und ist in der Lage, das zu sehen, was andere nicht sehen: Er ist ein mathematisches Genie und wird im China der 1920er-Jahre vom polnischen Juden und Austauschprofessor Lisewicz unterrichtet. Was Jinzhen nicht weiß: Lisewicz ist ebenfalls ein Mathematikgenie, veröffentlicht im Geheimen antikommunistische Tiraden unter dem Namen Georg Weinacht. Zudem arbeitet er als verdeckter Analyst im Heeresnachrichtendienst sowohl für Israel als auch für „Land X“, ein Codename für die USA. Jinzhens akademische Laufbahn wird 1956 abrupt beendet, als die längst an der Macht befindlichen Kommunisten ihn für den Geheimdienst rekrutieren und in ein abgeschottetes Regierungsreferat (Einheit 701) versetzen, das sich der Kryptologie widmet. Dort ist man seit Jahren vergeblich damit beschäftigt, den Code PURPUR, ein Verschlüsselungssystem, zu knacken. Dem jungen Genie gelingt das Unmögliche, ohne zu wissen, dass sein Mentor Lisewicz den Code geschaffen hat. Jinzhen wird „Held der Revolution“ und die dankbare Partei ist ihm auch bei der Partnersuche behilflich. Doch er ist alles andere als glücklich. Egal was er sagt oder tut, er wird beobachtet und alles wird dokumentiert. Erst spät muss er erkennen, dass nicht seine Person geschützt werden soll, sondern lediglich die Staatsgeheimnisse, die in seinem Kopf gespeichert sind. Sein Geist verfinstert sich.

Mai Jia taucht in die Geisteswelt dieses Menschen ein, der am schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandelt. Mehr und mehr zieht er sich in sich zurück, seine sozialen Bindungen verkümmern, bis schließlich – er ist mittlerweile 37 Jahre alt – ein neuer Code (SCHWARZ) auftaucht, noch schwerer als PURPUR. Wieder macht sich Jinzhen daran ihn zu knacken, doch dieser erweist sich als sein Untergang. Er verfällt am Schluss endgültig dem Wahnsinn. Übrig bleibt die Hülle eines Mannes.

Mai Jia hat im Gegensatz zu international erfolgreichen Autoren wie Ha Jin und Ma Jian China nicht den Rücken gekehrt. Natürlich kann man in seinem Roman aber auch Gesellschaftskritik herauslesen. Etwa als dem Regime die Sicherheit seiner Ideen wichtiger ist als die seiner Person. Doch um in China verlegt werden zu können, muss man sich arrangieren, in den Grenzen bewegen, die die kommunistische Partei festgelegt hat. Dazu musste der Autor die Geschichte auch etwas manipulieren: So konnten 1949 ausländische Personen sicher nicht ungehindert die Grenzen des Landes passieren und sich frei bewegen. Bei sensiblen Bereichen wie die Gründung der Volksrepublik China 1949 werden von der KP bevorzugte Ausdrücke wie „die Befreiung“, und „Partei“ mit „Nation“ gleichgesetzt. Andererseits scheut er sich aber auch nicht Sätze wie „Die Partei benutzt Rong Jinzhen“ zu verwenden, und von der KP gern verwendete Phrasen wie „Dienst am Volk“ oder „Großer Sprung nach vorn“ nicht vorkommen zu lassen.

Der 51jährige Autor macht noch einen Kunstgriff, um die Spannung zu steigern. Als der Roman eigentlich zu Ende ist, hängt er ein fünftes Kapitel an, das er „Schluss“ nennt. Darin gibt der Autor/Erzähler noch ein paar Ergänzungen und Nachbemerkungen zu Rongs Leben. Er bringt Auszüge aus Interviews mit dem Direktor von Einheit 701, erklärt, wer Lisewicz wirklich war, wie seine Frau Fan Lili und Yan Shi, der Entschlüssler von Code SCHWARZ, die Ereignisse erlebt haben, und wie er selbst von der Geschichte erfahren hat: Sein kranker Vater lebte schon seit längerer Zeit in einem Sanatorium, und der verrückt gewordene Rong wohnte nicht nur auf derselben Station, sondern sogar im Nachbarzimmer. „Viele Winter waren vergangen, und er hatte nicht nachgelassen, an seiner Suche nach dem Notizbuch festgehalten. Seit 20 Jahren.“

Jenes Notizbuch, das Mai Jia auszugsweise immer wieder in den Text einstreut, in einer Art Nachwort in Auszügen wiedergibt, und das Rong während einer Bahnfahrt zusammen mit den Unterlagen zu SCHWARZ in seiner Mappe entwendet wird. Rong verschwindet wie sein Notizbuch. Waren fremde Mächte im Spiel? Unterlagen und Buch tauchen wieder auf, ebenso Rong, 16 Tage später. Und immer wieder hört er die Stimme seines Notizbuches: „Das Regenwasser hat dein Notizbuch mit sich fortgespült, doch vielleicht spült es das Buch auch wieder zurück … Zurück zu dir … So vieles ist passiert, warum nicht auch das …’ Das war sein letzter Gedanke.“

Über den Autor:
Mai Jia (ein Pseudonym für Jiang Benhu), geboren 1964, ist einer der erfolgreichsten Autoren Chinas. Seine bisher sieben Romane, stets Bestseller, haben sich fünf Millionen Mal verkauft; alle seine Bücher wurden verfilmt. Die Filmrechte an „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ hat sich 20th Century Fox bereits gesichert. Sein Werk ist mit fast allen chinesischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, einschließlich des renommiertesten, des Mao-Dun-Preises. Mai Jia gilt als der Begründer der chinesischen Spionageliteratur; seine Romane entsprechen jedoch nicht den westlichen Vorstellungen des Genres: Er vermischt, beeinflusst von Borges und Nabokov, Entschlüsselungskunst, Politverbrechen, historisches Setting und menschliches Drama.
Weitere Romane des Autors: „Im Dunkeln“, „Die Botschaft“ und „Windgespräch“

DVA, Mai Jia: „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“, Roman, 352 Seiten. Aus dem Chinesischen von Karin Betz

www.randomhouse.de/dva

Wien, 1. 10. 2015