Theater zum Fürchten: Ab jetzt!

Februar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckschraube mutiert zur Männerfantasie

Gruselige Roboterfrau: Christina Saginth als „GOU 300 F“ und Anselm Lipgens als Synthesizer-Nerd Jerome. Bild: Bettina Frenzel

Der große Gag kommt nach der Pause. Da lässt Regisseur Marcus Ganser nämlich eine neue „GOU 300 F“ auftreten, Martina Dähne statt Christina Saginth, und wie böse ist das denn? Die Auswechselbarkeit der Frau so auszustellen, ihren Austausch von der Schreckschraube zur Männerfantasie – selbst wenn sie eine Maschine ist! Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt!“. Und es ist absolut der Abend von Saginth und Dähne.

Wiewohl über diesen ganz anderen Ayckbourn mitunter gesagt wird, er sei nicht sein bester, sollte man dies Urteil nach einer Inszenierung mit diesen beiden Schauspielerinnen zumindest überdenken. Erzählt wird aus der Zukunft. Fünfzehn Minuten fast forward gibt Ayckborn als Zeit an, die im Entstehungsjahr des Stücks, 1987, noch eine dystopische war, mit Internet-Nerds, die in No-Go-Areas auf Human-Voice-Synthesizern herumspielen, während draußen der Großstadtkrieg tobt. Einer, der sich so in seiner Computerhöhle verbarrikadiert hat, ist der Komponist Jerome. Der hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, samt Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für deren Besuch samt Sozialamtsmitarbeiter an einer heilen, neuen Familie. Mittels Leihschauspielerin Zoe, die er für die Rolle der Verlobten anmietet. Als Haushaltshilfe fungiert allerdings der Roboter „GOU 300 F“, und der hat nicht wenige, sondern gewaltige Macken.

Es folgt ein erstes Aufeinandertreffen der Königinnen dieser Komödie. Total derangiert taucht Martina Dähne als Zoe auf, die Straßengang „Töchter der Finsternis“ hat sie gerade angegriffen und ausgeraubt, aber so arm dran kann diese Zoe gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in plötzlichem Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Dähne diese Übung, aus einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Auftritt nun Christina Saginth als GOU, und das Publikum biegt sich schon bei ihrem Anblick vor Lachen, erscheint sie doch als gruselige Gouvernante mit knallroter Struwwelperücke, die ihrem Schöpfer, wenn schon nicht den Kopf wäscht, so immerhin permanent das Gesicht abwischt. So er die Schreckschraube nicht in den Standby-Modus schickt.

Jerome mietet sich eine Schauspielerin für die Rolle seiner Verlobten: Martina Dähne als Zoe und Anselm Lipgens, digital dabei: Andreas Steppan als Lupus. Bild: Bettina Frenzel

Tochter Geain ist neuerdings lieber ein Sohn, ein „Hurensohn“: Carina Thesak und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Nach der Pause mit neuer Maschine: Christina Saginth nun als Corinna, Wolfgang Lesky als Mervyn, Martina Dähne als „GOU“ und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Ist das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. Man prallt also aufeinander, und bald weiß man nicht mehr, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Ganser lässt sich ausnehmend viel Zeit, um das zu erzählen, und so dauert’s eine ziemliche Weile, bis die Gags zünden und die Sache in Schwung kommt. Was definitiv passiert, sobald Dähne zur GOU wird, von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert.

Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest zuerst. Den abgetakelten Kreativen im Hightechbunker gibt Anselm Lipgens mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so zynisch und vor allem Frauen gegenüber süffisant, dass man den Beziehungsgestörten gerade noch sympathisch finden kann. Wahrlich kein Daniel Düsentrieb, greift er dem von ihm geschaffenen Wesen gern einmal unter den Rock oder in die Bluse oder ins künstliche Gehirn, um die Verkabelungen zu überprüfen, und als es ihm nicht gelingt, Zoe nach seinem Willen zu gestalten, taucht die als Maschine wieder auf.

Was die gespenstische Frage aufwirft, zumal sich die Maschinenfrau bald als besserer Mensch entpuppt, ob hier eine GOU oder doch Zoe „überarbeitet“ wurde … Christina Saginth schlüpft derweil in die Rolle von Jeromes Ex-Frau Corinna, eine herzgebrochene frisch Geschiedene, die sich angesichts der Nanny-Fähigkeiten von dessen „Verlobter“ für eine Versagerin hält. Carina Thesak ist als Tochter Geain ein genderverwirrter Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, mit Punkfrisur und martialischem Outfit nunmehr Mitglied der Männerherrschafts- bewegung „Hurensöhne“, wird aber in Zoe/GOUs zarten Händen flugs wieder zur Sie.

Herrlich skurril auch Wolfgang Lesky als Mervyn vom Sozialamt, ein T.C.-Boyle-Lookalike, dem beim Anblick der sexy Männerfantasie Zoe/GOU die Schlabberzunge aus dem Mund fällt – die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Mannseins. Andreas Steppan, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss. Ein Umstand, dem übrigens niemand Beachtung schenkt.

GOU hat an Geain eine wunderbare Wandlung vollzogen: Carina Thesak und Martina Dähne. Bild: Bettina Frenzel

Jerome schraubt an den Schaltkreisen von GOU herum: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Was Ganser und sein Ensemble ab der Familienzusammenkunft vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen nun auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance, in der sie Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, mit Identitäten jonglieren und Mann-Frau-Klischees wie im Kaleidoskop drehen. Am Ende läuft GOU durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell rotiert von Minute zu Minute schneller, und Carina Thesaks Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat „Ab jetzt!“ genug Material zum Komponieren. Mit viel Witz und Gespür für schwarzen Humor hat Marcus Ganser dem Theater zum Fürchten einen anfangs etwas stockenden, später aber höchst vergnüglichen Abend beschert.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2019

Kosmos Theater: Jetzt müssen wir auf morgen warten

Januar 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sch(m)erzhaft satirische Selbstbetrachtungen

Claudia Kottal, Constanze Passin und Anna Kramer. Bild: Bettina Frenzel

Die akustisch besten Jahre? Das sind nämlich jene, von denen man ständig gesagt bekommt, man befände sich in ihnen, obwohl man sich gar nicht danach fühlt. Diese Feststellung ist nur eine der unzähligen treffenden aus Amina Gusners Text „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, der gestern im Kosmos Theater Wien uraufgeführt wurde, in Koproduktion mit dem von Claudia Kottal und Anna Kramer ins Leben gerufenen Kulturverein XYZ.

Der die Autorin nicht nur mit diesem Recherchestück beauftragte, sondern Gusner auch die Regie übertrug. Entstanden ist so ein Abend der sch(m)erzhaft satirischen Selbstbetrachtungen. Für den das in Klammern gefasste M bedeutet, dass hier zwar viel Vergnügtheit verbreitet wird, ist doch, wenn Schadenfreude einen selbst betrifft, das Lachen stets am schönsten, die Sätze aber genau aus diesem Grund auch tief ins Fleisch schneiden. Weil man etliches des Gesagten wie aus dem eigenen Leben gegriffen empfindet und daher als traurig, aber wahr bezeugen kann.

Claudia Kottal, ab Freitag auch in der Kinokomödie „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) zu sehen, Anna Kramer und Constanze Passin zeigen drei Schwestern, ob wirklich oder im Geiste ist schwer auszumachen, wird doch immer wieder von Scheidungstrauma, daraus entstandenem Mutterkomplex und einem nun zu versorgenden, weil alleinstehenden Vater gesprochen, im Ringen um ihre Existenzberechtigung und in der Erwartung, dass die kleinen Glücksversprechungen zum Dasein endlich eingelöst werden. Die Moral von der Geschichte lässt sich leicht vorwegnehmen und lautet, das Leben fängt erst an, wenn man anfängt zu leben.

Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Constanze Passin. Bild: Bettina Frenzel

Doch bis diese Erkenntnis keimt, spielen die Schauspielerinnen, live unterstützt von Singer-Songwriterin Clara Luzia, ein schwarzhumoriges Spiel mit Klischees und stereotypen Rollenbildern, allesamt landläufig bekannte Schablonen, in die Frauen gedrängt werden – oder in die sie sich ganz von allein zwängen. Und so werden zwischen hingehauchten Luftküsschen und sekkanter Launenhaftigkeit Themen wie Dauerdiät, Hyaluron-Spritzen und Kaufrausch abgehandelt, ist einem das Erscheinungsbild doch eigentlich nie gut genug, – und natürlich der K(r)ampf unter den Geschlechtern.

Dieser für Frauen als ewiges Wechselbad zwischen Selbstzweifel, Selbstaufgabe und Selbstachtung dargestellt. Eine Tatsache, die die Geschiedene, die Beziehungsgeschädigte und die Langzeitehefrau vom Lebensziel „einen Mann kriegen“ übers Warten auf den einen Ring und der Angst „übrigzublieben“ bis zur gesellschaftlichen Wertigkeit und dem schwindenden Selbstwertgefühl bei Kinderlosigkeit abhandeln. Kommunikationsprobleme werden mit Rücksicht auf das Geschlecht, das beim Angenörgeltwerden in sich zusammen schrumpft, und mittels Hätscheln von dessen Selbstbewusstsein gelöst, wobei’s kein Ding sein darf, selber den Orgasmus vorzutäuschen.

Kottal, Kramer und Passin agieren mit vollem Einsatz, erschaffen spielerisch Übergänge von der Persiflage zu bitterer Ernsthaftigkeit und wechseln gekonnt die Tempi vom Stakkato-Sprechen zur raumgreifenden Stille. Sie tanzen, singen (unter anderem „Ich find‘ dich scheiße“ von Tic Tac Toe), wüten und schluchzen über Trennungsgespräche und Familienkonflikte und, ja, die mangelnde Frauensolidarität ist echt zum Schmunzeln, wenn der einen vorgeworfen wird, sie solle ihrem Partner gegenüber endlich „niedlich und anhimmelnd sein, statt ständig kritisierend“. Oder wenn, apropos Partner-in, darüber diskutiert wird, man müsse eine neue für den Vater finden, damit man selber nicht mehr für ihn waschen, kochen und putzen müsse.

Anna Kramer, Constanze Passin und Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Amina Gusner hat – im Bühnenbild und mit den Kostümen ihrer Schwester Inken Gusner – keine Facette von Frau-Sein ausgelassen, ihre Figuren wollen weiblicher, am weiblichsten werden, und wenn zu deren selbstauferlegter Aufgabe, mitgegebene Muster ungefragt zu übernehmen, Sätze wie der von der Verantwortung fallen, die ungleich schwieriger sei, wenn man versuche man selber zu sein, und nicht das, was die anderen wollen, dann tut das schon weh.

Derart ist „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, von Gusner auf der Grundlage von Gesprächen mit verschiedensten Frauen entwickelt, in Wortsinn aus dem Alltag gegriffen. Situationen zum Lachen, zum Weinen, zum Ärgern folgen Schlag auf Schlag, ein Puzzle an Begegnungen, die am Ende ein Ganzes ergeben, und immer geht es um ein persönliches Sich-Behaupten, ein Brücken bauen und Grenzen einreißen. Dies ja gleichsam das Vereinsmotto von XYZ: die Vielfalt von Lebensformen jenseits von Chromosomen-Normen sichtbar und spürbar zu machen. So sagen Claudia Kottal und Anna Kramer: „Empathie ist in diesen Zeiten ein vom Aussterben bedrohtes Gut und Theater einer der wenigen Orte, wo man sie nähren kann.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_0mfElTOYtk

kosmostheater.at

  1. 1. 2019

Karikaturmuseum Krems: Ironimus 90. Jetzt mal keine Politik! Cartoons von 1948 bis 2018

Februar 28, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bislang Unveröffentlichtes aus dem „Unruhestand“

Ironimus, Zehn Impressionen, 1958 © Ironimus Archiv

Ab 3. März zeigt das Karikaturmuseum Krems die Schau „Ironimus 90. Jetzt mal keine Politik! Cartoons von 1948 bis 2018“. Die Ausstellung zum 90. Geburtstag des Karikaturisten und der Zeichnerlegende zeigt neue, bislang unveröffentlichte Cartoons aus dem „Unruhestand“. Die humorvollen Zeichnungen der Jubiläumsausstellung geben einen besonderen Einblick in das Schaffen von Ironimus.

Mit mehr als 12.000 Karikaturen, über 30 Büchern und rund 100 Ausstellungen blickt Ironimus auf eine beispiellose Karriere zurück. Seine ORF-Sendungen „Die Karikatur der Woche“ und „Der Jahresrückblick in der Karikatur“ erreichten ein Millionenpublikum. Unter seinem bürgerlichen Namen wurde Gustav Peichl als Architekt bekannt, zum Beispiel durch den Bau der ORF-Landesstudios in Graz, Dornbirn, Eisenstadt, Salzburg, Innsbruck, St. Pölten und Linz, den Neubau des Städel Museums, der Bundeskunsthalle in Bonn und des Karikaturmuseum Krems. Aus diesem Anlass präsentiert das Karikaturmuseum Krems zu seinem 90. Geburtstag eine Jubiläumsausstellung mit seinen besten, nicht politischen Zeichnungen. Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit Ironimus‘ Sohn, dem Kurator und Galeristen Markus Peichl kuratiert, dadurch erhält der Besucher einen sehr feinfühligen Blick in das Schaffen seines Vaters.

Ironimus , Metamorphosen, Nr. 32, 2016 © Ironimus Archiv

Ironimus, Metamorphosen, Nr. 10, 2015 © Ironimus Archiv

Mehr als 60 Jahre lang hat Ironimus mit spitzer Feder das politische Zeitgeschehen aufs Korn genommen, ehe er sich Ende 2014 zur Ruhe setzte. Der zeitliche Bogen der Arbeiten spannt sich von 1948 bis 2018 und präsentiert das zeichnerisch-humoristische Repertoire des Cartoonisten. Wie der Titel schon verrät, stehen nicht die (tages-)politischen Zeichnungen im Vordergrund. Feinsinnige Cartoons und hintergründige Beobachtungen, die mit der Doppelbödigkeit des Lebens und der Kunst spielen, sind in der Schau ein zentrales Thema. Sie führen die Absurdität der kleinen, alltäglichen Momente vor Augen.

Witzige, bisweilen absurde Situationen wechseln sich mit intelligenten Kurzgeschichten ab, unerwartete Perspektiven treffen neue ungewöhnliche Bild-Metamorphosen. Allesamt haben die Originale eine klare Formulierung und die unverkennbare Handschrift von Ironimus. Politisch aufgeladen finden sich viele dieser Bildideen in den Editorial Cartoons des Künstlers wieder. Genau diese Kombination und die Einzigartigkeit Ironimus‘ sind weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und geschätzt.

www.karikaturmuseum.at

28. 2. 2018

Schauspielhaus Wien: Ein Körper für Jetzt und Heute

Januar 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Story über Selbstermächtigungsharakiri

Vera von Gunten und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Ausgehend von der Tatsache, dass Homosexualität im Iran bis hin zur Todesstrafe geahndet wird, gleichzeitig Geschlechtsumwandlungen nicht nur offiziell gestattet, sondern unter bestimmten Voraussetzungen sogar staatlich kofinanziert werden, hat Mehdi Moradpour seinen enigmatisch-poetischen Text „Ein Körper für Jetzt und Heute“ verfasst. Zino Wey hat die Uraufführung am Schauspielhaus Wien inszeniert; das Bühnenbild von Davy van Gerven zeigt einen Neuköllner Brunnen, um den und vor allem in dem sich die Darsteller tummeln.

Ein „Gentrification“-Graffiti macht klar, im Stück geht es längst nicht nur um die Kadaver der Zivilisation und die ideologischen Trümmer, die anderswo herumliegen. Auch im Glashäusermeer findet Ungleichheit statt, wenn es ums Geschlechtliche geht, gibt es Verhaltensmaßregeln fürs Richtig und fürs Falsch. Entsprechend „westlich“ sind die Schauspieler Simon Bauer, Vera von Gunten, Steffen Link und Martina Spitzer in Parkas und Pullover gekleidet. Als wär’s eine Uniform für den Protest, für ihren vierstimmigen Monolog gegen Aus- und Abgrenzung von Menschen.

Simon Bauer gestaltet die Figur Elija, die nicht ins gängige Konzept von Männlich-Weiblich passt. Gott, der bekanntlich keine Fehler macht, ist dieser eine unterlaufen, sagt die Mutter. Vor dem Vater gelingt die Flucht in die größere, anonymere Stadt, wo eine wohlwollende Kusine Elija von Instanz zu Institution schleppt. Mit dem Ergebnis, dass dieser von allen Seiten, Ärzten bis Imamen, der Arbeitgeber höchstselbst sagt, er würde Elija in diesem Falle sogar heiraten, zur Operation gedrängt wird. Elija liebt Fanis, Steffen Link, also willigt er ein …

Es ist spätestens diese Stelle, an der Moradpours Stück in die Selbstoptimierungs-Science-Fiction kippt. Denn Elija (wie auch der später dazukommende geheimnisvolle Flo) hat eine universellere Fantasie als das gängige Mann-Frau-Schema. „Mein Körper ohne Ort, aber mit Zukunft“, keine Geschlechterbarrieren, keine gesellschaftlichen Zuschreibungen, das wünscht er sich. Sich verändern für den anderen, sich erweitern für sich selbst … Identität und deren Bildung nämlich, sagt Moradpour an dieser Stelle, hat auch was mit einem rassistischen, sexistischen Kulturkampf zu tun; er flicht surreale Traumsequenzen in seine Handlung, die von Zino Wey als großformatige Kamerabilder umgesetzt werden, und lässt „aus dem manuskript der verschwundenen studentin“ zitieren.

Vera von Gunten, Steffen Link, Simon Bauer und Martina Spitzer. Bild: © Matthias Heschl

Vera von Gunten, Simon Bauer und Martina Spitzer. Bild: © Matthias Heschl

Ihre Stimme vor allem ist es, die die Tiraden jener Mehrheiten anprangert, die „das schöne“ und „das reine“ mit der scheußlichsten Wortwahl suchen. „genau wie ethnozentrische und identitäre bestrebungen. hier wird mit einem besonderen eifer eine bekenntnis zu klaren normen, werten und zuschreibungen verlangt“, lässt sich dazu im Programmheft nachlesen. Und während Moradpour noch die soziale Anpassungsmatrix analysiert, die Stereotype und die Schablonen ausforscht, ereignet sich auf der Bühne Dramatisches.

Während Fanis – aus Schuldbewusstsein gegenüber Elija? – eine Niere für eine Dialysepatientin geben will, entschließt sich Elija, verzweifelt über den neuen-alten Körper, zur nächsten Operation. Sein Selbstermächtigungsharakiri hat begonnen, und er hat beschlossen eine Tier-Mensch-Maschine, ein Er-Sie-Es zu werden … ein sozialer Körper, in der Hoffnung, dass, was sich zwischen den Polen bewegt, dann endlich akzeptiert wird.

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Landestheater NÖ: Ab jetzt

Mai 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Riesen-Nonsense mit Replikantin

Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Menschen mit Maschine: Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Zum Saisonschluss und zum Ende ihrer Tätigkeit als Intendatin des Landestheater Niederösterreich lud Bettina Hering, sie wechselt als Schauspielchefin zu den Salzburger Festspielen, zu einem der bewährten Gastspiele. Das Schauspielhaus Hamburg zeigte Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt“ in der Regie von Karin Beier.

Und es war der Abend der Lina Beckmann. Mit einer solchen Schauspielerin an der Hand, kann man als Theaterdirektorin gar nicht anders, als dieses Stück anzudenken. Dachte wohl auch Beier. „Ab jetzt“ ist der ganz andere Ayckbourn, gern wird gesagt, nicht sein bester, doch das sollte man zumindest nach dieser schwungvollen Inszenierung anders sehen.

Erzählt wird aus der Zukunft. Der Komponist Jerome hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, die allerdings mit Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für den Besuch samt Sozialarbeiter an einer heilen, neuen Familie – erst mit Leihmimin Zoe, doch als die Reißaus nimmt, mithilfe einer Roboterfrau namens Gou 300F. Die hat ein paar Macken, und als nun die frisch Geschiedene in der Tür steht, nimmt das Verhängnis seinen Lauf … Beier hält sich nicht damit auf nach verkopfen, tieferen Bedeutungen im Text zu suchen, Motto: Was die Maschine dem Menschen antut, wenn er sich in Abhängigkeit zu ihr begibt, nein, sie fährt einfach mit Vollgas drauflos, von Gag zu Gag, von Nonsense zu Nonsense.

Kein Sofa über das nicht gestolpert wird, keine Wand gegen die man nicht läuft. Und die Königin dieser Komödie ist Beckmann – übrigens für die Rolle bereits mit einem Schauspielerpreis ausgezeichnet. Derangiert tanzt ihre Zoe an, man hat sie auf der Straße ausgeraubt, aber so arm dran kann die gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in einem Ich-war-mal-wer-Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Beckmann diese Übung, aus einer Knallcharge, einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Und das Publikum biegt sich vor Lachen, umso mehr als sie, nunmehr von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert, wie ein dem „Blade Runner“ entsprungener Replikant agiert. Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Denn war das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. So viel Mensch in einer Maschine, und man weiß nicht, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Jerome lebt in einem Hightechbunker, sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Bildtelefon. Alles, was irgend Leben ist, speist er in den Computer ein, will er doch mit diesem Material sein Opus magnum ausgerechnet über die Liebe schreiben. Götz Schubert gibt diesen Beziehungsgestörten mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so schrullig, dass man ihn gerade noch sympathisch finden kann.

Ute Hannig spielt erst ebenfalls die Gou – Version 1, als gruselige, herrische Sexmachine in Seidenkorsage, dann Jeromes Frau Corinna als über weite Strecken herzlose, weil herzgebrochene Xanthippe, Gala Winter die Tochter Geain als genderverwirrten Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, ein Glatzkopfkerl mit Kinnbart, wird aber flugs mit Zöpfchen und Schleifchen wieder zur Sie. Herrlich auch Yorck Dippe als Mann vom Jugendamt: Der aalt sich in seinen großen Gesten, ganz Conferencier in eigener, ergo narzisstischer Sache und ist doch die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Behördentums. Michael Wittenborn, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss.

Was Beier und ihr Ensemble vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance. Am Ende läuft Gou durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell dreht sich von Minute zu Minute schneller, und Gala Winters Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat jetzt genug Zeugs zum Komponieren. Mit viel Witz und ihrem Gespür für schwarzen Humor hat Karin Beier St. Pölten einen höchst vergnüglichen Start in die Sommerpause beschert. Am 23. Mai wird Marie Rötzer, die neue künstlerische Leiterin des Hauses, ihren ersten Spielplan präsentieren. Man darf gespannt sein, was da alles zu erfahren sein wird.

www.landestheater.net

Wien, 13. 5. 2016