Burgtheater: Mein Kampf

Oktober 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist

Und hereinbricht Hitler: Markus Hering als Schlomo Herzl, Marcel Heuperman als Braunauer Bildermaler und Oliver Nägele als Lobkowitz. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Zusammengefasst, das Ganze entwickelt sich vom jüdischen Witz zur Furz-Farce zu einer Brachialgewalt, die durch George Taboris Groteske schlägt, wie die Heiligen Nägel durch Schlomos Hände. Itay Tiran inszenierte am Burgtheater also „Mein Kampf“, er hat sich am Akademietheater als Regisseur schon in „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), als Schauspieler in „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623) von seiner besten Seite gezeigt.

Nun berichtet der im israelischen Petach Tikva geborene Künstler im Programmheft anrührend von seiner „Kämpferin“, Großmutter Deborah Fixler Yahalom, Shoah-Überlebende und Geschichtenerzählerin und Virtuosin eines Überlebenshumors, mit dem sie ihrem Enkel den Horror beschrieb. „Shoah“, sagt Tiran, „ist für sie, wie für viele andere, kein datierbarer Zeitpunkt in der Geschichte, sondern ein Zustand, der anhält und andauert“, und im Interview, dass er, als seine Regiearbeit angefragt wurde, zweifelte, ob er sich mit dem Familientrauma auseinandersetzen möchte, nicht wissend, was er dem in Wien oft und grandios gespieltem Stück an noch nicht Gesagtem hinzufügen könne.

Dies hier erwähnt als Eckpunkte einer Besprechung, die über ein „Ja, so kann man’s freilich auch machen“ hinauskommen möchte, ist es unsachlich zu sagen, man möge von Themen, die einem zu nah sind, die Finger lassen?, kurz: der gestrige Premierenabend hat seine Momente, skurrile und schwere und solche, die es einem nicht leicht machen.

Jessica Rockstroh hat die Vorderbühne mit einem Jossi-Wieler-Rechnitz-Gedächtnisguckkasten zugebaut, ein Vergleich, dem stattgegeben wird, als Frau Tod Herrn Hitler ihren eben rekrutierten Würgeengel nennt. Bis dahin ist es ein mehr als zweistündiger Weg durch diesen gefinkelten Wandverbau, der sich hoch- und wegklappen lässt, die Paneele mal Bett, mal Bügelbrett, und dessen Teile von Anfang bis Ende durchbrochen und zertrümmert werden, wenn die Schauspieler aus ihnen fallen, drängen, drücken. Kein heiles Heim, dafür ein Heil! im Männerwohnheim, der Hitler und der Himmlisch kommen!

Davor, man weiß es, ein heiterer G’tt aus wenig heiterem Himmel, einer, der sich an nichts erinnern kann, solch aktuelle Hinterlist gibt’s von Schnitzel und Flüchtlingsstrom bis zum Jammern der Tödin übers Aussterben der Pandemien (Publikum: Gelächter!). Der Herr und sein Auserwählter sind, man weiß auch das, Koscherkoch Lobkowitz und Buchhändler Schlomo Herzl, Oliver Nägele und Markus Hering, und im Wortsinn über die beiden hereinbricht Marcel Heuperman als Hitler. Der sich erst in einer hochgeschraubten Schwadronade, dann seinen Darm in einen Kübel entleert. Scheiße aus allen Körperöffnungen, wie gesagt, am Furz- und Kotztheater wird hier nicht gespart. Heupermans unappetitlicher Hitler ist ein Theatraliker ennet der Grenze des Geschmacklosen.

Hering, Heuperman und Hanna Hilsdorf als Gretchen, hi.: Huhn Birne als Mizzi. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein händewachelndes Ojojoj der Menschenopfer: Makus Hering und Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Rekrutiert ihren Würgeengel: Sylvie Rohrer als Frau Tod und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Itay Tiran, und dies sein Pluspunkt, stellt die Schauspieler in den Mittelpunkt, er gibt ihnen all den Raum, der zwischen drei Wänden möglich ist. Es ist ein einfaches, ein Armes Theater, das er zeigt, mit einem Stück Kreide zeichnet Herings Schlomo Hitlers neues Zuhause wie den Teufel an die Wand; die Kostüme von Su Sigmund wie aus der Kleidersammlung, Trainingsbuxe, Bademantel, die Kippa eine Strickmütze. Heuperman ist ein feistes, berserkerndes Baby, ein hysterisch wütendes Kleinkind, kindisch-grausam, sobald es nicht nach seinem Kopf geht, die schmutzigen Strümpfe auf Halbmast, die versiffte Unter- eigentlich eine beständig rutschende Windelhose, die Heuperman ebenso beständig über dem nackten Hintern hochzieht.

Hering und Nägele geben sich als zwei Käuze, die mit einem händewachelndem Ojojoj ihre Opferbestimmtheit kundtun, Lobkowitz schon ein jenseitiger Mehlzerstäuber, Herzl noch ein herzergreifend Verzweifelter – am jüdischen Glauben und am jüdischen Witz, der mit mütterlichem Masochismus den Braunauer Bildermaler zum Massenmörder stylt und coacht. In diesem Szenario ist allerlei Bärtchen- und Youth-Cut-Slapstick möglich, so weit, so schön läuft der Abend am Schnürchen, mit komischen Typen und ihren Hals- wie Wortverdrehern. Jede Pointe sitzt, auch wenn man hier bereits den Sinn für Taboris nadelspitzen Sarkasmus und seine beißende Tieftraurigkeit vermisst.

Den schönsten und sie bestimmenden Moment schöpft Itay Tirans Aufführung aus der Verkehrung von Schlomo Herzls Satz zu seinem Buch, titelgebend: „Mein Kampf“, der bei Deborah-Enkel Tiran als Schlomos „letzte Chance endlich zu vergessen, woran ich mich seit meiner Jugend erinnern muss“ dasteht. Lässt er doch den Hering bei ins Gelbe gedimmten Standbildern die Mitakteure nach Schlomos Willen arrangieren, auf dass seine Inszenierung unter greller Glühbirne Szene für Szene ins Grauen entgleise.

Herings Schlomo Herzl mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm fantasiert aus dem Orkus die Schlächter neu herbei. Und er weiß es und er kann es nicht verhindern, kann das Geschehene nicht umschreiben. Aus seinem Transistorradio hört man HC Strache im Wahlkampfmodus. Geschichte wiederholt sich nur als Farce, um Karl Marx abzukürzen.

Keine Akademie? Hitler ist am Boden zerstört: Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Der Schnauzer wird zum Bärtchen gestutzt: Markus Hering und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Goldene Göttin statt deutsches Mädl: Markus Hering und Hanna Hilsdorf, hi.: Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Und wieder wird ein Jude gekreuzigt: Rainer Galke als Himmlisch und Markus Hering. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Von der allerdings ist Tiran mittlerweile weit entfernt. Er hat zur verlangt feinschnittigen Sichel, um noch mal Marx zu bemühen, den dumpfen Hammer hervorgeholt, die Geräuschkulisse von Ludwig Klossek klingt nach Maschinengewehr, Grölen, Stöhnen, Hohngelächter. Mit Bettfedern hereinschneit Gretchen als Goldene Göttin, Hanna Hilsdorf allerdings weder Varganin noch bodenständig deutsches Mädl, sondern in dieser Schlüsselepisode, wie man dem Volk die Stimmung umdreht, deutlich unterbeschäftigt. Am spannendsten und bei Weitem die beste Komödiantin ist die Henne Birne als legendäre Mizzi, die in ein Wandbord gesetzt wird – und man dem Tier am Schnabel ansieht, wie’s überlegt: Wie komm‘ ich da nur wieder runter?

Bleibt: Die großartige Sylvie Rohrer als sich zur Kunstfigur verrenkende Frau Tod, ein bizarrer, kalter Todesengel, als der die Rohrer hier eine Glanzleistung hinlegt: Bleibt: Rainer Galke mit Axt – als Himmlisch von einer Herrenmensch-Rage, der eine Sauerei anrichtet, die Taboris subversives Zotenspiel, seine Assoziationskette von Schmerz zu Scherz zu Ausch-/Witz endgültig zerreißt. Schlomo wird an die Wand gekreuzigt, Mizzi vergast, der Titel „Mein Kampf“, denn ein Buch gibt es nicht, wechselt den Besitzer und Hitler zieht mit seiner Bagage und seinem an den Deportationskoffer gemahnendes Gepäckstück ab, als hätte er Schlomo sogar den gestohlen.

Zusammengefasst, im Dickwanst ist punkto dramatischer Dichte noch Luft drin. Die drastische Oberfläche bräuchte Tiefgang. In Zeiten da Rechts von einer zustimmend nickenden Mitte übernommen wird, braucht es (kultur-)politisch Radikaleres als Horrorclowns wie einen sich ausscheißenden Hitler und einen randalierenden Himmlisch. Ja, George Taboris „Mein Kampf“ ist im Getriebe des Repertoirebetriebs angekommen, kann man ihn aus diesem nun bitte weiterziehen lassen?

Lobkowitz und Robkowitz sitzen im Garten Eden auf einer Bank. Sagt Lobkowitz: Erinnerst du dich noch, wie du auf der Seife ausgerutscht bist und dir den Schädel zerschlagen hast, bevor sie uns vergasen konnten? Robkowitz schüttelt sich vor Lachen und erwidert: Ja, aber weißt du noch, wie du dich beschwert hast, sieben Mann seien zu viel für ein Bett? Kommt G’tt vorbei, böse und aufgebracht darüber, was es denn da zu lachen gebe. Sagt Lobkowitz: Ach Herr, den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist …

www.burgtheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=7x8ihcvJKbQ

  1. 10. 2020

Volksoper: Brigadoon

Dezember 2, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schottisches Märchen von schönster Herzenswärme

Eine Sternstunde für das Wiener Staatsballett, das Orchester und Chor und Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Keine Sorge, wenn die Sache, und davon ist auszugehen, so hervorragend läuft, wie vergangene Saison die konzertante Aufführung von „Porgy and Bess“, wird das Haus sicher bis Februar weitere Vorstellungen ansetzen. Der Vorschlag wäre rund um den Valentinstag, weil: da reingehen mit der Liebsten, und die ist hin und weg und auf ewig dein … Gestern hatte an der Volksoper der erste große Musicalerfolg

des genialen Duos Frederick Loewe und Alan Jay Lerner Premiere, „Brigadoon“, auf den bald die noch gigantischeren von „My Fair Lady“ oder „Gigi“ folgen sollten, halbszenisch und dies ist kaum zu glauben – als österreichische Erstaufführung. Ein Glück also, dass Direktor Robert Meyer die in den schottischen Highlands angesiedelte Liebesgeschichte nun für sich und damit auch fürs Publikum entdeckt hat, strotzt doch das wundersame Märchen nicht nur vor wunderbaren Melodien, sondern platzt auch vor Romantik aus allen Nähten.

Mit der gemäßer Herzenswärme gehen die Mitwirkenden an die Story heran, Dirigent Lorenz C. Aichner, der die Seinen mit Schwung und Sinn für Swing durch Loewes Evergreens leitet, Regisseur Rudolf Klaban, Choreograf Florian Hurler und das Wiener Staatsballett, die mit Verve die Bezeichnung des Abends als halbszenisch ad absurdum führen. Klaban holt mit Hintergrundbildern reetgedecktes Dorfidyll, purpurfarbenes Heidekraut, Castle-Ruinen und bemooste Wälder auf die Bühne, davor das Orchester und der wie stets von Thomas Böttcher fabelhaft vorbereitete Chor, davor die Solisten und vier Tanzpaare, Lassies und Lads in Scots-Tracht samt Tartan.

Jeffrey Treganza als Jeff Douglas und Jessica Aszodi als Meg Brockie. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Oliver Liebl als sinistrer Harry Beaton beim Sword Dance. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ben Connor als Tommy Albright und Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Wobei bei den schnellen, kraftvoll gesprungenen Reels und Stately Steps kein Zweifel darüber bleibt, was die Herren unterm Kilt tragen. Auf 581 Vorstellungen am Broadway, auf 685 in London West End hat es „Brigadoon“ sofort in Serie gebracht, bekannt ist die Vincente-Minnelli-Verfilmung mit Gene Kelly, der 1954 den New Yorker Touristen Tommy Albright verkörperte, der sich mit seinem Freund Jeff Douglas im schottischen Middle of Nowhere verirrt – und auf den im Wortsinn zauberhaften Ort stößt, der, weil nur alle hundert Jahre für einen Tag zum Leben erweckt, auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Der österreich-stämmige Loewe hatte sich an die alte Sage „Germelshausen“ von Friedrich Gerstäcker erinnert, Lerner die verwunschene Siedlung Zweiter-Weltkriegs-bedingt in den Norden der britischen Inseln verlegt und sie nach den Burns-Balladen über die Brig o‘ Doon benannt. An der Volksoper singt und spielt der australische Bariton Ben Connor den Tommy, überhaupt weist der in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln und Texten von Erzähler und Barkeeper Christoph Wagner-Trenkwitz gestaltete Abend eine hohe Zahl an Native Speakers auf, so etwa die texanische Sopranistin Rebecca Nelson als jene Fiona MacLaren, in die sich Tommy selbstverständlich unsterblich verliebt, und den wie sie aus den USA stammenden Tenor Jeffrey Treganza als Jeff.

Die australische Mezzosopranistin Jessica Aszodi, die als temperamentvoll-verrückte Meg Brockie am armen Jeff ihren Hang zum Männerfang austobt, gibt mit der Rolle ebenso ihr Hausdebüt, wie der britische Tenor Peter Kirk als Charlie Dalrymple, Fionas jüngerer Schwester Jean MacLarens Verlobter. Das neue Ensemblemitglied Lauren Urquhart ist als Tommys zickige Upper-Class-Verlobte Jane Ashton zu erleben; ihr schottischer Großvater Doug Urquhart hat mit der Truppe die rrrichtige Aussprache trainiert. Und apropos, rrrichtig: Schon im Foyer erwarten die Dudelsack-Spielerinnen Irmgard Foglar und Saskia Konz und Trommlerin Julia Nusko die Zuschauer, um sie mit ihren Great Highland Bagpipes und der Scottish Snare Drum in die passende Stimmung zu bringen; später werden die drei Musikerinnen den Funeral Dance von „Maggie“ Mila Schmidt begleiten.

Lauren Urquhart als Jane Ashton, Erzähler Christoph Wagner-Trenkwitz und Ben Connor als Tommy Albright. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren, Jessica Aszodi als Meg Brockie und der Jugendchor des Hauses. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Peter Kirk hat als Bräutigam Charlie Dalrymple den schönsten Love Song des ganzen Musicals zu singen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Jessica Aszod, Vernon Jerry Rosen, Jakob Semotan, Rebecca Nelsen und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Und apropos, Dance: Auch Juliette Khalil als Jean, Jakob Semotan als Stuart Cameron oder Maximilian Klakow als Sandy Dean wirbeln mit den Profis Round-the-Room, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten, allen voran Oliver Liebl, der als sinistrer Harry Beaton durch den Sword Dance turnt, als wäre er für derart Folklore zur Welt gekommen. Punkto Performance bleibt kein Wunsch offen und kein Auge trocken, Ben Connor und Rebecca Nelsen singen gemeinsam hinreißend den Riesenhit „Almost Like Being in Love“ und „The Heather on the Hill“, Peter Kirk ganz großartig den Ohrwurm „I’ll Go Home with Bonnie Jean” und den schönsten Love Song des Musicals „Come to Me, Bend to Me”.

Jessica Aszodi macht aus „The Love of My Life“ und „My Mother’s Wedding Day“ zwei gesangliche Kabinett- stücke, ein tödlicher Unfall passiert, Tommy und Jeff kehren zurück an die Ostküste, Tommy natürlich tod- unglücklich – und die Frage ist, ob die Liebe Raum und Zeit überwinden kann, die zu beantworten das Ensemble dieser rundum gelungenen Produktion am Mittwoch wieder zusammenkommt. „Brigadoon“ an der Volksoper, das ist sehr viel Sentiment, ein wenig Schottland-Satire und lyrische Stimmungsbilder, noch mehr fantastische Songs und die überbordende Spielfreude aller Beteiligten. In einem Satz: Ein Highland-Ausflug, der sich lohnt.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=84WDhdOgjSU           www.youtube.com/watch?v=DjxKsMi4D5E           Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=yum73XNvZ9E           www.volksoper.at

  1. 12. 2019

Little Joe

Oktober 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Subtiler Sci-Fi-Horror von Jessica Hausner

Emily Beecham als von den Mutterpflichten für Menschenkind Joe und Pflanzenspross Little Joe zerrissene Botanikerin Alice. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Angsteinflößend wie Audrey II ist sie nicht, auch nicht so schauderhaft wie Mary Shelleys Leichenteil-Lebewesen, und dennoch ist dieses Geschöpf eine Art Frankensteins Pflanze, die Kreatur des modernsten Prometheus das vorprogrammierte Grauen grüner Gentechnik, ihr Schöpfer anno 2019 selbstverständlich eine Schöpferin: Botanikerin Alice.

Die alleinerziehende Workaholic-Mutter verkörpert die britische Schauspielerin Emily Beecham, die dafür bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Am Freitag läuft Jessica Hausners jüngster und erster in englischer Sprache gedrehter Film „Little Joe“ in den heimischen Kinos an, ein Wechselspiel von Sci-Fi-Horror und Psychothriller, eine gewitzte Komödie über die Unwägbarkeiten des Mensch- und Mutterseins, in der die Drehbuchautorin und Regisseurin mit sichtlichem Vergnügen in einem fort falsche Fährten legt. Die „Titelfigur“ ist ein empfindsames Blütchen, von den Forschern einer auf Zierblumen spezialisierten Firma gehegt und gepflegt, kann diese neue Züchtung mittels ihres Dufts doch glücklich machen – ein garantierter Verkaufsschlager, der alsbald der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

Was Little Joe fürs Verströmen von Freundlichkeit und Fröhlichkeit braucht, ist tägliche Fürsorge in wohltemperierten Räumen, ausreichend Wasser – und Ansprache. Doch, als ob das alles zu schön, um wahr zu sein wäre, ist da beim Betrachter von Anfang an ein Unbehagen. Da stimmt etwas nicht in Hausners durchinszeniertem Setting, und dieser Verdacht bestätigt sich, als sich die blutroten Blüten plötzlich öffnen und – Pfft! – Pollenwölkchen von sich stäuben. Am nächsten Morgen ist die blaue Kultur des Kollegenprojekts eingegangen, ein Sieg der Flammenfarbigen über die Ultramarinen.

Diese Farbenlehre bleibt nicht die einzige, die die Wissenschaftler ziehen müssen, der genmanipulierte Little Joe, so gezüchtet, dass er seine Vermehrungsfähigkeit verloren hat, beeinflusst mit seinem Blütenstaub, wer diesen einatmet. Alices Mitarbeiter, ihr Sohn, da sie unerlaubt eine Pflanze mit nach Hause nimmt, sogar der Hund einer konkurrierenden Studienleiterin verändern sich. Die Natur wird ihren Weg finden, sagt diese Bella sibyllinisch über Little Joes Überlebenstrieb – oder ist dieses Treiben Jessica Hausners irreführende Finte, die Pollen eine psychologische Projektion auf … wen oder was?

Sehr subtil baut Hausner diesen Zweifel als zentrales Element ihres Films auf, die Handlung verschwimmt in einer Vagheit, in Vermutungen und Verdächtigungen, die bis um Schluss keine Schlüsse zulassen. Die Welt, die die Filmemacherin und ihr Stab, die Kostüme wie stets von Schwester Tanja Hausner, dafür konzipiert haben, ist irritierend, die Ästhetik radikal abstrakt, die Atmosphäre akademisch abgeklärt. Die Farben sind Pastell, mint, rosé oder weiß, kühl und steril wie die Charaktere, die in einer Weise ruhig und gefasst reagieren, wie es den Geschehnissen kaum entspricht. Nur ab und an setzt Rot ein Signal, mit Handschuhen, Schuhen, einem Hundeball, dem ikonografischen Pilz von Alices Frisur.

Die Kameras im Gewächshaus haben seltsame Geschehnisse aufgezeichnet: David Wilmot, Phénix Brossard, Emily Beecham und Ben Whishaw. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Ist der immer aufsässiger werdende Joe nur pubertär oder ein Pollen-Zombie? Der großartig agierende Kit Connor und Emily Beecham. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Die Musik stammt vom japanischen Komponisten Teiji Ito, elektronische Soundscapes zwischen Kabuki und Hundekläffen, die die Empfindungen ins Unheimliche drehen und die mal vorwärts schleichende, mal seitlich driftende Erzählweise des Films vorgeben. Als wär‘s Teil dieser verschrobenen Tonlage, dehnt auch Martin Gschlacht die Grenzen der Wahrnehmung aus. Mit scharf choreographierten Kamerafahrten fertigt Gschlacht einen subjektiven, heißt: nie zu viel enthüllenden Sichtrahmen für die Zuschauer.

Und erzeugt so Unsicherheit darüber, was da im Verborgenen wächst. Die Frage ist nicht nur, was dahinter-, sondern wo man eigentlich steckt, und das ständige Geräusch grell-surrenden Lichts gibt darauf Antwort: in der Gewächshaushölle. Alldieweil mutieren die Menschen munter weiter. Großartig spielt der 15-jährige Kit Connor, zuletzt als jugendlicher Elton John in „Rocketman“ zu sehen, Alices Sohn, den Original-Joe. Wie der eben noch Bub sich nun brutal in seiner Beherrschtheit präsentiert, das ist tatsächlich gespenstisch.

Um nichts weniger spooky ist Schulfreundin Selma, Jessie Mae Alonzo als Joes Teenie-Liebe, die Little Joes Geruch sexy findet, und wenn die beiden Alice eröffnen, sie gehörten jetzt zur Gemeinschaft der Glücklichen, weiß man nicht – pubertärer Schock-Joke oder doch Gemütszombie? Little Joes Vorstellung von Zufriedenheit ist nämlich Gefühllosigkeit, das große Begehr der reproduktionsunfähigen Pflanze offenbar, die von ihr Infizierten zu ihren Beschützern zu modifizieren. Der erste Bestäubte, der sich derart gebärdet, ist Ben Whishaw als Alices Projektpartner Chris, auch Laborassistent Ric, Phénix Brossard, wird immer sinistrer, schließlich der Chef, David Wilmot als Karl. Der Vasallendienst der Männer erweckt zuerst Bellas Misstrauen, die deren sonderbares Verhalten als durch die Pollen ausgelöste Psychose enttarnen will.

Doch als endlich auch Alices Instinkte geweckt scheinen, beginnt man angestachelt von den Hausner’schen Zweideutigkeiten schon wieder an den eigenen zu zweifeln. Bella nämlich, die Kerry Fox formidabel – und von fahrig bis verloren changierend – gestaltet, so ist zu erfahren, war einige Jahre in der Psychiatrie. Wegen Burnout und Depressionen und nach einem Suizidversuch. Und auch Alice geht in die Psychotherapie … Wie die Glashausflora die Figuren, so gängelt Jessica Hausner mit ihrer Feinbeobachtung von Veränderungen das Kinopublikum, indem sie es veranlasst, die Integrität ihrer Charaktere permanent infrage zu stellen. Hausners Pollenalarm ist ein Virus, der seine Spur bis ins Zuschauerhirn zieht. Dabei ist der Filmemacherin durchaus ironisch dargebotenes Anliegen nicht nur die Diskussion um nicht-bräunende Äpfel, käferresistente Erdäpfel oder trockentoleranten Reis, die Wissenschaft von den Genen ein weites Feld der Halbwahrheiten.

Hausner geht es vor allem um das Fremde im anderen und um das Fremde in einem selbst. Will man das Gegenüber wie das eigene Wesen immer gewohnt, nie unvertraut sehen? Trifft das auf Alices Blick auf den allmählich erwachsen werdenden Joe zu? Emily Beecham erweist sich als Idealbesetzung für die Alice. Selten hat jemand mit einer kompletten Klaviatur an Gefühlen so sparsam gehaushaltet, wie Beecham in dieser Rolle. Ob sie ihr Fleisch-und-Blut- oder ihr Pflanzen-Kind gegen Anfeindungen verteidigt, ob sie den Avancen von Whishaws Chris mit ausreichend Distanz begegnet, diese Frau ist seltsam schaumgebremst. Wie eine Bipolare unter dem Einfluss von Psychopharmaka schlafwandelt sie durch Hausners Hightech-Tableau.

Die emotionale Doppelbödigkeit ihrer Protagonistin spiegelt die Regisseurin raffiniert von Alices Berufs- aufs Privatleben. Der Zwiespalt im Zuschauer ist gesät, wird einem doch klar, dass Alice als Mutter von zweien sich für eins entscheiden wird, also entweder ihrem schlechten Gewissen gegenüber dem vernachlässigten Joe oder ihrem Wunsch nach Selbstverwirklichung durch die Arbeit an Little Joe nachgeben wird. Frei nach Feminismus fügt Hausner auch noch dieses Motiv ein. Wie es in Alice diesbezüglich gärt, lässt sich diskret dosiert in Beechams Gesicht ablesen. Und dann schlägt „Little Joe“ eine überraschende, eine letzte Volte. Was seine Ambivalenz und seine Ambiguitäten zum Blütenhochstand treibt.

 

www.filmladen.at/littlejoe

  1. 10. 2019

Burgtheater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

September 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ehe-Exzess auf Scherbenhaufen

Noch verläuft die Party gesittet: Norman Hacker als George, Nora Buzalka als Honey, Bibiana Beglau als Martha und Johannes Zirner als Nick. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Als dritte Premiere seiner Amtszeit übersiedelte Martin Kušej seine 2014er-Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vom Münchner Resi ans Burgtheater. Wohl kaum ein Theatergeher, der’s nicht schon gesehen hat, dies Ehe-Gemetzel, für das ein älteres Paar ein jüngeres vorgeblich zum Absacker nach einer Party beim Collegerektor in sein Haus einlädt, tatsächlich um ein Publikum für sein scheußliches Schauspiel zu haben.

Und so verstricken Geschichtsdozent George und Rektorentochter Martha den neu am College engagierten Biologieprofessor Nick und dessen Bessere-Hälften-Hascherl Honey immer tiefer in ihre grausamen Rituale. Es wird einander verhöhnt und gedemütigt und es dem jeweils anderem mit gleicher Münze heimgezahlt. Das von Jessica Rockstroh dafür entworfene Schlachtfeld ist ein klinisch weißer Laufsteg, ein unterkühlt-stylischer Raum für die bald erhitzten Gemüter. Im symbolträchtigen Abgrund darunter lauert der sprichwörtliche Scherbenhaufen aus zerschmissenen Flaschen und Gläsern, der stetig wachsen wird, wenn in der nun folgenden alkoholtriefenden Atmosphäre Geheimnisse enthüllt und Glückslügen entlarvt werden.

Mit der giftgrünen Leuchtschrift „Fun and Games“, Albees Betitelung des ersten Akts, eröffnet Kušej den mutmaßlich berühmtesten Ehe-Exzess der Dramengeschichte, bezeichnen doch Martha und George ihre kriegerische Auseinandersetzung als „Spiele mit festen Regeln“. Am Burgtheater wissen Bibiana Beglau und Norman Hacker mit gezielten Verbalschlägen ins Schmerzzentrum des anderen zu treffen, bis es ihnen selbst wehtut. Ihnen zur Seite stehen Nora Buzalka als Honey und Johannes Zirner als Nick. Kušej nimmt sich des Seelenzerstückelungsstücks als – Zitat – „ganz große Liebesgeschichte“ an. Er lässt Beglaus Martha und Hackers George ihre tiefenpsychologische BDMS-Beziehung auf der Bühne mit einem Infight um Georges Hosenreißverschluss beginnen.

Das verbale In-die-Ecke-Treiben wird zum sexuellen Akt: Bibiana Beglau und Norman Hacker. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dank zu viel Alkohol wird daraus mit Sicherheit kein Nick-Fick: Johannes Zirner und Bibiana Beglau. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Das In-die-Ecke-Treiben wird somit vom Wortgefecht zum greifbar sexuellen Akt, doch wie bei Kušej Albees Protagonisten heftig aufeinanderprallen, so hart trennt er sie wieder – mittels Blackouts, als müsste per Stromausfall die Hochspannung abgemildert werden. Dass der derart in Tableaux geteilte Text nichts an seiner emotionalen Intensität, sie scheint Kušej wichtiger als der scharfanalytische Gesellschaftskritikblick, den man aus anderen Aufführungen kennt, verliert, ist dem grandiosen Darstellerquartett zu danken. Allen voran der prima inter pares dieses Abends, Bibiana Beglau, die ihre Martha zetern und keifen, wimmern und anklagen lässt. Mit großer Lust am Vulgären gestaltet sie diesen im Wortsinn Man-Eater, doch kann in Windeseile von tyrannischer Verführungskunst zu würgender Traurigkeit, von furioser Salonlöwin zu gehässiger Megäre wechseln.

Gleichzeitig verletzend und verletzlich wirbt sie um ihren Mann, dem Norman Hacker Kontur verleiht. Sein George ist alles andere als der übliche Schwächling, im Gegenteil mimt er den abgeklärten Intellektuellen, für den die akademische Laufbahn angeblich bedeutungslos ist, der aber in Wahrheit seine Wunden mit süffisantem Sarkasmus und einer schaumgebremsten Schadenfreude pflegt. So beklemmend erst Marthas und Georges Versuch, sich vor den Gästen heiter zu geben, ist, so furchterregend wird die Stimmung je mehr sich die Gewaltspirale in die Höhe schraubt. „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert der bis aufs Blut reizende George seine Martha, und gibt sich nach ihrem misslungenem Fick mit Nick vollkommen gleichgültig. Da mutiert Martha kurz zum nackten Elend, und die kleine Geste, mit der George der unbekleidet Hingestreckten schnell sein Sakko überwirft, sagt mehr über die beiden aus, als ihr fortwährendes Geplänkel. Sie rafft sich aber rasch wieder auf, um dem Koital-Versager den Rest zu geben.

Und während solcherart die Handgreiflichkeiten handfester werden, es George gelingt, der Runde Geständnisse zu entlocken, die er im Handumdrehen gehen sie einsetzt, versucht Johannes Zirner als erst herzenskalter, nun in Grund und Boden erniedrigter Ehrgeizling Nick zumindest seine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, indem er sich Honey gegenüber immer brutaler und unflätiger benimmt. Schon glaubt man, dass die Jungen jederzeit die Plätze der im eigenen Wahnwitz brodelnden Gastgeber einnehmen werden. Doch Nora Buzalkas Honey ist nicht bereit sich unterkriegen zu lassen, sie stattet die sonst meist unbedarft Naive stattdessen mit aufbegehrendem Stolz und trotziger Würde aus. Es ist dieser Charakter von dem es anzunehmen gilt, dass er diese durchsoffene Nacht am ehesten unbeschadet übersteht.

Smalltalk überm Scherbenhaufen: Norman Hacker, Bibiana Beglau, Nora Buzalka und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Bis dahin aber brechen die Krusten der Gutbürgerlichkeit auf, darunter fließt ein Lavastrom alles verzehrender Leidenschaften, und Martha begeht den Kardinalfehler, das einzige ihr von George verbotene Thema aufs Tapet zu bringen, den „verstorbenen Sohn“, die gemeinsame, vor der Außenwelt bis dahin beschützte Illusion des nachkommenlosen Paares – mit der Folge: totale Eskalation, inmitten der George Martha zwingt, sich von der Flucht in ihre Vater-Mutter-Kind-Fantasiewelt zu verabschieden. Nie traf Sartres Spruch „Die Hölle, das sind die anderen“ trefflicher zu, als auf Albees Viererbande.

In der Kušej-Produktion strecken Martha und George am Ende erschöpft die Waffen, bevor sie nach seiner Hand tastet und sie schließlich in die ihre nimmt. Man wünscht den beiden, dass sie’s vom von Kušej mit Verve befeuerten Ehe-Inferno jetzt endlich über den Läuterungsberg im Purgatorio schaffen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Jessica Hausner im Gespräch

Oktober 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Amour fou“ eröffnet die Viennale

Birte Schnöink, Christian Friedel Bild: © Stadtkino Filmverleih

Birte Schnöink, Christian Friedel
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Nach der Weltpremiere im Rahmen der Un certain Regard Sektion beim Filmfestival in Cannes und erfolgreicher Tournee durch die Festivals dieser Erde kommt Jessica Hausners (Hotel, Lourdes) neuester Film Amour Fou auch nach Österreich. Er ist am 23. Oktober Eröffnungsfilm der Viennale. Im Anschluss an die Viennale wird der Film am 7. November regulär in den Kinos starten. In den Hauptrollen sind Christian Friedel (Das weiße Band) und Birte Schnöink (eben ausgezeichnet mit dem Boy-Gobert-Preis für Nachwuchsschauspieler) zu sehen; für die exzellente Kameraarbeit zeichnet Martin Gschlacht (Lourdes, Im Keller) verantwortlich. Inhalt: Berlin zur Zeit der Romantik. Der Dichter Heinrich hat den Wunsch, durch die Liebe den unausweichlichen Tod zu überwinden: seine ihm nahe stehende Cousine Marie lässt sich aber partout nicht davon überzeugen, zu zweit dem übermächtigen Schicksal entgegenzutreten, und gemeinsam mit Heinrich den eigenen Tod zu bestimmen. Doch die junge Ehefrau eines Bekannten, Henriette – als sie erfährt, dass sie sterbenskrank sei – findet Gefallen an dem Angebot. Eine romantische Komödie, frei inspiriert durch den Suizid des Dichters Heinrich von Kleist 1811.

Jessica Hausner im Gespräch:

MM: “Amour Fou“ hatte Weltpremiere in der Reihe „Un certain Regard“ in Cannes, wurde auf neun Internationalen Filmfestivals von Toronto bis Melbourne gezeigt, ist Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale. Hätten Sie Ihrem Werk, diesem leisen Kammerspiel,  vorab diese Strahlkraft zugetraut?

Jessica Hausner: Warum nicht? Wenn der Film spannend ist. Ich gehe immer davon aus, dass, wenn ich etwas erzähle, es so mache, dass es jemanden interessiert. Also hoffe ich immer darauf, dass meine Filme erfolgreich sein werden und Leute das gut finden.

MM: Ihre Geschichte ist frei inspiriert von der Heinrich von Kleists. Was war Ihr Interesse an diesem Stoff?

Hausner: Weniger die Doppelselbstmordgeschichte, als man glauben möchte. Das statt am Anfang der Arbeit: Doppelselbstmord aus Liebe. Das war der Aufhänger. Was mich daran interessiert hat, bis ich letztlich auch auf Heinrich von Kleists Biografie gestoßen bin, war, die Absurdität, die so einem Plan inne wohnt. Wieso wollen zwei Menschen miteinander sterben, wenn der Tod einen doch sicher von einander trennt? Das war ein Widerspruch in sich, der mich interessiert hat. Welchen seiner Wünsche projiziert man auf einen anderen? Und mit welchem Ausgang? Ich habe verschiedene Stoffe recherchiert, etwa „Norway today“, die waren mir alle zu wenig lustig, zu theatralisch, zu tragisch, und das liegt mir nicht. Ich bin da nicht weiter gekommen.

MM: Und bei Kleist …

Hausner: … hat mich dann interessiert, dass er auf der Suche nach einem Sterbepartner verschiedene Leute gefragt hat: zuerst seinen besten Freund, dann seine Cousine, die wollten beide nicht. Dann hat er endlich Henriette Vogel gefunden, die dachte, dass sie sterbenskrank ist, und sowieso sterben muss. Ich fand das in sich so unromantisch, so banal, dass es mich interessiert hat: Das romantische Bild einer Liebe wird hier in Frage gestellt.

MM: Es ist also Ihre Ironie, dass Sie den Film „romantische Komödie“ genannt haben.

Hausner: Ja. Es ist damit gemeint, dass der Film keine Tragödie ist. Deshalb ist die Sprache meiner Figuren auch sehr lakonisch. Sie sagen endgültige Sätze einfach so vor sich hin. Das untragische Sprechen von tragischen Inhalten ist berührender als umgekehrt. Und manchmal sogar komisch.

MM: Wie sehen Sie Heinrich? Ich finde ihn egoistisch, überspannt, von dieser damals en voguen Schwermut, einer der die Kant-Krise durchleidet … Christian Friedel spielt ihn fast zu sympathisch 😉

Hausner: Deshalb wurde er ja besetzt. (Sie lacht.) Er spielt die Szenen ganz untragisch, er bringt die richtige Leichtigkeit, den passenden Humor für den Film mit. Was den echten Kleist betrifft, habe ich keine Ansprüche, zu spekulieren, was in ihm vorgegangen ist. Die Figur in meinem Film ist auf eine Weise egoistisch, aber dieser Egoismus ist sehr allgemeinmenschlich, der ist nicht schlimmer als bei jedem anderen Menschen. Heinrich sucht jemanden, dem er wichtiger ist, als das eigene Leben. Das ist fast kindlich. Er meint’s nicht böse, er kann nur nicht aus seiner Haut, er möchte sein Bedürfnis verwirklichen: nicht alleine zu sterben. Henriette agiert kaum anders: Wenn sie denkt, dass sie sterben muss, sagt sie zu; wenn sie denkt, dass sie geheilt werden kann, macht sie einen Rückzieher.

MM: Henriette spielt Birte Schnöink …

Hausner: Birte übertreibt diese weibliche Schüchternheit, die im 19. Jahrhundert von Frauen gefragt war, nicht. Sie spielt sehr natürlich, so dass sie diese damals anerzogene Zurückhaltung gut darstellen kann.

MM: Als Henriette einmal in einer ihrer Stimmungsschwankungen ist, sagt sie zu Heinrich: „Es gibt kein anderes Leben als dieses hier“. Haben Sie dazu eine Privatmeinung?

Hausner: Man kann nicht wählen. Der Lebensweg, den man geht, ist eigentlich wenig veränderbar. Auch in unserer Zeit, in der Freiheit suggeriert wird, habe ich den Eindruck, dass man sehr wenig wirklich wählen kann. Viel mehr folgt man bestimmten Möglichkeiten, die sich einem bieten. Eine sehr beschränkte freie Wahl..

MM: Meine Lieblingsfigur ist die Mutter, die völlig realitätsbezogen in der Geschichte sitzt, und verbale Ohrfeigen verteilt.

Hausner: Ich fand die Mutter-Henriette-Henriettes-Tochter-Konstellation interessant. Wie da Lebensgrundsätze weitergegeben werden. Henriette ist eine Opferfigur, hat eine Passivität, die die Mutter nicht hat. Am Ende bleibt als Hoffnungsträger das Mädchen, das sich vielleicht vom Frauenbild ihrer Zeit emanzipieren wird.

 MM: Ist der Moment, wo unsere Existenzen an „Amour fou“ andocken, das ruhelose Streben nach dem idealen Glück?

Hausner: Ja, ich glaube schon. Jeder hat seine Sehnsucht im Kopf, manch einer geht daran kaputt. Was das Streben im Leben ist, kann man sich aber oft nicht aussuchen.

 MM: Die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht sind sehr ruhig, in sehr gesetzten Farben. Wie arbeiten sie in punkto Bildgestaltung und Optik zusammen?

Hausner: Wenn ich das Drehbuch geschrieben habe, zeichne ich ein Storyboard. Da zeige ich Bild für Bild, welche Einstellungen ich machen möchte. Das ist eine sehr langwierige Arbeit, definiert aber schon die Bildgestaltung. Diese Komposition kann auch dazu führen, dass ich Szenen aus dem Drehbuch wieder streiche, weil das Bild mehr erzählt als der Dialog. Wenn das Storyboard fertig ist, verabrede ich mich mit Martin Gschlacht und wir besprechen es. Dann reden wir über die Farbigkeit des Films. Er ist ja auch für die Lichtgestaltung verantwortlich. In diesem Fall wollte ich die Konvention der „Kerzenbeleuchtung“ der herkömmlichen Filme, die im 19. Jahrhundert spielen, vermeiden. Er hat dann eben vorgeschlagen, dass man Licht von oben setzt, wie einen Kerzenleuchter an der Decke. So ergab sich ein sehr sanftes Oberlicht, das dem Film, glaube ich, einen sehr ungewöhnlichen Look verleiht.

 MM: Sie waren zuletzt Ende August beim Filmfestival von Venedig Jurymitglied. Wie  war der Seitenwechsel? Wie ist das, einmal zu bewerten, wenn man weiß, wie es ist, selbst mit seiner Arbeit bewertet zu werden?

Hausner: Ich fand’s eine angenehme Abwechslung, mal auf der anderen Seite zu stehen. Und es war auch interessant, in einem so konzentrierten Zeitraum zwanzig Filme anzuschauen und darüber zu diskutieren. Es war sehr interessant, die Jurykollegen waren sehr interessant. Ich hab’s wirklich genossen. Es war ganz gut, wieder einmal darüber zu reflektieren, was man selber gut und schlecht findet, und wie Filme auf andere wirken. Ich persönlich mag ja Filme, die etwas Seltsames an sich haben, etwas Irritierendes. Ich interessiere mich für die unlösbaren Rätsel des Menschseins.

MM: Sie arbeiten an Ihren Projekten länger als andere Filmemacher. Was geht in diesem Prozess wie vor? Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Hausner: Ich sammle, trage Ideen mit mir herum, schreibe eine Seite darüber auf. Wenn ich in der Fertigstellung eines Films bin, hab’ ich meistens schon etwas Neues im Kopf. Dann drängt sich eine Idee in den Vordergrund, an der ich lange recherchiere, spreche im Fall von „Amour Fou“ mit Historikern, die mir über die Zeit an sich erzählt haben, Kleist-Forschern, Medizinhistorikern, wegen Henriettes Krankheit, lese Literatur von und über Kleist … schreibe dann noch einmal zwei Seiten Kurzinhalt – und wenn ich das habe, fange ich an, es auszuarbeiten. Das Ganze dauert so ein, zwei Jahre.

MM: Wenn Sie sagen „was Neues im Kopf“, darf ich nachfragen?

Hausner: Es gibt schon was, aber es ist noch nicht ganz spruchreif. Es könnte sein, dass es ein Mystery-Genre-Film wird. Ich bin noch nicht ganz sicher: Außerirdische oder Psychose. Es geht auf jeden Fall um ein seltsames Rätsel, das sich bedrohlich auf bestimmte Menschen auswirkt.

www.amourfoufilm.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y8F37hJIf70

www.viennale.at

Wien, 17. 10. 2014