Burgtheater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

September 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ehe-Exzess auf Scherbenhaufen

Noch verläuft die Party gesittet: Norman Hacker als George, Nora Buzalka als Honey, Bibiana Beglau als Martha und Johannes Zirner als Nick. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Als dritte Premiere seiner Amtszeit übersiedelte Martin Kušej seine 2014er-Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vom Münchner Resi ans Burgtheater. Wohl kaum ein Theatergeher, der’s nicht schon gesehen hat, dies Ehe-Gemetzel, für das ein älteres Paar ein jüngeres vorgeblich zum Absacker nach einer Party beim Collegerektor in sein Haus einlädt, tatsächlich um ein Publikum für sein scheußliches Schauspiel zu haben.

Und so verstricken Geschichtsdozent George und Rektorentochter Martha den neu am College engagierten Biologieprofessor Nick und dessen Bessere-Hälften-Hascherl Honey immer tiefer in ihre grausamen Rituale. Es wird einander verhöhnt und gedemütigt und es dem jeweils anderem mit gleicher Münze heimgezahlt. Das von Jessica Rockstroh dafür entworfene Schlachtfeld ist ein klinisch weißer Laufsteg, ein unterkühlt-stylischer Raum für die bald erhitzten Gemüter. Im symbolträchtigen Abgrund darunter lauert der sprichwörtliche Scherbenhaufen aus zerschmissenen Flaschen und Gläsern, der stetig wachsen wird, wenn in der nun folgenden alkoholtriefenden Atmosphäre Geheimnisse enthüllt und Glückslügen entlarvt werden.

Mit der giftgrünen Leuchtschrift „Fun and Games“, Albees Betitelung des ersten Akts, eröffnet Kušej den mutmaßlich berühmtesten Ehe-Exzess der Dramengeschichte, bezeichnen doch Martha und George ihre kriegerische Auseinandersetzung als „Spiele mit festen Regeln“. Am Burgtheater wissen Bibiana Beglau und Norman Hacker mit gezielten Verbalschlägen ins Schmerzzentrum des anderen zu treffen, bis es ihnen selbst wehtut. Ihnen zur Seite stehen Nora Buzalka als Honey und Johannes Zirner als Nick. Kušej nimmt sich des Seelenzerstückelungsstücks als – Zitat – „ganz große Liebesgeschichte“ an. Er lässt Beglaus Martha und Hackers George ihre tiefenpsychologische BDMS-Beziehung auf der Bühne mit einem Infight um Georges Hosenreißverschluss beginnen.

Das verbale In-die-Ecke-Treiben wird zum sexuellen Akt: Bibiana Beglau und Norman Hacker. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dank zu viel Alkohol wird daraus mit Sicherheit kein Nick-Fick: Johannes Zirner und Bibiana Beglau. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Das In-die-Ecke-Treiben wird somit vom Wortgefecht zum greifbar sexuellen Akt, doch wie bei Kušej Albees Protagonisten heftig aufeinanderprallen, so hart trennt er sie wieder – mittels Blackouts, als müsste per Stromausfall die Hochspannung abgemildert werden. Dass der derart in Tableaux geteilte Text nichts an seiner emotionalen Intensität, sie scheint Kušej wichtiger als der scharfanalytische Gesellschaftskritikblick, den man aus anderen Aufführungen kennt, verliert, ist dem grandiosen Darstellerquartett zu danken. Allen voran der prima inter pares dieses Abends, Bibiana Beglau, die ihre Martha zetern und keifen, wimmern und anklagen lässt. Mit großer Lust am Vulgären gestaltet sie diesen im Wortsinn Man-Eater, doch kann in Windeseile von tyrannischer Verführungskunst zu würgender Traurigkeit, von furioser Salonlöwin zu gehässiger Megäre wechseln.

Gleichzeitig verletzend und verletzlich wirbt sie um ihren Mann, dem Norman Hacker Kontur verleiht. Sein George ist alles andere als der übliche Schwächling, im Gegenteil mimt er den abgeklärten Intellektuellen, für den die akademische Laufbahn angeblich bedeutungslos ist, der aber in Wahrheit seine Wunden mit süffisantem Sarkasmus und einer schaumgebremsten Schadenfreude pflegt. So beklemmend erst Marthas und Georges Versuch, sich vor den Gästen heiter zu geben, ist, so furchterregend wird die Stimmung je mehr sich die Gewaltspirale in die Höhe schraubt. „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert der bis aufs Blut reizende George seine Martha, und gibt sich nach ihrem misslungenem Fick mit Nick vollkommen gleichgültig. Da mutiert Martha kurz zum nackten Elend, und die kleine Geste, mit der George der unbekleidet Hingestreckten schnell sein Sakko überwirft, sagt mehr über die beiden aus, als ihr fortwährendes Geplänkel. Sie rafft sich aber rasch wieder auf, um dem Koital-Versager den Rest zu geben.

Und während solcherart die Handgreiflichkeiten handfester werden, es George gelingt, der Runde Geständnisse zu entlocken, die er im Handumdrehen gehen sie einsetzt, versucht Johannes Zirner als erst herzenskalter, nun in Grund und Boden erniedrigter Ehrgeizling Nick zumindest seine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, indem er sich Honey gegenüber immer brutaler und unflätiger benimmt. Schon glaubt man, dass die Jungen jederzeit die Plätze der im eigenen Wahnwitz brodelnden Gastgeber einnehmen werden. Doch Nora Buzalkas Honey ist nicht bereit sich unterkriegen zu lassen, sie stattet die sonst meist unbedarft Naive stattdessen mit aufbegehrendem Stolz und trotziger Würde aus. Es ist dieser Charakter von dem es anzunehmen gilt, dass er diese durchsoffene Nacht am ehesten unbeschadet übersteht.

Smalltalk überm Scherbenhaufen: Norman Hacker, Bibiana Beglau, Nora Buzalka und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Bis dahin aber brechen die Krusten der Gutbürgerlichkeit auf, darunter fließt ein Lavastrom alles verzehrender Leidenschaften, und Martha begeht den Kardinalfehler, das einzige ihr von George verbotene Thema aufs Tapet zu bringen, den „verstorbenen Sohn“, die gemeinsame, vor der Außenwelt bis dahin beschützte Illusion des nachkommenlosen Paares – mit der Folge: totale Eskalation, inmitten der George Martha zwingt, sich von der Flucht in ihre Vater-Mutter-Kind-Fantasiewelt zu verabschieden. Nie traf Sartres Spruch „Die Hölle, das sind die anderen“ trefflicher zu, als auf Albees Viererbande.

In der Kušej-Produktion strecken Martha und George am Ende erschöpft die Waffen, bevor sie nach seiner Hand tastet und sie schließlich in die ihre nimmt. Man wünscht den beiden, dass sie’s vom von Kušej mit Verve befeuerten Ehe-Inferno jetzt endlich über den Läuterungsberg im Purgatorio schaffen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Jessica Hausner im Gespräch

Oktober 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Amour fou“ eröffnet die Viennale

Birte Schnöink, Christian Friedel Bild: © Stadtkino Filmverleih

Birte Schnöink, Christian Friedel
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Nach der Weltpremiere im Rahmen der Un certain Regard Sektion beim Filmfestival in Cannes und erfolgreicher Tournee durch die Festivals dieser Erde kommt Jessica Hausners (Hotel, Lourdes) neuester Film Amour Fou auch nach Österreich. Er ist am 23. Oktober Eröffnungsfilm der Viennale. Im Anschluss an die Viennale wird der Film am 7. November regulär in den Kinos starten. In den Hauptrollen sind Christian Friedel (Das weiße Band) und Birte Schnöink (eben ausgezeichnet mit dem Boy-Gobert-Preis für Nachwuchsschauspieler) zu sehen; für die exzellente Kameraarbeit zeichnet Martin Gschlacht (Lourdes, Im Keller) verantwortlich. Inhalt: Berlin zur Zeit der Romantik. Der Dichter Heinrich hat den Wunsch, durch die Liebe den unausweichlichen Tod zu überwinden: seine ihm nahe stehende Cousine Marie lässt sich aber partout nicht davon überzeugen, zu zweit dem übermächtigen Schicksal entgegenzutreten, und gemeinsam mit Heinrich den eigenen Tod zu bestimmen. Doch die junge Ehefrau eines Bekannten, Henriette – als sie erfährt, dass sie sterbenskrank sei – findet Gefallen an dem Angebot. Eine romantische Komödie, frei inspiriert durch den Suizid des Dichters Heinrich von Kleist 1811.

Jessica Hausner im Gespräch:

MM: “Amour Fou“ hatte Weltpremiere in der Reihe „Un certain Regard“ in Cannes, wurde auf neun Internationalen Filmfestivals von Toronto bis Melbourne gezeigt, ist Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale. Hätten Sie Ihrem Werk, diesem leisen Kammerspiel,  vorab diese Strahlkraft zugetraut?

Jessica Hausner: Warum nicht? Wenn der Film spannend ist. Ich gehe immer davon aus, dass, wenn ich etwas erzähle, es so mache, dass es jemanden interessiert. Also hoffe ich immer darauf, dass meine Filme erfolgreich sein werden und Leute das gut finden.

MM: Ihre Geschichte ist frei inspiriert von der Heinrich von Kleists. Was war Ihr Interesse an diesem Stoff?

Hausner: Weniger die Doppelselbstmordgeschichte, als man glauben möchte. Das statt am Anfang der Arbeit: Doppelselbstmord aus Liebe. Das war der Aufhänger. Was mich daran interessiert hat, bis ich letztlich auch auf Heinrich von Kleists Biografie gestoßen bin, war, die Absurdität, die so einem Plan inne wohnt. Wieso wollen zwei Menschen miteinander sterben, wenn der Tod einen doch sicher von einander trennt? Das war ein Widerspruch in sich, der mich interessiert hat. Welchen seiner Wünsche projiziert man auf einen anderen? Und mit welchem Ausgang? Ich habe verschiedene Stoffe recherchiert, etwa „Norway today“, die waren mir alle zu wenig lustig, zu theatralisch, zu tragisch, und das liegt mir nicht. Ich bin da nicht weiter gekommen.

MM: Und bei Kleist …

Hausner: … hat mich dann interessiert, dass er auf der Suche nach einem Sterbepartner verschiedene Leute gefragt hat: zuerst seinen besten Freund, dann seine Cousine, die wollten beide nicht. Dann hat er endlich Henriette Vogel gefunden, die dachte, dass sie sterbenskrank ist, und sowieso sterben muss. Ich fand das in sich so unromantisch, so banal, dass es mich interessiert hat: Das romantische Bild einer Liebe wird hier in Frage gestellt.

MM: Es ist also Ihre Ironie, dass Sie den Film „romantische Komödie“ genannt haben.

Hausner: Ja. Es ist damit gemeint, dass der Film keine Tragödie ist. Deshalb ist die Sprache meiner Figuren auch sehr lakonisch. Sie sagen endgültige Sätze einfach so vor sich hin. Das untragische Sprechen von tragischen Inhalten ist berührender als umgekehrt. Und manchmal sogar komisch.

MM: Wie sehen Sie Heinrich? Ich finde ihn egoistisch, überspannt, von dieser damals en voguen Schwermut, einer der die Kant-Krise durchleidet … Christian Friedel spielt ihn fast zu sympathisch 😉

Hausner: Deshalb wurde er ja besetzt. (Sie lacht.) Er spielt die Szenen ganz untragisch, er bringt die richtige Leichtigkeit, den passenden Humor für den Film mit. Was den echten Kleist betrifft, habe ich keine Ansprüche, zu spekulieren, was in ihm vorgegangen ist. Die Figur in meinem Film ist auf eine Weise egoistisch, aber dieser Egoismus ist sehr allgemeinmenschlich, der ist nicht schlimmer als bei jedem anderen Menschen. Heinrich sucht jemanden, dem er wichtiger ist, als das eigene Leben. Das ist fast kindlich. Er meint’s nicht böse, er kann nur nicht aus seiner Haut, er möchte sein Bedürfnis verwirklichen: nicht alleine zu sterben. Henriette agiert kaum anders: Wenn sie denkt, dass sie sterben muss, sagt sie zu; wenn sie denkt, dass sie geheilt werden kann, macht sie einen Rückzieher.

MM: Henriette spielt Birte Schnöink …

Hausner: Birte übertreibt diese weibliche Schüchternheit, die im 19. Jahrhundert von Frauen gefragt war, nicht. Sie spielt sehr natürlich, so dass sie diese damals anerzogene Zurückhaltung gut darstellen kann.

MM: Als Henriette einmal in einer ihrer Stimmungsschwankungen ist, sagt sie zu Heinrich: „Es gibt kein anderes Leben als dieses hier“. Haben Sie dazu eine Privatmeinung?

Hausner: Man kann nicht wählen. Der Lebensweg, den man geht, ist eigentlich wenig veränderbar. Auch in unserer Zeit, in der Freiheit suggeriert wird, habe ich den Eindruck, dass man sehr wenig wirklich wählen kann. Viel mehr folgt man bestimmten Möglichkeiten, die sich einem bieten. Eine sehr beschränkte freie Wahl..

MM: Meine Lieblingsfigur ist die Mutter, die völlig realitätsbezogen in der Geschichte sitzt, und verbale Ohrfeigen verteilt.

Hausner: Ich fand die Mutter-Henriette-Henriettes-Tochter-Konstellation interessant. Wie da Lebensgrundsätze weitergegeben werden. Henriette ist eine Opferfigur, hat eine Passivität, die die Mutter nicht hat. Am Ende bleibt als Hoffnungsträger das Mädchen, das sich vielleicht vom Frauenbild ihrer Zeit emanzipieren wird.

 MM: Ist der Moment, wo unsere Existenzen an „Amour fou“ andocken, das ruhelose Streben nach dem idealen Glück?

Hausner: Ja, ich glaube schon. Jeder hat seine Sehnsucht im Kopf, manch einer geht daran kaputt. Was das Streben im Leben ist, kann man sich aber oft nicht aussuchen.

 MM: Die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht sind sehr ruhig, in sehr gesetzten Farben. Wie arbeiten sie in punkto Bildgestaltung und Optik zusammen?

Hausner: Wenn ich das Drehbuch geschrieben habe, zeichne ich ein Storyboard. Da zeige ich Bild für Bild, welche Einstellungen ich machen möchte. Das ist eine sehr langwierige Arbeit, definiert aber schon die Bildgestaltung. Diese Komposition kann auch dazu führen, dass ich Szenen aus dem Drehbuch wieder streiche, weil das Bild mehr erzählt als der Dialog. Wenn das Storyboard fertig ist, verabrede ich mich mit Martin Gschlacht und wir besprechen es. Dann reden wir über die Farbigkeit des Films. Er ist ja auch für die Lichtgestaltung verantwortlich. In diesem Fall wollte ich die Konvention der „Kerzenbeleuchtung“ der herkömmlichen Filme, die im 19. Jahrhundert spielen, vermeiden. Er hat dann eben vorgeschlagen, dass man Licht von oben setzt, wie einen Kerzenleuchter an der Decke. So ergab sich ein sehr sanftes Oberlicht, das dem Film, glaube ich, einen sehr ungewöhnlichen Look verleiht.

 MM: Sie waren zuletzt Ende August beim Filmfestival von Venedig Jurymitglied. Wie  war der Seitenwechsel? Wie ist das, einmal zu bewerten, wenn man weiß, wie es ist, selbst mit seiner Arbeit bewertet zu werden?

Hausner: Ich fand’s eine angenehme Abwechslung, mal auf der anderen Seite zu stehen. Und es war auch interessant, in einem so konzentrierten Zeitraum zwanzig Filme anzuschauen und darüber zu diskutieren. Es war sehr interessant, die Jurykollegen waren sehr interessant. Ich hab’s wirklich genossen. Es war ganz gut, wieder einmal darüber zu reflektieren, was man selber gut und schlecht findet, und wie Filme auf andere wirken. Ich persönlich mag ja Filme, die etwas Seltsames an sich haben, etwas Irritierendes. Ich interessiere mich für die unlösbaren Rätsel des Menschseins.

MM: Sie arbeiten an Ihren Projekten länger als andere Filmemacher. Was geht in diesem Prozess wie vor? Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Hausner: Ich sammle, trage Ideen mit mir herum, schreibe eine Seite darüber auf. Wenn ich in der Fertigstellung eines Films bin, hab’ ich meistens schon etwas Neues im Kopf. Dann drängt sich eine Idee in den Vordergrund, an der ich lange recherchiere, spreche im Fall von „Amour Fou“ mit Historikern, die mir über die Zeit an sich erzählt haben, Kleist-Forschern, Medizinhistorikern, wegen Henriettes Krankheit, lese Literatur von und über Kleist … schreibe dann noch einmal zwei Seiten Kurzinhalt – und wenn ich das habe, fange ich an, es auszuarbeiten. Das Ganze dauert so ein, zwei Jahre.

MM: Wenn Sie sagen „was Neues im Kopf“, darf ich nachfragen?

Hausner: Es gibt schon was, aber es ist noch nicht ganz spruchreif. Es könnte sein, dass es ein Mystery-Genre-Film wird. Ich bin noch nicht ganz sicher: Außerirdische oder Psychose. Es geht auf jeden Fall um ein seltsames Rätsel, das sich bedrohlich auf bestimmte Menschen auswirkt.

www.amourfoufilm.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y8F37hJIf70

www.viennale.at

Wien, 17. 10. 2014

Ulrich Seidl und Veronika Franz bei den …

August 25, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

71. Filmfestspielen in Venedig

Im Keller Bild: © Ulrich Seidl

Im Keller
Bild: © Ulrich Seidl

Wenn ab Mittwoch große Stars von Al Pacino bis Catherine Deneuve der Lagunenstadt Glanz verleihen und sich einige der Wettbewerbsfilme brisanten Themen widmen, sind es die österreichischen Beiträge, die Düsteres beisteuern: So führt Ulrich Seidl in Österreichs Keller, seine Lebensgefährtin Veronika Franz gemeinsam mit Severin Fiala in die Identitätskrise und Constantin Wulff in Seidls Welt. „Im Keller“, Seidls Rückkehr zum Dokumentarfilm nach seiner festivalreisenden „Paradies“-Trilogie, skizziert die eigentümliche Beziehung der Österreicher zu ihren Kellern und wird in der offiziellen Auswahl der Filmfestspiele, jedoch außerhalb des Wettbewerbs, präsentiert. Es ist ein Wiedersehen nach 13 Jahren, hat Seidl mit „Hundstage“ hier doch 2001 den Großen Preis der Jury erhalten. Hinter die Kulissen der „Im Keller“-Dreharbeiten sowie der Proben zu Seidls Festwochen-Stück „Böse Buben“ www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-3/lässt Constantin Wulffs Porträt blicken, das unter dem Titel „Ulrich Seidl – A Director At Work“ am Rande des Festivals auf dem Filmmarkt präsentiert wird.

Von Seidls Produktionsfirma produziert ist der Horrorfilm „Ich seh Ich seh“, das auch schon zum Filmfestival Toronto www.tiff.net eingeladene Spielfilmdebüt von Veronika Franz und Severin Fiala über Zwillingsbuben, die ihre Mutter nach deren Rückkehr von einer Operation unter deren Bandagen nicht wieder zu erkennen meinen. „Ich habe in meiner Arbeit mit Ulrich Seidl immer das Gefühl gehabt, dass seine Filme auch Horrorfilme wären, wenn man sie in erzählerischer Hinsicht oder in der Konstruktion noch ein bisschen übersteigern würde“, so Franz gegenüber der Austrian Film Commission. „Die Frage, ob es möglich ist, naturalistische Inszenierung mit Genre zu kombinieren, hat uns sehr interessiert.“ Das Resultat hat als einer von 17 Wettbewerbsfilmen in der Orizzonti-Schiene seine Weltpremiere.

Am 27. August startet das älteste Filmfestival der Welt aber erst einmal mit einem deutlich leichteren Werk: Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu fokussiert in „Birdman (Or the Unexpected Virtue of Ignorance)“, seiner ersten Komödie, auf Befindlichkeiten und Intrigen im Schauspieler-Milieu – äußerst prominent besetzt mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone und Naomi Watts. Auch in den folgenden Festivaltagen dürfte es voll werden auf dem roten Teppich: Für die Gala-Premieren an den Abenden werden zahlreiche weitere Stars erwartet, darunter Jennifer Aniston, Bill Murray, James Franco, Ben Kingsley, Ethan Hawke und die französische Grande Dame Catherine Deneuve mit ihrer Tochter Chiara Mastroianni. Ähnlich facettenreich wirkt das Programm des Wettbewerbs mit insgesamt 20 Filmen in der Konkurrenz. „A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence“ des Schweden Roy Andersson nimmt  die Erzählperspektive eines Vogels ein, der russische Beitrag „The Postman‘s White Nights“ beleuchtet mit Laiendarstellern das einsame Leben auf dem Land und Willem Dafoe verkörpert in Abel Ferraras Biopic „Pasolini“ den italienischen Ausnahmeregisseur Pier Paolo Pasolini kurz vor dessen mysteriösem Tod. Auffällig sind bei dem neben Cannes und Berlin wichtigsten Filmfest aber auch die vielen Beiträge mit politischen und gesellschaftskritischen Themen. So spielt das Drama „Loin des hommes“ mit Viggo Mortensen zur Zeit des Algerienkrieges, Ethan Hawke gibt in „Good Kill“ einen an seinem Job zweifelnden Dronen-Experten, „The Cut“ des in Hamburg lebenden Regisseurs Fatih Akin widmet sich der Verfolgung und Vertreibung von Hunderttausenden Armeniern und der US-Regisseur Ramin Bahrani beobachtet in „99 Homes“ eine Familie, die ihr Haus wegen Immobilien-Spekulationen verliert.

Festivals seien heutzutage einige der wenigen Orte, in denen nicht der Profit der Filme im Vordergrund stehe, erklärte Festivalleiter Alberto Barbera im Vorfeld. Filmfeste seien nicht nur eine Momentaufnahme der Gegenwart, sondern hätten die Kapazität, Dinge in einem anderen Licht zu sehen, das wahrzunehmen, was manchmal unsichtbar oder unklar bleibt. Wer unter den vielen Filmschaffenden  preiswürdig ist, entscheidet sich am 6. September. Dann steht auch ohne österreichischen Wettbewerbsfilm eine heimische Regisseurin auf der Bühne: Jessica Hausner („Amour Fou“) ist in der internationalen Jury, die die Goldenen Löwen vergibt.

www.labiennale.org

Wien, 25. 8. 2014

Cannes 2014: Jessica Hausner zeigt …

Mai 14, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Amour Fou“ in der Reihe „Un certain regard“

Bild: coop99.at

Bild: coop99.at

Am 16. Mai wird’s wieder einmal spannend für die Filmnation Österreich. Da wird Jessica Hausner ihr jüngstes Werk „Amour Fou“ bei den Fillmfestspielen in Cannes in der Reihe „Un certain regard“ vorstellen. Der wunderbare Kameramann Martin Gschlacht hat die Bilder für die Leinwand gemalt. Inhalt: Berlin, zur Zeit der Romantik. Der Dichter Heinrich hat den Wunsch, durch die Liebe den unausweichlichen Tod zu überwinden: seine ihm nahe stehende Cousine Marie lässt sich aber partout nicht davon überzeugen, zu zweit dem übermächtigen Schicksal entgegenzutreten, und gemeinsam mit Heinrich den eigenen Tod zu bestimmen. Doch die junge Ehefrau eines Bekannten, Henriette – als sie erfährt, dass sie sterbenskrank sei – findet Gefallen an dem Angebot. Eine „romantische Komödie“ frei inspiriert durch den Suizid des Dichters Heinrich von Kleist, 1811. Gespielt von Christian Friedel, Birte Schnöink , Stephan Grossmann, Peter Jordan, Sebastian Hülk, Marc Bischoff, Marie-Paule von Roesgen, Josiane Peiffer und Nickel Bösenberg.

Die Wiener Regisseurin ist bereits zum dritten Mal in Cannes vertreten, dieser Tage mit dem einzigen österreichischen Beitrag an der Croisette: das historische Kammerspiel um den Doppelselbstmord des deutschen Dichters und seiner Geliebten. Nach „Lourdes“, in dem sie vom Glauben an Wunder an der gleichnamigen Wallfahrtsstätte erzählte, wieder ein besonderes Thema.

Interview mit Jessica Hausner:

Die Bedeutung des Wortes Liebe ändert sich durch die Jahrhunderte im gesellschaftlichen Kontext. Warum haben Sie sich für das 19. Jahrhundert entschieden?
Jessica Hausner: Meine ursprüngliche Idee war es, einen Film über einen Doppelselbstmord zu machen, ich studierte eine Menge Material und stolperte sozusagen über Heinrich von Kleist and Henriette Vogel. Was mich eingenommen hat, war der Glaube des frühen 19. Jahrhunderts an die romantische Liebe, der Glaube, dass Liebe absolut und für immer ist. Ich denke oft, den tragen wir noch immer in uns: Liebe ist stärker als der Tod. Unglücklicherweise ist es nicht so und nicht so einfach – wie „Amour Fou“ zeigt.

Der Titel „Amour Fou“ gibt vor, dass die handelnden Personen nicht mehr mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen denken …
Hausner: Der Titel ist ein wenig ironisch gemeint, aber es stimmt schon: Liebe ist verrückt. Die beiden Protagonisten im Film werden von Passion getrieben. Bestimmte Lebensumstände machen sie denken, sie seien für einander und für ein gemeinsames Ende bestimmt. Diese Allianz bekommt eine Spiritualität, die völlig irrational ist.

„Bis dass der Tod uns scheidet“ sagt man bei der Eheschließung. Kleist will mehr. Ist das selbstsüchtig von ihm?
Hausner: Was mich bei der Beschäftigung mit dem Stoff fasziniert hat ist, was Leute sagen und was sie denken. Am Beginn sprechen sprechen Henriette and Kleist über die „Marquise of O“. Henriette sagt, sie fühle sich von der Figur gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Sie sagt: „Du sagst eine Sache und fühlst eine andere zur gleichen Zeit“. Das ist, denke ich, die Prämisse des Films. 

Warum gehen Liebende gemeinsam in den Tod?
Hausner: Keine Ahnung. Ich habe keine Romeo-und-Julia-Variation gesucht, wo zwei Menschen dem Druck ihrer Familien nicht mehr standhalten. Kleist und Vogel hätten gut zusammen leben können. Heinrich aber suchte jemanden, dem er mehr bedeutet als derjenige sich selbst. Das ist verrückt, aber nicht ungewöhnlich. Es ist eine kindliche Idee, vom Partner – wie von den Eltern – ohne Einschränkungen geliebt zu werden, so wie du bist, als wichtigstes Wesen der Welt. Ich denke, diesen Wunsch hegen viele Menschen – und Kleist hat ihn bis zur Neige ausgelebt.

Mögen Sie Kleists literarisches Werk?
 Hausner: Er ist absolut faszinierend. Vor allem die Marquise of O.“ Welch eine Story! Ich bin völlig der Meinung von Henriettes Mutter, die im Film sagt: „Welch eine absurde Idee, von einem Mann gegen ihren Willen schwanger zu werden – und ihn am Ende zu  lieben.“ Das ist reine Männerfantasie.  Was mich am meisten erstaunt, ist sein „Michael Kohlhaas“. Dieses Werk hat meine eigene Arbeit oft beeinflusst. Menschen sind nur das Spielzeug des Schicksals, das sehr absurd und grausam sein kann. Das ist großartig in Kleists Arbeiten.

Außer Christian Friedel, den man vom „Weißen Band“ kennt, besteht der Cast aus neuen Namen für das österreichische Kino. Wie haben Sie Ihre Darsteller gefunden?
Hausner: Es war eine lange Suche. Christian Friedel hat mich sehr beeindruckt, weil der den Text mit sehr viel Selbstironie sprach. Er hat Kleists Selbstzentriertheit eine neue Qualität gegeben. Birte Schnöink interessierte mich, weil ihr Charakter auf der einen Seite unschuldig und naiv zu sein scheint, sie aber alles andere als dumm ist. Sie musste die Qualitäten Passivität, Sanftheit, den Wunsch, geleitet zu werden, in sich vereinen – und auf einer anderen Seite „unerreichbar“ für Kleist sein. Ich glaube, Henriette ist sich bis zum Schluss nicht sicher und würde die Sache am liebsten absagen. Es liegt in ihrer Natur, dass sie es nicht kann. Sie findet einfach nicht den richtigen Zeitpunkt Stopp zu sagen. Wäre ihr Ehemann mit ihr nach Paris gefahren, wäre nichts passiert, aber er hat sie ja gehen lassen …

www.amourfoufilm.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=dPmdb1MuS2Q

www.festival-cannes.com/en.html

Wien, 14. 5. 2014

Anthony Hopkins ist „Hitchcock“

März 25, 2013 in Film

Nie wieder Duschen hinterm Vorhang

Alfred Hitchcock, das Original Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Alfred Hitchcock, das Original
Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Zum Sir ernannt wurde Filmgroßmeister Alfred Hitchcock ja von der dunkelhaarigen Queen. Seine vielen Filmblondinen wussten zu berichten, dass der Master of Suspense – ganz unsirig – auch im Fummeln Meister war. Nun ja, Genies dürfen so ihre Eigenheiten haben. Und Alfred Hitchcock ging schließlich nicht als Erfinder der Besetzungcouch, sondern des gut gemachten Thrillers in die Ewigkeit ein. Dafür sorgte er allein schon durch Cameo-Auftritte in seinen Werken. Unvergesslich im Profil.

Sacha Gervasi, bis dato Dokufilmer, holt den „Psycho“-Paten für sein Spielfilmdebüt auf die Leinwand zurück. Wie leinwand das ist, darüber scheiden sich die von Gervasi gerufenen Kritiker-Geister. Die er nun nicht mehr los wird … Der Inhalt seines Biopics orientiert sich aus weiter Ferne am exzellent recherchierten Buch „Alfred Hitchcock and the Making of Psycho“ von Stephen Rebello. Nur macht Gervasi aus der Sachlektüre eine unterhaltsame Ehekomödie. Auch eine Möglichkeit. Hitch ist besessen von einem Schundschocker. Die Rechte dafür hat er schon erworben. Für 9000 Dollar kaufte er (über einen unbekannten Agenten) Autor Robert Bloch 1959 seinen Roman „Psycho“ ab. Der Schriftsteller  ließ sich von dem realen Fall des Frauenmörders Ed Gein inspirieren, der zwei Jahre zuvor unweit von Blochs damaligem Wohnort in Wisconsin gefasst worden war. Die Studios – dies eine Parallele zu Gervasis Unterfangen – fassen das Skript nicht einmal mit der Feuerzange an: eine Muttermumie, ein Messermord, viel nackte Haut – und das zu Zeiten, wo das Zeigen einer Kloschüssel schon verpönt war. No way. Erst als Anthony Perkins als Norman Bates – beziehungsweise Anthony Hopkins als Hitchcock – verpflichtet werden kann, gibt es ein Go.

Doch der Duschvorhang und was hinter ihm geschah, dient im Film nur vordergründig als Handlung. Tatsächlich geht es Gervasi um das Eheverhältnis zwischen Hitchcock und seiner Frau, der Cutterin und Drehbuchautorin Alma Reville. Motto: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Bei Anthony Hopkins sind es gleich mehrere. Der Oscarpreisträger spielt zwar fanastisch alle Schrullen, Obsessionen und den makaberen Humor seiner Figur wie einen Joker nach dem anderen aus, hat Diktion und Körpersprache der Originals – wie man es von ihm gewohnt ist – verinnerlicht, wirkt aber durch die missglückte Arbeit der Makeup-„Künstler“ optisch wie Madame Tussauds entsprungen. Die Damen sind nicht nur schauspielerisch brillant, sondern auch schön getroffen: Helen Mirren, ebenfalls bereits oscarbepreist, als Alma ist die wahre Heldin des Films: des legendären Zampanos stets unbedankte Ideenlieferantin, die durch Schnitt und Musikauswahl viel zur Spannung der Filme beitrug. Scarlett Johansson (als Duschszenen-Opfer Marion/Janet Leigh) und Jessica Biel (als ihre Schwester Lila/Vera Miles) sind großartig als Hitchcock’sche Klischee-Blondies. Toni Colette in Brünett mimt die patente, gestrenge Produktionsassistentin Peggy Robertson.

Was den Film für Menschen mit Humor noch sehenswert macht: Gervasi persifliert „Psycho“-Szenen, indem er sie von Hitch/Hopkins vorführen lässt. So beobachtet der Regisseur seine Darstellerinnen ebenso durch ein Loch in der Wand, wie Norman Bates seine Opfer. Diesen, also Anthony Perkins, spielt James D’Arcy. Und es ist nur eine der Anekdoten, die Gervasi in seinem Film aufkocht, dass sich der Filmemacher ihm mit folgendem Satz vorgestellt haben soll: „You may call me Hitch. Hold the Cock“. Das kann man mögen. Oder nicht. Wir mögen’s.

Hitchcock, USA 2012. Regie: Sacha Gervasi; mit Anthony Hopkins, Helen Mirren, Toni Collette, Danny Huston, Scarlett Johansson, Jessica Biel, Michael Stuhlbarg.

www.hitchcock-derfilm.de

www.hitchcockthemovie.com

Trailer auf Deutsch: http://www.youtube.com/watch?v=I-JJOcg1KgI

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 3. 2013