Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

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  1. 1. 2018

Schauspielhaus Wien: Blei

April 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spurensuche in kollektiven Gedächtnislücken

Zwiegespräch mit einem Zeitzeugen: Sebastian Schindegger und auf der Leinwand Zvonimir Springer. Bild: Matthias Heschl

Es ist die Geschichte, die ihr Großvater, der begnadete Geschichtenerzähler, nie erzählte: „Blei“. Benannt nach Bleiburg, nach Beilegung des unsinnigen Ortstafelstreits: auch slowenisch Pliberk, und nach dem Blei, das dort noch im Boden liegt. Munition und Waffen in einem Acker, der stummer Zeuge eines Kriegsmassakers ist. Geschehen im Mai 1945. Gräuel, die bis in die Jugoslawienkriege der 1990-Jahre, bis zu heutig-umstrittenen Gedenkfeiern nachwirken.

Und wie so oft bei derlei Schreckenstaten sind die Grenzziehungen Täter-Opfer, Gut-Böse, Überforderung-Mutwilligkeit nicht einfach zu ziehen. „Blei“ heißt die jüngste Produktion am Schauspielhaus Wien. Die junge Autorin Ivna Žic hat sich gemeinsam mit Hausherr Tomas Schweigen und seinem künstlerischen Team auf Spurensuche in ihrer Familiengeschichte begeben und ist dabei auf kollektive Gedächtnislücken gestoßen. Die Ergebnisse der Theaterrecherche, ein erster Work-in-Progress-Zwischenstand, sind teils auf Leinwand und live-synchronisiert zu sehen, teils als Dokudrama, für das Vera von Gunten, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Jacob Suske in verschiedene Positionen schlüpfen. Von der eigenen in die der Autorin (von Gunten zunehmend verzweifelnd in den Laptop hackend) und deren Großvater (Schindegger kettenrauchend in einer aufgebauten Wohnküche). Oder in die von Gottfried Glawar (Suske), der in Bleiburg ein Fundstückemuseum betreibt. Oder von Zvonimir Springer, einem der letzten noch lebenden Überlebenden …

Die Geschichte beginnt 1941. Hitler gibt Befehl zum Einmarsch in Jugoslawien, und Kroatien gründet sich als faschistischer Nazi-Puppenstaat neu. Die Geschäfte liegen in der Hand der Ustascha und deren „Führer“ Ante Pavelić, der nach seinem großen Vorbild den Genozid an Serben, Juden, Roma vorsieht. Schnitt. 8. Mai 1945. Die Partisanentruppen unter Tito, nunmehr bereits die „Jugoslawische Volksbefreiungsarmee“, dringen bis Zagreb vor. Das dortige Militär entscheidet sich für die Kapitulation, will sich jedoch den bereits hinter der slowenisch-österreichischen Grenze in Stellung gegangenen Briten ergeben.

Je nach Quelle 150.000 bis 300.000 Menschen sollen sich auf den Weg gemacht haben. Darunter viele Zivilisten, wie die Geschirr- und Kinderspielzeugfunde belegen. Doch die Soldaten immer noch schwer bewaffnet – und Hitlerverbündete. Weshalb ein ob der Massen in die Enge getriebener und mangels funktionierendem Feldtelefon von seinem Stab abgeschnittener Brigadier Scott – natürlich eine Rolle für Jesse Inman – die Schutzsuchenden „zwangsrepatriierte“. Was nun folgte, wird je nach Blickwinkel anders politisch instrumentalisiert, als Kreuzzug überschrieben oder als Todesmarsch vereinnahmt. Noch in Kärnten, außerhalb der Sichtweite der Briten, kam es zu ersten Hinrichtungen. Die Zahl der ums Leben Gekommenen – unklar, Teile ihres Hab und Guts – im Bleiburger Acker, mit dabei – Großvater Žic, bis zuletzt schweigsam …

In Großvaters Wohnküche. Bild: Matthias Heschl

Live-Kamera auf die Landkarte: Statt Soldaten begeben sich sinnbildlich Schachfiguren in Grenzsituationen. Bild: Matthias Heschl

Wollte er sich über seine Vergangenheit bedeckt halten oder war die Erinnerung zu schmerzhaft? Diese und andere Antworten gibt „Blei“ nicht, der Abend ist eher dazu angetan, weitere, neue Fragen aufzuwerfen – in langen Einstellungen sieht man die müden, durchgefrorenen Schauspielergesichter und wie sie sie denken -, und das ist ob der unterschiedlichen Lesarten der historisch eruierten Fakten gut so. Die Übersetzung des Dokumentarischen von der Leinwand ins Künstliche, ins Künstlerische der Bühne scheint der einzig mögliche Schachzug, einer für Nachgeborene schwierigen Einordnung der dort vorgestellten Erinnerungen beizukommen. Bleiburg bleibt ein Feld des Unsagbaren.

Am Ende, in einem starken, (nach so viel Realismus-Bemühen) poetischem Schlussbild, kapituliert auch das Schauspielhaus-Ensemble. Vor dem Nichtwissen, vor dem sowieso Nicht-Verstehen-Können. Es mehren sich die Zweifel am selbst gesuchten Projekt, an den eigenen Erkenntnismöglichkeiten, an der Chance generell, Geschichte fassen zu können. Aus x-en Erdsäcken wird auf der Spielfläche der Bleiburger Acker aufgeschüttet, man suhlt sich in einer dreckigen Vergangenheit, besudelt sich mit ihr. Ivna Žic, auf der Leinwand selbst präsent, will ihre Arbeit als Beginn eines Dialogs über eine (für sie anzunehmen schmerzhafte) Familienvergangenheit verstanden wissen. Als ein nie geführtes Gespräch mit dem Großvater. Nur so, über diesen persönlichen Zugang, ist die historische Dimension des Gezeigten im Schauspielhaus wohl zu deuten.

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Wien, 22. 4. 2017

Schauspielhaus Wien: Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!

Februar 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken

Die Handhabung der Gurke entscheidet darüber, wer Herr und wer Sklave wird: Gabriel Zschache, Kenneth Homstad und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

In Skandinavien längst ein Star, stellte sich die norwegische Theatermacherin Lisa Lie nun im deutschsprachigen Raum erstmals mit einer Arbeit vor. Am Schauspielhaus Wien hob sie „Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!“ auf die Bühne, ein Abend, wie immer im Kollektiv entwickelt, eine freie Assoziation, eine Improvisation zum Mythos des Nürnberger Kellerkinds.

Das die Regisseurin, wie sie auch im Programmheft-Interview sagt, gar nicht so sehr interessierte. Vielmehr geht es ihr um das gesellschaftliche und politische Rundherum, in größerem Kontext um jene Ausgestoßenen, die ebendieses bleiben müssen, weil die Aufnahme der „wilden Kinder“ ins Gemeinwesen dessen Gleichgewicht stören würde. Peter Handkes Hauser-Text diente als erste Grundlage, doch weil ihr untersagt wurde, Fremdstellen einzufügen, ging Lie bald eigene Wege.

Die vom gesprochenen Wort weg ins Gestische, ins Mimische, ins Getanzte führen. Lie weiß das weite Brachland zwischen Schauspiel und Tanz mit ihrer Performance zu füllen, ihre Mittel dazu sind Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken. Und auch, wenn sich einem auf den ersten Blick einiges an dieser provokant enigmatischen Aufführung nicht erschließt, was nebenbei sehr passend ist, wird Kaspar Hauser doch in seiner Grabinschrift als „Rätsel seiner Zeit“ bezeichnet, sind die Bilder bestechend und das Ensemble erstklassig.

Der norwegische Schauspieler Kenneth Homstad fügt sich in eine Versuchsanordnung mit Jesse Inman und Gabriel Zschache, er auch Regieassistent am Haus, weil Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen auf den Mehrwert seiner Mitarbeiter setzt, und Vassilissa Reznikoff. Ihr gehört der Auftakt, ein Monolog von Kaspars mutmaßlicher Mutter, der badischen Prinzessin Stéphanie de Beauharnais. Reznikoff gibt die Blaublütige als eifersüchtig Liebende, als besorgt Trauernde. Sie zitiert aus den Briefen, die beim Findling gefunden wurden: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“, und dafür steigt sie auf die höchste Stelle jenes Objekts, das Maja Nilsens Bühnenbild darstellt.

Ein Kletterbaum im Menschenzoo. Den alsbald eine Horde Urmenschen erklimmt, in Fell gekleidet mit Pavianarsch, einer von ihnen betraut mit der Sisyphos-Aufgabe, ein gutes Dutzend Gurken zu den anderen zu bringt. Das Kürbisgewachs wird zum geistigen Grundnahrungsmittel; nur wer es aus der Plastikfolie zu befreien weiß, wird zum Herrenmensch, wer versagt bleibt Sklave. Nachahmung, sieht man, ist hier ein sicherer Erfolgsgarant.

Wer sich im Rokoko-Kleid zivilisiert gibt, entscheidet, wer in den Keller muss: Kenneth Homstad, Jesse Inman und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Am Ende Ausdruckstanz in hautfarbener Unterwäsche: Gabriel Zschache, Jesse Inman, Kenneth Homstad, Vassilissa Reznikoff und die nackte Existenz. Bild: © Matthias Heschl

Man kultiviert sich, nennt sich George und Gladys und feiert eine Teeparty mit aus Knetmasse geformten Tassen, übt im Rokoko-Kostüm Unterdrückung aus, tanzt den Weltuntergang mit Totenkopfmaske und in hautfarbener Unterwäsche. Wer bei der Selbstzivilisierung nicht mithalten kann, ist gefickt, heißt: Opfer jeglicher Art von Gewalt – auch sexueller. Dies wird in einigen Szenen durchaus explizit dargestellt, aus der Menschwerdungsorgie wird Gesellschafts/Bildung wird die Geburt der Kunst.

Diese eine schwere, schmerzhafte. Eine Gegenüberstellung der Sprachohnmacht gegen die Allmacht alles Körperlichen, die Schauspieler dazu im Intensivspielmodus. Eine Balletteinlage dient als Ausrede einander blutig schlagen zu dürfen. Dass Kunst „etwas ist, das absolut nichts darstellt, sondern etwas ist, über das man nachdenken kann“, heißt es dazu im knappen Text. Und: „Es geht nicht darum, die Zähne zusammenzubeißen, es geht darum, den Mund aufzumachen.“ Nach nicht ganz zwei Stunden entlässt einen Lisa Lie mit diesen Erkenntnissen (?) in die Nacht. Die Menschlichkeit sitzt im Keller, die Aufklärung ist nur ein Saunafetzerl über der Scham, es in 200.000 Jahren Existenz nicht in höhere Stockwerke geschafft zu haben.

Kaspar Hauser kam am 14. Dezember 1833 mit einer tödlichen Stichwunde im Haus seines Lehrers Georg Friedrich Daumer an. Wurde er Opfer eines Attentats oder verletzte er sich wegen abnehmenden öffentlichen Interesses an seiner Person selbst? Zu dieser Arbeit lässt sich abschließend jedenfalls sagen, dass Erkenntnis offenbar doch nicht immer was mit Auskennen zu tun haben muss. Lisa Lies „Kaspar Hauser“ feiert den Sieg des Unkonventionellen über die Konvention und die Konformität. Was das betrifft, ist das Schauspielhaus Wien ohnedies the place to be.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zkJCIbXvb5M

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Wien, 2. 2.2017

Schauspielhaus Wien: Strotter

Mai 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spaziergang durch die Science Fiction

Bild: ©Susanne Einzenberger

Sinistre Gestalten strottern nächtens einmal um den Schauspielhaus-Block. Bild: ©Susanne Einzenberger

Das Bemerkenswerte ereignet sich an der Kreuzung Wasagasse/Berggasse. Da nimmt die Untergrundbewegung erstmals direkten Kontakt mit dem Grüppchen Fußgänger auf, will es auf seinen, auf den richtigen Weg locken – und erstaunlich, wie viele Menschen in diesem Spiel mit Illusionen trotzdem den Computeransagen aus dem Kopfhörer gehorchen und falsch abbiegen. Dabei steht auf den kleinen Straßenkarten, die einem eben zugesteckt wurden, doch ausdrücklich: Nicht auf die Stimme hören! So obrigkeitsgehorsam, also? Ein Mitläufer des Systems? Von der wiedergängerischen „Vernunft“ gleichgeschaltet? Diese Erfahrung bleibt allerdings der einzige Prüfstand, auf den man in dieser Produktion gestellt wird.

Das Schauspielhaus Wien begibt sich, der Tradition von Andreas Beck folgend, mit seinem Theater hinaus auf die Straße. „Strotter“ heißt der 75-minütige postapokalyptische Spaziergang durch die Science Fiction, zu dem Autor Thomas Köck und Intendant und Regisseur Tomas Schweigen laden. Inhalt ist, wie bei 99,9 Prozent aller Dystopien, die Menschheit hat sich und den Planeten fertig gemacht, ein totalitäres Regime die Macht übernommen, aber ein paar letzte Eigenständler leisten Widerstand. Köck, der vielgehypte Freidenker, hat vorweg als erste das Publikum von der Diktatur des Dramatikers errettet. Heißt: Er reißt etliches an, formuliert wenig aus, mag sein, er findet das waahnsinnig enigmatisch, mag sein, es ist ihm mehr nicht eingefallen, vielleicht hatte er auch einfach nicht so viel Zeit. Aber das hier ist ja Mitgrübel-Theater für Erwachsene und, ein Glück, aufs eigene Hirnkastl immerhin Verlass.

Und während Ray Bradbury und Philip K. Dick mit den Wachowski-Geschwistern Ringelreihen tanzen, geht’s vorbei an Wirtshaus und Tagesspa, um die zu begaffen, die sich verzweifelt in Resten von Zivilisation suhlen, auf den Gesichtern der Bridgeclub-Damen ist deutlich „Schon wieder die üblichen Irren!“ zu lesen, während man von THX 1138  angeleitet durch die Scheibe starrt; man bekommt im Hinterhof des Sigmund-Freud-Museums bedeutungsschwer Bier aus einem Müllcontainer serviert und … Was? Handlung? Ah ja, so etwas gibt’s in Ansätzen auch. Nur, dass THX 1138 hier nicht Robert Duvall, sondern Sophia Löffler ist, die streng genommen Omm zu sein hätte, aber … Was? Wie verwirrt? Na, man weiß ja, wie’s am Ende war. George Lucas ging mitten in der schönsten Verfolgungsjagd das Budget aus, weshalb der Flüchtige … und aus. Wie sich die Schicksale der Kreativköpfe vom Alsergrund bis zum Marin County doch offenbar gleichen.

Jesse Inman ist als Max so ein Flüchtling, entweder er aus der Zukunft oder das Publikum aus der Vergangenheit, das werden wir nicht verstanden haben müssen, jedenfalls er durch ganz Europa, und nun sucht er im Café Berg seine Freundin Anna alias Vassilissa Reznikoff, die Teil einer kommenden oder gewesenen Résistance ist, rage against the machine, von denen zwei die Zuschauer immer wieder umhüpfen, um die message an den Mann zu bringen. Weil, wo Schauspielhaus drauf steht, auch Schauspielhaus drin zu sein hat. Sebastian Schindegger und Steffen Link schildern sich hin und weg über die Manipulation der Massen, die Klimakatastrophe, ideologische Lügen inklusive der des Kapitalismus, und den Tod des Humanismus, weil Menschsein als Modell passé ist. Eine sich abmühende Endzeitdemo mit „Wacht auf!“-Transparenten, in einem Kellerloch dann Zeitungsausschnitte über Baschar al-Assad und E. T. und die Angst diverser Space Monkeys, über Mülldeponien und tödliche Mikroben und H. C. als letzten gewesenen Bundeskanzler.

„Wenn der Mensch aus der Geschichte lernt, dann dass alles immer schlimmer wird und die Ausreden schlechter“, heißt es. Nur bedeutet das nicht, dass die Komplettliste aller Anklagepunkte die Argumente präziser und schärfer werden lässt. Köck knallt einem ein Was-auf-diesem-Planeten-alles-schief-läuft-Quodlibet vor den Latz, huch, als ob man’s nicht gewusst hätte, und eigentlich ist die Analyse des Tatbestandes hier expliziter als seine Bestandsaufnahme. Stop trying to hit me and hit me. Und apropos, Matrix und so weiter, das Ganze endet in einer grindigen Fleischhauerei inmitten von virtuellem Fliegengesumm, weil im Keller ein paar Cryo-Untote gelagert sind, denen THX 1138 eine schöne, nein: nicht neue, sondern eben alte 2010er-Welt vorgaukelt. Denn damals wäre Veränderung noch möglich gewesen, aber wir haben’s ja vergeigt und werden daher nun auf unsere Zukunft vorbereitet.

Sebastian Schindegger und Steffen Link. Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger und Steffen Link: Wer einen Cryo-Schlafplatz kauft, … Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

… endet in einer grindigen Fleischhauerei: Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

Draußen, also im Kopfhörer, Geschrei und Sirenen, „Des solltma verfilmen“, flüstert ein Wanderkamerad ins nebelige Halbdunkel, und somit kein Wunder, dass während rundum übers Theater-Desinteresse eines jüngeren Publikums gejammert wird, das Schauspielhaus sich diesbezüglich kaum beschweren kann – siehe auch „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916).

Wie’s ausgeht? Ehrlich jetzt? Das liegt bei progressiven Theatermachern wie Tomas Schweigen doch immer beim Betrachter. Mit Gruselspaß und Abenteuergänsehaut halt. Außerdem ist in Wien irgendwann Sperrstund‘. Mehr gibt’s nicht zu sagen. Mehr hat anscheinend auch keiner zu sagen. Dabei hätt‘ man durchaus mehr vertragen. Daran kränkelt die Arbeit von Köck und Schweigen nämlich, dass man immer denken muss, da wäre noch was Größeres drin gewesen, eine Explosion statt dieses Interruptus. Nur Mut, euer Publikum hält was aus! Das Tannhäuser Tor steht uns offen! Max Winter bespielsweise, der vom Austrofaschismus verbotene Journalist und Sozialreformer hat eine Reportage über die Strotter verfasst, „Ein Strottgang durch Wiener Kanäle“, in der er beschreibt, wie gesellschaftliche Randexistenzen ihr unteriridisches Leben fristen müssen. Darüber könnte man mal einen Theaterabend machen. Das wäre hochaktuell, von wegen working poor und der sich immer schneller ausbreitenden Armut in Österreich. Ah so, sein Vereintes-Europa-Roman „Die lebende Mumie“, der war … auch? Wirklich? Wo? Wie auch immer: We’ll be back.

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Wien, 7. 5. 2016

Schauspielhaus Wien neu: Jesse Inman im Gespräch

Februar 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein prüder Brite spielt Nick Hornbys „Nipple Jesus“

Jesse Inman Bild: Matthias Heschl

Jesse Inman
Bild: Matthias Heschl

Mit Nick Hornbys Monolog „Nipple Jesus“ erweitert das Schauspielhaus sein englischsprachiges Programm. Jesse Inman, gebürtiger Brite und im Spätsommer mit Tomas Schweigen nach Wien gekommen (mehr: www.schauspielhaus.at/team/jesse_inman), spielt ab 18. Februar im Nachbarhaus einen Türsteher, der engagiert wird, um ein umstrittenes Kunstwerk zu bewachen: Eine Christusdarstellung, die sich bei näherer Betrachtung aus Fotos von Brüsten zusammensetzt.

Nick Hornbys lustvolle Auseinandersetzung mit moderner Kunst und ihrer Rezeption, gesellschaftlichen Moralvorstellungen und Nacktheit gilt in England längst als Klassiker. Regie führt Günther Grosser. Künftig wird es am Haus mehr Angebot auf Englisch geben (www.schauspielhaus.at/spielplan/englischsprachiges_programm). Neben Aufführungen mit Übertiteln und Gastspielen richtet sich auch die neue Lesereihe „Sprachwelten“ an Menschen, die sich in mehreren solchen bewegen. Am 18. April starten die „English Mondays“, bei denen Jesse Inman und Noëmi Steffen zu szenischen Lesungen zeitgenössischer englischsprachiger Dramatik bei Schwarztee, Chips und Bier ins Nachbarhaus einladen. Jesse Inman im Gespräch:

MM: Ich würde nicht fragen, wenn Sie nicht Brite wären: Kennen Sie Nick Hornby persönlich?

Jesse Inman: Nein. Ich hoffe, dass er zur Premiere nach Wien kommt. Regisseur Günther Grosser hat ihn eingeladen, und ich weiß, dass er das Stück schon in Deutschland auf Deutsch gesehen hat, aber noch nie auf dem Kontinent in Englisch. Mal sehen.

MM: Ich habe Sie jetzt zwei Mal gesehen, in „Punk & Politik“ und in „Der grüne Kakadu“, und ich habe das Gefühl, Sie haben einen sehr eigenen Humor.

Inman: Ja, vermutlich, den sagt man mir nach. Ich kann sehr lachen über Dinge, die irgendwie abgefahren sind. Ich denke, dass das zu Nick Hornby ganz gut passt. Ich habe ein Bühnen-Alter-Ego, dass der Figur in „Nipple Jesus“ nicht unähnlich ist. Privat bin ich ein zurückgenommener Mensch, aber wenn die Musik in der Arena spielt, muss ich …

MM: Rausgehen und Spaß haben?

Inman: Ja, als Schauspieler kann ich das. Dazu ist dieses Solo sehr geeignet. Ich mag die Intimität kleiner Räume. Ich liebe es, den Zuschauern ins Gesicht zu schauen und direkt zu ihnen zu sprechen, ich mag es, auf der Bühne eine Atmosphäre zu erzeugen, die dem Publikum verdeutlicht, dass wir gemeinsam einen Abend kreieren.

MM: Der Mann, den Sie spielen, Dave, beschützt ein Kunstwerk, den „Nipple Jesus“, das an Ende zerstört wird. Was ihn mehr stört, als die Künstlerin. Denn sie sagt, es wäre ihr nicht so sehr um den „Wert“ ihrer Kunst als um die Reaktion des Betrachters gegangen. Wie finden Sie das?

Inman: Es geht immer um die Reaktion des Betrachters, damit bin ich völlig einverstanden. Das ist der Grund, warum ich Theater mache. Ich bin nicht der clever-geschliffene Schauspieler, aber ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Ich will als Schauspieler ehrlich und authentisch sein und so Emotionen schaffen. Egal, ob sie Freude oder Traurigkeit oder Ärger sind. Das Wichtigste für mich ist, dass das Publikum bewegt ist – im einen oder anderen Sinne.

MM: Sie sind aus Birmingham, wie Barbara Cartland oder Geezer Butler. Sie spielen auch Gitarre?

Inman: Welche eine Kombination, nicht wahr? Ja, ich spiele sehr viele Instrumente sehr schlecht. Ein bisschen E-Gitarre, ein bisschen Bass. Ich kann auch die singende Säge, das macht Spaß! Das habe ich für eine Produktion von Tomas Schweigens Kompagnie „Far A Day Cage“ gelernt. Ich kam da rein und jeder konnte ein Instrument spielen, also haben sie für mich auch eines ausgesucht, in jedem Stück ein anderes und so kommt es, dass ich sehr viele Instrumente sehr schlecht spiele.

MM: Und Sie können Feuerspucken. Wo lernt man das? Im Zirkus?

Inman: Nein, mit einem Freund als Teenager in Birmingham. Das ist eine furchtbare Geschichte. Ich habe es schon lange nicht mehr gemacht, weil sich dieser Freund bei einer gemeinsamen Strandshow in Thailand schwer verletzte. Ich habe ihn schnell ins Meer gestoßen, um noch Schlimmeres zu verhindern – und seither habe ich nicht mehr zum Flüssigbrennstoff gegriffen, sondern arbeite wenn mit einem Pulver.

MM: Wie sind Sie von Großbritannien nach Deutschland und schließlich Österreich gekommen?

Inman: Ich war schon in Birmingham Schauspieler, habe es aber 2003 verlassen, weil ich wegen einer Frau nach Berlin übersiedelt bin. In Großbritannien habe ich nicht an großen, etablierten Häusern gespielt, sondern bei einer Truppe, die mit einem Zelt über Land gezogen ist …

MM: Also doch Zirkus!

Inman: Stimmt, ein wenig. Von dort habe ich meine Ausbildung. Ich habe auch sozialpädagogisches Theater gemacht, unter anderem mit psychisch Kranken, dann bin ich nach Deutschland gegangen und dachte, ich werde nie wieder als Schauspieler arbeiten, aber es gab sehr viele Chancen in Berlin für mich, mehr als in Birmingham. Und so bin ich dort in die englischsprachige Theaterszene eingetaucht. Ich kam dann durch eine Audition an Tomas Schweigen – und ihm folge ich jetzt von Ort zu Ort, seit elf Jahren. Wir haben einer des anderen Humor sofort verstanden, was ja auch keine Selbstverständlichkeit ist.

MM: Ist es einfacher oder schwerer hierzulande Theater zu spielen als in England?

Inman: Man hat mir über das Wiener Publikum ja schon im Vorfeld viel erzählt und manches hat sich bewahrheitet. Was ich liebe, ist die Ehrlichkeit hier. Wenn die Leute etwas mögen, dann lassen sie es dich spüren, dann rufen sie dich zum Applaus raus, drei Mal, vier Mal. In England wird kurz applaudiert und dann ins Pub gegangen, egal, ob es ihnen gefallen hat oder nicht. Andererseits teilen dir die Wiener Zuschauer auch beinhart mit, wenn ihnen etwas nicht gefallen hat.

MM: Was erwarten Sie bei „Nipple Jesus“?

Inman: Ich habe „Nipple Jesus“ bei einem kleinen Theaterfestival in Irland gespielt. Vor lauter netten alten Ladys, die das Stück die ganze Zeit kommentiert haben. Wir waren damit auch auf Jahrmärkten und in Zelten auf Parkplätzen, das war lustig, und die Reaktionen waren immer gut. Nur zwei Mal hat man uns gesagt: No Way! Und wir sagten, aber das Stück verletzt niemandes religiöse Gefühle, es geht um Sinn und Unsinn von Kunst. Und der Veranstalter sagte: Das ist mir egal, es heißt „Nipple Jesus“, vergesst es.

MM: Damit wollen Sie sagen, Sie haben Erfahrung mit dem Stück in katholischen Ländern?

Inman: Nein! (Er lacht.) Ich bin zuversichtlich, dass es gut angenommen wird.

MM: Fühlen Sie sich in Wien schon ein wenig zu Hause?

Inman: Vom Gefühl her bereits sehr, was das Geografische betrifft, versuche ich mich immer noch zu orientieren. Ich suche noch „meine kleine Ecke“, aber wir haben, seit wir hier angekommen sind, so viel gearbeitet, dass ich kaum dazugekommen bin, mich in der Stadt umzusehen. Ich war in ein paar Museen und will demnächst ins Schmetterlingshaus, falls es einmal offen hat, wenn ich dort bin. Ich war auf dem Beethovenweg in Nußdorf spazieren, ich war auf der Donauinsel – und obwohl ich britisch-prüde bin ganz kurz nackt baden … Als ich vergangenen August hier ankam, fand ich die Stadt allerdings schwierig.

MM: Warum?

Inman: Es klingt lächerlich, aber mir kam nach drei Jahren Basel plötzlich alles so groß vor. So viele Menschen, so viel Lärm, ich war richtig überwältigt. Die Menschen hier haben einen trockenen Humor und den können sie dir sehr hart um die Ohren werfen. Ich bin Radfahrer und versuchte immer noch das hiesige Radwegenetz zu durchschauen. Was denken Sie, wie oft ein Autofahrer neben mir das Fenster runterkurbelt und etwas in einem Dialekt rausschreit, den ich sowieso nicht verstehe. Ich komme dann immer ganz zittrig ins Theater, aber die österreichischen Kollegen wie Sebastian Schindegger sagen, ich soll mich vom Temperament der Leute hier nicht irritieren lassen.

MM: Was ist mit Film? Haben Sie den derzeit zurückgestellt?

Inman: Ich würde schon gern, habe aber keine Angebote. Ich hätte große Lust, ein paar österreichische Produzenten kennenzulernen, um der britische Parade-Spion der hiesigen Film- und Fernsehwelt zu werden. Also, ladet mich zu Castings ein!

MM: Sie wissen, warum ich frage: von wegen britisch-prüde? Sie waren zuletzt in zwei außergewöhnlichen Filmen: In Julie Delpys „The Countess“ als König Matthias von Ungarn und in Lars von Triers „Nymphomaniac“. Wie war das?

Inman: Ich weiß gar nicht, ob ich das erzählen kann. Ich mag es wirklich nicht, mich auszuziehen, und immer muss ich es. Ich kam also ans Set als „Man D“ und Stacy Martin hatte als junge Joe schon mit allen Sex gehabt. Man sagte mir: Jesse, mach‘ deinen Text und kümmere dich nicht um den Rest, wir haben einen Pornodarsteller und dessen Penis wird dann im Film zu sehen sein. Der Mann war ein wunderschöner, bronzegebräunter Riese ohne ein Körperhaar und ich dachte, das klappt nie. Hat es auch nicht. Nach dem Dreh kam Lars von Trier zu mir und fragte: Jesse, würde es dir was ausmachen, dich doch auszuziehen? Ich saß da in einem kleinen Slip und Lars stand vor mir und ich konnte nicht Nein sagen. Zwanzig Leute am Set, es war kalt, man hat mich mit eisigem Wasser bespritzt. Was soll ich sagen? Es war nicht meine „größte“ Leistung … Oh mein Gott, das können wir so nicht schreiben.

MM: Aber sicher. Jetzt wissen die Leser, Sie mögen es bloody and rare. Was anderes: Was erhoffen Sie sich von Ihrer Zeit am Schauspielhaus?

Inman: Worauf ich immer hoffe. Ich möchte eine einzigartige Arbeit abliefern, die sich nicht zu ernst nimmt, weil ich das selber auch nicht tue. „Far A Day Cage“ war meine Familie und ich war traurig, als dieses Theaterprojekt zu Ende gegangen ist. Nun hoffe ich, hier am Schauspielhaus eine neue Familie zu finden. Und die Chancen stehen gut dafür. Alle hier sind so nett und so interessiert am Theater. Jeder hat seinen eigenen Zugang und das macht unser Zusammentreffen so bunt und vielfältig. Ich hoffe, dass wir diese Gelegenheit nutzen und für das Publikum etwas ganz besonders schaffen.

MM: Wir in Wien schaffen uns gern Publikumslieblinge. Sie hätten das Zeug dazu. Wäre das was?

Inman: Da kommen wieder die zwei Seelen in meiner Brust ins Spiel. Ich würde es absolut lieben, denn wie jeder Schauspieler habe ich ein enormes Ego. Andererseits kann ich mit Komplimenten nicht so gut umgehen. Publikumsliebling zu sein, würde mich also verunsichern, aber auf wirklich nette Art.

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Wien, 12. 2. 2016