Vestibül des Burgtheaters: Beben

Januar 26, 2019 in Bühne

MICHAELA MOTTINGER

Die virtuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit

Die Spieler und der Mann von Ulro: Marta Kizyma, Martin Vischer, Daniel Jesch und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die beiden gläsernen, in kaltem Licht leuchtenden Vitrinen erinnern an Museumsschaukästen. Eine Bühnenlösung von Thurid Peine, die fürs Vestibül des Burgtheaters in ihrer Schlichtheit nicht nur eine praktikable ist, sondern auch präzise veranschaulicht, was Regisseurin Anna Stiepani mit ihrer Inszenierung von Maria Milisavljevics Stimm- gewitterstück „Beben“ zeigen will: Ein Rühr‘-mich-nicht-an von Menschen, die sich selber hinter Scheiben weg- geschlossen haben.

Die Realität gegen reality tauschten – deutlich gemacht durch eine der Figuren, die kaum am Handeln der anderen teilnehmen kann, weil beim Gamen der nächste Level noch nicht erreicht wurde. Doch ganz so erklärlich macht es einem Milisavljevic, die mit ihrem dystopischen Text 2016 den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, denn auch wieder nicht. Nie nämlich ist völlig klar, ob die von ihr beschriebene Wahrnehmung von Wirklichkeit eine virtuelle oder eine physische betrifft. Ihre Geschöpfe, sie gibt sie an als „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind“, Stiepani hat sich für vier entschieden, stolpern durch einen medialen wie Social-Media-Overkill aus Katastrophenmeldungen und Kriegsberichten. Doch wie fern oder nah ist dieser Displaykosmos tatsächlich? Geschieht Gewalt vielleicht gleich draußen vor der Tür?

Gekleidet in Schwarz lassen die Schauspieler Daniel Jesch, Marta Kizyma, Valentin Postlmayr und Martin Vischer die von der Dramatikerin heraufbeschworene Apokalypse dröhnen, und die lässt wortwörtlich „Trompeten der Endzeit“ ertönen. Ihre von Stiepani auf die Darsteller aufgeteilte Sprechblasensprache, die Halbsätze sind eine assoziative Aneinanderreihung zum Thema Reizüberflutung durch allgegenwärtige Informationssintflut, kontrastiert Poesie und Banalität und Pathos, ist witzig und kitschig und zum Schluss sehr berührend. Und als sei’s damit nicht genug, zieht Milisavljevic eine Metaebene ein, einen aus William Blakes „The Book of Los“ entliehenen an der Kante von Ulro sitzenden Mann.

Eine sinistre Erscheinung in Gestalt von Daniel Jesch, der übers Gesagte schadenfroh spottet, kommentiert und manipuliert, da er mutmaßlich versucht, die Geschehnisse mittels deren Eskalation unter seine Kontrolle zu bringen. In Blakes mystisch-prophetischem Buch, in dem sein Protagonist Los im biblischen Sinn gefallene Wesen betrachtet, steht Ulro für eine Art Geisteswüste, für jene Dunkelheit, die sich Bahn bricht, wenn die (göttliche) Vision erloschen ist. Dies wissend öffnet sich ein neuer Blick auf Milisavljevics enigmatische, oft hermetisch anmutende Zeilen, wird die von ihr heraufbeschworene Gefährdung ihrer Smartphone-Daddler greifbar.

Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Deren Fluchtmanöver Richtung Onlineebene, es fällt der Satz „Er dachte, sein Sofa sei nicht Teil dieser Welt“, gelingen immer weniger, je mehr der Ulro-Mann seine Armeen in Stellung bringt. Da kann man noch so viele Lebenspunkte und Diamantschwerter gesammelt oder Selfies mit einer toten und darob von ihrem Kater angefressenen Nachbarin geschossen haben. Denn allmählich zeichnet sich im ständigen Wechsel der Perspektiven so etwas wie ein Erzählstrang ab, über einen Bewaffneten, der einen Buben erschießt, weil der ihm zu nahe kommt, ein Kind, das ein Buch für die Mutter so unter dem Shirt versteckte, dass es auf den Soldaten bedrohlich wirkte, eine Bombe hätte sein können.

Wie nun Stiepani Milisavljevics stimmiges Bild einer grundlos amüsierten bis sinnlos alarmierten, in beidem aber stets passiven Beobachtungsgesellschaft, in das die Regisseurin auch Zitate einer Kurz gedachten Tagespolitik verwoben hat, zu einer Geschichte über Schuld und Sühne und den Versuch eines Verzeihens dreht, das ist die Stelle, an der „Beben“ erschüttert. Vor allem Marta Kizymas Monolog der Mutter darüber, wie sie die erkaltete Stirn ihres Sohnes küsst und in seine toten Augen „all ihr Sein“ fließen lässt. Ob der Ego-Shooter am Ende zu Fleisch und Blut geworden ist, darf das Publikum unter sich ausmachen. Milisavljevic lässt mit ihrer wuchtigen Arbeit wie Stiepani mit ihrer nicht minder massiven Aufführung dem Spiel Raum für Interpretationen. Der Mann an der Kante von Ulro jedenfalls wird durch einen Bruderkuss besänftigt. Seltsam auf dem Nachhauseweg auf dem eigenen Handy nachzulesen, wie einander Erdoğan und Putin treffen.

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  1. 1. 2019

Vestibül des Burgtheaters: Tropfen auf heiße Steine

November 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zunehmend bizarre Beziehungspersiflage

Alphamann Leopold Bluhm und seine so faszinierte wie eingeschüchterte Herde: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak als Vera, Christoph Radakovits als Franz Meister und Alina Fritsch als Anna Wolf. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Immer wieder ist das Vestibül des Burgtheaters ein Ort, an dem junge Theaterschaffende sich ausprobieren können. Nun tut dies Cornelius Edlefsen, seit 2016 Regieassistent am Haus, mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text „Tropfen auf heiße Steine“. Gerade 19 Jahre alt war das spätere Film-Enfant-Terrible, als er dieses, sein erstes Stück verfasste. Eine gewissermaßen Vorwegnahme seiner Lebens- und Werkthemen, Krisenbeziehungen, Bisexualität, Bürgerlichkeitsklischees.

Von ihm selbst allerdings nie auf die Bühne oder die Leinwand gebracht. Edlefsen entgeht klug der Versuchung, mittels Vorlage der Deutschen Nouvelle Vague nacheifern zu wollen. Wie Fassbinder einer kränkelnden (immer noch Nachkriegs-)Gesellschaft unbarmherzig unter den Nägeln brannte, so zeigt zwar auch Edlefsen die Mechanismen eines überkommenen, letztlich untoten Systems, an denen der einzelne nur scheitern kann. Doch Edlefsen überdreht Fassbinders Liebestragödie zur zunehmend bizarren Beziehungsfarce. Mit ausreichend Sinn für Satire lässt er die Ereignisse in der dem Meister eigenen Exzentrik explodieren, bewegt die Figuren zwischen dessen, von Fassbinder-Freunden so verbrieften, Lebenshunger und Todessehnsucht, macht aber an jeder Stelle seiner Arbeit deutlich, dass es ihm allein darum geht, auszustellen, wie Menschen ringen, geliebt zu werden.

Und so erzählt der einfühlsame Abend vom Versicherungsvertreter Leopold Bluhm, der den knapp 20-jährigen Franz Meister mit in seine Wohnung nimmt. Bald geht der ältere Mann auf Tuchfühlung, wird sexuell anzüglich, und der hübsche Junge, nicht ganz so naiv, wie er sich stellt, ergibt sich ihm. In vier Bildern treibt Fassbinder die Handlung voran. Im nächsten schon ist Franz ein einsamer Hausmann, der die ganze Woche nur auf die Rückkehr seines Geliebten von dessen Geschäftsreisen wartet. Wenn der Alleinverdiener kommt, ist er müde, mürrisch und mit allem unzufrieden. Statt Bettgeflüster gibt es nun Streitereien, Schnippisch-Sein und Kopfschmerzen, und als schließlich auch noch die Ex-Freundinnen Anna und Vera mit von der Partie sind, eskaliert die Situation …

Menschenmanipulator Leopold …: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… wird für Franz bald zu viel: Christoph Radakovits und Stefanie Dvorak. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Daniel Jesch als Leopold Bluhm und Christoph Radakovits als Franz Meister zeigen eine begnadet gute Performance. Sensibel und zu Beginn der Beziehung so sinnlich, dass das Knistern zwischen den beiden Figuren zum Greifen ist, gestalten sie ihre Rollen. Wie Radakovits vom dem Jäger Jesch ausweichenden Jüngling zum Verliebten, dessen Gefühle Hochschaubahn fahren, zum Verzweifelten wird, das ist großes Kino. Mutmaßlich nie zuvor war Radakovits so eindringlich gut. Jesch wiederum wandelt seinen Leopold vom Verführer zum Manipulierer, zum Spielmacher sobald die Frauen dabei sind.

So, wie ihm alle verfallen, muss man an die einstigen, charismatischen Kommunengründer denken. Mit Verve arbeiten die beiden heraus, wie das Männerpaar in genau jene Beziehungsmuster kippt, denen es eigentlich entkommen wollte, Rituale, wie spießbürgerliches Gläserabwaschen vor dem Sex bestimmen den Alltag, Diskussionen drehen sich ums Rechthaben und Nichtsrechtmachenkönnen, das einander Zuwerfen von Zigarettenpäckchen wird von Mal zu Mal aggressiver. Man steckt plötzlich in einer typisch durchschnittlichen, gutbürgerlichen Ehehölle.

In der verläuft’s bei Fassbinder freilich tragigrotesk, hochkomisch und zutiefst betrübt, und Edlefsen hat dessen Stück texttreu inszeniert, hat mit Blick auf seine Schauspieler, nicht auf etwaigen Schnickschack, dessen Sprache pointiert und verdeutlicht. Von Jenny Schleif stammt dazu ein fulminantes Bühnenbild, eine metallene Gitterplattform, darunter ein Raum, durch den die Darsteller wie in Demutshaltung kriechen müssen und durch verschiedene Durchlässe auftauchen, hinten eine opake Plexiglaswand hinter der die Frauen zuerst wie Schaufensterpuppen stehen. Sie treten ins Geschehen, sobald bei Franz und Leopold Liebe und Leidenschaft schal und ausgelaugt sind, als die zerstörerische (Selbst-)zerfleischung des Franz beginnt. Alina Fritsch ist als seine Ex-Verlobte Anna Wolf zu sehen, die ihn zurückhaben will, und verbissen an etwas festhält, das nicht mehr existiert. Fritsch zurrt und zerrt und verzagt nie an Franz, bis …

Frauen, ausgestellt wie Schaufensterpuppen: Stefanie Dvorak und Alina Fritsch, vorne: Christoph Radakovits. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… Leopold auftaucht. Im Schlepptau sein gewesenes Love Interest Vera, mit der er rund um Franz nun ein perfides Machtspiel anfängt. Stefanie Dvorak spielt diese Vera mit Intensität, Unterwürfigkeit und dem ihr eigenen Hauch Hysterie. Am Ende wird Leopold die anderen um sich scharen, wie Fassbinder seinen berühmten Clan, wird kreuz und quer gevögelt, und im Werner Schwab’schen Sinne doch nicht geflogen worden sein.

Wird klar werden, dass Leopold seine Menschenopfer auf immer gleiche Weise fordert, und wird es eine Leiche geben. „Tropfen auf heiße Steine“ ist ein von allen Beteiligten mit Fingerspitzengefühl gestalteter, großartig gespielter Abend. Man wünscht ihm, was anderen Inszenierungen aus dem Vestibül schon gelungen ist, nämlich die alsbaldige Übersiedlung in einen größeren Spielraum des Burgtheaters.

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  1. 11. 2019

Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

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  1. 9. 2018

Burgtheater: Der Besuch der alten Dame

Mai 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Güldener Humor in Güllen

Geld, nicht Gefühl, regiert die Welt: Burghart Klaußner als Alfred Ill und Maria Happel als Claire Zachanassian. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frank Hoffmann inszenierte Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ am Burgtheater, und was man dazu sagen kann, ist: Keine besonderen Vorkommnisse. Der Luxemburger Regisseur und Intendant der Ruhrfestspiele – die Aufführung ist eine Koproduktion – ließ seiner Riege Burgstars Raum und Zeit, ihr ganzes Können zu entfalten, setzte dabei zumindest anfangs ganz aufs Komödiantisch-Groteske.

Und fiel weder angenehm noch unangenehm durch überbordende Regieeinfälle oder zwanghaftes Aktualisieren auf. Güldener Humor in Güllen, sozusagen. Alles schön solide. Handwerklich perfekt, aber mit wenig Kontur. Dass Dürrenmatt in Anmerkungen davon abriet, sein Stück als Allegorie zu sehen, und damit wohl vor verfremdendem Pathos warnen wollte, nimmt Hoffmann allzu genau. Er lässt das Geschehen weitgehend wie vom Blatt abrollen, und findet dabei weder Distanz noch Nähe dazu. Was die Tragikomödie hergibt, wenn hier „Im Namen von Europa“ die „abendländischen Prinzipien“ beschworen werden, muss man sich schließlich selber zusammenreimen. Hoffmann überlässt sich über weite Strecken einem kommentarlosen, einem so ort- wie zeitlosen Ablauf der Handlung.

Im düsteren Bühnenbild von Ben Willikens entfaltet sich, was ein Albtraumspiel hätte werden können; wie in einer unaufgeräumten Lagerhalle auf einem verlassenen Industriegelände liegen und stehen die Reste menschlicher Existenzen herum. Darin die Güllener, bis auf Petra Morzé als Mathilde Ill, ein sangesfreudiger Männerchor, Dietmar König als freigeistiger Lehrer, Daniel Jesch als athletischer Polizist, Marcus Kiepe als hinterfotziger Arzt, Michael Abendroth als doppelzüngiger Pfarrer, aufgescheuchte Honoratioren, Opportunisten und Pragmatiker, die das Geld schon verplanen, bevor Korruption überhaupt geschehen ist. Seltsam drübergespielt wirkt das alles.

Nur Roland Koch gibt den geschwätzigen Bürgermeister als Kabinettstückchen, immer wieder wird er von lauter Musik, von krachenden, scheppernden Industriegeräuschen in die Schranken gewiesen. Der berühmte Panther rührt sich lauthals aus dem Off – Raubtierkapitalismus, eh klar. Petra Morzé gelingt als Mathilde ein eigenes Kunststück. Wie sie mit ihrem Alfred einen Ausflug im Auto genießt, von dem sie weiß, dass es sein letzter sein wird, drückt sie in einem Jammerschrei aus, der angstvoll klingen soll, aber schon ein Leben ohne ihn anstimmt.

Die Güllener spekulieren aufs große Ganze: Burghart Klaußner, Michael Abendroth, Marcus Kiepe, Daniel Jesch, Petra Morzé, Dietmar König und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und mitten drin die Happel mit konkavem Hütchen und kess ausgestelltem Rocksaum. Maria Happel glänzt als Milliardärin Claire Zachanassian, ist als solche hier weder Monster noch Kunstmenschin, sondern eine aus Fleisch und Blut, keine Dämonin, sondern eine geschäftstüchtige Multikonzernmanagerin, der auch einmal die Gefühle aufsteigen. Wiewohl die schnell wieder weggedrückt werden.

Wie Happel von skurriler Fröhlichkeit zu eiskaltem Furor wechselt, ist sehenswert, am eindrücklichsten die Szenen mit dem großartigen Burghart Klaußner als Alfred Ill, da wird ein Übers-Haar-Streichen gleichsam zum Todesurteil. Wobei Klaußner den Ill nicht als vordergründig rattig-ängstlichen Kleinbürger, sondern als Mann mit stolzer Würde anlegt. Gegen Ende nimmt der Abend Fahrt auf, wenn die finale Bürgerversammlung Ill aburteilt und die abgewrackte Stahlhütte bis fast an die Rampe heranrückt. Da geht das Saal-Licht an und mit den Bürgern, die unter Ausreden, mit Ausflüchten und zugunsten der Konjunktur über den Tod befinden, sind natürlich die Zuschauer gemeint. Das ist zwar keine nagelneue Inszenierungsidee, aber immer noch eine wirkmächtige. Wie aus dem langen, zufriedenen Applaus zu schließen.

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  1. 5. 2018

Akademietheater: Rosa oder Die barmherzige Erde

März 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tobias Moretti beeindruckt als Romeo in Alterswindeln

Susanna Ernst, Waltraud Hackinger, Tobias Moretti und Marta Kizyma. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es kann am Theater einen eigenen Zauber entfalten, wenn Rätsel offen bleiben, wenn nicht jede Leerstelle besetzt wird und Texte nicht bis zu ihrem Ende durchdekliniert werden. Auf diesen Zauber setzt Luk Perceval bei seiner Inszenierung von „Rosa oder Die barmherzige Erde“. Eine Uraufführung am Akademietheater, für die der 60 Jahre alte Burgdebütant Shakespeares „Romeo und Julia“ und Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ ineinander verschränkt hat. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein ungemein spannender und unheimlich anstrengender Abend mit einem herausragenden Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré/Romeo.

Somnambul ist das Wort, das einem zu dessen Darstellung einfällt. Wie geistesabwesend steht Moretti auf der Bühne, und ist doch ganz bei sich, stemmt den hundertminütigen Kraftakt quasi im Alleingang, denn die Mitschauspieler auf der Bühne sind kaum mehr als Staffage, um die Story über die Rampe zu bringen. Deren Inhalt nach Verhulst: Désiré ist ein Mann Mitte der 70, der sein Leben an der Seite seiner Frau so satt hat, dass er beschließt, den Demenzkranken zu geben und sich in eine

entsprechende Einrichtung einweisen zu lassen. Hier möchte er seine letzten Lebensjahre ohne Gezänk verbringen. Doch trifft er auf seine tatsächlich an Alzheimer erkrankte unerfüllt gebliebene Jugendliebe. Und hier nun Perceval – seine „Julia“, deren stilles Verlöschen ihn verzweifeln lässt. Aus Désiré wird Romeo, Pastor, Pfleger und Schwestern werden als Lorenzo, Benvolio oder Mercutio zu Stichwortgebern, und es ist nun Percevals Aufgabe, die viele Parallelen im Verhulst’schen Text zu Shakespeare zu ent- und aufzudecken. Von der Balkonszene bis zum Doppeltod. Denn Désiré wird nach dem Sterben Julias nicht mehr weiterleben wollen und sich in die Tiefe stürzen …

Für all das hat Katrin Brack ein Odeon erdacht, eine runde, sich drehende Spielstätte und eine Tribüne aus Sitzbänken, auf denen der Vergissmeinnicht-Chor, Damen zwischen 85 und 95, Platz genommen haben. Davor Moretti. Mal via Lautsprecher verstärkt, über den auch Geräusche wie ein beständig irres Frauenkichern eingespielt werden, mal ein Wispern von Liebe und Tod, die Stimmung seltsam bodenlos, mal resignativ, mal stockend-zögerlich, mal unflätig und wütend. Sein Désiré gibt die Demenz, scheint’s, nicht vor, er ist wirklich von ihr angekränkelt. Und dann wieder lichte Momente, wenn die Anverwandten, ob seiner Begriffstutzigkeit jede Hoffnung aufgebend, abtreten und er zu verstehen gibt, er hätte genau gewusst, was die wollten. Und genauso wie als Bibliothekar beeindruckt Moretti als Romeo in Alterswindeln.

Sabine Haupt und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sabine Haupt, Gertraud Jesserer und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In einer der eindrücklichsten Szenen wird er vom Chor gerufen. „Papa!“ Immer mehr Stimmen, immer lautere, da versteht man, dass da ein Mensch unter  jahrelanger Verantwortung zusammenbrach, versteht, dass nicht mehr ging, was andere von ihm erwarteten, und ergo der Rückzug erfolgen musste. Nicht zur Kenntnis nehmen wollen/können das Sabine Haupt als Tochter Charlotte – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und Gertraud Jesserer mit Tremolostimme als Ehefrau Moniek. Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Marta Kizyma und Stefan Wieland fungieren als Hauptschwester, Pfleger und Pastor und als Shakespeare-Personal. Mariia Shulga ist eine anrührende Rosa.

Sie umrahmen das zähflüssige Spiel vom Sterben des alten Mannes, das sich mehr als Stimmung, denn in Klarheit erschließt. Zu denken gibt immerhin, dass hier einer am Ende den Prototyp jugendlicher Lebens- und Liebesgier gibt, das macht grübeln über verpasste Chancen und verflossene Gelegenheiten … Am Ende gab es Jubel für alle, allen voran Tobias Moretti, der einmal mehr bewies, dass man nicht nur beim Film, sondern auch auf der Bühne auf ihn zählen kann.

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  1. 3. 2018