Theater in der Josefstadt: Rechnitz (Der Würgeengel)

Januar 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tanz der Nazi-Vampire

Sona MacDonald. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „Zu Asche, zu Staub“, den Hit aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“, wo ihn die mysteriöse Severija performte: „Du bist dem Tod so nah / Und doch dein Blick so klar / Erkenne mich, ich bin bereit / Und such‘ mir die Unsterblichkeit …“ Sprechen wird Sona MacDonald nicht, sie bleibt beinah zwei Stunden ohne Sprechtext, bevor sie am Ende vor dem Vorhang Zeugnis ablegt. Bis dahin ist die glatzköpfige Schönheit der

Geist der Vergangenheit, eine Endzeitdiva, eine Vampirin (der Eindruck bestätigt sich, als sie einmal Tamim Fattal in den Hals beißt) – eine Spiegelung jener Gräfin Margit Batthyány, auf deren burgenländischem Schloss in der Nacht vom 24. auf den Palmsonntag 25. März 1945 ein Gefolgschaftsfest stattfand. Die Rote Armee rückt näher, da will man sich einmal noch amüsieren, und so lösen sich kurz vor Mitternacht 15 Personen von der Party, um im Kreuzstadl 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter zu erschießen, zu erschlagen, zu verscharren – das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Dies Massaker hat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ dramatisch aufbereitet. Wie stets hat sie eine Textfläche verfasst, Botinnen und Boten berichten vom Vorgefallenen, widersprechen sich, wissen’s auch nicht so genau.

Seit der Uraufführung durch Jossi Wieler 2008 hat man „Rechnitz“ nun schon einige Male gesehen, und die meisten Inszenierungen hangelten sich an der Wieler-Arbeit entlang. Jetzt hat Regisseurin Anna Bergmann, die an der Josefstadt schon „Fräulein Julie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15214) und „Madame Bovary“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28773) realisierte, einen ganz anderen, außergewöhnlichen Blick auf das Werk geworfen. Sie hat zum einen die Botinnen und Boten zu Typen gemacht: ein Waffenmeister, ein SS-Mann, ein Nazi-Bonze, ein Priester, eine Society-Lady, Köchin, Magd, Chauffeur, Fleischhauer, Oliver Rosskopf als der örtliche Gestapo-Führer Franz Podezin, Götz Schulte als Gutsverwalter Hans Joachim Oldenburg, Dominic Oley als Ehemann Graf Ivan Batthyány …

In der Szene „Eine Vorstadtsiedlung“ hat sich schon die Ur-Wiener Nachkriegsgemütlichkeit breitgemacht. Mit Käsekrainern am Kugelgrill und Robert Joseph Bartl als populistischem Politiker samt Rauhaardackel, der sein „So sind wir nicht“ erklärt, und hofft, „dass die bloß nix ausgraben“. Oder Dominic Oley, Oliver Rosskopf und Götz Schulte als den „Hiesiegen“, denen die bekannte Textstelle: „Es können nicht alle Opfer sein!, jemand muss auch Täter sein wollen, bitte melden Sie sich, wir brauchen jeden Täter, den wir kriegen können, denn dann können wir uns selbst dazurechnen, ohne dass man es merkt …“ nachgeboren, unschuldsvermutend von den Lippen perlt.

Tamim Fattal und Michaela Klamminger. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „El male rachamim“. Bild: © Philine Hofmann

MacDonald, Elfriede Schüsseleder und Michaela Klamminger. Bild: © P. Hofmann

Dies der Bergmann zweiter Streich, ihre Spielfassung gliedert den Text in vier Bilder, „Das Fest“, „Die Dienstbotenküche“, „Das Massengrab“, eben „Eine Vorstadtsiedlung“ und einen Epilog für die MacDonald – doch wenn man eine derart grandiose Sängerin an der Seite hat, wäre es eine Schande sie nicht singen zu lassen. Bühnenbildnerin Katharina Faltner hat ein sich drehendes Rundpodest gebaut, die oftmals gewechselten Kostüme sind von Lane Schäfer, in der Mitte Sona MacDonald in Gottesanbeterinnen-Grün, und rund um sie shaken und schütteln sich die Zombie-Blutsauger im Danse Macabre. Tanz der Nazi-Vampire! Ein erstes der folgenden überwältigenden Bilder. Ein Näherrücken-Lassen des Publikums an die Banalität des Bösen, wird doch die Jelineck’sche abstrakte Distanz, die reflexive Ruhe ihrer „Boten“ zum Geschehen durch diese Spielart bis zu einem gewissen Grad ausgehebelt.

Agiert wird intensiv und expressiv. Jede Szene hält für jede Darstellerin, jeden Darsteller – außer MacDonald – eine neue, albtraumhafte Karikatur bereit. Elfriede Schüsseleder ist mal Professorin, mal Köchin, Michaela Klamminger mal Fernsehmoderatorin, mal Magd. Tamim Fatal ist mal Fleischhauer mit blutiger Schürze, dann anrührend das Mordopfer Nikolaus W., dem fröhlich ein Grab geschaufelt wird, in dem der „hohle Mensch“, entleibt seiner Menschenwürde, dem Nichterinnern anheimgegeben, lebendigen Leibes versinken möge. In der Dienstbotenküche singen alle gemeinsam „Is schon still uman See“. Dann senken sich von oben an ein Schlachthaus gemahnende Plastikplanen herab, hüllen die Manege des Grauens ein. Durch die rotmilchigen Folien sieht man einen nackten Männerkörper an einem Fleischerhaken, er zappelt, windet sich, stöhnt.

Das Ensemble beim Untotentanz. Bild: © Michaela Mottinger

Jagdgesellschaft: Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Michaela Klamminger und Oliver Rosskopf. Bild: © Philine Hofmann

Götz Schulte, Dominic Oley, Robert Joseph Bartl und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald, Tamim Fattal, mit den Schaufeln: Götz Schulte und Dominic Oley. Bild: © Philine Hofmann

Es naht die Zeit der Abschüsse. Sona MacDonald, die brillante Performerin kann auch Oper. Zu „Wie nahte mir der Schlummer“ und „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“ aus dem „Freischütz“ kommt die Flinte zum Einsatz. Drei Notenzeilen, drei Mal Anlegen – KlickKnall. In einem fulminanten letzten Auftritt findet Sona MacDonald endlich ihre Sprechstimme, da steht das Schloss schon in Flammen, um die Beweise zu vernichten, und der Daimler zur Flucht bereit. „Ertrage mich jetzt, liebes Land“, fordert die Kriegsverbrecherin von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Dann die MacDonald auf großer Leinwand, ein stiller Schluss nach all dem vor wütendem Zynismus bebenden Remmidemmi. Sie wandert über den Rechnitzacker zum Kreuzstadl, unterwegs liest sie sterbliche Überreste der Opfer auf, es sind nur noch Knochenfragmente. Auf der Bühne bettet sie sie auf einen Tallit. Sie singt „El male rachamim“, ein Gebet für Begräbnisse, Gemeuchelte der Shoa und dieser Zeiten auch Terroropfer. Welch eine Aufführung, welche ein eindringlicher Appell gegen kollektives Schweigen und lautstarkes Verdrängen. Einmal wirft Elfriede Schüsseleder den Satz in die Arena: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Das ist zwar aus Brechts „Arturo Ui“, deswegen nicht weniger wahr.

Anna Bergmanns Trauerarbeit, die der Jelinek ihr Debüt an der Josefstadt bescherte, überzeugt durch Klugheit, Einfallsreichtum und großem Respekt vor dem Werk der Literaturnobelpreisträgerin. Bergmann hat Jelinek gelesen, neu gelesen. Das exzellente Ensemble, dass sich in seinen Rollen immer wieder selbst erschießt, nur um als Wiedergänger um die nächste Ecke zu biegen, denn solcherart weiß Jelinek, weiß Bergmann stirbt nicht aus, tut das Übrige. Es mag dies der Beginn der etwas anderen Jelinek-Rezeption sein. Und nachdenklich auf dem Nachhauseweg sinniert man über den Spießrutenlauf beim Hinweg zum Theater. Samstag war’s, Corona-Maßnahmen- und Impfgegner-Demonstration am Ring. 27.000 Teilnehmende samt rechtem, nein: nicht Rand, rechter Mitte am historisch missbrauchten Heldenplatz. Und auf dem Podium kreischend geifernd … tja, ja …

www.josefstadt.org           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ahb-OZfVFrs

  1. 1. 2022

Akademietheater: Frank Castorf inszeniert Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“

September 7, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur das Schwein war nicht in Spiellaune

Marie-Luise Stockinger, Andrea Wenzl und Dörte Lyssewski. Bild: © Matthias Horn

Schweinereien ortet Elfriede Jelinek in Pandemie-Zeiten allüberall. Welch ein Symbol, das Borstenvieh – von Homer zu Jesus‘ Wundertaten, von Glücks- zu Sparschwein, „Männer sind Schweine“ von Die Ärzte, von Poe zu Hofmannsthal zu Orwell und dessen „alle sind gleich, aber manche sind gleicher“. Ein Blick. From pig to man, and from man to pig, but already it was impossible to say which was which. Hier knüpft die Jelinek mit ihrer am

Akademietheater als Höllenritt vorgetragener Textkaskade an, Frank Castorf hat die österreichische Erstaufführung inszeniert, und Mehmet Ateşçi, Marcel Heuperman, Dörte Lyssewski, Branko Samarovski, Marie-Luise Stockinger und Andrea Wenzl agieren, agitieren in dieser Tour de Farce dreieinhalb Stunden lang, als ginge es um ihr Leben. Die Jelinek’sche Assoziationsmatrix clustert diesmal Kirke, Zauberin der griechischen Mythologie und Verwandlerin von Odysseus‘ Gefährten in einen Stall voll Eber, mit Covidleugnern, Lockdown-Lagerkoller, Impfparanoia, Gerüchteköchen und anderweitigen Quer“denkern“, mit den Beschwichtigungs- und Vertuschungsversuchen der Politik.

Sebastian „Für jeden, der geimpft ist, ist die Pandemie vorbei“ Kurz kommt nicht zu … kurz, ebenso wenig wie der Superspreader-Après-Skiort Ischgl, und zum Schluss der wortgewaltigen Perlen-vor-die-Säue-Reihe kriegt auch noch die tierquälerische Fleischindustrie ihr Fett weg. Derart mäandert der 80-Seiter von den Mächtigen zu den Mitläufern zu den Ohnmächtigen. Aleksandar Denić hat dazu neben Geldausgabe- und Cola-Automat eine raumfüllende Eisenmaske auf die Bühne gestellt, die sowohl die eines antiken Kriegers als auch jene von Ludwig XIV. geheimnisvollem Staatsgefangenen sein könnte. „Un pour tous, tous pour un“ dreht sich in Leuchtschrift ums eherne Haupt, womit in diesem Fall wohl die 99,4%-Parteitags-Musketiere gemeint sind.

Marie-Luise Stockinger vor der eisernen Maske. Bild: © Matthias Horn

Watschenmann-Bumsti, Mehmet Ateşçi̇ und Andrea Wenzl. Bild: © Matthias Horn

Marie-Luise Stockinger und Marcel Heuperman. Bild: © Matthias Horn

Adriana Braga Peretzki kleidet das Ensemble in allerlei ikonische Kostüme, von der katholischen Jungfrau Maria/Andrea Wenzl bis zum afrikanischen Voodoo-Wächter Zangbeto/Mehmet Ateşçi. Marcel Heuperman erscheint mal als Monsterhand, die Lyssewski weist sich mit blonder Haartolle und leuchtendem Lippenrot als Autorin-Alter-Ego aus und ist auf der Suche nach denen, Achtung: Kalauer, „die sich auseinandersetzen“. Anhebt ein Versteckspiel in einem Labyrinth misszudeutender Sinnbilder und Nonsens-Sprüche, und glaubt man den Code endlich entschlüsselt zu haben, ist der längst ums nächste Satzzeichen gebogen, um sich dort in seine Gegenaussage zu verkehren. Eine Irrfahrt, wie weiland die der Ithaker.

Wie stets bei Frank Castorf ist das Wesentliche nur durchs Live-Kameraauge von Videodesigner Andreas Deinert sichtbar, ein Folter-/Kerker im Keller, ein prunkvolles Boudoir oder die Schaukel im Fleur-de-Lys-tapezierten Eisenschädel, allesamt sind sie Schau-Plätze für die lautstark lärmenden Wortgefechte, und als wäre Jelinek allein nicht genug Denksport, schleust der Großmeister des deutschsprachigen Diskurstheaters wie selbstverständlich wieder Fremdtexte ein. Die Schweinereien der Fleischindustrie werden mit Fahim Amirs kontraromantischem Karl-Marx-Preis-Bestseller „Schwein und Zeit“ zur Pein und Hierarchien durch Philosoph Max Horkheimers gesellschaftlichen Querschnitt „Der Wolkenkratzer“ zur Wesensschau. Via Daniel Defoes fiktiven Dokumentarberichts „Die Pest zu London“ geht’s ebendorthin, und – apropos, Folter: durch Auguste Villiers de L’Isle-Adam grausame Novelle „Die Marter der Hoffnung“ nach Saragossa.

Tatsächlich ist die häppchenweise von der Wenzl erzählte Parabel eines Rabbis, den der spanische Großinquisitor nach einem Jahr der Qualen mittels Gluteisen langsam zu Tode befördern will, und den kurz vorm Ende ein Lichtstrahl des Entkommens blendet, eines der spannendsten Momente des Abends, eine Folie für vieles: fürs Konstrukt Wahrheit, die diverse divergierende Meinungskreise jeder für sich gepachtet haben wollen, für alternative Realitäten, Parallelwelten ohne Berührungspunkte, für die trügerische Chance auf Befreiung, Freiheit, Impf-Freispruch. Zu den Stoßgebeten der Verschwörungstheoretiker „Herr, lass‘ uns von der Spritze nicht chipen“ erscheint Sebastian Kurz, mal als Riesen-Pappmaché-Kopf ein Watschenmann-Lookalike, mal in vervielfachter Videoform, um die Erlöserworte zu sprechen.

Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Lyssewski, Ateşçi̇, Stockinger, Heuperman. Bild: © M. Horn

Mehmet Ateşçi̇ und Dörte Lyssewski. Bild: © Matthias Horn

Marie-Luise Stockinger und Edmund. Bild: © Matthias Horn

Castorf fokussiert aufs Österreichertum, er nimmt den „Menschenblock in Türkis“ (Ateşçi sagt: Türk-is) und dessen Messias-Medienstar mit Hang zu Un-/Heilsbotschaften aufs Korn, verknüpft seine Regie-Einfälle zum Gordischen Knoten, und so deichselt er’s, dass es dem – nebenbei bemerkt – hochamüsierten Publikum überlassen ist, den Splint aus der Deichsel zu ziehen. Wie Odysseus von Aiolos mit einem Schlauch heißer Luft getäuscht wurde, so lässt nun Kirke Wenzl Branko Samarovski an der Sauerstoffmaske zappeln. Die Atmosphäre ist aufgescheucht und aufgeregt, eine fiebrige Meute tummelt sich da auf der Bühne, Stockinger stöckelt über diese, skandiert immer wieder „ORF III“.

„So sind wir. Wir spielen für Österreich“, tönt’s aus dem Ensemble, „Fahren Sie her, sobald Sie es dürfen!“, „Habt’s scho Mittag g’essen?“, „Sind’S schon geimpft“, fährt Wenzl die erste Reihe an, und spätestens als das Wort vom Jung-Schar-Führer fällt, kippt die Satire in den Sarkasmus. Castorf, ein Schelm! Seine Inszenierung ist Schmierentheater auf allerhöchstem Niveau, in vielerlei Hinsicht eine Peepshow, in der die Darstellerinnen und Darsteller zwischendurch auch aus der Rolle platzen, um sich gegenseitig anzugiften, Mehmet die Marie-Luise wegen ihrer oberflächlichen Art, Dörte den Branko wegen einer längst verwehten Liebesgeschichte an der Schaubühne: „Du hast mir sooo auf die Beine gestarrt“ – „Das stimmt nicht, da hast du mir aufs falsche Auge geguckt!“ Tschingderassabum, was ein Lacher!

Im Schweinsgalopp geht es von Szene zu Szene. Jelinek-Lyssewski als blinde Seherin, die statt von falscher Kunde betrogen zu werden, empfiehlt sich selber kundig zu machen, Odysseus Samarovski als Seuchenbekämpfer, die drei Damen mit tollkühnem Kopfputz, darunter Wenzl im Mutter-Gottes-blauen EU-Umhang, von dem die güldene Mammonin Stockinger die Sterne reißt. Grandios ist diese Ischgl-Szene, in der diese versucht-feministische Dreifaltigkeit fassungslos die dokumentarischen Fotografien von Lois Hechenblaikner studiert. Hütten-Porn-Gaudi, Alkohol und andere schweinische Exzesse, Wenzl kippt Wodka, Stockinger Bier, Lyssewski peitscht den mit einem Hammer alles zu Brei schlagenden Ateşçi zwischen ihre Schenkel. Vulgär ist das, wie das Virus. Castorf stellt die Verrohung als autoaggressiven Akt, die sich steigernde Mitgefühllosigkeit als die schlimmste Menschenseuche aus.

Branko Samarovski und Andrea Wenzl. Bild: © Matthias Horn

Dörte Lyssewski und Brank Samarovski. Bild: © Matthias Horn

Branko Samarovski und Mehmet Ateşçi̇. Bild: © Matthias Horn

Wuchtiger geht es nach der Pause weiter, wenn Castorf zu den wohlfeilen Witzen die Assoziationsstränge zu einer groß angelegten Zivilisationskritik bündelt. Marcel Heuperman holt als menschliche Hand zum kapitalismuskritischen Monolog aus, das Schwein vorm Bolzenschussgerät ist ein Opfer dieses schlachtreifen Ausbeutersystem. Zwischen Strohballen kauert er im Schweinekoben, die arme Sau, und wettert gegen die Gier nach unendlichem Wirtschaftswachstum und die Schönschreibung schlechter Arbeitsbedingungen. Der Bankomat wird geschlachtet, man mästet sich am Geld. Sie trifft ins Schwarze, diese Sauerei. Castorf kann’s eben.

Und weil Österreich bekanntlich zwei Höchstgeehrte anzubieten hat, ist diesen Herbst ein Castorf-Doppel in Sachen Literaturnobelpreisträger angesagt: In seiner Inszenierung hat am 18. September Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ am Burgtheater Premiere … Ach ja, das echte Schwein. Es heißt laut Programmheft Edmund und ist ein vietnamesisches mit Hängebauch, war aber am Premierenabend als einziges nicht spielfreudig, blieb, statt zum Bankomaten links zu laufen, rechts grunzend und im Stroh rüsselnd stehen, und trat alsbald wieder ab. Von wegen – Rampensau! Trotzdem: Szenenapplaus.

www.burgtheater.at           Teaser: www.youtube.com/watch?v=G1NrIC-caX8

  1. 9. 2021

Akademietheater: Bunbury

Mai 25, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Missglückte Groteske mit grüner Knopfloch-Nelke

In den Fängen von Tante Augusta: Florian Teichtmeister, Regina Fritsch als Lady Bracknell-Bissgurn, Mavie Hörbiger und Tim Werths. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Lasset uns denn beim Kardinalfehler beginnen, einem Regisseur, der Oscar Wilde inszenieren will, doch dessen scharf geschliffener Sprache nicht vertraut. Einem Regisseur, der dies noch dazu in Wien tun will, doch nicht auf die Elfriede Jelinekischen Wortperlenreihen setzt. Rainer Kohlmayers alphabetischer Anarchismus, seine akademischen Tiefspringer mögen freilich dann und wann amüsant sein, aber, ich mein‘, die Jelinek … ? … Akademietheater also.

„Bunbury“ in einer Inszenierung von Antonio Latella, und das Beste an diesem Abend ist, dass der neapolitanische Theatermacher seinen Schauspielerinnen und Schauspielern Raum gibt. Viel Raum, weil: wieder einmal ist die Bühne (von Annelisa Zaccheria) nackt bis zur Feuermauer, nur ein paar Requisiten treiben sich, geschoben oder ferngesteuert, verschämt herum. Das bereits Zweitbeste ist Latellas ausgezeichneter Musikgeschmack, der von Jeanne Moreaus „Each Man Kills The Thing He Loves“ über „I Move On“ aus dem Musical „Chicago“ bis zu Michelle Gurevichs „Party Girl“ reicht, und mittels dessen er jedem und jeder im Ensemble den großen Moment verschafft.

Was das alles mit Oscar Wilde zu tun hat? Äh, ja. Sicher ist immerhin, dass sich die Aufführung alles andere als „Ernst“ nimmt. Latella setzt in dieser von Francesco Manetti durchchoreografierten Arbeit auf Klamauk, Schweiß und Slapstick, mit tausend und einem Regieeinfall – und man weiß um deren Gefährlichkeit – übersteigert er den Spleen der Wilde-Figuren zum Superlativ. Szenen werden wiederholt und wiederholt, Fast Forward und Rewind, und in diesem langatmigen Dauerlauf von Gag zu Gag belegt den letzten Platz – die Pointe. Unter ferner liefen: Wildes spitzzüngiger Sarkasmus, seine wie mit dem Florett ausgefochtenen Dialoge, seine süffisant-spöttische Gesellschaftskritik. Dass die einzige Kulisse die Geräusch-K… ist, macht‘s in jeder Bedeutung dieses Begriffes nicht verständlicher.

Das heißt, verstanden hat man es schon: Latella glaubt, er habe quasi die Gender-Comedy erfunden, weshalb die Butler Lane und Merriman auch die „Gay Moments“ jedes Aktes verlautbaren müssen. Von Miss Prisms Exercises bis zur offenbarten „Ficktion“ ist alles eh-schon-wissen. Mädel küsst Mädel, Mann küsst Mann. Ach, ist das lovely, so eindeutig zweideutig, das Bunburysieren stammt ja auch vom Slang der Londoner Schwulenbordells, für jene, die „The Happy Prince“ mit Rupert Everett nicht gesehen haben (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28996), ein feiner Herr, der etwas ins Semmelchen stecken möchte.

Die Wenzl beim Chicago-Charleston. Bild: © S. Hassler-Smith

Großer Mann, kleine Torte: Marcel Heuperman. Bild: © S. Hassler-Smith

Mavie Hörbigers Gwendolen im Cecily-Kleidchen. Bild: © S. Hassler-Smith

Latella verlegt solche Feinheiten vom diskreten Konversationston in die deutliche Geste. Elégance und Esprit – perdu. Er macht Theater auf dem Theater, im Sinne von: anderen etwas vorspielen, etwas vortäuschen, seine überspannten High-Society-Maskierten bleiben zueinander auf Distanz. Verliebt-verlobt-verheiratet ist nur eine Farce, das hat man schon subtiler gesehen. Aber ein Glück: Marcel Heuperman, im Programmheft aufgeführt als „ein Gentleman“, gibt die beiden Butler. Seine mit grüner Tinte gefärbte Knopfloch-Nelke, Wilde trug eine ebensolche bei der „Bunbury“-Uraufführung, weißt ihn als Alter Ego des Autors aus, dem es selbstverständlich zusteht, seine Regieanweisungen höchstselbst vorzulesen. „Zieh‘ die Handschuhe aus!“, befiehlt er Florian Teichtmeister, der sich mindestens eines Dutzends davon entledigt, um zu Jack Worthing zu werden.

Derart auf Turbo geschaltet üben sich Teichtmeister – mit besonderer „Ernst“-haftigkeit –  und Tim Werths als flirrender lanky Algernon im Ennuyieren und der seltenen Gabe des Ignorierens. Auftritt Regina Fritsch als Lady Bracknell, Tante Augusta doppelzüngig zwischen ihrem schrillen Hexenlachen und ihrer Zuckerlsüßheit, ihre Tournüre allein (Kostüme: Graziella Pepe) kennzeichnet sie als Königin der Nacht, eine gefürchtete Keifzange, die die sie Umgebenden in ebendiese nimmt, die Fritsch mit der üblichen darstellerischen Urkraft. Kräftig hat Latella hier die Schreckschraube angezogen.

Durchchoreografierte Szenen: Regina Fritsch, Marcel Heuperman und Tim Werths. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Der gesungene Bunbury-Orgasmus: Gindorff, Teichtmeister, Wenzl und Ateşçi. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Diese Tasche konnte wohl niemand übersehen Mehmet Ateşçi als androgyne Miss Prism. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Die Tante hält das Ensemble auf Trab: Regina Fritsch scheucht Tim Werths über die Bühne. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Doch das Kabinettstück schafft Mavie Hörbiger als deren kameratauglich grinsende Tochter Gwendolen, auf zwei Theatersesseln auf der Bühne sind stets die einen der anderen Publikum, als sie den Namen „Jack“ auf seine Eignung von Flirt über ersten Tanz bis schließlich Sex ausprobiert. Auf dem Lande hingegen ist Andrea Wenzl als Worthings Mündel Cecily eine aggressiv psychotische, verzogene Göre, warum, man weiß es nicht, jedenfalls bricht sie mit Max Gindorff als Pastor Chasuble, Mehmet Ateşçi als Gouvernante Miss Prism, beide in Paillettenanzügen, und den Gästen aus der Großstadt in ein opernhaftes Orgasmus-Quintett aus, als wäre man nicht in großbürgerlichem Salon, sondern auf Schloss Almaviva.

Überhaupt: Mehmet Ateşçi. Er ist mit seiner lasziven Körpersprache, seinem „Party Girl“ und seinem nach Spotlights sortierten Nervenzusammenbruch ob Miss Prisms wiedergefundener Tasche einer der Lichtblicke des Abends. „Text!“, fordert er immer wieder von Souffleur Heuperman. Schließlich werden die Zuschauerinnen und Zuschauern dazu angehalten, das furiose Finale von Tafeln abzulesen. Eine Übung, die würdevoll über sich ergehen gelassen wurde. So reiht sich Zirkusnummer an Zirkusnummer, ohne dass sie sich jemals zu einem Ganzen zusammenfügen, wie etwa viele kleine Feuerwerksraketen auf- und genauso schnell wieder verglühen, ohne dass ein irgend gedankensprühendes Strahlenmeer zustande kommt.

Die Moral von der Geschicht‘, abgesehen von der, dass Geld die Welt regiert, ist die, dass es niemals gelungen ist, der schriftstellerischen Satire durch Versatzstücke aus dem Regiefundus noch eins draufzusetzen. Die Sache mit dem Elativ ist nicht relativ, und weniger in der Regel mehr. Und wenn Butler Lane als Gay Moment Nr. 3 die beatgeboxte Zerlegung des titelgebenden Bunbury durchs Ensemble ankündigt, dann versteht man, wie wichtig es ist, Ernst zu sein.

www.burgtheater.at           Teaser und Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=sgPm6fjg0Ug           www.youtube.com/watch?v=560S0TxOdCI

  1. 5. 2021

Landestheater NÖ online: Am Königsweg

November 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wahrheit ist ein schlechter Witz

Elfriede Jelinek allein unter Habjans Grusel-Muppets: Manuela Linshalm, Bettina Kerl, Tilman Rose, Hanna Binder und Sabrina Ceesay. Bild: © Alexi Pelekanos

Zum Wiedersehen und Neuentdecken bietet das Landestheater Niederösterreich bis inklusive Sonntagabend Nikolaus Habjans – von der New York Times zu den fünf besten deutschsprachigen gezählte – Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ als Stream an. Der Blick ins Oval Office der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin, geschrieben kurz nach der Vereidigung von Donald Trump, ist dieser Tage durchaus wieder ein aktueller.

Sträubt sich der Realitätsverweigerer doch den Präsidentensessel zu räumen und setzt selbst als Lame-Duck-Amtsinhaber, statt Platz für Joe Biden zu machen, noch allerlei fragwürdige Aktionen. Was „Am Königsweg“ online selbst für solche, die’s live schon gesehen haben, besonders macht, ist das Naheverhältnis, das man zu Habjans Puppen herzustellen vermag. Man ist sozusagen mitten drin in der Muppet Show, deren Erscheinen die einleitende Regieanweisung der Autorin und ihr Text damit wie für Habjan gemacht ist. Der Regisseur, der die öffentlichkeitsverabscheuende Schriftstellerin bereits andernorts via Puppe performte und sich mit ihr bis zu dem Punkt bekannt machen konnte, dass sie die Aufführung nun virtuell eröffnet.

„Von wem will ich da überhaupt sprechen?“, fragt sie eingangs vom Band, und auf der Bühne ergänzt ihr Puppenkörper im Kimono, wie das Vorbild gealtert und mit rot gefärbtem Haar: „Darüber muss ich mich mit mir verständigen.“ Die Antwort lautet: Von Donald Trump natürlich, doch vor allem auch von Elfriede Jelinek. Selten war eine ihrer Hervorbringungen so selbstreflektiv, so selbstironisch, so sehr sich selbst bespiegelnd. Sie tue, was sie stets tue, „ich verstecke mich hinter meiner Weltanschauung“, sagt die Puppe, aber nein, diesmal tritt die Jelinek vor den roten Samtvorhang.

Als Seherin, der alsbald chirurgenfachkundig mit dem Skalpell die Glitzeraugen aus dem Kopf operiert werden, dient als Mythenreferenz, zur Mythosdekonstruktion doch der des König Ödipus, für den namentlich nie genannten King Donald, für das Kind Donald – ein hässlich-güldenes, gefräßiges, Rabäh-Aufmerksamkeit!-kreischendes Baby, dem die 70.000-Dollar-Frisur als Toupet auf die Glatze gesetzt wird. Wie konnte die Welt angesichts der Trump-Präsidentschaft und – nicht ausschließlich – seines Rechtspopulismus derart mit Blindheit geschlagen sein, ist die Frage, die Jelinek umtreibt. Während sie sarkastischen Schabernack mit ihrem fortschreitenden Alter, dem Ablaufdatum ihrer Sexualität, einmal mehr mit dem Nicht-Verhältnis zur Mutter und ihrer Ohnmacht als „Sprüchesängerin“ treibt.

Tilman „Trump“ Rose. Bild: © Alexi Pelekanos

Linshalm, Bettina Kerl und Miss Piggy. Bild: © Alexi Pelekanos

Trumps Traum: Ensemble. Bild: © Alexi Pelekanos

Linshalm mit Waldorf und Statler. Bild: © Alexi Pelekanos

„Sprücheklopferin!“, korrigieren quiekend die Muppets, mittels derer Habjan die Polit-Groteske zum Grand Guignol überdreht, zum anarchischen Kasperltheater mit ausreichend Prügelslapstick wie beim berühmten Krokodil-Showdown. Mit Habjan-Intima Manuela Linshalm und deren Jelinek-Puppe stehen die Ensemblemitglieder Hanna Binder, Tim Breyvogel, Bettina Kerl und Tilman Rose vor der rotierenden Oval-Office-Kulisse von Jakob Brossmann. Mal sind sie Puppenspieler, mal ein Ku-Klux-Klan-Chor, deren Faschisten-Veteran David Duke in Zeitungskolumnen begeistert Trumps „nationalistische Ansichten“ lobt, Gewalt-Prediger des Gott-Königs, seine Wort-im-Mund-Verdreher bis aus harten Fakten alternative werden – der Abend ist voll von Anspielungen.

Als Gast ist Sabrina Ceesay dabei, als Afroeuropäerin eine Verwandte jener Menschen, von denen Trump behauptet, mehr für sie getan zu haben, als jeder Präsident seit Lincoln. Großartig, wie sie sich als Putzfrau durchs Weiße Haus staubsaugt, und große Kunst wie die sechs perfekt aufeinander eingespielten Darsteller nicht nur die Puppen führen, sondern gleichzeitig im Jelinekischen Satzstrom über deren stromschnelle Formulierungen turnen, eine Textfläche, die Habjan in mundgerechte Sprachparzellen geteilt hat.

Auftritt eine scheußlich geblendet Miss Piggy, die irgendwie die First Lady zu sein scheint, ein grottiger, Applaus-Applaus-Applaus wachelnder Kermit, die untoten Waldorf und Statler, die nicht auf dem Balkon, sondern aus der Versenkung erscheinen, der weise Knabe Beaker, der hier viel mehr zu sagen hat, als nur Mimimi, der langnasige Gonzo, ein Körpermerkmal, das Miss Piggy zum Beischlaf nutzt, die grässlichen Muppet-Fratzen und selbstverständlich das Trump-Baby. Und nicht nur Manuela Linshalm beweist sich als vieltönendes Stimmwunder, sondern auch Tim Breyvogel im raukehligen Gonzo-O-Ton.

Gonzo offeriert den drei Elfrieden-Erinnyen den Eris-Apfel: Bettina Kerl, Sabrina Ceesay, Manuela Linshalm und Tim Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

Wie Tilman Rose, der sich mit der Trump-Puppe als 1A-Idiom-Imitator und psychologischer Puppenbeteuer fürs misogyne, xenophobe Große-Klapp(e)maul zeigt. „Ich werde höchstens eine Anmerkung im Buch der Geschichte sein, aber eine fettgedruckte“, witzelt die Jelinek-Puppe über ihn, und ja, die Wahrheit ist ein Witz, zeithistorisch betrachtet ein schlechter, aber gespielt ein ausgesprochen guter. Hinsichtlich hintergründigen Humors am schönsten eine gespenstische Szene:

Popanz‘ Trumps Traum, ein Nachtflug über ein gespaltenes Land, in dessen Mitte-Nichts die Lager rechts und links hineinzufallen fürchten. Und war die Jelinek anfangs schon bei KKK, so ist sie nun längst bei Kapital, Krise, Klassenunterschieden, einer kulturellen Ordnung, die auch in der hiesigen Budgetdebatte hochgehalten wurde, na danke dafür. „Schwer seufzend hebt das Land die Hand, es meldet sich freiwillig.“ Als Opfer, laut Jelinek und nachzulesen beim Kulturanthropologen René Girard dieser Kult die einzige Möglichkeit für primitive Gesellschaften ihrer Gewaltbereitschaft Herr zu werden.

Die Darsteller klamauken und kalauern sich durch den Abend, als ob es kein Morgen gäbe. Bis Sophokles‘ NéoTeiresia sich figürlich verdreifacht, Sabrina Ceesay und Bettina Kerl verantworten nun neben Linshalm ebenfalls höchst entsprechende, jüngere Jelinek-Versionen. Drei Göttinnen wollen sie sein, doch wenn, dann die Elfrieden-Erinnyen, personifizierte Patriarchats-Gewissensbisse und feministische Verteidigerinnen weiblicher Prinzipien, die der toxischen Männlichkeit den Königsweg abschneiden. Aufs Sofa hingegossen ermahnen sie die Sterblichen schicksalhaft, „es soll ja keiner auftrennen, was ich an Worten aneinandergefügt habe“, und klar, dass sie den von Gonzo gereichten Eris-Apfel mit einer Empfehlung, wohin zu stecken, zurückweisen.

„Am Königsweg“ ist wie ein Nachtalb der Autorin. Oder ein kommentierter Schreib-Prozess, den das Über-Ich dem Überdrüber-Ego macht. Wieder keine Action, wieder nur Gerede, schilt sie sich. Stimmt nicht, Habjan hat mit überbordendem Ideenreichtum eine Tour de Farce illustriert, inspiriert von den vielen Wortspielereien und um Schauwerte nicht verlegen. Und er lässt das von ihm choreografierte Ensemble glänzen, als Puppen- wie als Schauspieler. Sagt die Jelinek-Puppen-Trias: „Mein Wort ist verrückt geworden. Wahrscheinlich, weil es glaubte, mich verloren zu haben. Aber ich verliere keine Worte.“ Beschließt die Satire das Original von oben: „Bitte seien Sie mir nicht böse und hören Sie lieber nicht auf mich.“

www.landestheater.net           Stream: www.landestheater.net/de/news-bild/online-stream-am-koenigsweg           Trailer: www.youtube.com/watch?v=ABlgR2IGlyg&t=42s           Nikolaus Habjan im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=8Uqk6XvouVE           Proben: www.youtube.com/watch?v=Rb_6j3UzqMs&t=14s

Buchtipp: Howard Jacobsons „Pussy“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269

  1. 11. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020