Volksoper: Brigadoon

Dezember 2, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schottisches Märchen von schönster Herzenswärme

Eine Sternstunde für das Wiener Staatsballett, das Orchester und Chor und Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Keine Sorge, wenn die Sache, und davon ist auszugehen, so hervorragend läuft, wie vergangene Saison die konzertante Aufführung von „Porgy and Bess“, wird das Haus sicher bis Februar weitere Vorstellungen ansetzen. Der Vorschlag wäre rund um den Valentinstag, weil: da reingehen mit der Liebsten, und die ist hin und weg und auf ewig dein … Gestern hatte an der Volksoper der erste große Musicalerfolg

des genialen Duos Frederick Loewe und Alan Jay Lerner Premiere, „Brigadoon“, auf den bald die noch gigantischeren von „My Fair Lady“ oder „Gigi“ folgen sollten, halbszenisch und dies ist kaum zu glauben – als österreichische Erstaufführung. Ein Glück also, dass Direktor Robert Meyer die in den schottischen Highlands angesiedelte Liebesgeschichte nun für sich und damit auch fürs Publikum entdeckt hat, strotzt doch das wundersame Märchen nicht nur vor wunderbaren Melodien, sondern platzt auch vor Romantik aus allen Nähten.

Mit der gemäßer Herzenswärme gehen die Mitwirkenden an die Story heran, Dirigent Lorenz C. Aichner, der die Seinen mit Schwung und Sinn für Swing durch Loewes Evergreens leitet, Regisseur Rudolf Klaban, Choreograf Florian Hurler und das Wiener Staatsballett, die mit Verve die Bezeichnung des Abends als halbszenisch ad absurdum führen. Klaban holt mit Hintergrundbildern reetgedecktes Dorfidyll, purpurfarbenes Heidekraut, Castle-Ruinen und bemooste Wälder auf die Bühne, davor das Orchester und der wie stets von Thomas Böttcher fabelhaft vorbereitete Chor, davor die Solisten und vier Tanzpaare, Lassies und Lads in Scots-Tracht samt Tartan.

Jeffrey Treganza als Jeff Douglas und Jessica Aszodi als Meg Brockie. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Oliver Liebl als sinistrer Harry Beaton beim Sword Dance. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ben Connor als Tommy Albright und Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Wobei bei den schnellen, kraftvoll gesprungenen Reels und Stately Steps kein Zweifel darüber bleibt, was die Herren unterm Kilt tragen. Auf 581 Vorstellungen am Broadway, auf 685 in London West End hat es „Brigadoon“ sofort in Serie gebracht, bekannt ist die Vincente-Minnelli-Verfilmung mit Gene Kelly, der 1954 den New Yorker Touristen Tommy Albright verkörperte, der sich mit seinem Freund Jeff Douglas im schottischen Middle of Nowhere verirrt – und auf den im Wortsinn zauberhaften Ort stößt, der, weil nur alle hundert Jahre für einen Tag zum Leben erweckt, auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Der österreich-stämmige Loewe hatte sich an die alte Sage „Germelshausen“ von Friedrich Gerstäcker erinnert, Lerner die verwunschene Siedlung Zweiter-Weltkriegs-bedingt in den Norden der britischen Inseln verlegt und sie nach den Burns-Balladen über die Brig o‘ Doon benannt. An der Volksoper singt und spielt der australische Bariton Ben Connor den Tommy, überhaupt weist der in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln und Texten von Erzähler und Barkeeper Christoph Wagner-Trenkwitz gestaltete Abend eine hohe Zahl an Native Speakers auf, so etwa die texanische Sopranistin Rebecca Nelson als jene Fiona MacLaren, in die sich Tommy selbstverständlich unsterblich verliebt, und den wie sie aus den USA stammenden Tenor Jeffrey Treganza als Jeff.

Die australische Mezzosopranistin Jessica Aszodi, die als temperamentvoll-verrückte Meg Brockie am armen Jeff ihren Hang zum Männerfang austobt, gibt mit der Rolle ebenso ihr Hausdebüt, wie der britische Tenor Peter Kirk als Charlie Dalrymple, Fionas jüngerer Schwester Jean MacLarens Verlobter. Das neue Ensemblemitglied Lauren Urquhart ist als Tommys zickige Upper-Class-Verlobte Jane Ashton zu erleben; ihr schottischer Großvater Doug Urquhart hat mit der Truppe die rrrichtige Aussprache trainiert. Und apropos, rrrichtig: Schon im Foyer erwarten die Dudelsack-Spielerinnen Irmgard Foglar und Saskia Konz und Trommlerin Julia Nusko die Zuschauer, um sie mit ihren Great Highland Bagpipes und der Scottish Snare Drum in die passende Stimmung zu bringen; später werden die drei Musikerinnen den Funeral Dance von „Maggie“ Mila Schmidt begleiten.

Lauren Urquhart als Jane Ashton, Erzähler Christoph Wagner-Trenkwitz und Ben Connor als Tommy Albright. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren, Jessica Aszodi als Meg Brockie und der Jugendchor des Hauses. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Peter Kirk hat als Bräutigam Charlie Dalrymple den schönsten Love Song des ganzen Musicals zu singen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Jessica Aszod, Vernon Jerry Rosen, Jakob Semotan, Rebecca Nelsen und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Und apropos, Dance: Auch Juliette Khalil als Jean, Jakob Semotan als Stuart Cameron oder Maximilian Klakow als Sandy Dean wirbeln mit den Profis Round-the-Room, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten, allen voran Oliver Liebl, der als sinistrer Harry Beaton durch den Sword Dance turnt, als wäre er für derart Folklore zur Welt gekommen. Punkto Performance bleibt kein Wunsch offen und kein Auge trocken, Ben Connor und Rebecca Nelsen singen gemeinsam hinreißend den Riesenhit „Almost Like Being in Love“ und „The Heather on the Hill“, Peter Kirk ganz großartig den Ohrwurm „I’ll Go Home with Bonnie Jean” und den schönsten Love Song des Musicals „Come to Me, Bend to Me”.

Jessica Aszodi macht aus „The Love of My Life“ und „My Mother’s Wedding Day“ zwei gesangliche Kabinett- stücke, ein tödlicher Unfall passiert, Tommy und Jeff kehren zurück an die Ostküste, Tommy natürlich tod- unglücklich – und die Frage ist, ob die Liebe Raum und Zeit überwinden kann, die zu beantworten das Ensemble dieser rundum gelungenen Produktion am Mittwoch wieder zusammenkommt. „Brigadoon“ an der Volksoper, das ist sehr viel Sentiment, ein wenig Schottland-Satire und lyrische Stimmungsbilder, noch mehr fantastische Songs und die überbordende Spielfreude aller Beteiligten. In einem Satz: Ein Highland-Ausflug, der sich lohnt.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=84WDhdOgjSU           www.youtube.com/watch?v=DjxKsMi4D5E           Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=yum73XNvZ9E           www.volksoper.at

  1. 12. 2019

Jeffrey Eugenides: Das große Experiment

November 25, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Angst vor Körperflüssigkeiten

„Das große Experiment“, so heißt der Kleinverlag eines Pornomillionärs, in dem Lektor Kendall sein finanziell unbefriedigendes Dasein fristet, gerade dabei, dies das Titelzitat, Alexis de Tocquevilles bahnbrechende Publikation „Über die Demokratie in Amerika“ zu einer konsumierbaren Kurzfassung zu verdichten. Wegen der Knausrigkeit des Chefs, der sich weigert, ihm die Krankenversicherung zu bezahlen, werden Kendall und sein Kollege Buchhalter zu Betrügern. Doch just in dem Moment, in dem sie beginnen, in großem Stil Geld abzuzwacken, erweist sich eben jener Jimmy unerwartet als so ungeheuer großzügig, und auch als intelligenter und informierter als angenommen, dass Kendall plötzlich tief in der Pasche sitzt …

„Das große Experiment“ ist eine von zehn Erzählungen, die im gleichnamigen Buch zur ersten Kurzgeschichtensammlung von Jeffrey Eugenides zusammengefasst sind. Sie stammen aus 30 Jahren Autorschaft, umspannen also ein ganzes Schriftstellerleben, das mit dem Pulitzer-Preis für „Middlesex“ bis dato seinen Höhepunkt hatte, und was sich sagen lässt, ist: der Epiker ist auch auf der Kurzstrecke ein Gewinner.

Die Themen, Liebe oder was dafür gehalten wird, Ehe und ihre Probleme, Identitätskrise und Geschlechterkrieg, sind Eugenides eigen. Das geheimnisvolle Vom-Mädchen-zur-Frau-Werden, die erotische Färbung gleichgeschlechtlicher Freundschaften, die Verlockung Freitod, das ist beispielsweise aus den „Selbstmord-Schwestern“ bekannt, und kommt hier, in der Erzählung „Launenhafte Gärten“ aus dem Jahr 1988, als sozusagen Subtext vor. Während die Handlung von zwei ältlichen Junggesellen vorangetrieben wird. „Das Orakel der Vulva“ aus dem Jahr 1999, in der ein Sexualforscher im Dschungel Guatemalas über soziales und biologisches Geschlecht bei einem Eingeborenenstamm berichtet, legt die Fährte direkt zur zweigeschlechtlichen Romanfigur Calliope/Cal Stephanides.

Eugenides‘ Short Stories sind virtuos komponiert, zutiefst anrührend und, da ja „nur“ als Schlaglichter auf menschliche Schicksale gerichtet, nahezu verschwenderisch detailverliebt. Da benehmen sich Söhne, die die demente Mutter ins Heim abschieben, so verdächtig unauffällig wie Geheimagenten. Da wird ein mit schmutzigen Socken und Slips zugemülltes Schlafzimmer zur Höhle zweier Bären. Da erfüllt sich in „Die Bratenspritze“ eine bis dato mehr karriere- als männergeile Forty-Something mit ebendieser den Babywunsch. Diese 30-Seiten-Geschichte wäre gut für einen ganzen Roman, mit skurril-satirischer Zuspitzung dank eines Losers namens Wally Mars, dessen besondere Merkmale Knubbelnase und Glubschaugen rätselhafter Weise beim Neugeborenen erkennbar sein werden … Vor Körperflüssigkeiten aller Art darf man bei diesem Autor keine Angst haben.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Eugenides ist ein begnadeter Stilist, er kann’s als Humorist, kann Sarkasmus, aber auch die komplette Skala der großen Gefühle bespielen. Die Motive, die seine Ausführungen als Klammer zusammenhalten, siehe Tocqueville, zeigen eine USA in anhaltender Krise. Samt Bankencrash und dem Ins-Verderben-Reißen der kleinen Sparer, dem sich von Wahl zu Wahl neu vollziehenden politischen Wertewandel, und der Frage, wie die Generationen X, Y, Z auf die zunehmend prekären Verhältnisse überhaupt noch reagieren können. In einer verzweifelt melancholischen Geschichte über einen maroden Motelbesitzer bleibt diese, so wie das Ende, offen. Das macht Eugenides immer wieder, nichts auserzählen, sondern das Ganze im Leser atmosphärisch nachwirken lassen.

„Such den Bösewicht“ heißt die persönlich als beste empfundene Erzählung. Darin sitzt ein Ehemann im Gebüsch vor seinem Haus und beobachtet seine Familie. Nach und nach deckt dieses „Ich“ auf, dass es polizeilich von daheim weggewiesen wurde. Weil der Mann meist alkoholisiert und dann ein Gewalttäter ist, weil ein Streit, nachdem seine Sexaffäre mit der Babysitterin aufgeflogen war, eskalierte. Oder ist das alles doch nicht so passiert? Wie dieses Ich sich selbst darstellt und wie Frau und Kinder ergo ihm unverständlich panisch auf sein Verhalten reagieren, diese Beschreibung ist große Kunst. Auch darüber hätte man gern mehr erfahren. Aber, wer weiß?, vielleicht kommt ja noch ein Bösewicht-Buch.

Über den Autor: Jeffrey Eugenides, geboren 1960 in Detroit in Michigan, bekam 2003 für seinen weltweit gefeierten Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis und den Welt-Literaturpreis verliehen. Sein erster Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ wurde 1999 von Sofia Coppola verfilmt, und war vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen in einer Theaterfassung zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29022). Außerdem veröffentlichte er die Anthologie „Der Spatz meiner Herrin ist tot. Große Liebesgeschichten der Weltliteratur“ und den Roman „Die Liebeshandlung“, für den er den Prix Fitzgerald und den Madame Figaro Literary Prize erhielt. Er lehrt als Lewis and Loretta Glucksman Professor Amerikanische Literatur an der New York University.

Rowohlt, Jeffrey Eugenides: „Das große Experiment“, Erzählungen, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen.

www.facebook.com/jeffreyeugenidesnovelist

www.rowohlt.de

  1. 11. 2018

Wiener Festwochen: Die Selbstmord-Schwestern

Juni 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geduldsspiel mit Mangagirls

Bild: Judith Buss

SMI²LE heißt das Prinzip, in dem Timothy Leary die weitere Entwicklung der Menschheit sah. Viel mehr kann man bei Susanne Kennedys Debüt bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent auch nicht tun. Lächeln und aussitzen. Ihre Überprüfung, ab welchem Zeitpunkt Installation die Grenzen des Theaters sprengt, ist weniger – wie angekündigt – „herausfordernd“, sondern entpuppt sich auf die Dauer als Gedulds-Spiel. In langen 90 Minuten präsentiert Kennedy, was in ihrer Hand von Jeffrey Eugenides‘ Roman „Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides“ übriggeblieben ist.

Dazu mixt sie munter Leary und seine Entwicklungstheorie der acht Bewusstseinsstufen – sie verwendet den US-Psychologen, der einst den Gebrauch von psychedelischen Drogen als Freiflughilfe propagierte, in Form einer glatzköpfigen Avatarin als Tripsitter, und das Bardo Thödröl, das tibetische Totenbuch, in dem die Erlebnisse der menschlichen Seele beim Sterben geschildert werden und das Verstorbenen als Führer zum Licht der Erlösung / zur Wiedergeburt dienen soll.

Gestorben wird bei Eugenides nämlich eine Menge. Fünf Schwestern begehen nacheinander Selbstmord, die Gründe dafür sind unklar, diffus scheint es mit der Verweigerung des letzten Abschnitts der Adoleszenz zu tun zu haben. Nachbarsjungen beobachten begierig die Mädchen, einmal richtig fummeln dürfen!, und sie werden es sein, die als erwachsene Männer erzählen und immer noch spekulieren, warum die kleinstädtische Lisbon-Nachkommenschaft samt und sonders den Freitod wählte.

Dieses Männermotiv fließt in Kennedys Arbeit ebenso ein, wie der beschriebene Umstand, dass die Jungen einen veritablen Schrein für die Mädchen errichteten, in dem sie aus dem Müll gefischte Devotionalien deponierten – von Haarbürsten bis Tampons. Was Kennedy und ihre Bühnenbildnerin Lena Newton zeigen ist ebendieser Schrein als Hightech-Verherrlichungsapparat. Auf x-en Monitoren blinkt und flimmert es, Youtube-Girlies, die ihre pubertären Lebensweisheiten zum Besten geben, Kirsten Dunst in Sofia Coppolas Selbstmord-Schwestern-Verfilmung, die Jungfrau Maria mit blutendem Herzen …, hinten ein nacktes Schneewittchen in gläsernem Sarg, in Vitrinen sind Donuts aufgespießt, stehen Coca-Cola-Flaschen, hurra, wir machen hier Popkultur.

Dazu passt die Aufmachung der Schauspieler Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber und Damian Rebgetz, die sich dem japanischen Cosplay-Trend folgend, als Mangamädchen verkleidet haben (Kostüme: Teresa Vergho). Einzig Figurentheatermacher Ingmar Thilo darf sich maskenlos als jüngste Lisbon-Tochter und erster Todesfall das graue Greisenhaar bürsten lassen. Und weil bei Kennedy Verfremdung bis zur Unverständlichkeit Trumpf ist, ist der Text vorab eingesprochen, Voice over: Çiğdem Teke. Wer an dieser kitschigen Illusionsmaschine etwas deuten möchte, hat von vorne herein verloren.

Was von dieser Aufführung (?) im Gedächtnis bleibt, ist nicht viel. Kennedy, die seit Beginn ihrer Regisseurinnen-Tätigkeit an der Reduktion von Handlung und Aktion arbeitet, hat’s diesmal auf die Spitze getrieben, hat ihre Arbeit hermetisch abgeriegelt. Was anfangs noch spannend und schön anzuschauen ist, wird mit der Zeit öde, der Erkenntnisgewinn – und ging’s Leary-Guru nicht schließlich darum? – tendiert gegen Null, die vielen auch im Programmzettel herbeizitierten Reverenzen verpuffen ins Nichts. „You may feel confused and bewildered“ / „Sie könnten sich jetzt verwirrt und perplex fühlen“, sagt Learys Stimme kurz vor dem Ende. Das Wiener Publikum hielt’s höflich aus und applaudierte kurz, bevor es schnell zum Ausgang drängte.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

Volksoper: Carousel

März 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss was zum Mitsummen

Das Ensemble der Volksoper liefert gesanglich und darstellerisch eine Glanzvorstellung. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Es ist kein Leichtes, Rodgers‘ und Hammersteins „Carousel“ auf die Bühne zu bringen. Weder für Darsteller noch für Publikum. Gesang geht nahtlos in Textpassagen über, deren gibt es vor allem im zweiten Akt so ausufernde, dass man meint, hier würde aufs Singen ganz vergessen. An der Volksoper, wo man sich unter der Direktion Robert Meyer hohe Kompetenz in Sachen klassisches Musical angeeignet hat, ist die Übung nun aber gelungen. Zumindest über weiteste Teile.

Der einzig mögliche Einwand allerdings wiegt mittelschwer, nämlich, dass die Sprechstrecken so gestelzt und aufgesetzt daherkommen, wie es heute am Musiktheater wahrlich nicht mehr sein muss. So überzeugt das „Carousel“ in erster Linie musikalisch. Joseph R. Olefirowics als Mann am Pult weiß sowohl die lyrischen wie auch die temperamentvollen Stellen gekonnt zu dirigieren. Der Chor tut wie stets das Seinige, dass der Abend ein Vergnügen ist. Inszeniert hat Henry Mason – er ist auch für die deutschsprachige Fassung verantwortlich, die ein, zwei Mal (zum Beispiel bei „Wär‘ es Liebe) über die Noten holpert – ohne viel Schnickschnack, eine Zeitreise ins vorvorige Jahrhundert, deren Bühnenbild von Jan Meier Geschmackvolles zeigt: einen Jahrmarkt, eine Landschaft am Meer, den Sternenhimmel. So erzählt sich die von Ferenc Molnárs Drama „Liliom“ übernommene Geschichte so ziemlich kitschbefreit.

Als Billy Bigelow, heißt: Liliom, kann Daniel Schmutzhard mit seinem schönen Bariton ideal bestehen. Der Opernsänger meistert seine erste große Musicalrolle auch darstellerisch, gibt den Kraftlackel und Aufschneider, der die Jahrmarktsmenge im Griff hat, bevor er beim Monolog/„Soliloquy“ Billys sanfte, verletzliche Seite offenbart. Nichts desto trotz bleibt sein Karussellausrufer ein Unangepasster, eine verlorene Seele in Spießertown. Das bevölkern: Mara Mastalir als brave Textilarbeiterin Julie Jordan, die darstellerisch tatsächlich so etwas wie einen Hauch Naturalismus aufkommen lassen möchte. Ein Bravo hierfür! Johanna Arrouas, die alles aus ihrer Carrie Pipperidge herausholt und auf der ganzen Linie überzeugt, sowie Jeffrey Treganza als ihr biederer Enoch Snow.

Christian Graf als Jigger Craigin und Johanna Arrouas als Carrie Pipperidge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow und Mara Mastalir als Julie Jordan. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Christian Graf ist ein fabelhafter, cooler Bösewicht, der seinen Jigger Craigin zur Charakterstudie macht, Regula Rosin eine gute Mrs. Mullin, Nicolaus Hagg ein souveräner Bascombe, Atala Schöck eine schön solide Nettie und Robert Meyer ein köstlich-kauziger Sternwart – mit langem weißen Herrgottsbart und Arbeitsoverall eine Art Himmelshausmeister. Ganz großartig ist Astrid Renner als Julies Tochter Louise Bigelow. Sie meistert die Balletteinlage nach dem Original von Agnes de Mille, das Francesc Abós wie alle De-Mille-Tänze neu einstudiert hat, fabelhaft. Fein auch, die wie Solistinnen und Solisten tänzerisch in jeder dafür notwendigen Szene mithalten. Zum Schluss ertönt noch einmal „You’ll never walk alone“ – längst bekannt als die Fußball-Hymne des FC Liverpool – als Chorversion. Perfekt, um mitzusummen nach einer fast perfekten Aufführung.

www.volksoper.at

  1. 3. 2018

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 26. 4. 2017