Salzburger Festspiele: Lars Eidinger ist der Jedermann

Dezember 4, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Gespannt auf die Fragen, die er mir stellen wird“

Lars Eidinger. Bild: © Nils Mueller

Der Nachfolger von Tobias Moretti steht fest: Lars Eidinger wird der neue Jedermann, Verena Altenberger seine Buhlschaft. Beide standen schon gemeinsam vor der Kamera, in David Schalkos Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Das Traumpaar ist nicht die einzige Neubesetzung in der Inszenierung von Michael Sturminger, die kommendes Jahr grundsätzlich bestehen bleibt.

So übernimmt Edith Clever, die zuletzt vier Jahre Jedermanns Mutter gespielt hatte, von Peter Lohmeyer kommenden Sommer die Rolle des Tod. Neue Mutter wird Angela Winkler – und Mavie Hörbiger der erste weibliche Teufel. Nach „Die Blumen von gestern“ (www.mottingers-meinung.at/?p=23768, www.mottingers-meinung.at/?p=23779) und „Persischstunden“ (www.mottingers-meinung.at/?p=41521) – Lars Eidinger im Gespräch:

Worin liegt der Reiz der Rolle Jedermann?

Lars Eidinger: Das ist eine Erkenntnis, die ich in der Auseinandersetzung mit „Brecht’s Dreigroschenfilm“ gewonnen habe: Dass die Räuber laut Brecht keinem romantisch

verklärten Bild einer Gangsterbande entsprechen dürfen, sondern die Bürger selbst sind. Wir sind die Räuber. Wir sind Jedermann. Diese Herangehensweise fordert mich heraus. Ich hatte insgeheim immer gehofft, irgendwann für die Rolle des Jedermann angefragt zu werden, – und die Tatsache, dass ich mich damit nun in die Ahnengalerie der größten deutschsprachigen Theaterschauspieler einreihe, ist eine große Ehre, die mir zuteilwird. Es ist ein Lebenstraum, der in Erfüllung geht.

Was macht den „Jedermann“ in Salzburg so erfolgreich?

Eidinger: Er ist ein Klassiker. Was einen Klassiker ausmacht, ist die Tatsache, dass die Konflikte, die verhandelt werden, immanent sind. Es sind Konflikte, die für den Menschen unüberwindbar bleiben, die ihn ausmachen. Sie sind universell und elementar. Der Mensch wird in all seinen Facetten und Abgründen durchleuchtet. Das Stück ist ein Spiegelkabinett oder -labyrinth, an dessen Ende der Spiegel selbst in den Spiegel sieht. „Jedermann“ lädt die Zuschauer ein sich darin zu erkennen. Darum geht es in der Kunst – um Selbstreflektion und Erkenntnis.

Hat Sie einer der bisherigen Darsteller inspiriert?

Eidinger: Obwohl es viele herausragende Schauspielerpersönlichkeiten in der Reihe der Jedermann-Darsteller gibt, ist für mich Gert Voss der Größte. Ich hatte das Glück, ihm in Thomas Ostermeiers Inszenierung von „Maß für Maß“ zu begegnen (die 2011 bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte, Anm.). Er war ein Jahrhunderttalent. Der Begriff „Genie“ ist sehr abgedroschen, doch auf Gert Voss passt er. Er hatte eine ungeheure Kraft im Ausdruck, etwas von dem man glaubte, es sei unerschöpflich. Immer hatte man das Gefühl, so intensiv seine Darstellung auch war, man bekomme nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Und er hatte, so wie ein Musiker über das perfekte Gehör verfügen kann, das absolute Gespür für das Verhältnis von Aufwand und Wirkung. Das verlieh ihm seine unbedingte Glaubwürdigkeit.

Fängt man bei so einer Rolle, in der es um Leben und Tod geht, an über das eigene Leben nachzudenken?

Eidinger: Darauf freue ich mich tatsächlich am meisten. Das ist ja eines der größten Privilegien, die man als Schauspieler hat, dass man sich diesen Fragen stellt. Ich habe jetzt über 350 Mal „Hamlet“ gespielt und immer wieder die Frage „Sein oder nicht sein“ aufgeworfen. Es gibt keine elementarere. Ich würde sogar so weit gehen, dass es das erste Zitat ist, das einem einfällt, wenn man an Kunst im Allgemeinen denkt. Es gibt darauf im Leben keine Antwort, außer „Sein oder nicht sein“. Leben heißt diesen Widerspruch aushalten. Das macht die Bewegung des Lebens aus.

Mit Gert Voss in „Maß für Maß“. Bild: © Salzburger Festspiele

Als Bert Brecht im „Dreigroschenfilm“. Bild: © Wild Bunch

Mit Nahuel P. Biscayart in „Persischstunden“. Bild: Alamode Film

Mit Adèle Haenel in „Die Blumen von gestern“. Bild: © Dor Film

Und der Tod?

Eidinger: Der Tod ist Stillstand. Daher lautet Hamlets letzter Satz auch „Der Rest ist Stille“ – nicht „Schweigen“ wie es bei Schlegel fälschlicherweise übersetzt ist. „Silence“ braucht keine Anwesenheit im Gegensatz zu „Schweigen“. Mit Stille ist ein paradiesischer Zustand gemeint. Das sind Gedanken und Erkenntnisse, die ich mit „Hamlet“ gewonnen habe – und ich bin sehr gespannt, was mir der Jedermann erzählt, gespannt auf die Fragen, die er mir stellen wird.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Mal Salzburg?

Eidinger: Ich erinnere mich, wie Birgit Minichmayr mich in brütender Hitze auf den Domplatz eingeladen hat, wo Nicholas Ofczarek den Jedermann gab. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Frau „Immer noch Sturm“ auf der Perner-Insel gesehen habe – mit dem einstündigen Monolog von Jens Harzer am Ende – und wie wir im Gewitter in die Stadt zurückgeradelt sind. Ich erinnere mich, wie ich Anna Prohaska auf der Straße kennengelernt habe. Wie ich mit meiner Tochter Fiaker gefahren bin. Hans-Christian Schmid mich besucht hat. Dieses Jahr war für mich so intensiv und voller unvergesslicher Erlebnisse, dass ich es immer in meinem Herzen tragen werde.

Ihre Buhlschaft ist Verena Altenberger. Sie kennen einander bereits. Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit?

Eidinger: Ich habe sie bei den Dreharbeiten zu David Schalkos Adaption von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ kennengelernt und das Gefühl gehabt, wir suchen nach dem gleichen. Sie ist eine sehr freie Spielerin, die sehr über den Partner geht. Auch ich bin immer stark vom Gegenüber abhängig, und ich glaube, dass man mit ihr sehr weit gehen kann, weil wir uns vertrauen.

Oft wird die Buhlschaft mit Sinnlichkeit, Verführung und Erotik assoziiert. Was ist die Buhlschaft für Sie?

Eidinger: Georg Trakls Ideal war die Gleichgeschlechtlichkeit. Die Theorie, dass der Grund allen Übels auf der Welt die Trennung in zwei Geschlechter ist. Deshalb ist der Begriff „sex“ im Englischen so treffend, weil er sowohl die Unterscheidung in die Geschlechter beschreibt, als auch den Geschlechtsakt. Ich glaube, dass die Buhlschaft und der Jedermann ein Ganzes ergeben.

Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit mit Michael Sturminger?

Eidinger: Er ist ein ungeheuer freier Geist und hat einen sehr zugewandten, offenen und liebevollen Blick. Für mich ist das ganz wichtig, denn nur dann kann ich mich auch zeigen. Es macht großen Spaß, sich mit ihm auszutauschen, weil er viel weiß, aber sein Interesse am Gegenüber nicht verloren hat. Ich schätze ihn so ein, dass er mutig im Ausprobieren ist und empfänglich für Neues. Darauf freue ich mich.

Mit welchen Ideen gehen Sie in diese Inszenierung?

Eidinger: Es gibt ein schönes Zitat von Helene Weigel: „Hast du eine Idee, vergiss sie“.

www.salzburgerfestspiele.at           www.instagram.com/larseidinger

  1. 12. 2020

Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: Jedermann Reloaded

Dezember 11, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der reiche Schwelger rockt sich zu Tode

Von der Bühne vor die Kamera: Nach erfolgreich absolviertem Konzert im Stephansdom, wo sein Auftritt mit „Jedermann Reloaded“ beinah 70.000 Euro für ein Aids-Hospiz in Südafrika einbrachte, dreht Philipp Hochmair nun wieder einen Film. In Wien. Seit Anfang Dezember spielt er in der Regie von Peter Payer den Artur in „Glück gehabt“. Payers Drehbuch entstand nach dem Roman „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian, Ende 2019 soll die schwarze Komödie in die Kinos kommen.

Den nächsten Auftritt mit seiner Band Die Elektrohand Gottes, Gitarrist Tobias Herzz Hallbauer, Elektroklangkünstler Jörg Schittkowski und Schlagwerker Alvin Weber, hat Hochmair auch schon geplant – für den 14. März am Burgtheater.

Bis dahin können sich Fans am frisch erschienenen Album „Jedermann Reloaded“ erfreuen. Nach fünf Jahren Beschäftigung mit dem Projekt, das damals als Bühnensolo am Hamburger Thalia Theater begann, hebt Hochmair sein Experiment auf die nächste Ebene. Intimer, musikalisch subtiler, die Sprache intensiver als bei der bekannten Live-Performance, ist diese Aufnahme geworden. Hochmair öffnet den Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, das schafft eine neue Nähe zum Hoffmannsthal’schen Text.

Und wieder ist Hochmairs Jedermann alle. Die Mutter, der Mammon, der Gute Gesell und der Teufel. Der reiche Mann hält Zwiesprache mit zwei Mikrofonen, treibende Gitarrenriffs und die erprobt jaulenden Elektrosounds jagen den Ruhelosen vor sich her, diverse Klänge im Zwischenraum von Hans Werner Henze und Heavy Metal, wie Die Presse einmal schrieb. Die Stimmung kippt vom Exzentrischen ins Albtraumhafte, bis zum Ende der vierzehn Tracks die Musik fast zum Choral wird. Wenn sich der Sünder endlich mit seinem Gott versöhnt.

„Jedermann Reloaded“ geht einem als Studio-Album nicht weniger unter die Haut, denn als wuchtiges Sprachklangtheater. Alldieweil befassen sich Hochmair und Band schon mit ihrem nächsten Coup, dem „Schiller-Balladen-Rave“.

Elektrohand Records, Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: „Jedermann Reloaded“, Rock, erhältlich als CD oder LP.

Philipp Hochmair im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30729

www.philipphochmair.com          www.elektrohand.com          www.hoanzl.at

  1. 12. 2018

Philipp Hochmair: „Jedermann Reloaded“, das Album

November 25, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin ein Glückskind“

Philipp Hochmair macht den „Jedermann“. Bild: © Rafalea Proell

Philipp Hochmair ist „Jedermann“. In einem leidenschaftlichen Kraftakt schlüpft er in alle Rollen und macht Hugo von Hofmannsthals Stück zu einem vielstimmigen Monolog. Sein Jedermann ist ein Rockstar. Getrieben von Gitarrenriffs und den experimentellen Sounds der Band „Die Elektrohand Gottes“ verwandelt Hochmair das hundert Jahre alte Mysterienspiel in ein apokalyptisches Sprechkonzert.

Die langjährige intensive Beschäftigung mit dem Originaltext ermöglichte es dem Schauspieler im Sommer 2018 quasi über Nacht für den erkrankten Tobias Moretti einzuspringen und – von Presse und Publikum bejubelt – bei den Salzburger Festspielen die Rolle auf dem Domplatz zu übernehmen. Hochmair begann sein Jedermann-Experiment 2013, seither entwickelt er die Performance als Work in Progress weiter. Das Studioalbum „Jedermann Reloaded“ ist nach fünf Jahren Tourerfahrung schließlich ein weiterer Schritt. Der Blick kehrt sich nach innen, die Reise führt in Jedermanns Kopf. Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, tags darauf gibt es eine Benefizvorstellung im Stephansdom. Philipp Hochmair im Gespräch über seinen Jedermann, die „Vorstadtweiber“ und „Blind ermittelt“:

MM: Warum ist von all Ihren Arbeiten gerade der „Jedermann“ zum Lebensthema geworden?

Philipp Hochmair: Weil es eben ums Leben geht, und um die Hauptfrage, ob man richtig gelebt hat. Die sollte man sich in der Mitte des Lebens stellen, und darum ist in der Mitte meines Lebens auch dieses Stück auf mich zugekommen, mit einer Macht und einer Pracht, die man sich gar nicht vorstellen kann. Ich finde den Text mit den Themen, die er so essentiell anspricht, auch total zeitgemäß. Mir gefällt, wie der Jedermann erkennt, dass er einen falschen Weg gegangen ist, dass er eine Entwicklung durchmacht, die für ihn doch noch positiv endet. Das auszusagen scheint mir wichtig in einer Zeit, in der sich alles um Werte dreht, in der man sich an Sicherheit und Kapital und Versicherungen klammert, und ausklammert, dass man endlich und schwer verletzlich ist. Für mich ist „Jedermann“ das Stück der Stunde.

MM: Dabei war Ihre erste „Jedermann“-Erfahrung gar nicht so positiv.

Hochmair: Damals, noch vor der Schauspielschule, bin ich noch auf der Zuschauertribüne auf dem Domplatz gesessen, und was ich gesehen habe, war für mich als Spartenfremdem unbefriedigend. Ich habe mich einfach nur gewundert, was das sein soll. Das hat mich beschäftigt und mich umgetrieben, und dazu geführt, zu sagen, ich finde meine eigene Form. Diese Recherche endet fürs Erste im Album „Jedermann Reloaded“, das ist der aktuelle Zwischenstand einer langen Suche, die vor fünf Jahren mit dem Bühnenprogramm begonnen hat.

MM:  Und wie war’s vergangenen Sommer selber als Jedermann auf dem Domplatz zu stehen, in Vertretung des erkrankten Tobias Moretti?

Hochmair: Wahnsinn. Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, würde ich sagen, das war ein ganz tolles Erlebnis.

MM: Aber ist es nicht seltsam in eine bestehende Inszenierung einzusteigen?

Hochmair: Im Gegenteil, es wäre für mich viel anstrengender gewesen, langwierig zu proben. Aber so ist mir das wie durch ein Wunder erspart geblieben. Ich hätte nicht die Zeit gehabt, für drei Monate fast durchgehend in Salzburg zu sein, dazu hatte ich in diesem Jahr zu viele andere Projekte, habe auch gleichzeitig in Hamburg einen Film gedreht … Also war’s einfach ein Einsteigen und Auftreten und aus.

MM: Nun also zum Album: Was ist daran die Weiterentwicklung Ihrer Beschäftigung mit dem „Jedermann“? Was ist anders, was ist neu?

Hochmair: Dieses Album eröffnet einen Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, und das hat eine andere Intimität, eröffnet eine andere Nähe zu dieser Literatur.

MM: Ich hatte beim Anhören den Eindruck, es ist musikalisch subtiler als auf der Bühne, und die Sprache intensiver und in der Betonung ausgefeilter.

Hochmair: Genau, weil das Ganze aus einer Ruhe geboren ist. Wir hatten alle Zeit der Welt, haben am Sound, am richtigen Ton gefeilt, wohingegen man auf der Bühne getrieben ist, den Raum zu füllen, die Zuschauer mitzureißen, da agiert man ganz anders. Es nun einmal so „aufzuführen“, war eine dazu vollkommen konträre Erfahrung. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, nach fünf Jahren das Projekt einmal ganz genau zu definieren, auf der Bühne ist viel Improvisation und Reagieren auf den Raum. Jetzt haben wir einen klaren Klang für die von uns gewünschte Stimmung.

MM: Wäre ein Live-Album nicht die logischere Fortsetzung gewesen? Hatten Sie keine Bedenken, dass es ohne die Opulenz und Dekadenz der Auftrittsorte nicht geht?

Hochmair: Ein Live-Album könnte man jetzt immer noch machen – es wäre für uns und den Zuhörer wieder eine ganz neues Erlebnis.

MM: Ihre Auftritte sind von der Verausgabung her durchaus exzessiv zu nennen. Wann haben Sie dieses Rockstar-Gen in sich entdeckt, wie haben Sie sich die entsprechende Attitüde angeeignet?

Hochmair: Mein Mephisto oder mein Dorfrichter Adam gingen schon in diese Richtung, da habe ich das schon einmal ausprobieren können. Ich habe auch Kafkas „Amerika“ als Soloabend gespielt. Das letzte Kapitel, „Das Naturtheater von Oklahoma“, ist eine Hommage ans Theaters – alles ist plötzlich möglich, alles ist richtig … das war wahrscheinlich für mich die ersten Schritte in diese freiere Performance. Nach diesem Prinzip habe ich mich auch in den „Jedermann“ hineingeschmissen. Auf dem Domplatz ist die Aufführung doch ein ganz klar abgestecktes gesellschaftliches Ereignis, bei „Jedermann Reloaded“ haben wir diese Gesetzmäßigkeiten ausgehebelt und machen unser eigenes Ding, geprägt vom Psychedelic Rock und vom Glam Rock.

MM: Ist es das Reizvolle zwischen dem Exzess mit der Elektrohand Gottes und dem arrivierten Theaterapparat zu pendeln?

Hochmair: Ja. Das ist mein Lebensthema, vielleicht, die offene vs die geschlossene Form. Ich kann gut in staatlichen Institutionen Kunst machen, fühle mich aber genauso wohl in einer Punkband, wo man sich sozusagen tagtäglich überlegen muss, wo die nächsten Subventionen herkommen. Ich kann mit der Punkband an neue Orte gehen, wo ich neue Erfahrungen sammeln kann, ich kann die Punkband aber auch an Orte wie das Burgtheater mitnehmen, wo man mich als Schauspieler kennt. Dieses Cross-Over macht mir Spaß.

MM: Inwieweit ist das „Jedermann“-Projekt ein Selbstversuch? Und wie steht’s mit dem schönen Scheitern am Stück?

Hochmair: Ich begreife das Leben als Selbstversuch. Und was das Scheitern betrifft, wir scheitern jeden Abend am Stück. Das ist das Spannende, anders würde ich es gar nicht wollen. Das Stück ist eine Rampe, die man nehmen muss, und wir stürzen uns diese Piste runter.

Mit der „Elektrohand Gottes“. Bild: © Rafalea Proell

MM: Sie erzählen immer wieder von sich aus, dass Sie Legastheniker sind, und von Ihren Schwierigkeiten, sich Texte zu erarbeiten …

Hochmair: Ja, deshalb will ich sie, wenn ich sie einmal kann, auch nicht wieder hergeben. Deshalb kann ich sie auch so gut, dass ich über Nacht woanders einspringen kann. Der „Jedermann“ ist schwer erkämpftes Terrain, ein Berggipfel, der nun Heimat geworden ist.

MM: Es gibt von Ihnen ein Interview, aufgenommen in der Ehrengalerie des Burgtheaters, da sagen Sie den Weltklasse-Satz: „Ich wollte nicht neben meiner Statue sterben.“ Das bedeutet?

Hochmair: Eine Sehnsucht nach Dynamik und Austausch, Reisen und Entwicklung. Ich will niemals stehenbleiben und zufrieden sein mit dem, was ich tue oder schon erfahren habe. Deshalb habe ich auch zwei Mal den schweren Schritt getan, aus fixen Ensembles wegzugehen, einmal vom Burg-, einmal vom Thalia Theater. Aber er war notwendig.

MM: Gibt es denn Tage, an denen Sie in den Terminkalender schauen und denken: Oh, mein Gott …?

Hochmair: Jeden Tag, das ist ein Dauerzustand geworden. Aber das ist toll, der Preis eben dafür, dass ich die Sicherheit für meine Freiheit und für die Vielseitigkeit aufgegeben habe.

MM: Diese Vielseitigkeit, Sprechtheater, Musik, Film, Fernsehen, führt allerdings dazu, dass Sie mit diversen Etiketten versehen werden. Meine liebste Punzierung Ihrer Person ist immer noch „Bildungsbürgerpunk“. Wie leben Sie damit?

Hochmair: Das ist ein lustiges Wort, das ich sogar selber aus einer Laune heraus kreiert habe. Es soll absurd klingen, so wie Elektrohand Gottes. Was die anderen Zuschreibungen betrifft: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, werde ich mich nicht entgegenstellen. Mein Ziel ist, klassische Literatur einem breiten Publikum näherzubringen, wenn man dazu Begriffe hat, die Brücken schlagen, die Türen öffnen, ist es nur gut. Sie sollen ja nur dazu dienen nicht zu verschrecken, sondern Lust zu machen.

MM: Finden Sie, dass „Jedermann Reloaded“ dem Theater ein neues Publikum erobert hat?

Hochmair: Absolut. Ich spiele auch viel an Schulen, um ganz junge Leute ins Boot zu holen. Mein nächstes Projekt mit der Band sind Schiller-Balladen als Rave, da waren wir auch viel in Schulen, und das zu testen. Wir haben das auch schon in Bad Vöslau open air gespielt, irre, wenn die Leute zur „Glocke“ dancen. Geil!

MM: Mit dem „Jedermann Reloaded“ sind Sie schon ziemlich herumgekommen. Bis China. Wie war‘s dort?

Hochmair: Unglaublich toll. In China regiert der Turbokapitalismus schlechthin, dort ist der „Jedermann“ das Thema, seine Sehnsucht nach Glaube und Orientierung, aber auch die Frage, warum darf ein reicher Mann alles? Das Publikum war total begeistert, wir haben die Halle echt gerockt. Wir haben in einem Theater mit 2000 Sitzplätzen gespielt, in einer Stadt, die Albert Speer, der Sohn des gleichnamigen NS-Architekten,  umgebaut hat. So schaut’s dort teilweise aus, wie Hannover-Innenstadt, und gehst du 200 Meter weiter, bist du in einem urchinesischen Stadtteil, wo das Essen ein Hundertstel von dem kostet, wie um die Ecke. Absurd.

MM: Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, und tags darauf am 30. 11. geben Sie eine Benefizvorstellung im Stephansdom.

Hochmair: Das wird noch einmal etwas ganz Besonders, nicht nur wegen des guten Zwecks, sondern auch wegen des Rahmens. Ich finde es eine große Geste, dass der Stephansdom für eine Rockband seine Türen öffnet, aber die Kirche braucht ja auch neues Publikum. Es wird akustisch und optisch zwar sicher eine Herausforderung, aber das ist ja das Aufregende. Wir wollen auch mit dem Domorganisten zusammenarbeiten, er soll mit uns spielen, und das wird auch wieder ein Experiment werden. Der Erlös des Abends geht an das „Brotherhood of Blessed Gérard“ Malteser-AIDS-Hospiz in der südafrikanischen Region KwaZulu-Natal. Der Malteser-Orden hat um Hilfe gebeten, Kardinal Schönborn meinte, da müsse man handeln, Gery Keszler hat mich gefragt, so kam das alles zustande.

MM: Sie sind auch eines der neuen Gesichter der „Know Your Status“-Kampagne des Life Ball?

Hochmair: Das ist eine unbedingt unterstützenswerte Initiative, natürlich mache ich da mit. Die Sprüche, die auf meinem Körper stehen, sind auch alle von mir.

MM: Themenwechsel – Sie spielen nicht mehr in den „Vorstadtweibern“, Joachim Schnitzler ist Geschichte?

Hochmair: Nein, das hat sich geändert. Ich habe sie vermisst, sie haben mich vermisst, jetzt kommen wir wieder zusammen. Schnitzler ist also in der vierten Staffel kurz dabei, und in der fünften, an der gerade geschrieben wird, wieder länger. Schnitzler hat ja doch viele Leute umgebracht, musste ins Gefängnis, und Gefängnisszenen gab es wohl genug, jetzt werden ihm andere Dinge passieren, ich komme also weiter vor.

MM: Außerdem geht „Blind ermittelt“ weiter.

Hochmair: Ja, es gibt zwei neue Folgen, die Drehbücher habe ich schon zu Hause. Ab Mitte März wird wieder gedreht. In 14 Tagen beginne ich mit Peter Payer einen großen Kinofilm in Wien, „Glück gehabt“ heißt der, nach der Buchvorlage „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian. Das Polykrates-Syndrom beschreibt den Unwillen einer Person mit ihrem Glück umzugehen. Es gibt eine Ballade von Schiller, „Der Ring des Polykrates“, die kommt auch in unserem Schiller-Rave vor. Da geht es um einen Dialog zwischen den Herrschern Griechenlands und Ägyptens, die ihr Glück nicht annehmen und nicht verstehen und immer wieder infrage stellen – aber es kommt immer wieder mit voller Wucht zurück. Am Ende wirft Polykrates zum Beweis seines Unglücks seinen wertvollsten Besitz, einen Ring, ins Meer, und dann wird ihm ein Fisch zubereitet, und als er den aufschneidet, findet er darin seinen Ring. Der Film-Protagonist ist so ähnlich, und um dessen Achterbahn der Gefühle dreht sich diese schwarze Komödie.

MM: Ich mag Zufriedenheit ja lieber als Glück.

Hochmair: Ich nicht. Ich bin ein Glückskind.

Die Album-Kritik: www.mottingers-meinung.at/?p=30983

www.philipphochmair.com          www.elektrohand.com          www.hoanzl.at

25. 11. 2018

Burgtheater: jedermann (stirbt)

Februar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Finanzphilosophisches von Ferdinand Schmalz

Der Homo oeconomicus als ein Hedgefondshamster im Rad: Markus Hering als jedermann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Zum Ende hin das Bild. jedermann in der schwarz sich drehenden Röhre, die in die goldfleckige Wand eingelassen ist. Er diese zur Menschwerdung abschreitend, doch schneller und schneller dreht sich die Trommel, er muss nun laufen, der Hedgefondshamster im Rad, und strauchelt und stürzt und sagt, der Homo oeconomicus im Burnout-Modus: „Ich kann nicht mehr.“ Am Ende der Satz vom „schema sündenbock“.

Der jedermann, er stirbt, weil er zum Opfer wird, exemplarisch vorgeführt für eine ganze verkommene Schicht, die Gott nicht abträgt. Nur den einen … So ist das. Wenn Ferdinand Schmalz Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes über- und ergo fortschreibt. Und derart ein Zeitgeistzerrspiegel entsteht, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht. Vielmehr aktuelle Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Freitagabend war Uraufführung des Auftragswerks am Burgtheater, ein Abend, der mit großem Applaus und viel Bravo bedacht wurde. Inszeniert hat, Experte für Schwieriges, Stefan Bachmann (die reduzierte Bühne vom kongenialen Olaf Altmann, die mal goldenen, mal schwarzen Trachten-Kostüme von Esther Geremus wohl eine Reverenz an Salzburg).

Bachmann hat verstanden, dass Schmalz das barocküppige Moral-und-Anstand-Stück in eine moderne Moritat verwandelt hat. „jedermann (stirbt)“ befasst sich wie das Vorbild mit den weltwichtigen Fragen zu den allerletzten Dingen. Und gibt es keinen Glauben mehr, so immer noch die Hochmoral vom rechten Leben. Und den Allmächtigen – der hofft, so das Burgmotto für diese Saison, „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“ – und eine Sensenfrau und den Teufel sowieso.

Katharina Lorenz als jedermanns frau, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Barbara Petritsch als buhlschaft tod, Markus Hering als jedermann, Katharina Lorenz als jedermanns frau. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Letzterer tritt als gehörnte Masse auf. Schmalz hat Figuren neu gruppiert. Der Unterweltfürst ist nun eine (teuflisch) gute gesellschaft, die buhlschaft tod, der arme nachbar gott und die guten werke charity. Diese ganz erschöpft von den vielen -veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern … Ort und Tat verlegt Schmalz jenseits einer Festungsmauer, dahinter will sein jedermann ein Fest geben, er ein nicht näher definierter, es mit der Wirtschaft Treibender, ein Mann, der sich die Erde als Investment Untertan gemacht hat, ausgelaugt vom Schrauben an den Rädchen dieser Welt.

Doch vor den Toren brodelt es. Ein Finanzdebakel bahnt sich an, und Schmalz hat dazu viel Finanzphilosophisches zu sagen. Wie überhaupt seine Arbeit sehr sprachmächtig daherkommt, die überwältigend poetische Prosa und dazwischen die Reimlieder, die das Ensemble gemeinsam singt. Die allegorischen Figuren sind solche geblieben, ihre Handlungen wirken wie ritualisiert. Ein Totentanz und immer wieder eingefrorene Tableaux. Bachmanns Regie schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, löst deren Komplexität zwar nicht auf, aber konkretisiert durch Mehrstimmigkeit gekonnt dort, wo einem das Konstrukt sonst zu entgleiten drohen könnte. Und wie stets bei Bachmann ist das Ganze nicht ohne Humor.

Für diesen sorgen vor allem Markus Meyer und Sebastian Wendelin als dicker und dünner vetter, zwei Politiker, die Schulden für eine Parlamentskampagne angehäuft haben, erst schmeicheln und dann die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl jedermanns Konzerne übernehmen werden. Den jedermann gibt Markus Hering als Pragmatiker, ein Kapitalismussieger, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen. Katharina Lorenz und Elisabeth Augustin brillieren als dessen frau und mutter. Viel Zeit lässt sich Schmalz, um über Todesverdrängung zu berichten. Da passt es, dass Barbara Petritsch eine intensive buhlschaft tod ist, eine, die sich selbst Gauklerin nennt, wohl weil sie zum letzten Vorhang lädt.

Die (teuflisch) gute gesellschaft: Sebastian Wendelin als dünner vetter, Markus Meyer als dicker vetter, Elisabeth Augustin als jedermanns mutter, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott, Mavie Hörbiger als mammon/werke. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Stokowski spielt den armen nachbar gott als zum Fest gebetenen, erschöpften Bettler, Mavie Hörbiger hat ihre starken Momente als mammon, der über die Fortpflanzung des Geldes und über Rendite und Kredite referiert, und als gute werke aka exaltierte charity. Dass die Situation eskaliert ist klar, „den gläubigern fehlt es an glauben“. Schließlich der Aufruf, mit Geborgtem, sei’s Leben, Welt oder Geld, achtsam umzugehen.

Und, ach ja, der jedermann-Rufer ist diesmal seine frau. Absolution gibt es anno 2018 keine. Der Rest freut sich, während jedermann nun nackt aufgebahrt ist, aufs Erben: „der tod kann auch etwas nützliches sein – wenn er nicht einen selber trifft.“ Begeisterung im Publikum für diesen exzeptionell gelungenen Theaterabend!

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  1. 2. 2018