Schauspielhaus Wien: Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!

Februar 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken

Die Handhabung der Gurke entscheidet darüber, wer Herr und wer Sklave wird: Gabriel Zschache, Kenneth Homstad und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

In Skandinavien längst ein Star, stellte sich die norwegische Theatermacherin Lisa Lie nun im deutschsprachigen Raum erstmals mit einer Arbeit vor. Am Schauspielhaus Wien hob sie „Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!“ auf die Bühne, ein Abend, wie immer im Kollektiv entwickelt, eine freie Assoziation, eine Improvisation zum Mythos des Nürnberger Kellerkinds.

Das die Regisseurin, wie sie auch im Programmheft-Interview sagt, gar nicht so sehr interessierte. Vielmehr geht es ihr um das gesellschaftliche und politische Rundherum, in größerem Kontext um jene Ausgestoßenen, die ebendieses bleiben müssen, weil die Aufnahme der „wilden Kinder“ ins Gemeinwesen dessen Gleichgewicht stören würde. Peter Handkes Hauser-Text diente als erste Grundlage, doch weil ihr untersagt wurde, Fremdstellen einzufügen, ging Lie bald eigene Wege.

Die vom gesprochenen Wort weg ins Gestische, ins Mimische, ins Getanzte führen. Lie weiß das weite Brachland zwischen Schauspiel und Tanz mit ihrer Performance zu füllen, ihre Mittel dazu sind Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken. Und auch, wenn sich einem auf den ersten Blick einiges an dieser provokant enigmatischen Aufführung nicht erschließt, was nebenbei sehr passend ist, wird Kaspar Hauser doch in seiner Grabinschrift als „Rätsel seiner Zeit“ bezeichnet, sind die Bilder bestechend und das Ensemble erstklassig.

Der norwegische Schauspieler Kenneth Homstad fügt sich in eine Versuchsanordnung mit Jesse Inman und Gabriel Zschache, er auch Regieassistent am Haus, weil Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen auf den Mehrwert seiner Mitarbeiter setzt, und Vassilissa Reznikoff. Ihr gehört der Auftakt, ein Monolog von Kaspars mutmaßlicher Mutter, der badischen Prinzessin Stéphanie de Beauharnais. Reznikoff gibt die Blaublütige als eifersüchtig Liebende, als besorgt Trauernde. Sie zitiert aus den Briefen, die beim Findling gefunden wurden: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“, und dafür steigt sie auf die höchste Stelle jenes Objekts, das Maja Nilsens Bühnenbild darstellt.

Ein Kletterbaum im Menschenzoo. Den alsbald eine Horde Urmenschen erklimmt, in Fell gekleidet mit Pavianarsch, einer von ihnen betraut mit der Sisyphos-Aufgabe, ein gutes Dutzend Gurken zu den anderen zu bringt. Das Kürbisgewachs wird zum geistigen Grundnahrungsmittel; nur wer es aus der Plastikfolie zu befreien weiß, wird zum Herrenmensch, wer versagt bleibt Sklave. Nachahmung, sieht man, ist hier ein sicherer Erfolgsgarant.

Wer sich im Rokoko-Kleid zivilisiert gibt, entscheidet, wer in den Keller muss: Kenneth Homstad, Jesse Inman und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Am Ende Ausdruckstanz in hautfarbener Unterwäsche: Gabriel Zschache, Jesse Inman, Kenneth Homstad, Vassilissa Reznikoff und die nackte Existenz. Bild: © Matthias Heschl

Man kultiviert sich, nennt sich George und Gladys und feiert eine Teeparty mit aus Knetmasse geformten Tassen, übt im Rokoko-Kostüm Unterdrückung aus, tanzt den Weltuntergang mit Totenkopfmaske und in hautfarbener Unterwäsche. Wer bei der Selbstzivilisierung nicht mithalten kann, ist gefickt, heißt: Opfer jeglicher Art von Gewalt – auch sexueller. Dies wird in einigen Szenen durchaus explizit dargestellt, aus der Menschwerdungsorgie wird Gesellschafts/Bildung wird die Geburt der Kunst.

Diese eine schwere, schmerzhafte. Eine Gegenüberstellung der Sprachohnmacht gegen die Allmacht alles Körperlichen, die Schauspieler dazu im Intensivspielmodus. Eine Balletteinlage dient als Ausrede einander blutig schlagen zu dürfen. Dass Kunst „etwas ist, das absolut nichts darstellt, sondern etwas ist, über das man nachdenken kann“, heißt es dazu im knappen Text. Und: „Es geht nicht darum, die Zähne zusammenzubeißen, es geht darum, den Mund aufzumachen.“ Nach nicht ganz zwei Stunden entlässt einen Lisa Lie mit diesen Erkenntnissen (?) in die Nacht. Die Menschlichkeit sitzt im Keller, die Aufklärung ist nur ein Saunafetzerl über der Scham, es in 200.000 Jahren Existenz nicht in höhere Stockwerke geschafft zu haben.

Kaspar Hauser kam am 14. Dezember 1833 mit einer tödlichen Stichwunde im Haus seines Lehrers Georg Friedrich Daumer an. Wurde er Opfer eines Attentats oder verletzte er sich wegen abnehmenden öffentlichen Interesses an seiner Person selbst? Zu dieser Arbeit lässt sich abschließend jedenfalls sagen, dass Erkenntnis offenbar doch nicht immer was mit Auskennen zu tun haben muss. Lisa Lies „Kaspar Hauser“ feiert den Sieg des Unkonventionellen über die Konvention und die Konformität. Was das betrifft, ist das Schauspielhaus Wien ohnedies the place to be.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zkJCIbXvb5M

www.schauspielhaus.at

Wien, 2. 2.2017

aktionstheater ensemble: Jeder gegen Jeden

September 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Entsolidarisierung Europas

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

In vorauseilender Paranoia werden die österreichischen Grenzen dicht gemacht. Mit dem Fehlen der Solidarität zum Außen bricht auch die Solidarität im Innen. Vor dieser Kulisse entwirft Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble das Bild einer schleichenden Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft und reißt dieses Szenario auf Alltagskonflikte herunter. „Jeder gegen Jeden“ heißt sein Text dazu, der am 22. September im Werk X uraufgeführt wird.

Waren die Protagonisten etwa aus „Pension Europa“, bei aller Egozentrik, noch zu einem empathischen Miteinander fähig, so dienen die fragmentarischen Dialoge der Figuren nun nur noch dazu, dem eigenen Fortkommen Bahn zu schaffen: Roswitha ist die prototypische Wutbürgerin, für die, wegen TTIP und Finanzwelt, alles den Bach runter geht. Babett ist Mietshausbesitzerin, findet aber keinen Anschluss. Kirstin will keinen Anschluss, fühlt sich vom sozialen Umfeld bedrängt. Isabella will endlich bei einem positiven Stück mitspielen, Susanne ist das sowieso alles scheißegal. Martin ist Anarchist und hätte die Lösung, das will aber niemand hören. Alexander will auch nichts hören, freut sich aber, dass man wieder alles sagen darf. Alev geht ihre Großfamilie auf die Nerven und Michaela will unbedingt ein Watschenspiel machen …

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Es spielen Babett Arens, Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Alev Irmak, Isabella Jeschke, Alexander Meile, Kirstin Schwab und Roswitha Soukup. Vorstellungen bis 30. September.

Trailer: vimeo.com/167304222

aktionstheater.at

Wien, 13. 9. 2016