Landestheater Niederösterreich: Die schmutzigen Hände

Februar 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Juergen Maurer in Sartres Partei-Satire

Juergen Maurer, Pascal Groß  Bild: Nurit Wagner-Strauss

Juergen Maurer, Pascal Groß
Bild: Nurit Wagner-Strauss

Die Partei frisst ihre Kinder. Oder: Nicht nur Geschichte, auch Partei wiederholt sich. Oder … Illyrien, das war einmal. Am Landestheater Niederösterreich inszenierte die Niederländerin Maaike van Langen Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ in einer Neuübersetzung von Eva Groepler und gibt mit ihrer Arbeit das Stück von 1948 zur Neubesichtigung frei. Es herrscht Bunkerstimmung bei den Linken. Soll man sich mit dem Regentensohn und dem faschistischen „Pentagon“ verbünden (1x links + 2x rechts = ??? Siehe die SP-Annäherungen an https://www.facebook.com/pegida.at bzw. https://www.facebook.com/pages/Pediga/1579663822267240) Der Realo sagt Ja, die Fundis sagen Nein. Zur Bunkerstimmung hat Raimund Orfeo Voigt ein Bunkerbühnenbild geschaffen. Graue, drehbare Wände, die zum Konferenzraum, zum Schlaf- oder Arbeitszimmer, zur Straße werden. Sie werfen Personen aus dem Rahmen, fegen neue hinein.

Politik ist ein Ringelspiel. Politik dreht sich. Immer um die eigene Achse: Markiert durch seine bourgeoise Herkunft bleibt der junge Hugo ein kleines Rädchen in der Kommunistischen Partei. Doch es herrscht Krieg und Hugo, der Intellektuelle, der an die reine Lehre, sprich die Diktatur der Partei glaubt, ist bereit für seine Ideale zu kämpfen und zu sterben. Wer nichts getan hat, ist niemand. Als Beweis seiner Entschlossenheit soll nichts Geringeres als ein Mord dienen. Er bietet sich an, den Parteisekretär Hoederer, der wegen der aktuellen politischen Situation eine Allianz mit reaktionären Kräften anstrebt, um den Krieg und die deutsche Okkupation heil zu überstehen und am Ende die Macht zu ernten, zu töten. Zusammen mit seiner sexy Frau Jessica, die den Zögerlichen zu einer Tat, egal welcher, bewegen will, wird Hugo (Deckname: „Raskolnikoff“) als Sekretär bei Hoederer eingeschleust. Anfänglich zu seinem Auftrag fest entschlossen, zieht ihn dieser aber mehr und mehr in seinen Bann – der geplante Mord wird immer weiter aufgeschoben. Schließlich vollzieht er den finalen Auftrag. Nach Jahren in Haft pocht Hugo darauf, Partei-Befehle ausgeführt zu haben. Allein die Situation hat sich mittlerweile verändert, Hoederer ist rehabilitiert und Hugo zur Persona non grata erklärt. Die Partei ist auf Hoederers Linie umgeschwenkt … und für Hugo rollt die nächste Kugel im Roulette. Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.

Als Intellektueller im Zweiten Weltkrieg selbst von aktiven Sabotageakten im Widerstand gegen die Nazis ausgeschlossen (die Kommunisten, die nach dem Verbot von 1939 schon eine Widerstandsorganisation im Untergrund aufgebaut hatten, und die 1941 mit Attentaten auf deutsche Soldaten begannen, hielten ihn für einen anarcho-linken bürgerlichen „Dichter und Denker“, der für direkte Aktionen ähnlich unbrauchbar war wie seine spätere Figur Hugo), verarbeitet Nobelpreisträger und Philosoph Sartre seine Erfahrung in der Partei-Satire. Mit diesem Politthriller geht er aber auch der universelleren Frage nach der Unvereinbarkeit von politischer Praxis und moralischer Integrität nach, zeigt, wie abhängig Ideale und Überzeugungen von der Tagespolitik und auch von privaten Emotionen gemacht werden. Die ideologie ist vom Individuum nicht zu trennen. Man staunt, wie tief Menschen ihre Hände in Blut und ihre Hirne in Lügen tauchen können. Ein Glück. Van Langen hat Sartre verstanden und macht die Farce dort sichtbar, wo sie eine ist. Es ist, ja tatsächlich, zum Lachen. Die Regisseurin gewährt nicht nur den Schlüssellochblick in die neoideologistische, postdemokratische Jetzt-Zeit, sondern lässt auch eine Hintertür in den Humor offen. Der ist, wenn sie „spazieren“, marschieren, und man trotzdem … Nach dem „Wir kämpfen für …“ steht bei Van Langen nur noch ein Leerzeichen. Das trifft den Nagel – pardon für das Wortspiel – gerade am heutigen Tag auf den Kopf. Worte sind geladene Pistolen.

Das St. Pöltener Ensemble hat sich als Gast Juergen Maurer eingeladen. Er gibt den Hoederer zwischen gütigem Herrscher, Anschläge fürchtendem Angsthasen und lauerndem Raubtier. Alles in allem ist er aber ein desillusinierter Melancholiker, der zwar die Revolution von innen anstrebt, ein Überzeugungstäter, der für seine Überzeugungen stirbt, aber sich lieber einen hinter die Binde gießen als auf Polit-Parabel machen möchte. Doch mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus. Pascal Groß ist als sein Mit- und Gegenspieler Hugo großartig. Im weißen „Intelligenzler“-Rollkragenpullover ist er hin- und hergerissen zwischen den Wahrheiten, die ihm aufgetischt werden. Ein trotziger Trotzkist. Doch was bringt ein Arbeiterrat, wenn der Arbeiter keinen Rat mehr weiß? Das steigert erst HugosVerzweiflung, dann die Wut, die ihn Richtung Hoederer abdrücken lässt, am Ende die Resignation. Loyalität, erkennt er, wird in dieser Welt nicht belohnt. Marion Reiser als Olga; Wojo van Brouwer, Tobias Voigt und Jan Walter überzeugen in verschiedenen Rollen. Höhepunkt des Abends ist aber Swintha Gersthofer als Jessica, die in verschiedenen „Edeloutfits“ und Perücken Hugos „Luxus“ gibt. Ein Weibchen, von dem man nie weiß, ob es spielt, „spielt“ oder mit dem Spiel gerade ernst macht. Sie will. Sich durchsetzen, Hoederer zwischen den Schenkeln, das Mannsbild im Bilde gegen das Männlein, das meist im Walde steht, austauschen. Auch sie wird scheitern.

Am Landestheater Niederösterreich wird wieder einmal Theater gemacht, wie man es sich nur wünschen kann. Intendantin Bettina Hering beweist einmal mehr nicht nur ein Händchen bei der Spielplangestaltung, sondern auch bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Eine Ausnahmeproduktion. Empfehlenswert. Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.

www.landestheater.net

Wien, 2. 2. 2015

Berliner Theatertreffen: Baumgarten inszeniert Brecht

Mai 29, 2013 in Bühne

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“

Regisseur Sebastian Baumgarten war mit seiner Inszenierung von Bert Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ vom Schauspielhaus Zürich zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ein Brecht-Abend, wie man ihn sonst selten sieht. Denn während heimische Theatermacher gern erklären, dass dieses und jenes nicht ginge, weil die Erben …, hat sich Baumgarten einfach nichts geschissen. Der Wirtschaftsklassiker, derzeit wieder vielerorts gespielt, wird sonst möglichst nah ans „Heute“ gerückt. Baumgarten hingegen befindet sich eher in einem Chicago lang vor 1930. Das könnte ziemlich gestrig aussehen, tut es aber nicht. Ein Pianist klimpert jazzige Rhythmen, Brechts stets ein wenig alt-klug-vaterisch klingende Blankverse passen dazu wie ein Libretto aus den 20er-Jahren. Die Rinderbosse tragen Latex-Halbmasken wie aus einer alten Ruth-Berghaus-Inszenierung, die ihnen die gröbsten Gefühlsregungen aus dem Gesicht wischen. Dabei sehen die „Kings of Cool“ unrettbar lächerlich aus mit ihren Cowboyhüten und grotesken Kostümen, als hätte man Brechts verstaubten Verfremdungs-Fundus im Berliner Ensemble geplündert. Aber je weiter die Arbeit äußerlich von der Vorlage wegrückt, umso näher scheint sie ihr im Kern zu kommen. An den Gesetzen von Angebot und Nachfrage hat sich bis heute nichts geändert, Moral und Intelligenz dienen, so überhaupt vorhanden, hauptsächlich der eigenen Interessenwahrung. Lösung ist keine mehr in Sicht, nicht einmal als Utopie.

Wie eigentlich im Stück vorgegeben: Denn Börsenspekulationen prägen das Geschehen im Chicagoer Viehgeschäft. Der Fleischkönig Pierpont Mauler, der durch Insidertipps alles und jeden kontrolliert und dadurch den Markt künstlich zu regulieren vermag, spielt mit dem Gedanken, sich aus dem „blutigen“ Business zurückzuziehen. Um für seine Anteile einen angemessenen Preis zu erzielen, will er zunächst aber seinen Konkurrenten Lennox niederringen – mit fatalen Folgen für die Arbeiter der Fleischfabriken. Johanna Dark, eine Heilsarmeesoldatin der „Schwarzen Strohhüte“, macht sich auf, den entlassenen und hungernden Arbeitern zu helfen und wendet sich schliesslich an Mauler. Dieser will sie von der Schlechtigkeit der Armen überzeugen – doch Johanna glaubt an das Gute in jedem Menschen und erkennt in der Armut der Arbeiter den Grund allen Unglücks. Als sich kurze Zeit später das Blatt an der Börse wieder wendet und Mauler durch Niedriglöhne seine Monopolstellung am Fleischmarkt zu festigen sucht, bahnt sich ein Generalstreik der Arbeiter an. Johanna solidarisiert sich mit ihnen – doch sie vermag die Katastrophe nicht zu verhindern.

Baumgartens Inszenierung spielt mit und gegen Brecht, sie verfremdet die Verfremdung. Ist frech, trashig, „durchkomponiert“  und vor allem dreckig. Die heilige Johanna suhlt sich am Ende im Schlamm, wie die anderen im Blut. Selbst auf Brechts Kinobegeisterung wird angespielt (durch Videos oder wenn Mauler – wie  Nosferatu – seine Hand zur Klaue biegt). Als Johanna, die Hand mit der Pistole steif in die Luft gestreckt, schon tot am Boden liegt, taucht die High Society der Hinterhöfe wieder auf. In rot-weiß-blauen Superhelden-Ganzkörpertrikots und US-Flagge. Sieg! Auch, wenn der Kapitalismus sich längst neben Johanna langgelegt hat. Ein bisschen was geht immer … Und deswegen singen sie zum Schluss auch nicht Hosianna, sondern vom Haifisch, der seine Zähne noch hat. Und (Achtung: Textänderung!) von Tränen, und die laufen vom Gesicht … Riesenapplaus unter anderem für Yvon Jansen als Johanna, Markus Scheumann als Mauler, Carolin Conrad als skrupellose Pin-upige Maklerin Slift  – und natürlich Jean-Paul Brodbeck am Piano.

www.berlinerfestspiele.de

www.schauspielhaus.ch

www.mottingers-meinung.at/berliner-theatertreffen-orpheus-steigt-herab

www.mottingers-meinung.at/berliner-theatertreffen-thalheimers-medea

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013