Roman Polański: J’accuse – Intrige

Februar 6, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Affäre Dreyfus als erstaunlich aktueller Politthriller

Noch ist sein militärischer Ausbilder Picquart von Dreyfus‘ Schuld überzeugt, doch bald schon wird er sein Fürsprecher: Jean Dujardin und Louis Garrel. Bild: Guy Ferrandis

Der 5. Jänner 1895 ist kein großer Tag für die Grande Nation, vielmehr zeigt sich deren Belle Époque an diesem und den vielen folgenden von ihrer abstoßenden Seite. Die Regenwolken hängen tief, der Platz schwimmt in Wasser- lacken, zur Mitte des weitläufigen Hofs der Pariser École militaire marschiert eine Gruppe Offiziere. Der 5. Jänner ist der Tag, an dem Alfred Dreyfus, Artilleriehauptmann im Generalstab, wegen Landesverrats degradiert wird. Er soll dem Deutschen Kaiser- reich als Spion gedient haben.

Man reißt ihm die Epauletten vom Uniformrock, bricht sein Schwert entzwei, wirft alles zu Boden, ein inszeniertes, diszipliniert durchgeführtes Ritual der Entehrung. Dreyfus‘ schütteres Haar zittert im Winterwind, er nicht, seine Habtachtstellung ist eine, die starr ist vor Entsetzen über die groteske Demütigung. „Nun sieht er aus wie ein jüdischer Schneider, der den Wert der Goldtressen schätzt“, kommentiert einer der aberhundert gaffenden Soldaten und zivilen Schaulustigen. Doch der Bestrafte, der mit sichtbarer Mühe um Contenance ringt, muss noch die Reihen seiner ehemaligen Kameraden abschreiten. In dieser ersten Szene von „J’accuse – Intrige“, Roman Polańskis jüngstem Meisterwerk, das am Freitag in die Kinos kommt, ist bereits alles, was den weiteren Film ausmachen wird.

Das kalte Rattern der Militärmaschinerie, die den Menschen derart zum Objekt ihrer Macht deformiert, dass Dreyfus bei seinem Schandgang kein „Ich bin …“ über die Lippen kommt. „Man degradiert einen Unschuldigen!“, ruft er stattdessen im Gleichschritt und im Kommandoton der Kasernen. Auch der Antisemitismus ist allgegenwärtig, wenn die ältlich-fahlgesichtigen, von Standesdünkel angekränkelten Generäle versuchen, sich mit ihren judenfeindlichen Bonmots zu übertrumpfen. Für sie ist der gebürtige Elsässer Dreyfus der perfekte Sündenbock, mit dessen Deportation auf die Teufelsinsel vor Französisch-Guayana sie die Angelegenheit als erledigt betrachten. Major Marie-Georges Picquart hat zu diesem Zeitpunkt ebenfalls keine Zweifel an dessen Verbrechen. Obwohl die Beweisführung des Gerichts alles andere als hieb- und stichfest war.

Er möge Juden nicht, aber er werde auch keinen diskriminieren, hat Dreyfus‘ früherer Ausbilder ihm in einer von etlichen Rückblenden beschieden. Polański, gemeinsam mit Romancier Robert Harris auch Drehbuchautor, macht diesen Picquart zum Protagonisten seines akribisch recherchierten Fin-de-Siècle-Films, der sich vom anfänglichen Spionage-, später Gewissensdrama in seinem letzten Drittel zum Gerichtsthriller steigert, einem kitsch- und ergo musiklosen, so distanziert und unaufgeregten wie die Militärs emotionsarm wirken. Das Erzähltempo fließt im Takt der Mühlen sogenannter Gerechtigkeit, wenn sie ein Bauernopfer zermahlen, jedes Kamerabild von Pawel Edelmann wie das Gemälde eines anno dazumaligen Salonmalers, das nun in einer Amtsstube verrußt, in der die Ressentiments nie richtig enlüftet wurden.

Ein inszeniertes, diszipliniert durchgeführtes Ritual der Entehrung, die Degradierung von Dreyfus: Louis Garrel. Bild: Guy Ferrandis

Emmanuelle Seigner als Pauline mit Luca Barbareschi als Ehemann Philippe Monnier. Bild: Guy Ferrandis

Picquard verfolgt den wahren Spion Walsin-Esterházy durchs Pariser Nachtleben. Bild: Guy Ferrandis

Und stellt den Schriftsachverständigen Bertillon zur Rede: Mathieu Amalric und Jean Dujardin. Bild: Guy Ferrandis

In diesem Setting ist der privat wuschelköpfige, nun dem Vorbild mehr als sich selbst ähnelnde Louis Garrel fabelhaft als Alfred Dreyfus, für dessen Darstellung ihm immerhin nur wenige Szenen zur Verfügung stehen. Etwa die in Sepia gehaltene, wenn er Hass und Misshandlungen auf der Teufelsinsel ohne eine Miene zu verziehen erträgt, oder beim zweiten Prozess, bei dem Dreyfus‘ körperlicher Verfall nicht nur durch die weniger und weiß gewordenen Haare deutlich wird, dabei nie ein Sympathieträger, sondern einer, der dank einer ordentlichen Portion Hybris keinem Märtyrerklischee entspricht. Dreh- und Angelpunkt der Produktion ist allerdings Oscarpreisträger Jean Dujardin als Marie-Georges Picquart, sein Spiel die brillante Verkörperung eines Stoikers, dem das Strammstehen in Fleisch und Blut übergegangen ist, eines konsequent nüchternen Denkers, dessen Gefühlsaufwallungen Dujardin in minimalsten Regungen seiner Gesichtsmuskeln lediglich anmerkt.

Picquart wird befördert. Zum Leiter des Deuxième Bureau, des militärischen Auslandsnachrichtendiensts, einer Gemeinschaft von Geheimniskrämern und Dunkelmännern, allesamt Gegner des neuen Chefs, in dessen Büro der gerahmte Brief an den Militärattaché der Deutschen Botschaft hängt, durch dessen Abfangen Dreyfus überführt wurde. Doch im Zuge seiner neuen Tätigkeit, und vor allem, weil er sich von seinen Untergebenen nicht daran hindern lässt, Verschlussakte aufzuschnüren, stößt Picquard auf Dokumente, die die Verurteilung von Dreyfus immer fragwürdiger erscheinen lassen und auf den Offizier Ferdinand Walsin-Esterházy als Schuldigen verweisen.

Ganz der Citoyen, der gegen alle Widerstände seinen Prinzipien treu bleibt und Unrecht nicht zu akzeptieren bereit ist, auch wenn er für Dreyfus keine besonderen Sympathien hegt, wendet sich Picquard an die Generalität – und muss erkennen, dass die Intrige samt Fälschungen und Vertuschungen bis in deren höchste Kreise reicht. Worauf der Aufdecker selbst ins Fadenkreuz gerät. Der Filmdialog dazu: Dreyfus-Ankläger, Geheimdienst-Vize und Brieffälscher Joseph Henry: „Sie befehlen mir einen Mann zu erschießen und ich tue es. Wenn Sie mir danach sagen, Sie haben sich im Namen geirrt, tut es mir leid, aber es ist nicht meine Schuld. So ist die Armee.“ Darauf Picquart: „So ist vielleicht Ihre Armee, Major, nicht meine.“

Als es vergangenes Jahr in Venedig den Silbernen Löwen – Großer Preis der Jury für Roman Polański gab, als die zwölf Nominierungen für den César 2020 bekannt wurden, flammten die #MeToo-Debatten rund um den Filmemacher wieder auf. Polański porträtiere sich selbst als Unschuldigen, hieß es, dabei ist „J’accuse -Intrige“, auch wenn dessen Schöpfer mit Schnauzbart und in Galauniform einen Cameoauftritt bei einem Konzert im Hause Monnier hat, so viel mehr. Überragend in künstlerischer wie handwerklicher Hinsicht, ist dies Kammerspiel Polańskis wichtigster und eindrücklichster Film seit Jahren – denn er hat, man möge vom Menschen dahinter halten, was man wolle, eine moralische Strahlkraft, die an politischer Aktualität nichts zu wünschen übrig lässt.

J’Accuse …! In einem offenen Brief klagt Émile Zola die Obrigkeiten an. Bild:: Guy Ferrandis

Das bringt den Schriftsteller vor Gericht: André Marcon als Zola mit Melvil Poupaud als Anwalt Labori. Bild: Guy Ferrandis

Der Volkszorn ist im Wortsinn entfacht: Zolas Bücher werden in Paris öffentlich verbrannt. Bild: Guy Ferrandis

Die arrogante Generalität: Jean Dujardin mit Hervé Pierre, Didier Sandre und Vincent Grass. Bild: Guy Ferrandis

Mit der Figur Picquard, diesem Whistleblower avant la lettre, mit dem Zitieren eines stillen Antisemitismus, der gegenwärtig wieder lautstärker und gewalttätiger wird, mit einer kompromittierten, nichtsdestotrotz selbstgefälligen Ministerriege, die schützt, wer ihr gefährlich werden könnte, und die Möglichkeit eines begangenen Fehlers arrogant von sich weist, mit einem Plädoyer für die freie Presse, mit einem Fragen nach der Wahrheit angesichts „alternativer Fakten“. Picquard wird nämlich mit dem Herausgeber der Zeitschrift L’Aurore, Georges Clemenceau, und dem Schriftsteller Émile Zola bekannt gemacht, der darin seinen berühmten und hier titelgebenden Brief „J’Accuse …!“ veröffentlicht, ein Artikel gegen die Generäle Gonse, Mercier, Billot, Oberst du Paty de Clam und den Schriftsachverständigen und Dreyfus-Entlarver Bertillon. Weshalb Zola vom Generalstab verklagt und wegen Diffamierung verurteilt wird. Picquart wird zunächst auf ein Himmelfahrtskommando versetzt, dann doch inhaftiert und ebenfalls vor Gericht gestellt.

Dass Picquart kein komplett makelloser Charakter ist, macht Polański an dessen von Emmanuelle Seigner mit lasziver Lässigkeit grandios gespielten Geliebten Pauline Monnier fest. Auch der Rest des Casts ist handverlesen, mit Grégory Gadebois als schlitzohrigem Major Henry, Hervé Pierre als Geheimdienstgeneral Gonse, Wladimir Yordanoff als Kriegsminister General Mercier, Didier Sandre als Generalstabschef Boisdeffre, Melvil Poupaud als „Werwolf“ Fernand Labori, Rechtsanwalt von Dreyfus, Zola und Picquart, Mathieu Amalric als furchtsamen, rassentheoretische Schädelvermessungen vornehmendem Bertillon und André Marcon als bärbeißigem Émile Zola. Mit dessen Prozess, seinem Exil in London, einem Duell zwischen Picquart und Henry und einem Schussattentat auf Labori ist Polańskis mehr als zweistündige Affäre Dreyfus lange nicht zu Ende …

Das Ende schließlich, kein Spoiler, da nachzulesen, so nicht bekannt, erzählt er beiläufig. Dreyfus, 1906 rehabilitiert und wieder in die Armee eingegliedert, sitzt dem neuen Kriegsminister des Kabinetts von nunmehr Ministerpräsident Clemenceau in dessen pompösem Palais gegenüber – Picquart, ein wenig gelöster als davor, Dreyfus nach wie vor stocksteif, denn der ewige Capitaine will endlich zum Lieutenant-colonel befördert werden. Was Picquart ablehnt. Staatsräson, nicht an kaum verheilten Justizwunden rühren, etc. Kurz streifen die beiden Männer den Fall, der sie in den Geschichtsbüchern für immer verbinden wird. Verbrüderung findet nicht statt, diese zwei werden einander nicht in die Arme fallen. Im Nachspann steht, sie sahen sich danach nie wieder.

www.weltkino.de/filme/intrige

6. 2. 2020

Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens

Juni 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein gewagtes Porträt des ewigen Revolutionärs

Jean Ziegler im Porträt: Regisseur Wadimoff würdigt den ewigen Revolutionär in einem sensiblen, schelmischen, aber auch kompromisslosen Film. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Zu Anfang zeigt Jean Ziegler Fotos von Noma, nein, nicht das dänische Luxusrestaurant, sondern die bakterielle, durch Unterernährung beförderte Erkrankung, die halbe Gesichter wegfrisst. Es sind Bilder von Kindern, und mit Sätzen, wie „Ein Kind, das durch Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“, ist der 1934 geborene Schweizer, einer der renommiertesten Kapitalismuskritiker, zur Leitfigur der Antiglobal- isierungsbewegung geworden.

Regisseur Nicolas Wadimoff widmet ihm nun ein Porträt, „Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens“, das derzeit in den heimischen Kinos läuft, und es ist ein sensibler, schelmischer, aber auch kompromissloser Film geworden. Keine Biografie. Wadimoff gelingt eine Würdigung des ewigen Revolutionärs, nicht ohne dessen Dogmatismus zu hinterfragen. Der Film ist von einer kritischen Empathie.

Das liegt daran, dass der Dokumentarfilmer den Kämpfer für eine gerechtere Welt auch nach Kuba begleitet. Anfang der 1960er-Jahre begegnete der junge Ziegler dem damals schon legendären Che Guevara auf einer internationalen Konferenz in Genf. Er wird quasi sein „Chauffeur“, und die langen Gespräche, die die beiden Männer im Auto führen, begeistern Ziegler so, dass er mit ihm aufbrechen will. Doch Che überzeugt ihn „an seinem Platz“ in Europa zu bleiben, um von hier gegen den „Kopf des kapitalistischen Monsters“ zu agieren. Ein Versprechen, das Ziegler tatsächlich bis heute nicht gebrochen hat. Jeder muss kämpfen, wo die Geburt ihn hingestellt hat, sagt er und dann spricht er vom „Glück der Geburt“.

Jean Ziegler während seines Aufenthalts in Havanna vor einem Wandgemälde des chilenischen Malers José Venturelli im Hotel Habana Libre. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Nun endlich ist er in Kuba, und man merkt: Er ist am fidelen Auge schwer kurzsichtig. Wie er die Errungenschaften (?) des Castro-Kommunismus lobt – einmal bei einer Autofahrt durch die nächtliche Finsternis, in Kuba gibt es so gut wie keine Straßenbeleuchtung -, das treibt sogar seine Frau Erica Deubner auf die Palme. Da wird sich dann gekabbelt, liebevoll versteht sich, denn was der Film auch zeigt, ist eine große Liebe und Gemeinschaft zweier älterer Leute, aber Ziegler lässt sowieso keinen Widerspruch zu. Und als er die freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit relativiert, kommt’s richtig zum Streit mit seinem ehemaligen Studenten Wadimoff.

Dafür lässt er die Kamera erstaunlich dicht an sich heran. Man sieht ihn in seinem Arbeitszimmer, in dem natürlich ein Foto vom Che hängt, daneben die Welthungerkarte. Man sieht ihn bei seinen Triumphen, aber auch bei seinen Niederlagen. Einmal, als ihm, dem Mitglied im Beratenden Ausschuss des UN- Menschenrechtsrates, ein Antrag abgelehnt wird.

Ihm aber nicht, wie er dachte, die Vereinigte Staaten in den Rücken gefallen sind, sondern ausgerechnet ein afrikanischer Staat. Da ist er den Tränen nahe, und schimpft über die Dummheit, „die systemische Feigheit“ der US-Vasallen. Ziegler schwebt irgendwie immer zwischen Zorn und Hoffnung. Leere Kilometer macht er viele. Das geht an die Substanz. Die Kamera kommt auch mit, als er für ein paar Tage ins Krankenhaus muss.

Der Kampf, den Ziegler derzeit ausficht, ist der „gegen den internationalen Wirtschaftsterrorismus“, sogenannte Geierfonds. Die kaufen Schulden problembeladener, zahlungsunfähiger Staaten, und treiben diese dann nach Anklage bei der Weltbank ein. Was das für diese Länder bedeutet, kann man sich vorstellen. Ziegler erklärt es so: Wenn ein armes Land einen Ernteüberschuss für ein schlechtes Jahr erwirtschaften konnte, wird es dadurch gezwungen, den Mais oder Weizen auf den Weltmarkt zu werfen. Kommt dann tatsächlich ein schlechtes Jahr – Hungerkatastrophe.

„Che schaut mir jeden Tag über die Schulter, und schaut, ob ich meinen Verpflichtungen treu bleibe, oder nicht,“ sagt Ziegler. Und Wadimoff zeigt, er kann nicht nur diplomatisches Parkett, er kann auch „Straßenkampf“. Vor jugendlicher Energie sprüht er als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau.

Mit seiner Frau Erica Deubner Ziegler auf Kuba. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Was es mit dem „Optimismus des Willens“ auf sich hat? Ziegler nennt zwei Gründe dafür: zum einen das Erstarken der Zivilgesellschaft, Stichwort: Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise, zum anderen glaubt Ziegler an eine Reform der UNO, an eine Aufhebung des lähmenden Vetorechts im Sicherheitsrat, das 2006 schon der damalige Generalsekretär Kofi Annan forderte.

Dass „der Aufstand des Gewissens“, wie er es nennt, erfolgreich sein kann, daran glaubt er fest. Daran muss er glauben. Helfen, hofft er, kann auch dieses filmische Porträt: „Meine Glaubwürdigkeit ist die einzige Möglichkeit, die ich als Autor und UN-Sonderberichterstatter habe. Die kann durch ein negatives Bild im Film zerstört werden. Aber ich habe Wadimoff vertraut und habe es nie bereut, ihn gemacht zu haben. Dieser Film kann eine wichtige Unterstützung bei meinen Ideen sein.“

BUCHTIPP: C. Bertelsmann Verlag, Jean Ziegler: „Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe, und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“, Sachbuch, 320 Seiten.

www.jeanziegler-film.com

Wien, 4. 6. 2017

Theater zum Fürchten: Die Zofen

März 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Leben nur als Spiegelbild

Der Lindenblütentee ist schon vergiftet: Wolfgang Lesky als Gnädige Frau mit den Zofen Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Die beiden Frauen sind sichtlich eingesperrt, nicht durch Schlösser oder von Türriegeln, sondern in ihrem Kopf. Darin träumten sie gern von einer anderen Realität, von Flucht sogar, doch alles, was sie kennen, sind die Demütigungsrituale zwischen Herrin und Dienerin. Und so werden ihre Fantasien zu nichts mehr als Zerrbildern ihres Lebens in den Spiegeltüren, die von allen Seiten das Geschehen fassen. Sie spielen Gnädige Frau und Zofe, und sie spielen die Ermordung ihrer Peinigerin.

Sie scheitern jedes Mal an der Knappheit der Zeit. Doch sind sie weniger armselige Kreaturen, als ein gewitztes Schwesternliebespaar. Und in ihrem Wahn bis über den Schluss hinaus davon überzeugt, dass ihre Rechnung noch aufgehen wird. In der Art interpretiert Babett Arens Jean Genets absurde Groteske „Die Zofen“. Die Regisseurin, auch zuständig für die Raumgestaltung, zeigt ihre Produktion fürs Theater zum Fürchten derzeit an dessen Wiener Spielstätte, der Scala. Aus den diversen Geschlechtertauschmöglichkeiten des Stücks hat sich Arens dafür entschieden, die Zofen von Schauspielerinnen, die Gnädige Frau aber von einem Schauspieler darstellen zu lassen. Das macht Sinn, kennt man die Vorliebe Genets für das Mannweib. Der poète maudit bevölkerte sein Werk mit Hingabe mit jenen opulenten Fantasiegeschöpfen, die man heute Drag Queens nennt. Die berühmteste von ihnen – la Divine aus seinem ersten und sofort Skandalroman „Notre-Dame-des-Fleurs“.

Die Fantasie im Zerrspiegel der Realität: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Eine Perlenkette eignet sich nicht zum Mordinstrument: Johanna Withalm und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

In der Scala nun ist Wolfgang Lesky eine Göttliche. Und er ist eine Erscheinung. Gebieterisch und einschüchtern mit seinen beinah zwei Metern Größe. Ein Kunstwerk mit fuchsrotem Haar und Fuchs um die Schultern, mit zu viel Makeup und affektierten Gesten. Wie Lesky mit einer Armbewegung echte Haltung und falsches Gefühl zugleich auszudrücken vermag, wie er seine Texte moduliert und zelebriert, das gibt der Figur echte Bühnenaura. Ihre Kleingeistigkeit zeigt sich jedoch auch – daran, dass Madame jede Handbreit ihrer Wohnung kennt und ergo jede Veränderung mit Adlerauge erkennt. Lesky (wer denkt, dass ihm das Gesicht bekannt ist: Ja, natürlich! ist er der Biobauer mit dem Schweinderl) lässt die Stimme beben, gibt sich artig und manierlich und in dieser Manier die gemeinsten Bosheiten von sich. Seine Gnädige Frau glaubt sich als Gönnern, doch sie traktiert die Zofen. Deren Schmähung ist durchs Geschlechterspiel umso stärker. Sie, die eigentlich ein Er ist, darf allen weiblichen Attributen Ausdruck geben, darf ganz Frau sein.

Die Zofen dagegen sind in mausgraue Hausdienerlivrees verdammt, müssen Herrenschlüpfer (mit Beinchen!) und Sockenhalter tragen. Kein Wunder, dass bei solcher Antierotik sogar der Milchmann Reißaus nimmt. Johanna Rehm und Johanna Withalm schlüpfen in die Rollen der Claire und der Solange, Rollen auch insoweit, als die Identitäten der beiden ja immer wieder verschwimmen, und sie von Zeit zu Zeit ganz aus der Rolle fallen. Solange ist vielleicht die Zupackendere, die Entschlossenere, Claire die Zögerliche, die es im entscheidenden Moment nicht schafft, den vergifteten Lindenblütentee an den Mann/die Frau zu bringen. Rehm gestaltet vielleicht die Lusterfülltere, die mädchenhaft Verspieltere, Withalm mehr das Rotzig-direkte, das aggressiv Zielgerichtete. Doch die Grenzen zwischen Solange und Claire sind fließend. Wie ein Mantra wiederholen sie: „Die gnädige Frau vergiftet uns mit ihrer Güte! Denn die gnädige Frau ist gütig! Die gnädige Frau ist schön! Die gnädige Frau ist sanft!“ In diesen Momenten sind die beiden starr vor Devotion.

Zwei Dienerinnen zwischen Wahn und Witz: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

„Die Gnädige Frau ist gütig!“: Wolfgang Lesky mit Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Rehm, Withalm und Lesky bestechen durch ihr intensives, sensitives Spiel. Arens stattet den Abend mit einigen weniger, dafür umso zwingenderen Ideen aus, das lässt den Dreien die Luft, ihr Spiel zu entfalten. Sie beherrschen nicht nur die Exzentrik, die Exaltiertheit, sondern auch die leisen Töne, das Verzweiflungsflüstern und das Tränenersticken. Arens hat Genet auch darin verstanden: in seinem subtilen Humor, seiner Komödiantik, wie in seinen Depressionen und seiner daraus resultierenden Untätigkeit. Und sie setzt die Steilvorlage dieser Tragifarce perfekt um. „Der Dreck fühlt keine Liebe für den Dreck“, heißt es an einer Stelle im Text. Also bitte!, diese tolldreiste Darstellung von drei Dreckstücken kann man nichts anderes als lieben.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 22. 3. 2017

Jean La Fleur: Wie kommt der Parmesan in die Tastatur?

März 17, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Abgründe des Bildungsbürgers

Parmesan-U1-WebAm 25. März erscheint der neue Cartoon-Band „Wie kommt der Parmesan in die Tastatur?“ von Jean La Fleur. La Fleur bietet seinem Avantgarde-Publikum in diesem Werk einen Einblick in die Abgründe der modernen Gesellschaft. Also 50 Cartoons, die geil sind, weil sie von Robotern mit Koteletten, twitternden Rebellen und radikalen Bildungsbürgern handeln. Vorsicht, dieses Buch ist nur für sehr coole Leute.

Über den Autor: Jean la Fleur ist die größte Bitch im Cartoon-Business, macht alles für Geld, zum Beispiel in Titanic, Eulenspiegel und TAZ veröffentlichen. Der Begründer der Neuen Frankfurter Hauptschule (Mitglieder: eins) veröffentlicht seine Witzbilder außerdem in dem Hetz-Blog itsjeanbitch.tumblr.com

Holzbaum Verlag, Jean La Fleur: „Wie kommt der Parmesan in die Tastatur“, Cartoons, 48 Seiten.

www.holzbaumverlag.at

Wien, 17. 3. 2016

Last Shelter

November 24, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Seele ist ein kaltes Land

Last Shelter Bild: © Stadtkino Filmverleih

Last Shelter
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ein Mann und eine Frau sind auf der Flucht. Ein Land ist von einer fremden politischen Macht besetzt, die gegen religiöse Fanatiker Krieg führt; Leben werden bedroht. Es ist bald Weihnachten, doch das wissen die beiden jetzt noch nicht. Sie suchen eine Herberge, aber niemand will ihnen Unterschlupf geben, denn Maria ist schwanger … Entschuldigung, die falsche Geschichte, zu viel Adventkranz inhaliert … 2012, im Dezember, da war das ganz anders. Da waren die Flüchtlinge in der Votivkirche ausschließlich Männer, also, diese gefährlichen allein reisenden. Waren weder devot noch dankbar, sondern forderten ihr Recht auf Mitmenschlichkeit ein. Ihr Recht?! Seit wann hat ein …? Hat denen eigentlich jemand auf gut Deutsch etwas über Werte erzählt? Etwas von Recht auf Leben, Recht auf Freiheit und Sicherheit, und welchen Wert die Würde eines Menschen hat?

In der Votivkirche ist es dunkel. Links riesige Glasbilder, auf denen sich die Habsburger heldenhaft von den Türken abschlachten lassen, links der NS-Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, in der Mitte geht Jesus mit KZ-Häftlingen auf ihrem Leidensweg. In der Mitte ist ein Matratzenlager. 63 Flüchtlinge haben sich darauf versammelt. Sie haben Österreich erreicht und wollen nun bleiben. Wazir singt ein pashtunisches Lied, es klingt wie ein Gebet. „Nach unendlich langer Zeit fern der Heimat / bekam ich einen Brief / ich bekam einen Brief aus meiner Heimat.“

Filmemacher Gerald Igor Hauzenberger befasst sich nach seiner kafkaesken Tierschützerdoku „Der Prozess“ erneut mit den Untiefen der heimischen Innenpolitik. „Last Shelter“ kommt am 27. November in die Kinos. Drei Jahre begleitete er die jungen Afghanen und Pakistani des „Votivkirchenstreiks“. Entstanden ist so ein zeitloser Film, ein brisantes Dokument über komplexe gesellschaftliche Verstrickungen und die allgemeine Überforderung bei der Suche nach adäquaten Lösungen. Lösungen sind meist eilig gefunden. In Schnellverfahren haben die Flüchtlinge negative Asylbescheide erhalten, obwohl sie unter denkbar prekären Bedingungen geflüchtet sind: Das Abbrennen von Schulen und Kopfabschneiden durch selbsternannte Gutgläubige haben sie miterlebt, Familienmitglieder sind ermordet worden. Bei Null Grad harren die Flüchtlinge monatelang und phasenweise im Hungerstreik aus. In ihrer letzten Zuflucht. Trotz öffentlicher Proteste werden einige von ihnen abgeschoben. Die Seele ist ein kaltes Land.

„Es war reiner Zufall, der mich in die Votivkirche geführt hat“, erzählt Hauzenberger. „Es hieß, dass die Kirche geräumt wird. Die Flüchtlinge starteten daraufhin einen Aufruf des ,solidarischen Schlafens‘: Man sollte bei ungefähr 4° Celsius eine Nacht in der Kirche bleiben. So sollte ein Polizeieinsatz verhindert werden und unter denen, die mitgemacht haben, waren Susanne Scholl, Marina Grzinic oder Elias Bierdel. Als ich eine Nacht drin war, haben die Refugees gefragt, wer ich bin.“ Hauzenberger, damals gerade für den Österreichischen Filmpreis nominiert, erklärte, und die Männer sagten: „Wenn du das nächste Mal kommst, bring‘ deine Kamera mit.“
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Es entstand ein Dialog. Mit dem ehemaligen Oppositionspolitiker Adalat, der unfassbar sachlich über Blutbäder berichten kann. Mit Jean Ziegler und Christoph Schönborn. „Mustafa, der vorher Fotograf war, gaben wir eine kleine Kamera und baten ihn, mitzufilmen.“ – „Ausgerechnet zu Weihnachten!“, wird eine der prominentesten Stimmen im Film rufen. „When we were putting our mattresses here, we got some worst sayings from the priest. He said: You are Muslims, why are you not going inside your mosque? Why you come inside the church?“ Gott ist so groß, wie die Menschen ihn sein lassen.
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Über allem schwebt ein drohender Orgelklang. Andauernd, überdauernd. Ein Mann wird festgenommen, weil er keine Aufenthaltserlaubnis hat. Er kommt in Schubhaft. Widerstand gegen die Staatsgewalt. Schönborn sagt den Hungerstreikenden: „We cannot assume the responsibility that some of you die here. Then I go to prison“. Eine Stimme, ein Verrückter oder ein Weiser, antwortet: „Then better that we all go on the road and then we die all together.“ Die Polizei, die Behörden schweigen in diesem Film. Sie haben keine Worte wie diese, die mit der Poesie eines Faustschlags treffen.  Einmal sprechen die Offiziellen von der „Kenntnis“, die alle über alles hätten. Die Votivkirche wird umzingelt …
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Zum Ende führt der Film bis zur ungarischen Grenze, wo 2015 an trennenden Zäunen gearbeitet wird. Die Beschränkung baut sich ihre Schranken selbst. Hauzenberges Film scheint teilweise von den Schrecken dieser Tage überholt und ist doch ein wichtiger Prolog zum aktuellen Geschehen. Noch nach dem Abspann laufen die Bilder weiter. Menschen wandern Richtung einer sich für sie zunehmend verdüsternden Zukunft. In seinen Augen, sagt Hauzenberger, sei das große Problem, dass Haltung in der Politik sich von positiven Umfragewerten und Boulevardmedien abhängig mache. „Wie der Bürgermeister von Traiskirchen, Andreas Babler, sagt: Es ist eine Schande für die Demokratie, dass auf dem Rücken von Flüchtlingen Alltagspolitik gemacht wird. Und ich hoffe, dass sich das jetzt bessert.“ Hat da nicht kürzlich jemand etwas über unsere Werte erzählt?
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Wien, 24. 11. 2015