Jazz Fest Wien: Das Programm für die Staatsoper steht

März 4, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Burt Bacharach bis Cindy Lauper

Cyndi Lauper: Das ewig schlimme Mädchen mit der Piepsstimme kommt in die Staatsoper Bild: © Jazz Fest Wien Archive

Cyndi Lauper: Das ewig schlimme Mädchen mit der Piepsstimme kommt in die Staatsoper
Bild: © Jazz Fest Wien Archive

Am 28. Juni verwandelt sich Wien wieder in die Welthauptstadt des Jazz. Das Jazz Fest Wien hat bereits einige Programmhighlights vermeldet. Das Programm für die Wiener Staatsoper ist nun fixiert. Mit Konzerten von Burt Bacharach, Brad Mehldau, Wolfgang Muthspiel, Bobby McFerrin, Jamie Cullum und Ludovico Einaudi waren die ersten Glücksbringer für einen Abend in der Oper ja schon bekannt gegeben worden. Nun vervollständigen die Damen Cyndi Lauper, Beth Hart und Meena Cryle das Line-up.

Die Termine im Überblick:

1. Juli: Burt Bacharach
2. Juli: Bobby McFerrin, „Bobby loves Brazil“
3. Juli: Cyndi Lauper / Meena Cryle & Band
4. Juli: Beth Hart
5. Juli: Wolfgang Muthspiel / John Scofield / Brad Mehldau / Mark Guiliana
6. Juli: Jamie Cullum
7. Juli: Ludovico Einaudi (Achtung: Das Konzert ist bereits ausverkauft!)

www.viennajazz.org 

Wien, 4. 3. 2016

Frankfurter Buchmesse: Aufarbeitung der Zeitgeschichte

Oktober 13, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Fünf Lesetipps zum Gastland Indonesien

5233955935_3868b14e4e_bIndonesien ist kein Land der Leser, sagen die Indonesier. Man lasse sich Geschichten lieber vom traditionellen Schattenspiel Wayang Kulit erzählen. Oder vom Fernsehen. Werden Bücher gelesen, dann religiöse, Unterhaltungsliteratur und Lyrik. Indonesien ist ein Land mit gesellschaftspolitisch höchst aktiven Autoren. Sie wollen von Vorkommnissen erzählen, die von öffentlicher Seite verschwiegen wurden (siehe unten: „Kurze Geschichte Indonesiens“). Siebzig von ihnen kommen zur Frankfurter Buchmesse.

Die Frankfurter Buchmesse beginnt am 14. Oktober. Vorab fünf Lesetipps:

Laksmi Pamuntjak, Journalistin aus Jakarta, legt mit Alle Farben Rot ihren ersten Roman vor. Er ist ein Anschreiben gegen das Vergessen der Gräuel des Suharto-Regimes, eine wichtige Stimme im Prozess der Aufarbeitung der indonesischen Zeitgeschichte, in der, wie die Autorin sagt, „Gut und Böse schwer zu trennen sind“. Jahrzehnte nach Suhartos Sturz 1998 sucht eine Frau auf der Gefangeneninsel Buru nach den Spuren des Mannes, den sie in jenen Tagen geliebt und dann verloren hat. In den Wirren einer Straßenschlacht wurden Amba und Bhisma auseinandergerissen, und Amba wusste all die Jahre nichts über das Schicksal ihrer großen Liebe. Bis sie eines Tages eine anonyme Mail erhält, aus der hervorgeht, dass Bhisma damals nach Buru verschleppt wurde. Und so macht sich Amba auf, um endlich Antworten auf die Fragen zu finden, die sie schon so lange quälen. Entlang der Linien des indonesischen Nationalepos Mahabharata, dieser großen Erzählung von Liebe und Krieg, entfaltet Laksmi Pamuntjak das Panorama einer jungen Nation und ihres bewegten 20. Jahrhunderts. Dabei gelingt es ihr Ästhetik, Schönheit von Sprache, mit ihrem Willen zur Aufklärung zu vereinen.

Leila S. Chudoris Roman Pulong (Heimkehr nach Jakarta) besteht aus Briefen, abgeschickt aus dem Gefängnis und abgeschickt aus dem Exil in Paris. Das Buch verknüpft historische Ereignisse mit dem persönlichen Schicksal zweier Generationen. Dimas Suryo, der 1965 im Ausland war und nicht mehr nach Indonesien zurückkehren konnte, lebt als Mitbesitzer eines indonesischen Restaurants in Paris und leidet lebenslang unter seiner Heimatlosigkeit. Lintang Utara, seine Tochter mit der Französin Vivienne, reist 1998 für ihr Filmstudium nach Jakarta und begegnet auf ihre Art der Geschichte und Gegenwart Indonesiens. Sie gerät in die Studentenunruhen, die zum Ende der Ära Suharto führten. Die indonesische Gesellschaft stehe, so Chudori in einem Interview, dem Leid anderer immer noch gleichgültig gegenüber. Dies ein Erbe der Diktatur, zu sehen auch an einem staatlichen Museum, in dem bis heute den Suharto-Generälen und ihren Metzeleien gehuldigt wird. Chudori schuf im Roman eine eindrückliche Szene, in der Lintang Utara dieses Museum besucht. In den intellektuellen Kreisen des Landes wird das Buch als „Gegengift gegen die offizielle Version der Geschichte“ und gegen das allgemeine Schweigen gelobt. Der Roman ist mit seinen verschiedenen Zeitebenen und Erzählperspektiven komplex gebaut. Und weil Teile davon von einem Restaurant handeln, gibt es auch jede Menge Kochrezepte.

Andrea Hirata schrieb mit Die Regenbogen-Truppe den aktuell meistverkauften Roman Indonesiens, musste sich allerdings auch vorwerfen lassen, mit seiner verklärenden Art Armut zu schildern, huldige er einem „Disney-Stil“. Hirata selbst, auf der Insel Belitung östlich von Sumatra geboren, sieht sich als Mann mit Bildungsauftrag; als solcher müsse er „Lesbares“ zu Papier bringen. In „Die Regenbogen-Truppe“ erzählt er von seiner eigenen Schulzeit: Söhne und Töchter von Fischern und Minenarbeitern wollen nicht eine einzige Unterrichtsstunde verpassen, denn für sie ist die Schule die einzige Möglichkeit, der Armut zu entkommen. Da ist zum Beispiel Lintang, das mathematische Genie, oder Mahar, der Künstler und angehende Schamane. Und Ikal, der seinen Weg macht: von der Armenschule über das Studium in Paris und London zum gefeierten Schriftsteller. Hirata eröffnet tiefe Einsichten in ein zerrissenes Land, in dem Bildung nach wie vor ein Privileg ist. In diesem Sinne ist sein Roman auch mehr als ein autobiografisches Dankeschön an seine Lehrerin, sondern ein Plädoyer dafür, allen Kindern dieser Welt den Weg in Schulen zu ermöglichen. Das Buch wurde bereits verfilmt.

Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Seno Gumira Ajidarma ist einer von Indonesiens profiliertesten und einflussreichsten Autoren. Sein Motto “Wenn Journalismus zum Schweigen gebracht wird, muss Literatur sprechen” spiegelt sich in seinen Werken wider, die meist gegenwärtige soziale, kulturelle und politische Zustände Indonesiens dokumentieren. In Jazz, Parfüm & Der Zwischenfall setzt sich Ajidarma mit der militärischen Gewalt in Ost-Timor während der indonesischen Besatzungszeit auseinander: Ein Journalist empfängt unzählige Berichte über Massenmorde und Folterungen in einer der indonesischen Provinzen. Er liest die Texte langsam, mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit, und seine Gedanken driften ständig zu seinen großen Leidenschaften ab: Jazz und Parfüm. Nach und nach wird deutlich, dass seine Gedankensprünge zu Miles Davis und Dior einen bestimmten Grund haben: Er ist gezwungen, die meisten der Informationen zu zensieren. Der Journalist spielt auf Zeit – aber zu welchem Zweck? Ein poetischer Text von politischer Brisanz.

Last, but not least, und um den Kreis zu Laksmi Pamuntjak zu schließen: Pramoedya Ananta Toer. Er gilt als der große alte Mann der indonesischen Literatur, er ist das Gewissen der Nation. Der 2006 verstorbene Autor war mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert. Bereits von den holländischen Besatzern wegen „antikolonialem Denken“ inhaftiert, brachte ihn Suharto erneut hinter Gitter. Die Zensoren des Suharto-Regimes belegten seine Werke mit dem Bannfluch des „Marxismus, Leninismus und des Kommunismus“ und verboten sie wegen ihres „subversiven“ Gehalts. Selbst Personen, die diese Bücher nur besaßen, landeten im Gefängnis. Dennoch blieb Pramoedya der meistgelesene zeitgenössische Autor des Landes. Seine Schriften wurden im großen Stil hektographiert und unter der Hand weiter gereicht. Seine Tetralogie Bücher der Insel Buru, auf der Gefangeneninsel Buru begonnen und unter Stadtarrest vollendet, ist Indonesiens Beitrag zur Weltliteratur. „Pram“, wie die Indonesier ihn liebevoll nennen, erzählt die Geschichte seines Landes von den holländischen Besatzern bis in die Jetztzeit. Die allgegenwärtige Repression veranlasste ihn allerdings, die Handlung dieser Romane in die Zeit um 1900 zu verlegen. Der Hauptprotagonist, der javanische Adelige Minke, erlebt – sehr kurz gefasst – gesellschaftlichen Aufstieg, Diskriminierung wegen seiner dunkleren Hautfarbe und Vertreibung ins Exil. Leitmotivisch durchzieht Prams Schriften die Auseinandersetzung der einheimischen mit der europäischen Kultur und damit die Schärfung historischen und sozialen Bewusstseins. Immer geht es ihm um die Sprache als Instrument von Herrschaft und als Medium des Widerstands. Subtil vermittelt er seine Botschaft: „Bediene dich deines Verstandes und schärfe dein Erinnerungsvermögen, um die Verhältnisse erst zu verstehen und dann zu verändern“.

Kurze Geschichte Indonesiens

Mit der Ankunft eines kleinen Expeditionskorps 1596 begann die holländische Kolonialzeit in Indonesien. Noch vor dem 1. Weltkrieg entstanden die ersten nationalistisch-indonesischen Parteien. Ihre Hauptidentifikationsfigur: der spätere Staatspräsident Sukarno. Der Kampf gegen die holländische Besatzung wurde intensiver. Im März 1942 kapitulierte die kleine holländische Schutztruppe nach dem Verlust Batavias vor den ganz Südostasien unterwerfenden Japanern. Nach dem Ende der brutalen japanischen Besatzung erklärte am 17. August 1945 der erste Präsident Sukarno zusammen mit Mohammad Hatta Indonesien für unabhängig. Die wieder anrückenden Holländer reagierten mit Gewalt. Erst am 27. Dezember 1949, nach starkem internationalen Druck, erkannten sie das südostasiatische Land offiziell an.

Sukarno leistete wichtige Arbeit bei der Bildung eines indonesischen Selbstbewusstseins und der Identifikation der Einwohner mit ihrem Staat, und es gelang ihm zu Beginn möglichst viele Bevölkerungsgruppen – der insgesamt 360 – anzusprechen. Trotz dieser Erfolge verschärften sich besonders die Konflikte zwischen Kommunisten (PKI) und dem Militär. Sukarno wiederum nutzte die zahlreichen Lücken in der Verfassung und rief 1960 die „gelenkte Demokratie“ und die „gelenkte Wirtschaft“ aus, was besonders von den USA nicht gerne gesehen wurde. Am Schluss ernannte ein von ihm ausgewähltes Gremium ihn zum Präsidenten auf Lebenszeit. Während dieser Zeit wurden einzelne Parteien verboten, insbesondere jene, die sich entlang ethnischer Linien geformt hatten, auch um ein Auseinanderbrechen des indonesischen Staates zu verhindern. Sukarnos zunehmende Willkürherrschaft führte schließlich zu einem Umsturzversuch, der der mitgliederstarken Kommunistischen Partei des Landes angelastet wurde. Bis heute ist ungeklärt, was wirklich geschah. Die offizielle, das heißt von den Militärs kolportierte Version lautete, dass am 30. September 1965 Kommunistische Frauen Generäle entführt und diese nicht nur getötet, sondern zudem noch verstümmelt hätten.

Der bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Hintergrund agierende Generalmajor Suharto machte die Kommunisten (PKI) für die Ereignisse verantwortlich und übernahm die Befehlshoheit. Es folgte ein erfolgreicher Gegenputsch rechtsgerichteter Armeeeinheiten. Die Welle der Gewalt, die landesweit von der Armee organisiert wurde, richtete sich vor allem gegen tatsächliche oder vermeintliche Anhänger der PKI und Chinesen und kostete mehr als einer halben Millionen Menschen das Leben, einige Quellen sprechen sogar von bis zu einer Million Toten. Ganze Dörfer wurden mitsamt ihrer Einwohner ausgelöscht, wenn sie im Verdacht standen, der falschen Seite nahe zu stehen: einer der größten politisch motivierten Massenmorde im 20. Jahrhunderts. Die Vorgänge sind bis heute nur unzureichend untersucht, daher sind genaue Angaben zur Zahl der Opfer nicht möglich. Nach wie vor gilt diese Zeit in Indonesien als Tabuthema. Darüberhinaus wurden zahlreiche regimekritische Politiker, Künstler und Schriftsteller als politische Gefangene inhaftiert und mussten Zwangsarbeit leisten. Der neue starke Mann Suharto wurde am 12. März 1967 „geschäftsführender Staatspräsident“, Sukarno blieb vorerst noch nominelles Staatsoberhaupt. Erst am 27. März 1968 übernahm Suharto formal das Amt des Staatspräsidenten, Sukarno starb 1970 nach längerer Krankheit.

Als Folge der Ereignisse wurde die kommunistische Partei des Landes nahezu ausradiert, dafür erhielt Suharto durch die USA breite militärische Unterstützung. Doch die Gewalt des Regimes richtete sich nicht nur gegen Kommunisten und Chinesen. Am 6. Juni 1975 besetzten indonesische Truppen die portugiesische Enklave in Westtimor, im Oktober desselben Jahres auch grenznahe Gebiete der Kolonie Portugiesisch Timor. Suharto befahl am 7. Dezember 1975 die militärische Invasion Osttimors. In den folgenden Wochen wurden 60.000 Menschen, 10 Prozent der Bevölkerung, getötet. Ein weiterer Massenmord, bei dem die Weltöffentlichkeit tatenlos zusah. Osttimor wurde am 17. Juni 1976 dem indonesischen Staatsverband eingegliedert. Mit der Wirtschaftskrise 1998 und zunehmenden Korruptionsvorwürfen kam es zu den ersten Protesten, in deren weiterem Verlauf der Diktator nach blutigen Unruhen in der Hauptstadt Jakarta zum Rücktritt gezwungen wurde. Während seiner 32-jährigen Regierungszeit wurden die Menschenrechte in allen Bereichen mit Füßen getreten.

1999 wurde erstmals ein Staatspräsident frei gewählt. Im selben Jahr wurde nach internationalen Protesten und der Landung einer Friedenstruppe in der zukünftigen Hauptstadt Osttimors, Dili, die Besetzung Osttimors aufgegeben. Zuvor hatten die indonesischen Streitkräfte das Land in Schutt und Asche gelegt. Am 20. Mai 2002 erhielt das kleine Land seine Unabhängigkeit. Indonesien mit seinen 17.500 Inseln ist heute der Staat mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung (ca. 200 Mio. von 240 Mio. Einwohnern). Immer wieder wird das Land von terroristischen Anschlägen erschüttert (z. B. 2002 auf Bali), die von radikalen islamischen Gruppen verübt werden. 2014 wurde Joko Widodo zum Staatspräsidenten gewählt.

Ullstein Buchverlage, Laksmi Pamuntjak: „Alle Farben Rot“, Roman, 672 Seiten. Übersetzt von Martina Heinschke.

Weidle Verlag, Leila S. Chudori: „Pulong (Heimkehr nach Jakarta)“, Roman, 432 Seiten. Übersetzt von Sabine Müller.

Hanser Berlin, Andrea Hirata; „Die Regenbogentruppe“, Roman, 272 Seiten. Übersetzt von Peter Sternagel.

Angkor Verlag, Seno Gumira Ajidarma: „Jazz, Parfüm & Der Zwischenfall“, Roman, 160 Seiten. Übersetzt von Guido Keller.

Unions Verlag, Pramoedya Ananta Toer: “Bücher der Insel Buru”, vier Romane. Übersetzt von Brigitte Schneebeli und Giok Hiang Gornik.

www.ullsteinbuchverlage.de

www.weidleverlag.de

www.hanser-literaturverlage.de

angkor-verlag.blogspot.co.at/

www.unionsverlag.com

www.buchmesse.de

Wien, 13. 10. 2105

Jazz Fest Wien 2014

Juni 11, 2014 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Superstars präsentieren Jazz in all seinen Facetten

Sinéad O'Connor

Sinéad O’Connor

HÖHEPUNKTE in der Wiener Staatsoper:

Bereits charakteristisch ist, dass am 1. Juli 2014 mit dem Eröffnungskonzert von Sharon Jonesund Charles Bradley in der Staatsoper Wien in den inneren Kern der afroamerikanischen Musik vorgestoßen wird: Soul heißt die Losung! Jazz ohne Soul, ohne Gefühl, ist im besten Fall gut gespielte Unterhaltungsmusik. Es braucht Soul, um aus Jazz jene kunstvolle Musik zu machen, die immer wieder direkt ans Herz rührt. Immer schon war das Jazz Fest Wien sich dieser Herzensverantwortung bewusst. Mit Soulgrößen wie Solomon Burke oder Bobby Womack wurde dieser Grundkern des Jazz gepflegt, mit den Soulisten Sharon Jones und Charles Bradley wird dem Soul Tribut gezollt. Beide, Sharon Jones und Charles Bradley, haben ihr Leben gelebt, singen mit reichem Erfahrungsschatz von den Höhen und Tiefen des Lebens. Begleitet werden sie im Rahmen einer Daptone Super Soul Revue von den Dap-Kings, jener fabulösen Band aus dem Haus des Daptone-Labels, die sich insbesondere dem Retro-Soul verpflichtet fühlt.

Mit eben solcher Leidenschaft singt Concha Buika. Die als Kind von Einwanderern aus Äquatorialguinea in der Nähe eines von spanischen Roma bewohnten Viertels auf Mallorca groß gewordene Sängerin reüssierte zunächst als Flamenco-Sängerin. Zum Erfolg wurde ihr Pathosgesang voller Liebesverlangen und Melancholie mittlerweile in Amerika und in Zusammenarbeit mit Chick Corea, Herbie Hancock, Pat Metheny oder Chucho Valdés. Am 2. Juli gastiert sie in der Wiener Staatsoper. Sie gibt uns vorab ihr Credo mit auf den Weg: „Ein Künstler ist kein Mensch, der singt oder Bilder malt, sondern jemand, der sein Leben zur Kunst macht.“ Genau von dieser Art Künstler gibt es auf diesem Jazz Fest noch mehrere zu erleben.

Etwa Al Jarreau, der am 3. Juli in der Wiener Staatsoper gastiert. Der Vokalakrobat, dem nachgesagt wird, er trage ein Orchester in der Kehle, galt einst als expressiver Befreier des Jazz-Gesangs. Heute ist der mehrfache Grammy-Gewinner und Senior ein angesehener Lehrmeister – aber immer noch ausdrucksstark genug, um Gänsehäute zu erzeugen. Am 4. Juli präsentieren die Pet Shop Boys ihr neues Album „Electric“. www.mottingers-meinung.at/pet-shop-boys-beim-jazz-fest-wien/

An Gänsehäute erzeugenden Wechselbädern reich ist auch das Leben und die Karriere der irischen Sängerin Sinéad O’Connor. Mit dem Papst hat sie sich angelegt, ist selbst ordinierte Priesterin eines Ordens, sie hat mit Tränen in den Augen einen Hit mit dem Prince-Cover „Nothing Compares 2 U“ gesungen, hat Genregrenzen zwischen Irish Folk, Rock und Soul ignoriert und ihre Stimme mehrfach für missbrauchte Kinder und Frauen erhoben. Sie ist stark genug, um ihre Leidenschaften mit immer wieder überraschenden Alben und einer Stimme zu besingen, die vielen Kritikern als „charismatisch“ gilt. Dies wird das Konzert am 5. Juli in der Wiener Staatsoper erahnen lassen.

Als besonders innige, legendäre Lehrmeister der rauen Leidenschaften können auch die Isley Brothers gelten. Sie haben ihr sechzigjähriges (!) Bühnenjubiläum feiern können, ihre Hits wie „Twist And Shout“ wurden von den Beatles gecovert und Jimi Hendrix absolvierte seine Lehrjahre bei ihnen. Ihre Selbsterkenntnis lautet: „Unsere Musik ist dauernd im Wandel. Unsere Erfahrung erweitert sich und ebenso unser Publikum. Wir haben jetzt die Möglichkeit, sehr sweet zu artikulieren, oder einen schweren Rock-Rhythmus vorzulegen, sehr ‚down home’ oder sehr ‚soulful’ zu sein.“ Ihre Musik, eine immer wieder modernisierte Mixtur aus tanzbarer Rhythmik, afroamerikanischem Harmony-Gesang mitsamt direkt gesuchter Publikumsbeteiligung, schlägt den Brückenschlag von Gospel über Soul bis Funk und Hip-Hop und dient jüngeren HipHop-Künstlern bis heute als Inspiration. Die Isley Brothers sind am 6. Juli in der Wiener Staatsoper zu hören, einen Tag später, am 7. Juli, betritt dort Natalie Cole die Bühne. Seit ihrem 1975er Debutalbum stand ihr Name für Eleganz im Soul-Gesang ein; ihr Leben, von Krankheiten und Krisen geprägt, hat ihrem Gesang mittlerweile eine eigene existentielle Dramatik verliehen. Die steht ihr ebenso gut wie das Great American Songbook, so ein Albumtitel 2008, und die mittlerweile neun Grammys.

FERNWÄRME WIEN Open-Air:

So verdeutlichen allein die Eröffnungskonzerte die Tongrundierung dieses Jahrgangs: es geht um Gesang, um souligen Gesang, um die Kraft, die von innen kommt. Und sie bleibt nicht im Innern begraben, sie erfordert geradezu das tätige Miteinander aller Gliedmaßen, weshalb es denn beim traditionellen Fernwärme Open Air Konzert am 5. Juli mit Célia Mara brasilianisches Feuer, mit Osibisa afrikanische Lebensfreude und mit Reggae-Legende Jimmy Cliff Rhythmus und sozialkritischer Lebensweisheiten à la „The Harder They Come, The Harder They Fall!“ gibt.

RATHAUS-ARKADENHOF:

Dabei ist die Beschwörung der inneren Kraft, wie das Beispiel Buika zeigt, nicht auf afroamerikanische Musiker beschränkt. Denn auf die Beschwörung innerer Kräfte sind indische Musiker prädestiniert, wie der Wiener Gitarrist Harri Stojka mit seinem India Express am 7. Juli im Arkadenhof des Rathauses hören lässt. Seine Zusammenarbeit mit indischen Musikern rührt an das innere Geheimnis der Wanderwege der Musik, wo sich indische Musik mit der der europäischen Gipsies verbindet, Django Reinhardt und John McLaughlin sich begegnen.

Das sich Freispielen von der Unterdrückung, die Rückbesinnung auf das innere Fundament der eigenen Kraft, das war in der Geschichte des Jazz erstmals in New Orleans, dem ersten Umschlagplatz afrikanischer Sklaven, zu hören. Die Musik dieser Stadt war immer schon eine wilde Mixtur aus lateinamerikanischen Rhythmen, aus Blues, Jazz, Soul, Funk und Voodoo-Zauberei – und niemand versteht sich besser auf diesen Mix als Dr. John. Der seit den fünfziger Jahren praktizierende Doktor wird mit seiner Band einen Teil des Abschlusskonzertes des Jazz Fest Wien am 8. Juli im Arkadenhof des Wiener Rathauses bestreiten. Den zweiten Teil dieser Beschwörung eines kunstvollen Lebens wird die Preservation Hall Jazz Band bestreiten. Die in den sechziger Jahren gegründete Band bewahrt das Erbe des New Orleans Jazz mit bewunderungswürdiger Haltung auf: Seit Gründung der Band durchliefen nahezu 150 Musiker diese Schule des New Orleans Jazz, ein Durchlauferhitzer und Jungbrunnen für die Jazz-Szene in Nawlins und darüber hinaus: Mittlerweile drängeln sich Musiker wie Tom Waits, die Black Keys oder Bonnie Raitt um die Filet-Stücke aus der Küche dieser munteren Truppe.

PORGY & BESS:

Man mag es Zufall nennen oder eben nicht: Dieser Jahrgang der Besinnung auf die Seelenkraft ist zugleich ein Jahrgang der jungen Talente, die in diesem Jahr vor allem im Porgy & Bess auftrumpfen.

Obwohl Malias Debutalbum nahezu ein Jahrzehnt zurückliegt, gilt sie noch als frisches Ausnahmetalent, das neuerdings auch für elektronische Soundscapes des 21. Jahrhunderts einsteht (2. Juli). Mit dem Vibrafonisten Warren Wolf (6. Juli), dem jungen Trompeter Ambrose Akinmusire (7. Juli) und Melissa Aldana (8. Juli) kommen mehrfach ausgezeichnete Vertreter des jungen amerikanischen Jazz ins Spiel.

KONZERTE BEI FREIEM EINTRITT:

Und der isländische Pianist Arni Karlsson kommt am 6. Juli als Botschafter des isländischen Jazz in den Arkadenhof und führt uns in die Terra incognita des isländischen Jazz ein. Geradezu als Beweis für die junge, sich immer neu generierende Kraft des Jazz muss der 1997 (!) geborene Junggitarrist Andreas Varady gelten, der sich als slowakischer Gitarrist auf die Spuren von Django Reinhardt und George Benson macht. Dass das Gitarrenwunderkind von Quincy Jones gefördert wird, muss ja nicht schaden. Sein Auftritt im Arkadenhof (6. Juli) wie auch die Freikonzerte junger Sängerinnen wie Christiana Uikiza oder Nikki Yanofsky am Rathausplatz beweisen das Interesse junger Musiker an einer Musik, die seit hundert Jahren nicht aufgehört hat, sich zu entwickeln und immer wieder gerade junge Menschen dazu bringt, ihr gerade begonnenes Leben als Kunstwerk leben zu wollen.

Dass der Jazz dabei jene seelische Tiefenschichten anspricht, die ihn zu einer „healing force of the universe“ (Albert Ayler) macht, müsste eigentlich jedem Gast des Jazz Fest Wien gefallen. Wetten, dass selbst ein Musikhasser wie Freud sich durch diese Musik therapieren lassen würde? Wetten, dass es nach jedem Konzert einige hundert geheilte, zufrieden und entspannt lächelnde Menschen mehr geben wird in Wien? Das Leben zur Kunst machen, so kann es heilsam gelingen, dieses Jahr beim Jazz Fest Wien.

Das komplette Programm des Jazz Fest Wien 2014 mit weiteren Informationen, Bildern und Videos zu den Künstlern finden Sie ab sofort unter www.viennajazz.org.

Pet Shop Boys beim Jazz Fest Wien

April 25, 2014 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Am 4. Juli in der Staatsoper

Bild: Jazz Fest Wien

Bild: Jazz Fest Wien

Die Pet Shop Boys wollten nach Montreux unbedingt auch am Jazz Fest Wien spielen und werden am 4. Juli in der Wiener Staatsoper im Rahmen des Jazz Fest Wien mit ihrer „Electric“ Tour 2014 Halt machen. Auch dieser Auftritt wird ein Beispiel für die innovative Bühnenarbeit des Duos sein. Die gesamte Tour wurde in Zusammenarbeit mit dem mehrfach preisgekrönten Creative Director und Bühnenbildner Es Devlin (der auch für Take That, Lady Gaga, Kanye West & Jay Z arbeitete und Mitgestalter der Schlusszeremonie der Olympischen Spiele 2012 in London war), und der mit dem Tony-Award ausgezeichneten Regisseurin und Choreographin Lynne Page erarbeitet. Die beiden gestalteten auch mit den Pet Shop Boys bereits die „Pandemonium“ Tour. Mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern gehört das Duo zu den meistverkauften Musikkünstlern weltweit. Bei den Brit Awards wurden sie über die Jahre mehrfach ausgezeichnet und bekamen den Ehrenpreis für „Outstanding Contribution to Music“.

Tickets: Online Verkauf: www.viennajazz.org/ticket-center/ – Telefon Ticket Center + 43 1 408 60 30

Das komplette Programm: www.viennajazz.org

Wien, 25. 4. 2014

Jazz Fest Wien 2013

Juni 5, 2013 in Tipps

Bei Bryan Ferry bebt die Staatsoper

Bleiben die Temperaturen noch länger so winterlich, wird’s umso mehr Zeit für heiße Musik: Von 17. Juni bis 10. Juli steigt in Wien wieder das Jazz Fest. Traditionell an diversen Spielorten. Hier ein einige Highlights:

Das Eröffnungskonzert bestreitet  am 17. Juni in der Stadthalle Vokalakrobat Bobby McFerrin, ein gern und oft erlebter Gast des Jazz Fest Wien, mit seinem Gospel- und Spiritual-Programm „Spirit You All“, das daran erinnert, dass beim Jazz Geist und Genießen eine vollkommene Einheit bilden sollen. Wie weltumspannend diese Idee ist, werden der italienische Pianist, Sänger und Altmeister des jazzinspirierten italienischen Liedguts Paolo Conte mit seinem Konzert am 24. Juni und der deutsche, durchaus als Jazz-Musiker ernst zu nehmende Komiker Helge Schneider mit seinem Gast Scott Hamilton am 27. Juni  zu Gehör bringen.

Bryan Ferry

Bryan Ferry

Weiter geht es am 1. Juli in der Wiener Staatsoper. Bryan Ferry, mit Blues und Jazz großgeworden und mit Glamrock in den Pop-Olymp aufgestiegen, findet altersweise zum Jazz zurück. Seine betörend sinnlichen Flirts mit Verlangen und Enttäuschung wird der nun zum zweiten Mal auf dem Jazz Fest auftretende Brite gehörig zelebrieren, solo am Klavier, mit Orchester und mit Standards aus dem Great American Songbook und den Hits seiner Karriere. Leisere Töne werden von der in Wien bestens bekannten norwegischen Sängerin Rebekka Bakken am 4. Juli angeschlagen. Am 6. Juli spielt die Jazz-Legende George Benson in der Wiener Staatsoper, und sein samtweich groovendes Gitarrenspiel eröffnet gleichzeitig die Funk- und Soul-Schiene des Festivals und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Kunst des Gitarrenspiels. Er und Bonnie Raitt, der Auftritt des amerikanischen Bluesrockgitarristen Robben Ford am 9. Juli im Arkadenhof des Rathauses, das Konzert des Fusion-Gitarristen Mike Stern, der zusammen mit Victor Wooten am 1. und 2. Juli im Porgy & Bess auftritt, das dortige Aufspielen der ungarischen, klassisch ausgebildeten Gitarristin Zsofia Boros am 6. Juli, die Auftritte des Rockjazz-Gitarristen Richie Kotzen am 29. Juli im Reigen und der von Harri Stojka auf der Bühne vor dem Rathaus, sie alle verleihen in diesem Jahr dem Gitarrenspiel eine gewichtige Bedeutung.

Die Blues-Soul-Funk-Jazz-Schiene des Programms wird mit dem Doppelkonzert von Randy Crawford, Joe Sample und der Newcomerin China Moses am 7. Juli in der Staatsoper ebenso fortgeführt wie mit dem Auftritt von Bluessänger John Lee Hooker Jr. im Reigen (3. Juli) und dem in der Fernwärme abgehaltenen Freiluftkonzert. Am 29. Juni wird dort Marlon Roudette, der mit Mattafix den Nummer–Eins-Hit „Big City Life“ einspielte, auftreten, davor Martha High, afroamerikanische Sängerin mit Gospel- und Soulhintergrund bei James Brown, dem Publikum mit klassischen Soul einheizen. Eric Burdon, der mit seinem aktuellen Album ‚Til Your River Druns Dry‘ gerade von der Kritik gefeiert wird, gibt sich am 10. Juli im Arkadenhof des Rathauses die Ehre. Der Auftritt des legendären längst siebzigjährigen Rock- und Bluesshouters ist die wahre Sensation des diesjährigen Jazz Fest. Mehr unter:

www.viennajazz.org

Von Rudolf Mottinger

Wien, 5. 6. 2013