Burgtheater: Dantons Tod

Oktober 22, 2014 in Bühne

Diese Besprechung bezieht sich auf die Voraufführung am 21. Oktober.

VON MICHAELA MOTTINGER

Duell zweier Theatertitanen

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sie mögen von der Bühne gegangen sein, um das eine oder andere noch zu diskutieren. Etwa, wie man es verhindern kann, dass „St. Just“ Fabian Krüger mit dem Stiefel in Dantons am Boden liegender Perücke hängen bleibt – und diese minutenlang nicht los wird. Es war aber auch ein Sinnbild. Oder, dass ein Bühnenarbeiter die Gewänder der Exekutierten zusammenräumen musste, damit eine goldene Wand sich senken kann. Egal. Jan Bosses Inzenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“ am Burgtheater ist großartig. Und sie kann bis zur Premiere am Freitag nur noch großartiger werden.

Wer mehr noch nicht wissen möchte, möge hier aufhören zu lesen!

Allein das Bühnenbild von Stéphane Laimé (Kostüme: Kathrin Plath) ist herausragend. Ein sich beinah – bis auf Prozess und Kerkerhaft – ständig drehendes Ringelspiel  mit Treppen wie von M. C. Escher, mit Spiegelkabinetten, Boudoirs für die Liebe, Kammern mit Gerichtsakten, einer Badewanne natürlich, die Guillotine in der Mitte des Raums … und einem Joachim Meyerhoff in der Haupt-Rolle als Danton, der in die Gegenrichtung langstreckenläuft. Gegen die Geschichte. Gegen die Zeit. Gesicht und Oberkörper mit einer weißen Klebmasse beschmiert. Abertausend Ideen scheinen durch Bosses Kopf gerast zu sein. So wie man den Regisseur kennt und liebt. Etwa ein von St. Just „geleiteter“ Kinderchor, der immer wieder die Marseillaise anstimmt – und das „Allons enfants“ wörtlich nimmt, wenn die kleinen Sängerinnen und Sänger als Revolutionäre mitten durchs Publikum auf die Bühne stürmen.

Zwischen all diesen Gimmicks hat Bosse das Wesentliche aber im Blick behalten. „Dantons Tod“ ist ein Lehrstück über Despotismus. Darüber, wie Revolution zu Diktatur führt. Wie es jede seit 1789 tat, was Büchner freilich nicht wissen konnte. Nur 22 Jahre alt fetzte er „Dantons Tod“ in fünf atemlosen Wochen hin. Der Dichter stand damals, 1835, völlig zu Recht unter dem Verdacht des Hochverrats. Er hatte im Hessischen Landboten sein berühmtes Manifest „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ veröffentlicht. „Die politischen Verhältnisse können mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Machthaber und die Liberalen ihre Affenkomödie spielen“, formulierte Büchner. All das lässt Bosse in seine Bearbeitung einfließen. Auch, dass George (Danton) von den Mitspielern Georg (Büchner) genannt wird und die beiden so gleichgesetzt werden. Auch, Achtung: Jung-Castorf, Großmutters „Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt … Und war ganz allein, und da hat sichs hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein“ aus Woyzeck, vorgetragen von Ignaz Kirchner. Der auch den Thomas Payne gibt, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, der mit Danton den girondistischen Verfassungsentwurf ausarbeitet, der allerdings nicht in Kraft trat. Er entging durch einen Zufall der Enthauptung. Er glaubte, dass wahre Religion darin bestehe, Gerechtigkeit zu üben, Erbarmen zu haben und seine Mitmenschen glücklich zu machen: „Die christliche Religion ist eine Parodie auf die Sonnenanbetung, in welcher sie eine Figur namens Christus an die Stelle der Sonne setzten und ihm jetzt die Verehrung zukommen lassen, die ursprünglich der Sonne galt.“

Doch mit Sonnenkönig und so hatten die Franzosen ihre Schwierigkeiten, deshalb gibt Michael Maertens den Blutmessias Robespierre, der alle seine alten Freunde und Wegbegleiter, seine Apostel, kopflos macht. Bosse hat Maertens und Meyerhoff wunderbar gegen den Strich besetzt, holt beide aus ihrer Burgschauspielerwohlfühlzone, lässt sie neue Facetten ihres Könnens zeigen. Eine der besten Szenen daher die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Meyerhoff legt seinen Danton weniger als Epikureer an; er ist resignativ, politik- und lebensüberdrüssig, mittelschwer irre, aber das ist sicherlich so, wenn man dabei ist, den Kopf zu verlieren, und sich trotzdem in einen trügerischen Kokon der Unverwundbarkeit eingesponnen glaubt: „Mein Name!“ Maertens „Robespierre“ erscheint lange nur auf Leinwand, ein riesiger, via Livekamera gefilmter Kopf, ein jakobinischer Big Brother, der Asket, der mit unangenehm hoher Fistelstimme seine Wahrheit verkündet. Zwei begnadete Redner, der eine vom anderen „Polizeisoldat des Himmels“ genannt, der andere beschuldigt, „die Rosse der Revolution vorm Bordell halten lassen machend“. Robespierre wurde übrigens 1794 ohne vorherigen Prozess durch die Guillotine enthauptet, Saint-Just bestiegt mit ihm gemeinsam das Schafott.

Fabian Krüger spielt St. Just als Intriganten, als unscheinbares Priesterlein seines Herrn, der die „große Leiche“ Danton mit Anstand begraben will, weil sie ihm lebend zu eloquent ist. Seine Rede vor dem Kovent ist ein Gustostück. Seine Worte duften nicht mehr nach Menschenliebe, sondern stinken wie Leichen, aus deren Bergen er neue Lebende schaffen will. Vom Himmel regnet es Pamphlete, Kleidungsstücke … Man kann nicht umhin bei dieser Gewandlawine ans Dritte Reich und seine KZs zu denken …

Auf der anderen Seite stehen Peter Knaack als Camille Desmoulins und Daniel Jesch als Lacroix, die ihren Freund Danton aus seiner hysterischen Lethargie reißen wollen. Die endlich Republik statt Revolution wollen. Die genug haben vom „Köpfen spielen“. Auch ihre werden gemeinsam mit Dantons im Korb landen. Eine gelungene Darstellung! Ebenso wie die von Adina Vetter als Dantons verzweifelter Ehefrau Julie. Eine Verausgabung bis zur Selbstaufgabe. Julie und die von Aenne Schwarz verkörperte Lucile, Desmoulins Frau, werden ihren Männern freiwillig in den Tod folgen. Jasna Fritzi Bauer ist eine herrliche Hure Marion; Stefan Wieland und Hermann Scheidleder zwei blutdürstige Bürger.

Fazit: Eine fabelhafte Voraufführung. Man darf sich zu Recht auf die kommenden Vorstellungen freuen.

www.burgtheater.at

Wien, 22. 10. 2014

Wiener Festwochen: Macbeth

Mai 26, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schottischen Clanchefs als kongolesische Warlords

Die drei Hexen Bild:  Nicky Newman

Die drei Hexen
Bild: Nicky Newman

Es wird am Ende der diesjährigen Wiener Festwochen eine der besten Produktionen gewesen sein, die zu sehen waren: Brett Bailey und sein Third World Bunfight aus Kapstadt, die Wien schon mit Aufführungen wie „Big Dada“, „Orfeus“ oder der Performanceinstallation „Exhibit A“ beglückten, kommen diesmal klassisch. Verdi. Macbeth. Der belgische Komponist Fabrizio Cassol hat das Werk auf zwölf Musiker vom No Borders Orchestra eingerichtet; stimmlich tadellos sind Owen Metsileng als Macbeth, dessen sotto voce, seine gedämpfte Stimme, beeindruckend dunkel tönt, Nobulumko Mngxekeza als seine Lady mit starkem Sopran und Otto Maidi als Banquo; den Rest der Rollen bestreitet ein ebenfalls tadelloser Chor. Man singt italienisch.

Nun aber Bailey. Er verlegt die Handlung vom schottischen Hochmoor in die Demokratische Republik Kongo. Und bald wundert man sich: War sie dort nicht schon immer angelegt? Warlords bestimmen das Geschehen. Eine Million Hutu flüchtet aus Ruanda über die Grenze. Da erscheinen dem Macbeth die drei Hexen, heißt: weißgesichtige „Businessmen“, vermummt wie der Ku-Klux-Klan, mit ihren (Un-)heilsversprechen. „Invest in Africa“ wird später auf der großen Vidiwall stehen. Denn die bösen Geister wollen Coltan, Gold und Kupfer. Eines der ärmsten Länder der Welt ist reich an Bodenschätzen. Macbeths Preis der Macht sind die Handys, Laptops und Spielkonsolen der Ersten Welt. Kinder – „Negerpuppen“, leblos, tot, die von den Hexen achtlos weggeworfen werden, schlachten die „alten (zwei, drei, um Gottes willen: gar vier?) Jahre alten Geräte aus. (Der Laptop auf dem diese Zeilen entstehen ist übrigens zehn Jahre alt und die Wartungsfirma hat seinen Sarg schon bestellt. Doch noch ist Leben in dem alten Mann!)

Bald nicht mehr so in König Duncan. Ein Blauhelm filmt das Begräbnis, auf seiner Kopfbedeckung steht „Monusco“. Die friedenssichernde Einheit der UNO filmt greift nicht ins Stück ein, dafür, dass sie den Schutz der Zivilbevölkerung vor Rebellen im Kongo nicht gewährleistet, ist die UNO in den letzten Jahren wiederholt kritisiert worden. Bailey macht Politik. Wie stets. Für ihn gibt es keinen Maulkorb. Und über die Vidiwall regnen die Dollarzeichen. Und die Handaufhalter. Von Mord zu Mord – Banquo, dessen Brut laut Prophezeiung herrschen wird, Macduff – da wird gleich ein ganzes Dorf geopfert – wird die Lady mondäner, machthungriger, aber auch verwirrter. Die Übertitelübersetzungen sind jetzt bei „Fuck“ und „Echt irre!“ und „Bullshit“ angelangt. Der König ist verängstigt. Zu viel Blut fließt. Großartig, wie Bailey Nachrichtenmeldungen via Leinwand übermittelt. „Global Witness“ berichtet von abertausenden Toten, Massenfluchten, Massenvergewaltigungen. Berggorillas werden im Nationalpark Virunga Opfer von Wilderern. Die Macheten liegen bereit. Bailey projeziert Fotos von Leichen, Kindersoldaten, Verhungernden. Noch nie ging einem Verdis Schöngesang so unter die Haut.

Doch, man weiß es ja: Der Wald rückt näher. Und der nicht von einem Weib Geborene.  Und die Botschaft bleibt bestehen: Die Saat ist gesät, Nachtmahr entsteht. Mit bisher 5,4 Millionen Toten tobt in der Demokratischen Republik Kongo einer der schlimmsten Bürgerkriege unserer Zeit.

Für Brett Bailey und sein Team gab’s minutenlang Standing Ovations.

www.festwochen.at

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26. 5. 2014

Burgtheater: Die Krönung Richards III.

März 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon die zweite Vorstellung wurde abgesagt

Martin Wuttke Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Martin Wuttke
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Freitag, 16.45 Uhr, wogten die Zuschauermassen durchs Foyer des Burgtheaters wie Wellen bei schwerem Seegang. Erst hieß es, die Vorstellung finde nicht statt. Also hin zur Kassa, Karten hergeben, Geld entgegennehmen. Dann hörte man, nein, die Vorstellung werde doch gespielt. Also Geld retour, Karten retour. Schließlich ließ Frank Castorf die zweite Vorstellung von „Die Krönung Richards III.“ absagen. Zwei Damen des Ensembles seien stimmlos. Oliver Masucci verlässt das Haus über den Bühneneingang,lässig, mit Sonnenbrille. Ein deutsches enttäuschtes Paar: „Bei uns schließen sie die Theater, die Burg sperrt sich von innen zu.“ Der mittlerweile auch schon entnervte Mann an der Kassa: „Wenn jetzt alle ihr Geld wollen, habe ich zu wenig Bares da.“ Nanu? Bares ging doch sonst am Haus in 100.000er-Summen über den Tisch.

Tags zuvor hatte manch Premieren-Printschreiber von Massenfluchten des Publikums berichtet. Nun wären die wahren Castorfianer da gewesen, um sich an der jüngsten Dekonstruktion des Grumpy Old Man des deutschen Diskurstheaters sechs Stunden lang zu laben. Der viel gemühte Sager vom Stückezertrümmerer ist nämlich ein blöder. Auch für „Heiterkeiten“ zum Thema Hinternwundsitzen besteht kein Anlass. Castorf macht größer, führt Gedanken der von ihm bearbeiteten Autoren fort und aus. Diesmal um Texte von Antonin Artaud – was könnte besser zu Hans Henny Jahnn passen, als dessen Theater der Grausamkeit -, Georges Batailles surrealistisch-dekadente-erotische Prosa  und, weil Bataille stark von ihm beeinflusst war und Castorf ohne ihn sowieso nicht kann: Karl Marx. Ans Ende stellte der Theatermacher Heiner Müllers „Der Auftrag“. Dessen, Martin Wuttkes als Richard III., vorletzter, viel belachter, von „Qualitätszeitungen“ als aktuell improvisiert interpretierter Satz „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag“, steht 1:1 so bei Heiner Müller. Lernen Sie Kultur, Herr Redakteur. Martin Wuttke, die treue Seele, war’s dann auch, die sich freitags anbot, auf der Bühne Material aus dem und ums Stück zu lesen.

Hans Henny Jahnn war ein Unbequemer, einer der großen produktiven Außenseitern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, von den Nazis verfemt, man solle seine Stücke und Romane verbrennen, statt aufführen, meinte und tat das Dritte Reich, später einer der ersten öffentlichen Gegner der Atombombe. Und Tierversuchsgegner. Begründer der Künstlergruppe Ugrino. Orgelbauer und Pazifist, obwohl oder wohl weil er nicht an das Gute im Menschen glaubte. Er kämpfte in den frühen fünfziger Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Zerstörung der Umwelt und auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, weil er die Lagerung des atomaren Mülls schon damals für unverantwortlich hielt. Den Menschen hat er einmal als „Schöpfungsfehler“ bezeichnet, der zentrale Gedanke seines Werks ist eine antichristliche Schöpfungsmythologie. In seinen Aufsätzen, Reden und in seinen Romanen beobachtet er mit wachsendem Entsetzen das Ausmaß an Grausamkeit und Destruktivität, dessen der Mensch fähig ist. „Der Mensch ist Körper zuerst, und dann vielleicht Geist“, sagt er einmal. „Der Trieb, die Gier, die Aggression sind unmittelbar“. Gott ist bei Jahnn nicht tot, er hat aufgegeben.

In diesem Sinne erklären sich alle Arten von Sadismus und Perversion, die „Die Krönung Richards III.“ ausmachen. Im Gegensatz zu Shakespeare stirbt der Antiheld am Ende nicht. Er muss leben. Weiterleben. Weil es Gewalt und Grausamkeit auch tun. In Ewigkeit, Amen. An der Burg spielen hoffentlich bald wieder: Martin Wuttke als Richard III., Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Jasna Fritzi Bauer, Oliver Masucci als Herzog Buckingham, Marcus Kiepe, Hermann Scheidleder, Dirk Nocker, Sophie Rois als Königswitwe Elisabeth, Markus Meyer, Marc Hosemann und Moussa Baba, Azamat Chabkhanov, Jovita Domingos-Dendo, Robin Furlic, Simon Jung, Anasiudu Kenechukwu, Tobias Margiol, Bernhard Mendel, Adam Nakaev, Marie-Christiane Nishimwe, Christoph Prochart und Philipp Schwab. Bühne und Kostüme: Bert Neumann.

Die nächste Vorstellung wäre am 20. März.

www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Vorstellungsabsage_14-03-2014.at.php

www.hans-henny-jahnn.de

Wien, 15. 3. 2014

Akademietheater: Das Geisterhaus

Februar 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mehr Schein als Sein

Sabine Haupt, Aenne Schwarz, August Diehl, Adina Vetter, Caroline Peters Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Sabine Haupt, Aenne Schwarz, August Diehl, Adina Vetter, Caroline Peters
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Wenn das Burgtheater verlautbart, künftig eine Produktion einsparen zu wollen, möchte man eine Liste abgeben, welche das bereits gewesen sein könnte. Etwa „Das Geisterhaus“, in Szene gesetzt von Antú Romero Nunes. Wenn das Burgtheater weiter ausführt, es werde die Jahresverträge von fünf Schauspielern (Therese Affolter, Corinna Kirchhoff, Liliane Amuat, Udo Samel und Michael Masula) nicht verlängern, fühlt man sich als Rufer in einer Theaterwüste: Herr Hartmann, Sie geben hin, was Sie noch haben: Fabelhafte Schauspieler, die sogar aus Stroh Gold spinnen. Etwa bei „Das Geisterhaus“, in Szene gesetzt von Antú Romero Nunes. Allen, die den Verursacher der Misere noch nicht kennen, sei gesagt: Ex-Burgtheater-Direktor Nikolaus Bachler wien.orf.at/news/stories/2625550/ war’s. Eh klar, wer sonst? Der Kanonendonner, der zwischen Wien und München tobt, ist seit Jahren legendär. Kein Wunder: Mit Köpplinger, Kušej und Bachler sitzen drei der brillantesten österreichischen Bühnenköpfe in der bayerischen Metropole. In Wien hat sich die Kulturpolitik auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt – eine Ahnungslosigkeit, sah man die Ex-Kulturministerin doch kaum jemals im Theater und den Wiener Kulturstadtrat zunehmend seltener. Der Direktor eines ebenfalls renommierten Wiener Hauses jenseits des Rings sagte im Vier-Augen-Gespräch mit mottingers-meinung.at: „Dem Hartmann seine Stromrechnung möcht‘ ich nicht haben.“ Ein Burg-Gastregisseur erzählte sinngemäß: Hier zu arbeiten ist super. Wenn ich mir am einen Tag etwas wünsche, steht es am nächsten Tag da. Und wenn ich am dritten Tag dahinter komme, dass ich es doch nicht brauche, räumen sie‘ s wieder weg. Die Wahrheit ist ein Mittelweg.

Was das alles mit Nunes‘ Geisterhaus-Inszenierung am Akademietheater zu tun hat? Auch sie ist ein Mittelweg. Befahren von einem Luxusliner mit schwerer Schlagseite zum Schein statt zum Sein. Als wäre Isabel Allendes Familienepos nicht schon desolat genug, verschlimmbessert der deutsch-portugiesisch-chilenische Regisseur die Misere noch. Das Positive an der Chose sind einmal mehr die Darsteller. Ignaz Kirchner und August Diehl sind, oft gemeinsam auf der Bühne, als der alte und der junge Feudalherr Esteban Trueba zu sehen. Diehl spielt voll viriler Brutalität, endlich kein Elegiebürscherl wie Andrea Breths „Prinz von Humbug“ oder Hamlet mehr, sondern einen Jähzornigen, der die Vergewaltigung der ihm untergebenen Bauerntöchter wie zum Beweis seiner Männlichkeit braucht; doch immer mehr riechen Gestik und Mimik nach  Verbitterung, Enttäuschung und Alter. Kirchner nimmt das auf, verkörpert ebenso die Körperlichkeit des Greises wie auch die Eleganz und das Feuer eines jungen Mannes. Eine tadellose Leistung. Der die des Damensextetts Caroline Peters, Dörte Lyssewski, Aenne Schwarz, Adina Vetter, Sabine Haupt und Jasna Fritzi Bauer in nichts nachsteht. In hohem Tempo durch unzählige Kostüm- und Perückenwechsel hastend, stehen sie für alle anderen Figuren. Männer, Frauen, Kinder, Alte. Peters brilliert  als hellseherische Clara, Lyssewski als Estebans unglückliche Schwester Férula. Makellos geben Adina Vetter die Prostituierte Tránsito, Jasna Fritzi Bauer den Revolutionär Pedro Tercero und Aenne Schwarz Hund Barrabas.

Was dem Abend fehlt ist Konkretheit, Konzentration, Konzept. Wie so oft unter Hartmanns Leitung. Es ist – nicht nur an der Burg – die Crux selbst inszenierender Intendanten ihren Kollegen nicht beizeiten in die Suppe spucken zu wollen und dann den Salat zu haben. Noble Zurückhaltung können sich die für die Auslastung ihrer Häuser den Schädel Hinhaltenden aber eigentlich nicht leisten. Der Gastregisseur wird nämlich längst über alle Berge sein, wenn sie die Zahlen, Daten, Fakten anspringen. Nunes nun, der sich in Interviews gern als Handwerker bezeichnet, liefert Kunstgewerbliches. Einen handkolorierten Bilderbogen, der die im Roman festgeschriebene Uneindeutigkeit politischer Ideologien, die Zerrissenheit eines Landes und seiner Bewohner außen vor lässt. Ästethik ist alles, Esprit  weg. Slapstick siegt über Sinnlichkeit, Effekt über Emotion. Dreieinhalb Stunden lang verrennt, verliert, verspielt Nunes sich in abertausenden Details. Paradox, aber er lässt erstaunlich wenig Fleisch an den Figuren dieser Kitschorgie. Erst der zweite Teil des Abends gelingt ihm dicht und beklemmend: Estebans Kinder stehen auf der Seite der heraufdämmernden Sozialrevolution, wofür einige in Pinochets Folterkammern büßen werden müssen. Die ersten beiden Stunden werden zu brav, zu enervierend nacherzählt. Das Happy End, das Wiedersehen der letzten Überlebenden, verweigert Nunes. Das ist die größte Überraschung an dieser Buch-Coverversion.

www.burgtheater.at

Wien, 3. 2. 2014

Akadmietheater: Die Frau vom Meer

September 9, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wahn, Sinn und Wasserschlacht

Falk Rockstroh (Doktor Wangel), Christiane von Poelnitz (Ellida) Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Falk Rockstroh (Doktor Wangel), Christiane von Poelnitz (Ellida)
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Ja, da heißt es Mitdenken. Mehr als Dramatiker Henrik Ibsen seinem Publikum seit 1888 abverlangte. Regisseurin Anna Bergmann hat dem tief tiefenpsychologisch durchtränktem Stoff von „Die Frau vom Meer“ nämlich noch ein Freud’sches Über-Ich angedeutelt. Nicht nur den Schluss geändert, sondern im Subtext eigentlich die ganze Story. Den Inhalt, weil Theater das Stück in der Regel gern umschiffen, hier in aller Kürze: Ellida, Tochter eines Leuchtturmwärters, Freiheit, Meer und mehr gewohnt, hat den „soliden“ Doktor Wangel geheiratet. Und mit ihm seine beiden ihr nicht gewogenen Töchter aus erster Ehe. Und mit ihm das Brackwasser im Fjord. Und einen Sohn geboren, der alsbald verstarb. Und eine Liebe zu einem Seemann im Herzen, die nicht sterben will. Die Nixe kann an Land nicht leben …

Christiane von Poelnitz gibt dieses Wasserwesen ganz wunderbar. Meist in fließendes Wasserblau gekleidet, von ihren prächtigen Haaren wie von Rotalgen umspielt. Nur, dass sie deren ökophysiologische Anpassungsfähigkeit nicht schafft. Eine Märchengestalt, die ihre Depressionen, die hochgradige Nervosität unterspielt – oder von Wangel unter Psychopharmaka gesetzt, gar nicht anders kann? Die Bretter, auf denen Bergmann ihre Figuren taumelt lässt, sind morsch. Die Atmosphäre gleicht der auf einem Geisterschiff, die Villa Wangel ist ein Seelenfänger – für die, die noch eine haben. Jeder ist hier ein Gefangener seiner Erinnerungen an ein Glück, das nicht mehr existiert. Stattdessen absichtliches Missverstehen, Missgunst, Brutalität, Hass. Doch das Denken an Vergangenes gibt dem Wahn Sinn. Hat Ellida ihren Sohn ersäuft, weil er hier nicht herpasste? Die Videos von Sebastian Pircher (Impulskontrolle) sprechen einmal mehr Bände. Andrei Tarkowski war ihr jenseitiger Patenonkel.

Bergmann verlagert Ibens beredte Sprachlosigkeit auf Körperkontakt; sie setzt auf Tempo. Lässt Teile ihrer Darsteller an der Rampe spielen, während im Hintergrund „Handlung“ abläuft. „Nebenfiguren“ gibt es hier nicht. Da ist etwa der wie immer liebenswerte Tilo Nest als Oberlehrer Arnholm im Daktari-Outfit (weil er die ganze Welt gesehen hat), der nicht nur hervorragend musiziert und „Roxanne“ singt, sondern sich auch als Tanzgott erweist; der glaubt, geholt worden zu sein, um die ältere Tochter Bolette (Alexandra Henkel) zu freien, aber in Wahrheit Ellida mittherapieren soll. Da ist die  jüngere Tochter Hilde (Jasna Fritzi Bauer, auch mit einer tollen Singstimme gesegnet), die nicht, wie Bolette, die neuen Verhältnisse stoisch hinnehmen kann, sondern -verfolgt von ihrem tod-, weil brustkranken Bildhauer/Lover/Egoisten Christoph Luser – mit Aggression reagiert. Ein Aquariumsfisch muss daran glauben.

Und die Pathologie macht schon ihre Betten frei. Jeder singt hier eine falsche Melodie. Bis auf „Wangel“ Falk Rockstroh und Nest. Wobei Wangel dank Rockstrohs Darstellungskraft eine undurchsichtige Figur bleibt. Wie eine Marionette bewegte er die zum Fürchten exzellente Poelnitz. Liebe und Verständnis (?) paaren sich mit Bedrohung. Mit künstlichem Grauen, mit Macht. Einer, der durch Brüllen Vertrauen aubauen will , ist doch nur einer von Ibsens Patriarchen. Rasend reißt Poelnitz das Holzparkett des Salons heraus – darunter: Wasser. Und er. Ein furchterregender Poseidon. Der Seemann. Nur ein Trugbild des Irrwitzes? Studienobjekt einer psychologischen Krankheit?Franz J. Csencsits spielt diesen Todesengel vom anderen Ufer. In schwarzem Ölzeug, mit roter Langhaarperücke – ein Spiegel von Ellidas Innerstem als Äußerlichkeit. Eine Gradwanderung, die ihm Bergmann da auferlegt. Ellida, ihren Sohn noch einmal am Klavier sehend, beginnt nicht den von Ibsen vorgesehenen Neubeginn mit Wangel, sondern bittet ihn um die Freiheit. Den Freitod. Selbst da, im Wasser, hilft er ihr noch. Keine Antworten, keine Lösungen für die Einsamkeit des Menschen, sondern noch mehr Fragen. Und ein wie zugeschnürtes Hals. Manchmal muss man gehen lassen, was man liebt. Wohin die Sehnsucht auch immer treibt. Bravo ans Ensemble und Anna Bergmanns beherztes Zugreifen!

www.burgtheater.at

Wien, 8. 9. 2013