Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2018

Volkstheater: Niemandsland

Oktober 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit-Bomben der Kriegstraumata

Birgit Stöger als kriegstraumatisiert Azra mit Seyneb Saleh. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Birgit Stöger als kriegstraumatisierte Azra mit Seyneb Saleh. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Halbnackte Männer in Militärhosen umtanzen eine Frau, heben sie hoch, reichen sie weiter, bis man erkennt, dieser Akt zeitgenössischen Tanzes ist die Darstellung einer Gruppenvergewaltigung. Ein Kriegsverbrecher setzt zum großen Geständnis an, doch es ist nur das Kunstprojekt eines Sohnes, der fest an die Unschuld seines Vaters glauben will. Ein Anwalt für Menschenrechte vertritt eine syrische Bloggerin, aber in Wahrheit sind ihre Posts von ihm.

Als Yael Ronen und ihre Darsteller das schrieben, wussten sie noch gar nichts vom Hype um Bana Alabed … Am Volkstheater zeigt die israelische Theatermacherin ihr Projekt „Niemandsland“, es ist vom Schauspielhaus Graz nach Wien übersiedelt, wurde aktualisiert und ergänzt. Im Mittelpunkt steht die wahre Liebesgeschichte von Osama Zatar und seiner Frau Jasmin Avissar, er Palästinenser, sie Israelin, und ihrer Suche nach einem Ort, an dem sie ihre Liebe leben können. Es wurde Wien (Ein Gespräch mit den beiden: www.volkstheater.at/themen/auf-der-buehne/niemandsland/). Zatar und Avissar stehen als sie selbst auf der Bühne; Avissar hat die Körpertheaterszenen choreografiert.

Rund um diese True Story knüpft Ronen einen Reigen aus Schicksalen Kriegstraumatisierter. Sie zeigt von der Vergangenheit bewältigte, an der Gegenwart erstickende Menschen. Deren Erinnerungen fallen in den Theaterraum wie Zeit-Bomben. Die Episoden greifen ineinander, spielen in Belgrad, in Ramallah oder hier. Die Bosnierin Azra (Birgit Stöger) ging durch die Hölle des Lagers in Foca, in dem Vergewaltigung als Kriegsstrategie eingesetzt wurde, floh mit dem Produkt dieses Leidens, ihrer kleinen Tochter Leila, nach Wien, wo sie, verfolgt von den Geistern der Vergangenheit, vor sich hin vegetiert.

Leila (Seyneb Saleh), Studentin, Freundin des erschöpften Kriegsreporters Fabian (Jan Thümer), geht als Aktivistin einer NGO nach Palästina und trifft dort auf den Bildhauer Osama. Dessen Frau Jasmin wendet sich in Wien an einen Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier), der ihn zu ihr bringen soll. Von diesem Dr. Nachmann erwartet sich auch der Schauspieler Miloš (Sebastian Klein) Hilfe. Man hat seinen Vater als Kriegsverbrecher angeklagt. Sein Vater war in Foca …

Osama Zatar will von Palästina nach Österreich gelangen. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Osama Zatar will von Palästina nach Österreich gelangen. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seine Frau Jasmin Avissar wendet sich deshalb an einen Wiener Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier). Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seine Frau Jasmin Avissar wendet sich deshalb an einen Wiener Menschenrechtsanwalt (Julius Feldmeier). Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Das starke Ensemble weiß zu berühren. Zeigt in den Tanzsequenzen bisher ungeahnte Talente. Und wie immer, wenn Ronen mit ihrer Handmacherart auf das Grauen der Welt hinweist, ist das zum Weinen und zum Lachen, lauert die Situationskomik in den Kulissen der menschlichen Tragödien. Vor allem Stöger kann diesbezüglich all ihre schauspielerischen Stärken ausspielen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagte sie einmal, es dauere im Schnitt drei Jahre, bis ein Publikum sich mit ihrem Spiel anfreunden würde – da hat sie am Volkstheater aber die Abkürzung genommen.

In „Niemandsland“ geht es um Opfer und Täter, um das Erben von Schuld und um das Weitergeben von Konflikten und daraus entstehenden Traumata an die nächste Generation. Um den Unterschied zwischen Lügner und Lügner. Um die Frage, wer das Recht hat, über Krieg zu reden und um die Gnade der Geburt. Am Ende verursacht eine vermeintlich gute Tat neues Leid. Am Schluss sitzt eine Pointe. Typisch Yael Ronen. Ein bestechender, ein eindrücklicher Theaterabend, ein Statement auch zu Tagen, die erst noch folgen.

www.volkstheater.at

Wien, 5. 10. 2016