The Great Green Wall: 8000 Kilometer Bäume für Afrika

Oktober 22, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine neue Generation die Wüste begrünen will

Von Senegal bis Dschibuti soll ein 8000 Kilometer langer Baumgürtel entstehen. Screenshot: „The Great Green Wall“.

Die Lunge ist derzeit noch nicht besonders grün, sondern eher eine Staub-, die Lungenbläschen, um im Bild zu bleiben, einzelne sich gegen die Sandstürme der vorwärtsdrängenden Wüste stemmende Akazien. So trotzig ihre Wipfelköpfe sich erheben, so auch der von Inna Modja. Die malische Musikerin und Aktivistin wird die weiteren eineinhalb Stunden zur Reiseleiterin des Kinopublikums werden. Bei „The Great Green Wall“, der am Freitag anläuft – und den man gesehen haben muss. Für ein tieferes Verständnis von Afrika, für ein neues Bild der Menschen, fürs Begreifen, das „Hilfe vor Ort“ nicht aus rot-weiß-roten Flaggen bestehen kann.

„The Great Green Wall“ ist eines der ehrgeizigsten Klima-Ziele der Welt: Quer über den afrikanischen Kontinent, entlang der Sahelzone, soll ein 8.000 Kilometer langer Gürtel aus Bäumen gepflanzt werden, eine grüne Lunge, die die Versteppung aufhalten und einer Millionenbevölkerung Nahrung, Arbeitsplätze und eine Zukunft bringen soll. Von Senegal bis Dschibuti beteiligen sich, Stand: November 2019, 21 Staaten an dem sozio-ökonomischen Projekt, das bei Fertigstellung das größte lebende Bauwerk der Welt sein wird.

Am Ende des Films, wenn Inna Modja im äthiopischen Addis Abeba das Gebäude der African Union betritt, um an einer Gesprächsrunde teilzunehmen, wird man erfahren, dass erst 15 Prozent der Grünen Mauer verwirklicht sind, Senegal dabei der verdienstvollste Teilnehmer. Andere Länder kämpfen im Wortsinn. Die Sahelzone leidet unter dem globalen Klimawandel, leidet an Dürre und ihrem kaputten Ökosystem, an Konflikten, an der Boko Haram und ergo Flüchtlingsströmen. Die Renaturierung des Bodens, so Dokumentarfilmer Jared P. Scott (Produzent ist Fernando Mereilles, bekannt für „City of God“), ist eine Frage des Überlebens. Colonel Papa Sarr, Technischer Direktor des Ganzen, erklärt, dass 2,5 Millionen Bäume pro Jahr gepflanzt werden müssen.

Großartige Totalen von einer der unwirtlichsten Trockenzonen der Welt wechseln mit Nahaufnahmen des ausdrucksstarken Gesichts von Inna Modja. Modja wirbt für ihre Herzensangelegenheit, indem sie zu einem Roadtrip lädt. Nicht über Straßen, sondern auf Pisten. Im Senegal, in Mali, Nigeria und Äthiopien spricht sie mit Menschen über ihre Ängste, Träume und Hoffnungen. Zum Sound afrikanischer Sprachen mischt sich die Musik, denn Modja will ihre Reise mit einem Album beschließen, einer musikalischen Collage der vielfältigen Stimmen Afrikas, die doch eine sind. Die einer neuen Generation, die bereit ist, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

Scott und Modja erzählen ergo auch eine Geschichte von Optimismus, Solidarität und Entschlossenheit, von Muslimen und Christen und dem gemeinsamen Beten für Regen. „Barça ou Barsakh“, sagen die Bootsflüchtlinge, Barcelona oder Sterben, dem wollen sich die Great-Green-Wall-Pflanzer nicht unterwerfen. Der das schildert, sagt zu den Filmleuten: „Sorry for my broken English, I’ve been colonized by French“. Dieser subtile Underground-Humor, der den Finger in die nach wie vor schwärende Wunde legt, denn die meisten Stürme, die Afrika beuteln, haben Europa und die USA gesät, durchzieht den Film.

Äthiopien, Addis Abeba: Inna Modja trifft Popstar Betty G., um mit ihr am Album zu arbeiten Bild: Polyfilm Verleih

Äthiopien, Addis Abeba: Menschen sind unterwegs zum wöchentlichen Markt. Bild: Polyfilm Verleih

Niger nennt man „das Drehkreuz nach Europa“, viele warten hier auf ihre „Chance“. Bild: Polyfilm Verleih

Senegal: An der Great Green Wall werden in Reih und Glied Baumsetzlinge gepflanzt. Bild: Polyfilm Verleih

Immer mehr Musiker entern den kleinen Bus von Inna Modja. In Timbuktu Aliou Touré, der Leadsänger von Songhoy Blues, der Hiphopper Big Makou, der bis Libyen kam, dort im Gefängnis saß, und als er hörte, dass er Vater wird, in sein Dorf zurückkehrte. Die Kamera zeigt junge Männer am Meer, die auf ihre „Chance“ warten, „als hätte der Himmel sie verlassen“, singt Big Makou, und nennt die westliche Überzeugung, dass es so einfach wäre, von Zuhause weg und nach Europa zu gehen, Rassismus. Sie alle wollen die Sicht vom „Elendskontinent“ Afrika auf dessen Kultur und Tradition und Musik lenken – und, so Modja: „Wir wollen endlich unseren Platz an der Tafel.“ Die Great Green Wall steht auf gegen Europas Grenzzäune. Gegen Extremismus und Exodus. Als Hilfe zur Selbsthilfe.

Im wohl intimsten Moment des Films berichtet die Musikerin aus dem konfliktreichen Norden von Mali von ihrer Genitalverstümmelung durch ein Familienmitglied. „Das hat mein Leben und alles, woran ich glaube, verändert, und ich habe beschlossen nie mehr zu schweigen.“ Das will sie nun auch andere lehren, mit ihren Songs, die den Geist öffnen und Brücken bauen, (Selbst-)vertrauen in die Zukunft und in die eigene Kraft wecken sollen. „The Great Green Wall“ wird dennoch zum Porträt der Probleme, die diesem quer durch Afrika laufenden und sich durch die Klimakrise zuschnürenden Gürtel zusetzen. Modjas Begegnungen dazu sind spannend und aufschlussreich.

In Maiduguri, Nigeria, nimmt sie an einer Radiodiskussion zum Schrumpfen des Tschadsees (um 90 Prozent in 50 Jahren, was 30 Millionen Menschen betrifft, Ursache: die globale Erwärmung) mit Popstar Waje, Umweltaktivist Hamzat Lawal und Friedensstifterin Hamsati Allamin teil. Diese anmoderiert als „the woman who speaks with Boko Haram“, und sie wird Modja später zur Future Prowess School führen, die gleichzeitig ein Waisenhaus ist. Ein Projekt der islamischen Foundation futureprowess.org, in dem Kinder von Tätern wie Opfern zusammenleben.

Wie die 14-jährigen Freundinnen Hauwa und Fatima, erstere, die mitansehen musste, wie die Boko Haram ihren Vater abschlachtete, zweitere, die verkündet: „Meine Verwandten sagen, ich soll heiraten, aber ich will lernen.“ Bintu und Madu waren 13, als sie entführt wurden, zur Zwangsheirat gezwungen, zu Selbstmordattentäterinnen ausgebildet, dann gelang ihnen die Flucht. Auch ein Ex-Soldat, ein halbes Kind, ist da, und Inna Modja erzählt der Reisegruppe später erschüttert von diesem Täter wie Opfer und der ihm antrainierten Mordsgewalt. Dazwischen machen die Reisenden Musik. Vor Kindern und Jugendlichen, die mit strahlenden Augen vor selbstgezimmerten Konzertbühnen ihre Arme in den Himmel strecken.

Nigeria: Die Boko Haram schikaniert die Bevölkerung. Screenshot „The Great Green Wall“

Nigeria: Entführte Kind-Frauen bei einer Boko Haram-Zwangsheirat. Screenshot „The Great Green Wall“

Niger, Wadda: Mit Migrant Aboubacar in der Endstation Busbahnhof. Screenshot „The Great Green Wall“

Äthiopien, Tigray: Landwirt Abu Hawi präsentiert sein grünes Paradies. Screenshot „The Great Green Wall“

In Niger wartet Migrant Aboubacar im Busbahnhof Wadda auf Modja. Am „Drehkreuz nach Europa“, wie Niger oft genannt wird, ist das die Endstation. Zerlumpte Menschen, aggressive Schlepper, die fürchten gefilmt zu werden. In Niger bekommen Frauen im Durchschnitt sieben Kinder, das ist die höchste Geburtenrate der Welt im ärmsten Land der Welt. Über Möglichkeiten, weniger große Familien zu haben, werde nicht gesprochen, sagt Women’s Right Aktivistin Inna Karonka, die Männer lassen sich ihr Recht nicht nehmen …

Die Männer, beziehungsweise die Söhne, die dann wie Aboubacar am Wadda-Ende der Welt stranden. Auch er schaffte es bis Libyen, auch er sechs Monate Gefängnis. „Du wirst verkauft, ohne es zu merken“, sagt er über das Schlepperwesen. Frauen ohne Geld müssten mit ihrem Körper zahlen, Männer würden zum Sterben in der Wüste zurückgelassen. „Ich war auf der Suche nach Würde“, erklärt ein anderer seinen Fluchtgrund – und man möchte ihm sagen, die würdest du in der sich radikalisierenden Festung Europa nicht finden. Immer wieder hört man das gleiche Schicksal, die Schande, man könne nicht zurück zur Familie ohne etwas in der Hand zu haben. Den Druck macht Idris deutlich: „Meine Mutter sagt, als erstgeborener Sohn muss ich etwas gegen die Armut der Familie tun.“ Die Kamera zeigt Männer, die die Tränen kaum zurückhalten können.

Zum Schluss der Lichtblick. Äthiopien, das sich nach der Hungersnot in den 1980er-Jahren ein neues Image geben will. „82 Ethnien mit verschiedener Sprache, Kultur und Religion leben hier friedlich zusammen“, ist Popstar Betty G. stolz – und man tut gut daran, diesen Moment nicht mit Berichten der WHO, der UNICEF, von Amnesty International und Reporter ohne Grenzen zu verkritikastern.

Denn da steht in Tigray Landwirt und Community Organizer Abu Hawi, der den großen Hunger überlebt und das verwüstete Land gesehen hat, mitten in seinem grünen Paradies. „Ich habe meine Denkweise geändert und selber Grün gepflanzt“, sagt er mit sichtlicher Freude über seine Obstbäume. „Gemeinschaft“, sagt er, „ist unser Erfolgsrezept“, und zeigt die Wasserbank, die errichtet wurde. „Unser Reichtum ist das Wasser“, sagt er, „und die Bäume bewahren den Boden – wenn man die Natur schützt, können arme Gegenden wiederaufleben.“ Nachsatz: „Nichts ist unmöglich.“

„The Great Green Wall“ erzählt von einem Wettlauf mit der Zeit. Nicht nur wegen der kurzen Pflanzphase zwischen August und September, sondern gegen den rasenden Klimawandel. Ob die Bäume schnell genug groß werden? Ob das Projekt endlich das politische Gewicht, die finanzielle Unterstützung erhält, die ihm zustehen? Das sind die Fragen, die nicht nur über die Zukunft Afrikas, sondern die der ganzen Welt entscheiden. Eine panafrikanische Idee muss zu einer globalen werden – und der Film zu einem vielgesehenen Zeugnis, wie eine junge Generation sich gegen die desaströsen Folgen der Klimaerwärmung zu wehren beginnt.

www.greatgreenwall.org/film           www.greatgreenwall.org           www.youtube.com/user/innamodja

22.10. 2020

Wiener Festwochen: Peter Brooks „Battlefield“

Juni 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Fülle des leeren Raums

Der junge König braucht neue Hoffnung: Jared McNeill als Yudishtira, Carole Karenera als seine Mutter Kunti, Ery Nzarama als ein Bote/Freund. Bild: Caroline Moreau

Die Wiener Festwochen 2017 enden, wie sie begonnen haben: mit dem Mahabharata. Feierte Tianzhuo Chens Version „Ishvara“ die Dekadenz der Opulenz, so ist Peter Brooks „Battlefield“ die minimalistische Version des Jahrtausende alten Epos. Bereits 1985 hat sich der Regiegott mit dem indischem Versmythos befasst.

Damals in einer neunstündigen Theaterfassung und einem dreistündigen Film, nun hat er eine Szene herausgegriffen, neu inszeniert und fein ziseliert. Einmal mehr hält Peter Brook an seinem Manifest des leeren Raums fest, und zeigt, welche Fülle, welche Kraft der Schauspieler sich im gleichsam Nichts befinden kann.

Yudishtira hat die Familienfehde gewonnen und wird zum neuen gerechten König ausgerufen werden. Allein, Zweifel beschleichen seine Brust, hat doch nicht nur seine Mutter Kunti den Tod ihres mit der Sonne gezeugten Gott/Sohns Karna zu beweinen, sondern auch sein blinder Onkel Dritarashtra die Hinmetzelung seiner hundert Nachkommen. Angesichts Millionen Toter auf dem Schlachtfeld kann König Yudishtira, das Blut des Massakers noch an den Händen, seinen Sieg nur als Niederlage empfinden. Mit Hilfe von Kunti und Dritarashtra, versucht er verzweifelt zu ergründen, wie er angesichts seiner Schuld inneren Frieden finden kann.

Brook und seine Co-Regisseurin Marie-Hélène Estienne packen den von Jean-Claude Carrière bearbeiteten Stoff in einfache Bilder. Ein Dutzend Bambusstäbe und ein paar bunte Tücher genügen, um Darsteller und Handlung zu verorten.Was bleibt, ist ein ewiggültiger Grabgesang am Schlachtfeld Welt. Toshi Tsuchitori – er schon 1985 mit dabei – begleitet das Geschehen auf der Trommel, unterstreicht, akzentuiert wenn nötig. Jared McNeill spielt den Yudishtira, Sean O’Callaghan den Dritarashtra, Carole Karemera die Kunti und Ery Nzaramba diverse Boten/Freunde. Sie argumentieren sich durch dies hochphilosophische Werk, das Leid des Menschen und die Lust der Natur am Leben, als ob es ihr Alltäglichstes wäre.

Familienrat: Sean O’Gallaghan, Ery Nzaramba und Carole Karemera. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

Ery Nzaramba als auf dem Schlachtfeld sterbender Großvater Bishma. Bild: Pascal Victor/ArtComArt

„Battlefield“ atmet Gleichnisse. Ein Kind stirbt nach einen Schlangenbiss. Wer kann Schuld haben? Die Schlange, der Tod, die Zeit, das Schicksal? Eine Taube, von einem Falken gejagt, landet erschöpft auf dem Oberschenkel eines mildtätigen Herrschers. Der bietet sein Fleisch für das Fleisch der Taube. Doch wird dem hungrigen Falken so Gerechtigkeit widerfahren? Ein Wurm will über die Straße kriechen – und muss doch von einem Ochsenkarren zermalmt werden.

Prospero Brook arbeitet sich ab an der Frage nach der Gerechtigkeit und der Wahrheit als Königspflicht. Gott Krishna und die Göttin Ganges treten auf, um das Ihre zu verkünden. Großvater Bishma wird auf dem Schlachtfeld, wo er von Pfeilen durchbohrt stirbt, besucht und nach seiner Meinung befragt. Die Antwort ist ein atemberaubendes Destillat des Sanskrit-Textes. Die Bedeutung dieser enormen Sammlung an Geschichten und der religiösen und lebensklugen Parabeln wird am besten mit einem Satz aus dem ersten Parva des Mahabharata zusammengefasst: „Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden werden kann, kann nirgends gefunden werden.“

Das Ensemble brilliert: Carole Karemera, Sean O’Callaghan, Jared McNeill und Ery Nzaramba. Bild: Pascal Victor, ArtComArt

„Battlefield“ zeigt die apokalyptischen Nachwirkungen jedes Krieges. Brook stellt Nachforschungen an – nach Verantwortung, Schuld und Vergebung in einer von Konflikten und Kriegen zerrütteten Zeit, die aus seiner Inszenierung ein Lehrstück für die Gegenwart machen.  Und diese Fragen richten sich in erster Linie an Trump, Putin, Erdogan und Assad, aber auch an alle anderen Staatsoberhäupter dieser Welt.

www.festwochen.at

Wien, 17. 6. 2017

Dallas Buyers Club

Februar 6, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie schön wäre es, wenn dieser Film nicht wichtig wäre

Jared Leto, Matthew McConaughey Bild: Ascot Elite

Jared Leto, Matthew McConaughey
Bild: Ascot Elite

Da müssen Sie durch, das müssen Sie hier noch einmal lesen: Dass Matthew McConaughey für seine Rolle 25 Kilo, Jared Leto 15 abgenommen hat. Dass nach dem Golden Globe nun auch der Oscar winkt. Die roten Teppiche rotieren, die TV-Kameras kollabieren. „Dallas Buyers Club“ ist die Filmsensation der Saison. Wie schön wäre es, wenn dieser Film nicht wichtig wäre. Aber er ist es in Zeiten steigender HIV-Infizierungen. Sein Bemühen um Aufklärung ist denn auch das edelste Motiv, dass man dem kanadischen Regisseur Jean-Marc Vallée nachsagen kann. Mehr als zwanzig Jahre nach „Philadelphia“ berichtet Hollywood wieder über das wichtige Thema AIDS. Ein Verdienst von Drehbuchautor Craig Borten, der zwei Jahrzehnte um die Umsetzung des Projekts gerungen hat. „Dallas Buyers Club“ erzählt eine true story, die von Ron Woodroof nämlich, den Borton 1992 knapp vor dessen Tod getroffen und drei Tage lang interviewt hat.

Der Texaner, Elektriker und Rodeoreiter, Prolo und Macho, Frauenflachleger, erhielt Mitte der 80er-Jahre die tödliche Diagnose. Weil sich ein echter Homophober aber nicht damit abfinden kann, an der „Schwulenseuche“ zu krepieren, machte er sich auf die Suche nach alternativen Heilmitteln und fand eines in Mexiko. Das er in den USA, weil nicht zugelassen, nicht verkaufen durfte. Also gründete er einen Klub, dessen Mitglieder das Medikament nach Einzahlung eines Mitgliedsbeitrags beziehen konnten. Dies ist der spannendste Aspekt des Films: Wie einer eine Gesetzeslücke ausnützte, der Verhinderungstaktik der US-Zulassungsbehörde die Stirn bot und etlichen Mitleidenden zu einer Lebensverlängerung verhalf. In kurzen Aufblitzern zeigt Vallée auch die Gleichgültigkeit der Pharmaindustrie, die Angst der Ärzte gegenüber den Patienten. Hier hat „Dallas Buyers Club“ seine stärksten Momente.

Ansonsten wird kaum ein Klischee ausgelassen. Von Anfang an ist klar, dass man über den unsympathisch-cholerischen Ron noch Tränen vergießen wird, dass da einer vom Zero zum Hero aufsteigt, dass seine Zweckbekanntschaft Rayon genau die mit dem Herzen ist, die Menschen, die Anderssein als Krankheit betrachten, zum Umdenken veranlasst. An Überraschungen gibt es wenig, ist das Ende der Geschichte ja bekannt. Vallée wusste an welches Publikum er sich richtet und hat die Dinge entsprechend hergerichtet. Dass das Ganze keine politisch korrekte Oscar-Schielerei ist, sondern mit trotziger Rotzigkeit daher kommt, ist das Verdienst von McConaughey. Der ehemalige sexiest man alive, berühmt für Surfer-Fotos, abonniert auf romantische Komödien, zeigte schon als böser Börsenmakler in Martin Scorseses „Wolf of Wall Street“ was Sache ist. Nun ist der 44-Jährige auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Mit einer Tour-de-Force-Performance macht er den Überlebenskampf seines Aids-Aktivisten beinah greifbar. Er ist bis zuletzt ein Rebell gegen Krankheit und Sterben. Ebenso gelungen ist die Leistung von Jared Leto. Der Frontmann von Thirty Seconds to Mars spielt den Transsexuellen Rayon mit atemberaubend morbiden Charisma. Eine fragile Figur ohne Dragqueen-Feder im Arsch. Dass mit dieser darstellerischen Authentizität so manche inhaltliche Echtheitsklippe umschifft wird, muss einem egal sein. Das ist Hollywood. Und das ist ein sehenswerter Film.

www.dallasbuyersclub.de

www.focusfeatures.com/dallas_buyers_club

Trailer: www.youtube.com/watch?v=cC6mv0KhOBY

Wien, 6. 2. 2014

Chroniken der Unterwelt – City of Bones

August 28, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Jonathan Rhys Meyers als Leinwandbösewicht

Mächtiger Bösewicht: Valentine Morgenstern (Jonathan Rhys Meyers).  Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Mächtiger Bösewicht: Valentine Morgenstern (Jonathan Rhys Meyers).
Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Am 29. August startet in den heimischen Kinos die Fantasy-Saga „Chroniken der Unterwelt – City of Bones“, ein Mix aus Action, spektakulären Spezialeffekten und je einer guten Portion Romantik und Humor. Der Film basiert auf dem ersten Buch der gleichnamigen, weltweit erfolgreichen Abenteuerreihe der Bestsellerautorin Cassandra Clare. Erzählt wird die Geschichte von Clary (Lily Collins), die entdeckt, dass sie einer viele Generationen alten Gruppe von Schattenjägern angehört, einem Geheimbund von Halbengel-Kriegern, die dafür kämpfen, unsere Welt vor Dämonen zu bewahren. Nach dem rätselhaften Verschwinden ihrer Mutter schließt sich das Mädchen einer Gruppe von Schattenjägern an, die ihr das New York einer Parallelwelt zeigen – voll mit Dämonen, Zauberern, Werwölfen, Vampiren und anderen tödlichen Kreaturen. Gemeinsam mit den Schattenjägern Jace (Jamie Campbell Bower), Alec (Kevin Zegers) und Isabelle (Jemima West) macht sich Clary auf die Suche nach ihrer Mutter. Außerdem müssen die vier verhindern, dass der finstere Valentine Morgenstern  (Jonathan Rhys Meyers) in den Besitz des mächtigen Kelchs der Engel gelangt … In einer Gastrolle  ist Elyas M’Barek („Türkisch für Anfänger“) zu sehen.

Schriftstellerin Clare begann im Jahr 2003 mit dem Verfassen ihrer Reihe von Young-Adult-Romanen, die auf Anhieb auf den Bestsellerlisten von New York Times, USA Today, Wall Street Journal und Publishers Weekly landeten. „Ich war immer schon ein großer Fan von Fantasy und epischen Geschichten über Gut und Böse“, sagt sie. „Ich wollte eine Coming-of-Age-Geschichte mit einem Mädchen im Mittelpunkt erzählen, weil ich das noch nicht allzu oft gesehen hatte. Und ich beschloss, New York als Kulisse zu wählen, weil ich gerade in die Stadt gezogen war und mich in ihre wunderbare und unglaubliche Geschichte verliebt hatte.“ Vier Jahre später wurde „Chroniken der Unterwelt – City of Bones“ veröffentlicht und entwickelte sich in Windeseile zum weltweiten Verkaufsschlager. In der Folge entstanden fünf weitere Romane der Chroniken der Unterwelt-Saga mit Clary Fray und ihren Schattenjäger-Kameraden sowie drei weitere mehrteilige Serien, die ebenfalls in Clares erdachter Schattenwelt angesiedelt sind: „The Bane Chronicles“, „The Infernal Devices“ und „The Dark Artifices“. Die Bücher wurden in 36 Sprachen übersetzt und haben sich weltweit 22 Millionen Mal verkauft.

In der Chroniken der Unterwelt-Romanserie befindet sich in der uns bekannten Welt noch eine weitere, eine versteckte Welt, die von magischen Wesen bevölkert wird, die sich in einem fortwährenden Kampf zwischen Gut und Böse befinden. Man kennt sie als die Schattenwelt: Sie beinhaltet Geheimnisse, die tausend Jahre zurückreichen in eine Zeit, als die Erde drohte, von Dunkelheit verschlungen zu werden. Zehn Jahrhunderte sind vergangen, seitdem die Pest durch Europa wütete und endlose Heilige Kriege den Nahen Osten in die Knie zwangen. Cassandra Clares sorgfältig geplottete Mythologie besagt, dass hinter diesen Ereignissen dämonische Kräfte stecken, die damals versuchten, die Menschheit zu zerstören und die Weltmacht zu übernehmen. Weil er befürchtete, dass das Böse über das Gute triumphieren könnte, griff der Engel Raziel zu drastischen Maßnahmen. Er vermischte sein Blut in einem geheimnisvollen Kristallkelch mit Menschenblut. Jeder, der von diesem Kelch der Engel trank, wurde Teil einer Rasse von Hybriden, halb Mensch, halb Engel, die man als Nephilim kennt – oder als Schattenjäger. Diese einzigartigen Wesen, ausgestattet mit übernatürlich großen Kräften und magischen Fähigkeiten, beschützen die menschliche Welt seither vor Übergriffen der Dämonen. Die Schlacht wird noch heute in der Schattenwelt ausgetragen, obwohl normale Menschen ihr gesamtes Leben führen, ohne je von deren Existenz zu erfahren.

Jonathan Rhys Meyers spielt Bösewicht Valentine Morgenstern. „Valentine ist kein geifernder Superbösewicht oder unglaublich verwerflicher Strippenzieher“, sagt Produzent Robert Kulzer. „Seine Gefahr geht von seinem Charme aus. Er steht für all das, was die Schattenjäger nicht sein sollten. Und doch hat er alle möglichen Leute dazu gebracht, ihm auf dem Weg in die Finsternis zu folgen.“ Valentines Verbleib bleibt für den größten Teil des Films ein Geheimnis, aber seine finstere Präsenz trägt viel zur Atmosphäre bei. „Die Erwähnung seines Namens reicht aus, um den Leuten kalte Schauer den Rücken herunter laufen zu lassen. „Als Clary herauszufinden versucht, was mit ihrer Mutter geschehen ist, fällt sein Name immer wieder. Damit wird effektiv die Bühne bereitet für den Moment, an dem er wirklich in die Handlung eingreift.“ Cassandra Clare sagt, dass Rhys Meyers’ grüblerische Intelligenz ihn zum idealen Valentine macht. „Ich habe Jonathans Arbeit geliebt, als ich ihn erstmals in „Velvet Goldmine“  (1998) gesehen habe“, erklärt die Schriftstellerin. „Er verleiht Valentine eine Art von bösartiger Vernunft. Obwohl man weiß, dass die Worte, die aus seinem Mund kommen, im Wesentlichen unmoralisch sind, will man doch einer Meinung mit ihm sein. Eine ganze Reihe theoretisch guter Leute werden Teil seines Zirkels. Als ich erstmals online geposted habe, dass Jonathan Rhys Meyers unser Valentine sein würde, erhielt ich viele Antworten, in denen stand: ,Also ich würde Mitglied des Kreises werden, wenn er von ihm angeführt werden würde.’“

Rhys Meyers ist ein intensiver und erfindungsreicher Darsteller und überraschte seine Kollegen während des kompletten Drehs immer wieder. „Nachdem wir die erste Szene mit Valentine gedreht hatten, nahm Jamie Campbell Bower mich beiseite und gestand: ‚Ich habe ein bisschen Angst vor ihm’“, so Kulzer. „Und auch Lily kam zu mir und sagte: ,Er ist super, aber ich habe ein bisschen Angst vor ihm.’ Und ich antwortete ihnen: ‚So soll das ja auch sein!‘“

http://chronikenderunterwelt.de/

http://www.cityofbonesmovie.com/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FzbzWrNQuTw

Wien, 28. 8. 2013