museum gugging: art brut japan – schweiz.!

September 15, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Götter, Monster und Dämonen aus Ost und West

Shinichi Kusunoki: GUNM (Pistolen-Träume) – Again›, 2008 Tintenstift auf Papier Bild: Besitz des Künstlers

Shinichi Kusunoki: GUNM (Pistolen-Träume) – Again›, 2008 Tintenstift auf Papier
Bild: Besitz des Künstlers

Das museum gugging und die galerie gugging blicken gemeinsam Richtung Japan und in die Schweiz. Mit der umfassenden kontrastierenden Schau „art brut: japan – schweiz.!“ startet das museum gugging in die Herbstsaison. Die galerie gugging arbeitet seit vielen Jahren mit Künstlern und Galerien sowohl aus Japan als auch aus der Schweiz zusammen und bietet ausgesuchte Arbeiten aus beiden Ländern an.

Mehr als 150 Werke umfasst die beeindruckende Schau, die Monika Jagfeld, Direktorin des Museums im Lagerhaus in St. Gallen, konzipiert hat und die nun das museum gugging in Österreich zeigt. Kurator Johann Feilacher legt den Schwerpunkt der Ausstellung auf japanische Positionen, um dem Publikum neue Entdeckungen aus Fernost zu ermöglichen. Erstmals ist in Österreich eine Gegenüberstellung von Schweizer und japanischer Art Brut zu sehen, zahlreiche künstlerische Werke, die von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen geprägt sind. Und dennoch weisen manche Arbeiten, obwohl sie unabhängig und tausende Kilometer voneinander entstanden, erstaunliche inhaltliche Gemeinsamkeiten auf. Götter, Dämonen, Monster aber auch Flugobjekte, Fahrzeuge und die Erschaffung ganzer Welten verbindet die Art Brut in Ost und West. Aus der Konfrontation von Verschiedenem und Ähnlichem entsteht ein offener Diskurs, der die Art Brut neu verortet.

Anders als in Europa, wo sich das Interesse für Art Brut aus der künstlerischen Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte, ist in Japan deren Förderung aus dem Sozial- und Gesundheitswesen entstanden. Mit dem Aufbau des Sozialfürsorgesystems ab 1946 änderte sich die Wahrnehmung von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die bis dahin stark diskriminiert waren. Im Jahr 2004 wurde das Borderless Art Museum NO-MA in der Präfektur Shiga gegründet. Durch die Arbeit dieses Museums kommt der Art Brut in Japan heute eine besondere Aufmerksamkeit zu. Erst seit wenigen Jahren ist japanische Art Brut in Europa zu sehen, sie wurde aber in erstaunlicher Geschwindigkeit in internationalen Fachkreisen bekannt. Mit der aufsehenerregenden Präsentation von Shinichi Sawadas Arbeiten auf der Biennale in Venedig 2013 und der prominenten Veröffentlichung seiner Arbeit im Kunstmagazin „Art“ hat die japanische Art Brut ein breiteres Publikum erfasst. Sawadas faszinierende Keramikarbeiten – Götter, Dämonen, Ungeheuer – lassen sich in die jahrtausendelange Tradition der Shigaraki-Brennöfen und ihre historische Keramikproduktion einordnen. Der Künstler nimmt damit nicht nur eine zentrale Rolle innerhalb der Art Brut ein, sondern auch einen wichtigen Platz in der japanischen Kunstgeschichte.
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Norimitsu Kokubo integriert in seine zeichnerische Tätigkeit all das, was seine Neugier erweckt – so kartografiert er Erde und Himmel mit seinen Karten. Kokubo sammelt sein Bildmaterial im Internet, im Fernsehen oder in Reisekatalogen. Aus diesem Rohmaterial kombiniert und zeichnet er nach Belieben neue Szenen und Geschichten. Zu sehen sind zudem Werke von Künstlerinnen wie Sakiko Kono mit ihrer Puppen-Parallelwelt, die ihr Wohnheim abbildet. In dieser künstlerisch imaginierten Gesellschaft leben alle Menschen frei, bereisen zusammen die Welt und gründen fiktionale Länder. Juichi Saitos feinstrichige Arbeiten haben ihren Ursprung in der Kalligrafie – als Kalligrafen im klassischen Sinne kann man ihn allerdings nicht bezeichnen. Er wählt Zeichen aus zuvor gesehenen Fernsehtiteln und überschreibt sie unentwegt, bis sich luftig verwehte Wolkenformationen bilden – Lesbarkeit ist für den Künstler nachrangig. „Art Brut Japonais“ zeigt sich als Kaleidoskop unterschiedlicher künstlerischer Facetten, die zwischen hermetischen subjektiven Weltentwürfen und Einflüssen japanischer Traditionen changieren und nicht nur Charakteristisches der Art Brut, sondern eine ausgesprochene Schönheit vermitteln.
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Große Namen aber auch unbekannte Positionen sind auf der Schweizer Seite von (wiederzu)entdecken. Aloïse Corbaz, eine der international bedeutendsten Vertreterinnen der Art Brut, ist mit wichtigen Arbeiten zu sehen. Liebespaare sind Corbaz‘ Hauptthema, doch stehen die Frauen immer im Zentrum. Selbstbewusst präsentieren sie ihren sinnlichen Körper und strahlen eine ungewöhnlich kühle Erotik aus, die durch die bestechend blauen Augenflächen verstärkt werden. Diese Augen erlauben es nach außen zu schauen, verwehren aber, so die Künstlerin zu ihren Arbeiten, den Blick in ihr Inneres. Madonnen waren seit den 1960er Jahren Hans Schärers großes Thema – eine davon ist in Gugging zu sehen. Schärers Madonnen sind stelenartige, vereinfachte, halslose Frauenfiguren mit unheimlichem Stirn- oder Brustauge und bedrohlich bezahntem Mund, umgesetzt in einem groben Farbauftrag mit eingearbeiteten Materialien wie Steinen, Wachs oder Textilien. Sie sind archaische Göttinnen und Monstermadonnen zugleich.
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Daneben finden sich eine Reihe bemerkenswerter Künstler wie Alfred Leuzinger, Anna Kahmann mit ihren schillernden „Güggel“ (Gockel) oder Josef Wyler, der mit seinen comicartigen Zeichnungen fantastische Welten erschafft.
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Wien, 15. 9. 2015