Weltmuseum Wien: Japan zur Meiji-Zeit

Februar 14, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sammlung Heinrich von Siebold rekonstruiert

Duft- bzw. Schminkdose mit Deckel in Form des Glücksgottes Hotei. Ende Edo-Periode bis frühe Meiji-Periode, Mitte bis spätes 19. Jh., vor 1882. Sammlung Brandenstein-Zeppelin. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

Die Meiji-Periode umfasst in der japanischen Geschichte den Zeitraum von 1868 bis 1912. Eine Zeit, in der sich der Feudalstaat zur modernen Großmacht entwickelt, die japanische Gesellschaft sich wandelt und der Welt öffnet. In Europa entstand reges Interesse an diesem noch unbekannten Land. Heinrich von Siebold, Sohn des Arztes und berühmten Japanforschers Philipp Franz von Siebold, kommt bereits als Jugendlicher nach Japan und verbringt dort den größten Teil seines Lebens.

Aufstellung der Sammlung ca. 1883 im Wohnsitz der Schwester von Heinrich von Siebold bei Ulm in Süddeutschland. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

Heinrich Freiherr von Siebold in japanischer Tracht,1897. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

Aufstellung der Sammlung ca. 1883 im Wohnsitz der Schwester von Heinrich von Siebold bei Ulm in Süddeutschland. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seine Sammlung an japanischen Objekten wird Kaiser Franz Josef für das k. u. k. Naturhistorische Hofmuseum geschenkt, wofür Heinrich von Siebold den Freiherrntitel erhielt, und bildet heute einen der Grundbestände der ostasiatischen Sammlung des Weltmuseum Wien. Ab 13. Februar zeigt das Haus nun die Schau „Japan zur Meiji-Zeit. Die Sammlung Heinrich von Siebold“. Anhand von drei historischen Objekt-Fotografien aus dem 19. Jahrhundert, die die Aufstellung der Sammlung auf einem Privatwohnsitz der Familie zeigen, wird die Geschichte dieser Sammlung rekonstruiert und aufgearbeitet.

Ein Film zeigt diese Rekonstruktion mithilfe von object mapping und vermittelt somit einen Eindruck der Originalinstallation. Gleichzeitig werden die Objekte in fünf Ausstellungsräumen gezeigt und mit einer aktuellen Beurteilung des historischen Wertes einer Meiji-zeitlichen Sammlung präsentiert. Im Rahmen der Schau werden auch die Ergebnisse des gemeinsamen Forschungsprojekts mit dem National Museum of Japanese History präsentiert. Ein Symposium zu Heinrich von Siebold und seiner Sammlung findet im März statt.

Deckelvase mit dem Motiv der einhundert Eremiten. Frühe Meiji-Periode (1868–1912), vor 1882. © KHM-Museumsverband

Ryū okimono, Zierfigur Drache, Kimura Toun, Edo (Tokyo), Edo-Periode (1600–1868). © KHM-Museumsverband

Statue der Buddha Amitabha Trinität. Stehende amida-nyorai Figur: Muromachi-Periode, 15–16. Jh. Bodhisattva Figur (links) Kōkei. Edo-Periode (1600 – 1868), 17–18. Jh. Bodhisattva Figur (rechts) Shikibu Kyō. Edo-Periode, 17–18. Jh. © KHM-Museumsverband

Zur Person: Heinrich von Siebold (1852–1908), Sohn des Arztes und berühmten Japanforschers Philipp Franz von Siebold, reist bereits als Jugendlicher nach Japan und verbringt dort einen Großteil seines Lebens. Er wird als Dolmetscher bei der neu gegründeten österreichisch-ungarischen Gesandtschaft in Tōkyō angestellt. Es ist die Zeit des Überganges vom Shogunat zur Meiji-Zeit von 1868 bis 1912 und zu einer neuen Politik der Öffnung des Landes. Japans ehemals militärisch ausgerichtete Gesellschaft wandelt sich während der Meiji-Restauration von einem Feudalstaat hin zu einer modernen Großmacht, mit dem Tennōan der Spitze des Staates.

Die gesellschaftliche Umwälzung bedingt, dass viele Kult- und Gebrauchsgegenstände der vergangenen Shogun-Zeit nicht mehr benötigt werden und somit in den Besitz von Sammlern wie Heinrich von Siebold übergehen. Dieser möchte seine umfangreiche Sammlung verkaufen, überlässt sie aber schließlich 1888 Kaiser Franz Joseph für das k. u. k. Naturhistorische Hofmuseum. Dort wird die Sammlung in der anthropologisch-ethnografischen Abteilung inventarisiert. Für die Schenkung erhält Heinrich von Siebold einen Adelstitel. Die Ausstellung thematisiert den Weg der Sammlung ins Weltmuseum Wien und verfolgt deren Spur.

www.weltmuseumwien.at

13. 2. 2020

Kunstforum Wien: Faszination Japan

Oktober 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hype um die fernöstliche Ästhetik

Alfred Stevens: Die japanische Pariserin, 1872. Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich. Bild: © Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich

„Das ist keine Mode mehr, das ist Leidenschaft, das ist Verrücktheit“, so charakterisiert der französische Kritiker Ernest Chesneau die Manie des westlichen Publikums für die extravaganten Vasen, Lackdosen, Stoffe und Farbholzschnitte, die aus dem Fernen Osten auf der Pariser Weltausstellung 1878 zur Schau gestellt wurden.

Ab 10. Oktober widmet sich nun das Kunstforum Wien der „Japomanie“ – der Begeisterung der westlichen Welt für die Ästhetik und die Bilderwelt des Fernen Ostens. Sie verfolgt die Entwicklung von der Faszination für das Fremdartige, Neue, von den Anfängen in den 1860er-Jahren bis weit nach der Jahrhundertwende, bis zu dessen Amalgamation in das Formenvokabular der westlichen Malerei, den Einfluss seiner Ästhetik auf die Entwicklung der Moderne um 1900.

Auf Druck der Amerikaner hatte Japan nach einer jahrhundertelangen selbstgewählten Isolation 1854 seine Häfen für den Handel mit dem Westen geöffnet, innere Reformer drängten zudem nach einer Präsentation des „neuen“ Japan im Westen, wofür die Weltausstellungen 1867 und 1878 in Paris und 1873 in Wien als Plattform wahrgenommen wurden.

Nun eroberten die elegant-exotischen Alltagsgegenstände, die exquisiten Textilien und vor allem die phantasievollen Ukiyo-e, die Farbholzschnitte, sehr schnell den europäischen Markt und erfüllten die Sehnsüchte des Publikums nach einer unbekannten fremden Kultur und einer neuartigen Scönheit. Expeditionen nach Ostasien wurden gestartet – Émile Guimet und Enrico Cernuschi legten dabei den Grundstock für die großen, nach ihnen benannten Pariser Museen Ostasiatischer Kunst –, und der Kritiker Philippe Burty kreierte 1872 den bis heute gültigen Begriff des „Japonismus“.

Emil Orlik: Japanisches Mädchen unterm Weidenbaum, 1901. Bild: Sammlung Dr. Eugen Otto, Wien

Georges Lacombe: Die violette Woge, 1896/97. The George Economou Collection. Bild: © Odysseas Vaharides / Courtesy The George Economou Collection

Vor allem die erzählfreudigen Farbholzschnitte, Bilder der fließenden, vergänglichen Welt, waren begehrte Sammlerobjekte auch der Künstler, die das fremdartige Formenvokabular, die erstaunlichen Themen und Motive, in ihre Bildsprache integrierten. Monet, Manet, Van Gogh, Degas und Gauguin sind die ersten, ihnen folgen die jüngeren – Toulouse-Lautrec, Bonnard, Vuillard, Vallotton oder Marc und Kandinsky. Ungewöhnliche kompositorische und inhaltliche Neuigkeiten erobern die abendländische Kunst.

Extreme quer- oder hochrechteckige Formate, beschnittene Figuren in starker Verkürzung, die Kombination von Vogelperspektive und starker Nahsicht, dazu große leere Flächen vor einem hohen Horizont; Kompositionen, die dekorative Arrangements mit Momentaufnahmen verschmelzen, Schwarz-Silhouetten oder der subtile Gebrauch der Linie. Gemeinsam mit der Wiederentdeckung der leuchtenden Lokalfarben, der scharfsinnig-geistreichen Beobachtung von Tier- und Pflanzenwelt, von alltäglichen Verrichtungen oder Geisterszenerien bereichern sie die westliche Malerei in vielfältigster Weise.

Von Paris aus verbreitet sich die Japomanie in ganz Europa – in Deutschland, Belgien, Ungarn, Skandinavien und Österreich. In Wien entwickelt sich, ausgehend von der Wiener Weltausstellung 1873, ein regelrechter Hype um die fernöstliche Ästhetik, an der sich auch Gustav Klimt und Josef Hoffmann inspirieren. In der Folge führen die Anregungen aus dem Fernen Osten zu einer eigenständigen Interpretation und Umsetzung in eine neue, in die aufkommenden Moderne des 20. Jahrhunderts führende Formensprache – in der die Tendenzen zur Abstraktion, zur Überwindung des konventionellen Bildraumes eigenständig weiterentwickelt werden.

In der Ausstellung des Kunstforum Wien werden fernöstlich beeinflusste Gemälde und Druckgrafik, aber auch Objekte und Möbel, europäischer Herkunft den japanischen Holzschnitten, Paravents und Objekten gegenübergestellt. An die 100 Exponate aus internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen geben einen Überblick vom späten 19. Jahrhundert bis zum Beginn der Avantgarden. Die Künstlerinnen Margot Pilz, Eva Schlegel und Stephanie Pflaum haben das Thema des Teehauses als Ort der Begegnung aufgegriffen und darüber eigenständige Reflexionen unter unterschiedlichen Aspekten entwickelt.

www.kunstforumwien.at

8. 10. 2018

MAK: Shunga. Erotische Kunst aus Japan

Oktober 10, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Schau über die Schönheit von Sexualität

Utagawa Kunimaro (ca. 1830–1870): Beim Teetrinken, um 1860/70. Illustration aus einem dreibändigen Buch. Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Utagawa Kunimaro (ca. 1830–1870): Beim Teetrinken, um 1860/70. Illustration aus einem dreibändigen Buch.  © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Mit ihrem scheinbar unbekümmerten Umgang mit Nacktheit und Sexualität vermitteln ostasiatische Shunga, Frühlingsbilder, eine freiere Sexualmoral, als sie zeitgleich in Europa anerzogen wurde. Die MAK-Ausstellung „Shunga. Erotische Kunst aus Japan“ zeigt ab 12. Oktober die künstlerische Qualität der explizit erotischen Farbholzschnitte, die trotz langen Verbots durch die japanische Regierung zum Massenphänomen avancierten.

Ukiyo-e, die Bilder der fließenden Welt, denen die Shunga zuzuordnen sind, illustrieren urbane Vergnügungen sowie bürgerliche Alltagsphänomene rund um die Theater- und Vergnügungsviertel von Edo, dem heutigen Tokio. Die expliziten Darstellungen versperrte den erotischen Drucken lange Zeit den Eingang in europäische Sammlungen. Im MAK geben nun Einzelblätter, Alben und Bücher von namhaften Meistern wie Suzuki Harunobu, Katsushika Hokusai oder Kitagawa Utamaro einen repräsentativen Einblick in diese oft tabuisierte Facette der japanischen Kunstgeschichte. Zeitgenössische Aktfotografien von Nobuyoshi Araki spannen den Bogen bis in die Gegenwart.

Der formale Umgang mit nackten Körpern und die zum Teil vielschichtigen Anordnungen von Kimonofaltungen heben Shunga deutlich von naturalistischen Darstellungen des Liebesspiels ab. Charakteristisch sind die anatomische Detailgenauigkeit, manchmal extreme Körperstellungen und übergroß dargestellte Genitalien. Oft zeigen Shunga auch humorvolle Szenen, wie beispielsweise ein kleines Mädchen, das durchs Schlüsselloch ein Liebespaar beobachtet und ruft: „Ich sag’s der Mama“.

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770, zugeschrieben), Belauschtes Liebespaar, um 1770. Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770, zugeschrieben): Belauschtes Liebespaar, um 1770.  © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770), Kyōdai no shūgetsu (Herbstmond auf dem Spiegelständer), 1766. Aus der Serie Furyu Zashiki Hakkei (Acht Ansichten von Interieurs). Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770): Herbstmond auf dem Spiegelständer, 1766. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Den Auftakt der chronologisch gegliederten Ausstellung bilden frühe Shunga-Serien aus dem 17. Jahrhundert. Suzuki Harunobu (ca. 1725 – 1770), einer der wichtigsten Entwerfer von Shunga, entwickelte die anfangs in schwarz-weiß umgesetzten Holzschnitte zu Vielfarbendrucken weiter und sprach mit seinen Parabeln zwischen chinesischer Dichtkunst und japanischer Erotik vor allem die reiche und gebildete Bürgerschicht Edos an. Kitagawa Utamaro (1753 – 1806) wandelte die ursprünglich verträumten erotischen Szenen Harunobus zu eindeutigeren Darstellungen.

Er verleiht dem Genre mehr Selbstverständlichkeit und zeigt auch halberotische häusliche Szenen wie die Schönheit, Bijin, bei der Körperpflege. Die heute auf dem Kunstmarkt kaum noch erhältlichen Alben Utamaros zählen zu den begehrtesten Werken der japanischen Kunst. Seine Serie „Negai no itoguchi“, Erwachen der Begierde  aus dem Jahr 1799, ist im MAK vollständig zu sehen. Erotische Phantasien und die Welt der Mythologie und der Geister verknüpft der nicht nur durch seine Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ weltberühmte Katsushika Hokusai (1760 – 1849).

Kitagawa Utamaro (1753–1806), Sommerabend, 1799. Aus dem Album Negai no itoguchi (Erwachen der Begierde). Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Kitagawa Utamaro (1753–1806), Sommerabend, 1799. Aus dem Album Negai no itoguchi (Erwachen der Begierde). © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Durch die neuen technischen Möglichkeiten der Fotografie verlor der Farbholzschnitt als Massenmedium ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Die Schau schließt ergo mit ausgewählten Fotografien des japanischen Künstlers Nobuyoshi Araki (geboren 1940), der in mehreren Aktfotografie-Serien auf Shunga aus der Edo-Periode Bezug nimmt. Der Großteil der in der Ausstellung gezeigten Werke stammt aus der Ukiyo-e Sammlung Rudolf Leopolds.

www.mak.at

Wien, 10. 10. 2016

MAK: Tadashi Kawamata gestaltet die Asien-Sammlung

Mai 4, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein neuer Blick auf die fernöstlichen Schönheiten

Fragmente eines Frieses, Prozession von 87 himmlischen Wesen, Wandmalerei, China, Yuan-Dynastie (1260–1368). Bild: © MAK/Georg Mayer

Fragmente eines Frieses, Prozession von 87 himmlischen Wesen, Wandmalerei, China, Yuan-Dynastie (1260–1368). Bild: © MAK/Georg Mayer

Kawamoto Masukichi (1831–1907), Zierplatte Der Fuji, Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872. Bild: © MAK

Kawamoto Masukichi (1831–1907), Zierplatte Der Fuji, Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872. Bild: © MAK

Globus, China, Qing-Dynastie (1644–1911), um 1800. Bild: © MAK/Georg Mayer

Globus, China, Qing-Dynastie (1644–1911), um 1800. Bild: © MAK/Georg Mayer

„Ich glaube nicht an das Permanente, an das Ewige, daran, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Eine Ausstellung muss ‚beweglich‘ bleiben, man muss die Objekte immer wieder austauschen“, das ist die Überzeugung von Tadashi Kawamata, der 2014 mit der künstlerischen Neukonzeption der MAK-Schausammlung „Asien. China – Japan – Korea“ betraut wurde. Das Ergebnis einer Arbeit ist ab 11. Mai im MAK zu sehen.

Der renommierte japanische Künstler „befreite“ die Kunstwerke aus der Vitrine und eröffnet so einen völlig neuen Blick auf die Objekte. Unmittelbar beim Eintritt in den Schausaal wird der Blick nun auf vier Malereien aus dem 13. bis 14. Jahrhundert gelenkt, die gemeinsam mit Keramiken und Lackarbeiten von der Tang- bis zur Yuan- Zeit präsentiert werden. Das dichte Arrangement zeigt auf, wie die Tradition der „Drei Farben/sancai“ disziplinenübergreifend bis ins 14. Jahrhundert hineinwirkte.

Der chinesische Begriff „sancai“ bezeichnet mehrfarbige Glasuren, wobei die Farben Grün, Braun-Orange und Beige vorherrschen. Oft kommt Kobaltblau als vierte Farbe dazu. Diese einfache farbige Gestaltung von Keramiken wurde während der Tang-Zeit entwickelt, die Bleiglasuren machen die Tonstücke haltbarer und wasserundurchlässig. „Sancai“-Keramiken wurden schon in der Tang-Zeit nach Zentral- und Westasien exportiert und beeinflussten Technik und Gestaltung der Keramiken in islamischen Ländern und in der Folge auch die spätmittelalterliche Keramik in Europa.

Im Zentrum des Raumes richtet sich die Aufmerksamkeit auf chinesische Objekte aus der Ming- und Qing-Periode, die neben einer großformatigen Seidenmalerei im tibetischen Stil präsentiert werden. Die Malerei entstand für die Gast-Residenz des 6. Panchen Lama Lozang Palden Yeshe in Chengde, der kaiserlichen Sommerresidenz. Der Qianlong-Kaiser lud den Panchen Lama zu seinem 70. Geburtstag in die Residenzstadt ein und beauftragte aus diesem Anlass die Hofwerkstätten mit der Anfertigung großformatiger Gemälde. Wie auch in den kunstgewerblichen Objekten dieser Zeit ist in den Malereien ein Stilmix aus chinesischen und europäischen Elementen erkennbar.

Im Fokus der dritten Objektgruppe stehen Arbeiten, die zu den „Gründungsobjekten“ der 25 000 Werke umfassenden Asien-Sammlung des MAK gehören. Gezeigt werden die Objekte, mit denen Japan an der Wiener Weltausstellung 1873 teilnahm. Sie gingen im Anschluss daran in die MAK-Sammlung über und haben aus westlicher Sicht das künstlerische und ästhetische Bild von Ostasien nachhaltig geprägt. Ein großformatiges Stillleben von Watanabe Kai zeigt den Scheideweg in der Kunst Japans nach dem Ende des Feudalstaates des Tokugawa-Shogunats. Die Entscheidung zwischen Tradition und Hinwendung zur westlichen Kunst war noch offen, in diesem Bild „schweben“ räumlich gemalte Früchte vor neutral goldenem Hintergrund.

Eine Gegenüberstellung von Porzellanen aus Japan und Europa wird mit dem Sichtfenster geschaffen, das die Räumlichkeiten der Schausammlung Asien und der 1993 von Donald Judd gestalteten Schausammlung Barock-Rokoko-Klassizismus verbindet. Es dient als Vitrine für japanische Porzellane im Kakiemon-Stil aus dem 17. und 18. Jahrhundert und aus der Wiener Porzellanmanufaktur und gibt den Blick auf das Dubsky-Zimmer frei.

Zum Künstler:

Tadashi Kawamata, geboren 1953 in Mikasa, Japan, er lebt und arbeitet in Tokio und Paris, erweckte bereits mit 28 Jahren im Zuge seiner Teilnahme an der 55. Biennale di Venezia Aufmerksamkeit, als er den japanischen Pavillon mithilfe einer Holzkonstruktion in die Giardini erweiterte. Er ist regelmäßig bei internationalen Ausstellungen vertreten, wie etwa 1987 und 1992 bei der documenta in Kassel. Kawamata war künstlerischer Leiter der Yokohama Triennale 2005, der größten zeitgenössischen Kunstausstellung Japans. Seit 2005 lehrt er an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris.

www.mak.at

Wien, 4. 5. 2016

Albertina: Provoke – zwischen Protest und Performance

Januar 27, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Fotografie in Japan von 1960 bis 1975

Shōmei Tōmatsu: Editor, Takuma Nakahira, Shinjuku, Tokyo, 1964 Bild: Collection of the Art Institute of Chicago © Tōmatsu Shōmei - Interface

Shōmei Tōmatsu: Editor, Takuma Nakahira, Shinjuku, Tokyo, 1964
Bild: Collection of the Art Institute of Chicago © Tōmatsu Shōmei – Interface

Das japanische, zwischen 1968 und 1969 in nur drei Ausgaben erschienene Fotomagazin „Provoke“ gilt als Höhepunkt der Fotografie der Nachkriegszeit. In einer weltweit ersten Ausstellung zum Thema widmet sich die Albertina ab 29. Jänner den Schöpfern und der komplexen Entstehungsgeschichte des Magazins. Die zum Magazin gleichnamige Schau zeigt einen repräsentativen Querschnitt durch die fotografischen Strömungen Japans der 1960er- und 1970er-Jahre.

Mit etwa 200 Objekten vereint „Provoke“ Arbeiten der einflussreichsten japanischen Fotografen, darunter Daidō Moriyama, Yutaka Takanashi, Shomei Tomatsu und Nobuyoshi Araki. Vor dem Hintergrund der massiven Protestbewegungen in Japan zu dieser Zeit entstanden ihre Bilder an einem historischen Wendepunkt zwischen gesellschaftlichem Zusammenbruch und der Suche nach einer neuen Identität Japans. Ihre Fotografien sind sowohl Ausdruck des politischen Umbruchs als auch der Erneuerung vorherrschender ästhetischer Normen.

Die Ausstellung untersucht „Provoke“ im historischen Kontext und fokussiert dabei den Dialog der Fotografien der Gruppe mit der zeitgleichen Protestfotografie und Performance-Kunst. Zum einen wird die Fotografie als Dokument von – oder Aufruf zum – Protest gegen Ungerechtigkeit beleuchtet: Um 1960 erscheinen im Zusammenhang mit der ersten großen Protestwelle des Landes, die sich gegen die Erneuerung des Bündnisses zwischen den Vereinigten Staaten und Japan richtet, zahlreiche Bücher. Einige davon halten die Protestkundgebungen fest, andere hingegen beschäftigen sich mit damit in Verbindung stehenden Themen, vor allem mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Rund um die Jahre des Erscheinens von „Provoke“ geht aus den äußerst kreativ gestalteten Demonstrationen eine fesselnde Bildwelt des Widerstands gegen das gesetzeswidrige Handeln von Großkonzernen und den Despotismus des neoliberalen japanischen Staates hervor. Im weiteren Verlauf der 1960er-Jahre nehmen die Protestbewegungen zu, was eine Flut von Fotobänden und -drucken zur Folge hat. Die Mitwirkenden von „Provoke“, der Kritiker Koji Taki, der Schriftsteller Takahiko Okada, der Kritiker und Fotograf Takuma Nakahira und die Fotografen Yutaka Takanashi und Daido Moriyama, vertreten die Auffassung, dass sich die Protestfotografie erschöpft habe und langfristige Veränderung durch direktes politisches Handeln unmöglich herbeizuführen sei. Dennoch orientieren sie sich in ihren Texten und Bildern durchwegs an den von der japanischen Protestfotografie entwickelten ästhetischen Strategien: Ihre Werke zeichnen sich durch ein innovatives Grafikdesign aus, das mit Bildfolgen, griffigen Text-Bild-Kombinationen, dynamischen Ausschnitten und einem Wechselspiel von bewusst gewählten geringwertigen Materialien wie raues Papier und niedrig aufgelöster Druck mit ungewöhnlichen Formaten arbeitet.

Die Schau der Albertina konzentriert sich darüber hinaus auf jenen Aspekt der japanischen Fotografie, der die Mythologien des modernen Lebens kritisch hinterfragt: Inspiriert von der 1957 erschienenen Essaysammlung „Mythen des Alltags/Mythologies“ von Roland Barthes entstehen zahlreiche pointierte Projekte bedeutsamer Fotografen, unter anderem von Nobuyoshi Araki, Eikoh Hosoe und Shomei Tomatsu. Das Spektrum ihrer Arbeiten reicht von der Darstellung gewagter Sexualität über die Abbildung von Einsamkeit und Grausamkeit bis hin zu mutigen Abstraktionen. Sie legen das kollektive Trauma bloß, das die Erfahrungen in Japan um die Mitte des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben, und zeigen das Land verwundet und in hohem Maße instabil.

Zuletzt thematisiert die Ausstellung die japanische Fotografie jener Jahre als Spielart der Performance-Kunst und als Dokumentation von Live-Aktionen: Daido Moriyama, Takuma Nakahira und Nobuyoshi Araki gehören zu den Fotografen, die um 1970 ein großes Interesse daran entwickeln, die Arbeit in der Dunkelkammer oder andere mit der Herstellung von Abzügen verbundene Prozesse als sichtbaren und aktiven Bestandteil des fotografischen Schaffens darzustellen. In ihren Bestrebungen gehen ihnen Tanz-Performer wie Tatsumi Hijikata voran, die mit Filmemachern und Fotografen zusammenarbeiten, aber auch Gruppierungen wie das Hi-Red Center, die die Grenze zwischen Dokumentation und Livemomenten, bei denen die Fotografie und andere Medien eine Rolle spielen, zum Verschwimmen bringen.

Der Einfluss ist jedoch nicht einseitig: Unmittelbar angeregt durch das Schaffen der Fotografen von „Provoke“ wenden sich Jiro Takamatsu als Mitglied des Hi-Red Center und Koji Enokura, der der diesem nahestehenden Künstlergruppe Mono-Ha angehört, in den frühen 1970er-Jahren der fotografischen Konzeptkunst zu.

www.albertina.at

Wien, 27. 1. 2016