durchhaus: Bash! Das Fremde in uns

April 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mörder sind wie du und ich

„Eine Meute von Heiligen“: Eric Lingens und Lilian Jane Gartner bespielen Neil LaButes kontroversielles Figurenkabinett. Bild: © Mirjam Koch

Ein Glück. In der Galerie von Les Tardes Goldscheyder und seinem Künstlerkollektiv, dem „durchhaus“, wird endlich wieder Theater gespielt. Der Raum, einer der spannendsten Wiens, eignet sich ganz hervorragend zum Spielort – und in seiner Zerrissenheit zwischen zwei Abbruchhäusern, einem überdachten Innenhof und einer stehengebliebenen Fensterfassade, vor allem für die zwischenmenschliche Tragödie.

Entsprechend hat Regisseur Peter Gruber hier Neil LaButes „Bash! Das Fremde in uns“ inszeniert. „Bash!“, das sind drei kurze Stücke über das Töten. Ein Versicherungsvertreter beichtet den „plötzlichen Kindstod“ seiner neugeborenen Tochter. Eine Schülerin, mit 14 Jahren von ihrem Lehrer verführt, geschwängert und verlassen, tötet nach einem letzten Wiedersehen mit dem Kindsvater ihren Sohn. Ein Collegepärchen erzählt von einer rauschenden Ballnacht, an deren Rande der junge Mann mit seinen Freunden einen Schwulen zu Tode prügelt. Drei Bestien ohne Grund. LaButes Protagonisten sind Teilhaber am so glänzenden wie düsteren Amerika, und sie bekennen, was für sie gar kein Bekenntnis, sondern nur die nüchterne Feststellung eines Faktums ist: Der Tod von anderen als Nebenprodukt des eigenen tödlich normalen Lebens.

Peter Gruber hat im ersten Teil die beiden Monologe „Iphigenie in orem“ und „Medea redux“ ineinander verschränkt. Lilian Jane Gartner und Eric Lingens spielen die beiden Kindermörder beinhart, sie sind einander Stichwortgeber, sie sind intensiv in ihrer Beiläufigkeit; die Eskalation des Geschehenen haben ihre Figuren längst verschluckt, alle Gefühle schon beiseite geschoben. Das Sterben wird als ein „kalkuliertes Risiko“ gesehen. Der Detroiter Autor LaBute fordert seine Schauspieler maximal heraus, auf dem schmalen Grat zwischen lockerem Plauderton und monströsem Inhalt zu balancieren, und den beiden gelingt die Übung. Sie schaffen es, das Entsetzliche von der Warte der Normalität aus zu berichten, ohne Reue, ohne Zweifel an der Tat, ohne einen Hauch von Selbsterkenntnis.

Antike Mythen jetztzeitlich interpretiert: „Iphigenie in orem“ überschneidet sich mit „Medea redux“. Bild: © Mirjam Koch

Monströse Inhalte in lockerem Plauderton: Die beiden Kindermörder zweifeln nicht an ihren Taten. Bild: © Mirjam Koch

Die Geschichten, die sie erzählen, sind zu wahr, um nicht echt zu sein. Derlei begegnet einem täglich in den Schlagzeilen: Die Mörder sind wie du und ich. In Grubers Inszenierung entschlüsseln sich die Gräueltaten, wiewohl entlarvend gespielt wird, nur langsam. Immer wieder stellen Gartner und Lingens Augenkontakt her. Man sucht Komplizenschaft – miteinander und mit dem Publikum. Dieses soll verstehen, warum …, soll das Unbegreifbare abnicken. Ist er Zyniker, so ist sie Pragmatikerin, dabei hat die Dimension der von ihnen vorgestellten Schrecken, wie die Szenentitel schon sagen, antik-mythologisches Ausmaß.

Nach der Pause übersiedeln Schauspieler und Zuschauer in den oberen Spielraum, es folgt der Dialog „Eine Meute von Heiligen“, und erstmals fällt einem auf, dass es auch darin wieder um die Glaubensgemeinschaft der Mormonen geht. LaBute hat diesbezüglich einiges aufzuarbeiten. Eine Clique studentischer Landeier fährt zum Ball nach Boston – und begegnet einem schwulen Liebespaar. Und weil nicht toleriert werden kann, was irgend „anderes“ ist, folgt die Auslöschung des „Anormalen“.

Vor allem Gartner schafft es, im Sprung von der vordergründig bedauernswerten Teenie-Mutter zur hektisch-überdrehten Fröhlichkeit der Studentin, nun eine gänzlich andere Figur auf die Bühne zu stellen. Lingens bleibt mehr oder minder bei der Rolle seines moralisch bedrängten jungen Mannes, der glaubt, dass zu seinem Seelenheil nur der letzte Ausweg führen kann. Erstaunlich ist, dass diese Abfolge von Einaktern bereits aus dem Jahr 1999 ist. Oft und oft fühlt man sich beim Hören und Sehen an die Trump-USA erinnert, und wie dort rechtskonservative Kräfte in einer Kombination aus schierer Wut und nackter Angst über alles herfallen, das nicht systemkonform ist. Harmlose Durchschnittsmenschen werden zu „Sumpfmonstern“, gerade weil sie eben diesen trocken legen wollen. In Europa kennt man das seit „Tausend“ Jahren, in den Vereinigten Staaten … – wie sich die Bilder gleichen.

www.facebook.com/bashdurchhaus

durchhaus.blogspot.co.at

Wien, 3. 4. 2017

OFF Theater: Von Hollywood nach Uganda

März 4, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Fliris Erfolgsproduktion ist wieder in Wien

Bild: Mark Mosman

Bild: Mark Mosman

Nach einer Tour durch Österreich und Deutschland kommt das Stück  „Von Hollywood nach Uganda“ wieder nach Wien, diesmal ins OFF Theater. Ab 13. März zeigt Maria Fliri in der Regie von Barbara Herold „Wie eine Comedy-Autorin dazu kam, Afrikas geheimen Krieg aufzudecken“ – so der Untertitel der Produktion. Die ist, gestaltet nach den Erlebnissen und dem Roman von Jane Bussmann, ein zorniges, wahrhaftiges und herzzerreißend komisches Stück über Kriegsverbrechen, Filmstars und andere Abscheulichkeiten. 2003 beschließt die Promi-Journalistin Jane Bussmann, „ein nützlicher Mensch zu werden“. Sie verlässt die Glamour-Welt Hollywoods und reist einem gutaussehenden Friedensunterhändler nach Uganda hinterher, um dort über den „bösesten Mann der Welt“ zu recherchieren: Joseph Kony, Anführer der Rebellenarmee Lord’s Resistance Army, hat in zwanzig Jahren bis zu 60.000 Kinder verschleppt und sie im Busch zu Kindersoldaten und Sexsklavinnen „ausgebildet“. In der grotesken Komödie spielt Fliri diese „schlechteste Auslandkorrespondentin aller Zeiten“.

Eine Comedy über Kindersoldaten und Sexsklavinnen schreiben. Geht das? Darf man das? Jane Bussmann hat es getan, weil sie mit ihren engagierten und erschreckenden Recherchen über den Krieg in Norduganda bei den Medien auf wenig Interesse stieß. Und sie war zornig genug, um das zu tun, was sie als Comedy-Autorin am besten kann. Sie schrieb eine Komödie über Kindersoldaten, Sexsklavinnen, Menschenrechtsverletzungen und über ihre eigene Verwandlung von einer abgebrühten Klatschreporterin in eine engagierte Auslandskorrespondentin, die nach Uganda fliegt, weil sie für einen gutaussehenden Friedensstifter schwärmt. Und die dabei nicht nur Erfolgserlebnisse hat. Bussmanns Kniff besteht darin, dass sie zunächst auf glänzend entlarvende Weise den Glamour-Wahnsinn Hollywoods beschreibt, den sie als Promi-Journalistin porentief kennt, um anschließend die Mittel der Satire in gleicher Weise auf den Wahnsinn des Bürgerkriegs und die Verhältnisse in Uganda anzuwenden. Hier spart sie auch nicht mit Selbstironie und kritisiert ihr eigenes Streben und Scheitern bei dem Versuch, endlich ein nützlicher Mensch zu werden.

Die anscheinend provokante Entscheidung, die Stilmittel von Comedy und Unterhaltung auf das sensible Thema ‚Kindersoldaten in Afrika‘ und die damit verbundenen Gräuel anzuwenden, ist bei Jane Bussmann letztlich aus Hilflosigkeit entstanden. Der Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie man Aufmerksamkeit für Menschen erregt, die keine Lobby haben, weil sie arm sind, unrentabel und „schwarz“. Jane Bussmanns Recherchen führen auch zu erstaunlichen Erkenntnissen über die ugandische Regierung, die 1,6 Millionen Menschen zu deren vermeintlichen Schutz in Lagern festhält, um so Milliarden für humanitäre Unterstützung zu erhalten. Jane Bussmann schreibt rasant, pointiert und rasend komisch. Oft ist ihr Humor makaber, aber sie schafft immer das Kunststück, dass die Personen, um die es geht, niemals der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

„Ich lache nicht über Sexsklaven, ich lache über unsere Ausflüchte, warum wir sie nicht retten.“ Jane Bussmann, www.fairplanet.net

www.dieheroldfliri.at

Video: https://vimeo.com/43804661

www.off-theater.at

Wien, 4. 3. 2014

Der Mai im Festspielhaus St. Pölten

Mai 3, 2013 in Tipps

Alles bewegt sich!

Bild: Ros Kavanagh

Bild: Ros Kavanagh

Im Mai  kommt Bewegung ins Festspielhaus – alles dreht sich um das Thema Tanz. Am 4. Mai präsentiert Michael Clark die Österreich-Premiere seiner Produktion „come, been and gone“, in der Moderner Tanz, Ballett und Rockmusik aufeinandertreffen. Am 11. Mai findet das große Tanz- und Musikprojekt „alles bewegt“ in der gleichnamigen Bühnenshow seinen Höhepunkt und Abschluss und am 16. Mai steht die Uraufführung von „Österreich tanzt Baby!“ auf dem Programm. Vier österreichische ChoreografInnen treffen hierbei auf die Musiker der Band Tanz Baby!.

Michael Clark: come, been and gone, Österreich-Premiere, Sa 04. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
Am 04. Mai kommt der britische Choreograf Michael Clark mit seinem Stück „come, been and gone“ ins Festspielhaus: revolutionärer zeitgenössischer Tanz, bei dem die Welten des klassischen Balletts, des Modern Dance sowie explosive Rock-Musik aufeinandertreffen. Michael Clark spielt mit der klassischen Form, die er ebenso zelebriert wie dekonstruiert. Gewagte Kostüme, radikale Stilbrüche und Überzeichnungen, Einfallsreichtum und ein großes Gefühl für Bilder machen seine Abende einzigartig. Zudem ist „come, been and gone“ auch eine Hommage an Rockmusiker wie Bruce Gilbert, Iggy Pop und vor allem David Bowie, dessen Song „Heroes“ den Kern des Abends bildet.

alles bewegt, Uraufführung, Sa 11. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
In der Bühnen-Show „alles bewegt“ findet das gleichnamige große Tanz- und Musikprojekt seinen Höhepunkt und Abschluss, auf den 140 NiederösterreicherInnen zwischen 8 und 80 Jahren ein Jahr lang hingearbeitet haben. Für viele von ihnen war es die erste praktische Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Tanz. Das kreative Team vereint KünstlerInnen wie Doris Uhlich, Maurizio Grandinetti, Murat Coskun oder Josette Baïz, die im Festspielhaus zu den fixen Größen der vergangenen Jahre zählen. Die künstlerische Gesamtleitung obliegt Jane Hackett von Sadler’s Wells London und Joachim Schloemer, dem Künstlerischen Leiter des Festspielhaus St. Pölten.

Österreich tanzt Baby!, Uraufführung, Do 16. und Fr 17. Mai 2013, 19.30 Uhr, Großer Saal
Das Festival Österreich TANZT erhält zum Abschluss der Ära Joachim Schloemer noch einmal ein völlig neues Format! Schloemer legt diesmal selbst als Kurator Hand an das Festival und lässt vier österreichische ChoreografInnen mit der Live-Band Tanz Baby! aufeinandertreffen. Tanz Baby! ist bekannt für ihre einzigartige Mischung aus altem Schlager und Neuer Deutscher Welle. Basierend auf ihren Songs, die die Zuhörer auf eine Achterbahnfahrt der großen Gefühle mitnehmen, entstehen vier eigenständige Mikrochoreografien, die von Stephanie Cumming, Ákos Hargitay, Radek Hewelt und Helene Weinzierl extra für diesen Anlass kreiert werden. Auf der Bühne mischen außerdem die Festspielhaus-Crew und die St. Pöltner Football-Mannschaft General Invaders mit.

www.festspielhaus.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013

Hilary Mantel: Falken

März 28, 2013 in Buch

Die „Falken“ sind lange flügellahm

Ihre Worte sind stets scharf wie das Schwert des Scharfrichters, der Anne Boleyn einst enthauptete. Zuletzt traf Hilary Mantel, nicht mit spitzer Feder, sondern mit spitzer Zunge, die Herzogin von Cambridge, besser bekannt als Prinz Williams Gattin Prinzessin Kate. Ausgerechnet jetzt, da das Royal Kingdom ob der Schwangerschaft der in die Blaublüterreihen aufgestiegenen Bürgerlichen in Freudentränen zerfließt, ausgerechnet bei einem Vortrag im British Museum – Titel: Royal Bodies – nannte Mantel Kate eine Schaufensterpuppe mit perfektem Plastiklächeln, eine königliche Gebärmaschine, und unbegreiflich, dass die junge Frau aus ihrem Studienabschluss nichts mache …

41a-0NhZiHL._SL500_Bodies. „Bring up the Bodies“ – „Bringt die Leichen”, der Spruch mit dem in den Köpfen bereits zum Tode Verurteilte vor den Richterrat geführt wurden – heißt im Original auch Band zwei von Hilary Mantels Heinrich-VIII.-Trilogie. „Falken“ ist der deutsche Titel des Romans, der sozusagen ohne Punkt und Komma an seinen Vorgänger „Wölfe“ anschließt. Für „Wölfe“ gab’s 2009 den renommierten Booker Award; dass sie den Preis für die Verlängerung 2012 noch einmal einheimsen konnte, ist einerseits einmalig, zeigt aber andererseits, wie verliebt die Briten in ihre eigene Geschichte sind.

Sex & Crime historisch bereitet. Rosamunde Pilcher mit Richtblock.

Man erinnere sich: Henry hat sich seiner ersten Ehefrau, Katharina von Aragon, per Entsendung in ein entlegenes Castle entledigt, und ein Auge auf die kalten Blicke von Anne Boleyn geworfen. Ergebnis: Wieder kein Sohn und Thronerbe. Also weg mit Anne, her mit Jane Seymour. Die schaut wenigstens schüchtern zu Boden, wird sie von Seiner Majestät angesprochen …

Lange brauchen diese „Falken“, bis sie abheben. Beinah 266 Seiten lang. More of the same (obwohl Thomas More ja bereits den Kopf verloren hat). Erst mit Katherinas Tod – Krebs oder langsames Vergiften? -, erst mit den aufkommenden Gerüchten um Annes zahlreiche Liebhaber – darunter ihr Bruder George, denn ein möglicherweise gezeugtes Kind, soll doch, wenn schon nicht wie Henry, zumindest wie ein Boleyn ausschauen – schrauben sich die Falken in ungeahnte Höhen. Nun haben sie Opfer, auf die sie sich herabstürzen können. Und das Blut beginnt in Strömen zu fließen. Wieder, wie schon im ersten Teil, erzählt Hilary Mantel aus der Perspektive des vom Trunkenbold-Vater fast zu Tode geprügelten Hufschmiedssohn Thomas Cromwell. Zwar beklagt sie im Nachwort, dass es über diese zentrale Figur an Henrys Hof immer noch keine brauchbare Biografie gäbe, doch gibt der Autorin genau das die schriftstellerische Freiheit, ihren „Crumb“, ihren „Krümel“, wie ihn der König scherzhaft nennt, zu skizzieren. Cromwell ist mittlerweile zum Master of the Rolls (das zweithöchste Richteramt im englischen Rechtssystem) aufgestiegen und wird am Ende des Buches Baron sein.

Gnadenlos, kompromisslos verdunkelt Mantel die Wolken um ihren Emporkömmling. Der unscheinbare, unsichtbare Mr. Secretary verhört, sammelt Beweise, lässt Schafotte zimmern. Immer zu Diensten, stets selbst in Lebensgefahr. Um Anne loszuwerden, muss er sich mit Kräften verbinden, die die seinen weit übersteigen. In Mantels Anhang sind sie aufgelistet, die „alten Familien mit Ansprüchen auf den Thron“, gleich hinter den Toten und den im Tower Verbliebenen. Sie alle würden Cromwell lieber den Hut vom Kopf schlagen, als ihm die Hand zu reichen. Aber noch brauchen sie ihn. Mantel verpackt das durchaus zeitgemäß. Schafft es dennoch ohne das übliche Geraune und die beflissene Gesellschaftskritik auszukommen. Sie stellt einfach ihre Figur Cromwell in seiner moralischen Zwiegespaltenheit bloß. Was könnte „heutiger“ sein?

Ein Buch, für das man Muße braucht, aber nach Teil eins gelesen haben muss. Weil ein dritter Teil folgen wird. Und historisch ist eines schon klar: 1540 stand Cromwell vor seinem Scharfrichter … Mantels letzte Sätze in „Falken“: „Es gibt keine Enden. Es sind alles Anfänge. Hier ist einer.“

Dumont-Verlag, Hilary Mantel: “Falken”, 480 Seiten, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.

www.dumont-buchverlag.de

www.mottingers-meinung.at/buchrezensionen/

Von Michaela Mottinger

Wien, 28. 3. 2013