Akademietheater: Vögel

September 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Burg- wird nun ein Internationaltheater

Die gar nicht liebe Familie: Eli Gorenstein als Großvater Etgar, Sabine Haupt als Mutter Norah, Markus Scheumann als Vater David, Jan Bülow als Eitan Zimmermann und Yousef Sweid als Rabbi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Er hat es bereits vor Amtsantritt angekündigt, und Martin Kušej setzt sein weltoffenes Ansinnen, das Burg- von Österreichs Nationaltheater zum Internationaltheater zu machen, mit der zweiten Premiere seiner Intendanz auch schon um: Am Akademietheater zeigt der in Israel geborene Regisseur Itay Tiran, er in dieser Funktion sowie als Schauspieler neues Ensemblemitglied, Wajdi Mouawads „Vögel“ als Österreichische Erstaufführung.

Das aktuelle Erfolgsstück des frankokanadischen Schriftstellers libanesischer Herkunft, der in Wien spätestens seit „Verbrennungen“, 2007 am Akademietheater, bekannt ist, ist der perfekte Stoff für Kušejs Idee des Kosmopolitischen, ereignet es sich doch auf drei Kontinenten, in den vier Sprachen Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch, und die Schauspieler switchen zwischen ihnen, dass vom von manchen gefürchteten babylonischen Sprachgewirr keine Rede sein kann. Dazu hat Bühnenbildner Florian Etti die notwendigen Übertitel so ins Setting integriert, dass ein einfaches Mitlesen möglich ist.

Eitan und Wahida wollen nur ihre Liebe beschützen: Jan Bülow und Deleila Piasko. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Doch Eitan wird in Israel bei einem Attentat schwer verletzt: Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Mouawad erzählt in „Vögel“ vom konfliktträchtigen Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion, genauer gesagt: Er schildert die Verwerfungen des Nahostkonflikts anhand dreier Generationen einer jüdischen Familie, die Vererbung des Shoah-Traumas an die Nachkommen – und die Ausweglosigkeit bei der Suche einer friedlichen Lösung mit den Palästinensern. Itay Tiran nennt seine Inszenierung im Interview mit der Bühne ein „Identitäts-Experiment“, und tatsächlich steht über allem die Frage, wer diese zu definieren und über sie zu bestimmen hat. Gruppenidentität sei das Grundübel der Menschheit, heißt es dazu an einer Stelle.

Cast und Crew sind Kinder vieler Länder, in der Mehrzahl kommen sie aus Österreich, Deutschland, Palästina und Israel. Und so spielt die arabisch-israelische Salwa Nakkara die Israelin Leah Kimhi oder Deleila Piasko, Tochter einer Schweizer jüdischen Familie, die Araberin Wahida. Jan Bülow und Markus Scheumann gestalten, oft auch Hebräisch sprechend, die Rollen des Eitan Zimmermann und seines in Berlin lebenden Vaters David, jene Figur, als die Itay Tiran am Schauspiel Stuttgart selbst auf der Bühne stand. Der hochbegabte Genetikstudent Student Eitan bändelt also in der New Yorker Universitätsbibliothek mit der Geschichtestudentin Wahida an.

Das Buch, das sie liest, sagt er, fasziniert ihn, dieses das Thema ihrer Doktorarbeit, dessen Protagonist Hasan al-Wazzan, im späten 15. Jahrhundert in Granada geboren, später Diplomat des Sultans von Marokko, noch später, 1518, von Piraten im Mittelmeer gefangen genommen und Papst Leo X. zum Geschenk gemacht. In Natalie Zemon Davis‘ Buch „Trickster Travels“ ist nachzulesen, wie der Pontifex sich rühmt, den Muslim zum Christentum gebracht zu haben, doch ist ungewiss, ob der nunmehrige „Johannes Leo Africanus“ den fremden Glauben nicht nur zum Schein angenommen hat. Als Ikone kultureller Verflechtung ist al-Wazzan mit seinem lebenslangen Bemühen, den Europäern einzubläuen, dass die islamische Welt kein Satansort ist, jedenfalls der psychologische Überbau von Mouawads Gesellschaftsdrama.

Eitan eröffnet seinen darob entsetzten Eltern, dass er mit der US-arabischen Wahida lebt: Markus Scheumann und Sabine Haupt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die geschiedenen Großeltern hüten seit Jahrzehnten ein Geheimnis: Eli Gorenstein und Salwa Nakkara als Leah Kimhi. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Der nerdige Mansplainer Eitan, von Bülow in Anbetracht seiner Eigenheiten mit etwas Overacting angelegt, wird wirklich die große Liebe der attraktiven Wahida, und so reist er zu seinen Eltern nach Berlin, Vater David, seinerseits Sohn des Holocaust-Überlebenden Etgar und als solcher schwer erkrankt am Überlebensschuld-Syndrom, und die von Sabine Haupt dargestellte Mutter Norah, Tochter jüdischer Kommunisten aus der ehemaligen DDR. David hat zu Arabern die einschlägig bekannte Meinung, beim gemeinsamen Abendessen donnert er sein Veto gegen diese Verbindung, und bekundet Norah, wiewohl Verständnis für die Gefühle ihres Sohnes habend, dass sie sich nie gegen ihren Mann stellen wird, wogegen Großvater Etgar verzweifelt versucht, die Wogen zu glätten.

Eli Gorenstein gibt diesen liebenswert-eigenwilligen Charakter, der israelische Schauspieler, Regisseur, Sänger und Cellist, der in seiner Heimat sowohl als böser Scar im „König der Löwen“ als auch mit seiner Interpretation von Frank-Sinatra-Songs ein Star ist, ist mit seinem Changieren zwischen der Last der Vergangenheit und den Auseinandersetzungen der Gegenwart das darstellerische Highlight der Aufführung. Indes kommt Eitan einem Familiengeheimnis auf die Spur, ist doch David nicht der, der er selber zu sein glaubt, sondern augenscheinlich ein Sohn des von ihm so deklarierten „Untermenschenvolk“. Um das zu verifizieren reist Eitan mit Wahida nach Israel, wo er seine Großmutter sehen will, die sich, eben damit dieses Geheimnis nicht aufgedeckt wird, vor Jahrzehnten von Etgar trennte und ihn und David nach Europa drängte.

Salwa Nakkara macht aus dieser Leah Kimhi erst sozusagen des Teufels Großmutter, eine zynische, streitsüchtige, ihr Umfeld verschreckende Frau, zumindest bis sich die Schleier über den Geschehnissen lüften. Und während Wahida in Israel allmählich ihr verdrängtes arabisches Ichbewusstsein wiederentdeckt, wird Eitan Opfer eines Terroranschlags, auf den Tod verletzt liegt er im Krankenhaus, und Leah muss sich mit der Sippe in Deutschland in Verbindung setzenVerpackt hat Autor Wajdi Mouawad das alles in der Form eines subtil humorvollen Konversationsstücks, und Itay Tiran bedient gekonnt die Mechanismen dieses Well-made Play. Für die fließenden Übergänge von Ort und Zeit sorgen vier verschiebbare Quaden, auf die Videos von Yoav Cohen, atmosphärische Vogelmuster, Nachrichten- und Propagandabilder, denn selbstverständlich lässt Mouawad Sabra und Schatila nicht unerwähnt, Stadtkulissen, und eben die Schriften projiziert werden.

Nadine Quittner als lesbische Soldatin Eden mit Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Übertitel sind ins Bühnenbild integriert: Deleila Piasko und Jan Bülow. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Neben Markus Scheumann als dauermürrischem, alles Nichtjüdische ablehnenden David, dessen historische und gegenwärtige Feindbilder letztlich Synonyme seiner zutiefsten Seelenverletztheit sind, und Sabine Haupt als zwischen nervös flirrend und leicht hysterisch schwankender Norah, spielt Nadine Quittner die lesbische Soldatin Eden, die eine Leibesvisitation Wahidas zu deren Vergewaltigung macht, und Yousef Sweid den Wazzan und einen Rabbi. Deleila Piasko und Jan Bülow sind ein zu Herzen gehendes „Die Schöne und das Biest“-Paar. Mit ausreichend Pathos geht’s einem Ende entgegen, an dem nicht alle Figuren lebend ankommen.

Eitan, von der nun ganz in ihrer Abstammung aufgehenden Wahida verlassen, klagt über die Unversöhnlichkeit ihrer beiden Völker, über Vorurteile und permanente Verdächtigungen, über Engstirnigkeit und Hang zur Radikalität. Das natürlich ist die Botschaft, die nach dreieinhalb forderndem Stunden Theater den großen Schlussapplaus bewirkt. Lautester Publikumslacher des Abends: Als David seine Mutter drangsaliert, weil er wissen will, was sie mit Wahida und Norah besprochen hat, antwortet Leah auf ihre berühmt-berüchtigte Art: „Wir reden übers Hochzeitsessen, können uns aber nicht entscheiden: koscher oder halal“.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Volkstheater: Endstation Sehnsucht

März 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blanches Albtraum in Bonbonfarben

In den Elysischen Gefilden herrscht eine Bande von Raubtieren: Nils Hohenhövel, Alaedin Gamian, Katharina Klar, Birgit Stöger, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Vorstellung beginnt im Arthouse-Casino. Blanche, überlebensgroß auf den Eisernen Vorhang projiziert, mit einer Runde Männer am Spieltisch, gewinnt – und bekommt doch nur einen Jeton ausgehändigt. 632 steht darauf. Das ist die Hausnummer von ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley. Schon irrt sie auf der Suche nach der Adresse in den „Elysischen Gefilden“ nahe der Straßenbahn-Endstelle „Sehnsucht“ durch die Katakomben des Theaters.

Vorbei an Fluchtplan und Erste-Hilfe-Kasten, hinein in den Zuschauerraum. Auftritt Steffi Krautz als Blanche DuBois. Nomen est omen. Weißer Hosenanzug, weißer Schirm, bodenlang weißes Insektenschutznetz, als wüsste die von Tennessee Williams bereits in seiner ersten Anmerkung als Motte bezeichnete Figur, dass sie sich in dieser Inszenierung noch in sich selber fangen wird. Und während die Krautz mittels des Autors Regieanweisungen ein schäbiges New-Orleans-Viertel herbeiredet, wird der Blick auf die Bühne frei – eine Herrenhaustreppe, gesäumt von Plastikblumen, englische Wallpaper, Stuckaturen, Kristallluster, als wär’s eine hinterfotzige Parodie auf den verlorenen Familiensitz Belle Rêve. Blanche ist in ihrem Albtraum angekommen. Der Horror hat Bonbonfarbe.

Dass Regisseurin Pınar Karabuluts Interpretation von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ am Volkstheater weite Teile des Publikums ratlos zurückließ, ist verständlich. Auf das von ihr gemeinsam mit Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlović und Kostümverantwortlicher Johanna Stenzel erdachte Konzept muss man sich einlassen wollen. Steckt doch im Wort Konzept sowohl die Klasse als auch die Krux dieser Aufführung. Auf der Habenseite steht, dass Karabulut das Südstaatendrama durch Verweigerung des obligaten Eiskasten-Küchentisch-Ambientes und unter Vermeidung eines zu zerreißenden Feinrippunterhemds von jeder ikonischen Vorbelastung befreit hat. Nichts atmet noch schwitziges Arbeitermilieu vs versnobten Landadel, hier tragen Mann wie Frau kreischbunte Perücken und schrill gemusterte Outfits – The Big Easy reloaded.

Animalische Anziehung zwischen Stella und Stanley: Katharina Klar und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aufeinanderprallen zweier Provokateure: Jan Thümer und Steffi Krautz als Blanche. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gekonnt dröselt Karabulut derart Rollen und deren Klischees auf. So ist, Blanche überrascht Katharina Klars Stella bei einer Art Martial-Arts-Training, der Schmerzensruf, der durch den Raum tönt auch nicht einer nach ihr, sondern nach „Stanley!“. Später wird die Pokerrunde Stanley, Mitch, Steve und Pablo – Jan Thümer, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier und Alaedin Gamian in High Heels – ihren Herrenabend mit einer megametrosexuellen Voguing-Choreografie beginnen. Mit ihrem Bilderbogen gelingen Karabulut von Platzregen über Dunstschwaden bis Feuersbrunst effektvolle Momente. Geschickt weist sie durch die Polarität von Gesprochenem und zu Sehendem auf Blanches bipolare Störung hin. Wenn die in diesem Setting empört von „solchen Verhältnissen“ spricht, ist doppelt klar, dass sich für sie die Realität längst ins Irreale verschoben hat.

Diesen Sack macht Karabulut auch konsequent zu. So sieht Blanche nicht nur ihre in den Selbstmord gegangene Jugendliebe Allan in Merlin Miglincis Zeitungsausträger, sondern auch Stanley, in gruselgrünes Licht getaucht, echsengleich auf sie zukriechen. Eine schöne Illustration dafür, dass der Lizard King seine Opfergabe von Anfang an im Visier hat. Allein, skurril, satirisch, surreal, ist nicht alles. Kann nicht alles sein. Woran Karabuluts Inszenierung intensiv krankt, ist Charakterzeichnung. Obwohl so farbenprächtig angetan, bleiben die Figuren blass, kommen erste Kräfte des Volkstheaters auf seltsame Weise nicht zum Spielen.

Katharina Klar bleibt zwischen Brüllen und Geil-Sein stecken, Jan Thümer im geckenhaften Herumstelzen. Selbst ein Günter Franzmeier wird vom Regiekonzept erschlagen. Nils Hohenhövel schafft als melancholischer Mitch wenigstens ein, zwei sensible Szenen. Bleibt Steffi Krautz als Blanche – und die führt ihre Rolle, als wär‘ sie die Antithese des von Tennessee Williams vorgesehenen „Eindruck des Zerbrechlichen und Flüchtigen“. Ihre Störenfriedin ist ein Cougar, krankheitsbedingt zwischen Aggression, Angespanntheit und Apathie changierend. Die Krautz kann’s. Flirten und sehnsüchteln und verführen, mädchen- und divenhaft sein, dann wieder hart und herrisch. Dass sie gegen Stanley die Hüften ebenso wie den Baseballschläger schwingt, und er sie statt Vergewaltigung zur Messer-Fellatio zwingt, wirkt vollkommen stimmig. Auch, dass sie sich am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä herbeifantasiert.

Blanche mit toter Jugendliebe Allan und neuem Verehrer Mitch: Nils Hohenhövel, Merlin Miglinci und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Blanche am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä: Steffi Krautz, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Unterm Strich bleibt also ein Tennessee Williams, den Pinar Karabulut im Wortsinn entmottet, heißt: von überkommenen Theatertraditionen entlüftet, hat. Das zu sehen macht schon Spaß, nur wär’s mit mehr Interesse für Schauspielkunst nebst all dem Programmatischen perfekt gewesen.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2019

Volkstheater: Biedermann und die Brandstifter

Februar 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wissen, woher der Wind weht

Jovial statt brutal beim Hausfriedensbruch: Thomas Frank, Günter Franzmeier und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Interpretiert worden ist schon auf Teufel komm raus, aufgrund der Entstehungszeit des Textes als Warnung vor dem Kommunismus, wegen des hintersinnigen Nachspiels in der Hölle als Parabel auf den Nationalsozialismus. Der Autor selbst bezeichnet die Pyromanen seines „Lehrstücks ohne Lehre“ schlicht als Dämonen, geboren aus der diffusen Furcht eines wohlhabenden Haarwasser- fabrikanten, der sein Hab und Gut mit Unehrlichkeit und im Wortsinn einem Über-Leichen-Gehen schützt.

„Viel sieht, wo nichts ist, der Ängstliche“, schreibt Max Frisch. Der ungarische Regisseur Viktor Bodó, immer gut für fantastisch absurde Projekte, hat jetzt am Volkstheater Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ inszeniert, und hat sich punkto Uneindeutigkeit der Deutung am ehesten der des Schweizer Schöpfers angeschlossen. Das ist auch die gangbarste, da allüberall eine Gutbürgerlichkeit den – politischen – Extremismus in ihrer Mitte willkommen heißt, um gefühlt Schlimmeres, sprich: Flüchtlingsströme, arbeitsscheue Spätaufsteher, ausländische Sozialschmarotzer, mittels dessen Radikalität zu bekämpfen. Der Rechtsstaat wird zum Rechts-Staat, das wird im Fidesz-Land ja längst durchexerziert, und was die hiesige Innenpolitik betrifft, lässt sich die Stelle „… die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit, komischerweise, die glaubt niemand“ zitieren.

Nun wäre Bodó nicht, wer er ist, könnte er nicht Aussage in Unterhaltung packen. Das Volkstheater hat sich die jüngste Arbeit seines Stars was kosten lassen, seit Wochen schon wirbt das Haus mit über ganz Wien verteilten brandheißen Kunstwerken, bei der gestrigen Premiere feierte die Pyrotechnik auf dem Balkon ihr Fest. Bodó selbst spielt mit Suspense-Musik, mit sportlichen Einlagen samt Cheerleading, Sprüchen aus dem Kinoklassiker „Casablanca“, spielt mit Slapstick, einem Würfelzuckerorgasmus und spielt Schattenspiele. Er spickt das Stück mit surrealen Albtraumsequenzen und skurrilem Humor. Bedeutungsvoll spooky ist auch ein Wind, der immer wieder Türen aufdrückt, und man weiß, woher der gerade weht. Gelte es die Stimmung der so entstanden Horrorgroteske zu beschreiben, wäre wohl Buñuels Bourgeoisie das beste Beispiel. Die Bühne von Juli Balázs atmet gediegenes Spießertum, die Kostüme von Fruzsina Nagy kontrastieren Frack wie vorgesehen mit Proll-Buxe – Thomas Frank hat’s wieder einmal nicht aus der Jogginghose geschafft.

Biedermann kann den Brandstiftern keinen Korb geben: Thomas Frank und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gewaltexplosion von Null auf 100: Gábor Biedermann, Thomas Frank und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Frank gibt den ersten auftretenden Brandstifter, den Ringer Sepp Schmitz, schon von der Statur her höchst passend, mehr jovial als brutal. Er drängt den Biedermann weniger durch Dreistigkeit, sondern übers Einschmeicheln in die Defensive, während er de facto Hausfriedensbruch begeht. Günter Franzmeier gestaltet Gottlieb Biedermann gewohnt großartig, er zeigt seine Figur als scheinheiligen Schöntuer, dessen Feigheit und Zurechtbiegen wie Ableugnen von Tatsachen die brenzlige Situation erst möglich machen.

Hat er erst einen Mitarbeiter durch einen unbedachten Ausspruch in den Selbstmord getrieben, will er nun „kein Unmensch“ sein, weshalb er eine Macht in sein Haus lässt, der er nicht mehr Herr wird. Wie sich Franzmeiers Biedermann selber den Zuständen ausliefert, sich mit den gefährlichen Schurken arrangiert, wie letztlich seine Wahl die neuen Verhältnisse schafft, ist sehenswert. Ebenso wie Steffi Krautz. Als Biedermanns Frau Babette ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, präsentiert sie eine neue Facette ihres schauspielerischen Könnens, wenn sie sich mit verkniffenem Mund, kleinlaut, eingeschüchtert in ihr Schicksal fügt.

Krautz gelingt derart wunderbare Komödiantik, etwa wie sie mit Dienstmädchen Anna, Evi Kehrstephan changierend zwischen Servilität und Aufbegehren, über die Haussprechanlage non-kommuniziert. Gábor Biedermann und Jan Thümer spielen den von Null auf 100 explosionsbereiten Eisenring und den besonnenen Dr. phil., womit das Brandstifter-Trio komplett wäre, der Manipulator, der Provokateur und der Ideologe, der sich vom Komplizen „Weltverbesserer“ schimpfen lassen muss und dessen Distanzierungsansprache am Ende im Feueralarm untergeht. Stark auch die Szene, in der die lästig trauernde Witwe des in den Suizid gegangenen Angestellten, Claudia Sabitzer, deren Rolle als Frau Knechtling aufgewertet wurde, in einem erschreckenden Gewaltausbruch des kriminellen Dreiergespanns zum Schweigen gebracht wird. Da blickt das Gastgeberpaar reglos ins Publikum. Damit will man nichts zu tun haben. Aber kein Finger wird gerührt, um es zu verhindern.

Der Kranz für Knechtlings Begräbnis wird an die Biedermanns geliefert: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die mahnenden „Wehe! Wehe!“-Rufe kommen von Stefan Suske und Nils Hohenhövel als von Frisch ähnlich dem der antiken Tragödie angedachten Chor – aus Feuerwehrmännern. Deren schlussendlich sinnlose Wachsamkeit während der Zurüstungen zum Flächenbrand, vom Abladen der Benzinfässer übers Abmessen der Zündschnur bis zum willigen Aushändigen des Streichholzes, lässt die Ahnung keimen, bei welcher Phase man sich gesellschaftspolitisch gerade befindet. Im Begriff „Biedermann“ steckt auch ein Anbiedern, und derart befeuert zündeln die Brandstifter gern.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019

Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2018