Jamil Ahmad: Der Weg des Falken

März 28, 2013 in Buch

Leben in einer archaischen Welt

41596p1+U3L._SL500_AA300_Gut Ding braucht bekanntlich Weile. Und das gilt auch für den großen Roman des 1933 in Jalandhar, Indien, geborenen Autors Jamil Ahmad. Geschrieben vor mehr als 40 Jahren und erst heuer auf Deutsch erschienen (engl. „The Wandering Falcon“, 2011) beschreibt Ahmad das „Ende der Welt“, die iranisch-afghanisch-pakistanische Grenzregion, wo er mehr als zwanzig Jahre als „Political Agent“ des pakistanischen Staates stationiert war, vor allem in der Frontier Province und Belutschistan. Der Roman spielt zu einer Zeit als vom politischen Islam, al-Qaida und den Taliban noch keine Rede war und Tradition, Ehrenkodex und Patriarchat die Gesellschaften und Stämme geprägt haben.

Im Mittelpunkt der 9 Erzählungen steht die Geschichte von Tor Baz – dem Schwarzen Falken – vom Kleinkind bis zum erwachsenen Mann. Tor ist nicht von Glück gesegnet. Schon seine Geburt steht unter keinem guten Stern. Seine Eltern haben die Stammesregeln verletzt, waren jahrelang auf der Flucht und werden schließlich doch von ihren Angehörigen aufgespürt und erbarmungslos gerichtet. Den Sohn lässt man allein in der Wüste zurück. Zwar überlebt Baz, sein weiteres Leben ist aber eine nicht endend wollende Odyssee. Mal steht er unter der Obhut eines Soldaten, dann ist er Begleiter und Lehrling eines wandernden Mullahs, schließlich Ersatzsohn eines Paares, dessen eigener Sohn auf zweifelhafte Weise zu Tode kam. Erst am Schluss des Buches scheint er endlich ans Ende seiner Wanderungen angelangt zu sein.

Der „Schwarze Falke“ erlebt Stammeszwiste und Mädchenhandel, Kidnapping und Erpressung, er begegnet Rebellen und Militärs, wird selbst zum Spitzel, der Informationen verkauft, aber auch ganz normalen Männern und Frauen, die ihre traditionelle Lebensweise bewahren wollen. Die jedoch beginnt sich vor ihren Augen aufzulösen. Die alte Welt verschwindet, wie das grenzüberschreitende Nomadentum mittels eines schnell geschriebenen Erlasses des Provinzgouverneurs. Doch wie das Archaische sind auch Liebe, Mitgefühl und Weisheit Teil der Menschen. Dieses Wechselspiel schafft Ahmad mit seiner klaren, poetischen Sprache auf beeindruckende Weise. Und so bringt er den Leser eine fremde, vergangene Welt näher, in der heute zwar andere Protagonisten ihre Machtkämpfe austragen, sich Landschaft und Natur in ihrer Härte und Kargheit jedoch nicht verändert haben. Der Kampf ums Überleben prägt weiter das Leben.

Hoffmann und Campe, Jamil Ahmad: “Der Weg des Falken“, Erzählungen, 192 Seiten, Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini

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Von Rudolf Mottinger

Wien, 28. 3. 2013