Albertina: Jakob, Franz und Rudolf von Alt

November 6, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Eine Künstlerfamilie und ihre meisterlichen Aquarelle

Rudolf von Alt: Blick in die Alservorstadt, 1872. © Albertina, Wien

Die Albertina zeigt ab 9. November die Ausstellung „Jakob, Franz und Rudolf von Alt“. Die Werke der Künstlerfamilie Alt zählen zu den Meisterleistungen österreichischer Aquarell- malerei. Sie haben ihren Ausgangspunkt im Wiener Biedermeier und begleiten den großen Bogen der Kultur- geschichte bis hin zur Kunst um das Jahr 1900. Ihre Themen sind Architektur und Landschaft, vor allem das Leben in der Stadt und die Schönheit der Natur.

Jakob Alt: Die Blaue Grotte auf der Insel Capri (Guckkastenblatt), um 1835/36. © Albertina, Wien

Franz Alt: Das Alte Kärntnertortheater, 1873. © Albertina, Wien

Zur Malerfamilie Alt gehören Jakob Alt (17891872) sowie seine beiden Söhne Rudolf (18121905) und Franz (18211914). Jakob Alt kam 1810 von Frankfurt am Main nach Wien. Mit druckgrafischen Serien von Stadtansichten und Landschaften sorgte er für das Auskommen seiner Familie. Rudolf Alt im hohen Alter nobilitiert und damit ab 1897 Rudolf von Alt und sein jüngerer Bruder Franz erlernten die Aquarellmalerei bei ihrem Vater. Daraus entwickelte sich die Zusammenarbeit als gleichwertige Partner.

Beide Brüder gelangten in der Aquarellmalerei zu höchster Virtuosität und Ausdruckskraft. Franz genoss zwar zu Lebzeiten vor allem in der adeligen Gesellschaft Wiens größte Anerkennung, konnte aber die künstlerische Reife seines älteren Bruders nie erreichen. Rudolf folgte einem langen Lebens und Schaffensweg, der ihn bis in das beginnende 20. Jahrhundert zu immer neuen Lösungen und Bravourleistungen in der Aquarellmalerei führte.

Die Ausstellung zeigt hauseigene Schätze, die den hohen Stellenwert der Malerfamilie Alt für die Kunst des 19. Jahrhunderts eindrucksvoll belegen.

Zu sehen bis 29. 1. 2023.

www.albertina.at

6. 11. 2022

Johannes Krisch in Felix Mitterers „Märzengrund“

August 20, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

In die Berg bin i gern

Johannes Krisch. Bild: © Metafilm

Johannes Krisch. Bild: © Metafilm

Doch, doch, es gibt ihn, den modernen Heimatfilm, den quasi Anti-Heimatfilm über Außenseiter in ländlicher Gegend. Evi Romens „Hochwald“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47728) ist eines der bestechendsten Beispiele dafür. Nun zog’s, als Nachfolgeprojekt seines Sensationserfolgs „Die beste aller Welten“ im Jahr 2017, Regisseur und Drehbuchautor Adrian Goiginger Richtung Dreitausender.

„Märzengrund“, ab 19. August im Kino, erzählt die wahre Geschichte des Zillertalers Simon Koch, vom großen Tiroler Volksdichter Felix Mitterer 2016 zum Bühnenstück veredelt, Mitterer, der am „Märzengrund“-Skript mitschrieb und momentan mit Andrä-Hofer-Land im Clinch liegt. In schonungsloser Manier schildert er den schmerzhaften Weg einer Selbstfindung, die ein Leben lang nicht aufhört.

Harte Wirklichkeit statt Gebirgsidyll soll’s also sein, und siehe: Es scheint in der Tat eine ordnende Hand zu brauchen, wie am Theater z.B. die der Stephanie Mohr, um des Autors durchaus zum Pathos neigende Natur- schauspiele umzusetzen. Goiginger hingegen hat alle Hände voll zu tun, den Kitsch-Hang nicht zur Lawine werden zu lassen. Dieses ständige „Aufi muas i!“ ist zu dünn, zu höhenluftig, um zwei Stunden Film zu tragen.

Offen gesagt, zur Halbzeit wird es einem fad, die imposante Landschaftskulisse von Klemens Hufnagl und Paul Sprinz, durch die je ein anderes miniaturkleines Männlein oder Weiblein schweren Schrittes stapft, die Emotions-Stereotypen, psychologische Entwicklung nur als Behauptung, die eh-scho-wissen-Dorfjugend, die sich in der Disco prügeln muss, die allzu holzschnittartigen Elternfiguren und deren hartleibige Familientraditionen. „Märzengrund“ ist ein Paradebeispiel für genretypisch – nix gegen Heimatfilm!

Doch statt sich als Betrachter, Betrachterin in die Szenen zu involvieren, was bei „Die beste aller Welten“ so mühelos-warmherzig gelang, steht man auf seltsame Weise draußen vor der Sennhüttentür. Das ändert sich allerdings, sobald Johannes Krisch die Gebirgler anzieht, das sind endlich die Momente, in denen der Film erdigen Boden unter den Füßen bekommt – Krisch ist wie stets im Spielen eine Naturgewalt.

Jakob Mader. Bild: © Metafilm

Gerti Drassl. Bild: © Metafilm

Harald Windisch. Bild: © Metafilm

Womit es wohl Zeit wird, kurz zum Inhalt zu kommen: Der junge Elias (Jakob Mader), wiewohl mit einem silbernen Löffel auf die Welt gekommenen, hat keine Freude damit, der Hoferbe, der Jungbauer zu sein. Lieber liest er, als seinem Vater, dem reichsten Landwirt in der Gegend (Harald Windisch ganz Patriarch), dabei zuzusehen, wie der einem spielsüchtigen Nachbarn Hab und Gut abknöpft. In der Disco lernt er die Moid kennen – die aktuelle Buhlschaft Verena Altenberger, die schon Goigingers Helga Wachter war, hier aber nichts darzustellen hat.

Ausgerechnet die Gschiedene, noch dazu Ältere. Als die Mutter (Gerti Drassl) die beiden beim nackert Schmusen im Teich ertappt, setzt es was – von dieser Mater dolorosa der Drassl, die einem derart auf die Nerven geht, dass man das nur ganz große Schauspielkunst nennen kann. Nun heißt’s auf die Alm mitm Buam, doch der hatte ohnedies schon beschlossen zum Eremiten zu mutieren: Als wär’s seine Initiation in die Berg steigt er dort in einen eiskalten See – und als um 40 Jahre älterer Mann wieder heraus.

Der Krisch ist geboren – und mit ihm jene mürrisch-wortkarge, sturschädelige Intensität, die man von ihm kennt und liebt, ein weißbärtiger Wurzelsepp wie aus dem Bilderbuch. Wenn er im wild-sprudelnden Bach watet und sich offenbar kindlich wohl dabei fühlt, gibt es ein Stückchen Ahnung von der Befreiung, der bedingungslosen Freiheit, die ein nur von der Natur bestimmtes Leben bietet kann. Es muss da schließlich etwas sein, dass uns Angepasste an Aussteigerstorys so fasziniert. Jung-Elias liest – Symbol as Symbol can – „Robinson Crusoe“.

Die Dorfjugend unterwegs zur Disco. Bild: © Metafilm

Verena Altenberger und Jakob Mader. Bild: © Metafilm

Harald Windisch und Gerti Drassl. Bild: © Metafilm

Iris Unterberger. Bild: © Metafilm

In „Märzengrund“ gibt es eine Klammer: Zu Beginn des Films findet sich orientierungs-, weil eben noch bewusstlos der alte Elias im Krankenhaus wieder. Diagnose: Prostatakrebs, Operation, Reha und die Empfehlung sein Einsiedlerdasein aufzugeben. Am Ende ist dieser Elias immer noch im Tal, in der sich selbst so nennenden Zivilisation (als die Krankenschwester, die nach einem Schlaganfall ebenfalls im Heim lebende Mutter reinschiebt, entfährt einem ein: Was die Alte lebt immer noch?), sieht sich dort mit den desaströsen Ergebnissen seiner Entscheidung konfrontiert – und wieder: Gefühlaufwallungen so glitzernd wie Kunstschnee.

Da ist der andere Schluss besser, der den alten Elias zur Frage des jungen zurückbringt: Wie will ich leben? Und wenn Johannes Krisch zuletzt in lichten Höhen in die gleißende Sonne geht, statt die Therapie im Krankenhaus fortzusetzen, scheint diese Frage auch die Möglichkeit eines selbstbestimmten Todes zu beinhalten …

metafilm.at/film/maerzengrund

18. 8. 2022

Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021

Theater in der Josefstadt: Der Weg ins Freie

September 4, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthur Schnitzler scharfsinnig aktualisiert

Michaela Klamminger, Julian Valerio Rehrl, Alexander Absenger, Elfriede Schüsseleder, Raphael von Bargen und Tobias Reinthaller. Bild: © Roland Ferrigato

Nun ist es doch meist so, dass, betitelt sich eine Neu-, Fort- oder Überschreibung, eine Dramatisierung als Uraufführung, ein Hauch Hybris in der Luft hängt. Nicht so bei der Saisoneröffnungspremiere des Theaters in der Josefstadt. Autorin Susanne Wolf hat Arthur Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“ für die Bühne nicht „adaptiert“. Sie hat den 113 Jahre alten Text hellsichtig und der aktuellen Zustände ansichtig ajouriert. Hat durchs Brennglas aufs Bestehende geguckt,

Schnitzlers Sprachgebäude entkernt und stilistisch aufs Vortrefflichste ergänzt. Kurz, das heißt: drei Stunden lang, die Intention des Meisters der geschliffenen Gesellschaftsanalyse anno Jahrhundertwende nicht nur verstanden, nein, vielmehr weist Wolf auch diese Tage als ein Fin de Siècle aus, in dem Anstand und Anständigkeit verlorengehen, während allerorts die – was auch immer diese sein sollen: abendländischen – Werte beschworen werden. Antisemitismus, Fremdenhass, Selbstbefragung und politische Sinnsuche, aufs Parteibanner geheftete Parolen von Christlichkeit und Nächstenliebe – „für die unseren“, das alles macht schmerzlich bewusst, dass Geschichte sich nicht wiederholt, aber reimt.

„Mit uns gewinnt man Wählerstimmen“, lässt die Wolf Julian Valerio Rehrl als jüdischen Kadetten Leo Golowski an einer Stelle sagen, einen anderen, dass er nicht für jede „Idiotie eines Juden“ mitverantwortlich gemacht werden wolle. Et voilà. So wird „Der Weg ins Freie“ an der Josefstadt zu den, wie Schnitzler im Briefwechsel mit Literaturkritiker Georg Brandes selbst eingestand, zwei Büchern in einem – zur tragischen Liebesgeschichte zwischen dem Komponisten Baron Georg von Wergenthin und der bürgerlichen Klavierlehrerin Anna Rosner.

Und zu einem Panorama jener jüdischen, nunmehr zu die „Heimat überflutenden“ erklärten „Fremden“, die in Zionismus, Sozialismus, assimilationswilligem Humanismus, ja selbst im Katholizismus ihren Fluchtpunkt vor dem dräuenden „Heil!“ wähnen. Dass die Josefstädter den gepflegten Salonton beherrschen, ist hundertfach geübt, doch Susanne Wolf stattet diesen mit einer beißenden Tiefenschärfe aus. Dem adrett gruppierten Sittenbild stellt sich die Regie von Janusz Kica entgegen, der mit dem ihm üblichen Esprit, mit Sensibilität, seinem Blick fürs Wesentliche und seinem Sinn für Psychologisierung der Figuren ans Werk geht.

Alexander Absenger und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger und Raphael von Bargen. Bild: © Roland Ferrigato

Katharina Klar und Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Im raffinierten Setting von Karin Fritz, einer von oben herabschwebenden Salon-Ehrenberg-Ebene, als Unter- geschoss eine Art Bedrohlichkeit atmender Bunker, die der Epoche entsprechenden Kostüme von Eva Dessecker, springt die Handlung gleich zu Anfang in eine der Soireen der Madame Ehrenberg: Elfriede Schüsseleder, die mit pointiert trockenem Humor glänzt, und der die Lacher gewiss sind, ist die arme Leonie doch von allem und jedem entsetzlich ermüdet. Ihr zur Seite steht Siegfried Walther als Oberzyniker Salomon Ehrenberg, der statt des amüsierten Treibens in seinem Hause lieber angeregte Debatten zur Lage der Nation führen würde.

Doch es sind vor allem Alexander Absenger als Georg von Wergenthin und Raphael von Bargen als Schriftsteller Heinrich Bermann, die das Spiel machen, von Bargens Autor als sich mit Leidenschaft selbst zerfressender Intellektueller, der es lautstark leid ist, auf sein Jüdisch-Sein reduziert zu werden, Absengers Aristokrat als der ewige, bis zur Unverantwortlichkeit törichte Bub, ein „arischer“ Realitätsverweigerer mit nur ab und an hellen Augenblicken. Beide liefern eine fulminante Charakterstudie, wunderbar österreichisch Bermanns Satz: „Die Entrüstung ist hierzulande ebenso wenig echt, wie die Begeisterung, nur Schadenfreude und Hass sind echt“, Absenger brillant als trotziges Kind, das Zeter und Mordio schreit, als sich Anna endgültig von ihm abwendet.

Als diese hat Alma Hasun ihre starken Momente, die geschwängerte Geliebte, die aus Egoismus und „Künstlertum“ so lange beiseitegeschoben wird, bis ihr Selbstbewusstsein als Frau ihr die Rolle des benützten und fallen gelassenen Opfers verbietet und Anna beschließt auf eigenen Beinen zu stehen. In diesem Sinne modern auch Katharina Klar als sozialistische Revolutionärin Therese Golowski, eben erst aus dem Gefängnis entlassen und schon wieder als Frauenrechtlerin auf den Barrikaden. Klar gestaltet diesen Freigeist, der sich die Männer nach Belieben nimmt und abschiebt, mit großer Intensität, spröde und glühend kämpferisch zugleich; die Emanzipation, man kauft sie ihr in jeder Sekunde ab – und schön zu sehen ist, wie sich Klar, bisher als Gast in „Rosmersholm“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35913), ins Ensemble einfügt.

Stets eine Freude ist es, Julian Valerio Rehrl zu erleben, als verzweifelt aufbegehrenden Leo Golowski, dessen Demütigung als Jude beim Militär mehr Raum als im Roman gegeben wird, ist die Dramatisierung doch angereichert mit persönlichen Notizen Arthur Schnitzlers und originalen politischen Zeitstimmen. Rehrl weiß seinen Auftritt als Duellant zu nutzen, ebenso wie Michael Schönborn, dem die Figur des Rechtspopulisten Ernst Jalaudek auf den Leib geschrieben wurde, ein Deutschnationaler, der den Antisemitismus so lange hochhält, bis seine Fraktion den Nutzen der jüdischen Bankiers für die Bewegung ins Visier nimmt.

Oliver Rosskopf und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Absenger und Katharina Klar. Bild: © Roland Ferrigato

Klamminger, Rehrl, Siegfried Walther, Joseph Lorenz und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Roland Ferrigato

Schönborn, Beweis dafür, dass es keine „kleinen Rollen“ gibt, lässt seinen Jalaudek im gemütlichsten Wiener Plauderton derart vor den sattsam bekannten Ressentiments triefen, dass es einen tatsächlich ekelt. Und sagt er „Wir sprechen aus, was der kleine Mann denkt“, so lauert die Gefahr in jeder Silbe, die Argumente, sie scheinen so hieb- und stichfest wie Waffen. Die Paranoiker in der Runde, sie behalten im Zeitalter des strategischen Antisemiten und Wiener Bürgermeisters Karl Lueger niederschmetternd recht. Weitergedacht mag via des Wahlkampfauftakts in Oberösterreich werden, Deutschkenntnisse als Daseinsberechtigung und Null-Asylwerber-Quote sind – hier die jüdischen Zuwanderer betreffend – auch Thema bei Susanne Wolf.

In dem Zusammenhang und um die politische Stimmung festzumachen, wurde mit Jakob Elsenwenger die Figur von Annas Bruder Josef Rosner, einem Parteiblatt-Redakteur aufgewertet. Tobias Reinthaller frönt als Jockey und Bonvivant Oberleutnant Demeter Stanzides dem Alltagsrassismus. Eine Idealbesetzung ist Michaela Klamminger als schöne, kluge, vergeblich in Georg verliebte, nichtsdestotrotz leichtfüßige Else Ehrenberg. Als Vater und Sohn Stauber überzeugen Joseph Lorenz, sein Doktor Stauber sen. selbstverständlich Schnitzler vom Feinsten, und Oliver Rosskopf, als ebenfalls Arzt und sozialistischer Abgeordneter ein Ehrenwerter in dieser Gesellschaft.

Zwischen Kulturdebatten über Kunst als Mittel zu Propaganda und Agitation, zu blütenweiß-grell erleuchteten Albtraumbildern, erweitert sich die Kluft zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten, der vielstimmige Chor der Salonière Ehrenberg zerfällt in gequält grüblerische Einzelgänger. Einzig ihre gebrochenen Herzen sind noch ineinander verwoben, so zeigt das erste Bild nach der Pause: alle Darstellerinnen und Darsteller auf langer Bank aufgereiht, in parallele Dialoge verstrickt, sich selbst und die anderen beobachtend, mit dem Selbst- und dem Fremdbild ringend, all dies dargeboten in einem steten Changieren zwischen Drama, Lakonie und Sarkasmus, die k.u.k. Oberfläche, die Oberflächlichkeit der besseren, der gutbürgerlichen Leut‘ von Janusz Kica ausgeleuchtet bis in ihre impertinente Bodenlosigkeit.

„Der Weg ins Freie“, so ist in dieser Aufführung zu lernen, ist ein innerer, verbunden mit Charakterprüfung, Gewissenserforschung, dem täglichen Versuch, auf dem Pfad der Menschlichkeit und des Mitgefühls nicht zu straucheln. Dies das Private, was das Politische betrifft: Wehret den Anfängen! Immer! Jetzt!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=GPWEsZfVoL4             www.josefstadt.org           www.susannewolf.at

  1. 9. 2021

Das Off Theater zoomt: Reenachting Jakob Levy Moreno

April 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Entdeckung“ der interaktiven Mockumentary

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Da kein Ende des Kultur-Lockdowns abzusehen ist, will das Off Theater mit seiner Inszenierung „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ nun eine andere Richtung im Bereich des virtuellen Theaters einschlagen. Ernst Kurt Weigel und sein Team haben das Stück in die interaktive Mockumentary „REENACTING Jakob Levy Moreno“ verwandelt, zu erleben am 23. und 24. April um 20 Uhr auf Zoom: #werdeteinteildavon

Wer Teil der Gruppe sein oder auch nur zuschauen möchte, kann sich via zoom@off-theater.at anmelden. Nicht vergessen, das gewünschte Datum anzugeben. Welche Gruppe? Dazu mehr in der Rezension der Bühnenpremiere vom vergangenen Oktober:

In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht.

Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schlicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension von der mittlerweile in einen Live-Stream umgewandelten Produktion: www.mottingers-meinung.at/?p=45762). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ Stalin muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine frühe Psychotherapie der späteren Massenmörder fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=42043

Anmeldung: zoom@off-theater.at           www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177           www.facebook.com/watch?v=141845411159860

18. 4. 2021