Streaming: Big-Bang-Theorie-Star Jim Parsons in „Hollywood“ und „The Boys in the Band“

Januar 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Traumfabrik wird endlich zum Equality-Land

Hoffnungsvolles Ausharren bei der Oscar-Verleihung: Joe Mantello, Jim Parsons, Dylan McDermott, Holland Taylor und Patti LuPone. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Oft wenn Hollywood sich den Rückspiegel seiner Goldenen Ära vorhält, entgleitet das Ergebnis ins Sentimentale. Nostalgie mit Melancholie. Da tut es gut, wenn einer die Suggestionskraft hat, die cinematographische Märchenpracht ins Sagenhafte zu übersteigern. Ryan Murphy und Ian Brennan haben’s getan, die beiden vormals verantwortlich für „Glee“, „Ratched“, „American Horror Story“, Murphy, dessen

Dienste sich Netflix 2018 für unvorstellbare 300 Millionen Dollar für fünf Jahre exklusiv sicherte, nun für die Netflix-Serie „Hollywood“, ein topaktuelles Gegennarrativ zur gängigen L.A. Story. Wird doch in dieser den Mythos aufmotzenden Hommage die Traumfabrik endlich zum Equality-Land, „Hollywood“ spielt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als das berühmte Sign tatsächlich noch um die vier Buchstaben L.A.N.D. länger war, und Murphy und Brennan zeigen ganz Tinseltown, als ob #BlackLivesMatter und der #LGBTQ-Pride darüber hinweggefegt wären.

Die sieben Episoden folgen einer Handvoll blutjunger Protagonistinnen und Protagonisten, die nach Rampenlicht, Ruhm und Reichtum streben, Ex-Soldat und Schauspielanfänger Jack Castello, Drehbuchdebütant Archie Coleman, Regieneuling Raymond Ainsley und die Schauspiel-Elevinnen Camille Washington und Claire Wood, in Klarnamen David Corenswet, Jeremy Pope, Darren Criss, Laura Harrier und Samara Weaving – Archie und Camille Afroamerikaner, sie die Lebenspartnerin des halbphilippinischen, aber „weiß“ wirkenden Raymond.

Claire die Undercover-Tochter von Studio Boss Ace Amberg aka Rob Reiner – und hauptsächlich ist es die „Alte Garde“, die „Hollywood“ darstellerisch wertvoll macht: „Two and a Half Man“-Mutter Holland Taylor und Joe Mantello als Produzentenduo Ellen Kincaid und Dick Samuels, Dylan McDermott als Tankstellengigolo Ernie West und Tony-Award-Gewinnerin Patti LuPone als Avis Amberg, die den Chefsessel ihres Göttergatten entert, als diesen bei einem Pantscherl der Herzkasperl holt.

Rock Hudson mit Lebenspartner Archie Coleman: Jake Picking und Jeremy Pope. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Tankstellen-Toy-Boys: Darren Criss und David Corenswet. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Probeaufnahmen für „Peg“: Jim Parsons und Jake Picking. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

And the Oscar goes to …: Jeremy Pope, Darren Criss und Laura Harrier. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

An nackter Haut und Sexszenen wird nicht gespart, vor allem, weil die Jungs als Brotjob Ernies illustre Kundschaft mit Blow Jobs beglücken. „Dreamland“ heißt das Codewort des Zapfsäulenbordells, wo auch Avis eine treue Freierin von Jack ist, und da kommt auch der grandios agierende Jim Parsons ins Spiel, als Hollywood-Agent Henry Willson, der die Herrenriege, bevor er sie unter Vertrag nimmt, erst einmal zur Fellatio bittet. Statt Besetzungscouch steht hier gleich ein komplettes -bett, 70 Jahre vor #MeToo, und Parsons ist brillant als von Selbsthass zerfressener Unsympath, fulminant sein Isadora-Duncan-Tanz mit den sieben Schleiern, der den sexuellen Missbrauch seines Klienten-Frischfleischs als Selbstverständlichkeit nimmt.

Der homosexuelle Henry Willson ist ein dem realen Leben entliehener Charakter, und Roy Fitzgerald, den in der Serie halb fiktionalisiert und ausdrucksstark Jake Picking verkörpert, war wirklich sein Schützling. Willson macht aus ihm „Rock Hudson“, auch Sekretärin Phyllis Gates, mit der Willson Hudson pro forma verheiratete, kommt vor. Aber laut Murphy und Brennan verliebt sich der schüchterne, nicht übermäßig helle Stiefvaterkomplexler Rock in Archie, die beiden werden ein Paar, das zum Happy End den Red Carpet Hand in Hand beschreiten wird.

Die Traumfabrik-Talente nämlich haben einen ebensolchen: Archie hat ein Drehbuch geschrieben, „Peg“ – Entwistle, die sich, da aus ihrem ersten Film geschnitten, 1932 vom Hollywood-H in den Tod stürzte, Raymond will Regie führen und die Titelrolle mit Camille besetzen, womit sie die erste Schwarze in einer Hauptrolle wäre. Eine Unternehmung, von der Avis und Ellen als emanzipierte Regentinnen eines rassistischen, schwulenfeindlichen, frauenverachtenden Hollywoods alsbald überzeugt sind, die jedoch, man wird es sehen, auch den Ku Klux Klan samt seinen brennenden Kreuzen auf den Plan ruft …

Queen Latifah als die erste schwarze Oscar-Preisträgerin Hattie McDaniel. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Michelle Krusiec als die um ihre Hauptrolle betrogene Anna May Wong. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Laura Harrier als Leinwandschönheit Camille Washington. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Viel nackte Haut, hier die von David Corenswet als Jack Costello. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Namedropping ist bei einer Produktion wie dieser gleichsam Pflicht, Tallulah Bankhead, Vivien Leigh und Noël Coward haben Kurzauftritte bei einem von George Cukors Erotikdinnern, bei dem Jack und Archie als Fill-up-Boys im Einsatz sind, Ernie himself exklusiv als Entspannung für die hochneurotische Vivien, der oberintrigante Henry Rock an den Mann ist gleich Dick bringen will, Hollywood eine Männerwelt, in der man im Wortsinn die Hose runterlassen und bei der Stange bleiben muss – und das alles zum wunderbar swingenden Soundtrack von Ella Fritzgerald bis Frank Sinatra und Sets, die nur möglich sind, wenn Geld keine große Sache ist.

Michelle Krusiec spielt Anna Mae Wong, zu dieser Zeit die weltweit prominenteste Filmschauspielerin chinesischer Herkunft, die um die Hauptrolle in der Pearl-S.-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“ betrogen wurde, weil MGM sicherheitshalber die weiße Luise Rainer besetzte – die prompt einen Oscar erhielt, Queen Latifah Camilles Mentorin Hattie McDaniel, die für die Rolle der braven Sklavin Mammy in „Vom Winde verweht“ als erste Schwarze einen Academy Award, den Nebendarstellerinnen-Oscar bekam, und auf diese Art Figuren festgelegt blieb.

Berührend ist die Szene, in der sie Camille erzählt, man hätte sie bei der Preisverleihung von den anderen Nominierten getrennt und an einen Tisch in der hintersten Reihe gesetzt, weshalb Camille entschieden auf den ihren in der ersten Reihe bestehen müsse. Tatsächlich war erst Whoopi Goldberg im Jahr 1991 die zweite afroamerikanische Nebendarstellerinnen-Oscar-Preisträgerin, 2002 Halle Berry die bisher einzige schwarze Oscar-Preisträgerin in der Hauptdarstellerinnen-Kategorie.

Backstage-Bangen: Patti LuPone, Dylan McDermott, Holland Taylor und Samara Weaving. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Soviel zu #OscarsSoWhite, wiewohl das am britischen Theater schon längst übliche Colorblind Casting allmählich zumindest die Bildschirme erobert (siehe: Bridgerton, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=43837). Im Gegensatz dazu wird sich in der schönen, heilen Flimmerwelt, in der die einzige maßgebliche Color die Technicolor ist, bereits im Vorspann gegenseitig den Hollywoodland-Schriftzug hochgeholfen, bis die Heldinnen und Helden mit einer Grandezza in den Sonnenaufgang blicken, die all das Behauptete wie wahr erscheinen lässt.

Murphy unterläuft das klassische, nach außen puritanisch-bigott-biedere, nach innen von Ressentiments beherrschte Hollywood optisch wie inhaltlich mit den Mitteln ebendieses klassischen Hollywoods. Das hat Charme. Die Serie, die mit ihrem kontrafaktischen Finale furios die Filmgeschichte umschreibt, hat deutlich mehr mit Tarantinos historisch freihändiger Hollywood-Fantasie zu tun als mit dem Harvey-Weinstein-Skandal. Sie ist, was die Traumfabrik im Idealfall immer schon war: erstklassige Unterhaltung. Mit Sprung im Spiegel.

Eine Staffel zwei ist möglich, Fans betteln in den Social Media geradezu darum. Zum Ende der ersten entwickelt Jim Parsons als Henry Willson, Spoiler: der Saulus wird zum Paulus und arbeitet sich zum Produzenten hoch, das Script einer Liebesromanze zwischen zwei Männern mit Rock Hudson in der Hauptrolle, dies Henrys Buße für seine Sünden am schönen Vierschröter – und Avis scheint nicht abgeneigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, gewinnen sie zwar keinen Oscar, aber vielleicht einmal einen Emmy…

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Q3EASLgzOcM            www.youtube.com/watch?v=W0WsEyqx0r4           www.netflix.com

FILMTIPP: The Boys in the Band

Jim Parsons und „Spock“ Zachary Quinto in der Broadway-Verfilmung

Tuc Watkins, Andrew Rannells, Matt Bomer, Jim Parsons, Zachary Quinto, Robin de Jesús, Brian Hutchison, Michael Benjamin Washington, Charlie Carver. Bild: S.E. White/Netflix ©2020

Und noch einmal Ryan Murphy, Joe Mantello – als Regisseur des Gay-Dramas – und Jim Parsons. „The Boys in the Band“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks aus dem Jahr 1968 von Mart Crowley, für dessen Bildschirm-Variante Produzent Murphy versprach, ausschließlich die schwulen Schauspieler aus dem 2018er-Broadway-Revival zu besetzen. Es ist also New York in den 1960ern, und Michael, Jim Parsons, richtet für Harold, Zachary Quinto, eine

mitternächtliche Geburtstagsparty aus. Ein schönes Fest soll es werden, zu der Michael den gesamten Freundeskreis eingeladen hat: seinen Liebhaber Donald (Matt Bomer), den ob seines Lovers gelangweilten Larry (Andrew Rannells) mit Lebenspartner Hank (Tuc Watkins), den stilbewussten Chauvi Bernard (Michael Benjamin Washington) und den stets zu Scherzen aufgelegten Emory (Robin de Jesús). Anfangs ist die Stimmung ausgelassen, was sich liebt, das neckt sich, die Intellektuellen-Clique ist unter sich und genießt den Abend.

Jim Parsons mit de Jesús und Rannells. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Zachary Quinto mit Carver und de Jesús. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Dass der gutaussehende, jedoch kulturell weniger bewanderte Stricher Cowboy Tex (Charlie Carver), er ist Harolds Geschenk, nicht wirklich in die Runde passt, sorgt schon für erste zynische Kommentare. Problematisch wird es jedoch, als unangemeldet Alan (Brian Hutchison) auftaucht, ein früherer Kommilitone von Michael, der unbedingt mit ihm reden will und den Emory kurzerhand als homosexuell outet. Harold erscheint und hat für alle nur Gehässigkeiten übrig, doch dann verstrickt der beleidigt-betrunkene Michael seine Gäste in ein sadistisches Spiel: Jeder muss eine ehemalige heimliche Liebe anrufen, und dieser am Telefon ebendiese und seine Homosexualität gestehen. Und Essig ist’s mit der Feierlaune, die Situation eskaliert …

Wie in „The Boys in the Band“ gekeift, gelästert, gedemütigt wird, der Tonfall so giftig und untergriffig, das ist durchaus ein Vergnügen. Man merkt dem Cast an, dass er aufeinander eingespielt ist, alldieweil man sich fragt, warum die dargestellten Männer eigentlich miteinander befreundet sind. Auf Entgleisungen folgen Handgreif- lichkeiten folgt Selbsthass. Parsons und Quinto im Infight sind allemal ein Hit, nicht zuletzt, wenn Harold Michael auf den Kopf zusagt, dass der seine Homosexualität verabscheut und lieber ein Hetero wäre. Im Streit werden Geheimnisse gelüftet und unausgesprochene Gefühle offenbart, Hank trägt immer noch seinen Ehering, Bernard laboriert als „doppelte Minderheit“ an seiner Hautfarbe ebenso wie an seiner sexuellen Orientierung.

Wäre Michael lieber ein Hetero? Jim Parsons und Matt Bomer als Lover Donald. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Förmlich sieht man die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, und fantastisch gespielt ist die Hassliebe, die die das Kammerspiel dominierenden Michael und Harold von Jim Parsons und Zachary Quinto verbindet. An keiner Stelle weiß man, ob man die beiden von Herzen verabscheuen oder mit ihnen leiden soll. Abseits von #LGBTQ sind dies die universellen Themen: Freundschaft und dennoch die Lust an Verletzungen, das Verlangen nach Liebe und trotzdem das Zurückstoßen derer, die es tun, Worte und wie sie zu Stichwaffen werden. Kurz gesagt: „The Boys in the Band“ ist absolut sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=862Pb9oDDAo           www.youtube.com/watch?v=WAIQbHJ9sAk           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Love Sarah

September 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mehlspeis-Märchen kuriert die Multikulti-Gesellschaft

Dieses Ensemble kriegt’s gebacken: Rupert Penry-Jones, Shelley Conn, Celia Imrie, Shannon Tarbet und Bill Paterson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Sinnlichkeit feinster Süßspeisen ist nicht erst seit „Chocolat“ immer wieder beliebtes Filmthema, und schon Cissy Kraner besang in „Wie man eine Torte macht“ die Plagen einer Pâtissière. Nun zelebrieren Drehbuchautor Jake Brunger und Regisseurin Eliza Schroeder die hohe Kunst der Kuchenbäcker in „Love Sarah“, einem warmherzigen Feel-Good-Movie, das am Freitag in den Kinos anläuft.

Das heißt, gut fühlt sich hier anfangs niemand, stirbt doch Mehlspeis-Magierin Sarah just an dem Tag, an dem sie mit Best Friend Forever Isabella in Notting Hill eine eigene kleine Konditorei gründen wollte. Das stürzt diese nicht nur in

tiefe Trauer, sondern auch in schwere Existenznöte, wo keine Bäckerin, da keine Bäckerei, und beides teilt sie mit Sarahs Tochter Clarissa, die mitten in der Tanzausbildung von ihrem Lover vor die Tür gesetzt wird. Zu Sarahs Mutter Mimi hatten die drei längst den Kontakt abgebrochen, aber nun, da die Enkelin einen Schlafplatz und die Geschäftspartnerin der Tochter Geld braucht, scheint die wohlbetuchte Exzentrikerin die einzig rettende Hand. Als dann noch Michelin-Sterne-Koch Matthew auf der Bildfläche erscheint, mit dem Sarah und Isabella wohl mal eine himbeerheiße Ménage à Trois hatten, sind genug Konflikte beisammen, um diese zuckrigen Zutaten in die Rührschüssel zu tun.

Doch Eliza Schroeder und Kameramann Aaron Reid gelingt weit mehr, als De-Luxe-Törtchen pittoresk in Szene zu setzen. Das Spielfilmdebüt der deutschen Regisseurin, die nunmehr selbst in Notting Hill lebt, ist im London der Brexit-Verhandlungen ein sympathisches Stellungbeziehen für eine offene, multikulturelle Stadtgesellschaft. Matthews überkandidelte Kreationen nämlich finden keine Käufer, die Kunden aus der kunterbunten Nachbarschaft wünschen sich Süßes aus ihrer Heimat, „a home away from home“, wie Marketingstrategin Mimi es bald nennt, und so darf jeder ein Rezept vorbeibringen – und sich auf seine Naankhatai, Faworki, Maandazi, Klingeris oder Maamoul bil Tamr freuen.

Stolz aufs hochwertige Pâtisserie-Sortiment: Celia Imrie, Shaonnon Tarbet und Shelley Conn. Bild: © Femme Films

Doch im multikulturellen London wünschen sich die Kunden Kuchen, der nach Heimat schmeckt. Bild: © Femme Films

Hier hatten die Spitzenköche Candice Brown und Yotam Ottolenghi die Finger im Spiel. Bild: © Femme Films

Die berüchtigte Matcha Mille Crêpe Torte ist gelungen: Shannon Tarbet und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

So verschieden das neue Sortiment der Bäckerei, so auch die Charaktere ihrer Betreiber. Großartig allen voran ist Celia Imrie, die der Mimi einen herrlich herben Charme verleiht, der ehemalige Star auf dem Trapez, der mit Strenge Disziplin einfordert, und dem Jake Brunger Sätze wie „Müssen wir uns weiter durch diesen Smalltalk plagen, oder sagst du mir, worum’s geht?“, als sie die von ihr erhoffte Finanzspritze erahnt, und Dialoge wie: im noch als Bruchbude darniederliegenden Lokal –  Isabella: „Es hat Potenzial“, Mimi: „Als Crackhöhle!“, auf den Leib geschrieben hat. Mit ihrem feinen Lächeln verrät Celia Imrie, dass ihre Mimi auch über Gemüt verfügt.

Szenen, in denen Tanzelevin Clarissa, frisch und frech gespielt von Shannon Tarbet, die Oma in einen Trapezkurs schleppt, wo die frühere Zirkusdirektorin freilich samt der Kursleiterin alle aufmischt, sind vom Feinsten. Und dann ist da noch der Gentleman von gegenüber, Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix, der Mimi nicht ohne deren Wohlwollen Avancen macht. Als Gegensatzpaar sind die ebenfalls starrköpfige Isabella und der nicht minder sture Matthew zur Stelle, Shelley Conn und Rupert Penry-Jones, denn sie misstraut ihm ob seiner zweifellos obskuren Beweggründe von der Haute Cuisine in die Niederungen des „Love Sarah“ genannten Kleinbetriebs zu wechseln.

Egal in welchem Alter, Liebe geht …: Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… durch die Backstube: Shelley Conn und Rupert Penry-Jones als undurchsichtiger Sternekoch Matthew. Bild: © Femme Films

Doch erst als endlich alle Konflikte in der Konditorei beseitigt sind …: Shelley Conn und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… kann die quirrlige Elevin Clarissa wieder nach Herzenslust tanzen: Shaonnon Tarbet. Bild: © Femme Films

Die Dame muss erst einmal nicht angebraten, sondern bebacken werden. Nur das Publikum weiß, dass Matthew mittels eines geklauten Clarissa-Haars einen Vaterschaftstest durchführen lässt … But together we’re sweet, könnte das Motto dieses Films lauten, all die Irrungen und Wirrungen, in denen ein bestellter Matcha Mille Crêpe Kuchen erst zum matschigen Dàtschen werden muss, bevor zusammenfindet, was offensichtlich zusammengehört, und der Ritter mit dem weißen Schneebesen seine holde Makronen-Maid heimführen darf. „Love Sarah“ ist ein zarter Film von tragikomischem Humor, und wer das Kitsch nennt, hat recht, aber kein Herz.

Die Leckereien, die so international sind wie es sich für die Bewohner einer Metropole gehört, wurden vom israelisch-britischen Spitzenkoch Yotam Ottolenghi, Food-Stylistin Rebecca Woods, Candice Brown, der Gewinnerin von „The Great British Bake Off“ 2016, und anderen kulturell vielfältigen Bäckereien in London gezaubert. Fazit: Aus der Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen kann eine wunderbare Kreativität entstehen. „Die Tatsache, dass ich als begeisterte Bäckerin, die in Deutschland aufgewachsen und mit einem Franzosen verheiratet ist, in Brexit-Großbritannien lebt, hat mich dazu inspiriert, das vielfältige London in seiner ganzen Pracht zu porträtieren, das durch die Liebe zum Backen zusammengebracht wird“, sagt Eliza Schroeder. What else to say? If you got sweet tooth, check it out!

www.weltkino.de/Love-Sarah           www.facebook.com/LoveSarah.DerFilm

  1. 9. 2020

The Sisters Brothers

März 13, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der amerikanische Goldrausch als Kapitalismuskritik

The Sisters Brothers: Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly) suchen ihren nächsten Hinzurichtenden. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Nun also ist entdeckt, was die Männer des Westens taten, während sie wochenlang durch die Weiten der Prärie ritten. Sie führten hochphilosophische Gespräche zu Pferd. Zumindest machen das Charlie und Eli Sisters so im Film „The Sisters Brothers“, der am Freitag in die Kinos kommt. Der französische Regisseur Jacques Audiard legt mit seiner Leinwandadaption des zynischen Romans von Patrick deWitt ein Meisterwerk vor, das es versteht, ein Genre bis ins kleinste Detail zu bedienen.

Und gleichzeitig auszuhebeln. Man mag Audiards Blick auf die Welt der Goldschürfer und Kopfgeldjäger, auf deren Schießereien, Saufgelage und Bordellbesuche, einen europäischen nennen, gab’s doch sowohl bei den Césars als auch in Venedig die Auszeichnung für die beste Regie. In den USA indes waren „The Sisters Brothers“ kein Box Office Hit – trotz der Starbesetzung Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, John C. Reilly, Riz Ahmed und Rutger Hauer. Die Zeit ist 1851, der Ritt geht von Oregon nach Kalifornien, und auch an die Final Frontier klopft allmählich hartnäckig die Moderne.

Schon die erste Szene macht die Figuren klar, Charlie und Eli Sisters lassen einem Grüppchen von ihnen Verfolgter die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, in diesem Gefecht werden keine Gefangenen gemacht, denn die Brüder sind Killer im Auftrag eines ominösen Commodore – Rutger Hauer, der nicht immer kurz und mitunter auch schmerzhaft beseitigen lässt, wer ihm im Weg steht. Das ist bei Charlies und Elis nächstem Job der Chemiker Hermann Kermit Warm, der ein Verfahren entwickelt hat, eine schwer ätzende Flüssigkeit, die das Erkennen von Gold im Wasser erleichtert, und die der Commodore natürlich in die Finger kriegen will.

Jake Gyllenhaal als sinnsuchender, melancholischer Detektiv John Morris. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Großartig grindige Westernstadt: Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) reitet in Mayfield ein. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Deshalb hat er bereits den Detektiv John Morris auf dessen Fährte gesetzt, er soll Warm aufspüren, damit die Sisters dann die Formel aus ihm herausfoltern können. Morris und Warm werden jedoch Freunde und Geschäftspartner und setzen sich ab. Charlie und Eli nehmen die Verfolgung auf und verstricken sich auf ihrem Weg in immer blutigere, aber auch skurrilere Händel. Wobei anzumerken ist, dass deWitts Buch um einiges brutaler ist als die Filmbilder, die einem sowohl eine traumatisierende Zahnzieh-Szene als auch den qualvollen Tod eines von einem Bären schwerverletzten Pferdes ersparen.

Bei Audiard darf es eher beiläufig sterben, weitere Schrecken finden in der Ferne, im Halbdunkel oder ganz außerhalb der Leinwand statt. Sehr unamerikanisch für diese uramerikanische Kunstform. Joaquin Phoenix spielt Charlie, John C. Reilly Eli Sisters, beide Outlaws schon etwas angegraut und daher auf der Sinnsuche nach einer Existenz ohne den rauchenden Colts. Für Audiard die perfekte Vorlage, um seine motivgetreue Erzählung mit einer Hinterfragung gängiger Männlichkeitsklischees zu unterfüttern. Was ihm mit einem gewissen Augenzwinkern ausgezeichnet gelingt.

Ist der Aufbruch hartgesottener Machos Richtung ihrer femininen Seite doch schon im Titel festgelegt. Während sich derart der sensible und grüblerische Eli immer mehr nach einem gewaltfreien Leben sehnt, ergibt sich Charlie allzu oft dem Suff und stürzt sich darob in Raufereien. Wie Phoenix den besoffenen, unberechenbaren Psycho gibt, ist freilich eine Glanzleistung, übertroffen allerdings von der Reillys – der es übrigens auch war, der das Projekt gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Produzentin Alison Dickey, angestoßen hat. In einer anrührenden Szene bittet er eine Prostituierte um ein Rollenspiel mit Damenschal, wovor sich das Mädchen erst fürchtet, bevor sie erkennt, wie seelisch angeschlagen das starke Geschlecht, das da vor ihr – naja – steht, ist.

Eli ist es auch, der dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist. „Musstest du dieses Gespräch jetzt so ins Banale ziehen?“, fragt er einmal den Bruder. Dann wieder startet er einen ersten Versuch mit Holzzahnbürste und Zahnputzpulver, allein, wie er das mysteriöse Instrument im Gemischtwarenladen entdeckt und bestaunt, spielt Reilly komödiantisch großartig, auch, wie er die mit Zeichnungen versehenen Instruktionen zum Gebrauch studiert. Später begeistert er sich im Sündenbabel San Francisco über ein Wasserklosett – „ein bisschen Komfort in unsicheren Zeiten“, stellt er dazu fest. Und während sich als Settings von Schlamm verschmutzte Städte, eigentlich Ansammlungen enger Bretterbuden, und einer wuchtigen, wilden Landschaft abwechseln, sieht man in einem Albtraum Elis den sadistischen Vater, dem schließlich Charlie den Garaus machte. Revolverhelden mit grauenhafter Kindheit also.

Shootout Showdown: John Morris (Jake Gyllenhaal), die Sisters Brothers (Joaquin Phoenix und John C. Reilly) und Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Dieser gebeutelten Familienbande stellt Audiard ein nicht minder als krisenhaft gezeigtes Paar gegenüber: Jake Gyllenhaal als melancholischer Schöngeist John Morris, auch er ein Sinnierer übers Dasein an sich und seines im Besonderen, der sich mit dem eigentlich auszuliefernden Hermann Kermit Warm in Diskussionen über die ideale Gesellschaft begibt. Will Warm doch mit dem zu erwartenden Gewinn eine basisdemokratische Enklave in Texas finanzieren.

Der britische Schauspieler Riz Ahmed, dessen Eltern aus Karatschi nach Großbritannien gekommen sind, verkörpert Warm, der „Fremde“ im Wortsinn ein warmherziger Mensch, dessen Vorstellungen eines sozialistisch geprägten Landes staunen machen. Eine sehr zeitgemäße Kapitalismuskritik, die Audiard noch verstärkt, als die Sisters Brothers am Claim von Warm und Morris eintreffen, und Charlie, von der Gier übermannt, die finale Katastrophe auslöst …

Jacques Audiards Charakterdrama mit komischen Einsprengseln (an dieser Stelle sei noch Rebecca Root als mörderische(r) Mogul in dem nach ihm/ihr benannten Kaff Mayfield erwähnt) und wunderbarem Dialogwitz ist das Beste, das dem Western seit Langem passiert ist. Hervorragend inszeniert und gespielt, in den ausgestellten Themen nahe am Heute. Dass es ausgerechnet der Utopist, der politische Visionär mit den gepflegten Umgangsformen ist, der mit seinem Beitrag zum Goldrausch das Gute will und dabei das Böse schafft, gibt einem zu denken. Der idealistische Vertreter eines Demokratieverständnisses, Gegner von im übertragenen Sinne Globalisierung und Konzerntyrannei, muss anno 2019 naturgemäß scheitern.

www.wildbunch-germany.de/movie/the-sisters-brothers

  1. 3. 2019