Museum der Moderne Salzburg: Fly Me to the Moon

Juli 15, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schau zu 50 Jahre Mondlandung

Vladimir Dubossarsky & Alexander Vinogradov: Cosmonaut No. 1, 2006. Courtesy Vladimir Dobrovolski

Mit einer großen Ausstellung begeht das Museum der Moderne Salzburg das Fünfzig-Jahr-Jubiläum der ersten Mondlandung, die wie kaum ein Ereignis davor und danach das Verhältnis zwischen den Menschen und dem Weltall veränderte. Ein fantastischer Streifzug durch die Geschichte der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Mond erwartet Besucherinnen und Besucher in der Schau „Fly Me to the Moon. 50 Jahre Mondlandung“, die ab 20. Juli zu sehen ist.

Im Mittelpunkt der als Parcours konzipierten Ausstellung steht die titelgebende erste Mondlandung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin vor 50 Jahren. Umrahmt wird sie von Einblicken in die Wissenschafts- und Kunstgeschichte sowie von einer Betrachtung der Folgen und Auswirkungen dieses weltbewegenden Ereignisses.

Die etwa 280 präsentierten Exponate – von Kupferstichen über Gemälde bis hin zu Fotografie, Videokunst und multimedialen Installationen – zeugen von den unterschiedlichen Bedeutungsebenen, die der Mond in wissenschaftlicher, künstlerischer, philosophischer und utopischer Hinsicht besitzt. Der Schwerpunkt liegt auf Kunstwerken des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Eine Vielzahl der gezeigten Werke stammt aus der hochkarätigen Sammlung des Kooperationspartners Kunsthaus Zürich, ergänzt durch weitere Leihgaben sowie Arbeiten aus der Sammlung des Museum der Moderne Salzburg.

„Seit Jahrtausenden übt der Mond eine enorme Faszination auf die Menschen aus, und mit dieser Ausstellung nehmen wir das Jubiläum der Mondlandung zum Anlass, um den Mond und die Reise dorthin als Thema und Herausforderung für die Kunst näher zu betrachten. Der erstmalige Blick von außen auf den Erdball hat ein neues Bewusstsein für die Fragilität unserer Existenz geweckt und der Blaue Planet selbst wurde zum Sinnbild des Lebens und seiner Verletzlichkeit, was sich auch nachhaltig in künstlerischen Auseinandersetzungen niederschlug“, so Thorsten Sadowsky, Direktor des MdM Salzburg.

Der erste Teil der Ausstellung und somit der Beginn des Rundgangs thematisiert die historische Bedeutung des Mondes, von Galileo Galilei bis hin zur klassischen Moderne. Zu sehen sind in diesem Abschnitt Arbeiten aus jener Zeit, in der das tatsächliche Betreten der Mondoberfläche für die Menschen noch ein fantastischer Traum war. Nichtsdestotrotz gelang es durch technische Errungenschaften, wie etwa durch das Teleskop, detaillierte Beobachtungen des Erdtrabanten anzustellen, wovon zahlreiche künstlerische Werke zeugen. Dem epochalen Ereignis am 20. Juli 1969 und den vorausgegangenen politischen und technischen Entwicklungen ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet. Als am 4. Oktober 1957 die Sowjetunion das erste künstliche Objekt – den Satelliten Sputnik – erfolgreich in die Erdumlaufbahn brachte, löste das im Westen den sogenannten „Sputnikschock“ aus und läutete zugleich das space race zwischen den USA und der Sowjetunion ein.

Hans Baluschek: Illustrationen Gerdt Bernhard von Bassewitz, Verlagsanstalt Hermann Klemm, Berlin-Grunewald: Peterchens Mondfahrt, 1928. Dt. Märchenbücherei Inv.-Nr.:A 82-031 Bröhan-Museum, Berlin. Bild: Bildarchiv Bröhan-Museum, Berlin

Robert Rauschenberg: Ape, 1969. Aus der Stoned Moon Series 3. Galerie Ziegler, Zürich © Robert Rauschenberg Foundation / VG BildKunst, Bonn / Bildrecht, Wien, 2019, Bild: © 1969 Robert Rauschenberg and Gemini G.E.L.

Yinka Shonibare CBE: Spacewalk, 2002. Stephen Friedman Gallery, London © Bildrecht, Wien, 2019

Nuotama Frances Bodomo: Afronauts, 2014. Filmstill. Courtesy die Künstlerin

Begleitet wurde dies durch eine Vielzahl von Propagandaaktionen beider Systeme, die auch künstlerisch ihren Widerhall fanden und in „Fly Me to the Moon“ betrachtet werden. Mit den Folgen der Mondlandung beschäftigt sich der dritte und letzte Teil der Ausstellung. Dieser nimmt die männlich besetzte Rolle des Weltraumfahrers näher unter die Lupe und stellt unter dem Stichwort der „Afronauten“ die geografische Vielfalt von Mond- und Weltraumprogrammen in den Mittelpunkt. Zu sehen sind unter anderem Werke von Coop Himmelb(l)au, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Kiki Kogelnik, Fritz Lang, René Magritte, Edvard Munch, Pipilotti Rist, Niki de Saint Phalle, Andrei Sokolov und Andy Warhol.

www.museumdermoderne.at

15. 7. 2019

10 Jahre theaterfink: Jubiläum der Vienna Street Puppets

Juli 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theresia K., dem Einedrahra und dem Lechner Edi

Theresia entsorgt ihren erschlagenen Ehemann (Walter Kukla) in der Buttn. Das Publikum marschiert mit. Bild: Hans-Georg Sedlak

Der theaterfink, Wiens einziges kontinuierlich spielendes Stationentheater im öffentlichen Raum, begeht sein Zehn-Jahres-Jubiläum. Und fliegt erstmals auch auf Landpartie. Gemeinsam mit dem Publikum wandern die Darsteller zu historischen Schauplätzen der Wiener Kriminalgeschichte und erzählen meist vergessene Ereignisse vor Ort. Durch Schauspiel, Puppenspiel und musikalischem Treibstoff werden so historische Begebenheiten lebendig und in Bezug zur Gegenwart gesetzt.

Zum Geburtstag ihrer „Straßengang“ lassen die Leiterinnen Susita Fink und Karin Sedlak die Highlights der vergangenen Jahre noch einmal aufleben. In der Inneren Stadt wird ab 12. Juli das „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K** oder Als Resi ‘s Hackl zur Hülf’ holte!“ neu begangen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25243). Theresia Kandl, geboren am 10. Juni 1785, wuchs in Atzgersdorf bei Wien in einem angesehenen Elternhaus auf. Sie entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen und aufmüpfigen Schönheit. Eine verbotene Liebschaft, ein uneheliches Kind und eine erzwungene Ehe später fand ihr turbulentes Leben ein jähes Ende. Als erste und einzige Frau wurde sie an der Hinrichtungsstätte „Spinnerin am Kreuz“ im Alter von nur 23 Jahren wegen Mordes an ihrem Gatten öffentlich gehängt …

Im Rahmen des Viertelfestivals Niederösterreich ist ab 2. August auf Schloss Kottingbrunn „Da Einedrahra kauft a Schloss!“ zu sehen. Peter Ritter von Bohr, angesehener Maler, Unternehmer, Aktionär, Bankengründer, Adeliger und Geldfälscher, eventuell auch Mörder, wird danach ab 16. August bei „Hin und Weg“ in Litschau sein Unwesen treiben, ab 24. August heißt es dann in Gallizien und Klagenfurt „Da Einedrahra hält Hochzeit!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21440).

Das „Einedrahra“-Ensemble. Bild: Joseph Vonblon

theaterfink-Leiterin Susita Fink. Bild: Susita Fink

Eva Billisich und die schöne Resi. Bild: Susita Fink

Viel Publikum fürs Straßentheater. Bild: Susita Fink

Als Neuinszenierung zeigen Susita Fink und Ensemble ab 9. September in Wien-Erdberg Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“. Inhalt: Der Lechner Edi ist arbeitslos. Schuld daran ist der Motor, der ihn in seiner Fabrik ersetzt hat. Als er Rache an dem Motor üben will, offenbart ihm dieser, dass auch er ausrangiert wurde.  Schuld daran sind wiederum der Lechner Edi und seinesgleichen, da aufgrund der Wirtschaftskrise keiner mehr kauft. Gemeinsam mit Edis Freundin Fritzi begeben sich die beiden Arbeitslosen auf eine Zeitreise, um den wahren Schuldigen ausfindig zu machen. Aber wo nimmt das Übel seinen Anfang? Irgendwer muss doch immer Schuld haben.

theaterfink bringt nun Jura Soyfers im Jahre 1936 entstandenes Stück aufs Pflaster und zeigt, dass es nichts an Aktualität und politischer Brisanz eingebüßt hat.  Bespielt werden dabei historische Plätze aus der Jugend Jura Soyfers in Erdberg sowie Produktionsstätten und Betriebe, wo immer noch von Hand geschaffen wird. Es spielen Walter Kukla, Claudia Hisberger und Susita Fink, musikalisch begleitet von Walther Soyka.

Susita Fink und Karin Sedlak im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25205

Videos:

www.youtube.com/watch?v=zADRAM-TN74

 

www.theaterfink.at

9. 7. 2019

Karikaturmuseum Krems: A echta Deix – Unvergessen!

Januar 31, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schonunglose Zeitreise durch die österreichische Seele

Manfred Deix mit seinen Figuren, o.D. Karikaturmuseum Krems, Bild: Günther Kargl

Die Ausstellung „A echta Deix – Unvergessen! 70 Jahre Manfred Deix“, ab 3. Februar im Karikaturmuseum Krems zu sehen, ist eine schonungslose Zeitreise in die Untiefen der österreichischen Seele. Das enfant terrible der Karikatur-Szene provoziert, schockiert und rüttelt an gesellschaftlichen Tabus wie selten zuvor ein österreichischer Künstler. 2019 wäre Manfred Deix 70 Jahre alt geworden.

Im Gedenken daran erschien ein großer Bildband „Forever Deix – Der Jubelband“ und es gibt eine neue Ausstellung mit mehr als 120 Cartoons aus den Landessammlungen Niederösterreich. „Die Cartoons von Manfred Deix entfalten im Original ihr ganzes Potential. Technisch meisterhaft ausgeführt, sind sie inhaltlich ein zeitlos böser Abgesang über die österreichische Seele.“, so Gottfried Gusenbauer, Direktor Karikaturmuseum Krems. Ein besonderes Highlight sind „Die sieben Todsünden“, die schon seit einigen Jahren nicht mehr im Original gezeigt wurden. Das Thema inspirierte bereits viele Künstler zu Bildzyklen, am bekanntesten sind die Kupferstiche von Pieter Bruegel dem Älteren. Deix’ österreichische Version führt eine bunte Schar seiner typischen Figuren vor: den stolzen Gockel, den geizigen dicken Buam, Menschen voller Neid, Zorn und Wollust.

Bedeutende Hauptwerke aus verschiedenen Jahrzehnten präsentieren die Kraft des enfant terrible der österreichischen Zeichenkunst. Im Rahmen der Ausstellung entfalten die Aquarelle ihre besondere Kraft und zeigen, mit welcher Hingabe und welchem großen zeichnerischen Können Manfred Deix seine Karikaturen zeichnete. Manfred Deix kommentierte über vier Jahrzehnte das Zeitgeschehen. Er kritisierte quer durch alle Gesellschaftsschichten, vor allem Prominenten, Politikern und Würdenträgern setzte er mit seiner bitterbösen Satire zu. Die Cartoons von Deix sind klare Statements gegen Rassismus, Sexismus, Bigotterie, Korruption und Spießbürgertum und sind ganz im Sinne der Karikatur, auch gegen die Mächtigen der Gesellschaft gerichtet. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich seine Deix-Figuren, damit ist jener Typ Mensch gemeint, der die österreichische Eigentümlichkeit überspitzt persifliert.

Manfred Deix, Hilfe für die Dritte Welt, 1985 © Karikaturmuseum Krems, Bild: Christoph Fuchs

Manfred Deix, Transsexuell, 2011 © Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

Deix überzeichnete seine Personen so stark, dass der Begriff Deix-Figur den hiesigen Wortschatz bis heute nachhaltig prägt. Der Begriff Deix-Figur schaffte sogar die Aufnahme in den  Duden mit der Definition von „ins Lächerliche verzerrte Darstellung eines Menschen“. Doch auch weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus war Manfred Deix berühmt und beliebt. So schrieb Hollywood-Legende Billy Wilder 1989 das Vorwort zum Deix-Buch „Augenschmaus“ und U2-Frontman Bono zog 1993 in einem Interview eine Parallele zwischen seinen Texten und Deix-Bildern. Sein Humor gilt als derb und kompromisslos, aber diesen Ruf hatte sich Manfred Deix hart erarbeitet.

Deix fand großen Spaß daran zu provozieren und so verwundert es nicht, dass seine Arbeiten teilweise auch als geschmacklos und unappetitlich bezeichnet werden. Einfach deshalb, weil Deix die Menschen so darstellt, wie er sie sah, ungeschönt und unvollkommen, mit allen Makeln und Schönheitsfehlern. Er liebte die österreichische Seele, die er oftmals in den Wirtshausstuben studierte. Korpulente Männer mit armseligen Zumpferln, „schiache Weibsbilder“, hässliche, geifernde Gestalten mit viel sichtbarem Zahnfleisch und pickelige Jugendliche. Die Welt des Manfred Deix ist erbarmungslos, doch eine Deix-Figur zu werden war für die Dargestellten ein Kompliment, denn „Jeder kann zur Deix-Figur werden, er muss es sich allerdings verdienen!“
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Manfred Deix, Selbstporträt, 1996

Thomas Wizany, Karikaturistenhölle © Thomas Wizany, 2019

Mit Februar  gibt es auch ein neues Konzept für die Ausstellung: Während der Laufzeit werden Exkurse zu Kolleginnen und Kollegen von Manfred Deix, Cartoonstilen und kulturellen Unterschieden im Verständnis von Humor gezeigt. „Deix & Friends“, dieser Exkurs zeigt Karikaturen von Künstlen, die sich mit Manfred Deix’ Werk und Ableben beschäftigt haben. In der ergänzenden Schau werden Arbeiten von Wolfgang Ammer, ernst, Bernd Ertl, Erna Frank, Pepsch Gottscheber, Gerhard Haderer, Daniel Jokesch, Margit Krammer, La Razzia, Oliver Ottitsch, Michael Pammesberger, Peng, Petar Pismestrovic, Oliver Schopf und Thomas Wizany zu sehen sein.

31. 1. 2019

Metro Kinokulturhaus: Wim Wenders. Frühe Photographien. 60er-80er Jahre

Januar 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die kühne Einmaligkeit des Polaroids

Dennis Hopper, Hamburg 1976. Bild: © Wim Wenders Courtesy of Deutsches Filminstitut, Frankfurt a.M.

Das Filmarchiv Austria zeigt ab 11. Jänner im Metro Kinokulturhaus die Ausstellung „Wim Wenders. Frühe Photographien. 60er-80er Jahre“ mit siebzig Arbeiten des Filmemachers, die seit seiner Jugend und bis Anfang der 1980er-Jahre entstanden sind. Diese zwanzig Jahre beschreiben eine äußerst kreative Zeit, in der Wenders das „Handwerk des Filmemachens“ gelernt und sein „eigenes Erzählland“ gefunden hat.

Von den späten 1960er- bis in die frühen 1980er-Jahre entstanden auf Wenders’ unermüdlichen Reisen durch die USA, Australien und viele andere Orte der Welt größtenteils menschenleere Landschafts- und Stadtansichten sowohl im 35 mm Schwarzweiß-Kleinbildformat als auch Farb- sowie  Panoramaaufnahmen. Sein bevorzugtes Fotomedium aber sollte zehn Jahre lang die Polaroid-Kamera werden. Sie war ideales komplementäres Werkzeug, um das Filme- und Bildermachen zu erforschen, visuelles Notizbuch, alltäglicher Begleiter.

Unabhängig von ihrem fotographischen Medium oder Entstehungsort, sei es in Algier, am Rhein, in New York, Butte, Montana oder Denpasar zeigt Wenders’ Blick einerseits eine deutlich dokumentarische „Einstellung“, durchdringt und überhöht mit seiner präzisen Ästhetik vorgefundene Situationen, gleichzeitig aber eröffnen die Bilder im Detail eine emotionale, narrative Dimension – scheinen jeweils die erste „Einstellung“ einer beginnenden filmischen Erzählung zu sein. Dieses vielschichtige erzählerische Angebot in den Fotografien von Wim Wenders nimmt den Betrachter bei seiner Reise in die Bilder an die Hand und eröffnet eine authentische Teilhabe am Wenders’schen Bildkosmos.

Die Fotografie begleitet Wim Wenders schon seit Kindesbeinen, und sie hat von Anfang an sein künstlerisches Schaffen mitbestimmt. Das erste Bild der Ausstellung ist eine Schwarzweiß-Aufnahme des damals 17- oder 18-Jährigen aus dem Jahr 1963. Es zeigt eine Szenerie auf einem Rummelplatz in Oberhausen. Im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, es regnet, die Buden sind geschlossen, wenige Kinder drehen dem Betrachter den Rücken zu. „Bonjour tristesse“ würde man als Titel vermuten, der allerdings in eine völlig andere Richtung weist und nicht ohne eine gewisse Ironie die Aufschrift eines Kirmeswagens aufnimmt: „Glück“. Dieses erste Bild lässt schon früh charakteristische Stimmungsbilder und Sujets von Wenders’ späterem künstlerischen Schaffen erahnen, wie etwa seine Vorliebe für verlassene Orte und die weitgehende Abwesenheit von Menschen. Auch in diesen frühen Bildern schon Straßen, deren Fluchtpunkte Bewegung ins Assoziationsspiel bringen und die Gedanken in eine ferne Welt schweifen lassen, auch damals schon eine warmherzige Melancholie und ein ausgeprägter Sinn für den Umgang mit Sprache und Schriftbildern.

New York Parade 1972. Bild: © Wim Wenders Courtesy of the artist and Blain|Southern London/Berlin

Abandoned Drive-in Texas, 1983. Bild: © Wim Wenders Courtesy of the artist and Blain|Southern London/Berlin

Wenders Verwendung der Polaroidkameras wohnt eine unbeschwerte und überaus soziale Komponente bei: Die, so Wenders, „kühne Einmaligkeit“ des im Polaroid eingebauten chemischen Prozesses und das daraus resultierenden Unikat eines „Zauberkunststückes“, das sich vor den Augen von Fotograf und Fotografiertem abspielt, ähnelt einer miniaturisierten filmischen Erfahrung, die das Polaroid zum Archetyp eines Sozialen Mediums geraten lässt. Die Polaroids zeigen den jungen Filmemacher und Fotografen in autobiographischen Stationen.

In privater Umgebung, in alltäglichen Momenten, oder an Orten, an denen Filme wie „Alice in den Städten“ und „Der amerikanische Freund“ entstanden sind – Wuppertal, die Straßen von Queens oder Surf City. Mit Polaroids „schießt“ Wenders aber auch, im Gegensatz zu seinem Umgang mit anderen Fotomedien, Porträts seiner Freunde oder berühmter Persönlichkeiten wie Annie Leibovitz, Robby Müller, Dennis Hopper oder Peter Handke.

Das Oeuvre von Wim Wenders ist stark durch die Malerei geprägt. Sein Wunsch, Filmemacher zu werden kam erst in Paris auf, wohin er ursprünglich aufgebrochen war, um Malerei zu studieren.

Stattdessen war er vom Programm der Cinémathèque Française derart gefesselt, dass er in wenigen Monaten einen Crash-Kurs der Filmgeschichte durchlief. Er begann fortan über Film als „Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln“ nachzudenken: „Als ich anfing zu filmen, verstand ich mich eher als Maler des Raums auf der Suche nach der Zeit.“ Besonders Stadtbilder wie „Liquor Store , San Francisco“, 1973, oder „Paris, Brasserie“, 1980, aber auch die weiten Landschaften in Südaustralien und Montana zeigen deutlich den Einfluss, den amerikanische Realisten wie eben Edward Hopper oder Andrew Wyeth auf den jungen Wenders ausübten.

Self Portrait with Mickey Mouse T-shirt, 1973. Bild: © Wim Wenders Courtesy of the artist and Blain|Southern London/Berlin

Die drei Fotografien „Twin-graves“ and „Drive-in Cinema, Drive-in“ und „Abandoned Drive-in“, alle aus dem Jahr 1983, die den Rundgang durch die Ausstellung schließen, zeigen ein wiederkehrendes Thema, dem der Filmemacher und Fotograf besonders in seinem Frühwerk vielschichtig nachspürt: dem Kinosterben der Nachkriegszeit: „… so wie es jetzt ist, ist es besser, es gibt kein Kino mehr, als dass es ein Kino gibt, wie es jetzt ist …“, lässt der Filmemacher eine alte Kinobesitzerin am Ende des Filmes „Im Lauf der Zeit“ sagen.

Die weißen, leeren Leinwände der Drive-in Kinos, die Wim Wenders immer wieder fotografiert, kennzeichnen nicht nur eine symbolische Leerstelle im kulturhistorischen Kontext der Nachkriegszeit. Einst Wallfahrtstätten populärer Kultur, scheinen diese dem Verfall anheim gegebenen Orte in einer zunehmend aus Funktionalität und Zweckorientierung geprägten Gegenwart ihre Daseinsberechtigung eingebüßt zu haben.

Begleitend zur Ausstellung findet im Metro Kinokulturhaus bis 28. Februar die Retrospektive „Wim Wenders. Weltreisender“ statt, in deren Rahmen unter anderem „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, „Paris, Texas“, „Der Himmel über Berlin“ oder „Buena Vista Social Club“ gezeigt werden.

www.filmarchiv.at

11. 1. 2019

Wiener Stadthalle: Maschek XX – 20 Jahre Drüberreden

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles schon ausgesessen

Maschek: Robert Stachel, Peter Hörmanseder und – für diesmal wieder dabei – Ulrich Salamun. Bild: Ingo Pertramer

Es begann im Jahr 1998. Da genehmigte Thomas Klestil, damals „oberster Befehlshaber der Vereinspolizei“, höchstselbst die Gründung der Satiretruppe Maschek. Wenn‘s denn wahr ist. Jedenfalls wurde ab jetzt der Politik aufs Maul geschaut, falls die versuchte, dem Volk nach dem Mund zu reden. Lippensynchron gab’s nun die unbequeme Wahrheit, das heißt: was Peter Hörmanseder, Robert Stachel und Ulrich Salamun als solche aussprechen, nämlich die Maschekseite, die Kehrseite dessen, was die Tonangeber und Ton-Angeber der Republik in diverse Fernsehkameras äußern.

Zum Jubiläum gönnen sich und dem Publikum die drei Herren, Ulrich Salamun dafür wieder mit dabei, die Show „Maschek XX – 20 Jahre Drüberreden“. Eine mit heutigem Wissen umso heiterere Rückschau, die Verschütt- oder Niemals-Verloren-Gegangene, Fast-Vergessene und Immer-noch-Unvermeidliche auf die große Leinwand holt.

Ein Best-Of Blödsinn, Sternstunden vergangenen und noch wirkenden Irrsinns, eine Zeitreise durch zwei Jahrzehnte Zeitgeschichte, wie jung, wie langzodert, wie schnauzbartert da die Leute noch waren, vorkommen unter anderem sieben Bundeskanzler, drei Bundespräsidenten, sechs ÖVP-Chefs und neun ÖFB-Teamchefs – und so es an diesem Abend eines zu bemerken gibt, dann, was und wen Österreich nicht alles schon ausgesessen hat. Was wiederum Hoffnung macht.

Chronologisch läuft das Geschehen ab, Schweigekanzler Schüssel und sein fescher, fleißiger Karl-Heinz Grasser, kurz der Kurz, der schon als Maturant mit den Großen mitreden will, Alfred Gusenbauer, dem die Mama nach dem Wahlsieg zehn Euro zusteckt, Stefan Petzner, dem nach dem Himmelssturz der Sonne nur das Solarium bleibt. Fritz Muliar verspachtelt das Buffet im Ministerrat, Hannes Kartnig empfiehlt sich als Superminister, Barbara Rett interviewt Jörg Haider auf dem Opernball – tatsächlich ist ihr Gesprächsgegenüber der teintmäßig tiefbraune Opernstar Franco Bonisolli.

Maschek machen mit ihrem Sprachwitz Situationskomik. Und so wird die gutmütige, aber zunehmende Genervtheit von Heinz Fischer bei jeder neuerlichen Angelobung einer Bundesregierung zum Running Gag, Papst Benedikt XVI. kurzerhand zum Alitalia-Flugbegleiter, sein Nachfolger Franziskus mit der argentinischen (nunmehr Ex-)Präsidentin in folgenden Dialog verstrickt: „Ich bin die Kirchner.“ – „Nein, ICH bin die Kirche!“ Putin, Merkel und Obama finden ihren Platz in dieser bissig bösen Politikerpersiflage. Christian Kern – das war aufg’legt – als Pizzalieferant, und Humphrey Bogart in Rick’s Casablanca-Café in einer wunderbaren Kern-Kurz-Parodie. Beinah prophetisch heißt es über Geschasste und Gegangene, es wird nichts besseres nachkommen. Was natürlich zu Werner Faymann als Kasperltheaterfigur führt.

Die FPÖ kommt aktuell vor, der Parteiobmann knattert und keucht im Bierzelt, an der Staatsgrenze findet eine Flüchtlingsabwehrshow für freundlich gesinnte Medien statt – dieses Grenzschutz-Nachspielen mit 500 Polizisten und 220 Soldaten der Minister Kickl und Kunasek gab es im Sommer wirklich -, sofortige Abschiebung muss schon laut Wahlplakat sein, und so trifft es auch einen Migranten-Panda der zweiten Generation: „So long – Fu long!“ Ja, manch einer sorgt für die Karikatur schon selbst, und wie immer bei Maschek stimmen Tempo und Timing. Vor den Bonus-Tracks, mit Highlight „We Are the World“ und den täuschend ähnlichen Stimmen vom wispernden Michael Jackson über den rockröhrenden Bruce Springsteen bis zum näselnden Bob Dylan, hat deshalb Pamela Rendi-Wagner das Wort. Auch sie sagt bei ihrem Journalisten-Spießrutenlaufen in den SPÖ-Parlamentsklub nichts als die Wahrheit: „Lassen Sie mich durch, ich bin Ärztin. Jede Stunde zählt …“  Angesichts solcher Maschek’scher Lippenbekenntnisse wird klarerweise nicht nur das Zwerchfell erschüttert.

Bild: Czernin Verlag

Zum runden Geburtstag gibt es neben der Tour ein Buch mit Bildern, Clips, Anekdoten, bis dato unveröffentlichtem Material von den Anfangszeiten bis heute – und einer überraschenden Auseinandersetzung mit dem Begriff Satire. Gastbeiträge stammen unter anderem von Florian Scheuba, Austrofred, Hilde Dalik, Michael Ostrowski, Sibylle Hamann, Amina Handke, Lotte Tobisch, Gerhard Haderer, Alfred Dorfer, Doris Knecht, Stefanie Sargnagel, Conchita und Ulrich Seidl.

Czernin Verlag, Christopher Wurmdobler/Maschek (Hg.): Maschek. Satire darf al, Geschichts-, Bilder- und Fanbuch, 304 Seiten.

www.maschek.org

www.czernin-verlag.com

www.stadthalle.com

26. 10. 2018