Filmarchiv Austria digital: 125 Jahre Kino

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Magie, Erotik und die erste Reise zum Mond

Kinomagier Georges Méliès: Le voyage dans la lune, Star Film, F 1902. © Filmarchiv Austria

Am 20. März 1896 findet in Wien die erste Filmvorführung statt. Ratternd werfen imposante Apparaturen die ersten Laufbilder auf die Leinwand – lebendige Manifeste purer Schaulust und einer neuen Sehkultur, die in ihrer ungebremsten Kreativität und Fantastik den Pionier- und Erfindergeist dieser Zeit reflektieren. Sie rücken die Welt unmittelbar ins Gesichtsfeld der Menschen, Reisen zu den Niagarafällen oder gar zum Mond – nichts scheint mehr unmöglich im „Kino der Attraktionen“.

Selbst moralische Grenzen werden aufgesprengt, denn am Anfang ist natürlich auch: die Erotik. Das Filmarchiv Austria blickt von 18. März bis 21. April auf die wunderbaren ersten Jahre und lädt mit ausgewählten Sammlungsstücken zum Anschauen ein. Mit einem wöchentlich wechselnden Programm im digitalen Heimkino sowie dem Digitorial „125 Jahre Kino“ lassen sich die faszinierenden Anfänge des Kinos neu entdecken. Der Jubiläums-Schwerpunkt umfasst fünf Online-Kanäle mit 112 Filmen, die im digitalen Heimkino kostenlos auf www.filmarchiv.at präsentiert werden.

Kanal 1: Welt in Bewegung. Das Filmuniversum der Gebrüder Lumière. Als die ersten Bewegtbilder der Brüder Lumière vor 125 Jahren das Publikum in einem Pariser Café in Ekstase versetzen, verbreitet sich die Kunde vom „Cinématographe“ wie ein Lauffeuer: Die neuartige Maschine tritt ihren Siegeszug durch alle Kontinente an, und mit ihr auch deren Erfinder. Binnen weniger Monate gastieren die kinematografischen Botschafter der Lumières in allen großen Metropolen und verblüffen das Premierenpublikum immer wieder mit direkt vor Ort entstandenen Lokalaufnahmen. Am 20. März 1896 präsentieren Vertreter der Brüder Lumière in der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie das erste Filmprogramm in Österreich. In Wien etwa wird der Eingang zum „Cinématographe Lumière“ Ecke Kärntnerstraße/ Krugerstraße festgehalten. Am 17. April besucht Kaiser Franz Joseph höchstselbst die Vorstellung. Augenblicke für die Ewigkeit.

Vienne: Entrée du Cinématographe, Sociéte Lumière, F 1896. © Filmarchiv A.

Le Thermomètre De L’Amour, Pathé Frères, F 1906, © Filmarchiv Austria

Vienne: Le Ring, Sociéte Lumière, F 1896. © Filmarchiv Austria

Kanal 2: Der Kinomagier. Das Kino von Georges Méliès. Schon die Brüder Lumière erzählen in ihren Filmaufnahmen kleine Geschichten. Der erste, der sein Publikum mit dem neuen Medium aber wahrlich zu verzaubern weiß, ist der Theaterillusionist Georges Méliès. In seinem Filmstudio, dem ersten Frankreichs, ersinnt er die tollkühnsten Szenerien und lässt Träume im wahrsten Sinne des Wortes Wirklichkeit werden: Spielkarten erwachen zum Leben, Köpfe werden abgenommen und wachsen wieder nach, und als Höhepunkt: Reisen zur Sonne und zum Mond!

Kanal 3: Wilde Bilder. Das frühe Kino der Attraktionen. Übermütig und voller kreativer Energie zeigt sich das Kino in seinen ersten Jahren auch von seiner anarchischen Seite. Im Zentrum stehen die Freude am Sehen und die Dynamik der Schaulust, gefilmt wird praktisch alles, was vor die Kamera kommt, und wird damit zur Sensation gesteigert. Auch in der Sammlung des Filmarchiv Austria nimmt die Frühgeschichte einen besonderen Schwerpunkt ein. Zu sehen sind erste Farbfilme, Akrobaten und Schausteller, Pioniere der Filmkomik, man lauscht anno dazumals populären Tonbildern – und staunt.

Les Fleurs animées, Pathé Frères, F 1906. © Filmarchiv Austria

Das eitle Stubenmädchen, Saturn-Film, A 1907. © Filmarchiv A.

Der Traum des Bildhauers, Saturn-Film, A 1907. © Filmarchiv A.

Poule Aux Ouefs D’Or, Pathé Frères, F 1905. © Filmarchiv A.

Kanal 4: Saturn. Wiener Filmerotik. Sie flackern höchst lebendig über die noch jungfräulichen Leinwände, wandern mit den Schaustellern quer durch die Monarchie. Johann Schwarzers „Herrenabend- Films“ sind frecher und freizügiger als vergleichbare Produktionen und kreisen mit demonstrativer Lässigkeit um eine offiziell verpönte Erotik, deren ironische, bisweilen offen gesellschaftskritische Inszenierung beim bigotten Habsbürgertum für multiple Höhepunkte der Entrüstung sorgt.

Kanal 5: Geschichten des Kinos. Eine Alltagsszene in der Wiener Innenstadt, aufgenommen von den Brüdern Lumière, markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter. Ihr „Cinématographe“ lässt erstmals „lebende Photographien“ öffentlich über die Leinwand flimmern. Der Leiter der Filmsammlungen Nikolaus Wostry führt anhand ausgewählter Filmdokumente und Objekte aus der Sammlung des Filmarchiv Austria durch die frühe Kinogeschichte und beleuchtet insbesondere auch die faszinierende technische Seite der Laufbild-Urmaschinerie. Eine Spurensuche führt schließlich zurück an den Ort der ersten Filmvorführung.

Das Kino Klein im Prater, ca. 1905. © Filmarchiv Austria

Digitorial: 125 Jahre Kino. Begleitend zum Jubiläumsprogramm im Heimkino vermittelt die Online-Ausstellung, das Digitorial „125 Jahre Kino“ auf www.filmarchiv.at spannende Einblicke in die Pionierphase der Kinematografie in Österreich und aller Welt. Prunkstücke der Sammlung sind etwa der Cinématographe Lumière, ein Apparat aus dem Jahr 1897, der Kamera, Kopiergerät und Filmprojektor in einem ist, der Wanderkinoprojektor „Came Demy“ von circa 1899, der um 1900 entwickelte Messter’s Projection oder Heinrich Ernemanns „Modell Imperator“ von 1909.

Mit großer Neugier beobachten die Prater-Schausteller die Aktivitäten der Lumières, und bald schon setzte ein Wettlauf um die Projektoren und Filme ein. Gabor Steiner, Leiter des Prater-Megaspektakels „Venedig in Wien“, schafft es bereits im August 1896, mit einem auf abenteuerliche Weise aus Paris besorgten Projektor Filmvorführungen zu organisieren. Ebenfalls im August werden im sogenannten „Thiergarten“ kinematografische Vorstellungen gegeben.

Eine der ersten Frauen im Kinogeschäft war Theresia Klein, die 1905 im Prater ihr Kino Klein eröffnete. Davor wurde in der Praterhütte Nr. 40 die elektrische „Reinprechtsche Riesenschaukel“, eine populäre Attraktion, sowie das Wursteltheater, eine Freakshow mit „Frau ohne Unterleib“, dem „stärksten Kettensprenger“ oder „dem kleinsten Menschen aller Zeiten“, betrieben. „Theresia Klein zeigt allwöchentlich Neues und Sehenswertes“, berichtete 1908 das Ilustrierte Wiener Wochenblatt. 1945  wurde das in „Kristall-Palast“ umbenannte, beliebte Kino bei den alliierten Bombenangriffen zerstört. Heute steht an seiner Stelle die Prateruhr …

Das komplette Filmprogramm: www.filmarchiv.at/digitale-sammlung/film           www.filmarchiv.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z5aaWnvlkyk             www.youtube.com/watch?v=YrW0zwqSeMs           www.youtube.com/watch?v=ABGHuwpxkno           www.youtube.com/watch?v=9-I1qEv9vXI

20. 3. 2021

Das Rote Wien im Waschsalon: Es lebe der Sport!

Mai 21, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ausstellungen zur Arbeiter-Olympiade und für Alpinisten

Zillenfahrt von Wörgl nach Wien © ASKÖ WAT Wien

Es hat sich irgendwo in den Seiten der Zeit verloren, jenes vom Vater schon zerlesene Zwischenkriegs-Kinderbuch über eine Lausbubenbande, die im Hinterhof „Olympische Spiele“ abhält, bei denen „das Nullerl“, Sohn des kriegsinvaliden und darob gemeindebau-gesellschaftlich randständigen Trafikanten, endlich zum gefeierten Sporthelden wird … Nun, da die Sommerspiele 2020 #Corona-bedingt auf nächstes

Jahr in Tokio verschoben sind, „Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof“ seine Pforten aber endlich wieder geöffnet hat, lässt man ebenda diese Tage mit zwei Sonderausstellungen wiederauferstehen. „2. Arbeiter-Olympiade in Wien. ,Neue Menschen‘ für eine ,neue Welt'“ nennt sich die eine, „Hand in Hand durch Berg und Land. 125 Jahre Naturfreunde“ die andere.

„Wir verzichten von vornherein auf alle Sensationen“ – Julius Deutsch

Arbeiter-Olympiade, Gewichtheber © ASKÖ WAT Wien

Im Umfeld der europäischen Arbeiterparteien entstehen Ende des 19. Jahrhunderts auch Turn- und Sportvereine, die sich bewusst vom „bürgerlichen“ Sport abgrenzen wollen. Nicht Rekordstreben und Kommerz sollen Ziel und Zweck der sportlichen Betätigung sein, sondern die körperliche Ertüchtigung von Männern und Frauen sowie die geistige und kulturelle Entwicklung der Arbeiterschaft – als Vorbereitung auf ein Leben in einer sozialistischen Gesellschaft.

Nach dem Ersten Weltkrieg sammeln sich 1919 die Arbeitersportvereine, die Arbeiterradfahrer und die Naturfreunde im Verband der Arbeiter- und Soldatensportvereine, der sich 1924 mit der Zentralstelle der österreichischen Arbeiterturnvereine zum Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich, kurz ASKO, vereint. Gegen Ende der 1920er-Jahre zählt der ASKÖ bereits mehr als 200.000 Mitglieder. Da der österreichische Arbeiterbund für Sport und Körperkultur europaweit die höchsten Mitgliederzahlen aufweist und zudem das Rote Wien die besten Voraussetzungen für die Durchführung einer derartigen Veranstaltung mitbringt, wird die Austragung der 2. Arbeiter-Olympiade an Österreich vergeben.

Die Winterspiele finden im Februar 1931 in Mürzzuschlag und auf dem Semmering statt, die Sommerspiele vom 19. bis zum 26. Juli in Wien. Das anlässlich der Arbeiter-Olympiade neu errichtete Praterstadion mit Stadionbad wird wenige Tage vorher, am 11. Juli, feierlich eröffnet. Trotz Weltwirtschaftskrise nehmen an die 25.000 Sportlerinnen und Sportler aus 27 Nationen teil, darunter mit Hapoel Tel Aviv auch eine Delegation aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina. Insgesamt strömen 70.000 Menschen nach Wien. Bei dieser größten bis dahin in Wien abgehaltenen Sportveranstaltung werden 117 Bewerbe in 18 Sportarten ausgetragen.

Darunter Klassiker wie Fußball, Hand- und Faustball, aber auch Disziplinen, die den Arbeitersportlern bisher verschlossen waren, wie Tennis, Jiu-Jitsu und Paddeln oder damals populäre Sportarten wie Schleuderballwerfen oder Raffball. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof zeigt neben Fotos, Festführern, Postkarten und Broschüren zur 2. Arbeiter-Olympiade aus den Beständen des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung auch Objekte aus dem Archiv des ASKÖ WAT Wien. Außerdem gibt es auch altes dokumentarisches Filmmaterial aus den Beständen des Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung und des Filmarchiv Austria zu sehen.

Arbeiter-Olympiade, Hürdenlauf © ASKÖ WAT Wien

Radsportclub „Triumpf“ Weißenfels, 1925 © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig / Sportmuseum

Alpinistengilde am Peilstein, 1920 © Archiv der Naturfreunde

Zdarsky Skigruppe, 1905 © Foto Wagner, Lilienfeld

Hand in Hand durch Berg und Land. Eine Sonderschau der Naturfreunde

Alles beginnt mit einer Anzeige in der Arbeiter-Zeitung im März 1895: „Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen, ihre Adresse unter ,Natur 2080′ einzusenden an die Exped.“ Aufgegeben hatten das Inserat der sozialdemokratische Pädagoge Georg Schmiedl und sein Wanderkollege Simon Katz. Unter den zahlreichen Antwortschreiben befindet sich auch jenes der Wohnungsnachbarn Alois Rohrauer, Feinmechaniker, und Karl Renner, Jura-Student.

1896 entwirft Renner das Emblem des neuen Vereins. Es vereint den Handschlag als sozialdemokratisches Symbol der Solidarität mit drei Alpenrosen. Auch der Wahlspruch ist schnell gefunden: „Hand in Hand durch Berg und Land“ – ein Ausdruck des politischen Kampfes um Freizeit und Erholung.

dasrotewien-waschsalon.at

21. 5. 2020

20 Jahre Kosmos Theater: Stay With The Trouble!

Mai 7, 2020 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das große Fest wird ab 11. Mai zum Web Special

Die Besetzung des Rondell1997. Bild: Kosmos Archiv

„Am liebsten würde ich ,Grüß Göttin!‘ sagen, wenn ich wo reinkomme“, sagt Barbara Klein im Jubiläumfilm „10 Jahre Kosmos Theater“. Ein Bonmot der Theatermacherin, und ein ernst gemeintes. Ließ doch „der nervige Quälgeist und die engagierte Kämpferin“ (© Josef Hader) kurz nach dem ersten Frauenvolksbegehren nicht ab von ihrer Idee, aus dem leerstehenden Pornokino Rondell einen Raum für Kunst und Kultur zu schaffen, der ausdrücklich Frauen gewidmet sein sollte.

Es folgten Aktionen, Protestkundgebungen, und als Höhepunkt des zivilen Ungehorsams eine zehn Tage und Nächte anhaltende Besetzung des Rondell – mit dem Ergebnis, dass die widerständigen Frauen in das ehemalige Kosmos-Kino im 7. Bezirk einziehen konnten. Josef Hader, wie Alfred Dorfer und Robert Menasse Mitstreier der ersten Stunde, legt im Film den Finger in die gesellschaftliche Wunde der geschlechtlichen Chancenungleichkeit, die Kreativberufe wie alle anderen betrifft.

Und wenn der Schauspieler und Kabarettist über die herrschaftlichen Seilschaften herzieht, „wenn sich die Männer auf d’Nacht beim Bier treffen“, dann fällt einem jener gerade erst gewesene Burgtheaterdirektor ein, der nach einer bei der Kritik durchgefallenen Premiere ausschließlich p. t. Kollegen zu Umtrunk und Aussprache ins gehobene Wirtshausstüberl einlud …

Ein Grund zu Feiern? Stay With The Trouble! Noch einmal zehn Jahre sind seit der Eröffnung des Kosmos Theater ins Land gezogen, Elfriede Jelinek hielt am 15. Mai 2000 die Eröffnungsrede, Johanna Dohnal, Eva Rossmann, Elfriede Hammerl waren wertvolle Unterstützerinnen, Viktor Klima ein „Kunstkanzler“, der mutmaßlich nicht wusste, wie ihm geschah – und nun heißt es ab 11.Mai #Corona-bedingt eben online den Countdown zum 20. Geburtstag runterzuzählen.

Veronika Steinböck, die mit Gina Salis-Soglio das Kosmos Theater seit 2018 als Doppel-Spitze leitet, lädt das Publikum ab 11. Mai, 20 Uhr, zum Birthday Blog: kosmostheater.at/blog Am 15. Mai gibt es nach einer Schnitzeljagd von Petra Unger ab 18 Uhr den Digital Birthday Bash mit Live-Lesungen feministischer Literatur, Mini-Konzerten und inhouse Geburtstagseinlagen.

Barbara Klein, Robert Menasse und die Polizei. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Josef Hader echauffiert sich über Männerseilschaften. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Frauenlauf 1998: Kanzler Klima, B. Klein und Anna Sporrer. Bild: Kosmos Archiv / Rainer Nesset

Eröffnung des Kosmos mit Eva Rossmann und Elfriede Jelinek. Bild: Kosmos Archiv

Das Programm

11. Mai, 20 Uhr, Das Werk von Elfriede Jelinek. Stream einer Aufzeichnung und Live-Chat mit Regisseurin Claudia Bossard und dem Produktionsteam. Rezension – Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung: Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im KosmosTheater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im KosmosTheater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37418

Die nunmehrigen Leiterinnen Gina Salis-Soglio und Veronika Steinböck bei ihrer Eröffnung 2018. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Lukas David Schmidt, Glatzner, Peterhans, Brouwer und Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Riesen-Pink-K: Das Kosmos Theater mit seinem neuem Portal, 2018. Bild: Bettina Frenzel

12. Mai, 20 Uhr, Keimzelle – Der Autorinnen*Stammtisch Wien. Film-Release, Livestream und Live-Chat.

13. Mai, 20 Uhr, Leseprobe Königinnen von Lilly Axster, uraufgeführt 2000. Livestream. Mit Regisseurin Corinne Eckenstein und den Schauspielerinnen Grace M. Latigo, Claudia Sabitzer und Julia Köhler als die literarischen Ikonen Virginia Woolf, Djuna Barnes und Audre Lorde, die in einer Gewitternacht aufeinandertreffen. Voll medial-männlicher Wehleidigkeit schrieb ein Kritiker über diese Eröffnungspremiere im „frauenraum“, ein Namenszusatz, der später entfernt wurde, er hätte sich im Kosmos gefühlt, „wie eine Frau im Schwulencafé“, bevor er weniger die Aufführung lobt als den Umstand, dass, hurra!, auf eine Herrentoilette nicht vergessen wurde …

14. Mai, 20 Uhr, 10 Jahre Kosmos Theater – Der Jubiläumsfilm. Stream und Live-Chat mit Barbara Klein und anderen.

15. Mai, 11 bis 17 Uhr, 20 Years Of Claiming Space. Eine Schnitzeljagd auf den Spuren widerständiger Theaterfrauen durch Wien. Von Petra Unger. Anmeldung unter karten@kosmostheater.at und ein Smartphone mit mobilen Daten sind erforderlich! Digital Birthday Bash: 18 Uhr, Melange Galore Part I – Online-Reading of 20 feminist Drama-Queens. Livestream mit Barbara Gassner, Claudia Kainberger, Katharina Knap, Claudia Kottal, Anne Kulbatzki, Nancy Mensah-Offei, Karola Niederhuber, Negin Rezaie, Irina Sulaver und Dolores Winkler. Konzept: Anna Laner. 20 Uhr, Finale. Livestream mit Fauna, Mieze Medusa, Les Reines Prochaines, Peterhans, Jelena Popržan, Yasmo und dem Kosmos-Team.

In diesem Sinne ist Happy Birthday! zu wünschen, oder wie’s Miki Malör aus dem Mittelalterlichen und in Verwandtschaft zum französischen Glückwunsch „Merde!“ recherchiert hat: Potzfut!

kosmostheater.at

7. 5. 2020

Museum NÖ: Der junge Hitler. 1889-1914

Februar 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Keramik „Durch Reinheit zur Einheit“. Aus dem Nachlass Georg Ritter von Schönerer. © Stadtmuseum Zwettl – Sammlung Schönerer

Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassen- hass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet ab 29. Februar die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet vom Mitschüler Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses, jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Die Schau wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet. Am 3. März zum Beispiel ist das Theaterstück „Name: Sophie Scholl“ mit Bettina Kerl in der Hauptrolle als Gastspiel des Landestheater Niederösterreich zu Gast. Am 10. März diskutieren Christian Rapp und Hannes Leidinger mit Ö1-Journalist und Buchautor Martin Haidinger im Zeitzeugen-Forum „Erzählte Geschichte“ über den „Österreicher Hitler“. Und unter dem Titel „Standup-History: Hitler – wie alles begann“ gibt es mit Florian Graf, Christian Rapp und Benedikt Vogl am 4. März einen Abend im Ateliertheater Wien, der am 1. April ins Haus der Geschichte kommt.

www.museumnoe.at           www.landestheater.net           www.ateliertheater.net

29. 2. 2020

Karikaturmuseum Krems: Tu felix Austria… zeichne! 25 Jahre Österreich in der EU

Februar 13, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kastrierte Stiere, volle Boote und leere Sitzreihen

Thomas Wizany: Europa und (bald) der Ochs, 2018. © Thomas Wizany

Ab 16. Februar zeigt das Karikaturmuseum Krems die Schau „Tu felix Austria… zeichne! 25 Jahre Österreich in der EU“. Seit 1995 ist Österreich Mitglied der Europäischen Union. Eine Vielfalt an Karikaturen und Editorial Cartoons österrei- chischer Pressezeichnerinnen und -zeichner begleiteten diesen Weg Österreichs.

Gerhard Haderer: Vorweihnachtliche Herbergsuche auf Lampedusa, 2012. Landessammlungen NÖ

Bruno Haberzettl: Die BVT-Affäre: Und wie die ausländischen Geheimdienste ihre Kollegen aus Österreich wahrnehmen . . ., 2018 © Bruno Haberzettl, Krone bunt

Bruno Haberzettl: Das EU-Parlament im Einsatz für die Zukunft Europas…, 2018. Privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie thematisieren exemplarisch Meilensteine der vergangenen 25 Jahre Mitgliedschaft und bieten Diskussionsbeiträge zu aktuellen und zukünftigen europäischen Themen. Karikaturen, Editorial Cartoons, satirische Grafik bis hin zu Online Satire sind wesentlicher Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft und nehmen innerhalb der westlichen Medienlandschaft wichtige Kontrollfunktionen wahr. Die von Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor Karikaturmuseum Krems, kurarierte Ausstellung umfasst eine repräsentative Auswahl von etwa 160 österreichischer Pressezeichnungen.

Mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler, wie Michael Pammesberger, Erich Sokol, Thomas Wizany, Gerhard Haderer und Margit Krammer, aus zwanzig verschiedenen österreichischen Zeitungen und Magazinen werden in der Ausstellung gezeigt. Losgelöst von der Geschichte erlangen die Karikaturen etwas Zeitloses und geben pointierte und erhellende Einblicke in die Europapolitik.

www.karikaturmuseum.at

13. 2. 2020

Wolfgang Ammer: EU-Brainstorming, 2018. Privat

Luis Murschetz: Das Boot ist voll, 1989. © Landessammlungen NÖ

Horst Hatzinger: Britanix, 2003. © Landessammlungen NÖ

Heinz Ortner: Wir ziehen alle an einem Strang 2003. Privat