Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Gregor Bloéb goes Burg

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Karl Kraus zu Maja Haderlap

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich)
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb wird auch in dieser Spielzeit am Burgtheater zu sehen sein. Nach seinem Erfolg als Optimist in Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/?p=10169 (Wiederaufnahme der Koproduktion mit den Salzburger Festspielen aus dem vergangenen Sommer: 17. September), versucht er sich in der Uraufführung von Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“. Premiere ist am 8. September am Akademietheater.

Wieder führt Georg Schmiedleitner Regie; gemeinsam mit der Autorin hat er auch die Bühnenfassung erstellt. Haderlaps 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichneter Debütroman ist eine Familiengeschichte und die Geschichte der Kärntner Slowenen. Erinnert wird eine Kindheit in den Kärntner Bergen. In ihrem Buch beschwört Haderlap die Gerüche des Sommers herauf, die Kochkünste der Großmutter, die Streitigkeiten der Eltern und die Eigenarten der Nachbarn. Erzählt wird vom täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, der die Familie angehört, ist er noch allgegenwärtig. In den Wald zu gehen, hieß eben „nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln“ , es hieß, sich zu verstecken, zu flüchten, sich den Partisanen anzuschließen und Widerstand zu leisten. Wem die Flucht nicht gelang, dem drohten Verhaftung, Tod, Konzentrationslager. Die Erinnerungen daran gehören für die Menschen so selbstverständlich zum Leben wie Gott.  Erst nach und nach lernt das Mädchen, die Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit in einen Zusammenhang zu bringen und aus der Selbstverständlichkeit zu reißen – und schließlich als kritische junge Frau eine Sprache dafür zu finden …

Erste Probenfotos lassen erwarten, dass Schmiedleitner mit seiner Inszenierung die sinnlich-poetische Atmosphäre des Erinnerungsromans auf die Bühne zu bringen versteht. Bloéb spielt den Vater, Petra Morzé die Mutter, Elisabeth Orth die Großmutter. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind das Junge und das Alte Ich. Weitere Rollen verkörpern Sven Dolinski, Sabine Haupt, Michael Masula, Rudolf Melichar und André Meyer.

Saisonstart ist an der Burg am 4. September. Alvis Hermanis inszeniert dafür Gogols „Der Revisor“. Die Besetzung ist naturgemäß first class, mit Fabian Krüger als vermeintlichem Revisor und Maria Happel und Michael Maertens als Bürgermeisterpaar. Gregor Bloéb bleibt auch dem Theater in der Josefstadt, wo er als Jägerstätter www.mottingers-meinung.at/?p=4764 anrührte, erhalten. Er steigt ab 12. September wieder als Felix MitterersDer Boxer“, Johann „Rukeli“ Trollmann www.mottingers-meinung.at/?p=13581 , in den Ring.
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www.burgtheater.at

Wien, 17. 8. 2015

Mitterers “Jägerstätter” wieder an der Josefstadt

August 30, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die von Presse und Publikum bejubelte Uraufführung von „Jägerstätter“ kehrt am 14. September vom Theatersommer Haag ans Theater in der Josefstadt zurück. Hier die Rezension vom Sommer, ein Gespräch mit Autor Felix Mitterer und Hauptdarsteller Gregor Bloéb und eine Vorschau auf die Projekte der neuen Saison:

Gerti Drassl und Gregor Bloéb sind ein Traumpaar

Gregor Bloéb (Franz Jägerstätter), Peter Scholz (Bischof von Linz) Bild: © Moritz Schell

Gregor Bloéb (Franz Jägerstätter), Peter Scholz (Bischof von Linz)
Bild: © Moritz Schell

Zum Schluss der Wiener Theatersaison noch eines der schönsten, schrecklichsten, berührendsten, beklemmendsten Stücke des Jahres. Felix Mitterer hatte schon Recht, als er im Gespräch sagte, man ginge “fix und fertig” aus dem Theater. Und doch irgendwie froh, dass es Menschen, wie ihn gegeben hat, Franz, den oberösterreichischen Bauern, der den Nazis aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigerte, und deshalb hingerichtet wurde. Mitterers “Jägerstätter” wurde nun am Theater in der Josefstadt uraufgeführt. Die Koproduktion ist dann ab 3. Juli beim Theatersommer Haag zu sehen.

Für viel Pathos wäre da Platz. Und für viele Probleme. Denn Franz und seine Ehefrau Franziska können nach seiner Festnahme nur noch brieflich kommunizieren. So etwas könnte einen im Zuschauersessel in die Duldungsstarre drücken. Und dann noch ein Chor! Griechische Tragödie, oder was? Doch, wenn jemals eine Bühnenkonstellation beglückend war, dann diese: Mitterer legte sein Stück in die richtigen Hände, die von Regisseurin Stephanie Mohr und die beiden Hauptdarsteller Gerti Drassl und Gregor Bloéb. Unglaublich, was zwischen den beiden auf der Bühne abgeht. Mitten im Albtraum sind sie ein Traumpaar. Es entsteht eine Energie, ein Sog, eine Eindringlichkeit – und das, wo das erzählte eh kaum zum Aushalten ist.

Mohr inszeniert mit einem Gefühl, das man nur als Instinkt bezeichnen kann. Sitzt, passt und nimmt dem Publikum den Atem. Mit einfachsten, einfallsreichsten Mitteln (Bühnenbild Miriam Busch) lässt sie eine Art Bauernstube mit Krickerln an der Wand zum Bauernhof, Wirtshaus, Hochofen Eisenerz, schließlich Gefängnis werden. Alle Darsteller sind stets anwesend, Handlungen laufen teilweise zeitgleich ab. Aus dem Chor, der Stammtischstimme des “Volkes”, der Jägerstätter Verrat, Feigheit, Fahnenflucht vorwirft, lässt sie einzelne Stimmen hervortreten und wichtige Sätze betonen. Sehr gelungen etwa eine Szene am Hochofen, in der die eine Partei “Der Führer” von Herbert Böhme rezitiert, während die andere Bert Brechts “Der Kälbermarsch” dazwischenbrüllt: “Hinter der Trommel her/Trotten die Kälber/das Fell für die Trommel/Liefern sie selber.” Die Augen fest geschlossen, mit ruhigem festen Tritt … Auch die Briefe zwischen Franz und Franziska unterteilt sie in kürzere Passagen, so dass Drassl und Bloéb trotz der Entfernung von Radegund nach Berlin in Dialog treten. “Herzallerliebste Gattin” schreibt er. Und, dass sie die Sensen einfetten soll, damit sie nicht rosten. Sie berichtet vom Aufwachsen der drei Töchter und von der Ernte. So mischt Mohr den bäuerlichen Alltag mit brutalen Szenen. Franz gefoltert, Franziska verloren in Einsamkeit, schriftlich spielen sie ihr Leid herunter: “Man hat mir hier ein hübsches Kämmerlein für mich allein gegeben …” Surreal!

Das Ereignis des Abends ist Bloéb. Wie er sich vom Steiger und Raufbold zum liebevollen Ehemann und Vater entwickelt. Ein ehemaliger Hallodri, der so gern lebt, so gern lacht – und Bloéb tut das laut und herzlich -, der aber durch seine Weitsicht, sein Gewissen nicht hinnehmen kann, nicht hinnehmen will, was das Nazi-Regime an Gräueltaten verübt. Selbst als ihn die “Mutter Kirche” mit seinem Ansinnen im Stich lässt. Auch Kirchenobere sind letztlich Politiker. Drassl gibt anfangs, als Franz ihr den Antrag macht, die Strenge, bleibt nach außen die Starke, die Kämpferin um Gerechtigkeit. Ihre Knie versagen erst, als sie Franz ein erstes und letztes Mal in Berlin besuchen darf … anrührend, erschütternd. Durch Mark und Bein fährt es einem, wenn Bloéb nach dem x-ten hinterfotzigen Angebot des Anwalts sich seine Verzweiflung aus dem Leib schreit: Man möge ihn doch endlich zum Tode führen. Eine Wahnsinnsleistung der beiden. Sie stellen nichts dar, sie sind.

Doch Mitterers Drama ist ein Ensemblestück – und alle zeigen das Beste: Elfriede Schüsseleder als Franz’ Mutter; Michaela Schausberger als die Mutter von Franz’ ledigem Kind; Michael Schönborn als Ortsgruppenleiter (der Bruder, Kardinal Christoph Schönborn, saß im Zuschauerraum); Matthias Franz Stein als Pfarrer Fürthauer, Stefan Lasko als Bürgermeister – beide wollen Franz “Vernunft” einimpfen -; Christian Dolezal als Großbauer Rudi, Franz’ größter Widersacher; Peter Scholz als Bischof von Linz, der ihm sogar den Segen verweigert; Gertis Vater Peter Drassl, der als Offizier in Enns Jägerstätter zu Hilfe kommen will, indem er ihn zur Sanität steckt – zu spät -; Dominic Oley als Anwalt in Berlin. Sie alle machen den Abend zum Ereignis. Bravo!

Zum Schluß lässt Mohr die “Ausreden” verlesen, die Franziska Jägerstätter lange Jahre um eine Witwenrente brachten. “Bibelforscher” und Adventisten seien keine Helden. Erst 1950 wurde sie nach dem Kriegsopferfürsorgegesetz entschädigt. Man kann den Leib brechen, nie die Seele. Kein Folterer, kein Henker kann dem Menschen das Menschsein nehmen. Sagte Pablo Nerudo. 2007 wurde Franz Jägerstätter selig gesprochen.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=B0JHn3bwzfw&feature=player_embedded

www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-und-gregor-bloeb-im-gesprach

www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-spielzeit-201314/

Das Stück von Felix Mitterer erschien als Buch im Haymon Verlag: www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buecher/buch&titnr=940

Wien, 21. 6. 2013

Mitterers „Jägerstätter“ an der Josefstadt

Juni 21, 2013 in Bühne

Gerti Drassl und Gregor Bloéb sind ein Traumpaar

Gerti Drassl; Dominic Oley, Stefan Lasko, Gregor Bloéb, Peter Drassl, Christian Dolezal, Michael Schönborn, Peter Scholz, Matthias Franz Stein Bild: Moritz Schell

Gerti Drassl; Dominic Oley, Stefan Lasko, Gregor Bloéb, Peter Drassl, Christian Dolezal, Michael Schönborn, Peter Scholz, Matthias Franz Stein
Bild: Moritz Schell

Zum Schluss der Wiener Theatersaison noch eines der schönsten, schrecklichsten, berührendsten, beklemmendsten Stücke des Jahres. Felix Mitterer hatte schon Recht, als er im Gespräch sagte, man ginge „fix und fertig“ aus dem Theater. Und doch irgendwie froh, dass es Menschen, wie ihn gegeben hat, Franz, den oberösterreichischen Bauern, der den Nazis aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigerte, und deshalb hingerichtet wurde. Mitterers „Jägerstätter“ wurde nun am Theater in der Josefstadt uraufgeführt. Die Koproduktion ist dann ab 3. Juli beim Theatersommer Haag zu sehen.

Für viel Pathos wäre da Platz. Und für viele Probleme. Denn Franz und seine Ehefrau Franziska können nach seiner Festnahme nur noch brieflich kommunizieren. So etwas könnte einen im Zuschauersessel in die Duldungsstarre drücken. Und dann noch ein Chor! Griechische Tragödie, oder was? Doch, wenn jemals eine Bühnenkonstellation beglückend war, dann diese: Mitterer legte sein Stück in die richtigen Hände, die von Regisseurin Stephanie Mohr und die beiden Hauptdarsteller Gerti Drassl und Gregor Bloéb. Unglaublich, was zwischen den beiden auf der Bühne abgeht. Mitten im Albtraum sind sie ein Traumpaar. Es entsteht eine Energie, ein Sog, eine Eindringlichkeit – und das, wo das erzählte eh kaum zum Aushalten ist.

Mohr inszeniert mit einem Gefühl, das man nur als Instinkt bezeichnen kann. Sitzt, passt und nimmt dem Publikum den Atem. Mit einfachsten, einfallsreichsten Mitteln (Bühnenbild Miriam Busch) lässt sie eine Art Bauernstube mit Krickerln an der Wand zum Bauernhof, Wirtshaus, Hochofen Eisenerz, schließlich Gefängnis werden. Alle Darsteller sind stets anwesend, Handlungen laufen teilweise zeitgleich ab. Aus dem Chor, der Stammtischstimme des „Volkes“, der Jägerstätter Verrat, Feigheit, Fahnenflucht vorwirft, lässt sie einzelne Stimmen hervortreten und wichtige Sätze betonen. Sehr gelungen etwa eine Szene am Hochofen, in der die eine Partei „Der Führer“ von Herbert Böhme rezitiert, während die andere Bert Brechts „Der Kälbermarsch“ dazwischenbrüllt: „Hinter der Trommel her/Trotten die Kälber/das Fell für die Trommel/Liefern sie selber.“ Die Augen fest geschlossen, mit ruhigem festen Tritt … Auch die Briefe zwischen Franz und Franziska unterteilt sie in kürzere Passagen, so dass Drassl und Bloéb trotz der Entfernung von Radegund nach Berlin in Dialog treten. „Herzallerliebste Gattin“ schreibt er. Und, dass sie die Sensen einfetten soll, damit sie nicht rosten. Sie berichtet vom Aufwachsen der drei Töchter und von der Ernte. So mischt Mohr den bäuerlichen Alltag mit brutalen Szenen. Franz gefoltert, Franziska verloren in Einsamkeit, schriftlich spielen sie ihr Leid herunter: „Man hat mir hier ein hübsches Kämmerlein für mich allein gegeben …“ Surreal!

Das Ereignis des Abends ist Bloéb. Wie er sich vom Steiger und Raufbold zum liebevollen Ehemann und Vater entwickelt. Ein ehemaliger Hallodri, der so gern lebt, so gern lacht – und Bloéb tut das laut und herzlich -, der aber durch seine Weitsicht, sein Gewissen nicht hinnehmen kann, nicht hinnehmen will, was das Nazi-Regime an Gräueltaten verübt. Selbst als ihn die „Mutter Kirche“ mit seinem Ansinnen im Stich lässt. Auch Kirchenobere sind letztlich Politiker. Drassl gibt anfangs, als Franz ihr den Antrag macht, die Strenge, bleibt nach außen die Starke, die Kämpferin um Gerechtigkeit. Ihre Knie versagen erst, als sie Franz ein erstes und letztes Mal in Berlin besuchen darf … anrührend, erschütternd. Durch Mark und Bein fährt es einem, wenn Bloéb nach dem x-ten hinterfotzigen Angebot des Anwalts sich seine Verzweiflung aus dem Leib schreit: Man möge ihn doch endlich zum Tode führen. Eine Wahnsinnsleistung der beiden. Sie stellen nichts dar, sie sind.

Doch Mitterers Drama ist ein Ensemblestück – und alle zeigen das Beste: Elfriede Schüsseleder als Franz‘ Mutter; Michaela Schausberger als die Mutter von Franz‘ ledigem Kind; Michael Schönborn als Ortsgruppenleiter (der Bruder, Kardinal Christoph Schönborn, saß im Zuschauerraum); Matthias Franz Stein als Pfarrer Fürthauer, Stefan Lasko als Bürgermeister – beide wollen Franz „Vernunft“ einimpfen -; Christian Dolezal als Großbauer Rudi, Franz‘ größter Widersacher; Peter Scholz als Bischof von Linz, der ihm sogar den Segen verweigert; Gertis Vater Peter Drassl, der als Offizier in Enns Jägerstätter zu Hilfe kommen will, indem er ihn zur Sanität steckt – zu spät -; Dominic Oley als Anwalt in Berlin. Sie alle machen den Abend zum Ereignis. Bravo!

Zum Schluß lässt Mohr die „Ausreden“ verlesen, die Franziska Jägerstätter lange Jahre um eine Witwenrente brachten. „Bibelforscher“ und Adventisten seien keine Helden. Erst 1950 wurde sie nach dem Kriegsopferfürsorgegesetz entschädigt. Man kann den Leib brechen, nie die Seele. Kein Folterer, kein Henker kann dem Menschen das Menschsein nehmen. Sagte Pablo Nerudo. 2007 wurde Franz Jägerstätter selig gesprochen.

www.josefstadt.org

www.theatersommer.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=B0JHn3bwzfw&feature=player_embedded

www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-und-gregor-bloeb-im-gesprach

Das Stück von Felix Mitterer erscheint als Buch im Haymon Verlag: www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buecher/buch&titnr=940

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 6. 2013

Felix Mitterer und Gregor Bloéb im Gespräch

Juni 19, 2013 in Bühne

„Jägerstätter“ an der Josefstadt

Gregor Bloéb (Franz Jägerstätter) Bild: © Moritz Schell

Gregor Bloéb (Franz Jägerstätter)
Bild: © Moritz Schell

Der oberösterreichische Bauer Franz Jägerstätter träumte im Jänner 1938 von einem Zug, in den immer mehr Menschen einstiegen, und er hörte eine Stimme sagen: „Dieser Zug fährt in die Hölle.“ Dies deutete Jägerstätter als Warnung vor dem Nationalsozialismus. Bei der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs gab er die einzige Nein-Stimme in seinem Ort ab. Am 1. März 1943 erhielt er die Einberufung zur Wehrmacht nach Enns und verweigerte dort den Kriegsdienst. Er wurde verhaftet und nach Berlin gebracht, dort verurteilte man ihn wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Er wurde er am 9. August 1943 durch das Fallbeil hingerichtet. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg wurde Jägerstätter von vielen als Feigling, Verräter und „Bibelforscher“ denunziert. 2007 endlich wurde ihm offiziell Gerechtigkeit zuteil, indem ihn die katholische Kirche selig sprach. Felix Mitterer hat nun über den „sturen Kerzlschlucker“ ein Stück geschrieben: „Jägerstätter“ wird am 20. Juni am Theater in der Josefstadt uraufgeführt. Ab 3. Juli ist die Koproduktion beim Theatersommer Haag zu sehen. Ein Gespräch mit Felix Mitterer und „Jägerstätter“ Gregor Bloéb:

MM: Herr Mitterer, Sie beschäftigen sich immer wieder mit Biografien, Bühnendarstellungen real gelebt habender Menschen. Wie sind Sie auf Franz Jägerstätter gekommen?
Felix Mitterer: Das war Gregors Idee und ich habe sehr gerne Ja gesagt. Ich würde für ihn aber auch den Glöckner von Notre Dame schreiben, wenn er sich das wünscht. Dann habe ich begonnen, mich einzuarbeiten, und bin erschrocken, weil das ist so eine wilde, schreckliche, schwere Geschichte. Wie soll ich die ans Publikum bringen, ohne dass es sagt: „Ein katholischer Spinner halt“? Wir waren dann bei Franziska Jägerstätter, der Witwe, und sie erzählte, was uns erlöst hat: Die Liebesgeschichte der beiden, die 70 Jahre nach seinem Tod noch gehalten hat. Sie ist ihm Frühjahr im Alter von 100 Jahren verstorben – und jetzt bei ihm, wo immer das auch ist. Sie erzählte, dass er kein depressiver Mensch war, der keine Fröhlichkeit kannte, sondern genau das Gegenteil: Jung und lebenslustig, wie die anderen Männer auch. Auch die Franziska war ein fröhlicher Mensch. Das ist wichtig zu wissen, bevor man zum Schreiben anfängt. Und dann unsere Frage, die durch das Stück geht: Was bringt es, dass er sich opfert, und seine Familie im Elend zurücklässt? Die mussten sich ja durchgfretten nach dem Krieg. Um dann zu erfahren, dass das alles nicht umsonst war, sondern dass der amerikanische Autor Gordon C. Zahn ein Buch geschrieben hat, das Jägerstätter zum Schutzpatron der Kriegsdienstverweigerer – auch der im Vietnamkrieg – machte. Die Kirche dann beschloss, Kriegsdienstverweigerer als Märtyrer anzuerkennen – und Jägerstätter 1997 selig sprach.
Gregor Bloéb: Mich hat der Jägerstätter-Stoff angesprochen, weil ich selber als junger Mensch ein Problem mit der Obrigkeit und mit Duckmäusertum hatte, ich mit der Erwachsenenwelt nicht zurecht gekommen bin, die mir sagte. Tu halt so, als als du den Lehrer magst, dann kriegst eine gute Note. Mit all dem hatte ich große Schwierigkeiten. Ich habe dann Axel Cortis Film „Der Fall Jägerstätter“ gesehn und plötzlich einen „Verbündeten“ gefunden, jemanden, der die gleiche Einstellung, wie ich vertreten hat. Die Konsequenzen selbstverständlich nicht zu vergleichen waren aber seither beschäftigt er mich. Dann hab’ ich  erfahren, dass er kein bigotter Kerzlschlucker war, sondern ganz schön umtriebig als junger Mensch – so wie ich…Und Jahre später erzählte ich Felix davon und las er gerade die Jägerstätter-Briefe. Das sind im Leben immer so Nicht-Zufälle.
 MM: Apropos, Jägerstätter-Briefe: Er schrieb auch Gedichte, durchaus mit „viel Herz“, wie entgeht man da der Gefahr ins Pathos zu gleiten?
Bloéb: Das ist ein Grundprinzip des ländlichen Raums. Wir kommen aus Tirol. Wir kennen Blut-und-Erde-Stücke. Was quasi im Osten Nestroy und Raimund ist, ist bei uns Schönherr und Mitterer. Da geht’s um grade, pure Emotionen und Taten. Das ist nun einmal so.
Mitterer: Und man darf nicht vergessen: Er musste sich ja vor sich selber ständig rechtfertigen. Er hat ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er so tut, weil alle anderen anders taten. Auch seine geliebte Kirche, er hat mit den Pfarrer, mit dem Bischof geredet – alle haben ihn im Stich gelassen. Jetzt schreibt er das als Bauer auf, das klingt dann halt so. Die Briefe sind nicht so. Da täuschen beide vor, es geht ihnen gut. Das hab’ ich ja überhaupt nicht ausgehalten, wie er ihr schreibt, sie soll über den Winter die Sense einfetten, sonst wird sie rostig, oder sie soll neuen Samen kaufen, der alte ist nicht mehr gut – so kommt der bäuerliche Alltag hinein -, in Wirklichkeit wartet er aber auf seinen Hinrichtungstermin. Er war von unglaublicher Klugheit, er hat sich nichts erzählen lassen. Da schreibt er beispielsweise: Jetzt ist die Kirche froh, dass es nach Russland, gegen die Bolschewiken, gegen die Gottlosen geht, jetzt kann sie diesen Krieg endlich gut heißen … Er sagt: Glaub’ i ned, da geht’s darum, Getreide, Erz und Öl zu holen. Die konnten dem nix erzählen.
 
MM: Wenn sie etwas wie „Jägerstätter“ schreiben, wo ist da Ihr Platz als Dichter? Oder sind Sie da mehr Geschichtsschreiber?
Mitterer: Ich habe eine Riesenverantwortung, abgesehen davon, dass ich ein paar Dialoge zusammenbringen muss, die man spielen kann, einen spannenden Theaterabend aus meinem Wissen über Jägerstätter zu schaffen. Aber das zu schreiben, war eine Last für mich. Und zu wissen, ich muss es an die drei Töchter schicken, und wie ist deren Reaktion? Wenn sie sagen, das stimmt nicht, bitte ändern Sie da, lassen Sie das weg … da sind wir alle erledigt. Solche Erfahrungen habe ich gemacht, zwei Stücke musste ich deswegen sogar sperren. Hier war die Familie mit allem einverstanden – eine unglaubliche Erleichterung. Jetzt bin ich froh, dass die Verantwortung bei der Regisseurin Stephanie Mohr und beim Gregor und bei der Gerti Drassl, die die Franziska darstellt, liegt, das wird okay, das wird kein fader Geschichtsunterricht.
 
MM: Verstehen Sie persönlich, dass man aus Glaubens-, aus Gewissensgründen in den Tod geht? Wo wäre für Sie der Punkt diesen Schritt zu tun?
Mitterer: Ich glaube, ich wäre in der Zeit in die Berg’ gelaufen. Ich eigne mich nicht zum Märtyrer.
Bloéb: Das ist sehr schwer. Es gibt für mich ganz klar nachvollziehbare Sachen, auch mit dem Glauben. Ich selber habe, wahrscheinlich mittlerweile als einziger von allen, überhaupt keine Probleme mit der Kirche, weil mir die Kirche in den Jugendjahren was Tolles und was Schönes war. Ich bin mitauferzogen worden von den Jesuiten in einem Jugendzentrum, wo Freiheit, intellektuelle Größe und Lebensfreude vermittelt worden sind. Heutzutage sind Vergleiche unmöglich.
Mitterer: Von mir wird eh immer erwartet, dass ich zu dem und dem eine Meinung habe. Wofür ich mich sehr einsetze, ist ein besseres Asylwerbergesetz. Aber im Zusammenhang mit Jägerstätter ist das ein winzigkleines Ding.
 
MM: Sie haben es vorhin schon angesprochen: Jägerstätter hat mit seiner Zivilcourage bei seiner Familie Kollateralschaden angerichtet. Es gab für Franziska lange keine finanzielle Unterstützung, weil Franz in keinen Opferfonds „passte“. Was sie dazu gesagt?
Bloéb: Einen Satz, der auch im Stück vorkommt: Welche Entscheidung du auch triffst, was immer du entscheiden musst, ich stehe zu dir. Das ist die höchste Form an Liebe. Nicht durchschummeln, nicht versuchen, einen Menschen zu verändern, sondern ihn so zu lassen, wie er ist, in seiner Konsequenz, in seiner Haltung. Und den zu lieben, was immer er auch tut.
Mitterer: Sie hat gesagt: Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, wäre er ganz allein gewesen. Ausgerechnet sie, die am meisten zu leiden hatte. Sie war ihm verbunden, seinem Andenken verpflichtet, auf Anfeindungen freundlich antwortend. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hat. Ich verstehe nicht, wie eine Frau das durchhalten kann, ohne verbittert zu sein. Meine leibliche Mutter war auch so. Eine Kleinbäuerin in Tirol mit vielen Kindern. Der erste Mann ist im Krieg gefallen, der zweite tat ihr 50 Jahre lang in keinster Weise gut. Sie hat sogar noch ledige Enkelkinder aufgezogen. Und sie war nie verbittert, immer fröhlich. Sie hat sogar mit 90 Jahren noch geflirtet – mit jungen Männern natürlich. Manche Menschen sind so. Franziska hat viel Kraft aus ihrem Glauben gezogen, aber bei jeder Gedenkfeier Tamtam um ihre Person immer abgewimmelt. Wenn die geschwollenen Reden angefangen haben, hat sie gesagt: Gemma lieber ein Glasl trinken. Sie war auch eine Selige – zu Lebzeiten. Auch die Töchter haben nie vermittelt: Der Papa hat uns ja doch im Stich gelassen.
 
MM: Das ist jetzt eine Südtiroler/Tiroler Produktion geworden.
Bloéb: Das ist Zufall. Was kann ich dafür, dass der bedeutendste lebende österreichische Autor ein Tiroler ist, und Gerti Drassl aus Südtirol, da kann ich nix dafür. Gerti Drassl ist eine der besten und größten Schauspielerinnen. Für jeden Bühnenpartner und für jede Produktion ein Genuss und Bereicherung,- und jetzt kommst : sie schaut auch noch so aus, wie die Franziska Jägerstätter in jungen Jahren.
 
MM: Wie wird die Inszenierung sein? Wie viel Realismus kann man da einbringen? Wie viel Surrealismus? Es gibt ja Szenen, in denen „nur“ Briefe gelesen werden. Stimmen aus dem Off?
Bloéb: Dazu ist nur zu sagen, dass Steffi Mohr für jeden Schauspieler ein Genuss ist. Und auch für jeden Autor. Sie kommt mit einem Grundkonzept, bietet dir einen Rahmen, in dem du dich aber extrem frei bewegen kannst.
Mitterer: Ich habe mir die allergrößten Sorgen wegen der Briefsequenzen gemacht – schreibst ein Stück, auf einmal bist in einem Briefroman, doch was sollte ich tun, sie ist in Radegund am Hof, er in Berlin in Haft -, aber als klar war, die Steffi macht es, war klar, sie macht diese Szenen richtig. Die reden wirklich miteinander. Auch mit dem Chor. Gregor sagte am Anfang: Schrecklich ein Chor!
Bloéb:  Aber in dem Fall ist es vollkommen anders. Gewisse Sätze werden chorisch gesprochen, aber aus diesem Chor kommen Individuen, die die Sätze ganz knallig sagen. So wird ein permanenter Druck „der Gesellschaft“ erzeugt, weil wir ja alle immer auf der Bühne sind, alle Widersacher gegen Jägerstätter. Selbst, wenn er eine intime Szene mit Franziska hat, sind die anderen Darsteller anwesend, das ist eine Kraft, eine Energie, die da rausströmt, die für den Zuschauer interessant, spannend ist. Für den Schauspieler aber extrem belastend. In den ersten Probenwochen hatten wir Höllenqualen, da saß immer wieder mal einer in einer Ecke und hat geheult. Diese Aufführung ist eine großartige Ensembleleistung. So etwas habe ich noch selten erlebt. Wir hatten schon Leute drin. Der Chor drückt rein ins Publikum. Das ist stark.
 
MM: Die Produktion übersiedelt am 3. Juli zum Theatersommer Haag, dessen Intendant Sie sind, …
Bloéb: … und wir spielen sie bis zum 9. August, dem 70. Todestag von Franz Jägerstätter. Ich habe diesmal in Doppelfunktion etwas Verantwortung abgegeben, habe nur mitbestimmt, dass Stephanie Mohr Regie führt. Ansonsten habe ich mich relativ ausgeklinkt, weil ja nicht ich mit den Schauspielern arbeiten muss, sondern sie. Natürlich unterhält man sich über Besetzungswünsche, aber das letzte Wort hatte immer Steffi Mohr. Als Schauspieler bin ich sehr brav.
 
MM: Für Sommertheater ist „Jägerstätter“ schwere Kost.
Bloéb: Ja. Dahinter kann man einen Punkt machen. Es gibt dann auch ein Aber!, das heißt, ich habe Sommertheater nie als Halligallihudriwudri gesehen, das 135. Nestroy-Festival, ich will immer Qualität: gutes Stück, gute Regie, gute Schauspieler, was anderes interessiert den Zuschauer nicht. Es funktioniert auch sehr gut. Unser Programm ist sehr abwechslungsreich von „Cyrano“ zum „Nackten Wahnsinn“ zum „Zerbrochenen Krug“. Mit dem „Jägerstätter“ gehe ich schon länger schwanger, der Kleist war sozusagen ein Test. Es ist zwar eine Komödie, funktioniert aber rein über die Sprache, was nicht ganz einfach ist, aber als ich gesehen habe, dass das Publikum riesig begeistert ist, war das für mich der letzte Beweis, dass Haag ein „würdiges“Theaterfestival geworden ist. Nicht umsonst mittlerweile einer der besten und erfolgreichsten Sommertheater. Die Möglichkeit einer Mitterer-Uraufführung und eine Koproduktion mit der Josefstadt nicht zu machen, wäre also dämlich gewesen.
 
MM: Ist es als Schauspieler schwer vom Innenraum zum Spiel im Freien, das etwas andere Voraussetzungen verlangt,  umzudenken?
Bloéb: Die Räumlichkeiten sind etwas anders. In der Josefstadt haben wir mehr Tiefe, die Bühne in Haag ist breiter, das Bühnenbild wird also angepasst werden. Vom Spielen selber ist der Genuss, dass man durch den Tribünenaufbau sehr nahe am Publikum dran ist.
 
MM: Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger und Sie sind beide Alphamänner. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
Bloéb: Ja, das stimmt. Aber die wirklichen Alphamänner haben keine Probleme mit Hierarchien innerhalb der Arbeit. Die haben immer nur die Pfeifenköpf’, die meinen: Ich bin der Prinz, ich muss vorne stehen.
 
MM: Herr Mitterer, Sie waren auch schon bei einer Probe. Vorhin hat Herr Bloéb über die Wirkung der Inszenierung  auf das Publikum gesprochen: Sind Sie auch fertig?
Mitterer: Fix und fertig. Wobei es wichtig ist, zu sagen, dass man nicht ungetröstet hinausgeht. Der ganze Schrecken, der passiert, wird aufgewogen mit diesen beiden großen Liebenden. Franz ist noch im Schlussbild da, das war uns ganz wichtig. Wir wollten ja nicht nur ein Stück zeigen, wo jemand zu Grunde geht. Jägerstätter macht einem auch Mut. Das ist für mich das Besondere.
Von Michaela Mottinger
Wien, 19. 6. 2013