Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

September 2, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen in der Welt der Trump-Wähler

In den USA und dem deutschen Feuilleton gilt J. D. Vance „Hillbilly Elegie“ als Donald-Trump-Erklärbuch. Die Süddeutsche nannte es gar das wichtigste politische Buch des Jahres. Da mag was dran sein, denkt man an die zornigen weißen Unterschichtler, die während des Trump-Wahlkampfes mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten. Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glauben, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten.

Nun also Vances Ich-Erzählung, der Ullstein Verlag nennt den Band „Erklärendes Sachbuch“. Der Autor lässt eintauchen in die Welt seiner Kindheit und Jugend, der er dank Eigenintiative, heißt: Jusstudium in Yale, entkommen konnte. Es ist die Welt der Hillbillys, der Hinterwäldler, des white trash, also der in den kargen Mittelgebirgsregionen der Appalachen lebenden Nachfahren der im 18./19. Jahrhundert eingewanderten Ulster-Schotten. Sie hatten sich weiland im sogenannten Rust Belt angesiedelt, weil es hier Arbeit gab. Doch mit der Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre nahm die Bedeutung der ältesten und größten Industrieregion der USA rapide ab.

Heute wird die Gegend beherrscht von Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, von Drogen und Gewaltbereitschaft. Davon berichtet Vance. Und er tut es auf seine eigene, fast möchte man sagen liebevolle Art. Er lässt die Menschen Menschen sein, die von den snobistischen Ostküstenmedien in der Regel als Dorftrottel karikiert und diffamiert werden. Er bewegt sich zwischen Familienschilderungen, Vance wuchs bei seinen Großeltern auf, denen das Buch auch gewidmet ist, und der glasklaren Analyse einer brutalen Realität.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich versteht man, warum diese vergessenen, in Armut und Hoffnungslosigkeit lebenden Ex-Arbeiter Trump als ihren politischen Helden feiern. Personen, wie denen von Vance porträtierten, müssen elitäre Großkopferte wie Barack Obama und Hillary Clinton zu ihrem Feindbild machen. Schon, um den Dampf aus der eigenen be**scheidenen Situation abzulassen. Derart Politiker sprechen eine für die Südstaatenwelt fremde Sprache, sie verkörpern „abgehobene“ Werte, die sich im Rust Belt nicht erklären lassen.

Einen Selfmade-Millionär wie Trump können sie hingegen leichter als einen der Ihren annehmen, ergo wählen. In Europa, wo ein ähnlicher Typus die politischen Bühnen stürmt, ist die Lage gar nicht anders.

Was Vance zeigt, ist eine in sich abgeschlossene Gesellschaft, die traditionell konservative Werte hochhält. Patchworkfamilien, die ihre Ehre mit Messern und Schusswaffen verteidigen, Männer, die stets am Rande des Gefängnisses (oder darin) leben, sogar Frauen, die streitbar für ihr Recht eintreten. Vance hechelt wie gesagt seine Familie durch.

Die drogensüchtige Mutter, die Unzahl ungeliebter Stiefväter, die Onkel, von denen einer verrückter als der andere scheint – am schlimmsten der, der ihn mit einer Stichwaffe bedroht, worauf er auf den Schoß der Großmutter flüchtet. Er zeichnet Bilder von arbeitsunwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachenbericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!

Bild: pixabay.com

Geschildert wird auch der merkwürdige Protestantismus, der in diesem Landstrich gang und gäbe ist, der Kirchgang nicht aus Überzeugung, sondern weil üblich, und ein gefühlsduseliger Patriotismus, zu dem sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt. Zwei Drittel der Amerikaner besitzen keinen Pass, haben noch nie das Land verlassen, noch nie über den Tellerrand geblickt, klar, dass diesen Leuten wurscht ist, was anderswo passiert. Dass der Ausstieg aus dem Paris-Abkommen in der derlei Köpfen keine Rolle spielt, versteht sich. Klima kann man nicht schmecken und nicht riechen.

Vance erzählt das alles mit im Grunde Sympathie und einem Schuss Ironie. Er verrät die Menschen seiner Herkunft nicht, spürt aber dennoch der Frage nach, warum gerade die Ulster-Schotten sozial so unbeweglich sind, so pessimistisch und vormodern. Seine Antworten sind immer dann stark, wenn sie aus seiner eigenen, unmittelbaren Betroffenheit und Selbsterlebtem gespeist sind. Und wie es sich für politisch engagierte Bücher gehört, lässt er Fragen offen, versteigt sich nicht dahin, die ultimative Antwort auf alle anstehenden Probleme zu haben. Gerade auch das macht das Buch ehrlich, ergo lesenswert. Vance selbst trat nach einer vertrödelten Schulzeit und Gelegenheitsjobs den freiwilligen Einsatz beim United States Marine Corps im Irak an. Was ihm später den Weg auf die Eliteuni ebnete. Eine typische geglückte Unterschichtskarriere in den USA …

Über den Autor:
James David Vance, geboren 1984, stammt aus der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio. Während seiner Jugend erlebte er den wirtschaftlichen Niedergang und den Abstieg der Menschen dort mit, während er in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs. Später studierte er an der Yale-Universität Jus, arbeitet heute in einer Investmentfirma. Sein Buch „Hillbilly Elegie“ wurde ein überwältigender Erfolg. Vance lebt in Columbus, Ohio.

Ullstein Buchverlage, J. D. Vance: „Hillbilly Elegie“, Erzählendes Sachbuch, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 9. 2017

Theater zum Fürchten: In der Löwengrube

März 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiroler Respektsperson für deutsche Führergläubige

Rüdiger Hentzschel, Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky Bild: Bettina Frenzel

Arthur Kirsch muss die Bretter schrubben, die ihm die Welt bedeuten: Rüdiger Hentzschel mit Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky.            Bild: Bettina Frenzel

Es beginnt mit dem Shylock und Zwischenrufen aus dem Publikum. „Judensau“ und „Juda verrecke!“ schreit der angeheuerte Politpöbel und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was machen möchte? Das Theater zum Fürchten spielt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, noch bis 7. April „In der Löwengrube“ und Regisseur Peter M. Preissler holt einen von Anfang an mitten rein ins Geschehen.

Mehrere Plätze sind für Schauspieler reserviert, auch Bernie Feit oder Hermann J. Kogler werden sich noch unter die Zuschauer mischen, die zahlreich erschienen sind. Felix Mitterers galgenhumorige Komödie ist ausverkauft. Das liegt an der Qualität des Stücks. Vor allem aber an der der Darsteller. TzF-Prinzipal Bruno Max hat ein feines Ensemble um sich versammelt, das hier einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Rüdiger Hentzschel, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Hinter Mitterers Tragifarce steckt eine wahre Geschichte. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bergbauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Talents, vermittelte seine Entdeckung nach Wien. Es folgte ein Engagement am Theater in der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika.

Preissler stellt ein Panoptikum skurriler Gestalten auf die Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Bernie Feit als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Preisslers gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Drastik, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig jiddelnd, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. Kogler wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Hentzschel gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt.“Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel Bild: Bettina Frenzel

Höllrigls „Tell“ hat hervorragende Kritiken: Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel. Bild: Bettina Frenzel

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Hentzschel ist herrlich als „Reschpektsperson“ für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl.

Die Nervosität steigt. Denn der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Hentzschel in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt. Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: Hentzschel spielt auch Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems.

Famos wie immer ist natürlich Bernie Feit als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, aber das mit einer Süffisanz, dass man ihm seine Naivität, mit der er das System letztlich düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Georg Kusztrich als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass.

Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Wolfgang Lesky als seine Abgötter fürchtender Bösewicht, Hermann J. Kogler als übel zugerichteter Intrigant und Valentin Schreyer als jugendlichem Liebhaber von Jacqueline Rehak, verlieren zunehmend die Nerven. Christina Saginth gibt die Kirsch-Ehefrau als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Michael Reiter, Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger Bild: Bettina Frenzel

Glänzende Goebbels-Studie: Michael Reiter mit Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger. Bild: Bettina Frenzel

Michael Reiter hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie viel zu oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke anbietet. Reiter hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt eine so glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten, wie man sie manch hochkarätig besetzter Kinoproduktion nur wünschen könnte.

Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseur Preissler findet für seine Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, seine Schauspieler treffen den von ihm vorgebenen Ton zwischen komödiantischer Outrage und sensibler Nachdenklichkeit perfekt. Das Theater zum Fürchten empfiehlt sich einmal mehr als Ort für Unterhaltung mit Haltung, als zeitgenössische Bühne für Herz und Hirn. Man hat etwas zu sagen und man sagt’s ohne Genierer. Im Programmheft ist ein Aushang aus einem öffentlichen österreichischen Bad abgedruckt, der „Menschen mit Migrationshintergründen“ den Eintritt nur mit „entsprechenden Begleitpersonen“ gestattet. Der Aushang ist vom Jänner 2016.

www.theaterzumfuerchten.at

www.rüdiger-hentzschel.com

Wien, 30. 3. 2016

Howard Jacobson: J

Dezember 1, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Shoah als zynische Zukunftsvision

J von Howard Jacobson

J von Howard Jacobson

Es gibt auffallend wenig deutschsprachige Rezensionen dieses Buches. Howard Jacobson, der Darling des Literaturbetriebs, preisgekrönt, weil immer satirisch, stets sarkastisch, durchwegs brillant – diesmal kaum besprochen? Der jüdische Witz ist ja witzig, aber Humor mit Holocaust? „J“ heißt sein neues Buch; das J ist zwei Mal durchgestrichen, der Protagonist kann es nämlich nicht aussprechen, er muss sich dabei den Mund mit zwei Fingern zuhalten. Das J steht für Jacobson und für Jude. Für Joke. Das Hebräische hat kein J. Das J fehlt.

„J“ ist ein beunruhigendes Buch. Zu sagen, es ist ein untypischer Jacobson-Roman stimmt und stimmt nicht. Natürlich erzählt er mit der ihm eigenen Wortwürze über den Krampf der Geschlechter, freilich berichtet er mit Ironie über die Idiotie derer, die glauben, das Leben wäre bewältigbar. Doch da ist mehr. Und dieses mehr fordert vom Leser viel. Es ist, als wäre dieses Buch O’Brien und man selber Winston Smith; es ist, als wäre dieses Buch Ahab und man selbst der weiße Wal. Orwells „1984“ ist das, was einem beim Lesen nicht aus dem Sinn will, Jacobson beruft sich allerdings auf Melville. Wie auch immer, die Jagd ist eröffnet. Die Flucht vor nichts Gutem.

Das heißt, nein. Denn der Autor tut die ersten 200 Seiten lang nichts wesentliches. Eine Geduldsprobe. Er entwirft eine dystopische Welt, faszinierend fremd, und setzt zwei Figuren hinein, derart farblos fade Nichtcharaktere, dass einem ihr Schicksal so ziemlich egal ist, dass man schon … vorblättert zum Ende … es gibt einen Selbstmord. Sprung von der Klippe in die Arme der längst verstorbenen Mutter. Auch sie schied freiwillig – naja? – aus dem Leben. Nun will man wissen, warum. Und ab der Mitte entfaltet sich der Roman zu einer Geschichte, so grauenhaft, dass es einem den Atem abschnürt. Das ist das Buch, das man lesen will. Lesen muss. Um ehrlich zu sein, wenn man’s schließlich weglegt, ist man alles andere als gutgelaunt. Der Zerrspiegel, den Jacobson der Gesellschaft diesmal vorhält, zeigt allzu deutlich das jederzeit wieder Unmenschenmögliche.

Fremd. Ist ein Schlagwort über dem Ganzen, „Ich bin ich, weil ich nicht du bin“, der offizielle Stehsatz. Der Brite Jacobson entwirft ein Inselantiidyll, darauf das Fischerdorf Ludgvennok, nunmehr Port Reuben; alles und jeder hat neue Namen, denn es gab einen Zwischenfall, einen Gewaltausbruch, Celan-esk beschrieben als „was geschehen ist, falls es geschehen ist“. Die Täter nahmen wie zur Buße die Identitäten ihrer Opfer an. Rosenthal, Feigenblat, Gutkind. Eine große, glückliche semitische Familie entstanden aus Antisemitismus. Damit nie wieder geschieht, „was geschehen ist, falls es geschehen ist“, hat man sich strenge Regeln auferlegt. Beispiel Kultur: Kultur ist gefährlich, weil Reaktion auf etwas, das schon Reaktion auf etwas war. Jazz ist ergo nicht „verboten“, sondern vom „populären Geschmack abgeschafft“; noch ein durchgestrichenes J, weil alles was Improvisieren meint, unvorhersehbar und daher unkontrollierbar ist. Bücher sind in diesem Sinne „vergriffen“. Die Bildende Kunst hat sich dem Angenehmen ergeben – kitschige Sonnenuntergänge statt sexuell gequälte Leiber sozusagen. „Entartet“ sagt man aber nicht mehr. Dafür „Entschuldigung!“ wie Guten Tag. Ununterbrochen bittet jemand für etwas um Verzeihung. Nicht Vergebung. Hier wird nichts, kein Verbrechen zugegeben; die Niemalsvergesser sind allesamt Neurotiker. Die moralische Botoxbehandlung – glatt und gleich – nützt aber nichts, die Gesellschaft ist gewaltbereiter denn je. Sie sucht ein neues Ventil. „Gesellschaft bedeutet stets Ärger“, sagt eine Figur im Buch.

Das Ventil. Ein Mann und eine Frau werden eingeführt. Sie werden einander auf dem Wochenmarkt in Port Reuben von einem Fremden praktisch in die Arme geschleudert. Kevern Cohen und Ailinn Solomons. Zwei unsympathische Weirdos. Zwei Außenseiter. Er ist besessen zwänglerisch, mit einer angeborenen Trostlosigkeit bestraft, für seine Nachbarn „nicht einfältig, sondern zu schlau“; er sagt, sein Vater war ältlich an Jahren, seine Mutter im Geiste, sie waren jedenfalls „anders“ als die anderen. Sie hat etwas Provisorisches, etwas unfertig Fluchttierhaftes an sich; sie wird als außergewöhnlich schön beschrieben, und als Waisenkind versteckt in einem Kloster. Ihre Mutter war nicht systemkonform, doch das weiß sie nicht. Beide sind unglücklich aus Selbstschutz, in ihnen wohnt ein tausendjähriger Schrecken, und auch das wissen sie nicht. Sie beschließen einander zu lieben. Mit allen Höhen und noch mehr Tiefen. „Du mögest für Liebe Anlass sein, aber nie für Ekel“, war das Gebet von Keverns Mutter für ihren Sohn. Sie wusste, dass Hass verbrennt, aber nie verbrennt. Jacobson richtet den Suchscheinwerfer in diese Seelen, die begreifen möchten, warum sie so geschunden sind. Nun erklärt sich der Aufbau des Romans. Dessen erste Hälfte, das Sittenbild dieser schönen neuen Welt, ist die furchtbare Folie auf der sich die Handlung entwickelt. Weil geschehen wird, was geschehen muss. Zwei Morde geschehen, drei – ein Toter ist eine Katze. „Man kann nur hassen“, sagt wieder diese Figur im Buch, „was Ähnlichkeit mit einem hat, was eine Variante von einem selbst ist.“

Zu diesem Zeitpunkt ist man als Leser in der Postapokalyse bereits aufgegangen. „J“ zeigt sich endlich als zynische Zukunftsvision der Shoah, als eine enigmatische Parabel über Herrenmenschendenken und nationalistischen Irrsinn, über Rassen- und Religionswahn. Wie in Fußnoten spannt Jacobson den Bogen vom Dritten auf weitere Reiche. Denn „J“ liest sich auch als eine Absage an das Treiben der Kolonialmächte, das Königreich England hat sich da durchaus nicht mit Ruhm bekleckert, und den Glauben, ein Vereinigter Staat müsse der ganzen Welt Gesetz und Ordnung bringen. Die Zahl der Toten sei kein Maßstab für die Größe des Unheils, schreibt er an einer Stelle. Und: „Welches Land wäre nicht irgendwann im Verlauf seiner Geschichte ein Mal ein Leichenhaus gewesen?“ Den Ethnien werden Berufe zugeordnet: Afrikaner – Sport, Inder – Elektronik, Araber – ja, ihnen wird die eigentliche Schuld an „was geschehen ist, falls es geschehen ist“ gegeben, sie dürfen gerade noch möglichst unauffällig und untätig herum sitzen. Tatsächlich lässt einen Jacobson lange im Ungewissen, ob hier nicht ein Kontrollstaat, ein Terrorregime gegen den Terror errichtet wurde. Er projiziert ins Buch die Untugenden dieser Tage. Dazu gehört die infantile Hoffnung auf einen Rückzug ins Private als Lösung aller Probleme. Als helfe Kopf in den Sand gegen Kopf ab.

Kontrolle. Ist das zweite Schlagwort über dem Ganzen. Über Kevern, den Kreuz- und Querdenker, wird Protokoll geführt, jemand legt einen Akt über ihn an, diese Passagen in einem anderen Schriftbild. Und auch Ailinn wird überwacht. Ihre Zimmerwirtin, die unwichtigste Figur bislang, wird plötzlich zur großen Spielerin. Zur Gottseibeiunsspielerin einer allmächtigen Behörde. Esme heißt sie, Nussbaum nicht Chestnut, verkrüppelt, weil über den Haufen gefahren, weil selbst kurz nicht systemkonform. Und Kevern und Ailinn sind ihre Adam und Eva, ihre Zuchtobjekte für eine neu aufzuflammende „kulturelle Feindschaft“ an der die Gesellschaft gesunden soll, heißt: sich abreagieren kann.  Das neue Ventil wird das altbekannte sein. Jacobson entwirft ein Weltbild, in dem die Schaffung eines Feindbilds immanent ist. Man muss hassen und verachten, um zu überleben. „Wenn man einen Menschen auswringt wie einen Putzlappen, ist das lustig?“, fragt Kevern nach Erkenntnisgewinn. Und ein Mitbeamter Esmes frohlockt schon in Erwartung der Zuchterfolge über endlich wieder höllischkomischen Boulevard, Pointe, Paradoxa und Bitteres auf der Bühne – und Blasphemie. Jacobson in Hochform über alle Klischees zum Jüdisch sein! Nun gilt es Konsequenzen an der Klippe zu ziehen …

„Die großen von Alleinherrschern angetriebenen Völkermorde aus der jüngsten Vergangenheit haben uns eingelullt, zu glauben, etwas von solchem alle Dimensionen sprengenden Irrsinn könne sich niemals wiederholen – nirgendwo, und schon gar nicht hier. Aber weiter unten auf der Skala des Schreckens und verknüpft mit einer sehr viel bescheideneren Zielsetzung lassen sich immer noch Massaker anstiften – kleinere Blutbäder, nachrangige Morde, Gemetzel bescheideneren Umfangs.“ Das ist aus einem ungeschriebenen Brief von Ailinns Urgroßvater. Welch ein Buch, welch ein wunderliches, aberwitziges, wichtiges Buch.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher dreizehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14443), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist „J“ Jacobsons neuester Roman. Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

DVA, Howard Jacobson: „J“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen.

www.randomhouse.de/dva

Wien, 1. 12. 2015