Neu am Volkstheater: Nadine Quittner

April 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehr viel Potenzial, um sich zu verlieben

Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bevor man sie noch richtig sah, denn für ihre Figur im „Marienthaler Dachs“ war sie bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, klang einem schon dieses Timbre bis an die Seele. So dunkelsamtig, so wie man’s früher wohl „verrucht“ nannte. Beim Kaffee im MQ-Lokal sagt sogar der Wirt: Mit der Stimme können Sie alles von mir haben. – Nur eine Melange, danke. Nadine Quittner (www.volkstheater.at/person/nadine-quittner/), die gebürtige Hamburgerin, richtet sich nach Arbeiten in Leipzig und Dresden nun in Wien ein. Am Volkstheater war sie bereits in ihrer ersten Saison in einem Nestroy, einem Shakespeare und zuletzt in Viktor Bodós vielbejubelter Tschechow-Inszenierung des „Iwanow“ zu sehen. Ein Gespräch über die Suche nach Charaktermöbeln, die Wahl des richtigen Boxklubs und die Andersen-Märchen:

MM: Hamburg, Leipzig, Dresden, Wien – vier Welten, eine Theaterwelt?

Nadine Quittner: Definitiv eine Theaterwelt. Sehr unterschiedliche Städte, aber doch eine Theaterwelt. Die ich in Hamburg zum ersten Mal kennengelernt habe. In meiner Familie hat niemand was mit Kultur zu tun, und ich bin relativ spät in diese Szene reingekommen, so zur Abitur-Zeit kam das erst. Ich habe einen Ferienjob gesucht und wurde „Vorderhauspersonal“, Billeteurin heißt das in Wien, an den Kammerspielen in Hamburg. Da habe ich tolle Aufführungen mit Monica Bleibtreu und Nicole Heesters gesehen. Darauf ging ich dann viel ins Theater, war am Thalia Theater, am Schauspielhaus – großartig! Da dachte ich, das möchte ich machen. Vorher hatte ich Theater gar nicht auf dem Schirm, ich wusste nicht einmal, dass man Schauspiel studieren kann.

MM: Haben es aber dann …

Quittner: … in Leipzig. Ich kam in ein sehr buntes Leipzig, da ist die Schule gegenüber dem Zentraltheater und das war sehr wild, sehr lautes „Regietheater“ unter Sebastian Hartmann. Ich hatte oft das Gefühl, dass da ein Streben nach der Volksbühne ist. Dann Dresden. Da war’s toll, da ging’s dann los. Und von da nun nach Wien.

MM: Haben Sie sich nach acht Monaten hier schon eingelebt?

Quittner: Ich habe tatsächlich noch sehr wenig kennengelernt, aber das, was ich gesehen habe, gefällt mir sehr. Wien ist sehr lebendig, für mich weht ein Balkancharme durch die Gassen, und ich liebe die Caféhäuser. Ich mag den Wiener Dialekt, hier kann man einen Flirt wagen. Wien hat sehr viel Potenzial, um sich zu verlieben. Menschen, Architektur, Theaterlandschaft, alles stimmt. Ich habe nun die erste probenfreie Zeit seit ich hier bin und will jetzt mal die hiesigen Theater erkunden. Ich war an der Burg und am Akademietheater und im TAG, jetzt muss ich einmal in die Josefstadt … Das Ankommen fängt jetzt an. Ich fange an, mich einzurichten.

MM: Dafür suchen Sie, wie ich gehört habe, einen Tisch mit Charakter. Falls jemand beim Bühnenportier einen abgeben möchte.

Quittner (lacht): Und eine Charakterkommode. Falls jemand Möbel übrig hat. Ich war tatsächlich mit Claudia Sabitzer auf Möbelsuche, bevor ich zu Ihnen gekommen bin. Ich bin nämlich relativ frei hergekommen, ohne Gepäck. Das ist ungefähr das sechste Mal, dass ich mich neu einrichte, und – ich weiß auch nicht – ich nehme nie was mit. Nichts Privates, nur die beruflichen Erfahrungen werden eingepackt.

Als Sascha mit "Iwanow" Jan Thümer Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Als Sascha mit „Iwanow“ Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

MM: Apropos, Ihre letzte Premiere am Volkstheater war Viktor Bodós gefeierte „Iwanow“-Inszenierung, darin spielen Sie die Sascha. Sie nennen Sie eine Figur mit Wendy-Syndrom?

Quittner: Das habe ich im Laufe des Probenprozesses gesagt, ja, aber mittlerweile spiele ich sie schon etwas anders, aggressiver. Ich würde das Wendy-Ding nicht zurücknehmen, aber heute denke ich mir, welch eine langweilige Beschreibung eine Figur als krank zu bezeichnen. Sie ist eine junge Frau, die in den Verfall reingeboren wird. Bei Tschechow gibt es die Erinnerung an eine Hochglanzzeit, aber die ist vorbei, und jetzt ist die Gesellschaft an einem Punkt, an dem nichts mehr kommen wird. Sascha aber hat Ideale mitgekommen, von einem Menschen, der einmal stark war und nun Alkoholiker ist, und das ist ihr Vater. Und ich denke, in Reminiszenz an ihn wendet sie sich Iwanow zu.

MM: Der ein ähnlicher Typ Mann ist?

Quittner: Immerhin einer, den ihn Vater verehrt. Er sagt, es gibt nur einen gescheiten Jüngling hier, das ist Iwanow. Die beiden haben eine gemeinsame Schnittmenge. Nur ist der Vater bereits ein Zyniker über die und Iwanow noch ein Leidender an den Umständen. Dass sie dem Vater so nahe ist, der über sie als größten Schatz spricht, treibt sie Iwanow in die Arme. Das fand ich interessant, dass sie sich einen ähnlichen Menschen sucht, dass sie ein Muster wiederholt. Sie hat früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen, sie betreibt „tätige Liebe“. Im Original wird sie als eine George Sand bezeichnet, als eine emanzipierte Frau. So versuche ich das jetzt zu spielen, nicht mehr so passiv-lieb wie bei der Premiere. Ich habe diese Figur ehrlich gesagt lange nicht verstanden, dieses Reden über die Liebe, warum redet man über die Liebe?, oder vielleicht habe ich sie zu gut verstanden … Ihr „Nach Moskau! Nach Moskau!“ ist „Iwanow! Iwanow!“.

MM: Sie versichert sich über diese Liebe, die sie vielleicht auch nur glaubt zu empfinden, ihrer selbst.

Quittner: Vermutlich. Für eine so junge Frau, hat sie jedenfalls einen sehr geringen Bildungsanspruch. Sie hängt an dieser gescheiterten Existenz, was auch daran liegen mag, dass sie in dem Biotop, in dem sie sich bewegt, an Männern nicht viel Auswahl hat. Da ist er ein Prinz unter Fröschen. Und so macht sie ihn zu ihrem Rettungsprojekt.

MM: Wenn ich uns beiden so beim Klugschwätzen zuhöre, fällt mir ein, dass Sie zuerst Geschichte und Germanistik studiert haben, die Hinterbauwissenschaften zum Theater. Nerven Sie die Produktion damit auch?

Quittner: Ich glaube, ich kann nur dramaturgisch nerven. Die Figur spiele ich mit Bauchgefühl, aber das ganze Stück, da will ich alles wissen. Das Gesamtwerk, die Textfassung, da arbeite ich mich rein. Ich lerne übrigens sehr langsam Text, damit nerve ich die Kollegen. Aber Sie haben schon recht, ich bin immer noch eine Sekundärliteraturleserin, ich weiß nicht, ob es was bringt, aber ich brauche diesen „Hinterbau“, wie Sie das genannt haben.

MM: Das war Ihre erste Arbeit mit Viktor Bodó?

Quittner: Ja. Er hat davor in Graz gearbeitet und bis ich nach Wien kam, hatte ich mit Österreich keine Verbindung, daher habe ich sein Theater nie gesehen, aber von den Kollegen Thomas Frank und Jan Thümer und von Anna Badora davon gehört. Ich habe ihn neu kennengelernt, das war auch interessant, diese Sprachbarriere, denn alles, was er von einem will oder man von ihm, wird von seiner Dramaturgin simultan übersetzt. Die Frau erbringt eine absurde Leistung. Viktor ist ein spannender Mensch, ein ganz anderer Regisseur, als ich sie kenne. Das Thema war ihm sehr nah und sehr wichtig; ich glaube, ich habe noch nie mit jemandem gearbeitet, der so vorbereitet war, so drin in der Psychologie der Figuren, das war aber auch schwierig, weil er so im Stoff, vor allem in der Figur des Iwanow, saß … jedenfalls ist er sehr liebevoll im Umgang mit Schauspieler.

Romeo und Julia: Kaspar Locher und Nadine Quittner Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Romeo und Julia: Kaspar Locher und Nadine Quittner
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zu ebener Erde und erster Stock von Johann Nestroy: Als Emilie von Goldfuchs mit Sylvia Bra und Christoph Rothenbuchner Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zu ebener Erde und erster Stock von Johann Nestroy: Als Emilie von Goldfuchs mit Sylvia Bra und Christoph Rothenbuchner
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: In Wien spielen Sie nun mit der Sascha und der Julia zwei klassische Rollen, die höhere Tochter Emilie von Goldfuchs im Nestroy und die „Tochter Gesellschaft“ im „Marienthaler Dachs“? Sind Sie auf die Fräuleins festgelegt?

Quittner: Nein, in Dresden war das anders. Da hatte ich viele Rollen in zeitgenössischen Stücken. Ich möchte aber keine Rolle missen, die ich bisher in Wien gespielt habe. Ganz im Gegenteil. Beim „Marienthaler Dachs“ hatte ich zum Ende hin so eine Freude das zu spielen, weil es so eine Leichtigkeit hatte. Gerade im Probenprozess zu „Iwanow“ war das am Abend eine schöne Abwechslung, wie eine Befreiung nach einem schwermütigen Tag. Ich mag einfach Rollen, die vielschichtig sind, die ein interessantes Ziel haben: der Kampf um innere Stärke, die Verteidigung der eigenen Würde … Ich liebe den Kontrast an einer Figur, so kann ich eine Rolle rund machen. Ich mag aber auch die Überzeichnung à la Herbert Fritsch. Mit dem würde ich gerne einmal arbeiten. Oder René Pollesch, wo es weniger um „Charaktere“ als um die Darstellung eines Textes geht. Wichtig ist, dass Theater eine Weltanschauung vertritt.

MM: Da ist aber noch etwas, das gegen Fräulein spricht – Sie boxen und fechten?

Quittner: Fechten, ja, auf der Schule. Und boxen? Ich komme ja vom Hafen, da lernt man das. (Sie lacht.) Ich würde auch hier gerne was machen, wo ich boxen kann. Ich muss mal gucken.

MM: Sie leiten einen der neuen Volkstheater-Spieltriebe Spieleclubs, „Life’s but a walking shadow“ (mehr: www.volkstheater.at/junges/spieltriebe-die-spielclubs-des-jungen-volkstheaters/). Sie machen ein Schattenspiel für Menschen mit poetischen Ambitionen. Bringen Sie da Ihre Weltanschauung rüber?

Quittner: Ich hoffe. Und zwar mit Hans Christian Andersens „Der Schatten“. Ich liebe Märchen! Was ist denn kein Märchen? Andere Texte sind halt parabelartiger zusammengezurrt, aber ich liebe den dunklen Zauber, ich liebe die Romantik, also lag das Thema auf der Hand. „Der Schatten“ ist ein zugänglicherer Faust, eine ganz wunderbare Geschichte von einem Mann, einem Gelehrten, der seinen Schatten mit einem Auftrag losschickt und dieser kommt nicht mehr zurück, sondern schwingt sich selbst zum Herrn auf. Da schwingt so viel Symbolik mit, da kann man auch mit toller Musik arbeiten. Es ist ein Stück darüber, wie einer nicht mit der Dopplung seiner selbst fertig wird. Ich kam auf Andersen, weil ich schon in Leipzig „Die Schneekönigin“ machen durfte, Text und Regie. Ich arbeite mit acht jugendlichen Laien zwischen 16 und 21, inzwischen nur mehr, weil uns Anja Salomonowitz für „Der Junge wird beschnitten“ ein wundervolles Mädchen „geklaut“ hat. Im Mai führen wir’s auf.

MM: Wie werden Sie die kommende Saison angehen?

Quittner: Mit Tisch und Kommode. Mit sehr viel Lust und Energie. Es wird schön, weil wir jetzt im schwierigen Prozess des Neuanfangs schon einen Schritt weiter sind.

MM: Und Film? Interessiert Sie als Medium gar nicht?

Quittner: Ich dreh‘ nur Zigaretten. Quatsch, es interessiert mich natürlich. Momentan geht die Arbeit am Volkstheater vor. Wir wollen dem Wiener Publikum zeigen, was wir können und was wir wollen, dem gehört jetzt meine ganze Aufmerksamkeit.

www.volkstheater.at

Rezension „Iwanow“: www.mottingers-meinung.at/?p=18246

Wien, 8. 4. 2016

Volkstheater: Iwanow

März 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Victor Bodó bringt das Ensemble in Bestform

Jan Thümer und Stefanie Reinsperger Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Jan Thümer und Stefanie Reinsperger
Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Die ganze Aufführung beherrscht die Langeweile. Als Leitthema. Die Langeweile auf dem Land. Und die Gier nach Geld. Die Menschen tun alles, um die eine loszuwerden und das andere zu gewinnen. Die Liebe stirbt irgendwo auf diesem Weg von A nach B. Die Menschen scheitern. Was sie langweilt. Und ihnen dabei zuzusehen, ist ein drei Stunden kurzweiliger, spannender Theaterabend.

Victor Bodó, von Anna Badora in Graz für Österreich entdeckt, gab nun unter ihrer Intendanz am Volkstheater sein Wien-Debüt als Regisseur. Mit Tschechows „Iwanow“. Der ungarische Theatermacher, bekannt als Chef der Szputnyik Shipping Company, einer freien Gruppe, die sich 2015 auflöste, setzt deshalb diesmal ganz auf die Kräfte des Hauses. Und er bringt das Ensemble im Bestform.

Gespielt wird präzise und klar und perfekt getimt, jede Geste sitzt, wie jeder Witz, denn Bodó hat Tschechow nicht spaßbefreit, und dient der Charakterisierung einer Rolle. Bodós fein psychologisierte Figurenführung macht aus dem typisch russischen Personal – vom anständigen Arzt bis zur nervigen Nachbarin, vom verarmten Adeligen bis zum brutalen Proletarier – eine moderne Schmarotzer- und auf der Suche nach ebendiesem ermüdete Spaßgesellschaft. Alles, bis hin zum Bühnenbild von Lőrinc Boros und den Kostümen von Fruzsina Nagy, wirkt wie dem real existierenden Sozialismus entlaufen, die „lus­tigste Baracke”, um den aktuellen magyarischen Staatschef zu zitieren.

In dieser gestalten die Schauspieler zum Glück nicht, wie letzthin öfters zu sehen post-, in diesem Fall gulaschkommunistische, fideszle Knallchargen, sondern Geschöpfe aus Fleisch und Blut. Das Leben bricht sich Bahn, mit seiner Lust und seinen Leiden, und das wird so markant dargestellt, dass einem mitten in Jux und Tollerei der Atem stockt. Ecce homo. Vor allem Stefanie Reinsperger rührt als sterbenskranke Anna Petrowna, wie sie sich mit beklemmender Wahrhaftigkeit ans Dasein klammert, Iwanows verzweifelt liebende Ehefrau, die früh verblühen muss und ihn am Ende abholen wird. Dies ein schönes Schlussbild, aber davor das vor Schmerzen halb wahnsinnige, wenn sie die gegen die Tuberkulose verordnete Eiswasserkur über sich ergehen lassen muss.

Bei Bodó scheint Iwanow nicht von einem Allerweltsennui befallen. Sein Virus ist sein Umfeld, alle, die an ihm zurren und zerren; nun ist der Idealist erschöpft, am eigenen Enthusiasmus zum Egoisten ermattet. Jan Thümer spielt das mit bis zum Zerreißen gespannten Leib, spielt einen Pedanten und Spielverderber, jähzornig und gemein, dann wieder verdrossen und überbesorgt. Mag sein, sagt da einer, dass ich in den vergangenen Jahren ein, zweimal falsch abgebogen bin, aber deshalb musste das Schicksal doch nicht gleich seinen ganzen Schmutzkübel über mir ausleeren. Thümers Iwanow ist keiner, dem alles wurscht ist, sondern einer dem im Gegenteil alles zu nahe geht. Im Bühne-Interview sagte Bodó, dass er mit dem Stück seine „letzten sieben Jahre erzählen“ möchte, und das ist eigentlich mehr Information, als man im Zusammenhang aushält. „Sieh die Dinge, wie alle sie sehen“, rät ihm Günter Franzmeier als verlebter Lebemann Lebedew zur Konformität. Aber Freigeister sind schwer zu fangen, sie tun’s nur in ihren eigenen Fallstricken. Nadine Quittner mit ihrer Sehnsuchtsstimme versucht ihn als Sascha zu retten. Das Ergebnis ist bekannt: „Die Hochzeit wird nicht stattfinden.“

„Bei eurem Anblick sterben Fliegen qualvoll“, beschwert sich Sascha über die der Fadesse erlegenen Verwandtschaft. Die antwortet mit hypernervösem Hin- und Hergerenne als sei’s ein Heilmittel gegen den Stillstand. Bodó befüllt seinen großen Bildbogen, die abgehauste Puppenstube mit Bad, mit tausend Gags und Gimmicks. Er entfaltet ein brillantes Spiel mit allen möglichen fantastisch-absurden Theatermitteln. Ein unsichtbares Insekt wird gejagt, ein Ventilator explodiert unpassender Weise auf dem Höhepunkt der Dramatik, auf dem Plattenteller dreht sich Koks, die Wanduhr misst mit ihrem Minutenzeiger den Sekundentakt, eine Bank bricht unter einem schwergewichtigen Schauspieler zusammen, falsche Zähne landen im falschen, weil streng genommen jemandes Trinkglas, das alles wie beiläufig, auch der Beischlaf. Dazu wird stammtischpolitisiert, das Kapital diskutiert und der übliche Alltagsantisemitismus – Anna Petrowna ist Jüdin – ausgebreitet. Jeder kommt hier zu seinem Kabinettstückchen und deren Königin ist Martina Spitzer als vom Alterszittern geschüttelte Nasarowna. Sie ist Taschendiebin und Stoßspielerin und hält mit ihren Boshaftigkeiten die Gerüchteküche am Brodeln. Bodó inszeniert alle und alles. Selbst der Klavierspieler bekommt seinen Part. Als heimlicher Verehrer Saschas.

Mit großer Spiellaune gewinnt das Ensemble seinen Figuren immer wieder neue Nuancen ab. Steffi Krautz ist als Lebedews Frau eine „geizige Henne“, die Tränen um verlorene Zinsen vergießt, schließlich aber gottvoll in einer Art Nonnentracht doch um die Tochter. Claudia Sabitzer gibt die geschwätzige Gutsbesitzerin Babakina als eine unter deren enervierendem Verhalten ein gutes Herz schlägt. Dass ihr das gebrochen wird, hat sie wirklich nicht verdient. Gábor Biedermann erstickt als Arzt Lwow fasst an seiner Ehrenhaftigkeit, er ist rechtschaffen bis zum Kotzen, bringt sozusagen den Stecken nicht aus dem A**llerwertesten, aber rafft sich dann zur Großtat auf: Selbstverbrennung im Andenken an Anna. Was natürlich nicht stattfinden kann, weil der einzige Alkohol, der hier fließt, Wodka sein muss. Stefan Suske, Günter Franzmeier und Thomas Frank sind diesbezüglich das Trio infernal und testen im Alte-Kameraden-Modus unzählige Stadien von Trunkenheit aus. Auch Suske als gräflicher Onkel ist mehr als ein Parasit im Haushalt, auch er eine gebrochene Seele, die sich ans Gattinnengrab nach Paris sehnt. Frank kann als Gutsverwalter Borkin einmal mehr sein Komödiantentum präsentieren, er ist der Spielmacher, nicht nur der derbe, dumpfe Arbeiterklassler, sondern ein Krisengewinnler.

Am Ende bricht Bodó mit dem alten Theatergesetz, dass wo eine Waffe ist, geschossen wird. Zwar wird von Anfang an mit einer hantiert, aber nein. Zum Hörsturz-Herzinfarkt-Sound bleibt Iwanow einfach so stehen, in sich zusammen gesunken, „Menschen wie Iwanow lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen“, sagte Tschechow einst über seinen Titel-Antihelden, während sich die Welt um ihn weiter dreht. Der nackte Mensch. Den zeigte Jan Thümer schon vorher. Wie gesagt: Ecce homo.

www.volkstheater.at

Wien, 19. 3. 2016